1. Attila Hildmann gibt Juden die Schuld – und verteidigt Hitler (tagesspiegel.de, Sebastian Leber)
“Tagesspiegel”-Autor Sebastian Leber berichtet über einen Fall von Antisemitismus im Netz. Der Berliner Kochbuchautor Attila Hildmann behaupte, jüdische Familien würden die “deutsche Rasse auslöschen” wollen. Neben seinen antisemitischen Ausfällen verbreite Hildmann verstärkt Reichsbürger-Ideologie. Bei der Polizei seien bereits mehrere Strafanzeigen gegen Hildmann eingegangen.
Weiterer Lesehinweis: “Justizministerin Lambrecht verschärft den Kampf gegen strafbare Hetze im Netz mit einem weitreichenden Gesetz. Die Maßnahmen könnten helfen, bergen aber auch Gefahren.” Max Hoppenstedt analysiert für den “Spiegel” das neue Gesetz gegen Hate Speech. Der Deutsche Journalisten-Verband hat ebenfalls Bedenken und kritisiert das Antihassgesetz als “Schlag gegen den Informantenschutz und das Redaktionsgeheimnis”.
2. Der Prinzenfonds (fragdenstaat.de)
Nach Angaben von “FragDenStaat” geht der Hohenzollern-Vertreter Georg Friedrich Prinz von Preußen mit Abmahnungen und Klagen gegen aus seiner Sicht unerwünschte Berichterstattung vor – vor allem in Zusammenhang mit der Erforschung der Rolle der Hohenzollern im Nationalsozialismus und daraus resultierenden Auswirkungen auf die Entschädigungsforderungen der Familie. Georg Friedrich Prinz von Preußen habe in den vergangenen Jahren dutzende Personen aus Wissenschaft, Journalismus und Politik für Äußerungen zur Geschichte und Gegenwart der Hohenzollern abgemahnt und verklagt. “FragDenStaat” hat daraufhin einen Rechtshilfefonds für Betroffene gegründet, der sich vor allem über Spenden trägt.
3. Theodor-Wolff-Preis für Hans-Georg Gottfried Dittmann, Katja Füchsel, Tina Kaiser, Katrin Langhans und Julia Schaaf (bdzv.de)
Der Theodor-Wolff-Preis wird vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ausgeschrieben und ist mit insgesamt 30.000 Euro dotiert. Die fünf Preise zu je 6.000 Euro gehen dieses Jahr an Julia Schaaf (“FAS”), Hans-Georg Gottfried Dittmann (“Mindener Tageblatt”), Katja Füchsel (“Tagesspiegel”), Tina Kaiser (“Welt am Sonntag”) und Katrin Langhans (“Süddeutsche Zeitung”). An der Ausschreibung hätten sich 401 Journalistinnen und Journalisten beteiligt.
4. nr-Jahresbericht 2019 (netzwerkrecherche.org, Franziska Senkel)
Beim Netzwerk Recherche geht es vor allem um die “Förderung der Bildung durch Vermittlung von Recherchetechniken, Vermittlung von Wissen über professionelle Recherche zur Qualitätssteigerung der Medienberichterstattung, Erfahrungsaustausch über investigativen Journalismus”. Der Blick in den aktuellen Jahresbericht (PDF) ist auch für Nicht-Mitglieder interessant.
Weiterer Teilnahmehinweis: Heute und morgen findet die normalerweise analoge Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche als Webinarreihe statt. Das Thema in diesem Jahr: “Corona und wir – Wie das Virus unsere Arbeit verändert”. Eine Anmeldung ist nötig, die Teilnahme ist kostenlos.
5. So hat Kurzgesagt-Gründer Philipp Dettmer mit Erklärvideos eine Milliarde Views gemacht (omr.com, Torben Lux, Audio: 1:02:41 Stunden)
Beim “OMR”-Podcast ist Philipp Dettmer zu Besuch, der Gründer des erfolgreichen Youtube-Kanals “Kurzgesagt”. Hinter dem Kanal mit meist zehnminütigen Erklärvideos stecke ein mittlerweile 35-köpfiges Team. Vor sieben Jahren gegründet, habe “Kurzgesagt” inzwischen 12,2 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten und über eine Milliarde Views. Im Gespräch verrät Dettmer das dahinterstehende Geschäftsmodell und erklärt, welche Themen am besten funktionieren und weshalb “Kurzgesagt” von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wird.
6. Mallorca-Touristen begeistert von Medien empfangen (uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video: 2:34 Minuten)
“Lockdown beendet: Anfang der Woche durften die ersten Urlauberinnen und Urlauber wieder nach Mallorca fliegen. Allerdings könnte es sein, dass die meisten ‘Urlauber’ dort einfach Journalistinnen und Journalisten sind.” Boris Rosenkranz hat das mediale Mallorca-Geplapper in ein zweieinhalbminütiges Video gegossen.
1. Die Verhöhnung der Presse (faz.net, Constantin van Lijnden, Video: 31:00 Minuten)
In seinem Video “Die Zerstörung der Presse” rechnet Youtuber Rezo mit verschiedenen Medien ab. Vor allem hat er es auf Boulevardredaktionen und Titel der Regenbogenpresse abgesehen, erhebt aber auch anderen Medien gegenüber schwere Vorwürfe. Ein Dreh- und Angelpunkt seines Videos ist eine Untersuchung, bei der er selbst der Untersuchungsgegenstand ist: Rezo hatte sich angeschaut, wie über ihn berichtet wurde. Die Berichterstattung der “FAZ” sei dabei seiner Ansicht nach besonders fehlerhaft gewesen. Dort hat man nun mit einem Antwortvideo reagiert, das gleichzeitig eine Art Gegenschlag ist. Rezo “verbrämt eine persönliche Abrechnung als aufklärerische Medienkritik – und bedient sich dabei genau der manipulativen Techniken, die er zu entlarven vorgibt.” (Wer lieber lesen statt schauen möchte: Hier gibt es die schriftliche Stellungnahme zum Vorwurf falscher Berichterstattung.)
Weiterer Lesehinweis: Nahezu zeitgleich erschien bei Welt.de eine Stellungnahme: Rezos “Zerstörung der Presse” im Faktencheck (welt.de, Curd Wunderlich).
2. “Bento” wird eingestellt (taz.de, Volkan Agar)
Noch im vergangenen Jahr hatte der “Spiegel” seinem Ableger für junge Leute “Bento” einen Relaunch spendiert, doch nun ist es vorbei mit dem “Spiegel”-Jugendmedium: “Bento” werde zum Herbst eingestellt. Das Zielpublikum unter 30 Jahren werde von da an mit einem neuen Angebot bedient. Von der Auflösung seien 16 Redakteurinnen und Redakteure betroffen – das neue Angebot (Arbeitstitel: “Spiegel Start”) soll jedoch nur fünf Stellen umfassen. Ohne Namen zu nennen, zitiert die “taz” einen Betroffenen: “Wir haben jahrelang über prekäre Arbeit berichtet, jetzt erleben wir sie selbst. Was heute mit uns geht, wird morgen auch mit allen anderen Mitarbeitern des Verlags möglich sein.”
3. Medienmanager und Chefredakteure: Entscheiden Sie, wie viel “vor Corona” Sie wirklich zurückhaben wollen! (kress.de, Christian Lindner)
Medienberater Christian Lindner wendet sich mit einem Aufruf an die Führungskräfte der Medienwelt, der gleichzeitig eine Abrechnung mit der bisherigen Unternehmenskultur ist: “Wir haben etwa die Arbeit im Homeoffice vor Corona eher ferngehalten als forciert. Wir schätzten es, jeden unserer Leute rufen lassen und fünf Minuten später in unserem Büro sprechen zu können. Wir haben es im doppelten Sinne gebraucht, durch unsere belebten Verlagsräume gehen zu können. Wir waren es gewohnt, dabei mit wachem Auge und siebtem Sinn das komplexe Räderwerk des Medienschaffens zu checken und bei Bedarf einzugreifen. Wir haben uns dabei aber auch als Führungskraft inszeniert. Jetzt müssen wir uns fragen, warum uns die Präsenz unserer Leute im Verlag eigentlich wichtiger war als ihr Output.”
