Suchergebnisse für ‘youtube’

25 lesenswerte Medienreflexionen zu #Rio2016

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio nähern sich dem Ende. Zeit, ein medienkritisches Resümee zu ziehen. Wie sind die Medien mit dem internationalen Großevent umgegangen? Wie reagiert die Sportberichterstattung auf wachsende Kommerzialisierung, IOC-Einflussnahme und ständigen Dopingverdacht? Und wie steht es um die Themen Gleichberechtigung und Sexismus?

Wir haben 25 Artikel zusammengestellt, die einen kritischen Blick auf Zusammenspiel und Wechselwirkung von Medien und Sport werfen.

1. Medien-Porno bei Olympia
(tagesspiegel.de, Martin Einsiedler)
Das Bild vom entstellten Unterschenkel des Turners Samir Ait Said ging um die Welt – häufiger und expliziter, als es einem lieb sein kann, findet Martin Einsiedler im “Tagesspiegel”: “Es wäre gut, wenn die Lieferanten solcher Bilder verantwortungsvoller mit ihrem Material umgehen, ohne dabei zensorisch zu sein. Den verunglückten Sprung von Said hätte man auch zeigen können, ohne die Grenzen des Erträglichen zu überschreiten. So aber wirkte der Umgang mit dem Unfall vonseiten großer Teile der Medien wie ein billiger Porno: unästhetisch und auf den maximalen Effekt getrimmt.”

2. „Eine Beleidigung der Athleten“
(fr-online.de, Sebastian Moll)
Der US-Sender NBC erntet heftige Kritik für seine Aufbereitung der Olympischen Spiele als Reality-Show. Dahinter stecke ein hartes Marktkalkül: Die Mehrheit der Olympiabetrachter in den USA sei weiblich – die Männer würden sich weiter ihre Baseball- und Footballübertragungen anschauen. Um möglichst viel Werbung und “human interest” einbauen zu können, würden die Wettkämpfe von Rio in den USA auch niemals Live gezeigt.

3. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten
(faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: “Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus zu befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.”

4. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.

5. So berichtet man über Frauen bei Olympia, ohne ein Sexist zu sein
(vice.com/de)
Die unpassenden Bemerkungen des ARD-Reportes Carsten Sostmeier bei seiner Reitkommentierung, für die er sich später entschuldigt hat, dienen der “Vice” sich mit sexistischer Sportberichterstattung während der olympischen Spiele zu befassen. Das Problem beginnt schon bei der Aufmerksamkeitsverteilung der Medien: “Über Sportlerinnen wird bei Weitem nicht so viel berichtet wie über Männer. In deutschen Medien liegt der Anteil meist unter 15 Prozent. Schlimm genug, dass diese Berichterstattung dann auch noch sexistische Kommentare, unangemessene Interviewfragen und Artikel über die körperliche Erscheinung beinhaltet.”

6. Olympia 2016: Leibwächter für ARD-Journalisten
(spiegel.de)
Der ARD-Journalist Hajo Seppelt hat in den letzten zwei Jahren ein staatlich organisiertes Dopingsystem in Russland aufgedeckt und wurde immer wieder bedroht. Bei Olympia in Rio steht der Investigativreporter nach “Spiegel”-Informationen unter Personenschutz: An seiner Seite bewegen sich, vermutlich auf Veranlassung des NDR, immer zwei Leibwächter, die teils zur brasilianischen Spezialeinheit “Batalhão de Operações Policiais Especiais” gehören, einer Elitetruppe der Militärpolizei von Rio de Janeiro.

7. Wir glotzen Olympia
(zeit.de, Stefanie Sippel, Tobias Potratz, Fabian Scheler & Oliver Fritsch)
Die “Zeit” hat eine launige Typologie der Olympia-Zuschauer zusammengestellt. Man unterteilt in “Ottonormalsportgucker”, “Olympia-Junkies”, “Schlaaand-Fans”, “Fußballnerds” und “Aussteiger”.

8. Rio verteidigt die olympische Scheinwelt
(derstandard.at, Susann Kreutzmann)
In Rio de Janeiro werde alles getan, um eine heile olympische Welt vorzugaukeln, findet Susann Kreutzmann. Doch die Realität lasse sich nur zeitweilig verbergen, nicht ganz aussperren. Das würden selbst die Athleten erfahren.

9. Olympia im TV: Blech für Bommes
(spiegel.de, Dirk Brichzi)
Nach elf Tagen Olympia und elf Tagen öffentlich-rechtlicher Sportberichterstattung verleiht Dirk Brichzi seine persönlichen Medaillen für Programmplanung, Ideenreichtum, Kommentatoren, Co-Kommentatoren, Gäste und TV-Maskottchen. Er verteilt Gold und… Blech.

10. Einfach mal abschalten
(tagesspiegel.de, Anett Selle)
Einfach mal abschalten, schlägt Anett Selle im “Tagesspiegel” vor. Olympia verkomme zum Imagefilm des Internationalen Olympischen Komitees. Mit seinen TV-Rechten verdiene das IOC etwa drei Viertel der fünf Milliarden Euro, die es zwischen 2013 und 2016 nach eigenen Angaben eigenommen haben wird. Und so kommt sie zum Schluss: “Das gibt dem IOC Macht, dabei kann es die Rechte nur deshalb teuer verkaufen, weil viele Zuschauer bei Olympia einschalten. Wem also nicht passt, was das IOC aus Olympia macht, kann sich wehren: Und einfach mal abschalten.”

11. Dilemma: Olympia-Freude vs. Doping
(ndr.de, Hendrick Maaßen, Video, 4:14 Min.)
Bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro geht es nicht nur um sportliche Leistungen und um die Athleten – es geht auch um Doping. “Zapp” hat sich mit dem Problem beschäftigt und unter anderem den Medienwissenschaftler Thomas Horky dazu befragt. Olympische Spiele seien laut Horky auch immer Unterhaltungsfernsehen. Und darum gelte es für die Kommentatoren und Journalisten, den Spagat zwischen Unterhaltung und angebrachter Kritik auszutarieren.

12. Andy Murray gibt einem Reporter die passende Antwort: Auch Frauen gewinnen Medaillen
(bento.de, Maria Wölfle)
Maria Wölfle berichtet für “Bento” über Fälle von Sexismus in der Sportberichterstattung, ob im Video-Interview, auf Medienseiten oder Twitter.

13. Stimmungslos
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Bei Gregor Keuschnig mag keine rechte Olympia-Stimmung aufkommen, was an den Fernsehmoderatoren und der medialen Inszenierung liege: “Wie man sich bei ARD und ZDF den medienkompatiblen Sportler vorstellt, konnte man am Sonntag bei einer Schaltung zum »Deutschen Haus« sehen. Elf Medaillengewinner saßen da nebeneinander und nun wollte der Reporter von jedem wissen, wie sie gefeiert haben, was es zu trinken gab, wie die Nachtruhe war, usw. Die Szenerie war an Peinlichkeit kaum zu überbieten; die Sportler, noch gezeichnet von den Feiern, als Pönitenten. Und dann wundert man sich, wenn keine Olympia-Stimmung vor dem Fernseher aufkommt.”

