Archiv für Februar 21st, 2018

„Schmutz-Kampagne bei der SPD“: „Bild“ fällt auf „Titanic“ rein

Es ist alles noch viel schlimmer und trauriger und lustiger.

Die vermeintlichen E-Mails von Kevin Kühnert, die die „Bild“-Redaktion vergangene Woche dazu veranlasst haben, eine große Titelgeschichte über eine „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ zu veröffentlichen, stammen gar nicht von einem Russen namens „Juri“. Sie stammen auch nicht — wie wir vermutet haben — von einem Jugendlichen, der dank dreieinhalb Minuten Microsoft-Outlook-Gefummel „Bild“ mit einer plumpen Fälschung reingelegt hat. Die E-Mails stammen von der „Titanic“-Redaktion:

Screenshot Titanic-Website - miomiogate – Juri, Kühnert, Bild und TITANIC

Die „Bild“-Zeitung ist einem Fake der TITANIC aufgesessen. Am Freitag hatte „Bild“ unter der Schlagzeile „Neue Schmutzkampagne bei der SPD“ einen Mailverkehr veröffentlicht, der belegen soll, daß Juso-Chef Kevin Kühnert bei seiner NoGroKo-Initiative Hilfe eines russischen Internettrolls namens Juri in Erwägung gezogen hat. Dieser Schriftverkehr wurde aber u.a. von TITANIC-Internetredakteur Moritz Hürtgen an „Bild“ lanciert: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und ‚Bild‘ druckt alles, was ihnen in die Agenda paßt.“

Stimmt das denn nun? Oder handelt es sich nach Jan Böhmermanns „Varoufake“ um den nächsten Fake-Fake? Wir waren auch erst skeptisch. Inzwischen glauben wir der „Titanic“ aber voll und ganz. Vor allem aus zwei Gründen:

1) Auf der „Titanic“-Seite kann man sich den angeblichen Mail-Verkehr zwischen Kühnert und „Juri“ runterladen. Diese Unterhaltung enthält deutlich mehr Mails als von „Bild“ bisher veröffentlicht. Soll heißen: Hätte sich die „Titanic“-Redaktion zusätzliche Mails zwischen dem falschen Kühnert und „Juri“ erfunden, wäre es für die „Bild“-Redaktion ein Leichtes, die „Titanic“-Version zu widerlegen. Das hat sie bisher nicht getan.

2) Bereits am Freitag haben wir aus „Bild“-Kreisen erfahren, dass der „anonyme Informant“ die „Bild“-Redaktion besuchen wird, um seine Geschichte weiter zu verifizieren. In einem Telefonat hat uns „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff heute erzählt, dass Moritz Hürtgen als Informant bei „Bild“ zu Gast war — ohne dass Wolff wusste, dass wir von dem Besuch bereits wissen. Es wäre ein sehr großer Zufall, wenn Tim Wolff sich diesen Besuch nur ausgedacht und damit exakt unsere Informationen bestätigt hat.

Und dann gibt es noch einen dritten Punkt. Diesen Rechtfertigungsversuch bei Twitter von „Bild“-Oberchef Julian Reichelt:

Das ist der Julian Reichelt, der von sich selbst gern behauptet, dass es ihm „grundsätzlich leicht“ falle, „mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.“ Das ist der Julian Reichelt, der nach dem Flüchtlings-„Sex-Mob“-Reinfall in Aussicht gestellt hat, bei „Geschichten, die für ‚Fake News‘ anfällig sind“, eine „Bild“-Spezialtruppe mit „noch mehr gestandenen Nachrichtenleuten“ einzusetzen, damit es solche Reinfälle nicht wieder gibt. Das ist der Julian Reichelt, der in seinen Worten stets so groß ist und in seinen Taten stets so klein. Das ist der Julian Reichelt, dem man nichts glauben kann.

Was Reichelt offenbar nicht versteht: Die „Titanic“-Redaktion hat mit dieser Aktion nicht versucht, „journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren“. Sie hat es geschafft, das nicht-journalistische Arbeiten von „Bild“ zu verdeutlichen. Denn es bleibt trotz der längeren Erklärung bei Bild.de, wie es „zu dieser Schlagzeile“ kam, dabei: Die „Schmutz-Kampagne“ wurde erst in dem Moment zur „Schmutz-Kampagne“, als die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands aus der ganzen Sache eine große Titelgeschichte gemacht hat. Die „Schmutz-Kampagne“ ist bei „Bild“ entstanden. Vorher war es lediglich ein Spinner (beziehungsweise „Titanic“-Redakteur Moritz Hürtgen) mit offensichtlich gefälschten E-Mails, für den sich niemand interessiert hätte. Es bleibt auch dabei, dass stets mehr gegen die Echtheit der Mails gesprochen hat als dafür. Warum greift „Bild“ die Story überhaupt auf, wenn sie von Anfang an mindestens merkwürdig ist? Warum in dieser großen Aufmachung? Warum bringen „Bild“ und Reichelt gerade diese Titelzeile, wenn sie doch die ganze Zeit so skeptisch waren? Warum „Schmutz-Kampagne bei der SPD“ und nicht „Schmutz-Kampagne gegen die SPD“? Und natürlich bleibt bei dieser Schlagzeile, die „Bild“ gewählt hat, bei vielen Leuten hängen: „Der Kühnert? Das war doch der, der mit den Russen gemeinsame Sache gemacht hat!“ — auch wenn „Bild“-Autor Filipp Piatov ganz am Ende auflöst, dass es „für die Echtheit der E-Mails“ „keinen Beweis“ gebe. Das alles nun als die große Skepsis „von Beginn an“ darzustellen, zeugt nur davon, was für ein schlechter Verlierer Julian Reichelt ist.

