Die Suche nach den beiden Schwerverbrechern, die am Donnerstag aus der Justizvollzugsanstalt Aachen ausgebrochen sind, hat in den letzten Tagen Polizei, Bevölkerung und vor allem Medien in Atem gehalten.
Noch bevor heute Morgen der zweite Ausbrecher gefasst werden konnte, machte “Bild” mit einer packenden Geschichte auf:
Drei Tage lang war er auf der Flucht, dann wurde Geiselgangster Michael Heckhoff (50) gefasst. Sein Komplize Peter Paul Michalski (46) ist weiter auf der Flucht. Zuletzt jagte ihn die Polizei in Gütersloh.
In BILD spricht Heckhoff über die unglaublichen Umstände seines Ausbruchs, erzählt, wie einfach Michalski und er entkommen konnten: “Die Waffe haben wir im Knast von einem Mitarbeiter gekauft!”
In einem fast ganzseitigen Artikel kommt Heckhoff ausführlichst in direkter Rede zu Wort, aber wie genau “Bild” an die Aussagen kam, lässt Autor Josef Ley offen.
Die Kölner Polizei reagierte auf die Veröffentlichung mit einer knappen Pressemitteilung:
Die Polizei hat den Text der BILD-Zeitung und das dort veröffentlichte Foto zur Kenntnis genommen. Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die BILD-Zeitung gelangten.
Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.
Ermittelt wird nach unseren Information zunächst einmal gegen Unbekannt.
Auf einer Pressekonferenz am Nachmittag sagte der Robert Deller, Pressesprecher der Staatsanwaltschft Aachen, ein Interview von “Bild” mit der Polizei oder dem Verhafteten Michael Heckhoff habe es “definitiv nicht gegeben”. Genauer ging er auf den Vorfall nicht ein, sagte aber, dass die (teilweise sehr detaillierten) Angaben von Heckhoff in “Bild” “nicht zutreffend sein” dürften.
Ebenfalls zum Thema:
blogmedien.de mit einem etwas anderen Schwerpunkt und einer persönlichen Dimension.
Ein grosser Hafen, eine internationale Airline und das weltweit einzige Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab waren Ausdruck der Vision und sind teilweise wirtschaftliche Erfolgsgeschichten. (“NZZ am Sonntag”, 29. November 2009)
Binnen weniger Jahre mauserte sich die Berichterstattung über seine künstlichen Inseln, die glitzernden Hochhaustürme (darunter selbstverständlich das demnächst höchste Gebäude der Welt) und natürlich ganz besonders das welterste “Sieben-Stern-Hotel” zu so etwas wie einem eigenständigen journalistischen Topos. (“Kurier”, 28. November 2009)
[A]n Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde. (“Die Presse”, 27. November 2009)
Das Fotoprojekt von Lamya Gargash dokumentiert die Ein-Sterne-Hotels eines Landes, das vor allem für das Burj al Arab bekannt ist: das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt. (“Spiegel Online”, 15. Juni 2009)
Im berühmten 7-Sterne-Hotel Burj al Arab gab es am Montagabend einen Empfang für die deutschen Gäste. Vielleicht trösten Glanz und Pracht des Bauwerks ein wenig über die Strapazen der Reise hinweg. (stern.de, 2. Juni 2009)
Jetzt ist es raus: Der 96 m hohe gläserne Hotelturm im Palais Quartier wird ein Juwel. Gepachtet und gemanagt von der Luxushotelgruppe Jumeirah. Die betreibt auch das Burj Al Arab in Frankfurts Partnerstadt Dubai, das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt. (“Bild”, 30. April 2009)
Aber wissen Sie auch, wie viele Sterne das “Burj al Arab” in Dubai hat?
Der General Manager verrät es Ihnen gerne in einem Werbetext, den die Deutsche Presseagentur anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hotels verbreitet hat (und unter anderem bei n-tv.de, “RP Online”, “Welt Online” und Sueddeutsche.de veröffentlicht wurde):
“Das Hotel hat einen eigenen Mythos. Wir haben nie behauptet, dass wir ein Sieben-Sterne Hotel sind. Das hat man uns nachgesagt”, erzählt Heinrich Morio, der General Manager des “Burj Al Arab”.
