Wie berichtet, war es “Bild” ja bereits gestern irgendwie wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem heute an Jürgen Klinsmann verliehenen Bundesverdienskreuz am Bande um “die unterste Stufe” handele. Und heute schreibt “Bild” noch einmal:
Das Verdienstkreuz am Bande ist die unterste Stufe (von acht).
Doch was gestern nur merkwürdig war, ist heute schlicht falsch: Klinsmanns Verdienstkreuz ist zwar das kleinste der Verdienstkreuze, aber wenn “Bild” heute auch noch die Gesamtzahl der Stufen mitteilen zu müssen glaubt, hätte ein wenig Recherche vielleicht nicht geschadet. Denn laut Bundespräsidialamt [pdf] wird der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich “in acht verschiedenen Stufen verliehen”, doch “die unterste Stufe” ist die so genannte Verdienstmedaille.
Der Halbsatz in Klammern ist bemerkenswert. Damals, als Johannes B. Kerner das gleiche Verdienstkreuz verliehen bekam, hatte “Bild” den Halbsatz nicht dazugeschrieben. Als Hans-Wilhelm Gäb es verliehen bekam, auch nicht. Und als Dr. Dr. h.c. Manuela Schmid bei einer “Herz für Kinder”-Gala “1 Million Euro aus ihrem Privatvermögen spendete”, wurde zwar ausdrücklich erwähnt, dass “die Frau mit dem goldenen Herzen” noch “im April 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet” worden sei. Den Zusatz, dass es sich dabei um die “die unterste Stufe” der Auszeichnung handele, suchte man jedoch auch da vergeblich.
Es gibt journalistische Herausforderungen, die sich wirklich meistern ließen. Die Berichterstattung britischer Zeitungen über Pokalfinale Chelsea gegen Arsenal korrekt zusammenfassen: Das müsste doch machbar sein.
…und zwar “wie noch nie”! Na, dann gehen wir die Beispiele schnell mal durch.
Die “Daily Mail” schrieb: “Ballack hat weder die Kraft noch die Begeisterung, um es mit den Arsenal-Youngstern aufzunehmen.” Er habe einen “anonymen Auftritt” hingelegt.
Naja: Das zweite Zitat ist gar nicht aus der “Daily Mail”, sondern aus dem “Daily Telegraph”. Und das erste Zitat stimmt zwar, aber so furchtbar vernichtend kann es nicht gemeint gewesen sein: Die “Daily Mail” gab Ballack für seinen Auftritt 7 von 10 möglichen Punkten — und erklärte ihn damit zu einem der besten Spieler.
Die “Sun” nannte den Deutschen “faul”. Der “Daily Mirror” ätzte, Ballack sei “wieder einmal eine Riesen-Enttäuschung” gewesen.
Rumms! Was für eine vernichtende Kritik!
Och jo: Korrekt übersetzt lautet das “Daily Mirror”-Zitat: “Lieferte den Pass für Drogbas Ausgleichstreffer, aber für einen WM-Kapitän gegen kleine Jungs war das Spiel wieder eine Riesen-Enttäuschung…”
Überhaupt erwähnt die britische Presse Ballack dafür, dass sie ihn angeblich gerade “vernichtet”, erstaunlich beiläufig. Er steht alles andere als im Mittelpunkt der Berichterstattung, die meisten Bild.de-Zitate stammen nicht zufällig aus den tabellarischen Einzel-Kritiken der Spieler.
Weiter im Text:
Viele Zeitungen kürten Ballack zum schlechtesten Spieler des Matches.
Ja? Wir haben keine gefunden. Der “DailyMirror” fand drei andere Spieler genauso schlecht wie Ballack und zwei eingewechselte Spieler schlechter, der “Daily Telegraph” fand insgesamt fünf Spieler genauso schlecht wie Ballack und zwei schlechter. Die “Sun” fand zwölf Spieler schlechter als Ballack, der “Independent” neun, der “Guardian” acht, “The Times” fünf.
Wie gesagt: Es gibt journalistische Herausforderungen, die sich wirklich meistern ließen. Man muss es natürlich wollen.