4. “Es gibt Menschen, die werde ich nie überzeugen können” (dwdl.de, Alexander Krei)
Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin, erfolgreiche Wissenschafts-Youtuberin, TV-Moderatorin und Wissensvermittlerin. Im Interview mit “DWDL” geht es um ihren Blick auf die Berichterstattung in den Medien und um den Umgang mit Kritik, Hassmails und Drohungen. Außerdem macht sie auf die ihrer Ansicht nach bestehenden Defizite bei der schulischen Wissensvermittlung aufmerksam: “Man muss sich mit Geschichte und Politik auskennen. Aber was jetzt die drei Hauptsätze der Thermodynamik sind, nein, das muss mein Kind doch nicht wissen – das wird oft als Freak-Wissen abgetan. Oder noch einfacher: Wer weiß heutzutage schon, was der Unterschied zwischen einem Virus und einem Bakterium ist? Da überrascht es nicht, dass einem ein Xavier Naidoo da interessante Möglichkeiten liefern kann.”
5. Roland Tichy scheitert mit erneuter Klage gegen Claudia Roth (tagesspiegel.de)
Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth hatte in einem Interview der “Augsburger Allgemeinen” in Zusammenhang mit der neurechten Plattform “Tichys Einblick” von einem “Geschäftsmodell” gesprochen, das “auf Hetze und Falschbehauptungen beruhe”. Dagegen war Plattformbetreiber Roland Tichy, zunächst erfolglos, juristisch vorgegangen und ist nun auch im zweiten Anlauf gescheitert.
6. Mensch, Christoph (spiegel.de, Barbara Hans)
“Wir sind damit nicht einverstanden”, schreibt “Spiegel”-Chefredakteurin Barbara Hans zum Tod von Christoph Sydow, der seit 2012 als Nahost-Experte für das Nachrichtenmagazin gearbeitet hat und sich vor wenigen Tagen, im Alter von 35 Jahren, das Leben genommen hat: “Wir können nur ahnen, wie verzweifelt Christoph gewesen sein muss, diesen Schritt zu gehen. Dass er nicht mehr die Möglichkeiten des Lebens sah: die Verheißungen, die Chancen, den Genuss – sondern nur noch die Last. Wir blicken voller Zuneigung, Wertschätzung, Hochachtung auf den Menschen, der Christoph war. Wir blicken voller Trauer auf den Tod, den er gewählt hat. Wir sind mit seiner Entscheidung nicht einverstanden.”
Weiterer Lesehinweis: Beim Magazin “Zenith” trauert man um einen Freund und Kollegen und blickt auf die gemeinsame Zeit zurück. Ein Nachruf, der einem den Menschen Christoph Sydow noch einmal ganz nah werden lässt. (Solltest Du Suizid-Gedanken haben, dann gibt es Menschen, die Dir helfen können, aus dieser Krise herauszufinden. Eine erste schnelle und unkomplizierte Hilfe bekommst Du etwa bei der “TelefonSeelsorge”, die Du kostenlos per Mail, Chat oder Telefon (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222 und 116 123) erreichen kannst.)
1. Neue Studie zeigt Wirksamkeit von Gegenrede im Netz (netzpolitik.org, Daniel Laufer)
Viele erinnern sich noch an die von Jan Böhmermann initiierte Aktion “Reconquista Internet” zur Abwehr der rechten Trollarmee “Reconquista Germanica”. Nun haben US-amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Aktion untersucht und festgestellt, dass organisierte Gegenrede tatsächlich ein wirksames Mittel gegen Hass im Netz sein könnte. Böhmermann fasst zusammen: “Die Studie belegt erstmals empirisch, was wir mit ‘Reconquista Internet’ praktisch erfahren haben: Wer organisierten Hass, rassistische Hetze oder die cleveren Diskursverschiebungskampagnen rechtsextremistischer Netzwerke im Internet erfolgreich bekämpfen will, muss wissen, wie diese verdeckten Manipulationsnetzwerke arbeiten, sie analysieren und gegen sie aktiv werden”.
2. Wenn Peking die Bilder liefert (sueddeutsche.de, Lea Deuber)
Am 15. Juni soll die SWR-Dokumentation “Inside Wuhan” im Format “Story im Ersten” laufen, doch es gibt bereits im Vorfeld Kritik an der Produktion. Der Titel klinge, als habe sich der SWR für die Zuschauerinnen und Zuschauer auf Spurensuche in Wuhan begeben. Es sei jedoch kein eigenes Team entsendet worden, stattdessen sei mit Material der chinesischen Propagandabehörden gearbeitet worden.
3. Die schlimmste App der Welt (youtube.com, Walulis, Video: 10:36 Minuten)
Als “die schlimmste App der Welt” und das “Darknet des kleinen Mannes” bezeichnet Philipp Walulis den Messengerdienst Telegram. Die WhatsApp-Alternative habe sich mittlerweile zu einem Spielplatz für Verschwörungserzähler wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo entwickelt, die dort ungestört agieren könnten. Gegründet worden sei der Dienst von Pawel Durow, der zuvor bereits das in Russland meistgenutzte Soziale Netzwerk Vk.com gegründet habe, dann aber in Ungnade gefallen sei und heute seinen Geschäften von Dubai aus nachgehe.
4. Das Milliardenspiel (spiegel.de, Peter Ahrens & Jörn Meyn)
Derzeit liegen die Live-Rechte für die Fußball-Bundesliga vor allem beim Bezahlsender Sky, doch das könne sich bald ändern: Bis zum 19. Juni laufe die Ausschreibungsfrist für die TV-Rechte an den Spielzeiten 2021/2022 bis 2024/2025. Peter Ahrens und Jörn Meyn erklären, welche Rechtepakete zum Verkauf stehen, wer alles mitbietet, und welche Rolle Amazon dabei spielt. Außerdem geht es natürlich um die Frage, ob eine weitere Gewinnexplosion zu erwarten ist.
5. Bundesverfassungsgericht verrät vorab seine Urteile (tagesspiegel.de, Jost-Müller Neuhof)
Es gibt Kritik an der Veröffentlichungspraxis des in Karlsruhe sitzenden Bundesverfassungsgerichts. Noch vor der offiziellen Verkündung der Urteile, teile das Gericht Informationen zu seinen Entscheidungen vor Ort einem kleinen Kreis ausgewählter Journalistinnen und Journalisten mit. In rund der Hälfte der Fälle würden diese Exklusiv-Infos an Vertreterinnen und Vertreter von ARD und ZDF gehen. Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert das Vorgehen des Gerichts als “befremdlich und nicht mehr zeitgemäß”.
6. Youporn, Pornhub und MyDirtyHobby bekommen Post (faz.net)
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geht gegen drei reichweitenstarke Pornoportale vor, die in der gegenwärtigen Form nicht weiterbetrieben werden dürften. Die Websites würden gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag verstoßen, indem sie Pornografie frei zugänglich machen würden, ohne sicherzustellen, dass Kinder keinen Zugang haben. Es dürfte ein zähes Ringen werden, denn das dahinterstehende Unternehmen hat seinen Sitz auf Zypern. Die KJM gibt sich jedoch kämpferisch und könne nötigenfalls auf das Mittel der Netzsperre zurückgreifen.
