Posts Tagged ‘diese schrecklichen Bilder’

Selbsterkenntnis wäre der erste Schritt …

Bei einem sogenannten Spiegeltest wird überprüft, ob ein Lebewesen sich in seinem Spiegelbild selbst erkennt. Damit soll die Existenz eines Selbstbewusstseins nachgewiesen werden. Menschenaffen und Delfine bestehen diesen Test beispielsweise, Menschenkinder erkennen sich üblicherweise im zweiten Lebensjahr.

Es ist mindestens zweifelhaft, dass alle Mitarbeiter von „Bild“ oder Bild.de den Spiegeltest bestehen würden. Nur so kann man anprangern, dass „Google Street View“ wildfremde Menschen für jeden erkennbar im Internet zeigt, indem man diese wildfremden Menschen für jeden erkennbar im Internet zeigt. Nur so kann man seiner Empörung darüber, dass Menschen im Fernsehen gedemütigt werden, Ausdruck verleihen, indem man Videos davon zeigt.

In der heutigen „Bild am Sonntag“ und auf Bild.de gibt es das Foto einer „dramatischen Rettungsaktion in der chinesischen Stadt Changsha“. Es zeigt eine Frau, die „aus dem 33. Stock eines Wohnblocks springen will“, und sechs Chinesen, die „sofort zur Stelle“ sind, „um die lebensmüde Dame zu retten“.

Mit Ziffern auf dem Foto erklärt „Bild am Sonntag“, wer darauf genau zu sehen ist, und welche Funktion diese Menschen ausüben.

Und so geht unsere letzte Geschichte heute gut aus: Die Frau wird gerettet.

Natürlich hat ein Roman auch immer einen Bösewicht: Diese Rolle übernimmt ein Zuschauer (5), der nicht hilft, sondern die Szene lediglich mit dem Handy fotografiert.

Welche Rolle oder Bezeichnung die Person verdient hat, die die Situation von einer anderen Position aus fotografiert und die Bilder an Nachrichtenagenturen (und letztlich auch an „Bild am Sonntag“) verkauft hat, schreibt die Zeitung leider nicht. Häufig nennt sie Leute, die ähnliches machen, aber schlicht „Leser-Reporter“.

Mit Dank an Robert W., Andreas H., Vuffi R. und Heinz B.

Medien quälen Timoschenko

Am Freitag hatten wir darüber berichtet, dass sich Bild.de darüber empört hatte, dass in der Ukraine ein Video der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko an die Öffentlichkeit gekommen war, das offensichtlich gegen den Willen der Politikerin entstanden war — und Bild.de dann ein Standbild aus eben jenem Video veröffentlicht hatte.

Wir waren da vielleicht ein bisschen unfair, denn Bild.de war längst nicht das einzige Medium, das diesen intellektuellen Spagat hinbekommen hatte:

Focus.de zeigte ein Standbild unter der Überschrift „Nobel-Zelle für Julia Timoschenko“ und brachte dieses bemerkenswerte Satzpaar:

In ukrainischen Medien war am Donnerstag von einer „Nobel-Zelle“ im Stil eines Hotelzimmers die Rede. Auch gab es Spekulationen, ob es sich um eine Inszenierung für die Öffentlichkeit handele.

Morgenpost.de und welt.de zitierten Timoschenkos Anwalt Sergei Wlasenko fünf Zentimeter unter einem Screenshot des Videos mit den Worten, einen solchen Film könnten „nur Tiere aufnehmen“, wobei welt.de sicherheitshalber auch noch mal ein paar unkommentierte Ausschnitte des Videos online stellte.

derstandard.at zeigte das Video nicht, verlinkte es aber auf YouTube. Von dort hatten 20min.ch und krone.at („Intimsphäre verletzt: Ukraine quält Timoschenko mit Video aus Spital“) den Clip direkt eingebunden.

Intimsphäre verletzt: Ukraine quält Timoschenko mit Video aus Spital

Anders als viele andere Medien hatte sich „Spiegel Online“ die Mühe gemacht, das Rohmaterial weiterzuverarbeiten, weswegen der Off-Sprecher über das Video jetzt „dieses Video hat in der Ukraine einen handfesten Skandal ausgelöst“ sagen kann. Bei euronews.net führt es spätestens dann zu einer gewissen Ironie, wenn der Off-Sprecher die Aufnahmen mit den Worten „die ehemalige Regierungschefin protestiert offensichtlich gegen diese Aufnahmen“ kommentiert.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir Julia Timoschenko als „ehemalige Präsidentin“ der Ukraine bezeichnet. Richtig ist, dass sie (zwei Mal) Ministerpräsidentin des Landes war.

Bild.de demütigt Timoschenko

Diese Aufnahme sorgt für einen Sturm der Entrüstung in der Ukraine. Darauf zu sehen: die inhaftierte Julia Timoschenko.

Sie liegt in einem Krankenbett im berüchtigten Lukjaniwska-Gefängnis in Kiew. Offenbar wurde sie gegen ihren Willen gefilmt.

Sie hebt die Arme, als wollte sie sagen: Lasst mich in Ruhe! Müsst ihr mich auch noch demütigen?

So weit die Ausführungen der Menschenrechtsaktivisten von Bild.de.