Nachtrag, 19.20 Uhr: Der Bild.de-Artikel beruht auf einer dpa-Meldung, die selbst schon zweifelhaft war und von Bild.de mit zusätzlichen Fehlern und dramatischen Übertreibungen angereichert wurde.
Der Mann, der unlängst auf Bild.de mit seinem Foto als Beispiel für “alkoholisierte Fans des 1. FC Lok Leipzig” herhalten musste, steht bekanntermaßen in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen.
Eigentlich genauso wie der Mann, der unlängst auf Bild.de mit seinem Foto als Beispiel dafür herhalten musste, dass Patienten “manchmal wochenlang auf einen Termin beim Arzt warten” müssen.* Der steht nämlich auch in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen.
Der Unterschied:
Im zweiten Fall hat Bild.de das irreführende Symbolfoto entfernt und muss in einer “Richtigstellung” erklären, dass der Mann in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen steht.
Im ersten Fall indes bleibt Bild.de bei seiner (falschen) Darstellung.
*) Liebe BILDblog-Leser: Hat vielleicht noch irgendwer in seinem Cache den Bild.de-Artikel hinter diesem Link in der ursprünglichen Fassung?
Der virtuelle Reporter (++)
(taz.de, Wolf Schmidt)
Die Medien berichten nicht nur über “Second Life” – sie spielen längst mit. Reporter schreiben unter Pseudonym über Ereignisse in der Parallelwelt. Aber sind Berichte über Cybercoitus und Pixelbrüste Journalismus?
Nazi-Warenhaus 2.0
(telepolis.de, Burkhard Schröder)
In der deutschen Community von SecondLife begegnet man auch Hitlerjungen, Hakenkreuzen und Kanistern mit Zyklon B.
?Ich war erleichtert, dass Springer den Beobachter übernahm?
(klartext.ch, Bettina Büsser und Hans Stutz)
?Beobachter?-Chefredaktor Balz Hosang lobt das Journalismusverständnis des neuen Besitzers Springer und sinniert über weitere Ertragsquellen für eine 80-jährige Institution.
Der Penguin-Verlag will den Autor töten
(faz.net, Beate Tröger)
Mit dem Projekt ?A million penguins? hat der Penguin-Verlag die Netzwelt dazu aufgerufen, kollektiv einen Internetroman zu verfassen. Das kreative Chaos uferte aus, jetzt reglementiert der Verlag den steten Textzufluss.
Weil es vor gut einer Woche in Leipzig nach einem Spiel des Bezirksligisten 1. FC Lokomotive Leipzig gegen den FC Erzgebirge Aue II zu gewalttätigen Ausschreitungen von Hooligans kam, illustrierte die “Bild am Sonntag” ihre Berichterstattung gestern u.a. mit einem Foto aus dem Stadion. Direkt daneben schrieb die “BamS”:
KRAWALLE Alkoholisierte Fans des 1. FC Lok Leipzig am vergangenen Samstag im Stadion (…).
Die “BamS”-Redakteure angeblichen “Fans des 1. FC Lok Leipzig” scheinen ziemlich alkoholisiert gewesen zu sein: Auf dem Stadion-Foto (rechts) tragen sie deutlich sichtbar Fan-Handschuhe mit dem violett-gelben Logo des FC Erzgebirge Aue (“9,99 EUR incl. 19 % UST”) — und werden deshalb in der Originalbeschriftung des Fotos durch die Agentur Picture Point naheliegenderweise auch als “Fans von Aue” bezeichnet.
Desweiteren “dokumentiert” die “BamS” den Erlebnisbericht eines mutmaßlich an den Leipziger Ausschreitungen beteiligten Hooligans, dessen unschöne Ausführungen, wie die “BamS” vielsagend raunt, “kurzzeitig auf www.lok-forum.de zu lesen war”.
