Archiv für Februar 2nd, 2011

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Leserreporter im Staatsdienst

Eine häufig gestellte Frage im Bezug auf exklusive (also: tatsächlich exklusive, nicht “exklusive”) Veröffentlichungen von “Bild” lautet: Wie kommen die immer an so was dran?


Beim Foto des mutmaßlichen Mörders eines zehnjährigen Grefrathers, das “Bild” heute fast lebensgroß wie eine Jagdtrophäe zeigt, hat die Polizei Mönchengladbach die Frage am Nachmittag beantwortet:

Bei dem in der heutigen Ausgabe einer Boulevard-Zeitung veröffentlichten Foto des ermittelten Tatverdächtigen Olaf H. handelt es sich um ein Polizeifoto.

Offensichtlich wurde das Foto von einem Polizeibeamten widerrechtlich an die Redaktion weitergereicht.

Eine Überprüfung habe ergeben, dass das Foto “zweifelsfrei” aus einer erkennungsdienstlichen Behandlung des Tatverdächtigen stamme und in einer polizeiinternen Datenbank abgespeichert war. Nun werde intern wegen Geheimnisverrats ermittelt.

“Bild” schreibt, der “Killer” habe Todesangst und sitze daher noch in einer Einzelzelle im Polizeipräsidium Mönchengladbach. Egal, wohin er demnächst verlegt wird: Seine Mithäftlinge werden dank “Bild” wissen, wen sie vor sich haben.

Bei Bild.de ist das Foto inzwischen verschwunden. Dafür hat es die Meldung über die internen Ermittlungen der Polizei via dpa-Ticker auf die Seite geschafft:

Fall Mirco: Polizei ermittelt in eigenen Reihen

Mit Dank an Dieter und Tobias W.

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“Sie werden bild.de bald nicht vermissen”

Lassen Sie uns kurz erläutern, warum wir Ihnen auf dem iPad BILD künftig nur noch als kostenpflichtige App anbieten.

Das ist ein vielversprechender Anfang. Man bekommt diesen Satz zur Antwort, wenn man bei Bild.de nachfragt, warum man von einem iPad aus — anders als zum Beispiel mit einem PC — die kostenlosen Inhalte von Bild.de nicht aufrufen kann. Die mutmaßliche Standardantwort geht so weiter:

Mit BILD HD ermöglichen wir Ihnen eine neue Art des Nachrichtenlesens, denn wir haben sämtliche Möglichkeiten des iPads ausgenutzt, um Ihnen unsere Inhalte auf komplett neuartige, innovative und unterhaltsame Art erlebbar zu machen. Für ein Premiumprodukt wie das iPad haben wir uns aufgrund der technischen Darstellungsmöglichkeiten klar für die Form einer kostenpflichtigen App entschieden und schränken den Zugriff auf eine kostenlosen Browservariante mit frei zugänglichen journalistischen Inhalten bewusst ein.

Allein im Internet herrscht nach wie vor eine gewisse Erwartungshaltung, dass sämtliche Informationen kostenlos zur Verfügung stehen müssen. Diese angenommene Selbstverständlichkeit ist aus unserer Sicht falsch und ein Irrweg. Attraktive Premiuminhalte sind weder in der analogen Printwelt noch in der digitalen Welt kostenlos verfügbar. Die Erstellung aktueller, exklusiver Inhalte kostet Geld und kann langfristig nur weiter gewährleistet werden, wenn Nutzer bereit sind, für diesen Mehrwert zu bezahlen.

Sie können BILD in vielen verschiedenen Formen lesen, als Zeitung, im Internet, auf Handys und Smartphones, auf Fernsehgeräten und jetzt auch erstmals auf einem Tablet-PC. Auf jeder Plattform und für jede Situation möchten wir Ihnen als Leser die möglichst beste Form bieten, unsere Geschichten zu erleben. Wir sind davon überzeugt, dass sie diese speziell für dieses Gerät entwickelte und aufbereitete Form von BILD schätzen und die normale Browserversion von bild.de schon bald nicht vermissen werden.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere neue BILD App testen und sich überzeugen lassen.

Man könnte daraus schließen, dass es sich auch aus Sicht der Axel Springer AG bei Bild.de nicht um ein “attraktives Premiumangebot” handelt (jedenfalls dann nicht, wenn man es von einem PC aus aufruft), und wer würde dem widersprechen?

Der iPad-Nutzer, der sich bei Bild.de beschwert hatte, fragte noch nach:

Keineswegs habe ich die Erwartung, dass alle Inhalte im Netz frei sein müssten. Ganz im Gegenteil. Ich bin gerne bereit für gut recherchierte Geschichten auch Geld zu bezahlen. Das mache ich auch bei Musik, Filmen und anderem digitalen Content.