1. Berliner Justizbeamter behindert ZDF-Dreh bei Prozess gegen einen Rechtsextremisten (netzpolitik.org, Daniel Laufer)
Als ein ZDF-Fernsehteam gestern von einem Prozess gegen einen Rechtsextremisten berichten wollte, wurde es von einem Berliner Justizbeamten an der Arbeit gehindert und körperlich angegangen. Obwohl sich das Team um den Journalisten Arndt Ginzel zuvor ordnungsgemäß beim Landgericht für die Dreharbeiten akkreditiert hatte. netzpolitik.org zeigt Videoaufnahmen des Vorgangs, die an die absurden Szenen mit dem “Hutbürger” erinnern (“Sie haben mich ins Gesicht gefilmt!”). Ein Sprecher des Justizsenators habe Aufklärung versprochen: “Selbstverständlich wird der Fall aufgearbeitet.”
2. “Unprofessionell und leichtfertig”: Ethikwächter rügen Storymachine (stern.de, Hans-Martin Tillack)
Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) versteht sich als Selbstkontrollorgan der PR-Wirtschaft. In dieser Funktion hat sich der DRPR mit den Aktivitäten der Berliner Agentur Storymachine zur medialen Vermarktung der viel diskutierten Heinsberg-Studie befasst und eine Rüge ausgesprochen. Die Agentur habe “leichtfertig und unprofessionell agiert und zu einer nachhaltigen Verunsicherung der Öffentlichkeit beigetragen”. Storymachine wolle nun rechtliche Schritte gegen das Kontrollorgan prüfen. Hans-Martin Tillack geht in seinem Beitrag auch auf die Hintergründe der Agentur ein, die 2017 vom ehemaligen “Bild”-Herausgeber Kai Diekmann, dem Eventmanager Michael Mronz und dem ehemaligen stern.de-Chef Philipp Jessen gegründet worden ist und mittlerweile 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen soll. Außerdem hat sich Tillack angeschaut, für wen die umtriebige PR-Agentur noch alles arbeitet beziehungsweise arbeitete. Mit dabei: die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die die Agentur-Dienste jedoch privat bezahle.
3. Kampagne statt Kritik: Was bei «Bild» vs. Drosten schief lief (medienwoche.ch, Sarah Kohler)
Im Zusammenhang mit den Angriffen der “Bild”-Medien auf den Virologen Christian Drosten erklärt Sarah Kohler die wissenschaftliche Veröffentlichungspraxis über Vorabveröffentlichungen (Preprints) und den sich daran anschließenden Begutachtungsprozess. Kohler konstatiert: “Die Kampagne der Boulevardzeitung basierte auf einer verzerrten Sichtweise auf das moderne Wissenschaftssystem. Diskussion und Kritik sind eine Notwendigkeit für die Wissenschaft. Deswegen ist Kritik an wissenschaftlichen Studien, zumal an deklarierten Vorabveröffentlichungen, nicht die Zurschaustellung eines Mangels. Sie dient vielmehr dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt. Die «Bild»-Zeitung stellt also einen normalen Vorgang als Problem dar, indem sie die Kritik an einem vorläufigen Befund als absolut hinstellt.”
4. Warum vor allem Männer uns das Virus erklären (deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 5:00 Minuten)
Bei vielen Medien werden die Chefposten von Männern besetzt, und auch in den Medien selbst kommen Frauen seltener zu Wort als Männer. Letzteres falle gerade während der Corona-Pandemie auf: Interviewt würden fast immer männliche Experten. Es sei ein strukturelles Problem, dem sich aber konkret begegnen lasse. Der Verein ProQuote stelle beispielsweise eine Liste von qualifizierten Corona-Expertinnen zur Verfügung.
5. Rezo-Zerstörung der Presse: Ein Faktencheck (berliner-zeitung.de, Kai-Hinrich Renner)
Der Youtuber Rezo hat in seinem aktuellen Video zahlreichen Medien vorgeworfen, fehlerhaft über ihn berichtet zu haben, und dies in einer Excel-Tabelle dokumentiert. Die “Berliner Zeitung” sei auf eine Falschmeldungsquote von 55 Prozent gekommen – ein Wert, den das Medium nicht auf sich sitzen lassen will.
6. ARD-Chef macht gratis Programm für “Bild” (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Warum schreibt ein ARD-Vorsitzender und WDR-Intendant ausgerechnet für ein unseriöses Presseorgan wie “Bild”? Diese Frage hat sich Stefan Niggemeier bei der Lektüre eines “Bild”-Artikels von Tom Buhrow gestellt und sie, zusammen mit einigen anderen Fragen, flugs an den WDR weitergeleitet. Die Antwort fiel knapp aus und entsprach inhaltlich einem “weil er es kann”. Niggemeier kommentiert: “ARD und ZDF sind seit Jahren Ziel von Kampagnen der ‘Bild’-Zeitung. Die ‘Bild’-Zeitung ist seit Jahrzehnten Symbol für Verantwortungslosigkeit im Journalismus. Der WDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende aber hat kein Problem damit, sich unentgeltlich in den Dienst dieses Mediums zu stellen.”
1. Hilfe, Papa glaubt an die Impfverschwörung! (zeit.de, Pia Lamberty & Katharina Nocun)
Vor wenigen Tagen erschien das Buch “Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” des Autorinnen-Duos Lamberty und Nocun. Beide bringen die notwendige Expertise mit: Pia Lamberty als Psychologin und Katharina Nocun als Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin. Für “Zeit Online” haben sie in einem Gastbeitrag zehn Tipps aufgeschrieben, wie man mit Verschwörungsgläubigen in der Bekanntschaft und Verwandtschaft umgehen kann.
2. “Vertraut eurem Publikum!” (journalist.de, Sophie Burkhardt)
Seit mittlerweile fünf Jahren ist Sophie Burkhardt Programmgeschäftsführerin von Funk, dem Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Damit ist sie mitverantwortlich für erfolgreiche Wissenskanäle wie “Dinge erklärt – Kurzgesagt”, “MaiLab” oder “MrWissen2Go” sowie für Reportageformate wie “Y-Kollektiv” oder “Follow me.reports” (manche dieser Formate gab es allerdings auch schon, bevor es Funk gab). In “Mein Blick auf den Journalismus” erzählt sie in angenehmer Offenheit von der Arbeit für die junge Zielgruppe, einem Publikum, dem man durchaus mit Vertrauen begegnen könne: “Die digitale Welt macht es noch leichter, vor allem die verzerrte und hasserfüllte Fratze des ‘Lesers’ zu sehen. Ihn vor allem für ein potenzielles Opfer von Verschwörungstheorien zu halten. Das hat auch mit uns Journalist*innen etwas gemacht. Es hat uns müde gemacht, mürbe, passiv-aggressiv oder an manchen Tagen zynisch, sarkastisch, auch oberlehrerhaft. Gerade die Arbeit mit einem sehr jungen Publikum hat mir aber gezeigt, dass es oft sehr viel weniger Grund zum Misstrauen gibt, als wir denken.”
Weiterer Lesehinweis: Am Ende des Beitrags sind die weiteren Folgen der “journalist”-Serie “Mein Blick auf den Journalismus” aufgeführt, die allesamt die Lektüre wert sind.
3. Zwischen Titelstory und Trauerbewältigung (hessenschau.de, Bodo Weissenborn)
Mit dem Hashtag #100tagehanau erinnerte der Hessische Rundfunk (hr) an den Terroranschlag, bei dem ein Täter aus rassistischen Gründen neun Menschen (und anschließend seine Mutter und sich selbst) erschoss. “Hessenschau”-Reporter Bodo Weissenborn war am Tag nach dem Anschlag für den hr in Hanau. “Dieser
Einsatz hat mich noch länger beschäftigt, nicht nur wegen des Ereignisses an sich, sondern auch, weil ich den Eindruck hatte, als Journalist Teil einer problematischen Konstellation vor Ort geworden zu sein.” Es sind einige sehr persönliche und nachdenklich machende Beobachtungen, die Weissenborn aufgeschrieben hat.
