Autoren-Archiv

Genötigte Journalisten, verbotene Links, rassistischer Witz

1. Erneute Vorwürfe gegen Polizei München: Beamte sollen von NDR-Journalisten Herausgabe von TV-Material gefordert haben
(meedia.de, Alexander Becker)
Aktuell gibt es mehrere Vorwürfe von Journalisten gegen die Polizei München. Alexander Becker berichtet über den Fall von NDR-Reporter Christoph Lütgert, der Mitte Oktober mit einem Kamerateam das Frauengefängnis in Stadelheim filmte. Polizisten sollen Lütgert und dessen Kollegen am Wegfahren gehindert und die Sichtung des Videomaterials gefordert haben. Als der Journalist sich weigerte, sollen die Beamten mit Beschlagnahmung gedroht haben. Gestern wurde bekannt, dass ein Zivilbeamter der Polizei München während einer Festnahme einen “Bild”-Reporter genötigt haben soll, Aufnahmen von dessen Smartphone zu löschen. Zu den Vorwürfen des NDR-Reporters hat sich die Münchner Polizei inzwischen etwas ausführlicher geäußert.

2. Müssen Journalisten transparenter arbeiten?
(spiegel.de, Sascha Lobo, Audio, 50:44 Minuten)
Vor einer Woche schrieb Sascha Lobo in seiner “Spiegel Online”-Kolumne über den Vertrauensverlust der Menschen in “‘die Medien'” und forderte unter anderem die Verlagshäuser und Redaktionen zu mehr Transparenz auf. Im Kommentarbereich unter dem Artikel und in den Sozialen Netzwerken antworteten viele Leute auf Lobos Text. Und der antwortet in seiner neuen Podcast-Folge bei “Spiegel Online” wiederum den Kommentatoren.

3. Wer verlinkt, muss nicht immer prüfen: Neue Urteile zur Linkhaftung
(irights.info, David Pachali)
Können Betreiber von Websites, die unerlaubt veröffentlichte Inhalte verlinken, allein durch den Link Urheberrechte verletzen? Durchaus, befand der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr. Das Landgericht Hamburg urteilte im November 2016 ganz ähnlich. Genau dieses Landgericht Hamburg rudert nun allerdings etwas zurück: Zwei unterschiedliche Kammern entschieden, dass es vom jeweiligen Angebot der Website abhänge, ob Links vorab auf rechtliche Probleme geprüft werden müssen.

4. der angebliche reichweiten-verlust für medien auf facebook
(danielfiene.com)
Es werde gerade eine Sau durchs Netz getrieben, schreibt Daniel Fiene und versucht, diese Sau wieder einzufangen. Sie heißt “Entdecker-Feed”, wurde von Facebook rausgejagt, und lässt Redaktionen befürchten, bald viel weniger Leute in dem Sozialen Netzwerk erreichen zu können. Jedenfalls gibt es Berichte aus dem derzeitigen Testgebiet, die leicht bedrohlich klingen. Daniel Fiene aber sagt: “Don’t panic!”

5. Das unterschätzte Massenmedium
(tagesspiegel.de, Felix Hackenbruch)
Videotext. Diese 800 Seiten mit je 25 Zeilen à 40 Zeichen — braucht die überhaupt noch irgendjemand? Täglich etwa elf Millionen Menschen in Deutschland offenbar schon. Der Videotext (oder Teletext) ist noch immer ein Massenmedium. Felix Hackenbruch hat die ARD-Teletext-Redaktion in Potsdam besucht und mit den Verantwortlichen über Kegelergebnisse und die Seite 251 gesprochen.

6. Der Comedian Faisal Kawusi hat einen tollen Witz gemacht
(twitter.com, Sophie Passmann, Video, 2:16 Minuten)
Sophie Passmann will mit uns mal kurz über deutsche Comedy reden. Konkret: Über einen Witz von Comedian Faisal Kawusi, dessen Repertoire normalerweise aus Scherzen über seine eigene Figur besteht. Nun aber hat er bei einem Auftritt einen Witz gemacht, der “nicht nur schlecht war, sondern auch rassistisch”, so Passmann. Im Video erklärt sie, wieso Kawusis Auftritt völlig daneben war. Und zwar so, dass es wirklich jeder verstehen müsste.

Türkische Journalisten, kontrollierte Bilder, erfolgreicher “New Yorker”

1. Ein Maulkorb für die Pressefreiheit
(taz.de, Beyza Kural)
Tunca Ögreten, Ömer Celik, Metin Yoksu, Mahir Kanaat, Eray Sargin und Derya Okatan — diese sechs türkischen Journalisten stehen ab heute vor Gericht. Sie hatten mithilfe von gehackten E-Mails über merkwürdige Geschäfte von Berat Albayrak, Energieminister der Türkei und Sohn von Recep Tayyip Erdogan, berichtet. In der “taz” geht es um die Vorwürfe gegen die Journalisten und die Verbindung des Prozesses zu Deniz Yücel. Die “Reporter ohne Grenzen” fordern die türkische Justiz auf, “die Anschuldigungen gegen sechs Journalisten fallenzulassen”.

2. Wie die ‘Bild’-Zeitung eine Massenschlägerei unter Linken erfand
(vice.com)
“Linke verprügeln aus Versehen Linke”, denn “sie dachten, es wären Rechte”, steht bei Bild.de in Überschrift beziehungsweise Dachzeile. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, wie das Team von “Vice” recherchiert hat: “Linke, die ‘aus Versehen’ Linke verprügeln, wie Bild schreibt — das hat es so nicht gegeben. Es ist nicht klar, wer die Angreifer waren, die Polizei konnte bislang nur mit den Opfern sprechen. Die wiederum lehnen es ab, als ‘links’ bezeichnet zu werden.”