14. Das sind die 6 großartigsten Grafiken zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
Mit Datenvisualisierung lassen sich tolle Dinge umsetzen. Frederic Huwendiek hat die nationalen und internationalen Medien durchgescannt und stellt einige gelungene Grafiken zum Thema Olympische Spiele vor.

15. Olympia: So glanzlos senden ARD und ZDF
(maz-online.de, Imre Grimm)
“Schnarchige Betulichkeit wie zu Zeiten von Schwarz-Weiß-Fernsehen und Randsport-Reporter, die sich durch machohafte Ausfälle disqualifizieren. Plus: Probleme mit der Glaubwürdigkeit.” So empfindet Medienredakteur Imre Grimm die Sport-Berichterstattung von ARD und ZDF zu Olympia.

16. Reden bringt Silber, Plappern bringt Gold
(zeit.de, Mely Kiyak)
“Zeit”-Kolumnistin Mely Kiyak über die Berichterstattung in Zeiten der Olympischen Spiele: “Schweigende Athleten passen nicht ins Olympia-Fernsehen. Große Brüste und Hirnaussetzer hingegen schon.”

17. Sportjournalismus: Dopingberichterstattung im Abseits
(fachjournalist.de, Michael Schaffrath)
Die Sportfakultät der TU München hat eine Onlinebefragung durchgeführt, an der sich 850 Sportjournalisten beteiligt haben. Die Daten flossen in die Studie „Wissen und Einstellung von Sportjournalisten in Deutschland zum Thema Doping“ ein. Das Fazit in Sachen Dopingberichterstattung: “Die Befragung zeigt, dass eine gegenüber dem Einzelsportler kritische und trotzdem Strukturen reflektierende Dopingberichterstattung nicht am Wollen der Sportjournalisten scheitert, sondern – neben defizitären Ressourcen – auch am Nicht-Können der Medienmitarbeiter liegt.”

18. Der Hashtag #CoverTheAthlete prangert sexistische Berichterstattung über Athletinnen an.
(jetzt.de, Christina Waechter)
Die Kampagne “Cover The Athlete” will ein Bewusstsein für Sexismus in der Sportberichterstattung schaffen und Journalisten für das Thema sensibilisieren. Schließlich werden weibliche Athleten, wie Christina Waechter berichtet, überdurchschnittlich oft von Reportern zu Dingen befragt, die mit ihrer sportlichen Leistung nichts zu tun haben: zu ihrem Privatleben oder ihrer Erscheinung. Waechter berichtet über die Kampagne, erzählt von einer Studie, die belegt, wie unterschiedlich über Sportler und Sportlerinnen berichtet wird und stellt einige Beispielfälle vor.

19. Heuchelei 24/7?
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Am letzten Tag der Olympischen Spiele in Rio will das IOC einen eigenen globalen Fernsehkanal starten. 443 Millionen Euro hat man dafür bereitgestellt. Joachim Huber fragt im “Tagesspiegel”, was das Ganze soll: “Was wird da laufen, was soll erreicht werden? Propaganda Tag und Nacht, die Weißwaschung des Sports, der längst in der Grauzone agiert? Oder der Spagat, wie ihn ARD und ZDF Tag für Tag zelebrieren – Jubel und Jammer?”

20. Wie berichtet man über Sport, wenn man ihm misstraut?
(sueddeutsche.de, Josef Kelnberger)
Die Berichterstattung von ARD und ZDF aus Rio schwankt zwischen Begeisterung und Skepsis, stellt Josef Kelnberger fest. Die Öffentlich-Rechtlichen würden die moralische Empörung der Deutschen ernstnehmen und trotzdem alles tun, um Quote zu machen. Die moralische Empörung über die Auswüchse Olympias sei nirgendwo so stark wie in Deutschland: “eine Gegenreaktion auf die Überhöhung Olympias als Hort des Schönen und Guten”.

21. Nie ist Fernsehen so deutsch wie bei Olympia
(tagesspiegel.de, Katrin Schulze)
Katrin Schulze stört sich in ihrer Kolumne daran, dass sich ARD und ZDF bei Olympia auf Wettbewerbe mit deutscher Teilnahme konzentrieren würden: “Klar, eine Olympia-Übertragung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Doch indem sich ARD und ZDF nur auf Deutschland fokussieren, machen sie sich und die Sportwelt unnötig klein.”

22. Diese drei Instagram-Kampagnen verdienen Gold
(horizont.net, Philipp John)
Philipp John kennt sich als Chef einer “Influencer-Marketing-Plattform” (es geht um Product Placement bei Youtubern) bestens mit Werbung aus und hat ein besonders Auge auf Social-Media-Kampagnen. In seinem Beitrag bei “Horizont” stellt er drei Kampagnen auf Instagram vor, die aus seiner Sicht Gold verdient hätten.

23. Markenschutz unter den Olympischen Ringen: Übertreibt das IOC?
(netzpiloten.de, Dev Gangjee)
Dr. Dev S. Gangjee ist Professor an der Rechtsfakultät der Universität Oxford und beschäftigt sich dort unter anderem mit Fragen des geistigen Eigentums und Markenrecht. In seinem Artikel hinterfragt er die olympischen Markenschutzrichtlinien: “Das IOC ist berechtigt, seine Marke gegen schädliche Nutzung zu schützen – solche, die Verwirrung erzeugt oder ungewünschte Assoziationen hervorruft. Trotzdem wird Olympia durch ein weltweites öffentliches Wohlwollen erhalten bleiben. Die Symbolik der Spiele existiert im Geist der Öffentlichkeit. Wenn das IOC all dieses Wohlwollen beansprucht, während es auch als Zensor wirkt, geht es zu weit.”

24. Zu wenige Frauen an den Mikros
(tagesspiegel.de, Gaby Papenburg)
Sport-Kommentatorinnen haben es nicht leicht im deutschen Fernsehen. Die olympischen Spiele in Rio belegen diese traurige Tatsache wie Gaby Papenburg mit Zahlen belegt. Unter den 169 für ARD und ZDF tätigen Journalisten seien nur wenige Frauen (33, um genau zu sein). Höre man genauer hin, dann würden das Sportgeschehen nur drei Frauen kommentieren.

25. ITV schaltet für eine Stunde alle Sender ab
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Am Morgen des 27. Augusts – also am Samstag in einer Woche – schaltet der britische TV-Konzern ITV alle sieben Fernsehsender für eine Stunde ab. Dahinter stecke in gewisser Art und Weise ein olympischer Gedanke, wie Thomas Lückerath auf “dwdl.de” schreibt.

Olympia-Gigantismus, Echtzeit-News, Anzeigenschwund

1. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten
(faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: “Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.”

2. Britische Zeitungen: Gemeinsam gegen Facebook
(spiegel.de)
Seit Jahren verlieren Zeitungen Anzeigenkunden an Internetunternehmen wie Google und Facebook. In Großbritannien wollen sich nun Medienhäuser verbünden, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben: Die Zeitungen “The Sun”, ” The Guardian”, “The Daily Mail” und “The Times” wollen in einer “Machbarkeitsstudie” herausfinden, wie man das schrumpfende Anzeigengeschäft beleben kann.