4. So attackieren Zoom-Bomber private Videokonferenzen mit Kinderpornografie (vice.com, Sebastian Meineck & Paul Schwenn)
In Zeiten von Social Distancing und Home-Office finden viele Besprechungen als Videokonferenzen statt. Dabei wird oft die Software Zoom Meetings verwendet, ein Dienst, mit dem sich Nutzerinnen und Nutzer via App oder Web zusammenschalten. Leider wurden einige dieser digitalen Treffen in der Vergangenheit von sogenannten “Zoombombern” angegriffen, die fremde Videokonferenzen kapern und dort teilweise kinderpornografisches Material hinterlassen. “Vice” ist dem Thema nachgegangen: “Unsere Recherchen zeigen, wie Trolle die technischen Schwächen von Zoom ausnutzen, um massenhaft ungeschützte Videokonferenzen zu attackieren. In versteckten Foren feiern Hunderte von ihnen ihre Erfolge. Einige radikalisieren sich dabei in rechtsextremen Chat-Kanälen.”
5. @rezomusik erwähnt die Ethikstandards im #Pressekodex … (twitter.com/PresseratDE)
Der Deutsche Presserat twitterte in einer Antwort auf das jüngste medienkritische Video des Youtubers Rezo: “@rezomusik erwähnt die Ethikstandards im #Pressekodex und Verstöße dagegen. Zur Wahrheit gehört auch, dass der überwiegende Teil der Berichte in Zeitungen u. Zeitschriften presseethisch einwandfrei ist: Von 2175 Beschwerden waren 2019 nur 233 begründet.” Medienkritiker Stefan Niggemeier entgegnete darauf mit einiger Berechtigung: “Hurra! Die Mehrheit der Berichte in Zeitungen und Zeitschriften ist presseethisch einwandfrei. (Im Ernst: Wie niedrig will man die Latte denn legen?)”
Weiterer Lesehinweis: Hier gibt es eine Übersicht zur Presserat-Statistik für 2019.
Weiterer Gucktipp: Markus Beckedahl von netzpolitik.org hatte sich bei der virtuellen re:publica mit Rezo zum Videogespräch getroffen. Im ersten Teil (Mitte Mai veröffentlicht) geht es unter anderem um Rezos Selbstverständnis als Künstler und seine Motivation, im zweiten Teil (gestern veröffentlicht) vor allem um netzpolitische Themen.
6. #Blackouttuesday: Das Social Web setzt ein Zeichen gegen Rassismus (meedia.de, Nils Jacobsen)
Wer am gestrigen Dienstag durch Instagram scrollte, sah viele schwarze Bildtafeln mit dem Hashtag #Blackouttuesday. Viele Nutzer und Nutzerinnen wollten anlässlich der Geschehnisse in den USA ein Zeichen gegen Rassismus setzen und verzichteten auf das Veröffentlichen der üblichen Bilder und Selfies. An der Aktion beteiligten sich auch einige Weltstars der Popmusik – von Ariana Grande über Rihanna bis zu Taylor Swift.
1. Die Zerstörung der Presse (netzpolitik.org, Markus Reuter)
“Die Zerstörung der Presse” nennt Rezo sein neues Video, in dem er sich fast eine Stunde nicht nur mit den Auswüchsen des Boulevardjournalismus und den Methoden der Regenbogenpresse, sondern auch mit den Unzulänglichkeiten der seriösen Medien beschäftigt. Markus Reuter hat das Video gesehen und zieht folgendes Fazit: “Regelmäßigen Leser:innen von Bildblog oder Übermedien wird Rezos Video nicht allzuviel Neues bringen. Aber das ist egal: Es ist eine unterhaltsame, solide und vor allem konstruktive Medienkritik, die Rezo da auf seine Weise für ein großes Publikum produziert. Und das kann nun wirklich kein Fehler sein.” Dieser Einschätzung schließt sich der “6 vor 9”-Kurator an, empfiehlt das Video jedoch ausdrücklich auch den BILDblog-Leserinnen und -Lesern.
Weiterer Lesehinweis: Youtuber Rezo übt schonungslose Medienkritik (rbb24.de, Daniel Bouhs).
2. Brutale Gewalt gegen Journalisten bei Protesten (reporter-ohne-grenzen.de)
In den USA kam es im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt zu zahlreichen Protesten. Dabei habe es mindestens 68 Übergriffe auf Medienschaffende gegeben. Journalistinnen und Journalisten seien mit Gummigeschossen, Pfefferspray und Tränengas angegriffen und vertrieben worden. “Es war vorauszusehen, dass die Art von Präsident Trump, die Medien zu dämonisieren und ein klares Feindbild aufzubauen, tatsächlich zu Gewalt führen würde. Die beispiellose Brutalität, mit der sowohl die Polizei als auch Protestierende in den vergangenen Tagen auf Reporterinnen und Reporter losgegangen sind, ist das Ergebnis dieser feindseligen Rhetorik”, so Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen.
Weiterer Gucktipp: Auf Twitter kann man sehen, wie ein Reporter und ein Team der Deutschen Welle wiederholt von der Polizei beschossen und bedroht werden: Video 1 und Video 2.
Weiterer Lesehinweis: Police targeted journalists covering the George Floyd protests (vox.com, Katelyn Burns, in englischer Sprache).
3. Corona und wir – Die Tagesthemen-Moderatorin (spotify.com, Imre Grimm, Audio: 36:31 Minuten)
Imre Grimm leitet beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” das Gesellschaftsressort und veröffentlicht regelmäßig den Podcast “Corona und wir”. In der aktuellen Folge spricht er mit der “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga über die Berichterstattung zur Corona-Pandemie, die Abläufe im Sender sowie die Vor- und Anwürfe von verschwörungsgläubigen Zuschauern und Zuschauerinnen.
Wer Spotify nicht nutzen will oder kann, kann den Podcast bei radio.de anhören (allerdings können wir dort nicht direkt zur aktuellen Folge verlinken).
4. Das letzte “Hoff zum Sonntag”: The Last Time – Der Abgesang (dwdl.de, Hans Hoff)
Der Medienkolumnist Hans Hoff verabschiedet sich in den Ruhestand und packt in seiner letzten Kolumne nochmal die schönsten Anekdoten seiner Karriere aus. Dabei sind einige herrliche Begegnungen mit Promis und Fehleinschätzungen zu internationalen Popstars. Hoff hat es sogar mal zu einer Erwähnung im BILDblog gebracht, die wir jedoch für längst verjährt erachten. Viel öfter haben wir ihn hier in den “6 vor 9” zur Lektüre empfohlen. Lieber Hans Hoff, falls Sie hier mitlesen: Wir werden Sie vermissen und wünschen Ihnen alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!
Weiterer Lesehinweis: WDR-Intendant Tom Buhrow wünscht Hoff in einem Gastbeitrag zum Abschied in den Ruhestand alles Gute: “Ich war oft Zielscheibe seiner Kritik. Dennoch: Die Artikel von Hans Hoff werden mir fehlen, wenn er demnächst in den Ruhestand geht.” (dwdl.de).
5. Polizeiwillkür muss Folgen haben (taz.de, Malte Kreutzfeldt)
Ein bedenklicher Angriff auf die Pressefreiheit sei derzeit in Nordrhein-Westfalen zu beobachten, so Malte Kreutzfeldt in der “taz”. Die Polizei Recklinghausen habe mehreren Journalisten und Journalistinnen Aufenthaltsverbote für die Straßen rund um das Gelände des Kohlekraftwerks Datteln IV erteilt. In einem Schreiben habe die Polizei mitgeteilt, dass die betroffenen Reporter und Reporterinnen sich ihre Informationen bei der Pressestelle der Polizei einholen könnten. Damit gäbe es keinen Grund, sich dem Kraftwerk zu nähern.