Was ich fordere ist nur Gleichberechtigung. Der selbe Content, den sie für den Normalo-Surfer FREI ins Netz stellen, ist für iPad User NICHT FREI verfügbar im Netz. Nur darum geht es.

Eine Antwort bekam er nicht mehr.

Mit Dank an Tobias N.

Wenigstens kein Bolzenschneider

In Berlin kam es am Wochenende am Rande von Demonstrationen gegen die bevorstehende Räumung eines besetzten Hauses zu gewalttätigen Eskalationen.

“Welt Online” würdigt die Ereignisse unter anderem mit einer 11-teiligen Klickstrecke. Mittendrin prangte dieses Foto:

Diese Bildunterschrift ist schlicht falsch: Zum einen sehen die “Schlagstöcke” nicht sonderlich massiv aus, der rechte scheint unten sogar abgeknickt zu sein. Zum anderen stehen die Demonstranten vor dem “St. Oberholz” am Rosenthaler Platz — und der liegt nicht mal mindestens auf dem Weg der Demonstration.

Das Foto zeigt eine Theatergruppe auf einer Demonstration, die einen Tag zuvor im Rahmen des “Entsichern-Kongress” gegen einen in Berlin abgehaltenen Polizeikongress stattgefunden hatte. Laut Veranstaltern sollte damit in satirischer Art und Weise das Thema Polizeigewalt dargestellt hat. Die “Schlagstöcke”, so berichten uns Augenzeugen, seien aus gepolstertem Material gewesen und wurden als Requisiten für die Aufführung verwendet.

“Welt Online” hat das Foto inzwischen aus der Bildergalerie entfernt.

PS: Überschriftenwitzerklärung.

Mit Dank an Juri S. und Lina.

Taxi in Berlin, Daily Mail, Focus

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Der große Berliner Taxi-Murks”
(gestern-nacht-im-taxi.de, Sash)
“Der große Berliner TAXI-Test” von “Bild” bewegt Sash, ein Taxifahrer aus Berlin-Marzahn, zu einer Reaktion. “Wer die Namen der Fahrer durchliest, stößt auf 9 Namen, davon 7 türkische, einen arabischen und einen ivorischen. Die anderen 9 heißen ‘Fahrer’, ‘netter Fahrer’, ‘Uriger Berliner’ usw.”

2. “Kanzlerfotograf will ‘Focus’ verklagen”
(sueddeutsche.de, Marc Felix Serrao)
Die Anwälte des Fotografs Konrad Rufus Müller fordern vom “Focus”, “das Cover mit dem Bild aus der vergangenen Woche (‘Kohls Sohn bricht sein Schweigen’)” nicht mehr zu verbreiten, weil die darauf von Helmut Kohl eingenommene Pose an ein Bild von Müller erinnert. “Die Streit wirkt bizarr, könnte für die Medienbranche aber Folgen haben. Es geht um die Frage, ob es so etwas wie ein Recht an einer Pose gibt.”

3. “A True Story Of Daily Mail Lies”
(nosleeptilbrooklands.blogspot.com, Juliet Shaw, englisch)
Ausführlich berichtet Juliet Shaw über das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit der “Daily Mail”. “I earned a reputation within my community for being a fantasist and a liar, and spent the next two years learning the intricacies of the laws of defamation and in order to try and salvage what was left of my reputation.”

4. “Déjà-vu in Kairo”
(blogmedien.de, Horst Müller)
Horst Müller findet, die Zuschauer sollten wissen, “woher die Bilder stammen, die in Korrespondentenberichten gezeigt werden. Schließlich ist Transparenz ein wesentliches Merkmal für journalistische Qualität und sollte gerade im gebührenfinanzierten Fernsehen eine Selbstverständlichkeit sein, auch – und gerade in Krisensituationen.”

5. “Ab nach Tunesien – was freie Journalisten beachten sollten: Ein aktueller Bericht aus Tunis”
(frei.djv-online.de, Sarah Mersch)
Durch die Auflösung des Kommunikationsministeriums hat sich die Situation in Tunesien für Journalisten verändert: “War es früher oft ein Ding der Unmöglichkeit, Stimmen von ‘Otto Normalverbraucher’ zu bekommen, bildet sich inzwischen schnell eine Menschentraube, sobald man Mikro oder Kamera auspackt.”

6. “CLASSIC: Fox News Egypt FAIL”
(failblog.org, Screenshot)