Archiv für August 18th, 2005

Kann ich als “Bild”-Leser ein Flugzeug landen? II

Wie kommen solche haarsträubenden Geschichten wie der Crash-Kurs “Wie lande ich eine Boeing 737” in die “Bild”-Zeitung? Im konkreten Fall können wir das erklären — und eine Menge darüber lernen, wie man bei Deutschlands größter Tageszeitung arbeitet.

Als Grundlage für ihre Flug-Tipps hat die “Bild”-Zeitung einen Artikel aus der im gleichen Verlag erscheinenden Männerzeitschrift “Maxim” verwandt. Die Kollegen dort sind nicht unbedingt Experten für Luftfahrt, sondern eher für den ausgedehnten Witz. Und auch in dem Stück “Wie man(n)… ein Flugzeug landet” auf Seite 35 der September-Ausgabe fehlt es nicht an Indizien, dass es sich hier weniger um handfesten Service, als um Unterhaltung handelt.

Der erste Hinweis ist die Rubrik “Wie man(n)…”, in der es nebenbei noch darum geht, wie man eine Regierung stürzt (“Neuwahlen? Das geht doch schneller!”) und wie man schlauer wird (“Rasieren Sie sich nicht!”). Wer das übersehen hat, könnte bei einzelnen Formulierungen der “Kurzanleitung” zur Flugzeug-Landung stutzig werden. Der Text beginnt mit den Worten: “Zerren Sie den leblosen Körper aus dem Kapitänssitz (links)” und endet mit dem Satz: “Sammeln Sie die Telefonnummern der Stewardessen ein, verhelfen Sie sich zu so vielen Schnapsfläschchen wie möglich und stellen Sie sich auf umjubelte Auftritte in Talkshows ein.”

Nun ist natürlich nicht auszuschließen, dass zwischen solchen Sprüchen kleine Körner Wahrheit stecken. Und tatsächlich ist die lustige “Maxim”-Geschichte nicht halb so falsch wie die ernst gemeinte “Bild”-Geschichte. In “Maxim” heißt es zum Beispiel:

Halten Sie Ausschau nach einem Flugplatz. Finden Sie keinen, tut’s auch ein Feld oder ein gerades Stück Autobahn, das anderthalb Kilometer lang ist. Orientieren können Sie sich durch den Kompaß, den Sie an dem kleinen Flugzeug auf dem Zifferblatt erkennen. Das zeigt in die Richtung in die Sie fliegen.

Erst in der “Bild”-Version wird der Kompass zum unmittelbaren Gerade-Straßen-Suchgerät:

Ist kein Flugplatz in der Nähe, mit Hilfe des Kompasses (6) ein gerades Stück Straße (mindestens 1,5 km Länge) ansteuern.

Den Eindruck, dass Notrufe über die Frequenz 121.5 “weltweit” zu hören sind, erweckt auch nur “Bild”, nicht “Maxim”. Und die Männerzeitschrift gibt auch konkrete Hinweise, in welcher Stellung der Hebel für die Landeklappen bei welcher Geschwindigkeit sein soll — bei “Bild” heißt es dazu nur rätselhaft: “Über den Handhebel (3) die Landeklappen an die Geschwindigkeit angepaßt ausfahren.” Angepasst, soso.

Wenn man den Artikel in “Maxim” kennt, weiß man übrigens auch, warum “Bild” das falsche Cockpit zeigt, das nicht dem der bei Athen abgestürzten Maschine entspricht: “Maxim” präsentiert “die Maschine, mit der Sie wahrscheinlich in den Malle-Urlaub fliegen”.

Wir fassen zusammen: Als Quelle für einen Artikel, der Passagieren helfen soll, im Notfall ein Flugzeug zu landen, verlässt sich “Bild” auf einen lustigen Text aus einer Männerzeitschrift und verdreifacht beim Kürzen die Fehlerzahl.

Bleibt noch die Frage, woher “Bild” an anderer Stelle weiß, dass man so ein Flugzeug als Laie eigentlich gar nicht landen kann. Die Liste mit populären Film-Mythen (“Jedes Schloß kann innerhalb von Sekunden mit einer Kreditkarte oder einer Büroklammer geöffnet werden”) hat “Bild” einfach aus dem Internet abgeschrieben.