6. Was wurde aus… Sex-Werbung im Videotext? (spiegel.de, Markus Böhm)
Videotext wird 40 Jahre alt. Ein Großteil der Infotafeln war von Anbeginn an mit Kurznachrichten, Klatsch, Wetterbericht, Fernsehprogramm und Aktienkursen gefüllt. Es gab aber auch die Schmuddelecke, in der teure 0190-Hotlines mit “scharfen Hausfrauen” und “gierigen Schülerinnen” beworben wurden, versehen mit Nacktbildern in Klötzchengrafik. Zum Videotext-Jubiläum hat sich Markus Böhm noch einmal durch die Teletext-Erotikwelten von Sendern wie RTL II, Sat.1 und Sport1 geklickt beziehungsweise geschaltet.
1. Nachtreten bis zum Umfallen (faz.net, Michael Hanfeld)
“FAZ”-Medienredakteur Michael Hanfeld kritisiert die kampagnenartige Berichterstattung der “Bild”-Medien über beziehungsweise gegen den Virologen Christian Drosten. Hanfeld kritisiert aber auch den “Tagesspiegel”-Beitrag des Biochemikers Alexander Kekulé, der “nicht einmal mit den grundlegenden Gepflogenheiten des Wissenschaftsdiskurses vertraut sei”. Hanfelds Fazit: “So nimmt die Debatte einen Verlauf, wie ihn sich die ‘Bild’ mit ihrer zerstörerischen Macht wünscht. Sie steckt andere mit ihrem Antiaufklärungsvirus an, von dessen Symptomen wir uns bei dieser Gelegenheit abermals überzeugen können. Sie verdreht Fakten und Zusammenhänge, und sie verdreht den Kopf. Dass das Boulevardblatt davon je genesen werde, damit rechnen wir nicht.”
Weiterer Lesehinweis: Friede Springer beklagt sich über Bild-Chefredakteur Julian Reichelt (berliner-zeitung.de, Kai-Hinrich Renner).
2. Frankfurter Buchmesse 2020 (3sat.de, Nil Varol, Video: 3:26 Minuten)
Lange wurde mit einer Absage gerechnet, doch die Frankfurter Buchmesse soll auch in diesem Jahr stattfinden, wenn auch in abgespeckter Form. Dies verkündeten gestern die Verantwortlichen via Videokonferenz. 3sat hat einige kleine Verlage nach ihren Reaktionen und Erwartungen gefragt. Von den großen Publikumsverlagen hätten bereits einige abgesagt, darunter Branchenriesen wie Random House (u.a. Goldmann, Heyne, Blanvalet, Penguin, Luchterhand, DVA, Der Hörverlag), Holtzbrinck (Rowohlt, S. Fischer, Droemer Knaur, Kiepenheuer & Witsch und Argon) und Bonnier (Carlsen, Piper, Ullstein, ArsEdition, Münchner Verlagsgruppe, Thienemann und Hörbuch Hamburg).
3. Zu Gast: Der Virologe (sueddeutsche.de, Theresa Hein)
Eine neue Studie hat sich mit der Geschlechterverteilung in der aktuellen Corona-Berichterstattung beschäftigt und bestätigt das, was man bereits ahnte: Als Experten rund um die Corona-Thematik kommen meist Männer zu Wort. Eine weitere Studie sei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Der Schwede Max Berggren habe die Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung in Online-Auftritten deutscher Printmedien untersucht und auch dort meist Männer identifiziert.
Weiterer Lesehinweis: Aus dem Jahr 2019, aber dennoch interessant, weil es das Analysetool Prognosis vorstellt, mit dem der Datenjournalist Berggren Online-Auftritte von Zeitungen scannt: “Zeitungen funktionieren als Spiegel der Gesellschaft” (sueddeutsche.de, Anna Steinbauer).
4. Twitter, Google und Facebook wehren sich gegen Trumps Dekret (spiegel.de)
That escalated quickly: Nachdem Twitter einen Trump-Tweet mit einem Faktenchecker-Hinweis versehen hat, erließ der US-Präsident in Windeseile ein Dekret, mit dem er Soziale Medien stärker in die Haftung und damit dominieren will.
Weiterer Lesehinweis: Wer mehr über die Hintergründe erfahren möchte, sei Tomas Rudls Einordnung des Vorgangs bei netzpolitik.org empfohlen: Der mächtigste Mann der Welt, das ewige Opfer.
5. Amazon: will good take care of you? (youtube.com, Friedrich Küppersbusch, Video: 5:16 Minuten)
Friedrich Küppersbusch ist sauer: “F*ck°ng relentless: Wie die weltweit größte Niedriglohnkeimschleuder amazon zum Müttergenesungswerk mit Bücherregal avanciert.” Hintergrund sind die übereinstimmenden und wortgleichen PR-Lobhudeleien auf das Unternehmen Amazon, die in diversen amerikanischen Nachrichtensendungen als Pseudo-Nachricht verlesen wurden.
6. Presserat: “Bild” hält sich nicht an den Opferschutz (dwdl.de, Timo Niemeier)
Der Presserat hat sechs Rügen an Medien für Verstöße gegen den Pressekodex ausgesprochen — fünf davon gingen an “Bild” beziehungsweise Bild.de. Wie schon so oft wurde vor allem der ungenügende Opferschutz gerügt.
Weitere Guckempfehlung: Die Autorin und Satirikerin Sarah Bosetti hat “Post für die Bild-Zeitung”: “Liebe Bild, ich möchte Euch beglückwünschen. Ihr habt geschafft, was noch kaum jemandem gelungen ist. Ihr könnt die Welt zu einem besseren Ort machen. Alles, was Ihr dafür tun müsst, ist: nicht mehr arbeiten.” (facebook.com, radioeins, Video, 2:00 Minuten).
1. Warum Drosten die “Bild”-Zeitung so scharf angeht (tagesspiegel.de, Tilman Schröter & Gloria Geyer)
Der Chefvirologe der Berliner Charité Christian Drosten ärgert sich über eine Anfrage der “Bild”-Zeitung, die er als tendenziös und unfair empfand. Noch dazu hatte man ihm zur Beantwortung der komplexen Fragestellung lediglich eine Antwortzeit von einer Stunde eingeräumt. In der Anfrage, die eher einer Konfrontation glich, hatte sich “Bild” auf verschiedene Wissenschaftler bezogen, von denen sich mehrere sofort von dieser Art der Berichterstattung distanzierten.
Weiterer Lesehinweis: Wissenschaftler distanzieren sich im Streit um Drosten-Studie von “Bild” (turi2.de, Benjamin Horbelt). Lesenswert ist auch das Interview von Alexander Kühn mit dem vermeintlichen “Bild”-Kronzeugen, dem deutschen Ökonomen Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt: “Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem ‘Bild’-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.” (spiegel.de)
Und selbst altgedienten “Bild”-Recken wie Georg Streiter ist das Vorgehen seiner ehemaligen Kollegen unangenehm, wie auf Facebook zu lesen ist: “Selbst wenn man die nur als niederträchtig zu bezeichnenden ‘Recherche’-Methoden von Herrn Piatov ignoriert (darüber ist schon ausreichend geschrieben worden), bleibt festzustellen: Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt.”
Außerdem aus unserem Archiv: Wie die “Bild”-Redaktion mit schmutzigen Tricks versucht, Christian Drosten zu zerlegen.