3. Was immer geschieht, Sie sind live dabei
(faz.net, Fabienne Hurst)
Für den französischen Nachrichtensender “BFM TV” ist Schnelligkeit alles. Der private Nachrichtenkanal hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr der Echtzeit-Berichterstattung verschrieben und nimmt dabei in Kauf, auch falsche Informationen zu verbreiten. Fabienne Hurst hat sich für die “FAZ” den erfolgreichen, aber umstrittenen Kanal näher angeschaut und lässt u.a. Mitarbeiter und Verantwortliche zu Wort kommen.

4. Der albanische Medienmarkt: Zu klein zum Überleben?
(de.ejo-online.eu, Rrapo Zguri)
Albanien hat nur um die drei Millionen Einwohner, verfügt aber über eine relativ hohe Anzahl an Medienunternehmen: Mit 22 überregionalen Tageszeitungen wies das Land bis vor kurzem eine der höchsten Zeitungsdichten in der Region auf. Nun mache die Wirtschaftskrise den Medien jedoch schwer zu schaffen. In den vergangenen Monaten seien einige große Zeitungen und Fernsehsender eingestellt worden, so Rrapo Zguri in seinem Bericht über die derzeitige Lage der Medien in seinem Heimatland.

5. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.

6. Last Week Tonight with John Oliver: Journalism (HBO)
(youtube.com, Video, 19:22 Min.)
In dieser Ausgabe der US-amerikanischen satirische Late-Night-Show “Last Week Tonight” nimmt sich John Oliver den Journalismus, insbesondere den Lokaljournalismus vor. Dem CEO der “Newspaper Association of America” David Chavern gefällt Olivers satirisch überspitzte Sichtweise ganz und gar nicht, wie seiner Stellungnahme zu entnehmen ist. Die Kolumnistin der “New York Times” Margaret Sullivan kommentiert dies wie folgt: “And I, in turn, have a suggestion for Mr. Chavern. When someone hilariously and poignantly celebrates the industry that you are paid to defend and protect, you ought to laugh at the funny parts and then simply say “thank you.” Or maybe nothing at all.”

Informationsgier, Newskanal, Push-up-BHs

1. Müssen wir sie als Helden sterben lassen?
(faz.net, Judith Brosel)
Judith Brosel fragt in der “FAZ”, ob wir zur Aufarbeitung von Taten wie dem Münchner Amoklauf unbedingt Gesicht und Name des Täters brauchen: “Einer meiner Klassenkameraden beging selbst einen Amoklauf, nachdem wir im Unterricht über Winnenden sprachen. Unsere Gier nach Informationen fordert Nachahmer geradezu heraus – warum wollen wir trotzdem alles über die Täter wissen?”

2. Brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal?
(br.de, Daniel Bouhs, Audio, 4:27 Min.)
Am Freitagabend sei die ARD-Tagesschau nahtlos in die Tagesthemen übergegangen, die bis nachts um ein Uhr informierten. Ähnlich sei es beim ZDF gelaufen. Damit hätten die Sender auch auf Kritik nach Nizza und dem Türkei-Putschversuch reagiert, als ihnen vorgeworfen wurde, zu wenig Sondersendungen angeboten, zu viel Normalprogramm gesendet zu haben. Daniel Bouhs fragt, ob das ausreicht und ob wir einen öffentlich-rechtlichen Newskanal brauchen.

3. Amoklauf verändert das Bild von München im Ausland
(sueddeutsche.de, Julian Dörr)
Julian Dörr hat sich für die “SZ” durch die vielen internationalen Medienberichte zum Amoklauf von München geklickt und gibt in einer kleinen Presseschau die Sichtweise einiger ausländischer Medien wieder. Das Klischee von München als sicherster Stadt sei angekratzt…

4. Gestern in Reutlingen
(rkklha.wordpress.com, David Höhnerbach)
In Reutlingen kam es nach einem Streit zu einer Gewalttat, bei der die genaue Motivlage noch unklar ist. David Höhnerbach hat die lokale Berichterstattung dazu verfolgt. Er moniert die von den Medien verbreitete Erwähnung, um was es sich bei der Tat wohl nicht gehandelt habe: “Dabei geht es gar nicht um die in letzten Tagen vielfach diskutierte Frage, was Terror ist und was Amok, sondern dass ohne einen stichhaltigen Anhaltspunkt schon der mögliche terroristische Hintergrund erwähnt wird, nur um ihn dann zu negieren. Es stellt sich doch die Frage, warum derartige subtile Gefühle der Unsicherheit damit indirekt bestätigt werden. Denn es handelt sich doch um einen sehr seltsamen Effekt: ein blutiger Gewaltakt in der Öffentlichkeit, der vermutlich ohne politischen Hintergrund war, wird so in die Nähe des Terrors gerückt, obschon diese Nähe sogleich verneint wird.”

5. Dunja Hayali über die Arbeit beim ZDF
(youtube.com, Thilo Jung, Video, 1:15 Stunde)
Thilo Jung unterhält sich mehr als eine Stunde mit der Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali. Unter anderem auch darüber, warum uns die Nationalität eines Täters so brennend interessiert: “Die Schüler haben mich gefragt, warum gestern in der Zeitung stand, dass ein Deutsch-Marrokaner etwas geklaut hat. Dann haben sie gesagt: Wenn das jetzt ein Deutsch-Schwede gewesen wäre, würde es da doch nicht stehen. Und dann dachte ich: Wow, das stimmt! Wie kann das sein?”

6. Das passiert, wenn ich nur noch Überschriften lese
(welt.de, Peter Praschl)
“Überschriften sind die Push-up-BHs im Journalismus”, behauptet Peter Praschl in seiner “Welt”-Glosse. Trotz gepimpter Schlagzeilen falle es immer schwerer, die Aufmerksamkeit der Leser zu gewinnen: “59 Prozent aller auf Twitter geteilten Artikel werden nie gelesen. Von keinem einzigen Menschen, nicht einmal von jenen, die sie geteilt haben. Es kann also durchaus sein, dass einem auf Twitter ein Text empfohlen wird, dessen Überschrift “Bessere Orgasmen durch ‘Pokémon Go'” verspricht, in dem aber bloß steht, dass Elvis Presley wieder einmal gesichtet wurde, und niemandem würde es auffallen.”

Außerdem: Unsere gestrige “6 vor 9”-Sonderausgabe mit ausgesuchten Medienlinks zum Münchner Geschehen.

“6 vor 9”-Sonderausgabe zu den aktuellen Geschehnissen in der Türkei

1. Wie der Putschversuch zwei Journalistinnen berühmt machte
(sueddeutsche.de, Hakan Tanriverdi & Carolin Gasteiger)
Die “SZ” berichtet von zwei Journalistinnen, die das aktuelle Geschehen zu Personen der türkischen Zeitgeschichte gemacht hätte. Tijen Karaş, Nachrichtensprecherin beim regierungsfreundlichen Fernsehsender TRT, musste im Fernsehen eine Botschaft der Putschisten verlesen, während die Aufständischen ihre Waffen auf sie richteten. Başak Şengül moderierte sogar noch weiter, als bereits Soldaten im Gebäude waren. Ihre letzten Worte lauteten: “Ich möchte das Studio nicht verlassen.”