Nun könnte man natürlich sagen, dass so ein bisschen Understatement den ganzen Luxus des Hotels noch mal ein bisschen mehr strahlen lässt. Andererseits gibt es aber tatsächlich ein “weltweit einziges” und “welterstes” Sieben-Sterne-Hotel.
Das Schweizer Zertifizierungsunternehmen SGS hat im März 2007 eine neue Klasse eingeführt und die “Town House Galleria” in Mailand im darauf folgenden Dezember mit sieben Sternen ausgezeichnet.
Zumindest bei “Spiegel Online” und Bild.de hätte man das wissen können — zumal man dort bereits im Oktober 2008 berichtete, dass sich “mehr und mehr Luxushotels” mit sieben Sternen schmückten.
Damals schrieb Bild.de übrigens:
Weltweit gibt es offiziell nur einen bis fünf Sterne.
Diese Aussage ist weder falsch noch richtig, denn “weltweit” gibt es gar keine weder eine zentrale Sternvergabestelle noch einheitliche Qualitätskriterien. Letzteres hat die Welt der Hotels mit der des Journalismus gemein.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Die PR-Branche und ihre Tricks” (ndr.de, Video, 8:32 Minuten)
Wie Bürgerinitiativen von Politikern initiiert und von PR-Büros organisiert werden, wie die PR-Beauftragte der Deutschen Bahn in Foren als Kommentatoren aktiv sind und wie Ursula von der Leyen einen Preis für PR-Leistungen kriegte.
2. “Zehn Jahre sind genug!” (georgholzer.at)
“Dies hier ist ein öffentliches Posting, in dem ich von ALLEN Presseverteilern dieser Welt gelöscht werden will. Ein Link zu diesem Blogpost geht als Auto-Reply an alle, die mir künftig Presseaussendungen zukommen lassen.”
3. “Tagesschau: So macht man Politik mit Schaubildern” (carta.info, Robin Meyer-Lucht)
Robin Meyer-Lucht vergleicht von der ARD-Tagesschau gezeigte Grafiken zum Fall Brender und sieht darin “eine deutlich geschönte Darstellung der Verhältnisse im ZDF-Verwaltungsrat”.
4. “Greenpeace jetzt für Gentechnik?” (blogs.taz.de/saveourseeds)
Der taz-Blogger saveourseeds kauft sich aufgrund der Pressemitteilung “Neuer Greenpeace-Chef kündigt Strategiewechsel an” den “Spiegel”, sieht das dann aber aufgrund des konkreten Interviews nicht bestätigt – “von Strategiewechsel (ausser dass er jetzt öfter mal hungerstreiken will) ist wenig zu erkennen”.
5. “Der Glückliche” (faz.net, Michael Hanfeld)
Michael Hanfeld glaubt, dass “Bild”-Chef Kai Diekmann mit seinem Blog “Ihr alle seid ‘Bild'” aufzeigen will – und damit auch teilweise Erfolg hat, zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit der “taz”: “Die Posse mag noch so peinlich scheinen, sie erschüttert die linke ‘taz’ in ihren Grundfesten. So humorlos, dumm und selbstgefällig erschien sie lange nicht. Den ‘taz’lern hätte Böses vielleicht schwanen sollen, als ihr Intimfeind Diekmann im Mai Anteile der Genossenschaft kaufte.”
6. “Themenpark: Meinungsmacher” (dctp.tv, Videos)
Stefan Niggemeier, Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Johnny Häusler und Jakob Augstein im Gespräch.
In Frankfurt am Main ist in der Nacht zum vergangenen Samstag ein 22-jähriger Amerikaner verschwunden. Weil “Bild” ihn für den “Sohn eines vermögenden Top-Bankers” (“und somit ein lohnendes Entführungsopfer”) hält, fragt die Zeitung heute in ihrer Regionalausgabe und online:
Kidnapping, Unglücksfall oder gar Mord? Seit 7 Tagen fehlt vom US-Millionärssohn Devon Hollahan (22), der in Frankfurt das Pink-Konzert besuchte, jede Spur. Im Polizeipräsidium klingeln alle Alarmglocken!
Der Artikel ist derart merkwürdig, dass wir am Besten mit einer (vermeintlichen) Kleinigkeit beginnen: Devon Hollahan war nicht beim Pink-Konzert. Er hatte auch nie vor, das Pink-Konzert zu besuchen, denn er war in Frankfurt, um sich die amerikanische Rockband “Portugal. The Man” anzusehen. Die Band beteiligt sich bei Facebook an der Suche nach Devon und fügt hinzu, dass sie beim Konzert in Frankfurt noch mit ihm “rumgehangen” habe.
