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Telegram, Jahresbilanz der Pressefreiheit, Talk-König Karl

1. Telegram, immer wieder Telegram
(zeit.de, Eike Kühl)
Angesichts dessen, was beim Chatdienst Telegram an Hass und Hetze verbreitet wird, kann man die Wünsche nach Regulierung verstehen. So nachvollziehbar die Forderungen seien, so schwer sei jedoch ihre Umsetzung, erklärt Eike Kühl in seiner Analyse. Eine Regulierung oder gar ein Verbot in Deutschland sei technisch schwer durchzusetzen und führe möglicherweise am Problem vorbei.
Weiterer Lesehinweis: Bei netzpolitik.org äußert sich die FDP-Digitalpolitikerin Ann Cathrin Riedel: “Netzsperren und Rausschmiss aus den App-Stores – das ist mir zu platt”.

2. 488 Journalistinnen und Journalisten in Haft
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Zahl inhaftierter Medienschaffender sei laut Reporter ohne Grenzen (RSF) 2021 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent auf ein Rekordhoch angestiegen. Zum Stichtag 1. Dezember hätten weltweit mindestens 488 Journalistinnen, Journalisten und andere Medienschaffende wegen ihrer Arbeit im Gefängnis gesessen. RSF-Vorstandssprecherin Katja Gloger: “Die Zahl spiegelt wider, wie skrupellos sich autoritäre Machthaber weltweit verhalten und wie unangreifbar sie sich fühlen. Der sprunghafte Anstieg ist auch die Folge neuer geopolitischer Machtverhältnisse, in denen diese Regime zu wenig Gegenwind und Gegenwehr seitens der Demokratien in der Welt bekommen.” Weitere und ausführliche Informationen gibt es in der “Jahresbilanz der Pressefreiheit” (PDF).

3. Karl Lauterbach ist der unangefochtene Talkshow-König 2021
(meedia.de, Jens Schröder)
Auch zum Ende diesen Jahres hat “Meedia” die Gästelisten der Talkshows des Ersten sowie des ZDF ausgewertet. Auf Platz 1 des Jahres 2021 stehe der Gesundheitspolitiker und frisch ernannte Minister Karl Lauterbach, der rekordverdächtige 29 Talkshow-Auftritte hatte. Danach folgen der FDP-Politiker Christian Lindner und die “Spiegel”-Redakteurin Melanie Amann. In der ZDF-Sendung “Markus Lanz” am häufigsten zu Besuch: Robin Alexander von der “Welt”.

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4. YouTube entfernt weiteren Kanal von RT Deutsch
(sueddeutsche.de)
Nach Vorwürfen der Desinformation hatte Youtube im September den Kanal “RT Deutsch” gelöscht. Nun wollte der russische Sender anscheinend einen neuen Versuch auf Youtube wagen und gründete dort den Live-Kanal “RT auf Sendung”. Auch den löschte Youtube. Inhabern gesperrter Kanäle sei es nicht gestattet, ohne Weiteres einen neuen zu erstellen.

5. Wie diskriminierende Kinderlieder unsere Gesellschaft prägen
(tagesspiegel.de)
“Viele Menschen kennen das Konzept von Alltagsrassismus gar nicht, sie denken bei Rassismus gleich an Nazis oder Neo-Nazis”, sagt Rosa Fava von der Amadeu Antonio Stiftung. Dabei könne man auch unbewusst rassistische Bilder weitertragen. Zum Beispiel in Liedern wie dem immer noch in Kitas und Grundschulen gesungenen “Drei Chinesen mit dem Kontrabass”.

6. Grossisten bringen “gesichert extremistisches” Heft weiter in den Handel
(uebermedien.de, Lisa Kräher)
Jüngst wurde bekannt, dass der Verfassungsschutz das “Compact”-Magazin nicht mehr als Verdachtsfall, sondern als “gesichert extremistisch” bewerte. Man möchte meinen, dass Einzelhändler damit nicht mehr von ihren Grossisten gezwungen werden können, ihnen das Heft abzunehmen, doch dem ist nicht so. Lisa Kräher erklärt die verzwickte Lage.

Probleme mit Telegram, Zielscheibe NDR, Weitere Reformen angemahnt

1. Was die Politik gegen Hetze und Gewaltaufrufe tun kann
(deutschlandfunk.de, Isabelle Klein & Christoph Sterz, Audio: 6:29 Minuten)
Derzeit würden Messengerdienste nicht vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz erfasst, wenn sie zur Individualkommunikation bestimmt seien. Telegram stelle in gewisser Weise eine Ausnahme dar, denn hier können öffentliche Kanäle von einer großen Anzahl von Personen abonniert werden. Demnach müsse Telegram offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden und rechtswidrige Inhalte innerhalb von sieben Tagen löschen. Doch das Bundesamt für Justiz beißt sich an dem Messenger bislang die Zähne aus, erklärt der Experte für Internetrecht Matthias Kettemann: “Telegram will einfach nicht”.

2. NDR wird Zielscheibe von Querdenkern
(verdi.de)
Am dritten Advent haben sich mehrere Hundert Verschwörungsgläubige der Gruppierung “Freie Niedersachsen” zu einem “Querdenker”-Protest vor dem NDR-Landesfunkhaus in Hannover versammelt, berichtet das ver.di-Magazin “Menschen machen Medien”: “Der Versammlungsort sei von den Initiatoren aus dem verschwörungsideologischen Spektrum nicht zufällig gewählt worden und knüpfe an frühere Angriffe an: Bereits im November 2019 hatte die rechtsradikale NPD einen Zug durch die Innenstadt von Hannover organisiert, die sich ebenfalls gegen den NDR richtete.”