Das Demonstrativpronomen „diese“ im ersten Satz ist dabei bewusst gewählt: Der Satz steht unterhalb eines Screenshots aus einem Video, in dem die inhaftierte Julia Timoschenko offenbar gegen ihren Willen gefilmt wurde.

Inhaftierte Oppositionspolitikerin: Ukraine demütigt Timoschenko mit Video-Aufnahme. Politikerin gegen ihren Willen im Krankenbett gefilmt. Diese Aufnahme sorgt für einen Sturm der Entrüstung in der Ukraine. Darauf zu sehen: die inhaftierte Julia Timoschenko.

Wir sind uns nicht sicher, ob die Redakteure von Bild.de den Rouge-Test bestehen würden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Öffentlich gedemütigt

Zu den inoffiziellen Einstellungsvoraussetzungen bei „Bild“ und Bild.de gehört eine ausgeprägte Ironieblindheit — also die Fähigkeit, das eigene Tun nicht mit dem, was man an anderen kritisiert, in Verbindung zu setzen. Anders könnten klassische „Bild“-Schlagzeilen im Stil von: „Diese schlimmen Fotos wollen wir nie wieder sehen“ gar nicht entstehen.

Ach, Verzeihung: Das wissen Sie ja schon. Aber es stimmt ja auch weiterhin.

Es ist etwas passiert, was so „geschmacklos“ ist, dass Bild.de das Wort gleich drei Mal in Überschrift und Artikel gebraucht. Darüber hinaus war es

Geschmacklos, menschenverachtend, schockierend: Drei Worte die das Treiben von Manolo Lama treffend beschreiben.

Manolo Lama ist ein spanischer TV-Reporter, der diese Woche in Hamburg war, um vom Finale der Europa League zwischen Atlético Madrid und FC Fulham zu berichten. In der Hamburger Innenstadt hatte er sich mit einigen spanischen Fußballfans um einen Obdachlosen geschart und diesem Geld in seinen Hut seine Schale geworfen.

Jedoch:

Doch dann ging’s los: Begleitet von höhnischen Kommentaren des Reporters trieben es die Fans immer doller – es folgten Schals, ein Handy, sogar eine Kreditkarte landen im Hut des Obdachlosen. Dessen Freude währte nicht lange – betroffen und verwirrt musste er mit ansehen wie die Spenden schnell wieder in den Händen ihrer Besitzer landeten.

Hört sich schlimm an, nicht wahr? Womöglich hat Bild.de mit „geschmacklos, menschenverachtend, schockierend“ also noch nicht mal übertrieben.

Das … äh … Schöne ist: Als Leser von Bild.de muss man sich nicht blinde auf das Urteil der Redakteure verlassen und kann sich im Videoplayer sein eigenes Urteil bilden. Und je nach Veranlagung die „geschmacklose“ „Demütigung“ so oft wiederholen, wie man mag:

Geschmacklos! Spanischer Reporter demütigt Hamburger Obdachlosen

Mit Dank an Lukas K.

Nachtrag, 14.30 Uhr: Auch sueddeutsche.de zeigt die „unfassbare Entgleisung“ als eingeklinktes YouTube-Video. Da kann man dann auch sehen, dass der Obdachlose – anders als von Bild.de und uns beschrieben – keinen „Hut“ vor sich hat, sondern eine Metallschale.

Gut erkennbar im Internet

Zu den inoffiziellen Einstellungsvoraussetzungen bei „Bild“ und Bild.de gehört eine ausgeprägte Ironieblindheit — also die Fähigkeit, das eigene Tun nicht mit dem, was man an anderen kritisiert, in Verbindung zu setzen. Anders könnten klassische „Bild“-Schlagzeilen im Stil von: „Diese schlimmen Fotos wollen wir nie wieder sehen“ gar nicht entstehen.

Bild.de führt den Effekt aktuell mit einer Geschichte über angebliche Datenschutz-Mängel bei „Google Street View“ vor. Ein „kurzer BILD.de-Test“ habe bewiesen, dass auf den Straßenaufnahmen, die Google für das Online-Projekt anfertigt, viele Gesichter von Passanten nicht verpixelt wurden. Nun kann man es schon ironisch finden, dass ausgerechnet der Online-Ableger von „Bild“ für das Recht am eigenen Bild kämpft, das die Zeitung sonst wie kaum jemand mit Füßen tritt.

Aber wie prangert man am besten an, dass da einfach wildfremde Menschen für jeden erkennbar gezeigt werden, ohne jede Unkenntlichmachung? Man zeigt sie, für jeden erkennbar, ohne jede Unkenntlichmachung:

Straßenszene aus London, das Gesicht des Passanten im Vordergrund (links) ist gut erkennbar, es wurde wie viele andere nicht gepixelt

Dieses Foto aus Google Street View zeigt Eisläufer vor dem Pariser Rathaus. Das Gesicht eines Kindes ist gut erkennbar

Darauf muss man erst mal kommen. Dann ist es auch kein weiter Weg mehr zu solchen Ergebnissen:

Witzige Straßenszene aus Google Street View Paris: Beide Gesichter sind gut erkennbar und nicht gepixelt

Mit Dank auch an Daniel V.