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6 Bier, 4 Würstchen, 1 Anzeige

Manche Dinge sind einfach sicher: die Rente, das Amen in der Kirche oder die sommerliche Kooperation von „Bild“ und Lidl, zum Beispiel.

Nach dem „WM-Knaller“ (2006), dem „EM-Paket“ (2008), dem „WM-Paket“ (2010) und dem namentlich nicht näher bezeichneten Paket zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft (2011) war es letzten Freitag Zeit für die Ansage „Bitte nicht wieder wählen!“ das „EM-Fan-Paket“:

Das ist die perfekte Vorbereitung auf den EM-Start! Im Paket stecken 6 Flaschen Grafenwalder Pils, 1 Paket mit 4 Gebirgsjäger-Rostbratwürsten und eine Deutschland-Autofahne. Einfach den Coupon in der Zeitung ausschneiden, in einer der mehr als 3100 Lidl-Filialen in Deutschland das Paket für 1,99 Euro holen und den Coupon an der Kasse abgeben.

Das mit den Stückzahlen hätte man Joelle (20) vielleicht noch mal genauer erklären sollen, die sich 12 Bier, 16 Würstchen und eine Fahne „geschnappt“ hat:

Joelle (20) ist schon voll im EM-Fieber und hat sich gleich ein Fan-Paket geschnappt

Überhaupt hätten wir gedacht, dass sechs Flaschen Bier eigentlich ausreichen sollten, um das mit der Fahne selbständig auf die Reihe zu kriegen, aber so ein Ding fürs Auto kann ja nie schaden — falls man mal überraschend den Bundespräsidenten fahren muss, zum Beispiel.

Doch zurück zum „Fan-Paket“: In mittlerweile guter Tradition hat „Bild“ nur den Coupon selbst mit dem Wort „Anzeige“ versehen (das allerdings wieder doppelt).

Die Berichterstattung im Vorfeld muss demnach ebenso traditionell wohl als redaktioneller Inhalt angesehen werden:

Mittwoch, 6. Juni, Seite 1:

Freitag gibt

Donnerstag, 7. Juni, Seite 1:

Morgen Fan-Paket von Lidl & BILD holen!

Freitag, 8. Juni, Seite 1:

EM-Paket von BILD & Lidl: 6 Bier, 4 Würstchen, 1 Flagge für 1,99 Euro

Seite 8:

6 Bier, 4 Würstchen, 1 Flagge für 1,99 Euro: Holen Sie sich das EM-Fan-Paket!

Falls Sie sich wegen des Schleichwerbeverdachts beim Deutschen Presserat beschweren wollen: Sparen Sie sich die Mühe!

Zwar hatte der Presserat den „WM-Knaller“ aus dem Jahr 2006 noch mit einem „Hinweis“ beanstandet (mit einjähriger Verspätung), weil das Wort „Anzeige“ fehlte, im vergangenen Jahr wies er eine Beschwerde über den Prosecco-Coupon zur Frauen-Fußball-WM aber schon frühzeitig zurück:

Im Rahmen der Prüfung gelangten wir zu dem Schluss, dass der Beitrag eine zulässige Veröffentlichung über eine gemeinsame Marketing-Aktion von BILD und LIDL darstellt. Der Leser kann sofort erkennen, das BILD hier mit dem Discounter zusammenarbeitet und im Rahmen einer Kooperation den Lesern ein spezielles Angebot offeriert. Solche Marketing- Aktionen können vorgestellt werden, wenn dabei die Regelungen der Ziffer 7 Pressekodex beachtet werden. Hier heißt es im letzten Satz: „Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.“ Dieses Eigeninteresse wird nach unserer Auffassung auf den ersten Blick deutlich, so dass keine Verwechslungsgefahr mit einem redaktionellen Beitrag besteht. Der Leser kann die Veröffentlichung als Beitrag über eine Marketing-Aktion erkennen. Ihm ist daher klar, dass es sich nicht um eine unabhängige redaktionelle Veröffentlichung handelt.

Na dann: Prost!