3. Die Kontrolle über die Bilder
(derstandard.at)
Sebastian Kurz könnte Österreichs nächster Bundeskanzler werden. Der ÖVP-Obmann führt derzeit “Annäherungsgespräche” mit den Chefs anderer Parteien. Zu diesen Gesprächen war bisher nur ein einziger Fotograf zugelassen, und den hat die ÖVP engagiert. “Der Standard” spricht von einer “zensurähnlichen Maßnahme” und will das Spiel nicht mitspielen: “In Zukunft wird DER STANDARD davon absehen, solche Fotos, die von Parteizentralen vorsortiert und ausgegeben werden, zu verwenden. Und wenn doch, weil sie eben Zeitdokumente sind, dann nur mit einer entsprechenden Erklärung dazu.”

4. Der New Yorker
(zeit.de, Christoph Amend)
Seit 1998 ist David Remnick Chefredakteur des “New Yorker”. Unter ihm bekam das Magazin neuen Schwung, hat heute eine Rekordauflage von 1,2 Millionen wöchentlich verkauften Exemplaren und steht besser da als “Time”, “Newsweek” oder “Vanity Fair”. Christoph Amend hat Remnick in New York besucht und nach der Zauberformel fürs Magazinmachen gefragt.

5. Attila Hildmann, Susanne Kippenberger und die Imbiss-Höhle
(facebook.com, Peter Breuer)
Veganer Koch eröffnet Imbissbude. Kritikerin verreißt Imbissbude. Veganer Koch dreht bei Facebook wegen Kritik durch. Alle reden über Imbissbude. Peter Breuer ärgert sich zurecht über eine Posse, in der alle alles falsch (und einige auch einiges richtig) gemacht haben. Am Ende seines kurzen Textes hat Breuer noch einen Wunsch für das “verschissene Internet”.

6. Gemeinsame PR-Aktion von Medienmagazin journalist und Bayer
(der-freigeber.de, Jens Brehl)
Der “journalist”, das Mitgliedermagazin des “Deutschen Journalisten-Verbands” (“DJV”), hat gemeinsam mit der Bayer AG einen Workshop veranstaltet. Diese PR-Aktion unter dem Titel “Landwirtschaft von morgen” stelle “eine extreme Nähe eines Mediums zur Wirtschaft” dar und sei “Wind auf die Mühlen der Diskussionen über gekaufte Journalisten”, schreibt Jens Brehl. Er hat beim “DJV” nachgefragt, was das alles sollte.

“Bild” kennt die falsche Diagnose

Wenn man von Bild.de falsch informiert werden will, muss man dafür schon zahlen. Gestern am frühen Abend meldete die Redaktion zur Verletzung von Thomas Müller, Stürmer des FC Bayern München:

Screenshot Bild.de - Bild kennt die Diagnose - So lange fehlt Müller den Bayern

Nur, wer für ein “Bild plus”-Abo zahlt, erfährt im Artikel:

Die Verletzung ist viel schlimmer als bisher gedacht.

Nach BILD-Informationen hat sich Müller im rechten Oberschenkel einen Muskelbündelriss zugezogen.

Der Weltmeister fällt auf jeden Fall für die beiden Kracher-Spiel am Mittwoch in Leipzig (Pokal) und am Samstag gegen Leipzig aus. Wahrscheinlich wird die Rückkehr noch länger dauern. Müller drohen fünf bis sechs Wochen Pause.

Mit der Veröffentlichung der “BILD-Informationen” hat sich das “Bild”-Team auch per Push-Nachricht bei allen “Bild”-App-Nutzern gemeldet:

Screenshot Bild-Push-Nachricht - Bild kennt die Diagnose: So lange fehlt Müller den Bayern

Und die “Bild”-Zeitung schreibt heute ebenfalls:

Thomas Müller (28) fehlt dagegen nicht nur zweimal gegen Leipzig. Seine Verletzung ist viel schlimmer als bisher gedacht. Nach BILD-Informationen hat sich Müller im rechten Oberschenkel einen Muskelbündelriss zugezogen.

Dem Weltmeister drohen fünf bis sechs Wochen Pause.

Der FC Bayern München hat heute eine kurze Mitteilung zur Verletzung von Thomas Müller rausgegeben. Der Verein schreibt darin:

Thomas Müller hat beim 1:0-Sieg des FC Bayern am Samstag beim Hamburger SV einen Muskelfaserriss im rechten hinteren Oberschenkel erlitten. Damit fällt der deutsche Nationalspieler für voraussichtlich drei Wochen aus.

Die Bild.de-Redaktion hat inzwischen vermeldet, dass es sich bei Müllers Verletzung um einen Muskelfaserriss handele. Aber so richtig glaubt sie den Münchner Medizinern nicht — schließlich gibt es ja die “BILD-Informationen”:

Nach BILD-Informationen handelt es sich mindestens um einen schweren Muskelfaserriss, wohl einen Muskelbündelriss. Die Ausfall-Zeit von drei Wochen wäre dann optimistisch prognostiziert.

Mit Dank an Michael für den Hinweis!

Deniz Yücel, Angst-Studie, Ludwig-Schwindel

1. “Der Fall Yücel sollte kein Politikum sein”
(welt.de, Daniel-Dylan Böhmer)
“Welt”-Korrespondent Deniz Yücel sitzt nun seit mehr als 250 Tagen im Gefängnis. Eine Anklageschrift gibt es noch immer nicht. Daniel-Dylan Böhmer hat mit Yücels Anwalt Veysel Ok gesprochen, der seinen Mandanten regelmäßig besucht und der durchaus Hoffnung hat, dass der Fall Yücel noch juristisch zu lösen ist. Am Ende des Interviews gibt es alle nötigen Informationen, wie man Deniz Yücel einen Brief zukommen lassen kann — auf Deutsch oder auf Türkisch.

