Ablesen bei Abhörern

Der sogenannte Dagger Complex ist ein geheimnisvoller Stützpunkt der US-Armee in Griesheim bei Darmstadt. Es wird vermutet, dass dort amerikanische Spione ihr Unwesen treiben.

Bekanntheit erlangte der Stützpunkt vor allem im Zuge des Abhörskandals – und weil ein Facebook-Nutzer vor einer Weile Besuch vom Staatsschutz bekam, nachdem er zu einem Spaziergang zu dem Areal aufgerufen hatte. Seither versammeln sich aus Protest immer wieder „Spaziergänger“ vor dem Komplex.

Oft sind auch Reporter des „Darmstädter Echos“ mit von der Partie. Die Aufregung um den Komplex hat der Zeitung schon so manche große Geschichte beschert. Darin geht es meist ziemlich mysteriös zur Sache, mit Militärpolizisten, die plötzlich anfangen zu filmen, oder schwarzen Vans, die den Reportern bis zum Verlagshaus folgen.

Auch am vergangenen Wochenende war wieder eine Menge los, denn es kam zu einem „aufsehenerregenden Polizeieinsatz“: Die „Spaziergänger“ hatten eine Spielzeugdrohne fliegen lassen, was der Polizei und den Geheimdienstlern überhaupt nicht gefiel. Streifenwagen tauchten auf, irgendwann auch ein Hubschrauber und die Militärpolizei, am Ende wurde die Drohne beschlagnahmt. Und der Reporter des „Darmstädter Echos“ hatte mal wieder eine spannende Story in der Tasche.

Offenbar immer noch im Sensationsfieber, entdeckte er gestern dann gleich den nächsten Aufreger:

Dagger-Komplex: Spazierengehen am Eberstädter Weg nicht erwünscht
Der Dagger-Komplex in Griesheim soll offensichtlich nicht mehr jeden Samstag durch Spaziergänger inspiziert werden. Deshalb wurden am Zaun entsprechende Verbotsschilder angebracht, die das Laufen am Eberstädter Weg verbieten. Sollte es tatsächlich um die ganze Straße Eberstädter Weg gehen, so gibt es dafür keine Rechtsgrundlage für die Amerikaner. Denn die Straße ist öffentlich und kein Militärgelände.

Selbst die Bürgermeisterin wurde eingeschaltet, sie zeigte sich im Gespräch mit der Zeitung „empört über das Verhalten der Amerikaner“.

Und so sehen die bösen Schilder aus:

[Auf dem Schild steht:] ATTENTION ALL PERSONNEL - Pedestrian traffic along Eberstädter Weg (The road parallel to the Dagger Complex) IS UNAUTHORIZED [Die Bildunterschrift lautet:] Neue Schilder am Dagger-Komplex weisen darauf hin, dass man sich als Fußgänger jetzt auch nicht mehr auf dem Eberstädter Weg bewegen dürfe.

Im Laufe des Tages muss dann aber auch irgendwer beim „Darmstädter Echo“ mal im Wörterbuch nachgeschlagen und bemerkt haben, dass sich „ALL PERSONNEL“ nicht auf „alle Personen“ bezieht, sondern auf das „gesamte Personal“ — also die Amerikaner.

Überschrift und Teaser sahen daraufhin plötzlich so aus:

Dagger-Komplex: Spazierengehen am Eberstädter Weg nicht erlaubt?
Am Zaun des Dagger-Komplexes in Griesheim wurden Verbotsschilder angebracht, die das Laufen am Eberstädter Weg verbieten. Sollte es tatsächlich um die ganze Straße Eberstädter Weg gehen, so gibt es dafür keine Rechtsgrundlage für die Amerikaner. Denn die Straße ist öffentlich und kein Militärgelände. Die schilder [sic] könnten allerdings auch das oft resolute Auftreten der Angestellten erklären.

Auch im Text wurde, offenbar in höchster Eile, diese Passage hinzugefügt:

Es könnten allerdings auch nur die amerikanischen Angestellten gemeint sein. Einige von Ihnen waren ind en vvergangenen Wochen gegen Passanten, Parkende und auch Journalisten vorgegangen.

Inzwischen ist der komplette Text verschwunden. Stattdessen findet sich unter der Überschrift jetzt ein neuer Artikel.

Der Teaser klingt nun so:

Hinweisschilder am Dagger-Komplex, die Spaziergänger auf dem Eberstädter Weg verbieten, sorgen für Verwirrung. Griesheims Bürgermeisterin ist empört. Die Schiler seien an das US-Personal gerichtet und dienten lediglich der Verkehrssicherheit, sagen die Amerikaner.

Dass die „Verwirrung“ von ihr selbst gestiftet wurde, verschweigt die Zeitung allerdings. Und empört ist plötzlich nur noch die Bürgermeisterin:

Griesheims Bürgermeisterin Winter ist mit der Erklärung nicht zufrieden. Die Formulierung „Achtung Personal, Fußgängerverkehr entlang des Eberstädter Weges ist nicht erlaubt“ könne auch als Hinweis angesehen werden, dass niemand dort spazieren gehen dürfe, sagt sie. „Das kann man so nicht machen.“

Doch warum – und diese Frage hat sich offenbar weder die Bürgermeisterin noch das „Darmstädter Echo“ gestellt – warum sollten die Amerikaner ein Schild, das an deutsche Spaziergänger gerichtet ist, ausgerechnet in englischer Sprache verfassen?

Aber jetzt ist es sowieso egal:

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, soll das Schild nun abgehängt werden […].

Mit Dank an Lukas G., Manfred H. und Bernd.