2. Ein Spotify für Journalismus? (message-online.com, Pauline Tillmann)
Medien erleben die Corona-Krise als eine höchst paradoxe Zeit: Einerseits sind sie als Informationslieferanten wertvoll wie noch nie und verzeichnen explodierende Online-Abrufe. Andererseits brechen die Anzeigeneinnahmen in dramatischer und existenzbedrohender Weise ein. Wie können Gegenstrategien aussehen? Könnten Spotify, Netflix und andere Streamingdienste Beispiele für neue Geschäftsmodelle sein? Was ist nötig, um die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus zu verbessern. Anhaltspunkte dafür können laut Pauline Tillmann Modelle wie die “Krautreporter”, das Schweizer Digitalmagazin “Republik” und der Abo-Abwickler Steady liefern (Offenlegung: Wir nutzen Steady als einen Weg, über den man uns unterstützen kann).
3. Jung & Live mit Bernhard Pörksen (youtube.com, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 2:04:00 Stunden)
Zwei kurzweilige Stunden ohne überfrachtetes Medien-Blabla, sondern mit dem spürbaren Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen: Bei “Jung & live” war der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zu Besuch. In dem Gespräch mit Tilo Jung und Hans Jessen geht es um die mediale Wahrnehmung der Corona-Pandemie, die Kunst des Miteinander-Redens, Filter-Bubbles und Filter-Clashs sowie die große Gereiztheit in unserer Gesellschaft. Schön ist auch die Anekdote, wie Pörksen bei einer Talkshow-Teilnahme von einem anderen Talkshow-Gast “bestohlen” wurde.
4. Netflix: Wer nicht glotzt, fliegt raus (wuv.de)
Normalerweise freuen sich Unternehmen darüber, wenn zahlende Kundinnen und Kunden die Dienste nicht in Anspruch nehmen (bei Fitnessstudios scheint dies gar zum Geschäftsprinzip zu gehören). Nicht so beim Video-Streaming-Dienst Netflix: Dort wolle man inaktiven Nutzerinnen und Nutzern (oder genauer: Nicht-Nutzerinnen und -Nutzern) das Konto künftig automatisch kündigen. Dies betreffe jene, die ihr Konto seit zwei Jahren nicht mehr genutzt haben oder die ein Jahr nach ihrer Anmeldung nicht in Erscheinung getreten sind. Die Zahl dieser Fälle sei höher als man erwartet: Die Rede ist von mehr als 900.000 Konten.
5. Böse Überraschungen (taz.de, Lotta Laoire)
Die Kamera-Assistentin Lea R. ist nach eigenen Angaben ein Opfer von Polizeigewalt geworden. Ein Polizist habe ihr am 1. Mai in Berlin mit voller Absicht ins Gesicht geschlagen, während ihr Team eine Festnahme aufgenommen habe. Die medizinischen Folgen für die 22-Jährige seien gravierend. Derzeit sei unklar, ob ihre abgebrochenen Schneidezähne überhaupt repariert werden können. Die Ermittlung des Täters in den Polizeireihen gestalte sich, wie oft bei derartigen Fällen, als schwierig bis unmöglich. Laut einer Studie komme es nur in rund zwei Prozent der Fälle von Polizeigewalt zu Gerichtsverfahren.
6. Pixel-Nacktbilder und SMS-Chats: Der Teletext wird 40 (rnd.de, Matthias Schwarzer)
Man mag es kaum glauben, aber Teletext wird auch 40 Jahre nach seiner Erstausstrahlung immer noch fleißig aufgerufen. Die Rede ist von mehr als zehn Millionen täglichen Nutzerinnen und Nutzern. Matthias Schwarzer lässt die vergangenen 40 Jahre Revue passieren und versucht die Frage zu beantworten, warum der Dienst bei vielen Menschen immer noch so beliebt ist — jenseits des nostalgischen Retrocharmes.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben es nicht leicht in diesen Tagen. Laien behaupten, es besser zu wissen, oder kokettieren sogar damit, keine Ahnung zu haben, und lassen sich als Querköpfe feiern. Und dann schaltet sich, wenn’s ganz schlecht läuft, auch noch die “Bild”-Redaktion ein.
Der “Faktencheck” der beiden “Bild”-Redakteure Timo Lokoschat und Filipp Piatov ist bereits rund zwei Wochen alt. Aber ein genauerer Blick lohnt sich noch immer, denn der Beitrag zeigt, mit welch unsauberen Methoden die “Bild”-Medien arbeiten, wenn sie eine Person, in diesem Fall Karl Lauterbach, abschießen wollen: Sie zitieren falsch, sie reißen Studien aus dem Zusammenhang, sie überbetonen bestimmte Aspekte, lassen andere komplett weg.
Ein Check zum “Faktencheck”.
1. “Lockdown”
“Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam”, behauptete Lauterbach im Talk bei Markus Lanz am Dienstag. Die Forscher der ETH Zürich widersprechen: In einer viel beachteten Studie schreiben sie, dass Ausgangssperren zu den “am wenigsten effektiven Maßnahmen” gehören. Auch den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge sanken die Infektionszahlen bereits VOR dem Lockdown.
… schreibt “Bild”. Bereits in einem früheren Artikel (der auch aus anderen Gründen Unfug war) hat sich die Redaktion auf die Schweizer Studie berufen und sie, wie auch hier, falsch angewendet. In der Untersuchung der ETH Zürich (PDF) haben die Forscherinnen und Forscher genau definiert, was sie mit “Lockdown” meinen — nämlich nicht das, was in den meisten deutschen Bundesländern bis vor Kurzem galt. Die Definition der ETH:
Lockdown: Prohibition of movement without valid reason (e.g., restricting mobility except to/from work, local supermarkets, and pharmacies)
Nach dieser Definition gab es in Deutschland keinen flächendeckenden “Lockdown”. Klar, Karl Lauterbach nutzte den eigentlich unpassenden Begriff selbst, Lokoschat und Piatov griffen ihn letztlich nur auf. Aber die zwei “Bild”-Redakteure sind es, die ihn in den falschen Zusammenhang mit der Schweizer Studie bringen. Das, was dort unter “Lockdown” verstanden wird, die strikte Mobilitätseinschränkung, traf nur auf eine Handvoll Bundesländer zu, und das nicht mal die ganze Zeit. Die Maßnahmen, die hingegen tatsächlich bundesweit galten, unter anderem das Versammlungsverbot, Grenzschließungen, die Schließung von Kinos, Theatern und Konzertsälen sowie die Schließung von nicht systemrelevanten Betrieben, zählt die Studie zu den “effektivsten Maßnahmen”. Diese Maßnahmen dürfte Lauterbach auch mit “Lockdown” gemeint haben.
Die Behauptung von Lokoschat und Piatov, die Infektionszahlen seien laut RKI schon vor dem “Lockdown” gesunken, ist rein statistisch durchaus zutreffend. Aber erstens ist das kein Beweis dafür, dass die Maßnahmen nichts gebracht hätten. Und zweitens verkennen die “Bild”-Autoren einen wichtigen Punkt: Mit “Lockdown” müssten sie die am 22. März beschlossenen bundesweiten Kontaktbeschränkungen meinen, die am 23. März in Kraft traten. In den Zahlen des RKI erkennt man tatsächlich nach einem Höhepunkt am 16. März einen Rückgang der Erkrankungsfälle (allerdings nur einen leichten auf hohem Niveau), also eine Woche vor der Einführung der Kontaktbeschränkungen. Bloß: Auch schon vor dem 23. März gab es Maßnahmen, die später zum “Lockdown” gezählt wurden — etwa die Absage von Großveranstaltungen (9. März) oder das Schließen der meisten Schulen und Kitas (16. März). Auch die Mobilität der Menschen verringerte sich bereits vor den Kontaktbeschränkungen erheblich. All das hatte schon vor dem 23. März eine Wirkung, wie Ranga Yogeshwar in einem Video anschaulich erklärt.