2. Der Preis der Anna-Lena Schnabel
(3sat.de, Jan Bäumer, Video, 44:56 Minuten)
Anna-Lena Schnabel hat einen Preis bekommen, den “Echo Jazz”, weil sie hervorragend Saxophon spielt. Bei der Preisverleihung durfte sie allerdings keines ihrer eigenen Stücke ihres Albums “Books, Bottles & Bamboo” spielen, für das sie die Newcomer-Auszeichnung bekommen hat. Die seien zu sperrig fürs Fernsehpublikum, das dann nur wegschalten würde, so die Befürchtung des NDR, der die Preisverleihung übertragen hat. Jan Bäumers 45-minütige sehenswerte Doku ist eigentlich ein Portrait über Anna-Lena Schnabel. Sie zeigt aber auch das hochpeinliche Vorgehen eines TV-Senders, wenn er mit Kultur in Berührung kommt. Bei “Zeit Online” ist eine Rezension zu Bäumers Film erschienen. Nachtrag, 13:28 Uhr: Thomas Schreiber, Unterhaltungschef des NDR, widerspricht der Darstellung von Anna-Lena Schnabel.

3. So hetzt ‘RT Deutsch’ seine Fans gegen einen Berliner Kritiker auf
(vice.com, Matern Boeselager)
Bei einer Demonstration gegen die AfD stellt sich ein junger Mann vor die Kamera von “RT Deutsch” und kritisiert auf Englisch den deutschen Ableger des russischen Staatssenders. Nach einem späteren Interview des Mannes mit der “Welt” veröffentlicht “RT Deutsch” in einem als “Satire” gekennzeichneten Beitrag den vollen Namen des Mannes, Fotos von ihm, seine angebliche Arbeitsadresse. Darauf folgen Drohungen und Beleidigungen. Matern Boeselager über “die Methode RT Deutsch”.

4. Wenn das Gericht dem Amt nicht traut
(taz.de, Christian Rath)
Ist die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt, wenn sich Autoren auf amtliche Berichte berufen? Ja und nein, hat der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) kürzlich entschieden. Es ging um ein 2008 erschienenes Buch der Mafia-Expertin Petra Reski, die darin einen Mann als “mutmaßliches Mitglied” der kalabrischen Mafia beschrieb. Reski stützte sich dabei auf zwei interne Berichte des Bundeskriminalamts (BKA). Wären die BKA-Berichte veröffentlicht worden, wäre laut EGMR alles in Ordnung. Da sie aber unveröffentlicht bleiben, hätte Petra Reski die dort enthaltenen Informationen weiter prüfen müssen, so das Gericht. Christian Rath schreibt zum Urteil: “Journalisten sollen also nicht ungeprüft Aussagen veröffentlichen, die der Staat (noch) nicht für veröffentlichungsfähig angesehen hat.”

5. Eine Studie, die Angst macht
(stefan-fries.com)
Die “R+V”-Versicherung veröffentlicht jedes Jahr die Ergebnisse ihrer “Langzeitstudie” zum Thema “Die Ängste der Deutschen”. Redaktionen im ganzen Land greifen diese gern auf. Stefan Fries sieht das kritisch, weil die Fragen der Studie einen engen Rahmen vorgäben, und an einer entscheidenden Stelle Transparenz fehle: “So bleibt am Ende die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz aller Transparenz, was die Erhebung der Umfrage angeht, diese bei den Ergebnissen fehlt. Was freilich Journalisten nicht daran hindert, die Ergebnisse und damit auch Werbung für die Versicherung in die Berichterstattung zu heben.”

6. Der Schwindel des Journalisten, dem Ludwig II. scheinbar sein Herz öffnete
(sueddeutsche.de, Hans Kratzer)
1886 war es eine Sensation, ein Scoop, als der Journalist Lew Vanderpoole im angesehenen “Lippincott’s Monthly Magazine” eine große Geschichte über Ludwig II. veröffentlichte. Vier Jahre zuvor soll er den bayerischen König getroffen haben — keinem Autor vor ihm und keinem nach ihm ist das gelungen. Aufgrund dieser Einzigartigkeit wird Vanderpooles Artikel noch heute häufig zitiert. Nun gibt es allerdings Zweifel an der Echtheit des Stücks. Süddeutsche.de berichtet über die Entdeckungen des Privatgelehrten Luc Roger, der sagt: “Vanderpooles Bericht über seine Audienz mit König Ludwig II. ist höchstwahrscheinlich ein Betrug.”

Alter schützt vor “Bild”-Geilheit nicht

Die Mitarbeiter von “Bild” und Bild.de gucken sich gern Aufnahmen von jungen Mädchen an und zeigen sie dann rum. Sie betrachten die Fotos, bewerten das Aussehen der Minderjährigen und schreiben darüber. 15 Jahre alt? 16 Jahre alt? 17 Jahre alt? Diese Jugendlichen können doch auch schon “heiße Kurven” haben und “Hotchen” sein. Und manchmal haben auch schon Neunjährige einen Schlafzimmerblick, wenn die “Bild”-Redaktion das findet.

Besonders ausgeprägt ist derzeit die Leidenschaft der “Bild”- und Bild.de-Mitarbeiter für Kaia Gerber. Die Tochter von Cindy Crawford ist aktuell 16 Jahre alt. Schon im Januar 2012 schrieb Bild.de über ihre “Rehaugen und die brünetten Locken”. Kaia Gerber war damals zehn. Mit 13 Jahren war sie für die Bild.de bereits:

Screenshot Bild.de - Crawford-Tochter Kaia Gerber (13) - So wunderwunderschön wie Mama!

“Im zarten Alter von gerade einmal 14 Jahren” war Kaia dann reif für das “Bild”-Prädikat “hot”. Oder in der etwas niedlicheren Variante und zusammen mit ihrer Mutter:

Screenshot Bild.de - Cindy Crawford und Tochter Kaia - Das doppelte Hotchen

In den dazugehörigen Artikel hat Bild.de solche Sätze über das “unverschämt gute Aussehen” des Teenagers geschrieben:

Dunkle Walla-Walla-Mähne, mandelbraune Augen, sinnliche Lippen und Beine bis zum Himmel! Ihr unverschämt gutes Aussehen hat der 14-jährige Teenie definitiv von Model-Mama Cindy geerbt.

