Archiv für April 29th, 2013

Lehrstunde in Sachen Respekt

Es ist Boulevardjournalisten-Prosa aus dem Lehrbuch, mit der die Hamburger Regionalausgabe von „Bild“ heute einen Artikel beginnen lässt:

Blauer Himmel über der Alster, doch die Stadt trägt Trauer: Lorenz ist tot. Neun Tage, nachdem der Ruderer († 13) an Boje 5 kenterte und versank, wurde nun seine Leiche gefunden. Um 10.45 Uhr gab die Alster den Körper des Schülers frei!

Bild.de hat den Artikel mit einer 22-teiligen Bildergalerie garniert, die sich dem „Fund des toten Ruder-Jungen“ in allen Facetten widmet.

So erfährt der Leser zum Beispiel, dass eine (genauer: „die“) japanische Zierkirsche „prächtig blüht“. Sie sei „die Gedenkstätte des Unglücks“, was Bild.de mit ein paar Fotos verdeutlicht, auf denen „ein letzter Gruß von Freunden“ zu sehen ist („Trauernde haben einen Brief, einen Teddy, Grablichter und Blumen abgelegt“). Den Brief zeigt Bild.de dann auch noch mal in Großaufnahme und schreibt von „Worte[n], die für sich sprechen“.

An der Zierkirsche gibt es aber auch das:

Respektlos: Ein Pärchen lässt am Trauerort Romantik-Fotos machen

Vorausgesetzt, das Pärchen wusste, dass der Baum als Trauerort fungiert, kann man es in der Tat unangemessen und „respektlos“ finden, dort „Romantik-Fotos“ zu machen.

Aber der Vorwurf wöge vielleicht etwas schwerer, wenn er nicht von einem Medium käme, dessen Fotografen es an gleicher Stelle mit dem Respekt auch nicht ganz so ernst nehmen:

Die Fotos zeigen ziemlich exakt das, was die Bildunterschriften beschreiben. Immerhin ist der Leichnam abgedeckt und die Köpfe der Eltern sind verpixelt.

Mit Dank an Marvin.

Google, Verily, William Randolph Hearst

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. „FREELENS verklagt Google“
(freelens.com, Lutz Fischmann)
Der Fotojournalisten-Verband Freelens verklagt Google, weil „Aufnahmen bei Anklicken in bildschirmfüllender Größe gezeigt“ werden, „ohne auf die Ursprungswebsite weiter zu leiten“. Siehe dazu auch „Dreist und dumm: die neue Bildersuche von Google“ (stefan-niggemeier.de, 4. Februar).

2. „Die Wahrheit im Netz“
(heise.de/tr, David Talbot)
Die Plattform Verily will Informationen aus sozialen Medien verifizieren.

3. „Watzke spricht Machtwort: Lewandowski bleibt“
(borussen.tv, Stephan Schubert)
Fußball: Hintergründe zu den vielen Gerüchten über einen Vereinswechsel von Robert Lewandowski in den Medien.

4. „Medienkrise: Wer im Glashaus sitzt…“
(blogs.taz.de/hausblog, Karl-Heinz Ruch)
Karl-Heinz Ruch, „Taz“-Geschäftsführer: „Die Verlage müssen sich beeilen, wenn sie die digitale Zukunft noch erreichen wollen. Dabei ist Größe beim notwendigen Wandel keineswegs ein Vorteil. Auch Marktführer können abstürzen. Wichtiger als Größe für das Überleben ist die Frage, ob ein Verlag heute mit diversifizierten Geschäftsmodellen antritt und nicht einseitig abhängig ist.“

5. „Der Erfinder der Sensationspresse“
(dradio.de, Brigitte Baetz)
Brigitte Baetz erinnert an den heute vor 150 Jahren geborenen US-Verleger William Randolph Hearst: „Hearsts Motto: ‚Wenn irgendjemand es nicht gedruckt sehen will, dann ist es eine Nachricht. Alles andere ist Werbung.'“ Siehe dazu auch „William Randolph Hearst and Yellow Journalism“ (blog.britishnewspaperarchive.co.uk, englisch).

6. „Geht euch doch selbstverwirklichen, ich geh arbeiten“
(dasnuf.de)