Archiv für November 10th, 2015

Der Hofnarr des Kaisers

Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der “Sport Bild” den Mist, den er selbst gebaut hat:

So viel mehr, als sich beim “Spiegel” und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim “Sport1”-Fußballtalk “Doppelpass” und all die anderen Sticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.

Das sieht seit heute auch Alfred Draxler ein:

Er klingt zerknirscht:

Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.

Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!

Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!

Bisher dachten wir, Draxlers “Intensivrecherche” fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.

Dafür war Draxlers Caps-lock-Ankündigung in seinem “Das Sommermärchen war nicht gekauft”-Kommentar vom 22. Oktober ausgesprochen mutig:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo “Nachgehakt” haben und mit seiner “Sport Bild” über den “Lohnzettel eines Schalke-Stars” oder die “Fehler-Schiris” sinnieren, als hätte seine “REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER” keinen Schaden genommen.

Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.

Wir hatten Alfred Draxler vor zwei Wochen als “DFB-Außenverteidiger” bezeichnet. Das gefiel ihm irgendwie:

Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über “Bild”, Bild.de und “Sport Bild” ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem “Sommermärchen” wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.

Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze “Bild”-Bande hatte dem “Sport Bild”-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.

Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der “Bild am Sonntag”, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der “Zeit”. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:

Matthias Müller, stellvertretender “Bild”-Sportchef, verbreitete Draxlers Kolumne ebenfalls:

Tobias Holtkamp, Chefredakteur von Springers Fußballportal transfermarkt.de, lobte Alfred Draxlers “Fakten”:

Und “Bild”-Chef Kai Diekmann musste gleich doppelt twittern:

Heute twitterte Diekmann wieder über eine Enthüllung Draxlers:

So kann man natürlich auch versuchen, aus der Nummer rauszukommen.

Reporter in Haft, Zahlen übers Netz, gemeine Fragen

1. Militärermittlungen gegen Investigativjournalist
(reporter-ohne-grenzen.de)
Hossam Bahgat ist vermutlich der bekannteste Investigativjournalist Ägyptens, einer der wenigen Reporter des Landes, die nicht vor Kritik an Präsident Abdel Fattah al-Sisi und dessen Regierung zurückschrecken. Jetzt sitzt Bahgat in Untersuchungshaft. Grund dürfte ein Bericht über “die Hintergründe eines Militärurteils gegen 26 Armeeoffiziere wegen Umsturzplänen” sein. “Reporter ohne Grenzen” verurteilt die Verhaftung Bahgats und gibt einen Überblick über weitere inhaftierte ägyptische Journalisten. Dazu auch: Sueddeutsche.de über Bahgats Fall.

2. Flüchtlingsforschung gegen Mythen
(fluechtlingsforschung.net)
Der ehemalige BND-Chef August Hanning fordert die Beschränkung des Familiennachzugs und die sofortige Schließung der Grenzen, Angela Merkel sagt, dass “wir bei den Abschiebungen noch nicht gut genug sind”, und Joachim Herrmann zweifelt, “ob sich der deutsche Sozialstaat die jetzige Großzügigkeit noch leisten kann”. Was sagen eigentlich Wissenschaftler zu solchen populistischen Parolen, die meist über die Medien verbreitet werden? Sechs Forderungen und Behauptungen im Faktencheck.

3. Hat Frankfurt wirklich ein Problem mit sogenannter “Ausländerkriminalität”?
(vice.com, Ben Kilb)
Natürlich gebe es kriminelle Ausländer in Frankfurt, doch 1.) sinke die Zahl der jugendlichen Intensivtäter mit Migrationshintergrund und 2.) gebe es derzeit offensichtlich deutlich mehr Gewalt gegen Ausländer, schreibt Ben Kilb. Ein Kriminologe bestätigt ihm, dass eine unausgewogene Presseberichterstattung zur Kriminalität existiere, zum Nachteil von Menschen mit Migrationshintergrund. So zeige sich: “Die Stadtpolitik hat Probleme mit der Wohnungsnot, fehlenden Hortplätzen, maroden Schulen und seit Jüngstem mit der Unterbringung von Flüchtlingen, nicht wirklich mit ‘Ausländerkriminalität’.”

4. Hashtags, Unique User und Suchtrends: schlaue Zahlen übers Netz
(torial.com, Stefan Mey)
Agof und IVW, Unique User und Visits, Similar Web und Google Trends, 10000 Flies und die Deutschen Blogcharts. Bei all diesen Abkürzungen und Rankings kann man schon mal den Überblick verlieren. Stefan Mey erklärt, wer da eigentlich was misst — und wie aussagekräftig diese Zahlen sind.

5. We need a Data Journalism Archive. Before it becomes just another 404 error.
(vox.com, Simon Rogers)
Obwohl so viele Daten wie nie im Internet zur Verfügung stehen, befürchtet Simon Rogers ein dunkles Zeitalter des Datenjournalismus. Denn: Kaum jemand archiviere ordentlich, dadurch verschwänden eigentlich ambitionierte Web-Projekte oder seien eingefroren. Rogers stellt einige vor und fordert ein Datenarchiv. “Before we forget everything we know.”

6. Man kann gemeine Fragen auch mit einem Lächeln stellen.
(planet-interview.de, Adrian Arab)
Lutz van der Horst jagt als Außenreporter der “heute show” von Parteitag zu Parteitag und bekommt auf seine satirischen Fragen oft entlarvende Antworten. Mit Adrian Arab spricht er über all seine Stationen und Rollen: von Jimmy Breuer über den “TV Total”-Blasehase bis zum Einsatz fürs ZDF.