Im Februar dieses Jahres schmachtete das Bild.de-Team erneut die “Beine bis zum Himmel” der damals 15-Jährigen an. Anfang September vermeldete die Redaktion, dass Gerbers Beine 87 Zentimeter lang seien. Und vor zwei Tagen ging es mal wieder — oh Wunder — um die Beine der inzwischen 16-Jährigen:

Screenshot Bild.de - Crawford-Tochter Kaia Gerber (16) - Gehen zwei Streichhölzer bummeln

Die Leidenschaft für die “sinnlichen Lippen”, die “Beine bis zum Himmel” und die “Rehaugen” von Kaia Gerber teilen die “Bild”-Mitarbeiter übrigens mit ihren “Springer”-Kollegen von der “B.Z.”.

Kaia Gerber ist nicht die einzige Minderjährige, die die “Bild”-Medien sexualisiert. Im Januar dieses Jahres zeigte Bild.de ein Foto von “Beach-Babe” Sasha Obama und schrieb über deren “heiße Kurven” im Strandoutfit. Die Tochter von Barack Obama war zu der Zeit 15 Jahre alt. Vergangenes Jahr im Juli war Lionel Richies Tochter Sofia dran. Auch der damals 17-Jährigen attestierte Bild.de “heiße Kurven”:

Screenshot Bild.de - Lionel Richies Tochter Sofia (17) - Achtung, gefährlich heiße Kurven!

Endgültig irre wurde es vorgestern bei “Bild”. Auf der letzten Seite, beim “HINGUCKER des Tages” schrieb das Blatt über Elvis-Tochter Lisa Marie Presley:

Mit ihr schauten ihre Tochter Riley (28) sowie ihre Zwillinge Harper und Finley (9) mit typischem Presley-Schlafzimmerblick in die Kameras.

Zwei Neunjährige mit “Schlafzimmerblick”?

Vielleicht ist das alles aber auch nur Gleichberechtigung: Warum sollten neun-, 15- oder 17-jährige Mädchen von der “Bild”-Redaktion nicht genauso auf ihr Äußeres reduziert werden wie erwachsene Frauen?

Mit Dank an Matthias L. für den Hinweis!

Nichtige BKA-Listen, Falsches von der Polizei, 50 Jahre “Aktenzeichen”

1. BKA-Listen waren nicht rechtskonform
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Beim G20-Gipfel in Hamburg wurden einige Medienvertreter von der Polizei nicht ins Medienzentrum gelassen und somit an ihrer Arbeit gehindert. Als Grundlage dienten damals Namenslisten des Bundeskriminalamtes. Nun stellt sich raus: Das BKA hatte diese Listen wieder zurückgezogen, sie durften also gar nicht mehr verwendet werden. “Diese Information erreichte aber nicht die eingesetzten Polizisten am Medienzentrum. Die Beamten beschlagnahmten dort Akkreditierungen von Journalisten, einem wurde sogar Urkundenfälschung vorgeworfen”, so Patrick Gensing. Die “taz” schreibt ebenfalls über “Pannen der Polizei beim G20-Gipfel”.

2. Wenn die Fake News von der Polizei kommen
(rbb24.de, Markus Pohl)
Oft gibt es Lob für Polizeistellen, die über Einsätze twittern und selbst in Breaking-News-Situationen noch besonnen darauf hinweisen, man möge doch bitte keine Fotos vom Einsatzort in die Welt jagen. Manchmal verbreiten Accounts der Polizei über Twitter aber auch blanke Falschmeldungen: hier sei vermeintlich eine “benzingefüllte Flasche” geflogen, dort ein Türknauf “unter Strom gesetzt” worden. Rechtsexperten hielten diese Praxis “für schlicht rechtswidrig”, schreibt Markus Pohl.

3. Der verlängerte Arm der Kripo
(deutschlandfunk.de, Klaus Deuse, Audio, 5:13 Minuten)
Von Raub bis Mord, von Eduard Zimmermann bis Rudi Cerne: Klaus Deuse blickt im “Deutschlandfunk” auf 50 Jahre “Aktenzeichen XY … ungelöst” zurück.

4. Was zur Hölle geht eigentlich mit der ‘Heute’?
(vice.com, Verena Bogner)
Das Knallportal oe24.at (Onlineableger der Zeitung “Österreich”) hat sie sich bereits genauer angeschaut, mit der “Kronen Zeitung” ist sie ebenfalls durch — nun hat sich Verena Bogner an Österreichs drittes Boulevardmedium gemacht, die Gratis-Tageszeitung “Heute”: “Dass die Heute in der heiligen Dreifaltigkeit des österreichischen Boulevards tatsächlich der ‘gute’ ist, mag stimmen. Im Gegensatz zu Österreich und Krone wirkt das Blatt beinahe gemäßigt und harmoniebedürftig. Außerdem wird immer wieder der Anschein der Kritikfähigkeit und Selbstreflexion geweckt.”

5. Pfft-pfft to go
(spiegel.de, Anja Rützel)
Seit vorgestern hat Reality-TV-Star Daniela Katzenberger ein eigenes Printmagazin. Der “Bauer”-Verlag hat’s uns eingebrockt möglich gemacht. Anja Rützel rützelt dazu: “Aufs erste Blättern sind das lauter Einlassungen zu einer Lebensführung, die wie ein quietschrosa Luftkissenboot immer eine gute Gürtelbreite über dem Eigentlichen schwebt, die Oberfläche niemals berührt, geschweige denn ankratzt.” Mehr Rezensionen des neuen Katzenberger-Hefts: “Vice” mit “Ich habe das ‘Daniela Katzenberger’-Magazin gelesen, damit ihr es nicht müsst” und süddeutsche.de mit “Ich über mich”.

6. 17 Leute, die komplett am Postillon scheitern
(buzzfeed.com, Phil Jahner)
Jacqueline “kanns nich fassen” — da renkt sich ein Flüchtling den Unterkiefer aus, um ein blondes deutsches Kind zu verspeisen. “Und sowas lassen die hier rein langsam reichts”, kommentiert sie zu dem Link, den sie bei Facebook gepostet hat. Der stammt allerdings von den lieben Kollegen des “Postillon”. Phil Jahner hat Jacquelines und 16 weitere Fälle gesammelt, in denen Satire nicht als Satire erkannt wurde.