Das mag ein unwichtiges Detail sein, bedeutet aber auch, dass Devon nicht in der Festhalle am Messegelände war, wie “Bild” schreibt (und der Hessische Rundfunk abschreibt), sondern in der “Batschkapp” im Stadtteil Eschersheim — was ja doch einen Unterschied macht, wenn es etwa um Zeugen geht, die ihn gesehen haben könnten.
Kommen wir nun zu den “Alarmglocken” im Polizeipräsidium:
Mittlerweile scheint aus dem “normalen Vermisstenfall” ein Kriminalfall zu werden!
Diese Meldung scheint “Bild” mal wieder weltexklusiv zu haben, denn uns sagte die Polizei, was sie auch der dpa (die “Bild” im Bezug auf das Pink-Konzert blind glaubt) erzählt hatte: Man behandle die Suche “wie einen normalen Vermisstenfall”.
Aber “Bild” weiß noch mehr:
“Morgan Stanley”-First Vice President Jeffrey Hollahan ist bereits in Frankfurt gelandet, sucht selbst nach seinem Sohn
Sagen wir es so: Es gibt Gründe zu bezweifeln, dass Jeffrey Hollahan tatsächlich einen derart hohen Posten bekleidet, wie “Bild” seine Lesern glauben lassen will. Zwar bezeichnet er sich auf seiner Profilseite beim Geschäftsnetzwerk Linkedin als “VP at Morgan Stanley”, aber schon ein Klick auf das Unternehmensprofil deutet an, dass es bei der US-Bank (auf deren offizieller Website der Name Hollahan nicht einmal auftaucht) viele, viele “Vice Presidents” gibt.
In großen Brokerunternehmen und Investmentbanken gibt es üblicherweise mehrere Vice Presidents in jeder örtlichen Zweigstelle, der Titel ist dann eher eine Absatzmethode für Kunden als die Bezeichnung für eine tatsächliche leitende Position innerhalb des Unternehmens.
(Übersetzung von uns)
Die Frankfurter Polizei wollte die berufliche Position des Vaters weder dementieren noch bestätigen, aber er selbst wird von der Nachrichtenwebsite “The Local” mit den Worten zitiert, er sei kein berühmter Banker oder Manager, sondern Finanzberater. All das hielt die Deutsche Presseagentur freilich nicht davon ab, in einer Meldung zu schreiben:
Laut “Bild”-Zeitung handelt es sich bei dem Vermissten um den Sohn eines Top-Managers der US-amerikanischen Bank Morgan-Stanley. Die Polizei wollte das nicht bestätigen.
Auch die Behauptung von “Bild”, Jeffrey Hollahan sei bereits in Frankfurt, wollte die dortige Polizei nicht kommentieren. Allerdings berichtet ein lokaler Fernsehsender (dessen Website die “Bild”-Redakteure besucht haben, um an ein Bild des Vaters zu kommen), dass er erst am Sonntag nach Deutschland aufbrechen wolle, wenn Devon nicht bald gefunden werde.
Noch mehr Exklusivmeldungen aus “Bild”?
Die hohe Brisanz des Falles zeigt, dass sogar die US-Bundespolizei “FBI” im “Fall Devon” ermittelt, die Hessen-Landesregierung eingeschaltet ist und über die Ermittlungen informiert wird.
Das FBI ist nach Auskunft der Polizei Frankfurt zwar noch nicht eingeschaltet, aber die luxemburgische Zeitung “L’Essentiel”, die französische Nachrichtenagentur “AFP” und der US-Finanznachrichtendienst Bloomberg scheint der deutschen Boulevardzeitung voll zu vertrauen:
Die deutsche Zeitung “Bild”, die zuvor über den Fall berichtet hatte, sagt, dass das FBI das Verschwinden ebenfalls untersuche.
(Übersetzung von uns)
Nun könnte man natürlich auch noch einwenden, dass es schon recht präziser Planung bedürfe, den Sohn eines “vermögenden Top-Bankers” (oder eines einfachen Finanzberaters), der für einen Tag von seinem Wohnort Prag nach Frankfurt gereist ist, um drei Uhr nachts in der dortigen Innenstadt zu entführen. Aber das wäre vielleicht zu vernünftig.