2. Putschisten besetzen Medien, töten Fotograf
(reporter-ohne-grenzen.de)
“Reporter ohne Grenzen” verurteilt das Vorgehen der Putschisten in der Türkei. Bei dem gescheiterten Umsturzversuch am Wochenende hatten aufständische Soldaten die Sitze mehrerer wichtiger Medienhäuser besetzt. Außerdem kam es zu Angriffen auf Journalisten, die als vermeintliche Putsch-Sympathisanten verdächtigt wurden, darunter der CNN Türk-Reporter und der Istanbul-Korrespondent der “Hürriyet”. Der Fotograf Mustafa Cambaz von der Zeitung Yeni Safak wurde von Soldaten erschossen, die auf eine Menschenmenge feuerten.

3. Putschversuch in Echtzeit: Wie Erdogan vom Netz profitiert hat
(spiegel.de, Christoph Seidler)
Der türkische Präsident ist in der Vergangenheit oft als Gegner des freien Internets aufgetreten. Nun haben ihm die sozialen Medien dabei geholfen, im Amt zu bleiben. Christoph Seidler schreibt dazu: “Natürlich ist es ironisch, dass ausgerechnet Erdogan von sozialen Netzwerken profitiert. Zehntausende missliebige Webseiten hat die türkische Regierung sperren lassen. Wieder und wieder hat der Präsident Front gemacht gegen Twitter, Facebook, YouTube und Co., vor allem nach den Gezi-Protesten. Nun haben ihm diese Dienste beim Erhalt seiner Macht entscheidend mitgeholfen.”

4. Warum sich die Öffentlichkeit nicht mehr aussperren lässt
(rp-online.de, Susanne Hamann)
Susanne Hamann macht darauf aufmerksam, dass sich die Öffentlichkeit nicht mehr aussperren lässt. Während des Putschversuchs in der Türkei seien die sozialen Medien und teilweise auch das Fernsehen gesperrt worden. Trotzdem hätte die ganze Welt verfolgen können, was in den Straßen Ankaras und Istanbuls vor sich ging: Per Livestream auf dem Smartphone.

5. Beim Putschversuch fehlte ein echter Nachrichtensender
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Nach Markus Ehrenberg offenbart der nächtliche Putschversuch in der Türkei erneut Schwächen in der Live-Berichterstattung. ARD und ZDF würden nur sehr sporadisch senden. Bei N-tv und N24 sei ebenfalls wenig zu sehen. Ehrenberg denkt über die möglichen Gründe nach.

6. Die Welt geht unter? Der “Tatort” bleibt
(welt.de, Christian Meier)
Auch “Welt”-Medienredakteur Christian Meier sieht das Verhalten von ARD und ZDF kritisch und stellt die Frage, wie es sein kann, dass der bestfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk der Welt bei einem solch dramatischen Ereignis wie dem Putschversuch in der Türkei einfach mit seinem lange geplanten Programm weitermache. “ARD und ZDF werden Jahr für Jahr mit acht Milliarden Euro finanziert. Da sollte zumindest auf dem ‘Ereigniskanal’ Phoenix das Programm umgeworfen werden. Doch da lief ‘Unter Eisbären — Überleben in der Arktis’.” Nachtrag: Marcel Pohlig hat zum Artikel von Christian Meier einige kritische Anmerkungen.

“Focus Online” fällt auf einen 85 Jahre alten Witz rein

Wenn eine, nun ja, Nachrichtenseite wie “Focus Online” ein Video veröffentlicht, in dem der Mitschnitt eines Gesprächs von 2003 zwischen der Besatzung eines Schiffs der US-Navy und einem Spanier zu hören ist, dann muss das schon ein besonderer Dialog sein. Die Leute bei “Focus Online” fanden das Ganze jedenfalls so gut, dass sie nur noch einen kurzen Aufsager vor die Unterhaltung gepackt haben und, zack!, raus damit:

Ein Funkgespräch, das offenbar Anfang 2000 entstanden ist, macht derzeit auf Facebook die Runde. Darin fordert ein Spanier ein Schiff der US-Navy auf den Kurs zu ändern. Der Schiffkapitän [sic] verlangt jedoch, dass der Spanier seine Route ändert. Dann wird es unendlich peinlich für den Kapitän.

Und tatsächlich ist das Gespräch recht kurios:

Spanier: Dies ist A-853, bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15°, um eine Kollision zu vermeiden. Sie fahren direkt auf uns zu. Distanz: 25 nautische Meilen.

US-Navy: Dies ist der Kapitän eines Schiffs der United States Navy. Wir bestehen darauf, dass Sie Ihren Kurs um 15° Nord ändern, um eine Kollision zu vermeiden.

Spanier: Das halten wir nicht für möglich oder angemessen. Wir schlagen vor, dass Sie Ihren Kurs um 15° Nord ändern.

US-Navy: Hier spricht Kapitän ***, Kommandeur des Flugzeugträgers U.S.S. *** [Auslassungen im Original], des zweitgrößten Flugzeugträgers der United States Navy. Wir werden von zwei Schlachtschiffen, sechs Zerstörern, fünf Kreuzern, vier U-Booten und Versorgungsschiffen begleitet. Wir sind aktuell unterwegs zum Persischen Golf, um in militärischen Manövern gegen den Irak teilzunehmen. Ich schlage nicht vor, ich befehle Ihnen, Ihren Kurs um 15° Nord zu ändern. Sonst sind wir gezwungen, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit dieser Flotte zu garantieren. Sie gehören zu einer verbündeten Nation, die Mitglied der NATO und der Koalition ist. Befolgen Sie sofort meinen Befehl und gehen Sie uns aus dem Weg.

Spanier: Hier spricht Juan Manual Salaas Alcantra. Wir sind zwei Personen, aktuell begleitet von unserem Hund, unserem Essen, zwei Bier und einem Kanarienvogel, der gerade schläft. Wir bekommen Unterstützung von “Coruna Daily Radio” und der “Maritime Emergencys Frequency no. 16”. Wie werden nirgends hingehen, da wir mit Ihnen vom Festland aus sprechen. Wir befinden uns im Leuchttum A-853 Finisterre an der galizischen Küste. Wir haben verdammt noch mal keine Ahnung, wo wir im Ranking der spanischen Leuchttürme stehen. Sie können jegliche Aktion vornehmen, die Sie für notwendig halten und verdammt noch mal mögen, um die Sicherheit Ihres Schiffs zu garantieren, das sonst an den Felsen zerschellen wird. Wir wiederholen noch einmal, dass das gesündeste und zu empfehlende Vorgehen eine Kursänderung von Ihnen um 15° ist, damit wir nicht miteinander kollidieren.

US-Navy: OK, angekommen, danke.

Nun könnte man misstrauisch werden, dass eine moderne Schiffsflotte keine ordentlichen Karten oder gut funktionierende Radar- und GPS-Systeme an Bord hat. Oder dass ein Navy-Kapitän Leuten, die er gar nicht kennt, davon erzählt, auf welcher Mission er und wie seine Flotte zusammengesetzt ist.

Tatsächlich ist das, was sich wie ein alter Witz liest, ein alter Witz. Die Geschichte vom wichtigtuerischen Navy-Kapitän, der großkotzig seinem Funk-Gegenüber droht, stammt in der von “Focus Online” verbreiteten Form mindestens aus den 1980er-Jahren. Eine abgewandelte Variante soll es bereits 1931 gegeben haben.