Verantwortungsvoll rassistisch

Manchmal ist es ganz wesentlich, wer etwas in welcher Situation gesagt hat, wenn man den Inhalt einer Aussage bewerten will.

Am Bonner Landgericht läuft aktuell ein Prozess, in dem es um eine Vergewaltigung auf einem Campingplatz geht. Der Fall hatte vor einigen Monaten überregional für Aufsehen gesorgt. Und um es von Anfang an klar zu sagen: Sollte der Angeklagte aus Ghana — entgegen seiner Unschuldsbeteuerung — die Tat begangen haben, muss er dafür natürlich verurteilt werden.

Am Montag vergangener Woche sagte unter anderem die Kripobeamtin aus, die nach der Tat mit dem Vergewaltigungsopfer gesprochen hatte. Einen Tag später veröffentlichte das Kölner Boulevardblatt “Express” einen größeren Artikel, in dessen Überschrift die Redaktion auch ein Zitat eingebaut hatte:

Ausriss aus dem Express - Vergewaltigungsprozess: Polizisten als Zeugen - Opfer ergab sich schwarzem Monster

Im Text taucht das “schwarze Monster”-Zitat noch einmal auf. Und auch dort wird nicht eindeutig klar, von wem es stammt:

In Wahrheit habe sie [das Opfer] unter Schock gestanden. “Trotz Todesangst um sich und ihren Freund” habe die 23-Jährige geistesgegenwärtig reagiert, als sie sich entschied, sich nicht zu wehren. So ergab sie sich dem “schwarzen Monster”, ihren Freund beschwor sie noch beim Verlassen des Zeltes, das Schweizer Messer stecken zu lassen und die Polizei zu rufen.

Auf Nachfrage schreibt uns die Redaktion, dass das Zitat von der Polizistin stamme. Allerdings handele es sich dabei nicht um deren eigene Worte, sondern um “die Reaktion des Opfers”, die die Beamtin in ihrer Aussage lediglich wiedergegeben habe. Warum macht der “Express” in seinem Artikel nicht eindeutig klar, wer da redet? Und wer wen zitiert?

Der “Express” erklärt zur “schwarzen Monster”-Aussage an sich:

Wer derart Erschreckendes [wie das Opfer] erlebt hat, wird sich kaum in dieser Schocksituation auf politisch Korrektes besinnen. Wenn Sie sich in die Tiefen des Falles einarbeiten, können Sie sicherlich nachvollziehen, dass die Äußerung keineswegs in einem rassistischen Zusammenhang zu sehen ist, sondern aus dem Effekt heraus getan wurde.

D’accord.

Nur war schon die Aussage der Kripobeamtin vor Gericht nicht mehr “aus dem Effekt heraus”. Und der anonyme Autor des “Express”-Artikels hat seinen Text erst recht nicht mehr “aus dem Effekt heraus” aufgeschrieben. Und dennoch hat das Blatt das “schwarze Monster” sowohl in der Titelzeile als auch im Artikel einfach so übernommen. Keine Distanzierung, keine Bemerkung zur Wortwahl (und wäre es nur eine wie in der Stellungnahme uns gegenüber), als handele es sich um eine ganz normale Aussage. Dabei ist sie, wie sie im “Express” daherkommt, gleich doppelt problematisch. Schon das “Monster” entmenschlicht eine Person, die zweifelsohne etwas Schreckliches getan haben soll, aber noch immer ein Mensch ist. Das “schwarze Monster”, die Betonung der Hautfarbe des Angeklagten, ist Rassismus und ein rassistisches Klischee. Dass die Haut des mutmaßlichen Täters schwarz ist, hat nichts mit der ihm angelasteten Tat zu tun. Der “Express” hätte problemlos ohne das “schwarze Monster” auskommen können.

Das sieht die Redaktion anders:

Wie Sie wissen, steht der EXPRESS für unabhängige Berichterstattung, Toleranz, Vielfalt und soziale Verantwortung. Die Redaktion hält sich an den Pressekodex und achtet dessen Vorgaben. In diesem Fall sehen wir den Schockausruf des Opfers nicht als rassistisch an, sondern als Ausruf der Verzweiflung. Die Verbreitung des Zitats ist in diesem Fall aus unserer Sicht zulässig, um den kompletten Horror des Erlebten zu beschreiben. Aus unserer Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: Sie berichten authentisch über diesen wohl in seiner Brutalität einzigartigen Fall, der ein hohes Interesse in der Bevölkerung hervorruft, oder sie vermelden kühl Anklage und Urteil. Sich auf diesem Weg von klaren Zitaten eines Dritten, die in einer Gerichtsverhandlung fallen, zu distanzieren, diese politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen, würde die Glaubhaftigkeit der Presse eher untergraben.

Das “schwarze Monster” kann aus Sicht des “Express” also nicht nur in den Artikel, es muss hinein, wenn man verantwortungsvoll berichten will. Und augenscheinlich auch noch in die Überschrift. Um es noch mal klar zu sagen: Uns geht es nicht darum, etwas “politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen”, sondern um einen bewussten Umgang mit Sprache und die fahrlässige Reproduktion rassistischer Äußerungen.

Der “Express”-Text landete mitsamt der “schwarzen Monster”-Aussage noch bei Express.de, auf der Internetseite der “Kölnischen Rundschau”, die ebenfalls zum “DuMont”-Verlag gehört, und durch eine Kooperation auch bei “Focus Online”.

Unter dem dazugehörigen Post auf der Facebook-Seite von “Focus Online” griffen mehrere Kommentatoren das Zitat der Polizistin auf:

“Schwarzes Monster“ (O-Ton). Merkel ich mir, wunderbar zutreffend und nicht zensierbar.

Soll sie sich doch bei merkel bedanken, dass schwarze Monster konnte nur durch merkels gechicke her kommen. Lasst euch trösten! Es kommt jeder mal dran, denn die Grenzen sind immer noch offen, und 200000 Menschen reisen nun legal ein Plus Familiennachzug.