Ach, und dann ist da noch das Foto, von dem man glauben könnte, dass es zeigt, wie Kripo und FBI in der Taunusanlage ermitteln:
Interessanterweise scheinen dieselben Beamten in denselben Klamotten und mit demselben Wagen an derselben Stelle vor einem Monat schon in einem anderen Fall ermittelt zu haben:
Mit Dank an Matthias F.
Nachtrag, 23. Dezember: Nachdem “Bild” zunächst noch nach den vermeintlichen Entführern gefahndet hatte, ist jetzt klar, dass Devon Hollahans Leiche vergangene Woche in Boppard aus dem Rhein geborgen wurde.
Hinweise auf ein Gewaltverbrechen wurden im Rahmen der Obduktion nicht gefunden, so dass die Vermisstenstelle der Frankfurter Kriminalpolizei davon ausgeht, dass Devon Hollahan in den Morgenstunden des 21.11.2009 unter Alkoholeinfluss in den Main gestürzt und ertrunken ist.
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2. “Merkwürdige Verzweiflungsfotos” (internetausdrucker.wordpress.com)
Der Internetausdrucker denkt nach über die “Verzweiflungsfotos”, die derzeit neben Minister Franz Josef Jung abgebildet werden: “Sie sind Momentaufnahmen aus anderen Situationen, sie können Wochen und Monate alt sein.”
3. “Der Newsroom als Alarmzentrale einer panischen Gesellschaft” (woz.ch, Kaspar Surber)
Über 10 Milllionen Franken (ca. 7 Millionen Euro) kostet der neue Newsroom der “Blick”-Gruppe. “Im oberen Stock wird in der Mitte ein ‘Decision Place’ zu liegen kommen. Hier werden die Chefredaktoren arbeiten. Gleich anschliessend sitzen auf der einen Seite die RessortleiterInnen, dann folgt ein ‘Content Place’ mit den JournalistInnen.'” Projektkoordinator Edi Estermann: “Je weiter weg einer vom Zentrum sitzt, desto eher ist er ein Praktikant.”
4. Interview mit Peter Kruse (sueddeutsche.de, Johannes Kuhn)
Psychologe Peter Kruse zum neuen Buch von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über die von ihm erlebte Überforderung mit der Informationsflut im Internet: “Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.”
5. “Das Geheimnis F. J. W.” (kaidiekmann.de, Video, 7:51 Minuten)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann besucht den “Bild”-Kolumnisten Franz Josef Wagner, der es bedauert, ungekämmt zu sein und seine Zeilen zwar noch schreibt, aber nicht mehr in der Zeitung liest. Verfasst wird die tägliche Kolumne auf einem “Laptop” (so nennt Diekmann Wagners Computer) – und von dort abgelesen wird sie wohl, wie 2006 und 2009 berichtet, der Redaktion telefonisch durchgegeben.
6. “(NZZ-)Online-User bringen nur Peanuts ein” (medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Albert P. Stäheli, CEO der NZZ, sagt, wie tief der Graben der Einnahmen zwischen Online- und Printwerbung ist: “Jährl. Werbeumsatz pro Print-Leser: Fr. 175.-. Jährl. Werbeumsatz pro Online-User: Fr. 6.50”.
Schade, dass Halloween schon wieder vorbei ist. Die Stuttgarter Lokalredaktion von “Bild” hätte da nämlich noch ein passendes Thema:
Es ist Stuttgarts grusligste Immobilien-Anzeige.
Um was es sich dabei wohl handeln mag? Ein Spukschloss? Eine Geisterbahn? Eine Gruft?
Hier wird das Haus angeboten, in dem Amok-Killer Tim K. (17) lebte. Er hatte im März in Winnenden 15 Menschen und sich selbst erschossen.
Nun möchte man vor dem Hintergrund eines derartigen Verbrechens ungern Haare spalten, aber an dieser Stelle sollte man zumindest sicherheitshalber noch einmal daran erinnern, dass Tim K. seine Opfer nicht in seinem Elternhaus erschossen hat.