2. Italienische Zustände
“80% unseres Erfolgs waren die Horrorbilder aus Italien!”, lobt Lauterbach die Vollalarm-Stimmung, die Deutschland im März in den Stillstand versetzte. Damit ist er nicht allein: Auch RKI-Chef Lothar Wieler (59) mahnte mehrmals, dass Deutschland “einfach nur 1–2 Wochen vor Italien” sei. Doch von italienischen Zuständen war in Deutschland glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt etwas zu sehen.
… schreibt “Bild”. Erstmal: Lokoschat und Piatov zitieren hier unsauber. Lauterbach sprach nicht von “Horrorbildern”, sondern von “bestürzenden Bildern”. Und er lobte damit auch nicht die “Vollalarm-Stimmung” in Deutschland, sondern versuchte, mit diesem Beispiel zu erklären, warum es aus seiner Sicht hier nicht so schlimm gekommen ist wie in anderen Ländern:
Wir haben diese Hotspots in Deutschland nicht gesehen. Haben wir ja nicht gesehen. Wir hatten Gangelt. Und wir hatten also Webasto in München. Aber wir haben zum Beispiel diese Hotspots in den Restaurants (…) nicht gesehen, haben bei uns keine Rolle gespielt. (…) Und zwar deshalb, weil wir zu dem Zeitpunkt, wo wir noch nicht viele Infektionen hatten, die Bilder aus Italien hatten. 80 Prozent unseres Erfolgs sind die Bilder, die bestürzenden Bilder aus Italien gewesen. Und dann haben wir sozusagen schon alles dicht gemacht, bevor viele infiziert waren.
Karl Lauterbach nennt als Grund dafür, dass die Situation in Deutschland nicht so dramatisch wurde wie in anderen Ländern, etwa in Italien, dass “wir” als Warnung “die Bilder aus Italien hatten.” Lokoschat und Piatov machen daraus: Was redet der Lauterbach denn von “Horrorbildern aus Italien”? Das war hier doch alles gar nicht so schlimm wie in Italien! Eigentlich stützen sie damit unfreiwillig Karl Lauterbachs These — sie liefern ein Beispiel für das Präventionsparadoxon: Greifen Maßnahmen und bleiben dadurch schlimme Folgen aus, entwickelt sich schnell eine Stimmung: Waren diese Maßnahmen, dieser “Vollalarm”, dieser “Stillstand” jetzt wirklich nötig? War doch alles gar nicht so schlimm!
Lauterbach beschreibt etwas später in der Lanz-Sendung genau das, was “Bild” mit seinem Zitat anstellt (inklusive dem oben bereits zitierten “Lockdown”-Zitat):
Das höre ich oft und das sage ich jetzt, weil Sie es gesagt haben, das höre ich aber auch bei anderen oft: “Das, was ihr gesagt habt, ist doch alles nicht eingetreten.” Die Epidemiologen, die Wissenschaftler werden da so ein bisschen diffamiert, so nach dem Motto: “Ihr hattet Unrecht, es ist doch gar nicht so dick gekommen.” (…) Wir haben nie gesagt, dass die Katastrophe kommt, wenn wir den Lockdown machen. Wir haben gesagt, die Katastrophe kommt nicht, wenn wir den Lockdown machen. Genau das ist passiert. Wir haben sozusagen das erreicht, was wir wollten. Die Zahlen sind runtergegangen, weil der Lockdown kam. (…)
Daher darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Wissenschaftler etwas hier in Deutschland vorhergesagt hätten, was dann nicht gekommen ist. Es diffamiert die Arbeit, die wir gemacht haben. Das ist der Erfolg unserer Arbeit, dass das nicht gekommen ist. Es gibt diesen Spruch: Die Epidemiologie hat keine Helden. Weil ich den vermiedenen Tod nachher gratis nehme und nicht sehe, was sonst passiert wäre.
3. Schweden
“Völlig verantwortungslos”, urteilt Lauterbach über Schweden und wähnt sich damit in der Gesellschaft “aller Epidemiologen”. Hintergrund: Das Königreich verzichtete auf Ausgangsbeschränkungen, setzte auf Vernunft und Freiwilligkeit seiner Bürger. Ein Krankenhaus-Kollaps blieb in Schweden aus. Über die Bewertung der schwedischen Zahlen sind sich keineswegs “alle Epidemiologen” einig. Weltweit und mit unterschiedlichen Ergebnissen wird der Sonderweg des Landes auch von der Fachwelt debattiert.
… schreibt “Bild”. Und lässt hier mehrere Aspekte weg. Allen voran die hohen Todeszahlen in Schweden. So berichtete der “Tagesspiegel” am selben Tag, an dem auch der “Bild”-Artikel erschien:
Das Land [Schweden] verzeichnet pro eine Million Einwohner mit fast 289 Todesfällen deutlich mehr als beispielsweise die Nachbarländer Norwegen, Dänemark oder Finnland. Auch im Vergleich mit Deutschland (87,7) liegt die Sterberate mehr als dreimal so hoch.
Inzwischen liegt dieser Wert für Schweden bei über 360 Toten pro eine Million Einwohner (in Belgien, Spanien, Italien, Großbritannien und Frankreich ist er noch höher – für Deutschland liegt er aktuell bei ungefähr 96). Würde man den schwedischen Wert auf Deutschlands Einwohnerzahl übertragen, hätten wir hier nicht, wie aktuell, etwa 8000 Tote, sondern fast 30.000.
Dass in Schweden die Zahl der Verstorbenen pro eine Million Einwohner um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland, argumentiert auch Karl Lauterbach bei Markus Lanz, wenn er von “völlig verantwortungslos” spricht. Timo Lokoschat und Filipp Piatov lassen das aber einfach unter den Tisch fallen.
Auch das Scheitern des schwedischen Vorhabens, die Alten zu schützen, bleibt bei “Bild” unerwähnt: In Schweden starben besonders viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen, wie die “Süddeutsche Zeitung” vergangene Woche konstatierte.
Die Schweden-Affinität der “Bild”-Redaktion in der Corona-Krise ist auch drüben bei “Übermedien” Thema.
4. Aerosole
Teil von Lauterbachs bedrohlichen Szenarien in der Lanz-Sendung sind “Aerosole” — Corona-Wölkchen, die bis zu sieben Stunden in der Luft schweben und Infektionen auslösen würden, wie der SPD-Politiker erläutert. Das steht zumindest im Widerspruch zu dem, was das Robert-Koch-Institut schreibt: Eine Übertragung über Aerosole sei im normalen gesellschaftlichen Umgang “nicht wahrscheinlich”, urteilen die RKI-Experten Ende April mit Verweis auf bisherige wissenschaftliche Untersuchungen.
… schreibt “Bild”. So sicher, wie Lokoschat und Piatov hier tun, war sich das Robert-Koch-Institut zu dem Zeitpunkt aber gar nicht:
Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich erscheint, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass eine Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang nicht wahrscheinlich ist.
“Eine abschließende Bewertung” erscheine “zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich”. So eine Nuancierung ins Ungewisse mag unerheblich wirken, gerade in diesem Fall stellt sie sich im Nachhinein aber als relevant heraus. Denn das RKI änderte seine Einschätzung inzwischen gewissermaßen ins Gegenteil, auch wenn “eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt” immer noch “schwierig” sei. Mittlerweile heißt es:
Auch wenn eine abschließende Bewertung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig ist, weisen die bisherigen Untersuchungen insgesamt darauf hin, dass SARS-CoV-2-Viren über Aerosole auch im gesellschaftlichen Umgang in besonderen Situationen (s. o.) übertragen werden können.