Was ein Monster typisch mal wieder ein Ausländer die jagt auf unsere Frauen machen. Wer hat denn überhaupt rein gelassen 😠

Dieses Monster sollte man ohne Fallschirm über seiner Heimat abwerfen! Die Grenzen müssen endlich wieder gesichert werden, sonst bekommen wir noch mehr von diesen Monstern inns Land.

Aus Ghana. Gehört Ghana jetzt auch zum syrischen Kriegsgebiet, oder warum war dieses Monster überhaupt in Deutschland?

Warum wird denn hier der Täter noch in Schutz genommen. Zeigt uns dieses Monster

Was für ein Monster, und sowas sollen wir hier aufnehmen und beherbergen?! Dieser Mann ist eine tickende Zeitbombe!

Mit Dank an @pfuideifipegida für den Hinweis!

Rechte Reden, Lauschrausch, Irreführung mit Algen

1. “Blut und Feuer um dich – das ist Krieg”
(spiegel.de, Markus Becker)
Zum Tod der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, die durch eine Autobombe umgebracht wurde, schreibt Markus Becker bei “Spiegel Online”: “Der Mord an einer regierungskritischen Bloggerin auf Malta erschüttert das Land, EU-Politiker reagieren entsetzt. Ändert sich jetzt etwas an den Verhältnissen in dem Inselstaat? Vermutlich nicht.” Ein kompromittiertes Rechtssystem und Polizisten, die sich über Caruanas Tod freuen, geben wenig Grund zur Hoffnung. Mehr zu dem Fall: Süddeutsche.de mit “Tod einer unermüdlichen Journalistin” und “Zapp” mit dem Videobeitrag (4:43 Minuten) “‘Malta Files’: Autobombe tötet Journalistin”.

2. Sie reden doch die ganze Zeit
(zeit.de, Mely Kiyak)
Nach dem Eklat bei der Frankfurter Buchmesse (nein, nicht dem zwischen Roberto Blanco und seiner Tochter Patricia, über den “Bild” berichtet hat, sondern dem mit den rechtsextremen Verlagen) widmet sich Mely Kiyak in ihrer Kolumne “Deutschstunde” den Klassikerfragen “Wie umgehen mit Rechten?” und “Dürfen sie reden, müssen sie reden, können sie reden?” Der Witz dabei sei, “dass sie permanent reden” würden: “Die rechtsextremen Netzwerke sind politisch, gesellschaftlich und finanziell enorm einflussreich. Es handelt sich nicht um Benachteiligte. Wer rechtsextrem ist, hat beste Chancen, gehört zu werden.”

3. Fahndungsfotos noch online: Google vs. Medien
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 3:50 Minuten)
Um einen mutmaßlichen Sexualstraftäter zu fassen, hatte das Bundeskriminalamt auch Fotos eines missbrauchten Mädchens veröffentlicht. Viele Redaktionen halfen dem BKA bei der Öffentlichkeitsfahndung, indem sie die Aufnahmen in ihre Onlineartikel einbanden. Nun ist der — inzwischen geständige — Täter geschnappt, und das BKA bittet, die Fotos des Mädchens zu löschen. “Zapp” zeigt, dass einige Bilder durch den sogenannten Google Cache noch immer zu finden sind. Laut Google müssten die Redaktionen aktiv werden, damit die Fotos verschwinden. Doch deren Löschanträge wurden von Google teilweise abgelehnt. Für alle, die sich das Video gerade nicht angucken können oder wollen: Hier gibt es auch einen Artikel zum Thema.

4. “Vertrauliche Quellen sind eingeschüchtert”
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio, 5:12 Minuten)
Im Zuge von Telefonüberwachungen gegen das Umfeld von Fußball-Oberligist BSG Chemie Leipzig wurden auch Berufsgeheimnisträger abgehört. Soll heißen: Unter anderem wurden Journalisten bei ihrer Recherche von Polizisten belauscht. Alexandra Gerlach erzählt im Gespräch mit Sebastian Wellendorf vom Ausmaß der Abhöraktion und den Fehlern, die die sächsische Justiz zugegeben hat. Dazu auch: Süddeutsche.de mit “Lauschrausch”.

5. ExxonMobil: Mit den Algen spielen
(klima-luegendetektor.de)
In Werbeanzeigen, unter anderem erschienen in der “Berliner Zeitung”, will sich der Ölkonzern “ExxonMobil” einen grünen Anstrich geben — mit Algen, die in Zukunft Treibstoff produzieren “könnten”. “Der Klima-Lügendetektor” erinnert sich an eine ganz ähnliche, sechs Jahre alte “ExxonMobil”-Kampagne: “Was das ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot.”

6. Luftnummer (II)
(noemix.twoday.net, Michael Nöhrig)
“Auto 20 Meter in die Luft geschleudert”! “Pkw 20 Meter hochgeschleudert”! “Laut Augenzeugen wurde das Fahrzeug eines 29-jährigen Klagenfurters nach einem Crash 20 Meter in die Luft katapultiert und fiel danach wie ein Stein auf die Fahrbahn zurück”! Michael Nöhrig hat sich die Flugbahn, die in diesen Meldungen österreichischer Medien versprochen wird, mal angeschaut.

Harvey Weinstein in Norbert Körzdörfers Sex-Sammelsurium

Die “Bild”-Zeitung hat seit Montag eine “NEUE SERIE”, in der es um den “SKANDAL ‘WEINSTEIN'” gehen soll, also um die Missbrauchs-Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein. Gestern erschien Teil eins:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - Er zwang Frauen, seine Kronjuwelen zu küssen als sei es der Siegelring des Papstes - Die Schönen und das Biest

Heute Teil zwei:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - In der Traumfabrik ging es immer auch um Sex - Hollywood, die Stadt der Sünde

Morgen soll Teil drei kommen. Wir wagen keine Prognose, wie lang diese Serie noch gehen wird. Autor ist jedenfalls Norbert Körzdörfer, und es ist so schlimm, wie man nach dieser Information befürchten kann.