Es gibt verschiedene Versionen des Witzes: Mal ist es die U.S.S. Enterprise, die auf Kollisionskurs sein soll, mal die U.S.S. Missouri. Mal vor der Küste Neufundlands, mal vor Spanien. Es gibt einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu der Geschichte. Eine schwedische Firma, die Navigationsgeräte herstellt, hat aus ihr einen Werbespot gemacht, genauso eine spanische Biermarke.

Man hätte also rausfinden können, dass mit der Funkaufnahme etwas nicht stimmt (“Focus Online” merkt zumindest an einer Stelle an, dass unklar sei, ob es sich bei dem Audiomitschnitt “um Originalaufnahmen handelt.”). 2009 hat sogar die US-Navy auf den “Lighthouse Joke” offiziell reagiert:

The following is being transmitted around the Internet as an event that really took place, but it never happened. It is simply an old joke like those found in popular magazines

Sieben Jahre später sind dann auch die Fake-Video-Verbreiter von “Focus Online” darauf reingefallen.

Mit Dank an Alexander F.!

Nachtrag, 14. Juli: Die Leute von “Focus Online” haben den Witz inzwischen verstanden und die Überschrift ihres Artikel entscheidend geändert:

Im Artikel ist ein neuer Absatz hinzugekommen:

Was FOCUS Online zunächst entgangen war: Es handelt sich dabei um Satire. Aufgrund des freundlichen Hinweises von “Bildblog” haben wir unseren Fehler nun bemerkt und korrigiert.

Ehrlich gesagt wäre unser “freundlicher Hinweis” aber gar nicht nötig gewesen. Die Mitarbeiter von “Focus Online” hätten sich einfach mal die Kommentare ihrer eigenen Leser anschauen müssen — da gab es von Anfang an reichlich Protest, dass es sich um einen alten Witz handelt.

Amerikanische Mädchen, Türkische Presse, Europäische Fußballer

1. Lux-Leaks-Prozess: Bewährungsstrafen für Whistleblower
(sueddeutsche.de, Bastian Brinkmann)
Dass sich deutsche und internationale Konzerne mit Unterstützung Luxemburgs vor Steuerzahlungen in Milliardenhöhe drücken, konnte nur bewiesen werden, weil zwei ehemalige Mitarbeiter der Beraterfirma PwC entsprechende Unterlagen an die Presse weitergaben. Diese Papiere bildeten die Basis für “Lux-Leaks”, eine weltweite Recherche des “Internationalen Konsortiums Investigativer Journalisten”, unter anderem mit “SZ”, “Guardian” und “Le Monde”. Die Whistleblower, die damit eine europaweite Debatte und Veränderungen im Steuerrecht angestoßen haben, stehen nun erneut im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Jedoch nicht als Preisträger eines Preises für Zivilcourage und gesellschaftliches Engagement, sondern weil sie zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt wurden.

2. Die geheime Welt von Mädchen im Bann der sozialen Medien
(welt.de, Uwe Schmitt)
“American Girls – Social Media and the Secret Lives of Teenagers”, so heißt das Buch der “Vanity Fair”-Reporterin und Jugendkultur-Spezialistin Nancy Jo Sales. Uwe Schmitt von der “Welt” stellt das Buch samt Diagnose vor und diskutiert die in manchen Rezensionen geäußerten Kritikpunkte.

3. Liebe Presse: Gedanken zum EM-Honorar-Skandal
(wortvogel.de, Torsten Dewi.)
Torsten Dewi hat ein Problem mit der Berichterstattung um die angeblich exorbitante Honorare von kommentierenden Fußball-Promis im Fernsehen: “Mir fällt auch auf, dass die Ex-Spieler gar nicht wirklich die konkreten Summen bestreiten. So wird sich eher darauf berufen, dass man ja mehrjährige Verträge mit den Sendern habe und deshalb die Errechnung von “Tagesgagen” Unsinn sei. Das klingt für mich nicht nach Gegenangriff, sondern nach Salami-Taktik. Vor allem habe ich das Gefühl, dass viele Kollegen den Ex-Spielern und den Sendern allzu willfährig dabei helfen, Nebelkerzen zu werfen, anstatt die einzige Frage zu recherchieren und zu beantworten, die tatsächlich Aufklärung brächte: Wie viel Geld bekommen Kahn und Scholl eigentlich für ihre (je nach Auslegung) schlauen Sprüche?” (Anmerkung des 6-vor-9-Kurators: Zum Ringen um Zahlen siehe auch die Mitschrift der ARD Pressekonferenz bei “Planet Interview”)

4. Nach der letzten Instanz
(konkret-magazin.de, Marcus Hammerschmitt)
Buchautor Marcus Hammerschmidt kommentiert im Juni-Heft von “konkret” und online die Reaktion der Verlage auf das VG-Wort-Urteil des BGHs. Dieses untersagt den Verlagen die bisherige Praxis, sich bei der für die Autoren gedachten Urheberrechtsabgabe zu bedienen. Die Verlage würden die bisherige Selbstbedienungspraxis mit einem angeblichen “gentlemen’s agreement” verteidigen. Hammerschmitt dazu: “Um diesen Stuss unter die Leute zu bringen, benutzt man vorzugsweise die komplett Ahnungslosen und die bis zur Besinnungslosigkeit Überangepassten unter den Autoren selbst.”

5. Kritiker unerwünscht: Pressefreiheit in der Türkei
(de.ejo-online.eu, Kristina Karasu)
Die freie Journalistin und Filmemacherin Kristina Karasu berichtet Besorgniserregendes aus der Türkei: Fast alle Medien seien mittlerweile auf Regierungslinie, kritische Journalisten würden als Terror-Unterstützer gelten, Dutzende würden wegen Präsidentenbeleidigung angeklagt. Und wer aus den Kurdengebieten berichte, begebe sich in große Gefahr. Der größte Verlierer sei die Bevölkerung. Nicht nur die Meinungsfreiheit stünde auf dem Spiel – sondern langfristig auch der soziale Frieden.

6. Euro 2016: Reportieren für Fortgeschrittene
(youtube.com, Video, 2:52)
Boris Rosenkranz von “Übermedien” erklärt mit verschiedenen Videobeispielen und in unter drei Minuten, wie Sie zum Star der EM-Reporter werden.

Querfront, Queerfront, Querschuss

1. Zur Kritik am Artikel über eine Rechtsextremismus-Studie
(spiegel.de, Benjamin Schulz)
Die Universität Leipzig hat vor kurzem die Studie “Die enthemmte Mitte, Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland” veröffentlicht. Die Ergebnisse stießen auf große Aufmerksamkeit. Der Branchendienst “kress” kritisierte die Berichterstattung der Medien und erwähnte explizit den Artikel von Spiegel Online: “Den Vogel schoss Spiegel Online ab – die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus.” Der Autor des kritisierten Spiegel-Beitrags bezieht nun Stellung.