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Die Knallerin des Jahres

Manche Rituale wiederholen sich bei „Bild“ so sicher, dass man schon von Brauchtum sprechen kann: Kurz vor dem Beginn eines internationalen Fußballturniers gibt es wieder ein gemeinsames Angebot der Zeitung und ihres Lieblings-Discounters. Das hatte es schon 2006, 2008 und 2010 gegeben. Und weil es sich bei der am Sonntag beginnenden Fußballweltmeisterschaft um die der Frauen handelt, gibt es ausnahmsweise kein Bier, sondern – hoho, wie witzig – Prosecco.

Gestern warb „Bild“ auf der Titelseite schon mal in frauenfreundlichem Ambiente für die heutige Aktion:

Der Knaller von Lidl in Bild! Zum WM-Auftakt gibt

Deutschland feiert die prickelndste Weltmeisterschaft aller Zeiten.Auch heute rührt „Bild“ auf Seite 1 die Werbetrommel für den Gutschein im Inneren der Zeitung und schlägt vor:

Prosten Sie mit Lidl und BILD auf die WM!

Der Coupon selbst ist – wie in den vergangenen Jahren – zwei Mal mit dem Wort „Anzeige“ überschrieben.

Und „Bild“ hat dieses zweifelhafte System sogar perfektioniert: Der als „Anzeige“ gekennzeichnete Gutschein befindet sich diesmal oberhalb des Begleittextes, so dass sich die Zeitung jetzt mit der Begründung rausreden kann, die begeisterten Zeilen seien Teil der Anzeige und nicht etwa der redaktionelle Inhalt, nach dem sie aussehen.

Keinen Zweifel gibt es bei den beiden Eigenanzeigen auf den Titelseiten gestern und heute: Die sind beim besten Willen nirgends als das gekennzeichnet, was sie bei Licht betrachtet sind — Werbung.

Mit Dank an Icke, Lothar und DJ.

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WM-Pakete packen mit alten Freunden

Ab heute! WM-Knaller von Lidl und Bild: 6 Flaschen Bier + 1 Tüte Erdnuß-Flips + 1 Deutschland-Fahne nur 99 Cent!Es ist Sommer, wir schreiben eine gerade Jahreszahl und viele Privatfahrzeuge sind beflaggt wie sonst nur Staatskarossen. Kein Zweifel: Uns steht ein internationales Fußballgroßereignis ins Haus.

Anlässlich der Fußball-WM 2006 hatte „Bild“ mit einem „WM-Knaller“ überrascht: Mit einem in der Zeitung abgedruckten Gutschein konnte man beim Discounter Lidl für 99 Cent 6 Flaschen „köstliches Grafenwalder Premium-Pils“, „eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips“ und eine Deutschland-Fahne erstehen.

Nach langem Zögern sah der deutsche Presserat darin einen Verstoß gegen die Ziffern 6 und 7 des Pressekodex und sprach – unter anderem wegen eines Verstoß gegen des Trennungsgebot von Werbung und redaktionellen Inhalten – gegen „Bild“ einen „Hinweis“ aus (BILDblog berichtete).

"Lidl-EM-Paket exklusiv in BILD"Zwei Jahre später bekam der geneigte Leser zur Fußball-EM für „nur einen Euro“ sechs Flaschen „Grafenwalder Premium Pils“ und ein Paket Grillwürstchen („Dulano, 350 Gramm“). „Bild“ pries die „größte EM-Aktion aller Zeiten“ zwei Mal auf der Titelseite an und schwärmte in den dazugehörigen Artikeln u.a. vom „Party-Hammer“. Der Gutscheincoupon selbst war immerhin – gleich zwei Mal – mit dem Wörtchen „Anzeige“ versehen (BILDblog berichtete auch dazu).

WM-Paket von Lidl und BILD: 6 Würstchen, 6 Bier für 1 EuroHeute startet – wie die Meisten vielleicht mitbekommen haben – mal wieder eine Fußballweltmeisterschaft — und da sind „Bild“ und Lidl natürlich bestens aufgestellt:

Im … äh: „redaktionellen“ Artikel wurde gestern schon mal vom „WM-Knaller von BILD und Lidl“ geschwärmt, der „sechs Flaschen Grafenwalder Pils und ein Paket Grillwürstchen (6 Stück) für nur 1 Euro“ verspricht („Sie sparen bis zu 70 Prozent gegenüber dem Einzelkauf!“).

WM-Paket von BILD & Lidl: 6 Bier und 6 Würstchen für 1 EuroHeute nun ist es laut „Bild“-Titelseite ein „Mega-Kracher zum WM-Start“.