Auch das “Schwäbische Tagblatt” ereifert sich berichtet heute über die “Internet-Offerte”, die “aus dem Rahmen des Üblichen” falle:
Dass in diesem Elternschlafzimmer jene ungenügend gesicherte Pistole des Typs Baretta im Kleiderschrank gelegen haben soll, mit der Tim über 200 Mal geschossen hat, wird nicht erwähnt. Überhaupt unterbleibt jeder Hinweis auf die Besitzer des Hauses.
Auch wenn das “Tagblatt” und “Bild” die fehlenden Hinweise implizit und explizit “merkwürdig” finden: Es besteht keine Pflicht, in der Immobilienanzeige darauf hinzuweisen, wer die vorherigen Bewohner oder Besitzer sind.
Hans-Eberhard Langemaack, Geschäftsführer des Immobilienverbands Deutschland (IVD), sagt uns auf Anfrage, dass es in einem derart schweren Fall zwar durchaus zur Aufklärungspflicht des Immobilienmaklers gehöre, potentielle Interessenten beim Beratungsgespräch auf die Geschichte des Hauses hinzuweisen. In der Anzeige, die ja nur den Erstkontakt darstelle, könne man auf solche Informationen aber verzichten.
Natürlich ist es denkbar, dass mögliche Interessenten Abstand von einer Immobilie nehmen, in der ein Massenmörder gewohnt und sich auf seine Tat vorbereitet hat. Andererseits soll es ja auch Menschen geben, die eine gewisse Faszination fürs Morbide hegen und vielleicht gerne im Haus des “Amok-Killers von Winnenden” (“Bild”) leben würden. Ihnen kommt das “Schwäbische Tagblatt” mit großen Schritten entgegen, wenn es unter der Überschrift “Elternhaus des Amokläufers von Winnenden wird verkauft” nicht nur über die genaue Lage der Immobilie aufklären, sondern gleich noch den Namen der Maklerin und die genaue Exposé-Nummer des Objekts verrät.
Solche Gedanken finden Sie makaber? Na, dann warten Sie mal ab:
Dazu Farbfotos vom Koi-Teich, 50-Quadratmeter-Wohnzimmer, Kamin, Schlafzimmer, Terrasse.
Und der makabere Hinweis für Eltern mit Kindern: “…alle weiteren Schularten finden Sie in Winnenden!”
(“Bild”)
Vor dem Hintergrund des Amoklaufs an der Albertville-Realschule liest es sich durchaus makaber, wenn in einem Hinweis auf Grundschule und zwei Kindergärten im Ort noch erwähnt wird, “alle weiteren Schularten finden Sie in Winnenden”.
(“Schwäbisches Tagblatt”)
Der Artikel im “Tagblatt” endet übrigens mit folgendem Absatz über den anstehenden Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen den Vater des Amokläufers:
Wegen großen Medieninteresses und der Vielzahl der Nebenkläger wird die Verhandlung mit großer Wahrscheinlichkeit in Stammheim stattfinden. Beim dortigen Gefängnis gibt es dafür den größten Raum.
Das “Tagblatt” erwähnt zwar nicht, wer da schon alles auf der Anklagebank gesessen hat, aber das ist vermutlich nur die Rache für den fehlenden Hinweis auf die BarettaBeretta.
Mit Dank an Sibylle B.
Nachtrag, 26. November: Die Redaktion des “Tagblatts” als Lokalzeitung hat den Verkauf des Hauses nicht selbst aufgegriffen. Der Artikel ist gestern in der “Südwestumschau” der “Südwest Presse” erschienen und auf www.tagblatt.de übernommen worden.
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1. “Das ist ein jämmerliches Schauspiel” (dradio.de, Gerd Breker)
Ex-WDR-Intendant Friedrich Nowottny äußert sich zum Fall Nikolaus Brender und findet es an der Zeit, “dass man über die gesetzlichen Grundlagen des ZDF nachdenkt”. “Die Parteien leiten doch ihren Anspruch zur Mitsprache davon ab, dass ihnen das Bundesverfassungsgericht attestiert hat, jedenfalls den Ländern, dass sie die Träger der Rundfunkhoheit sind, und das nutzen die nach Gutsherrenart aus – jedenfalls im ZDF.”
3. “1999 – 2009” (blog-cj.de/blog, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz zieht sein persönliches Fazit zu 10 Jahren Journalismus im Internet: “Um noch einmal auf das ZDF zurückzukommen: 1999 existierte dort eine Zuschauerredaktion, die routiniert Fragen beantwortete und Kritiker halbwegs ruhigstellte. Wäre man böse, man würde sagen: eine Kommunikationsattrappe. Heute kann sich kein ernst zu nehmendes Medium und kein Journalist mehr erlauben, nicht mehr zu kommunizieren.”