3. Weitere Reformen angemahnt
(medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Bei der Aktion “Unsere Medien” haben sich mehr als einhundert Personen aus Kultur, Medien, Wissenschaft und Politik für eine Stärkung und Weiterentwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien ausgesprochen. Mit ihrem Appell würden sie sich an die politisch Verantwortlichen richten, aber auch an die Sender selbst, und die Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Modells in Deutschland und Europa als Voraussetzung für funktionierende Demokratien fordern: “Mit diesem Appell an Medienpolitik und Rundfunkanstalten unterstützen wir die Idee und die Existenz unabhängiger öffentlich-rechtlicher Medien in Deutschland und Europa. Im digitalen Zeitalter brauchen wir sie noch mehr denn je. Gleichzeitig verbinden wir unsere Unterstützung mit der Forderung nach mehr Transparenz und grundlegenden, nachhaltigen Veränderungen.”

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4. Springer-Führungskräfte müssen Beziehungen am Arbeitsplatz offenlegen
(tagesspiegel.de)
Der Medienkonzern Axel Springer hat seinen Firmen-Verhaltenskodex zu persönlichen Beziehungen am Arbeitsplatz überarbeitet: “Wir müssen und wollen klarer formulieren, welches Verhalten wir gerade von Führungskräften im Falle von möglichen Interessenskonflikten am Arbeitsplatz erwarten, und unser Handeln konsequent daran messen”, so der Personalvorstand in einem Schreiben an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Einer der Gründe für die Anpassung dürfte der Fall des jüngst unrühmlich ausgeschiedenen (Ex-)”Bild”-Chefredakteurs Julian Reichelt sein.

5. Überfremdung
(journalist.de, Sebastian Pertsch & Udo Stiehl)
Sebastian Pertsch und Udo Stiehl werfen im Rahmen ihres Projekts “Floskelwolke” einen sprach- und medienkritischen Blick auf vielbenutzte Formulierungen. Diesmal nehmen sie sich das Wort “Überfremdung” vor: “Wäre der Begriff ein Shopping-Artikel, hieße es wohl: Personen, die dieses Wort verwendet haben, nutzten auch die Kampfbegriffe Asylindustrie, das Boot ist voll, Einfallsrouten, Flüchtlingswelle, Lügenpresse, Passdeutsche und raumfremde Menschen.”

6. Magazin “Time” kürt umstrittenen Tesla-Chef Elon Musk zur “Person des Jahres”
(rnd.de)
Das Magazin “Time” hat Elon Musk zur “Person of the Year” gekürt. “Die Person des Jahres ist ein Zeichen für Einfluss, und nur wenige Menschen haben mehr Einfluss auf das Leben auf der Erde und möglicherweise auch auf das Leben außerhalb der Erde als Musk”, habe der “Time”-Chefredakteur zur Begründung geschrieben. Nun ja, darüber ließe sich trefflich streiten, zumal mit den Impfstoff-Erfindern aus Sicht des “6-vor-9”-Kurators geeignetere Kandidaten zur Verfügung gestanden hätten. Die wurden jedoch von “Time” auf das Nebengleis “Helden des Jahres” geschoben und tauchen damit nicht großformatig auf dem Cover auf.

Wissenschaftsgefahr “Bild”, Lisas Judenwitze, Deutsche Welle

1. Infamer “Bild”-Artikel: Im Stil von Fox News gegen die Wissenschaft
(riffreporter.de, Christian Schwägerl)
Unter der Überschrift “Die Lockdownmacher” (Unterzeile: “Experten-Trio schenkt uns Frust zum Fest”) bildete die “Bild”-Redaktion Fotos von drei Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ab. Dazu wurden in der Print-Version drei weihnachtliche Geschenkpakete mit den Aufschriften “Geschenke-Kauf 2G”, “Familienfest nach Corona-Regeln” und “Kino-Verbot für Ungeimpfte” gezeigt. Der Beitrag sei auf vielen Ebenen falsch, so Christian Schwägerl und besorgniserregend: “Was ‘Bild’ macht, wird vor dem Hintergrund der Radikalisierung der Szene der Coronaleugner zur Gefahr für die Wissenschaft in Deutschland.”
Weiterer Lesetipp: Beim “Tagesspiegel” schreibt Medien-Experte Joachim Huber: “Ob Blatt, online oder Bild-TV, ‘Bild’ hat nur die Macht, die ihr zugestanden wird. Also müssen sich ein Bundeskanzler Olaf Scholz und seine Koalitionäre genau überlegen, in welcher Nähe, mit welcher Distanz sie mit diesem zum Niedermachen bereiten Medium umgehen.” Und bei der “Süddeutschen” kommentiert Willi Winkler die Anwesenheit von Spitzenpolitikerinnen und -politikern bei Springers Spendengala im ZDF: “Der leider Gottes verstorbene Wiglaf Droste hat einmal gesagt: ‘Ich habe tote Fische gesehen, die es ablehnten, sich in Bild einwickeln zu lassen.’ Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Robert Habeck haben damit kein Problem.”

2. Deutsche Welle stellt Mitarbeiter frei
(faz.net, Kim Maurus)
Mitarbeiter der Arabisch-Redaktion der “Deutschen Welle” sollen sich in Sozialen Medien antisemitisch geäußert haben. Der deutsche Auslandssender habe sie daraufhin für die Zeit einer Untersuchung freigestellt. Geleitet werde die Untersuchung von der ehemaligem Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und dem deutsch-israelischen Psychologen und Autor Ahmad Mansour.