Auf einer Viertelseite wird in der Zeitung „die größte Fan-Aktion aller Zeiten“ gefeiert, „mit allem, was Sie für Ihre WM-Feier brauchen“. Als „Anzeige“ gekennzeichnet ist allerdings – in alter Tradition – nur der Gutschein-Coupon selbst. Das aber natürlich wieder doppelt:

6 Würstchen und 6 Bier für nur 1 Euro! Mit diesem Coupon. [...] Anzeige

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber!

Gefährliche Lidlschaften

Die Geschichte hat alles, was Auflage macht: Tote! Die Nachbarn im Süden! Eine Alliteration in der Überschrift!

Killer-Käse aus Österreich tötet zwei Deutsche

Gut, die zwei toten Deutschen verblassen vielleicht am Ende des ersten Absatzes etwas …

Ein neuer Lebensmittel-Skandal hält Deutschland in Atem. Nach dem Verzehr eines Harzer Käses aus Österreich sind zwei Deutsche an einer Listeriose (Bakterieninfektion) gestorben. In Österreich kamen sechs Menschen ums Leben.

Aber sonst?

Na ja, so richtig neu ist der Skandal auch nicht — neu ist die Erkenntnis, dass es Tote (übrigens insgesamt sechs und nicht sechs in Österreich und zwei Deutsche) gegeben hat.

Über die Rückrufaktion hatten verschiedene Medien bereits vor drei Wochen berichtet. Allerdings war der Käse mit den gefährlichen Bakterien im Sortiment des Discounter Lidl aufgetaucht — und weil Lidl und „Bild“ eine lange und innige Geschäftsbeziehung verbindet (s. Kasten), war die Meldung bei Bild.de zunächst etwas kleiner ausgefallen.

Auch die Meldung in der gedruckten „Bild“ vom 25. Januar war eher unauffällig platziert gewesen und nur vier Tage später war Lidl (gemeinsam mit dem Konkurrenten Aldi) bei „Bild“ schon wieder „Gewinner“ — weil die Discounter in England beliebter seien als die heimischen Supermarktketten. „Bild“ „meinte“ damals:

Sorry, das ist eben deutsche Wertarbeit!

Jetzt aber gibt es die Opfer des österreichischen „Killer-Käses“ (der aus deutschem Quark hergestellt wird) und Bild.de muss quasi über den Fall berichten.

Und das klingt dann so:

Eine große deutsche Handelskette reagierte sofort und verbannte die Produkte (Foto oben) aus den Regalen!

Als im vergangenen Jahr ein anderer Discounter eine große Rückrufaktion hatte starten müssen, stand sein Name gleich fünf Mal im Artikel auf Bild.de.

Mit Dank an Patrick S. und ceggis.

Nachtrag, 17. Februar: Bild.de hat die Zahl der Todesfälle in Österreich von sechs auf vier korrigiert, in einem neuen Artikel zum Thema wird Lidl genannt.

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Tiefschlagende Verbindung

„Bild“ hat die Macht, kleine Themen ganz groß rauszubringen, mit Riesen-Schlagzeilen und einem tagelangen Trommelfeuer von Berichten. Aber manchmal versucht „Bild“ auch, Themen ganz klein zu machen. Zum Beispiel wenn ein Discounter, mit dem die Zeitung gute Geschäfte macht, sich unangenehmen Vorwürfen ausgesetzt sieht. Oder ein Land, an dessen Seite „Bild“ bedingungslos steht.

Vielleicht ist es manchmal aber auch noch banaler.

Eigentlich hält „Bild“ die Klitschkos und ihre Boxwettkämpfe für ein gutes Thema. Als Vitali Klitschko Ende September im Staples Center in Los Angeles gegen den US-Amerikaner Chris Arreola seinen WM-Titel im Schwergewicht verteidigte, überschlug sich „Bild“ – wie schon bei früheren Kämpfen der Klitschko-Brüder – im Vorfeld regelrecht mit der Berichterstattung.