2. Was die „Zeit“ über Homophobie lernen könnte, wenn sie es denn wollte
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der “Zeit” vom 16. Juni 2016 konnte man auf der Titelseite einen Satz lesen, der für Irritationen sorgte („Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“). Johannes Kram erläuterte in seinem Beitrag „Die schrecklich-nette Homophobie der “Zeit”” , warum er den Satz für “hammerhomophob” hält. Mittlerweile hat sich der Autor der beanstandeten Passage in den Kommentaren zu Wort gemeldet. Und macht die Sache nur schlimmer, wie Johannes Kram findet.

3. Wo die Zukunft der Unterhaltung produziert wird
(sueddeutsche.de, Michael Moorstedt)
Die deutsche Youtube-Niederlassung in Berlin hat erstmalig 16 ausgewählte Nutzer zum einwöchigen Lehrgang eingeladen. Auf dem Lehrplan standen Dinge wie Audience Development, Selbstpromotion, Kameraführung und Beleuchtung. Michael Moorstedt von der “SZ” nimmt den Leser mit ins hippe Bootcamp der “Creator”, wie Youtube seine Videolieferanten nennt. Eine muntere Mischung der verschiedensten Genres hatte man dort zusammengeführt: Von Indie-Poesie bis zu Kiffer- und Pimmel-Witzen war alles dabei.

4. Heftige Kritik an “kress”-Bericht über “Millionen-Honorare”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Branchendienst “kress pro” hat in einem Beitrag (Überschrift: “Mein teurer Scholli”) die Honorare kritisiert, die Fußballexperten wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn bei ARD und ZDF angeblich kassieren würden. Von bis zu 50.000 Euro am Tag war die Rede. Die ARD hat mit heftigen Worten dementiert (“gleicht beinahe schon vorsätzlicher Bösartigkeit”). Als Betroffener hat sich Ex-National-Torhüter Oliver Kahn auf Facebook zu den Zahlen geäußert: “Hierbei handelt es sich um eine eklatante Falschmeldung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Kress.de verbreitet eine Fehlinformation, die bewusst Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit in Kauf nimmt und den Zuschauern die Freude an der Berichterstattung vermiesen soll. Auch die Redakteure der anderen Online-Dienste, die diese Fehlinformation ungeprüft weiterverbreiten, möchte ich an ihre publizistische Verantwortung erinnern.”

5. Neue Dimensionen des Hasses
(amadeu-antonio-stiftung.de)
Die Amadeu Antonio Stiftung hat den “Monitoringbericht zu rechtsextremen und menschenverachtenden Phänomenen im Social Web für 2015/2016” veröffentlicht. Die Hetze in den Sozialen Medien spitze sich weiter zu. Die Dimensionen des Hasses würden von rassistischer Hetze, die Meldungen über Attacken auf geflüchtete Menschen und Brandanschläge auf Asylunterkünfte bejubeln, bis hin zur Hetze gegen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten, Verwaltung und Politik reichen. Die Vorsitzende der Stiftung Anetta Kahane: “Im Social Web beobachten wir zudem die Bildung einer gefährlichen Querfront aus unterschiedlichsten politischen Spektren, die aber zunehmend einen gemeinsamen Nenner finden und das ist der »Hass gegen das System.” Link zum Bericht in voller Länge.

6. Nackt im Kartenhaus: Der Enthüllungsjournalismus der Zoe Barnes – House of Cards
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Patrick Torma hat sich die hochgelobte Netflix-Serie “House of Cards” näher angesehen. Obwohl man an anderer Stelle viel Gutes über die Serie sagen könne, zeige sich “HoC” in der Darstellung von Journalistinnen reichlich reaktionär.

Stimmungsmache, Meinungsmache, Videomache

1. Ein Spektakel der Medien
(de.ejo-online.eu, Stephan Russ-Mohl)
An verschiedenen Stellen wurde den britischen Medien der Vorwurf gemacht, bei der Entscheidung über den Brexit Stimmung gemacht und sich zum Teil der Leave-Fraktion gemacht zu haben. Auch Journalismus-Professor Stephan Russ-Mohl findet kritische Worte über die Rolle der Medien im Vereinigten Königreich. Diese hätten ihre Macht missbraucht, Ausnahmen wie “Guardian”, “Financial Times”, “Economist” und die “BBC” hätten dem offenbar zu wenig entgegenzusetzen.

2. A!122 – Claus Klebers “Silicon Valley”
(aufwachen-podcast.de, Stefan Schulz & Tilo Jung & Jörg Wagner)
Vor einigen Tagen lief im ZDF die Claus-Kleber-Doku „Schöne neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt“ (Link zum Film in der ZDF-Mediathek.) Die aufwändig produzierte Dokumentation erhielt viel Lob, z.B. von der “FAZ”. Doch es gab auch Kritik. Im Aufwachen-Podcast haben Stefan Schulz (Buchautor “Redaktionsschluss”), Tilo Jung (Youtubekanal “Jung und Naiv”) und Medienmagazin-Macher Jörg Wagner zwei Stunden über den Film gestritten. Gut investierte Hörzeit, um sich eine eigene Meinung zu Film und Gesamtthematik zu bilden.

3. Investigativer Journalismus, Teil 3: Eine kritische Betrachtung
(fachjournalist.de, Ann-Kathrin Lindemann)
Im dritten Teil der Artikelserie über investigativen Journalismus werden Probleme und Grenzen des Genres behandelt. Es geht dabei um ethische Gesichtspunkte wie z.B. die Gefahr einer Instrumentalisierung durch Dritte. Im Ausblick geht es schließlich um das leidige Thema Finanzen und das Für und Wider der Finanzierungsalternative Crowdfunding.

4. „Ich bin kein Fotoroboter“
(freitag.de, Hendrik Hassel)
Christoph Bangert arbeitet als Fotograf in Krisengebieten, unter anderem für internationale Zeitungen wie die “New York Times”. Von seinen Reisen in Kriegsberichte bringt er jedes Mal Bilder zurück, die von keiner Zeitung gedruckt wurden. Vor zwei Jahren hat er einige der das Leiden und Sterben im Krieg dokumentierenden Bilder im Band “War Porn” zusammengefasst. Nun ist sein neues Buch “Hello Camel” erschienen, bei dem es vor allem um die Absurdität des Krieges geht.

5. Live, exklusiv und unterhaltend: Was wir von Happy Snapping für Snapchat lernen können
(zeitgeist.rp-online.de, Henning Bulka)
Online-Redakteur und Snapchat-Fan Philipp Steuer hat in Hamburg mit drei Mitstreitern ein Event zum Thema organisiert, das mit 200 Besuchern aus allen Nähten platzte. Inhaltlich ging es um die Frage, wie der Instant-Messaging-Dienst bei der journalistischen Arbeit eingesetzt werden kann. Der Social-Media-Redakteur bei “RP Online” Henning Bulkau hat zusammengefasst, was er aus der Veranstaltung für sich an Erkenntnissen mitgenommen hat.

6. Wie ein “Handelsblatt”-Reporter die Weltdienste narrt: Agenturen ziehen “Fake”-Bild zum Brexit zurück
(kress.de, Bülend Ürük)
Der Handelsblatt-Korrespondent Mathias Brüggmann rühmt sich auf der Webseite des “Handelsblatt” mit einer Undercover-Aktion. Er habe sich mit Union-Jack-Papphütchen, Papierfähnchen und “Vote to leave”-Sticker ausgestattet, auf die Wahlparty der rechtskonservativen Brexit-Befürworter Ukip begeben. Um möglichst dicht an die Ukip-Führung heranzukommen, wie er sagt. Brüggmann wird von großen Nachrichtenagenturen als Brexitbefürworter abfotografiert, die Fotos gehen zunächst um die Welt, werden jedoch nach Bekanntwerden des Schwindels wieder gelöscht. Bülend Ürük von “kress.de” steht der Aktion skeptisch gegenüber und fragt: “Was wollte der deutsche Journalist erreichen?”