3. Lisa Eckhart und die Judenwitze
(juedische-allgemeine.de, Philipp Peyman Engel)
“Braucht es wirklich öffentlich aufgeführte Judenwitze, um auf das Problem des Judenhasses in diesem Land hinzuweisen?” Philipp Peyman Engel beschäftigt sich in der “Jüdischen Allgemeinen” mit dem Programm der Kabarettistin Lisa Eckhart. Diese sei keine Antisemitin, “aber sie ergeht sich, und das ist schlimm genug, genüsslich in judenfeindlichen Pointen, ohne jegliche ironische oder andere künstlerische Brechung. Sie reproduziert judenfeindliche Bilder, die in unserer Gesellschaft ohnehin schon massenhaft zirkulieren, und trägt zu ihrer weiteren Verbreitung bei.”

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4. Bündnis will EU-Sanktionen gegen NSO Group
(reporter-ohne-grenzen.de)
In einem offenen Brief drängt Reporter ohne Grenzen zusammen mit mehr als 80 gemeinnützigen Organisationen und unabhängigen Fachleuten auf die Einführung von EU-Sanktionen gegen die NSO Group, die Herstellerfirma der Spähsoftware Pegasus. Die EU müsse “angemessene Schritte ergreifen, um die Nutzung und den Handel von NSO-Technologie zu verbieten, bis ein wirksamer Schutz von Menschenrechten gewährleistet sei”. Seit den ersten Enthüllungen des Pegasus-Projekts im Juli dieses Jahres seien mehr als 220 Journalistinnen und Journalisten als mögliche Spähobjekte identifiziert worden.

5. Bis zu 13 Millionen Zuschauer: Interesse an “Tagesschau” steigt in Pandemie wieder
(rnd.de)
Ähnlich wie zur gleichen Zeit des vergangenen Jahres erleben Fernsehnachrichten sowie Informations- und Diskussionssendungen im TV einen deutlich erhöhten Zuspruch. Den Corona-Entwicklungen geschuldet, würden derzeit bis zu 13 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die 20-Uhr-Ausgabe der “Tagesschau” einschalten. Ein normaler Wert über alle Kanäle hinweg seien zehn Millionen.

6. Pirinçci muss Neu­bauer 6000 Euro zahlen
(lto.de)
Das Landgericht Frankfurt hat entschieden: Nach einer sexistischen Beleidigung auf Facebook muss der Autor und Blogger Akif Pirinçci der Klima-Aktivistin Luisa Neubauer eine Entschädigung in Höhe von 6000 Euro zahlen. Neubauer wolle die Summe an die Organisation Hate Aid spenden, eine Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt. Pirinçci habe jedoch angekündigt, in Berufung zu gehen.

MeToo-Recherchen, Hasspostings, Porno-Portalen droht Abschaltung

1. “Was ist das für eine Unternehmenskultur?”
(journalist.de, Jan Freitag)
Juliane Löfflers Recherche trug maßgeblich dazu bei, dass “Bild”-Chef Julian Reichelt gehen musste. Der “journalist” hat sich mit Löffler zum Gespräch getroffen und sie gefragt, wie sie heute auf die Vorgänge im Oktober schaut, was bei #MeToo-Recherchen und Verdachtsberichterstattung wichtig ist und wie lange es wohl noch dauern werde, bis entsprechende Recherchen in Medienhäusern ernst genommen werden: “Noch heute höre ich von Kolleg*innen, dass ihre Recherchen zu Missbrauchsthemen in den Verlagen kein Gehör finden. Es könnten also noch viele Jahre sein.”

2. Polizei geht deutschlandweit gegen Onlinehetzer vor
(spiegel.de)
Am nunmehr siebten Aktionstag zur Bekämpfung von Hasspostings ist die deutsche Polizei bundesweit gegen strafbare Posts im Internet vorgegangen. Bei der vom Bundeskriminalamt koordinierten Aktion hätten die Polizeibehörden in allen 16 Bundesländern insgesamt 90 polizeiliche Maßnahmen durchgeführt, darunter Wohnungsdurchsuchungen und Vernehmungen.

3. ZDF auf Rekordkurs: 15,2 Prozent Marktanteil
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Das als “Rentnerfernsehen” verschrieene ZDF hat im November mit 15,2 Prozent Marktanteil einen Rekordmonat hingelegt. Was macht das Zweite so viel besser als andere Sender? Joachim Huber hat sich auf die Suche nach den Gründen für den Erfolg begeben, und die lägen vor allem am bunten ZDF-Programm, das mit “heute-show” und Jan Böhmermanns “Magazin Royale” auch jüngere Zielgruppen bedient.

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4. Porno-Portalen droht Abschaltung
(sueddeutsche.de)
Mehrere in Deutschland sehr erfolgreiche Porno-Portale haben ihren Firmensitz auf Zypern, um von dort aus, jenseits von für sie lästigen Einschränkungen, frei agieren zu können. Doch damit könnte es bald zu Ende sein: Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht habe die Auffassung der Landesanstalt für Medien NRW bestätigt, dass sie in Fragen des Jugendschutzes auch für Verfahren gegen ausländische Portale zuständig sei. Die Anbieter könnten sich nicht auf das sogenannte Herkunftslandprinzip berufen, das strenge deutsche Jugendmedienschutzrecht müsse Anwendung finden.

5. Peta erstattet Strafanzeige gegen NDR-Moderator Heinz Galling
(rnd.de)
Die Tierrechtsorganisation Peta hat Strafanzeige gegen den NDR-Moderator Heinz Galling erstattet. In einer Folge der TV-Sendung “Rute raus, der Spaß beginnt” soll der Moderator verbotenerweise einen lebenden Fisch als Köder genutzt haben. Galling streitet die Vorwürfe ab. Laut Peta beschäftigt sich nun die Staatsanwaltschaft Schwerin mit dem Fall.