Da wurde schon einen Monat vor dem Kampf von einem Treffen Klitschkos mit Ex-Weltmeister Mike Tyson berichtet, das „Knallhart-Training“ begleitet, das Klitschko dann im Gespräch mit dem Blatt als die „härteste Vorbereitung“ seiner Karriere bezeichnete. „Bild“ druckte ein längeres Interview mit Klitschkos Trainer, berichtete vorab, welche Prominenten sich für den Kampf angesagt hatten, und wusste, dass Klitschkos Gegner beim Wiegen „wie ein Pfannkuchen“ wirkte.

Dass Vitali Klitschko aber am vergangenen Samstag in Bern gegen Kevin Johnson kämpfte, hätte man als „Bild“-Leser fast nicht mitbekommen: Seit dem 24. Oktober fand keine nennenswerte Vorberichterstattung statt, am Kampftag selbst brachte die Zeitung eine vergleichsweise mickrige Meldung.

Warum?

Nun, am 12. Dezember fand nicht nur Vitali Klitschkos WM-Kampf statt, sondern auch die vom ZDF übertragene „Bild“-Spendengala „Ein Herz für Kinder“. „Bild“ soll es den Klitschkos übel genommen haben, den Kampf auf denselben Tag gelegt zu haben, heißt es. Deshalb soll es eine „Bild“-interne Anordnung an die Sportredaktion gegeben haben, den Boxkampf, der als Konkurrenz zur eigenen Charity-Veranstaltung angesehen wurde, möglichst totzuschweigen.

Wir können nicht beweisen, dass das stimmt. Aber abgesehen von der merkwürdigen Funkstille vor dem Kampf spricht dafür auch, dass „Bild“ nicht – wie sonst üblich – auf den Beginn der Sportübertragung bei RTL hinwies (in diesem Fall: 22.10 Uhr; die „Bild“-Gala im ZDF lief bis kurz nach 23 Uhr), sondern lediglich schrieb:

Kampfbeginn ca. 22.45 Uhr (RTL).

Seit Sonntag berichtet man in der „Bild“-Familie jetzt wieder über die Klitschkos.

Die Quoten für den Boxkampf waren übrigens auch fast ohne Vorberichterstattung von „Bild“ hervorragend.

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Schleichwerbung, im Dutzend billiger

Auf der Internetseite der Axel Springer AG steht noch die veraltete Version der „journalistischen Leitlinien“ des Medienhauses, in denen es hieß:

Die Journalisten bei Axel Springer stellen gemeinsam mit dem Verlag sicher, dass eine Trennung von Anzeigen und Redaktion gewahrt wird.

Der Satz ist inzwischen geändert worden in:

Für den Discounter Lidl (und Geld) tun wir alles.

Nein, nur ein Witz. Axel Springer muss seine Selbstdarstellung nicht der Realität anpassen, weil die „journalistischen Leitlinien“ nie als journalistische Leitlinien gedacht waren. Und so kann die „Bild“-Zeitung auch in diesen Tagen ihren jahrelangen Schönfärbe- und Schleichwerbe-Kurs mit dem Unternehmen Lidl fortsetzen.

Am vergangenen Samstag meldete das Blatt an prominenter Stelle auf Seite 1:

Und berichtete ebenso im redaktionellen Teil auf Seite 13:

Oder um es mit Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, zu sagen:

„[Unsere journalistischen Leitlinien] sind ein Schutzwall für unabhängigen Journalismus. Wir haben sie in einer Zeit eingeführt, in der der kommerzielle Druck auf Redaktionen immer größer wird. Jeder wird natürlich beobachten, wie wir damit umgehen — das macht uns angreifbarer als diejenigen, die still ihre faulen Kompromisse machen.“

Von „still“ kann bei „Bild“ in der Tat keine Rede sein.

„BILD Brother is watching you“

Gestern kündigte die Axel Springer AG offiziell den nächsten „Schritt in der Medienevolution“ (wir berichteten) an und machte ihn konkret: Ab dem 4. Dezember gibt es beim Discounter Lidl, bekanntlich ein guter Geschäftspartner von „Bild“, für rund 70 Euro (und nicht wie mal geplant umsonst) eine „preisgünstige und leicht zu bedienende Videokamera“. Das „Besondere“ daran:

Wenn man das Gerät an einen Computer anschließt, öffnet sich automatisch ein Programm mit dem die Filme zum Online-Portal von BILD geschickt werden können.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten Verbands Michael Konken sagte der Nachrichtenagentur dpa dazu:

„Das bringt uns im Journalismus nicht weiter und es ist eine Aufforderung, Grenzen zu überschreiten (…). Viele werden unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte versuchen, Prominenten aufzulauern.“ Diese Art von Sensationsjournalismus könne leicht außer Kontrolle geraten.