Diese Neubewertung veröffentlichte das RKI am 7. Mai. Also genau an dem Tag, an dem der “Bild”-Artikel über Karl Lauterbach erschien (bei Bild.de wurde er am Abend vorher veröffentlicht). Lokoschat und Piatov konnten beim Schreiben ihres Textes davon freilich nichts wissen. Aber schon da war das RKI beim Thema Aerosole nur eine unter mehreren Quellen: Der Virologe Christian Drosten nahm in seinem Podcast bei NDR Info bereits am 6. April Bezug auf eine Studie, auf die sich unter anderem auch die erste Einschätzung des RKI stützte. Drosten war hier eher unschlüssig (PDF):
Genau. Wir wissen nicht, wie das speziell bei diesem Virus ist. Also es gibt eine Studie zum Beispiel im “New England Journal”, die ist vor ungefähr drei Wochen schon erschienen. Die sagt, im Aerosol ist dieses SARS-2-Virus ungefähr drei Stunden lang noch infektiös. Dazu muss man aber dann auch sagen, dass die Autoren, die das publiziert haben, ein künstliches Virusaerosol mit einer ganz hohen infektiösen Viruskonzentration hergestellt haben. Da kann sich niemand sicher sein, ob das wirklich dem entspricht, was ein infizierter Patient wirklich von sich gibt.
Karl Lauterbach erwähnt bei Markus Lanz eine weitere Studie, nach der in einem Restaurant im chinesischen Guangzhou eine Person Menschen angesteckt habe, die gar nicht mit ihr an einem Tisch saßen. Das sei durch die Luftverteilung durch eine Klimaanlage begünstigt worden. Beide Studien werden in dem “Bild”-Artikel nicht erwähnt. Auch ein Beitrag der “Washington Post” von Ende April thematisierte die unsichere Faktenlage in Bezug auf Aerosole. Es ist also nicht so, als hätten Timo Lokoschat und Filipp Piatov beim Schreiben ihres Artikels nicht genügend Informationen für eine differenziertere Darstellung der Sachlage zur Verfügung gehabt.
Virologe Drosten ist in seiner Einschätzung zur Bedeutung von Aerosolen im Übrigen mittlerweile deutlicher, auch weil es einen neuen Report der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften zum Thema gibt. In der Podcast-Folge vom 12. Mai sagte er, dass er die Ansicht Lauterbachs, was die Aerosol-Infektionen angeht, teile (PDF):
Und die Infektiosität kann tatsächlich für mehrere Stunden bleiben. Da hat also Herr Lauterbach vollkommen Recht.
Auch das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt — neue Studien können neue Erkenntnisse bringen.
5. Restaurants
Für Lauterbach ist in der Sendung von Markus Lanz klar: Restaurants wären “Brandbeschleuniger der Pandemie”, würden die Ausbreitung des Corona-Virus stark vorantreiben. Zweifel an den eigenen Aussagen? Keine.
Dabei hatte Hendrik Streeck (42), Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, vor vier Wochen bei Lanz erklärt: “Wir sehen, wie die Infektionen stattgefunden haben. Das war nicht im Supermarkt oder im Restaurant oder beim Fleischer. Das war auf den Partys beim Aprés (sic) Ski in Ischgl, im Berliner Club ‘Trompete’, beim Karneval in Gangelt und bei den ausgelassenen Fußballspielen in Bergamo.”
… schreibt “Bild”. Während Timo Lokoschaft und Filipp Piatov es so wirken lassen, als wäre Lauterbach generell gegen die Öffnung von Restaurants (was auch wunderbar zu ihrem Einleitungssatz passt: “Wenn es nach Karl Lauterbach (57, SPD) geht, haben alle Fragen eine einzige Antwort: Lockdown.”), sagt dieser in der Sendung von Markus Lanz, dass er es bei Beachtung von Hygieneregeln “schon für denkbar” halte, “dass die Gastronomie wieder öffnen kann.” Das verschweigen die “Bild”-Autoren allerdings.
Genauso wie sie in ihrem Artikel übrigens kein einziges Mal erwähnen, dass Karl Lauterbach Epidemiologe ist, dazu noch einer, der in Harvard studiert hat. Dieses Detail würde aber auch nicht so gut in ihre irreführende, als “Faktencheck” gelabelte Meinungsmache passen.
1. “Das erinnert mich an die Anfänge von Pegida” (deutschlandfunkkultur.de, Katja Bigalke & Martin Böttcher, Audio: 17:11 Minuten)
Derzeit wird an vielen Orten gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Die Teilnehmenden sind äußerst heterogen und schwer einzuordnen, die sogenannten “Hygiene-Demos” ein Magnet für Rechtsextreme, Linksextreme, Verschwörungserzähler und Esoteriker. Die Berichterstattung darüber sei ebenso “verständlich wie problematisch”, so Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung. Es fehle an kritischer Einordnung. Außerdem müsse man nicht “jedem Zweiten das Mikro unter die Nase” halten.
2. 25 Jahre WELT im Internet. Eine Zeitreise (welt.de, Oliver Michalsky)
Vor 25 Jahren wagte die “Welt” den Sprung ins Internet und setzte ihre erste Webseite auf. Digital-Chef Oliver Michalsky lässt das vergangene Vierteljahrhundert Revue passieren. Alleine die nostalgisch anmutenden Screenshots von damals lohnen einen Blick auf den Beitrag.
3. Chebli wehrt sich erfolgreich gegen kommerzielle Nutzung ihres Namens (tagesspiegel.de)
Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) sieht sich auf Twitter immer wieder Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt. Ganz übel mitgespielt hatte ihr ein Ex-Polizist und Youtuber aus dem rechten Spektrum, der von einem Gericht jedoch freigesprochen worden war. Eben diese Person hat nun Gegenstände mit Cheblis Konterfei verkauft. Dagegen wehrte sich Chebli erfolgreich via Unterlassungserklärung.
4. Herr Steingart, das Pathos ist schon wieder leer! (uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
“Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Man kann es sich nicht einmal vorstellen, wenn man es gesehen hat.” Die Rede ist von Gabor Steingarts neuem Imagefilmchen zum Launch von “The Pioneer”, einer Mischung aus verschiedenen Polit-Newslettern und Podcasts. Stefan Niggemeier mit einem Erklärungsversuch des Medien-Phänomens Steingart: “Ich male mir das so aus, dass Gabor Steingart irgendwann zu Springer-Chef Mathias Döpfner gegangen ist und ihn überzeugt hat, Millionen in das neue Unternehmen zu stecken statt in sowas wie, sagen wir, die ‘Welt’, indem er es nicht als Schnäppchen, sondern absurd teure Sache verkauft hat. Je mehr es kostete, je absurder es wurde (und dann lassen wir ein eigenes Schiff bauen und fahren damit auf der Spree zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof hin und her!), desto attraktiver schien die Investition.”
5. Das Bild des Politclowns bleibt (taz.de, Ralf Leonhard)
Als vor einem Jahr das sogenannte “Ibiza-Video” auftauchte, gingen viele davon aus, dass es mit der politischen Karriere von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache endgültig vorbei ist. Doch weit gefehlt: Der Politiker schart schon wieder Anhänger und Anhängerinnen um sich und bastelt an einer zweiten Karriere. Sein größter Verbündeter: die österreichische Boulevardpresse.
6. Schlechterdings Juristendeutsch (lto.de, Hendrik Wieduwilt)
Die sperrige Formulierung “Schlechterdings nicht nachvollziehbar” ist für Hendrik Wieduwilt willkommener Anlass, über das aufgeblähte Juristendeutsch nachzudenken. Sein (etwas ironisches) Fazit: “Wer beim Schreiben wirklich an die Leser und die Rechtsunterworfenen denkt, greift nicht zu Passiv-Konstruktionen, doppelten Verneinungen und Ausdrücken aus dem vorigen Jahrhundert. Wer es aber dennoch tut, denkt womöglich nicht so sehr an den Leser, sondern schlechterdings einfach an sich selbst.”