6. ARD-Text zeigt Teletext-Seiten aus den 80ern und 90ern
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Die ARD zeigt aktuell jeden Tag historische Teletextseiten aus den 80ern und 90ern, die von alten VHS-Bändern gerettet werden konnten. Der Teletext-Fan Christian Handwerck hatte seinerzeit seinen VHS-Rekorder dazu verwendet, die Seiten mitzuschneiden. Wie sich nun, Jahrzehnte später, herausstellt, eine gute Idee. Wer sich auf Zeitreise begeben will, kann dies bis Weihnachten im ARD-Text ab Seite 801 tun.

Drostens Hoffnung, Rand der Meinungsfreiheit, Liebesbeziehungen

1. “Ich hoffe, dass man nicht wieder Schulen schließt”
(zeit.de, Giovanni di Lorenzo & Andreas Sentker)
“Ich habe immer wieder dasselbe gesagt: Die Impfung ist der Weg aus der Pandemie, die Impflücken müssen geschlossen werden. Viel mehr gibt es jetzt nicht mehr zu sagen.” Die “Zeit” hat sich mit dem Chefvirologen der Charité, Christian Drosten, über den bevorstehenden Corona-Winter unterhalten. In dem Interview geht es auch um Drostens Blick auf Medien und um die Angriffe bestimmter Medien auf einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

2. Wie wir trotz der Corona-News nicht zusammenbrechen
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider & Antje Allroggen, Audio: 5:25 Minuten)
Die große Menge an Nachrichten und Zahlen zur Corona-Pandemie führen bei vielen Menschen zu Frustration, Abstumpfung und Überlastung. Die Kakophonie der Berichterstattung versetze das Hirn in einen permanenten Zustand der Unsicherheit, sagt Maren Urner, Professorin für Medienpsychologie, im Deutschlandfunk. Die Folge sei Überforderung: “Wir wissen nicht mehr so richtig, wo oben und unten ist, und müssen irgendwie unseren Weg finden.” Urner empfiehlt zu überlegen, wann und wie man sich über Corona-Themen informieren wolle.

3. Am Rande der Meinungsfreiheit
(taz.de, Christian Jakob & Lisa Schneider)
Die Reform des Medienstaatsvertrags macht es möglich, dass die Medienaufsicht gegen Hetze und “Fake News” auf Webseiten vorgehen kann. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) hatte beispielsweise dem Internetportalbetreiber Ken Jebsen einen “Verstoß gegen die journalistischen Sorgfaltspflichten” vorgeworfen und ihn aufgefordert, die monierten Beiträge “kritisch durchzusehen und anzupassen”. Lisa Schneider und Christian Jakob schreiben: “Das Ganze ist fraglos heikel – eine ‘Operation am offenen Herzen der Meinungsfreiheit’ nennt es die Sprecherin der MABB. Dass manche, die die Medienaufsicht in den Blick nimmt, über ‘Zensur’ oder ein ‘Ministerium für Wahrheit’ wie im Roman ‘1984’ klagen, liegt auf der Hand. Dass die Landesmedienanstalten sich selbst immer explizit als ‘staatsfern’ definieren, ändert daran nichts.”

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4. Liebesbeziehungen sind privat
(djv.de, Hendrik Zörner)
Als Reaktion auf eine Ankündigung des Springer-Konzerns stellt der Deutsche Journalisten-Verband klar, dass Liebesbeziehungen zwischen Beschäftigten eines Unternehmens Privatsache seien. Eine Informationspflicht über derartige Beziehungen im Konzern sei mit dem deutschen Recht ebenso wenig vereinbar wie mit dem Grundrecht eines jeden Menschen auf Privatsphäre. Ein Transparenzbericht, der tief in die Privatsphäre von Beschäftigten eingriffe, sei das falsche Gegenmittel zur Bekämpfung von Machtmissbrauch.

5. “Deswegen lohnt es sich, in konstruktiven Journalismus zu investieren”
(meedia.de, Torben Heine)
Seit vielen Jahren wird über konstruktiven Journalismus diskutiert, der Lösungen aufzeigt, statt nur über Negatives zu berichten. In Deutschland habe sich der Ansatz bisher nicht (flächendeckend) etablieren können. Ellen Heinrichs macht sich bei der Deutschen Welle für lösungsorientierten Journalismus stark. Im Gespräch mit “Meedia” verrät sie, warum sich konstruktiver Journalismus für Medien lohnen kann.
Weiterer Lesehinweis: Gemeinnütziger Journalismus: Vorsichtiger Optimismus (kontextwochenzeitung.de, Susanne Stiefel).

6. “Medienkorrespondenz” wird eingestellt
(faz.net, Miguel de la Riva)
Nach knapp 70 Jahren stellt die katholische Kirche ihre Fachzeitschrift “Medienkorrespondenz” ein. Die Berichterstattung über Medien werde von einem neuen Mediendienst fortgesetzt, einem wöchentlich erscheinenden digitalen Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Social-Media-Wahlkampf, Facebooks späte Reaktion, Falsche Prioritäten

1. Wie der Wahlkampf 2021 auf Social Media geführt wird
(tagesspiegel.de)
Welche Partei postet am meisten? Was sind die am häufigsten verwendeten Hashtags? Welche Politiker haben die meisten Follower? Was sind die meistgenutzten Emojis? Der “Tagespiegel” hat zusammen mit Democracy Reporting International den Wahlkampf auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube ausgewertet und die Ergebnisse in interaktiven Grafiken aufbereitet.

2. “Die Sternstunden des Journalismus stehen noch bevor”
(journalist.de, Henning Kornfeld)
Otto-Kommunikationschef Thomas Voigt diskutiert im “journalist”-Interview über die Herausforderungen des Journalismus beim Thema Klima und über die Frage, wo bei Projekten wie “Now”, einer Kooperation von Otto und “Geo”, die Probleme liegen.