Bei Autounfällen würden zu allererst Kameras gezückt und damit Hilfskräfte sowie professionelle Journalisten behindert.

Bei Tagesspiegel.de hingegen heißt es unter der Überschrift „Bild rüstet Leserreporter auf – na und?“:

Tatsächlich sind die eindringlichsten Bilder der letzten Ereignisse allesamt von Laien aufgenommen worden. Egal ob 09/11 oder der Tsunami 2004, egal ob Abu Ghraib oder die Hinrichtung Saddam Husseins, es waren private Aufnahmen, die Geschichte geschrieben haben. Und ja, diese Entwicklung muss man ernst nehmen. (…)

Kai Diekmann ist für „Bild“ vorgeprescht und hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die nun einmal existiert. Und gerade weil im Journalismus bestimmte Standards gelten sollen: An dieser Front darf man Diekmann auf keinen Fall alleine lassen.

Wortvogel zieht unter der Überschrift „Jedem Arschloch seine Kamera“ Vergleiche zu Orwell („BILD Brother is watching you“) und schreibt:

Das Recht am eigenen Bild, es stirbt nicht durch Paragraphen, sondern durch Schulterzucken: „Wir haben gedacht, das sei okay – und außerdem: das Video stammt von einem Leser, WIR zeigen es ja nur“. (…)

Dann sehen wir endlich im Bewegtbild, wie der psychisch Kranke nackt über die Straße kriecht. Haben wir schließlich ein Recht drauf. Und wäre doch gelacht, wenn nicht auch ein paar „Busenblitzer“ vorkommen. (…) Schwenk zum Lastwagen, der einen Golf zermalmt hat: „Hier stirbt gerade ein Mensch“. Schlimm, sowas. (…) Dann lieber weiter zu Oliver Kahn, der doch tatsächlich bei der Filmpremiere in der Seitenstraße an die Mülltonne gepinkelt hat. Konnte man genau sehen. BILD fragt einen prominenten Urologen: Sieht das Genital des Titans eigentlich gesund aus?

Und „Spießer Alfons“ schreibt:

Spießige Frage: Gab es bei Lidl nicht schon mal Überwachungskameras…? Und wer war es, der damals den Lidls publizistisch aus der Klemme geholfen hat…?
(Links von uns)

Mit Dank an die Hinweisgeber.

„WM-Knaller“ jetzt „Lidl-EM-Paket“ mit Wurst

Da soll doch noch mal einer behaupten, die Sanktionen des Presserats wirkten nicht. Im Sommer 2007 hatte der Beschwerdeausschuss nach einigem hin und her dann doch einen „Hinweis“ gegen die „Bild“-Zeitung ausgesprochen, weil sie ein Jahr zuvor mit ihrem „WM-Knaller von Lidl und BILD“ (siehe Ausriss) gegen die Ziffern sechs und sieben des Pressekodex verstoßen hatte (wir berichteten).

In der Begründung führte der Presserat aus:

Nach Meinung des Gremiums gerät im vorliegenden Fall das Ansehen der Presse (Ziffer 6 des Pressekodex) in Gefahr, wenn eine werbliche Veröffentlichung, die redaktionell gestaltet ist, den redaktionellen Aufmacher auf der Titelseite ersetzt. Der Leser erwartet dort weder einen Eigenmarketingbeitrag noch Werbung.

Dadurch, dass an einer Stelle, an der sonst redaktionell berichtet wird, ein Eigenmarketingbeitrag veröffentlicht wurde, wird zudem die in Ziffer 7 des Pressekodex geforderte klare Trennung von Werbung und Redaktion aufgehoben.

"Lidl-EM-Paket exklusiv in BILD"Das hat man sich bei „Bild“ offenbar zu Herzen genommen. Statt eines „WM-Knallers“ präsentiert „Bild“ heute exklusiv das „Lidl-EM-Paket“ (siehe Ausriss). Wer sich am kommenden Montag die „Bild“-Zeitung kaufe, den darin abgedruckten Coupon ausschneide und damit „zu einer der 2600 Lidl-Filialen“ gehe, bekomme für „nur einen Euro“ sechs Flaschen „Grafenwalder Premium Pils“ und ein Paket Grillwürstchen („Dulano, 350 Gramm“). Das sei „der Party-Hammer“.