Satzverlust, Autorengewinn, Orakelbilanz

1. Beitrag Steinmeiers erscheint in Russland ohne Ukraine-Bezug
(faz.net, Majid Sattar & Reinhard Veser)
Die “FAZ” berichtet von einem merkwürdigen Satzverlust: Zum 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion habe Bundesaußenminister Steinmeier einen Gastbeitrag geschrieben, in dem er auch die Ukraine-Politik Putins kritisiert habe. (“Die völkerrechtswidrige einseitige Veränderung von Grenzen und die Nichtachtung der territorialen Integrität von Nachbarstaaten — all das führt uns in überwunden geglaubte Zeiten zurück, die sich niemand wünschen kann.”) In den auf Russisch veröffentlichten Versionen des Beitrags in der ukrainischen Zeitung „Serkalo Nedeli“ und der weißrussischen Zeitung „Sowjetskaja Belorussija“ sei der Satz enthalten. Die russische Zeitung „Kommersant“ habe nach Informationen der “FAZ” von der deutschen Botschaft in Moskau jedoch eine Übersetzung erhalten, in der dieser Passus fehlte. Das Auswärtige Amt bedauere den Vorgang und spreche von der Weitergabe einer “nicht autorisierten Fassung”.

2. Darf Lünstroth wieder?
(seemoz.de, H. Reile)
Beim “Südkurier” in Konstanz wurde ein langjähriger Journalist abgemahnt und in die Schreibtisch-Verbannung geschickt. Über die exakten Gründe wurde und wird fleißig spekuliert, vielen erscheint es als Strafe für allzu kritische und offene Berichterstattung. Einen ausführlichen Bericht zur Causa Südkurier kann man bei der “Kontext Wochenzeitung” lesen, die den von unterschiedlichsten Interessenlagen geprägten Konflikt zusammengefasst hat. Nun wurde der seit rund einem Monat mit Schreibverbot belegte Südkurier-Redakteur wieder auf der Pressebank einer Kulturausschuss-Sitzung gesichtet.

3. 10 (ideale) Tugenden und Werte für junge Journalisten von Morgen
(vocer.org, Marcus Nicolini)
Marcus Nicolini ist Leiter der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung und bildet seit 16 Jahren Journalisten aus. In zehn Thesen stellt er vor, was seiner Meinung nach an persönlichen Kompetenzen, Werten und Tugenden erforderlich sei, um in den Journalismus zu starten. Einiges davon können sich auch erfahrene Kollegen in Erinnerung rufen.

4. Rekordausschüttung für Autoren
(journalist.de, Monika Lungmus)
Warmer Geldregen für Autoren: Die VG-Wort konnte ihre Einnahmen nahezu verdoppeln, da die Geräteindustrie nachträglich gut 155 Millionen Euro als Reprografie-Abgabe an die Verwertungsgesellschaft abführt. Verantwortlich für diesen außergewöhnlichen Zuwachs sei eine Vergleichsvereinbarung, die die VG Wort mit dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) abschließen konnte. Darin ging es um strittige Druckervergütungen für den Zeitraum von 2001 bis 2007, die nun pauschal abgegolten wurden. Hinzu kämen noch etwaige Nachzahlungen, die sich aus dem jüngsten BGH-Urteil ergäben.

5. Werner Reinke: “Das Radio begeht gerade Selbstmord”
(dwdl.de, Alexander Krei)
Das Medienmagazin “dwdl” hat mit dem Hörfunkmoderator Werner Reinke gesprochen, der vielen als Radiolegende gilt. Reinke sieht die Zukunft des Radios düster, aber nicht ausweglos: “Das Medium Radio begeht gerade Selbstmord. Einen sehr schleichenden zwar, aber es begeht Selbstmord. Wir Radioleute müssen viel schneller reagieren auf die neuen Anforderungen und Konsumgewohnheiten, sind viel zu träge in dem, was wir machen. Neue Konkurrenz wie Spotify und Last.fm nehmen wir viel zu wenig wahr. Wir müssten jetzt endlich anfangen, intelligente Inhalte zu liefern, um ein Einschaltradio zu machen. Die Playlists, die hier Land auf, Land ab laufen, kann Ihnen Spotify zu jeder Zeit bieten, nicht aber den Mehrwert, der entsteht, wenn wir konsequent auf gute Inhalte setzen würden.”

6. EM 2016: Orakeltiere suchen ein Zuhause
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 3:11)
“Wir wissen, wer Europameister wird! Exklusiv! Naja, nicht ganz. Alle wissen, wer Europameister wird. Und alle wissen etwas anderes. Im Fernsehen haben sie Gockel befragt. Und Stachelschweine. Und Glaskugeln. Echt wahr!”

Sechs Fäuste für ein Halleluja

Die neue Ausgabe von “Compact” ist da. Und wie jeden Monat beglückwünschen sich “Compact”-Chef Jürgen Elsässer, Redakteur Marc Dassen und CvD Martin-Müller Mertens auf Youtube gegenseitig zum neuen Heft.

Traditionell geht es dabei zuerst um das wahnsinnig originelle Titelblatt. Dassen meint, das Cover der Mai-Ausgabe zeige “sozusagen eine Christin und ihr sanftes Antlitz sozusagen, ihre Frömmigkeit”, worauf sein Chef Elsässer ergänzt: “Ihre Wehrlosigkeit auch.”

Eine sanfte, fromme, wehrlose Christin also:

Gut, ganz so sanft und wehrlos scheint die Dame allerdings doch nicht zu sein, wenn man sich mal dieses Foto von ihr anschaut:

Und fromm? Nun ja:

Wir wissen nicht, ob die Coverfrau tatsächlich gläubige Christin ist, wie die Redakteure suggerieren. Zweifelsohne aber ist sie ein Modell für Stockfotos, also für relativ günstig zu lizenzierende Fotografien, die auf Vorrat produziert werden. In besonderem Maße authentisch, wie man das von einem Magazin mit dem Slogan “Mut zur Wahrheit” vielleicht annehmen könnte, ist das Bild jedenfalls nicht.

Aber schlechte Titelbilder sind kein Alleinstellungsmerkmal, also genug der Oberflächlichkeiten. Was liefert die Mai-Ausgabe von “Compact” inhaltlich?

Es geht um Christenverfolgung. Genauer gesagt: um die “neue” Christenverfolgung. Wir hatten schon vor zwei Monaten darauf hingewiesen, dass das Thema keineswegs so neu ist, wie “Compact”-Lesern glauben gemacht wird, und eher zu den Dauerbrennern der von dem Magazin so betitelten “Lügenmedien” gehört.