3. Über 100 afghanische Journalisten bitten um Hilfe
(reporter-ohne-grenzen.de)
Mehr als 100 afghanische Journalistinnen und Journalisten haben anonym über Reporter ohne Grenzen einen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Ihr Aufruf ist mit “Der Journalismus in Afghanistan ist vom Aussterben bedroht” überschrieben. Unterzeichnet haben ihn insgesamt 103 Medienschaffende: “Wir sind afghanische Journalistinnen und Journalisten verschiedener politischer Überzeugungen und Ethnien. Einige von uns sind noch arbeitsfähig. Andere verstecken sich in Kabul oder anderswo in Afghanistan. Andere sind bereits ins Ausland geflohen oder stehen kurz vor der Ausreise. Wir alle sind gezwungen, bei diesem Aufruf anonym zu bleiben. Wir wollen nicht, dass der Journalismus in Afghanistan wie von 1996 bis 2001 ausstirbt. Die Zeit drängt.”

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4. Warum jetzt, Facebook?
(zeit.de, Lisa Hegemann)
Eine Woche vor der Bundestagswahl hat Facebook 150 “Querdenken”-Kanäle gelöscht. Der Gedanke dahinter sei richtig, aber der Weg falsch, findet Lisa Hegemann: “Wieso reagiert die Plattform erst jetzt, so kurz vor der Bundestagswahl und zu einem Zeitpunkt, an dem die Bewegung deutlich an Zulauf und Bedeutung verloren hat? Tatsächlich erinnert das Vorgehen stark an den Umgang des sozialen Netzwerks mit US-Präsident Donald Trump: Jahrelang durfte er die Community-Standards ignorieren und Falschinformationen sowie Hetze in den Newsfeed von Nutzerinnen und Nutzern hineinblasen. Erst nach dem Sturm auf das Kapitol im Januar, als er die US-Präsidentschaftswahl schon verloren hatte und sein Abgang nahe war, reagierte Facebook und sperrte ihn.”

5. “Tagesschau” revidiert Bericht über AfD
(faz.net)
Die AfD hat eine Unterlassungsverpflichtung gegen die “Tagesschau” erwirkt. Die Nachrichtensendung muss einen Bericht über das Abstimmungsverhalten der AfD-Bundestagsfraktion zur Fluthilfe nachträglich umarbeiten. Es habe der Eindruck entstehen können, die AfD-Fraktion habe gegen den Aufbau des Fluthilfefonds gestimmt, “tatsächlich hatte sie in 2. Lesung einstimmig dafür votiert.” Ein Beitrag des “Tagesschau”-“Faktenfinders”, der auf den Einwand der AfD geantwortet hatte, ist derzeit offline und werde nach Angaben des NDR überarbeitet.

6. Möbelhaus schlägt Herzzentrum? Die falschen Doku-Prioritäten des ZDF
(dwdl.de, Peer Schader)
Peer Schader erinnert die Programmzuständigen der Öffentlich-Rechtlichen daran, mehr gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen: “Ich hab nicht den Eindruck, dass in Mainz, München und andernorts, wo Fernsehen für die Realitäten des Jahres 2021 gemacht werden soll, schon ausreichend verstanden worden ist, wie viele Beitragszahlende sich nach einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehnen, der seine Prioritäten sehr viel besser zu ordnen versteht als das in den zurückliegenden Jahren der Fall war.”

Klick-Sklavinnen, “Kulturwandel” beim WDR?, Rechte Goldgräber

1. Journalismus – gefangen zwischen Nullen und Einsen
(medienwoche.ch, Anna Miller)
Anna Miller hat sich den Frust über den heutigen Journalismus und dessen Bedingungen von der Seele geschrieben: “Wir Journalistinnen und Journalisten wollen sauber recherchieren, mit Menschen sprechen, die Realität abbilden. Doch stattdessen sind wir immer öfter Sklavinnen von Klicks, Zeitdruck und digitalem Optimierungswahn.” Es sei höchste Zeit für einen kulturellen Wandel. Ein Lesetipp nicht nur für die Chefetagen der Verlags- und Medienhäuser.

2. Zwischen Übertreibung und Desinteresse
(deutschlandfunk.de, Ronny Blaschke, Audio: 5:39 Minuten)
Während sportlicher Großveranstaltungen wie den Paralympics gibt es ein breites Interesse am Behindertensport, doch abseits dieser Events ist es deutlich kleiner. Auch in anderer Hinsicht sei die Berichterstattung unausgewogen, so Ronny Blaschke: “Worüber in den Medien überverhältnismäßig berichtet wird, ist der technische Aspekt bei den Paralympics. Dazu gehören Reportagen aus den Technikwerkstätten. Details über teure Hightechprothesen und Rennrollstühle. Was kaum erwähnt wird: Viele Menschen mit Behinderung wollen oder können nicht sportlich aktiv sein. Weil Sportunterricht häufig nicht inklusiv ist. Weil vielen Trainern und Physiotherapeuten die nötige Ausbildung fehlt. Und weil der nächste paralympische Trainingsstützpunkt eventuell 100 Kilometer entfernt ist.”

3. WDR beauftragt Prüferin zur Bewertung des “Kulturwandels” im Sender
(rnd.de)
Im Frühjahr 2018 soll es beim WDR mutmaßliche Fälle sexueller Belästigung gegeben haben. Der Sender ließ die Vorwürfe daraufhin intern untersuchen und schaltete die frühere EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies als externe Gutachterin ein. Diese bescheinigte dem WDR in ihrem Abschlussbericht eine fehlende Kultur gegenseitiger Wertschätzung, “strukturelle Defizite” und empfahl einen “Kulturwandel”. Nun soll Wulf-Mathies den Fortschritt dieses Kulturwandels überprüfen.