Beim „WM-Knaller“ gab’s noch für 99 Cent sechs Flaschen „köstliches Grafenwalder Premium-Pils“, „eine große Tüte knackige Erdnuß-Flips“, eine Deutschland-Fahne und keine Wurst. Und der heutige „Eigenmarketingbeitrag“ ist, anders als der „WM-Knaller“, auch nicht der „Aufmacher auf der Titelseite“ – sondern eine Titelgeschichte.

Eine Kennzeichung als „Anzeige“, deren Fehlen der Presserat beim „WM-Knaller“ moniert hatte, sucht man indes auch hier vergeblich.

Aber vermutlich wird dort auf der „Bild“-Titelseite sonst ohnehin nicht redaktionell berichtet. Und der Leser wäre total überrascht wenn doch oder so.

Mit Dank an Steffen H. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 16.6.2008: „Bild“ hat es geschafft, in ihrer heutigen, ähm, Berichterstattung über „Bier und Grillen für 1 Euro“, also das „Super-EM-Paket von Lidl und BILD“, bzw. „Die größte EM-Aktion aller Zeiten“, das Wort „Anzeige“ unterzubringen. Sogar zwei Mal.

„Bild“ und Lidl: Kleine Meldung unter Freunden

„Frei nach Axel Springer: ‚Bild‘ sollte nie irgendein Boulevard-Blatt, sondern eine Volkszeitung sein. Also Anwalt der Leser, Zuhörer, Ratgeber, Verteidiger, Helfer. Übersetzt heißt das: ‚Bild‘ sagt nicht nur, was passiert. ‚Bild‘ sagt auch, was die Republik fühlt. (…) Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. ‚Bild‘ ist (…) die gedruckte Barrikade der Straße. Das ist ihre Macht.“

Kai Diekmann im September 2005 im „FAZ“-Interview.

Wenn das, was Diekmann damals der „FAZ“ sagte, noch gelten soll (und für etwas anderes gibt es keine Anhaltspunkte), dann „fühlt“ die „Republik“ so ziemlich gar nichts angesichts der Tatsache, dass beim Lebensmitteldiscounter Lidl die Mitarbeiter überwacht wurden.

„Bild“ über den Lidl-Skandal

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte systematisch überwacht haben. Angeblich wurde mit Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen (…). Das berichtet der „Stern“. (…) Lidl-Geschäftsführer Jürgen Kisseberth wollte „nicht ausschließen“, dass es entsprechende Aufträge gegeben habe.

Dann findet die Republik nicht, es sei ein „Lidl-Skandal“, dass „Mitarbeiter bis aufs Klo bespitzelt“ wurden, wie beispielsweise das Boulevardblatt „Berliner Kurier“ heute auf der Titelseite (pdf) schreibt. Dann meint die Republik nicht, die „Stasi-Methoden bei Lidl“ seien eine „Schweinerei ohne Gleichen“, wie das Boulevardblatt „Hamburger Morgenpost“ auf der Titelseite berichtet. Dann ist die Republik auch nicht der Auffassung, Lidl sei „mit den jüngsten Enthüllungen“ auf dem „Niveau totalitärer Sklavenhalter“ angekommen, wie es in einem Kommentar (leider nicht online) der Münchner „Abendzeitung“ heißt. Dann ist die Republik nicht mal an einer weniger aufgeregten aber ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert.

Wenn immer noch gelten soll, was Diekmann der „FAZ“ sagte, dann löst die Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl bei den „Bild“-Lesern ungefähr genauso viele Emotionen aus, wie die Tatsache, dass der VdK-Präsident Hirrlinger die Rentenerhöhung verteidigt (siehe Ausriss).

Aber das geht uns ja eigentlich gar nichts an. Schließlich ist es ganz allein Aufgabe der Redaktion, zu entscheiden, was wie und in welcher Größe über den Lebensmitteldiscounter und besonders guten Geschäftspartner von „Bild“ in „Bild“ steht.

Mit Dank an Tim, Denis K., Horst E. und Kai Z. für den Hinweis.

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