Und nur nebenbei: Dieser Tweet, den Piatov vorgestern noch gepostet hat, sieht nun nicht nach massivem Misstrauen aus:

Nein, es war anscheinend keine „plumpe Fälschung“, auf die Piatov und „Bild“ reingefallen sind und die sie zur Titelgeschichte aufgeplustert haben, sondern eine filigrane Fälschung.

Die „Titanic“-Aktion zeigt, dass man bei Julian Reichelt, Filipp Piatov und der gesamten „Bild“-Redaktion sehr gute Chancen hat, mit Desinformationen ins Blatt zu gelangen, wenn man nur die richtigen Knöpfe drückt. Im aktuellen Fall hat die „Titanic“-Redaktion sehr geschickt eine Mischung aus SPD (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) und dem bösen Russen (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) gewählt.

Zum Schluss bleibt uns nur, uns vor Moritz Hürtgen, Dax Werner und der „Titanic“-Redaktion zu verneigen. Und alle BILDblog-Leser aufzufordern, sofort ein „Titanic“-Abo abzuschließen, um die Redaktion in ihrer wichtigen Aufklärungsarbeit zu Deutschlands größter Satire-Zeitung „Bild“ und zu „Bild“-Oberwitz Julian Reichelt zu unterstützen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Hart aber Unfair, „Bild“s SPD-Hund, Maximal dumme CEOs

1. Ein Fall für den Presserat
(faz.net, Hans Hütt)
Sowohl „FAZ“ als auch „taz“ sind sich einig in ihrer Kritik der letzten Ausgabe von „Hart aber Fair“ (ARD). Die Fälle, über die Frank Plasberg in seiner Sendung über eine überlastete Justiz diskutierte, seien schrecklich. Noch schrecklicher aber sei es, dem „gesunden Rechtsempfinden“ Vorschub zu leisten. Die Sendung hätte ihren Informationsauftrag verfehlt, was auch an den mitunter suggestiven Fragen des Gastgebers gelegen hätte. Die Aussagen von „Bild“-Chef Julian Reichelt hält „FAZ“-Autor Hans Hütt gar für einen Fall für den Presserat.
Christoph Kammenhuber sieht es in der „taz“ ähnlich: Dem Moderator Frank Plasberg fehle es an juristischem Fingerspitzengefühl, er agiere als Vertreter des „gesunden Volksempfindens“ und mache Stimmung gegen die Justiz.

2. SPD wendet sich wegen „Bild“-Bericht an Presserat
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die SPD geht juristisch gegen die Behauptung der „Bild“ vor, ein Hund könne über die GroKo abstimmen. „Bild“ hatte das Tier als SPD-Mitglied angemeldet, die Abstimmungsunterlagen für den Mitgliederentscheid über den Eintritt in die Große Koalition bekommen und das Ganze publizistisch ausgeschlachtet. Was „Bild“ verschwieg: Für eine gültige Stimmabgabe muss dem Wahlzettel eine unterschriebene eidesstattliche Erklärung beigefügt werden.

3. Newsletter statt Blog?
(1ppm.de, Johannes Mirus)
Johannes Mirus hat sich auf Twitter umgehört, warum viele Menschen lieber persönliche Newsletter versenden, statt ein Blog zu führen. Die Antworten hat er in einem Blogartikel zusammengefasst. Manche Newsletterversender folgen einfach nur dem allgemeinen Trend, andere schätzen das ausgesuchte Zielpublikum. An möglichen Gründen wurde auch die Bequemlichkeit der Empfänger genannt und das Gefühl, Teil einer “elitären Gruppe” zu sein.

4. Ralf Höcker kritisiert PR-Profis: Warum Homestorys tabu sein sollten
(kress.de, Marc Bartl)
Wenn ein Vorstandsvorsitzender einem Magazin verrät, dass er im Winter fast jedes Wochenende zum Skifahren in die Berge fährt und ein passendes Foto beisteuert, hält Medienanwalt Ralf Höcker das aus presserechtlicher Sicht für „maximal dumm“. Höcker weiter: „Wer sich selbst öffnet, opfert einen Teil seiner Persönlichkeitsrechte. Homestorys sind deshalb tabu. Diese bescheuerten Fragebögen, in denen man erklärt, welche Bücher man mit auf eine einsame Insel nimmt, sind tabu. Man redet auch nicht über seine Familie. Wenn ein CEO sich mit seinem Auto, seiner Frau und seinen Haustieren fotografieren lässt und erzählt, wie toll sein Familienleben ist, und er drei Monate später besoffen aus dem Puff kommt und einen Hund tot fährt, kann er den Bericht darüber in der „Bild“ natürlich nicht mehr verhindern. Ansonsten wäre ein solcher Artikel durchaus verbietbar gewesen.“

5. Auf dem Weg zum Blockbuster-Journalismus
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
In Amerika experimentieren große Medienhäuser wie die „New York Times“ und „Washington Post“ mit Augmented- und Virtuality-Reality-Lösungen. Adrian Lobe schreibt in der „Medienwoche“ über Chancen und Risiken der neuen Technologien.

6. Dichotom-Energie
(dirkhansen.net)
Dirk Hansen philosophiert über die Gründe einer zunehmend aggressiver werdenden Mediengesellschaft: „Wir streiten weit unter unserem Skalen-Niveau. Weil wir die Debatten quasi mit Dichotom-Energie anheizen. Und das ist gefährlich dumm. Denn die Verhältnisse werden schwer kalkulierbar, wenn wir nur mit „gleich/ungleich“ rechnen können.“