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4. Politiker und Top-Manager fürchten Fake News und Datenklau
(faz.net)
Gestern wurde der “Cyber Security Report 2021” veröffentlicht. Laut dem vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach und dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte herausgegebenen Bericht sei die digitale Bedrohungslage auf einem Rekordniveau: 75 Prozent der Befragten sähen ein Risiko, dass die öffentliche Meinung durch gefälschte oder unrichtige Nachrichten manipuliert wird. Knapp jeder zweite Abgeordnete (49 Prozent) habe mindestens einmal im Zentrum eines Shitstorms gestanden.

5. “Fernsehkameraleute sind Urheber”
(medienpolitik.net, Helmut Hartung)
Auch Fernsehkameraleute können Urheber sein – so das Fazit eines Gutachtens, das der Bundesverband der Fernsehkameraleute (BVFK) in Auftrag gegeben hat: Im modernen Verständnis der Bildgestaltung liege die Urheberschaft bei professionellen Bildaufnahmen typischerweise vor, und umgekehrt würden professionelle Bildaufnahmen Urheberrechte generieren. Im Interview äußert sich der BVFK-Vorsitzende zu den möglichen Folgen: “Die Frage ist, was sind diese Rechte wert und wie müssen sie vergütet werden.”

6. Goldgräber am rechten Rand
(blog.zeit.de, Dominik Lenze)
“Erst bringen sie Verschwörungstheorien unters Volk – dann Goldbarren: Ein Netzwerk von Edelmetallhändlern und Influencern verdient Geld mit rechter Hetze.” Dominik Lenze berichtet über ein lukratives Geschäftsmodell, das Meinungsmache und Hetze mit Profitgier und Bereicherung verbindet.

KW 31: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Kühler Kopf oder heißes Herz? Wie berichten über Katastrophen?
(ardaudiothek.de, Isabel Sonnabend & Kai Schmieding, Audio: 14:53 Minuten)
Isabel Sonnabend und Kai Schmieding haben sich mit dem stellvertretenden “Zeit”-Chefredakteur Bernd Ulrich zusammengeschaltet. Im Gespräch geht es um die Rolle des Journalismus bei der Berichterstattung über Klimawandel und Klimakrise. Ist Parteinahme bei existenziellen Fragen erlaubt oder gar Pflicht?

2. Verschwiegene Tech-Konzerne: Die Strategie von Google und Co.
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 16:27 Minuten)
Daniel Bouhs beschäftigt die Frage: “Warum können Konzerne wie Google und Facebook nicht so offen kommunizieren, dass man auf konkrete Fragen auch konkrete Antworten bekommt?” Er hat sich dazu mit dem Youtuber Tilo Jung getroffen, aber auch mit Medienschaffenden, die regelmäßig über die Konzerne berichten. Eins wird klar: Die Tech-Giganten schirmen sich weitgehend ab, sind intransparent und agieren wie eine Black Box.

3. Frauen als Opfer der Medien – Jolanda Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech
(youtube.com, Rosanna Grüter & Patrizia Laeri, Video: 44:45 Minuten)
Der Beitrag des Schweizer Senders SRF beschäftigt sich mit Personen wie Jolanda Spiess-Hegglin, die sich aktiv gegen den Sexismus der Schweizer Medienbranche stellt. Es geht um Frauen als Opfer der Medien im Allgemeinen und um Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech im Speziellen.

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4. Wie verändert sich die Podcast-Welt?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:54:42 Stunden)
Bei “Was mit Medien” dreht sich alles um den Wandel in der Podcast-Welt: Was bedeuten die ganzen Veränderungen, die in diesem Jahr angekündigt wurden – vor allem für die bisher freie Podcast-Szene? Und was bedeuten die Veränderungen für die Medienschaffenden mit ihren bestehenden oder künftigen Podcast-Angeboten? Darüber und vieles mehr sprechen die Gastgeber mit Meike Laaff, Redakteurin im Ressort Digital bei “Zeit Online”, und Timo Hetzel vom “Bits-und-so”-Podcast.

5. OMR #407 mit Spotifys Europa-Chef Michael Krause
(omr.com, Philipp Westermeyer, Audio: 1:11:04 Stunden)
Im OMR-Podcast hat Philipp Westermeyer Spotifys Europa-Chef Michael Krause zu Gast. Ihr Gespräch dreht sich um die Fragen: Welche konkreten Ziele verfolgt Spotify derzeit? Welchen Stellenwert hat das Podcast-Business inzwischen? Und an welche großen Audio-Trends glaubt die Plattform gerade besonders?

6. Online-Werbung: Der größte Schwindel im Internet
(youtube.com, Philipp Walulis, Video: 9:18 Minuten)
“Werbung nervt! Vor allem im Internet: Riesige Werbebanner, nicht überspringbare Werbeclips und natürlich viele Frauen in deiner Nähe, die dich kennenlernen möchten. Dabei bringt die Online-Werbung den Unternehmen nicht mal viel und auch Bots mischen kräftig mit.” Philipp Walulis schlägt satirisch zurück und zeigt auf, wo die Online-Ads nicht nur Nerven kosten, sondern auch Schaden anrichten.

Jeder 1. Tatverdächtige wird in “Bild”-Überschriften zum “Täter”

Mit einer falschen Überschrift und möglichst wenig Einordnung haben es die “Bild”-Medien gestern mal wieder geschafft, rechten Scharfmachern Munition zu liefern.