Nun meint Marc Dassen, Christen würden nicht mehr nur in Syrien verfolgt werden, denn:

Das gleiche sehen wir jetzt auch immer wieder, wenn wir die Medien verfolgen, zum Beispiel in den Flüchtlingsunterkünften, wo also Christen eine Minderheit sind, die sehr stark unter Beschuss ist.

Dass er das Thema selbst aus den Medien kennt, hindert ihn nicht daran, einige Sätze später zu behaupten, man habe “in den Massenmedien nicht so richtig viel darüber gelesen und gehört.” Ein außerordentlicher Fall von selektiver Wahrnehmung.

Die Wortwahl seines Chefredakteurs Jürgen Elsässer ist eindeutiger:

Die Monopolpresse spricht ja immer über die Islamophobie, dass die Muslime verfolgt werden, aber dass unsere hauptsächliche Glaubensrichtung, das Christentum, auch so stark unter Druck steht, wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte seit dem Mittelalter, das wird natürlich ausgeblendet vom Mainstream.

Was Elsässer ausblendet, wird klar, wenn man sich noch einmal sein offenbar etwas angestaubtes Schulwissen bewusst macht: Das Ende des Mittelalters markiert Luthers Reformation, in Folge derer sich Christen unterschiedlicher Konfession in Europa etwa 200 Jahre lang gegenseitig verfolgten und ermordeten, bis sich mit der Aufklärung langsam die Idee religiöser Toleranz durchsetzte. Elsässer setzt die heutige Situation mit dem Dreißigjährigen Krieg gleich, der verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen drei und elf Millionen Todesopfer forderte.

Die Zahlen für eine solche irre Behauptung soll Martin Müller-Mertens und Federico Bischoffs Titelgeschichte liefern. Darin zählen sie zunächst islamistische Terrorakte rund um Ostern auf, darunter die Falschmeldung, dass ein katholischer Priester im Jemen am Karfreitag gekreuzigt worden sei.

Dann sollen Daten den Ernst der Lage untermauern. Jeder zehnte Christ lebe “in Angst vor Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung” soll der Wiener Präsident der katholischen Organisation “Pro Oriente” “offenbart” haben. Mal abgesehen davon, dass nicht nachvollziehbar ist, wie er zu dieser Zahl kommt: Diskriminierung und Ermordung sind derart unterschiedliche Dinge, dass sie getrennt gezählt werden müssten. Wenn Menschen in Angst vor etwas leben, sagt das auch wenig über die reale Bedrohung aus — man könnte sich etwa fürchten, weil man den “Compact”-Artikel zu ernst nimmt, deshalb wird man noch lange nicht tatsächlich verfolgt.

Weiter werden Zahlen des evangelikalen Hilfswerks “Open Doors” genannt — die sowohl von der evangelischen als auch der katholischen Kirche als unseriös abgelehnt werden, weil sie nicht überprüfbar sind. Der hinsichtlich heimlichen Sympathien mit Islamisten eher unverdächtige Leiter der Auslandsredaktion der Katholischen Nachrichtenagentur, Alexander Brüggemann, hat vor einem halben Jahr in einem Gastbeitrag für die “Zeit” erklärt, was die Zahlen bedeuten, und kam zu folgendem Schluss:

Die statistische Erfassung des Phänomens ist extrem schwierig.

Selbst die “Compact”-Autoren landen schließlich selbst bei viel kleineren Opferzahlen. 130.000 bis 170.000 christliche “Märtyrer” sollen es laut der Studie “The Price of Freedom Denied” pro Jahr sein. “Zahlen, die kein Gehör in der Öffentlichkeit finden”, meinen Müller-Mertens und Bischoff. Zahlen, die sie vermutlich aus der Wikipedia oder dem dort zitierten Artikel aus der “Weltwoche” haben.

Diese letztgenannten Daten kursieren tatsächlich relativ weit. Problematisch sind sie trotzdem. Der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, hat sich für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte mit der Zahl beschäftigt:

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, dem Deutschen Bundestag oder dem Europäischen Parlament und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Außerdem wurden sie aus dem Kontext gerissen. Die Autoren von “The Price of Freedom Denied”, die sich das aufgeladene Wort “Märtyrer” nicht zueigen machen, zitieren nämlich wiederum selbst nur ihre Quelle, das päpstliche Missionswerk “Kirche in Not”. Zudem argumentieren sie in ihrer Studie genau umgekehrt zu Compact:

Grim and Finke argue that it is not religious identity itself that is the force behind much religious conflict, but legal and social restriction of religious freedom. They argue that it is in the most pluralistic and religiously liberal societies that levels of persecution are at their lowest, not in the cultural monopolies of Huntington’s theory.

Die Einschränkung der Religionsfreiheit stehe hinter religiösen Konflikten. Ein Ergebnis, das bei Compact kein Gehör findet.

Dort suggeriert man lieber, dass einzelne Vorfälle der letzten fünf Jahre, über die beispielsweise in der “Welt” berichtet wurde, Zeichen für eine breite Christenverfolgung seien. Bald könnte es in Europa zugehen wie im Islamischen Staat, so der Tenor.

Ein weiterer Artikel in der aktuellen “Compact”-Ausgabe beschuldigt Papst Franziskus, sich den “Terroristen und Islamisten” zu unterwerfen. Denn:

So ergriff Papst Franziskus – ausgerechnet am Gründonnerstag, ausgerechnet zwei Tage nach dem Blutbad in Brüssel – die Gelegenheit, in einem Asylheim bei Castelnuovo di Porto einem Dutzend Asylbewerbern in einer pompösen Zeremonie zuerst die Füße zu waschen und diese dann zu küssen.

Es seien “solche Unterwerfungsgesten”, schreibt der Autor, “die das Christentum wehrlos machen. Wenn die eigenen Werte für wichtig und richtig gehalten werden, dürfen sie nicht auf dem Altar einer falsch verstandenen Liberalität geopfert werden.” In der Bildunterschrift heißt es:

Unterwerfungsgeste: Papst Franziskus wäscht und küsst muslimischen Flüchtlingen die Füße

Dass es durchaus christliche Flüchtlinge sein könnten — an der Fußwaschung nahmen nämlich auch Katholiken aus Nigeria teil — erwähnt “Compact” freilich nicht (deutet aber immerhin im Artikel an, dass es nicht ausschließlich Muslime waren: “Unter den auf diese Weise verwöhnten waren auch vier Muslime”).

Denn, so viel sollte klar geworden sein, für “Compact” ist die von den Mainstreammedien angeblich verschwiegene Christenverfolgung bloß ein weiterer Vorwand, um Fremdenfeindlichkeit zu schüren.

Der Rest des Titelthema-Abschnitts besteht dementsprechend aus Warnungen vor dem Islamismus, stets unter der Prämisse, vor diesem würde noch nicht genug gewarnt oder er sei sogar insgeheim gewollt. Auch ein Vorabdruck von Akif Pirinçcis neuesten Ausfällen soll etwas zum Thema beitragen.

Wir wissen nicht, wie es die “Compact”-Redakteure selbst mit der Religion halten. Sollte jedoch im Paradies eine ähnlich strenge Grenzpolitik herrschen, wie das Blatt sie für Europa propagiert, könnte sich die Einreise der Redaktion aufgrund von Verstößen gegen das achte Gebot erheblich verzögern.

Blättern:  1 ... 87 88 89 ... 150