Beide bisher erschienenen Ausgaben sind Sammlungen von Anekdoten und Gerüchten aus Hollywood. Der einzige Zusammenhang: Sex. Körzdörfer schreibt solche Sätze:

Hollywood war immer Penis-fixiert. Ein Film-Boss zu BILD: “Hier haben große Penisse Filme für kleine Penisse gemacht”

30 Jahre Ego-Orgie — mit Stöhnen und Schweigen.

Warum ist Hollywood immer auch ein sexuelles Sodom und Gomorrha?

Nach dem dritten Drink an der Bar hört man immer dieselbe Story: Der Oscar (3,9 Kilo schwer) ist gerüchte-geflüstert angeblich dem Penis eines Stunt-Stars nachempfunden — er ist 34 cm lang.

Sex ist die Währung des Erfolgs.

Warum fahren nachts so viele “Stretchlimos” von Club zu Club — es ist ein motorisiertes Phallus-Symbol.

Wenn Johnny Depp im Club “Viper Room” sitzt, will jeder Mini-Rock mit High Heels in die VIP-Sektion.

Das alles stammt aus Serien-Teil eins. In Teil zwei geht es ähnlich weiter:

Gab es nicht schon immer männliche “Godzillas”, die sexy “Bambis” jagten?

Legendär war auch sein [Charlie Chaplins] Penis. “Glied-Gespräche” waren Klatsch-Talk. Eine seiner Geliebten (drei Millionen Abfindung von fünf Ehe-Männern) fragte ihn: “Stimmt das, was alle Mädchen behaupten — dass du bestückt bist wie ein Hengst?”

Der deutsche Kult-Regisseur F. W. Murnau († 42) war homosexuell. Er starb bei einem Autounfall 1931. Am Steuer saß sein 14-jähriger philippinischer Diener — mit dem er es angeblich getrieben hat.

Sein [Rudy Valentinos] Lieblings-Geschenk: ein schwarzer Dildo aus Blei (Art-dèco-Stil) mit seinem Autogramm in echtem Silber.

Die platinblonde Sexbombe Jean Harlow († 26) über ihr Liebes-Rezept: “Männer lieben mich, weil ich keine Unterwäsche trage. Und Frauen mögen mich auch — weil ich ihnen nie einen Mann stehlen würde — jedenfalls nicht für lange.”

Als Frauen-“Monster” galt die blonde Sex-Löwin Mae West († 87). Sie umgab sich mit muskulösen Leibwächtern, die sie in den Drehpausen vögelte.

Wer hatte was mit wem in Hollywood? Wessen Penis war der größte? 34 Zentimeter? Marlene Dietrich verführte John F. Kennedy. Jack Nicholson lockte viele Frauen in seine Limousine. Hier wurde gevögelt, da wurde es getrieben. Das ist der Stoff, den die “Bild”-Redaktion für angemessen hält, um den “SKANDAL ‘WEINSTEIN'” in einer Serie aufzuarbeiten, also den mehrfachen mutmaßlichen Missbrauch von Frauen sowie mutmaßliche Vergewaltigungen.

Für Körzdörfer und “Bild” geht es nicht um Machtstrukturen, die Weinstein all das erst ermöglicht haben sollen, um offizielle oder unausgesprochene Schweigeabkommen, um Mitwisser und Helfer. Sie schauen nicht auf andere gesellschaftliche Bereiche, in denen Männer ihre Positionen ebenfalls regelmäßig sexuell ausnutzen, in Chefetagen, an Universitäten, in Redaktionen. Es geht ihnen stattdessen um Dildo-Geschenke und die Frage, wer wie ein Hengst bestückt ist.

Und noch schlimmer: Körzdörfers große Sammlung von sündigen Hollywood-Geschichtchen wirkt, als wäre das, was Weinstein vorgeworfen wird, nur eine weitere Anekdote in diesem alltäglichen Wahnsinn. “Legendär ist die ‘Besetzungscouch’ von Harvey Weinstein — um an eine glitzernd-glänzende Rolle zu kommen, mussten viele Schauspielerinnen erstmal die Kronjuwelen des Mega-Produzenten polieren” könnte ebenfalls in Körzdörfers Sex-Sammelsurium stehen. Alles ganz normal also?

Heute haben Norbert Körzdörfer und “Bild” schon mal Folge drei ihrer Serie “SKANDAL ‘WEINSTEIN'” angeteasert:

Morgen in BILD

Das “Neue Hollywood” nach dem Weinstein-Skandal?

Ein Film-Boss zu BILD: “Wenn Sie einer schönen Frau ein Kleider-Kompliment machen, kann das schon als sexuelle Belästigung missverstanden werden!”

Na, toll — erst darf man in Hollywood keine Frauen mehr missbrauchen, und bald darf man dort gar nichts mehr sagen.

Extrem links und unglaublich weit weg von den Fakten

Nach dem Sittenwächter-Entsetzen über den “Tatort” im Pornomilieu und dem falschen Sadomaso-Unmut über die Serie “Babylon Berlin” ging es gestern weiter mit der “Bild”-Kritikreihe an der ARD. Und wieder traf es den “Tatort”:

Ausriss Bild-Zeitung - Baader-Meinhof-Experte Stefan Aust klagt an - RAF-Propaganda im Tatort

Es sei “gefährlicher Unsinn”, was Sonntagabend ab 20:15 Uhr für anderthalb Stunden im “Ersten” zu sehen war, sagt Stefan Aust im Interview mit “Bild”, weil bei den Zuschauern fälschlicherweise hängenbleiben werde, dass RAF-Mitglieder im Gefängnis Stammheim von einer geheimen Gruppe umgebracht worden seien.

Die Befürchtung kann man haben. Vielleicht bekommen die Zuschauer es aber auch hin, Fiktion als Fiktion zu erkennen.

Bei Bild.de legte gestern Mittag Redakteur Daniel Cremer mit einem Kommentar zum “Tatort” nach:

Screenshot Bild.de - Kommentar von Bild-Redakteur Daniel Cremer - Was den RAF-Tatort unerträglich machte

Der “Verschwörungs-Unsinn” in dem Fall aus Stuttgart sei schon “unsäglich” gewesen, schreibt Cremer.