Die “Bild”-Zeitung schrieb:

Ausriss Bild-Zeitung - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Und bei Bild.de hieß es genauso:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Täter ist Ausländer

Die Überschrift ist deswegen falsch, weil die interne Statistik der Bundespolizei, auf der der ganze “Bild”-Artikel beruht, gar nicht von “Tätern” spricht, sondern von Tatverdächtigen. Das ist in einem Land, in dem die Unschuldsvermutung gilt, ein bedeutender Unterschied.

Die “Bild”-Redaktion reagierte gestern zumindest teilweise auf die Kritik an der Überschrift – online änderte sie sie heimlich in:

Screenshot Bild.de - Sexual-Delikte in Bahnhöfen - Jeder 2. Tatverdächtige ist Ausländer

Wir haben uns die Statistik der Bundespolizei ebenfalls besorgt. Ein Blick darauf zeigt, dass die Zahlen die inzwischen geänderte Bild.de-Überschrift durchaus stützen: 2019 konnte die Bundespolizei im Zusammenhang mit “Sexualdelikten auf Bahnanlagen” 693 Tatverdächtige ermitteln. Davon hatten 371 Personen “eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit”. 2020 waren es 346 von insgesamt 621. Und im ersten Quartal 2021 80 von 137. Also jeweils mehr als 50 Prozent.

Allerdings fehlt in der Berichterstattung der “Bild”-Medien in diesem Zusammenhang ein Detail: Bei den von “Bild” und Bild.de angegebenen Tatverdächtigen handelt es sich um ermittelte Tatverdächtige. Es gibt allerdings zahlreiche “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”, bei denen der Täter überhaupt nicht bekannt ist: 2019 konnte die Bundespolizei bei 682 Delikten einen Verdächtigen ermitteln. Insgesamt gab es aber 1.184 Delikte. 2020 waren es insgesamt 1.215 Delikte – nur bei 680 gibt es einen Tatverdächtigen. Und im ersten Quartal dieses Jahres sieht es ähnlich aus: Bei 143 von 274 Delikten gibt es einen Verdächtigen. Das heißt: Bei jeweils über 40 Prozent der Delikte weiß man nicht, woher die Verdächtigen/Täter stammen. Natürlich kann es sein, dass auch in diesen Fällen die Verteilung zwischen Personen mit deutscher und mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit ganz ähnlich ist. Sicher ist das aber nicht. In den “Bild”-Medien liest man von dieser Einordnung kein Wort.

Genauso bei der Frage, um welche Delikte es sich konkret handelt. Dazu schreibt “Bild” nur allgemein:

Die Delikte: Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Nötigung, Belästigung, exhibitionistische Handlungen und andere Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Die Bundespolizei liefert in ihrer Statistik die genaue Verteilung: Sowohl 2019 als auch 2020 als auch im ersten Quartal 2021 entfielen rund 92 Prozent der Delikte auf die zwei Bereiche “exhibitionistische Handlungen” und “sexuelle Belästigung”. Auch diese Delikte können für Opfer zweifelsohne traumatische Folgen haben. Die in der Regel härter bestraften Delikte “sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen” sowie “sexuelle Nötigung/Vergewaltigung” kommen vergleichsweise allerdings deutlich seltener vor. Bei “Bild” liest man auch von dieser Einordnung nichts, obwohl die Zahlen der Redaktion laut Bundespolizei vorlagen.

Und auch mit Blick auf den größeren Zusammenhang geben sich die “Bild”-Medien keinerlei Mühe, irgendeinen Kontext herzustellen. Schaut man in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts, in der nicht nur das Geschehen an Bahnhöfen und in Bahnen dokumentiert wird, sondern jenes im gesamten Land, erkennt man, dass der von “Bild” gesetzte Fokus nur einen kleinen Teil aller Sexualdelikte ausmacht. Zur Erinnerung: 2019 gab es laut Bundespolizei 1.184 “Sexualdelikte auf Bahnanlagen”. In ganz Deutschland gab es im selben Jahr laut PKS (PDF) insgesamt 69.881 erfasste “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” (wir wählen in diesem Fall bewusst das Jahr 2019, weil es dafür die aktuellste PKS gibt). Auch hier gilt: Eine derartige Einordnung liefern “Bild” und Bild.de nicht.

Das Bundeskriminalamt gibt in seiner PKS auch an, wie groß der Anteil “nichtdeutscher Tatverdächtiger” im Bereich der “Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung” ist: 26,8 Prozent. Verglichen mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland ist das immer noch überproportional viel*, aber eben auch deutlich niedriger als die “Jeder-2.”-Schlagzeile von “Bild”.

Und so stellt sich schon die Frage: Warum setzt die “Bild”-Redaktion diesen sehr speziellen Fokus auf die Sexualdelikte in Bahnhöfen und Bahnen? Doch nicht etwa nur, um ihrer Leserschaft einen möglichst großen Anteil krimineller Ausländer (oder genauer: ausländischer Tatverdächtiger) präsentieren zu können?