4. “Sparen, wo es am wenigsten schmerzt” (kleinreport.ch)
Der Kleinreport hat sich das ab 2010 geltende Spesenreglement des Ringier-Verlags angesehen. Die Vergütung von Tagespauschalen im Zusammenhang mit der Verpflegung entfallen, es werden nur “die effektiven Kosten vergütet” – “Aufwendungen für Raucherwaren, Digéstifs und Ähnliches” gehen zulasten des Mitarbeiters.
5. “Swine Flu Deaths” (media.mercola.com, Bild, englisch)
Zahlen verschiedener Todesarten im Vergleich, unter anderem auch dabei: die Schweinegrippe.
6. Die Deutschen, das Internet und Frank Schirrmacher (ichwerdeeinberliner.com, Wash Echte, englisch)
“As it was established before, German people quickly feel uncomfortable when there is nothing to be offended or worried about. If they currently have no personal reason to be offended or worried about anything, they will go to a bookstore to buy a book written by what they consider to be a much more intelligent person, who happens to be altruistic and kind enough to lecture them about recent developments that they should better be offended or worried about, and that person, more often than not, is Frank Schirrmacher.”
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1. “Auch kleine Wachhunde können beissen” (nzz.ch, ras.)
Für die NZZ führen die Medienblogger die klassische Medienkritik weiter, “während sich die gedruckten Titel zusehends auf News, Skandale, Klatsch und Häme spezialisiert haben”. “Jene, die den Niedergang der Medienkritik beklagen oder die geringe Wirkung ihrer kritischen Tätigkeit beklagen, könnten von den Internet-Aktivisten einiges lernen. Sie sollten ebenfalls die grossen Potenziale des Internets nutzen. Wenig ergiebig wäre es, weitere medienkritische Symposien durchzuführen.”
2. “Steinbrück über Medien” (evangelisch.de)
Ex-Finanzminister Peer Steinbrück beobachtet Politiker, die “mediale Zwänge bis in die Privatsphäre hinein” befolgen. Die Medien hingegen würden die Stimmung nicht nur beschrieben, sondern sie erzeugen und damit selbst “zunehmend zu politisch Handelnden” werden. Steinbrück: “Es geht vor allem darum, Einfluss zu nehmen auf die Bundesliga der politischen Köpfe. Wer gewinnt, wer verliert?”
3. Im Test: niiu (streim.de, Andreas Streim)
Andreas Streim hat sich die individuelle Tageszeitung niiu mal angesehen: “Auf mich wirkt ‘niiu’ nicht wie eine neue Zeitung, sondern eher wie ein Pressespiegel für alle. Ob sich das bei Normalzeitungslesern durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, vor allem wegen der ersten Schwachstelle, der Artikel, die nirgendwo fortgesetzt werden.”
4. “Bürgerschreck mit Kaufmannslehre” (faz.net, Sven Astheimer) Martin Sonneborn war auch mal sowas wie ein Praktikant: “1989 wandte sich Sonneborn an ‘Eulenspiegel’, das einzige zu DDR-Zeiten geduldete Satire-Magazin, welches nun sein gesamtdeutsches Publikum suchte. Ihm imponierte, dass der Verlag vom Osten in den Westen ging und den Preis verdoppelte, deshalb fragte er um ein Praktikum nach. ‘Die wussten nicht, was das ist, und ich eigentlich auch nicht.’ Man fand trotzdem zusammen.”
5. “Futur 3.0” (epd.de, Sylvia Meise)
“Das Ellbogengedrängel am Medienkalender hat die Zeitpunkte unscharf werden lassen. Jubiläen wurden erst ein, dann zwei Monate, jetzt schon mal ein Jahr und mehr vorgefeiert: Erster! Manchen Verlag grämt’s. Darwins Geburtstag im Februar war schon im Dezember des Vorjahres verwurstet. Wer wollte dann noch Bücher dazu haben?”