Unerträglich fand ich aber noch eine ganz andere Szene.

Richy Müller erzählt in der Rolle als Kommissar Lannert von seiner Zeit als Student in Hamburg. Er habe damals in einer WG mit RAF-Sympathisanten gelebt. Ja, er habe sogar ein RAF-Mitglied getroffen. Sein Partner schaut irritiert. Darauf sagt Müller er sei ja keiner “von denen gewesen” — aber man war jung und wollte die Welt verändern. Ende der Szene.

“Die Verharmlosung von Terror und Gewalt” habe Deutschland mittlerweile gelernt, solange sie linksextrem sei, so Cremer. Dennoch könne er sich “nur schwer erklären, wie eine solche Szene von allen Instanzen der ARD durchgewunken wird.”

Man stelle sich (vielleicht in zehn Jahren) einen “Tatort” aus Leipzig vor. Der ältere Kommissar erzählt seinem jüngeren Kollegen, er habe als Student in einer WG mit PEDIGA- und NSU-Sympathisanten gelebt. Da habe er auch mal NSU-Mitglied Uwe Mundlos getroffen. Er sei aber keiner von denen gewesen. Er war nur jung und wollte die Welt verändern.

Man stelle sich vor, das würde gesendet. Und man stelle sich die Reaktionen darauf vor. Man braucht viel Vorstellungskraft. Denn (Gott sei Dank) würde niemand auf die Idee kommen, den Zuschauern so ein weichgespültes rechtsextremes Weltbild unterzujubeln.

Recht hat er, der Cremer.

Und doch liegt er, was die Fakten betrifft, ziemlich daneben. Denn in der Szene, die sich der “Bild”-Redakteur rausgesucht hat, gibt es recht deutliche Kritik an der RAF-Gewalt. Cremer verschweigt sie nur. Außerdem ist nichts an dem, was Richy Müller in seiner “Tatort”-Rolle sagt, linksextrem.

Hier das Transkript der entscheidenden Szene, in der die beiden Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz auf einem Parkplatz im Auto sitzen (in der ARD-Mediathek ab Minute 55:28):

Lannert: Ich kann seit Wochen nicht mehr wirklich schlafen. Der Doc meint, ab einem bestimmten Alter kommt alles zurück.

Bootz: Du warst beim Arzt?

Lannert: Drehst ja durch, so ohne Schlaf. Und jetzt auch noch plötzlich die RAF wieder. Damals wollten alle wissen, was wirklich in Stammheim passiert ist. War es Selbstmord oder Mord? Immerhin war es der Kampf der Kinder gegen ihre Väter.

Bootz: Du klingst ja wie der letzte Radikale von damals.

Lannert: Wir haben den Hunger in Afrika gesehen, Sebastian. Und uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein, so kann sie nicht sein. Diese Ungerechtigkeit. Und dann überall diese alten Nazi-Köppe, Lehrer, Politiker, vor allem in der Justiz. Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.

Bootz: Die Sehnsucht?

Lannert: Ja, wir waren jung. Wir wollten nicht werden wie unsere Eltern. Ich bin mit 16 von zu Hause abgehauen. Lange Haare, Parka. Hab’ in ‘ner WG gewohnt in Hamburg. Da bin ich der Ensslin mal begegnet, ’72. Das war kurz vor ihrer Verhaftung. Saß sie aufm Flur, hat mich angelächelt. Nur dieser kurze Moment, und ich war elektrisiert. Fünf Jahre später dann kamen die Fotos aus Stammheim, aufgenommen mit einer reingeschmuggelten “Minox”. Sie sah brutal aus. Damals haben wir geglaubt, der Staat hat sie einfach umgebracht.

Bootz: Moment mal, was war das eben? Du hast in ‘ner WG mit RAF-Sympathisanten gewohnt?

Lannert: Ja. Und dann wirst du Polizist. [Schaut in den Seitenspiegel] Ich glaub’, uns hängt schon wieder jemand hinten dran.

Bootz: Echt? [Jetzt am Telefon] Ja, Bootz hier, Mordkommission. Ich hätt’ ‘ne Halterabfrage. Stuttgart-OS-2016. Ja? Ja, macht nichts, danke. [Legt auf, wieder zu Lannert] ‘Ne Nullauskunft, Halter gesperrt. Also Verfassungsschutz, Staatsschutz, sowas.

Lannert: Hab’ ich dir ja gesagt.

Bootz: Wir müssen die irgendwie abschütteln.

Lannert: Gut. Hier, schau mich an. Ich war nicht dabei.

Bootz: Schon klar.

“Ende der Szene”, wie Daniel Cremer schreiben würde.

Kommissar Lannert spricht sich also gegen die Gewalt der RAF aus (“Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.”). Die Ideale, die “Sehnsucht”, die er referiert, mögen links sein. Eine bessere Welt, mehr Gerechtigkeit. Aber linksextrem oder weichgespült linksextrem? Dann müsste der Song “Ich werd’ die Welt verändern” von der Band “Revolverheld” als linksextremes Kampflied gelten (Refrain: “Ich werd’ die Welt verändern, werd’ endlich alles besser machen”).

Durch die Milde des 16-jährigen Thorsten Lannert passt dann auch Daniel Cremers Parallele nicht mehr. Was würde Cremers fiktiver Bewohner einer NSU-Sympathisanten-WG mit seinem “weichgespülten rechtsextremen Weltbild” fordern? “Ausländer raus aus Deutschland, aber ohne Gewalt”? Und das ist laut Cremer dann das rechte Äquivalent zu Lannerts besserer Welt und dessen gewaltfreier Forderung nach mehr Gerechtigkeit?

Natürlich kann man der Meinung sein, dass der “Tatort” unerträglich war. Man kann sich wundern, was von “der ARD durchgewunken wird”. Und man kann das alles in einem Kommentar aufschreiben. Aber dann sollte man seinen Lesern keine Fakten vorenthalten, die nicht zur Kritik passen.

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