Danke an Andreas D., maq, Marcel D. und Christof W.!

Schlechte Verlierer

“Bild” macht heute die ARD-“Tagesschau” zum “Verlierer” des Tages und schreibt:

“Lange Leitung bei der ‘tagesschau’: 20 Stunden nach der BILD-Vorabmeldung und elf Stunden nach der Bestätigung durch die Deutsche Presse-Agentur tat die ARD so, als hätte sie Exklusives zu berichten: ‘Nach Informationen unseres Hauptstadtstudios will Merkel den Steuerexperten Paul Kirchhof in ihr sogenanntes Kompetenz-Team holen’.”

Und es stimmt: “Bild” veröffentlichte bereits in der Nacht zum Dienstag eine Vorabmeldung zur Kirchhof-Personalie, die ab 0.30 Uhr von verschiedenen Nachrichtenagenturen weiterverbreitet wurde. So hieß es etwa bei dpa:

“Dies berichtet das Blatt (…), ohne eine Quelle zu nennen. “

Um kurz nach 9 Uhr dann veröffentlichte dpa das, was “Bild” die “Bestätigung” nennt. Genauer gesagt, hieß es in der dpa-Meldung:

“Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Dienstag in Berlin.”

Wie “Bild” darauf kommt, dass die “Tagesschau” erst “20 Stunden” bzw. “elf Stunden” später darüber berichtete, ist hingegen schleierhaft. War’s gelogen? Kirchhofs Name jedenfalls fiel (entsprechend der Quellenlage noch etwas vage formuliert) bereits um 14 Uhr. Und schon um 16 Uhr hieß es dann ausdrücklicher:

“Nach Informationen unseres Hauptstadtstudios soll der frühere Verfasssungsrichter Kirchhof den Bereich Haushalt und Finanzen übernehmen.”

Aber wer weiß: Vielleicht ticken die ja anders bei “Bild”, die Uhren.

Was “Bild” jedoch in ihrer heutigen “Verlierer”-Meldung komplett verschweigt: Die Nachricht, dass Merkel Kirchhof ins Kompetenzteam holen wollte, war nicht etwa in der Dienstagnacht durch die “BILD-Vorabmeldung” bekannt geworden, sondern bereits einige Stunden zuvor am Montagabend durch die “Wirtschaftswoche”…

Kann ich als “Bild”-Leser ein Flugzeug landen?

Kann ich als Passagier ein Flugzeug landen?

fragt die “Bild”-Zeitung angesichts des Flugzeugunglücks in Griechenland, und vielleicht hätte sie den Experten glauben und einfach “Nein” antworten sollen.

Stattdessen hat sie noch eine Anleitung mit dem Titel: “Was Sie im Cockpit einer Boeing 737 tun müßten” hinzugefügt. Das ist (womöglich) nett gemeint, aber so hilfreich, dass wir fast vor dem Betreten einer 737 warnen möchten, wenn sich überzeugte “Bild”-Leser unter den Passagieren befinden.

Es fängt damit an, dass “Bild” nicht das richtige Cockpit zeigt. Zu sehen ist zwar eine Boeing 737, aber das Modell 737-NG. Das abgestürzte Flugzeug war eine 737-300, und wenn Sie meinen, dass der Unterschied doch wirklich nicht so groß sein könnte, vergleichen Sie mal diese beiden Bilder.

Ist kein Flugplatz in der Nähe, mit Hilfe des Kompasses (6) ein gerades Stück Straße (mindestens 1,5 km Länge) ansteuern.