Mit ihrem Beitrag kommt sie in bestimmten Kreisen jedenfalls gut an: Den Bild.de-Artikel haben unter anderem die AfD-Politikerinnen und Politiker Beatrix von Storch, Joana Cotar, Markus Buchheit, Martin Sichert, Bernhard Zimniok, Martin Hess, Rainer Kraft, Tobias Peterka, Sebastian Wippel und Jörg Dornau, die AfD-Verbände Nordrhein-Westfalen, Hannover, Köln, Landkreis Leipzig, Emmendingen, Ravensburg, Weserbergland, Erding, Traunstein, Bergisch Gladbach, Straubing-Regen, Neustadt an der Weinstraße und Kleve sowie Gruppen mit Namen wie “WIR SIND DAS VOLK”, “Gegen Masseneinwanderung”, “Gutmenschen im Endstadium” und “Dr Hans-Georg Maaßen für Kanzler” bei Facebook geteilt. Es dürfte ein erfolgreicher Tag für die “Bild”-Redaktion gewesen sein.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 17. Juni: Mehrere Leserinnen und Leser weisen uns berechtigterweise darauf hin, dass der Vergleich mit dem Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland problematisch ist, da in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) Personen auch dann als “nichtdeutsche Tatverdächtige” gezählt werden, wenn sie den Delikt zwar in Deutschland begangen haben sollen, aber aus dem Ausland stammen und dort auch wohnen. So werden beispielsweise auch Grenzpendler, denen in Deutschland eine Straftat vorgeworfen wird, die aber in Österreich wohnen, als “nichtdeutsche Tatverdächtige” in der Statistik des Bundeskriminalamts gezählt. Damit sind die Zahlen der PKS nicht direkt vergleichbar mit der Wohnbevölkerung in Deutschland. Gerade bei Bahnhöfen, wo die Reisebewegung qua Definition dazugehört, könnte das eine größere Rolle spielen.

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Wahlforschungs-Debakel, Exodus bei “Tagesschau” und Co., Ärgermacher

1. Ganz weit daneben
(zeit.de, Christian Endt)
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war ein Debakel für einen Großteil der Wahlforschung: Mehrere Institute hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD vorhergesagt, am Ende lag die CDU mit mehr als 16 Prozentpunkten vorne. Um festzustellen, wie es zu dieser eklatanten Diskrepanz kam, hat sich “Zeit Online” die Zahlen der Institute etwas genauer angeschaut. Christian Endt vermutet: “Die nachlassende Verlässlichkeit von Umfragen könnte mit dem Erfolg der AfD und der zunehmenden Zersplitterung des Parteienspektrums zusammenhängen. Zugleich fällt es den Demoskopen immer schwerer, Menschen für die Teilnahme an Telefonumfragen zu gewinnen. Außerdem haben die Institute lange auf Festnetzanschlüsse gesetzt und tun sich mit der Verbreitung von Mobiltelefonen schwer”.
Weiterer Lesehinweis: Beim “Spiegel” erklärt der Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck: “Ostdeutschland ist einfach ein Sonderfall” (spiegel.de, Sophie Garbe).

2. Anja Reschke: “‘Panorama’ muss auch Ärger machen”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die ARD-Sendung “Panorama” ist das älteste politische Magazin im deutschen Fernsehen: Sie wird dieses Jahr stolze 60 Jahre alt. Seit zwanzig Jahren wird “Panorama” von Anja Reschke moderiert. Bei “DWDL” spricht Reschke darüber, wie die Sendung auch intern hinterfragt wird, auf welche Erfahrung sie gerne verzichtet hätte und worin sich “Panorama” von anderen Polit-Magazinen unterscheidet.

3. Wenn die Polizei Berichterstattung behindert
(deutschlandfunk.de, Antje Allroggen, Audio: 5:58 Minuten)
Immer wieder werfen Redaktionen der Polizei vor, an der Berichterstattung über Umweltproteste gehindert zu werden, ob im Hambacher Forst, am Steinkohlekraftwerk Datteln oder bei den jüngsten Protesten gegen den Ausbau der Autobahn 100 in Berlin. Dort sollen rund ein Dutzend Medienschaffende eingekesselt und mit Platzverweisen sowie Anzeigen wegen Hausfriedensbruch überzogen worden sein. Wie konnte es dazu kommen? Und wie ist das Vorgehen der Polizei zu bewerten? Darüber hat sich Antje Allroggen mit ihrem Kollegen Sebastian Engelbrecht unterhalten.

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4. Der dezentrale Newsroom
(journalist.de, Kathi Preppner)
Die Corona-Pandemie hat viele Journalistinnen und Journalisten ins Home-Office gezwungen. Die Arbeit von zu Hause wird von ihnen sehr unterschiedlich empfunden: Die einen schätzen sie, den anderen fehlt der direkte Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen. Die Medienjournalistin Kathi Preppner hat ein Stimmungsbild eingeholt und geht dabei auch auf die Frage ein, ob und wie sich die redaktionelle Arbeit verändern wird.

5. Exodus bei “Tagesschau” und “Tagesthemen”: Was zieht Linda Zervakis, Jan Hofer und Pinar Atalay zu RTL und Pro7?
(rnd.de, Imre Grimm)
Nach Linda Zervakis und Jan Hofer zieht es mit Pinar Atalay nun das dritte prominente Team-Mitglied von “Tagesschau” und “Tagesthemen” ins Privatfernsehen. Imre Grimm kommentiert: “Drei Abgänge in wenigen Monaten – es ist schon ein vergleichsweise spektakulärer Exodus, den das Team von ‘ARD Aktuell’ verkraften muss. Man darf zweifellos von schwierigen Wochen für das ARD-Nachrichtenteam in Hamburg-Lokstedt sprechen.” Bei der Motivlage der Wechselwilligen vermutet Grimm schlicht zwei Dinge: “Geld und Glamour.”

6. Hildmann-Hetze auf Apple- und Android-Geräten gesperrt
(t-online.de, Lars Wienand)
Seit Dienstag sind sowohl auf Apple- als auch auf Android-Geräten in der Telegram-App bestimmte Inhalte nicht mehr sichtbar. Von den Sperren betroffen ist auch der Kanal von Attila Hildmann (circa 100.000 Abonnenten). Dieser hatte dort über einen beunruhigend langen Zeitraum Hass und Hetze betrieben, Bilder mit Hakenkreuzen gepostet und zum Umsturz aufgerufen. Hildmann soll sich Anfang des Jahres in die Türkei abgesetzt haben.

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