6. “Was ist ein Bratwurstjournalist?” (blog.nz-online.de/vipraum)
Hardy Prothmann gibt jenen, deren “muntere Zeilen” die Umblätterer in lobenswerter Form sammeln, einen Namen. Bratwurstjournalist. “Der typische Bratwurstjournalist schreibt immer dieselben blöden, langweiligen, ausgelutschten Formulierungen, wie man sie täglich in fast jeder Lokalzeitung lesen kann.”
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1. “Warum die Qualität im Journalismus abnimmt” (dradio.de, Brigitte Baetz)
“Längst nicht alles, was heute als qualitativer, faktenorientierter Journalismus verkauft wird, ist dies auch tatsächlich. Der Einfluss von Unternehmen und Institutionen auf scheinbar unabhängige Journalisten nimmt immer weiter zu.”
3. “Warum ist der taz-Shop voller Schickeria-Produkte?” (hausblog.taz.de, Sebastian Heiser)
Sebastian Heiser beantwortet im Hausblog den Vorwurf von Leser Severin Michel (“Ihr seid ebenso ne Besserverdienenden-Zeitung geworden wie die Grünen ne Besserverdienenden-Partei. Schade nur, dass das eure Redakteure und freie Mitarbeiter nicht zu spüren bekommen”), im taz-Shop seien nur “Schickeria-Produkte” zu finden.
4. “Erster Eindruck: Das eMag der WamS” (ereaderwelt.de, Thorsten)
Thorsten hat das 1.50 Euro teure eMag der “Welt am Sonntag” getestet und findet es “es recht mutig, für so ein Angebot Geld zu verlangen” – “Das eMag in der jetzigen Fassung ist sein Geld nicht wert. Schlechte Umsetzung, keine Ideen, seichter Content.”
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1. “Mein Kopf kommt nicht mehr mit” (spiegel.de, Frank Schirrmacher)
Frank Schirrmacher spricht aus, was schon viele Journalisten im Stillen gedacht haben: “Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.”
2. “Vertriebskanal Grundschule” (medienkonsum.wordpress.com, Stefan Winterbauer)
Stefan Winterbauer zählt auf, was seinem Sohn in der Grundschule von Verlagen alles angedreht werden soll, zum Teil gefördert durch eine indirekte Provision der Lehrerinnen und Lehrer. “Die Unbedarftheit von Kindern wird von einigen Firmen gnadenlos ausgenutzt.”
3. “Zensur im Namen der Freiheit” (weltwoche.ch, Alex Baur)
Der Schweizer Datenschützer Hanspeter Thür hat wegen “schwerwiegenden Persönlichkeitsverletzungen” beim Bundesverwaltungsgericht Klage gegen Google Street View eingereicht. Alex Baur fragt: “Wer interessiert sich schon für unbekannte, zufällig ins Web geratene Gesichter und Autonummern?” Und glaubt: “Unter dem Deckmantel der Persönlichkeitsrechte soll der freie Informationsfluss unter staatliche Kontrolle gebracht werden.”
4. “Massen-Trauer in den Medien” (ndr.de, Video, 6:03 Minuten)
“Zapp” fasst nochmals den Abschied der Medien von Robert Enke zusammen. Die Trauer der “versingleten” Gesellschaft um einen den allermeisten persönlich total unbekannten Menschen sei medial vermittelt und hätte ohne Vorbilder wie der gigantischen Trauerfeier für Lady Diana wohl nicht stattgefunden.
5. Interview mit Paul Steiger (theeuropean.de, Alexander Görlach) Paul Steiger, Chef von Pro Publica, freut sich auf die Zukunft des Journalismus und ist sich sicher, “dass wir in den nächsten Jahren ein Feuerwerk an Experimentierfreude erleben werden”. “Anstelle großer Unternehmen mit Umsätzen von Hunderten Millionen Dollar werden kleinere treten, die vielleicht nur eine bis 15 Millionen pro Jahr umsetzen und sich ihren Platz erkämpfen wollen. Es wird eine Fülle an verschiedenartigen Geschäftskonzepten geben.”
6. “Oskar, der mitteilte, sich einzubringen gedachte, weil er, obzwar” (burks.de, Burkhard Schröder)
Burkhard Schröder staunt über den Inhalt eines Newsletters von Carsten Schatz, Landesgeschäftsführer der Partei “Die Linke”, der informiert, wie “Gen. Klaus Lederer” “über die Presseinformation des Genossen Oskar Lafontaine” informierte.