Ja, in Flugzeugen steckt die erstaunlichste Technik, und sicher sind Flugzeug-Kompasse ganz besonders tolle Kompasse, nur den Weg zum nächsten geraden Stück Straße kennen auch sie nicht. Auch nicht zum nächsten geraden Stück Straße, das breit genug wäre, einer 737 mit einer Spannweite von rund 30 Metern Platz zu bieten, und zwar möglichst ohne störende Mittelleitplanke…

Gut gemeint ist sicher auch der Ratschlag von “Bild”, die “Benzinanzeige” zu beachten. Mal abgesehen davon, dass dieses “Benzin” eigentlich “Kerosin” heißt, und ebenfalls abgesehen davon, dass das, was “Bild” als Treibstoffanzeige angibt, die Umdrehung der Turbine anzeigt — was wäre zu tun, wenn sich zeigen sollte, dass der Tank fast leer ist? Den Reservekanister suchen?

Man könnte jetzt noch mit erfahrenen Piloten diskutieren, ob es hilft, “Mayday” zu rufen, ohne Airline und Flugnummer dazu zu sagen, ob das empfohlene Anflugtempo von 130 Knoten wirklich eine gute Faustregel ist, ob die manuellen Bremsen, die man laut “Bild” betätigen soll, nicht sofort überhitzen und Feuer fangen würden, ob man ohne Schubumkehr und Bremsklappen die Maschine je rechtzeitig zum Stehen bringen würde und ob nicht der wichtige Hinweis fehlt, wie man den Autopiloten ausschaltet.

Einfacher ist es vielleicht, darauf zu verweisen, was “Bild” selbst von der Idee hält, es sei für “jedermann leicht, ein Flugzeug zu landen, wenn man nur von jemandem mündlich dazu angeleitet wird” (oder, fügen wir hinzu, einen entsprechenden “Bild”-Artikel gelesen hat):

P.S.: Mindestens ebenso nützliche Tipps, was man im Fall eine Katastrophe im Cockpit tun kann, gibt die “Zeit”.

Vielen Dank an zahlreiche Hinweisgeber, vor allem an Manos R.

Allgemein  

Was ist aus der kleinen Isabell geworden?

Am 31. Juli sind in Brieskow-Finkenherd die Leichen von neun Kindern gefunden worden, die von ihrer Mutter getötet worden sein sollen. Am 1. August fand eine Pressekonferenz statt, auf der unter anderem gesagt wurde, dass die Mutter drei erwachsene Kinder sowie eine fast zweijährige Tochter namens Elisabeth hat. Entsprechend berichteten ab 2. August Medien wie die “Berliner Zeitung”, der “Tagesspiegel”, der “Berliner Kurier”, die “Berliner Morgenpost”, die “B.Z.”, die “Leipziger Volkszeitung” und andere über dieses Kind. Sie nannten es: Elisabeth.

Und “Bild”? Nannte es: Isabell.

Exklusiv in “Bild” hieß Elisabeth Isabell. Eine ganze Woche lang.

Die Wahrheit setzte sich nur zögernd durch. Am 7. August flackerte sie schon einmal kurz in der “Bild am Sonntag” auf, die Elisabeth Elisabeth nannte. Aber am 8. August, als “Bild” einen Brief der Mutter aus dem Gefängnis veröffentlichte, schwärzte das Blatt die Stelle, an der der (vermutlich richtige) Name stand und behauptete, dort stünde Isabell. Erst am 9. August trug Isabell auch in “Bild” ihren eigenen Namen.

Verwirrt? Ratlos? Wir auch. Warum zeigt “Bild” ein einjähriges Mädchen identifizierbar auf Fotos, verwendet aber eine Woche lang — anders als alle anderen Blätter — einen falschen Namen für das Kind?

Danke an Andreas W. für den Hinweis!

Kurz korrigiert (4)

Wie die Bezirkskriminalinspektion Kiel mitteilte, hat auf dem Gelände einer Wandmaker-Filiale in Schleswig-Holstein ein Polizist einem Dieb ins Bein geschossen. Verschiedene Regionalmedien berichteten darüber. Und “Bild” auch. In ihrer Schleswig-Holstein-Ausgabe sogar zwei Mal im selben Blatt.

Sowas ist peinlich, kann aber passieren. Warum sich die Angelegenheit aber einmal in Hohenwestedt (richtig), einmal aber auch im rund 50 Kilometer entfernten Eckernförde (falsch) abgespielt haben soll, weiß wohl nur “Bild”.

Mit Dank an Marcel R. für Hinweis und Mitarbeit.