Und mal abgesehen davon, dass der Interneteintrag vom 11. Februar auf lok-forum.de, dem Fan-Forum des Leipziger Vereins, nach wie vor zu lesen ist (und zuvor auch schon andernorts zu lesen war), “dokumentiert” die “BamS” nicht, wie er dort zu lesen ist: In einem Diskussionsstrang mit der Überschrift “Gebt Verbrechern keine Chance !!!” ist er ausdrücklich mit den Worten “Zitat Anfang” und “Zitat Ende” gekennzeichnet und mit folgendem, distanzierenden Kommentar versehen:
Wer alles hier im Forum dafür ist, das diese Elemente endlich Sanktionen erfahren, der sollte das in seiner Signatur kenntlich machen, damit auch unser Vorstand weiß, das es genügend Fans gibt, die sich mit diesen Verbrechern nicht identifizieren !!!
digitale Boheme – metro @ PULSTV
(youtube.com, stephanbruckner, Video, 4:14 Minuten)
Die Lage der Kreativwirtschaft ist prekär. Aber die sogenannten digitalen Bohemians verzichten dankend auf einen Anstellungsvertrag und verwirklichen mittels neuer Technologien den alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten.
Gestrichen!
(berlinonline.de, Jakob Buhre)
Deutsche Schauspieler sind bei Interviews nicht selten zickig.
Warten auf den Krieg?
(telepolis.de, Florian Rötzer)
Der Konflikt zwischen Iran und USA wird auch von Medien geschürt.
Zähes Ringen
(taz.de, Christian Gaier)
Der Hauptsponsor eines Ringer-Vereins hat Journalisten Hausverbot
für “seine” Sporthalle erteilt. “Sein” Verein hat nun ein Problem.
Irgendwie war wohl auf der Seite, auf der die “Bild am Sonntag” heute darüber spekuliert, ob Bernd Schuster von der kommenden Saison an Trainer beim FC Bayern wird, noch ein bisschen Platz. Und irgendwer kam wohl auf die lustige Idee, den Lesern mit einer Foto-Montage schon einmal zu zeigen, wie das dann aussähe, wenn es wahr würde:
Leider war offenbar niemand in der Nähe, der sich ein bisschen mit Fußball auskennt. Die Frage “BAYERN-ZUKUNFT?”, die über der Fotomontage steht, lässt sich jedenfalls klar mit “Nein” beantworten. Denn selbst wenn Schuster in der nächsten Saison zum FC Bayern kommen sollte, gäbe er Mehmet Scholl und Hasan Salihamidzic nicht “die Richtung vor”. Die beiden verlassen den Verein bekanntlich zum Saisonende.
Und wie nennt man so einen Fehler? Einen “dicken Klops”? Aber mindestens.
Mit Dank an Florian L., Christoph F., Robin A., Salman und Christoph W. und Gruß an Urs von W.!
Nachdem bekannt wurde, dass der Fußballspieler Ivan Klasnic eine neue Niere bekommt, teilt sein Anwalt heute “klarstellend” mit,
dass es sich vorliegend um eine Lebendspende aus dem persönlichen Umfeld meines Mandanten handelt. Der Spender hat sich aus persönlicher, enger Verbindung zu Ivan Klasnic zur Spende entschlossen. (…) Wir bitten aber um Verständnis, dass aus Gründen des Schutzes auch des Spenders dessen Namen ungenannt bleiben soll.
Die Bitte kommt leider zu spät. In fast dreieinhalb Millionen Exemplaren von Europas größter Tageszeitung heißt es heute:
*)Verwandschaftsgrad, Name, Alter, Beruf und Wohnort des Spenders
wurden von uns unkenntlich gemacht.
Mit Dank an Sebastian P. für den Hinweis.
Nachtrag, 25.1.2007(mit Dank an Simon und Michael): Medienberichten zufolge bezeichnet Klasnics Anwalt die “Bild”-Enthüllung übrigens als “definitiv unrichtig”.
Nachtrag, 29.1.2007: Als wäre nichts gewesen, berichtet “Bild” heute unter Berufung auf eine kroatische Tageszeitung, “die neue Niere (…) stammt von seiner Mutter” — eine Behauptung, die Klasnics Anwalt inzwischen bestätigt.
Eigentlich aber zeigte “Bild” nur zwei (als “Fotomontagen” gekennzeichnete) Computerzeichnungen, die beispielsweise bei auto-motor-sport.de schon mindestens seit September 2006 zu begutachten sind — und (wenn uns nicht alles täuscht) damals auch schon bei Bild.de zu sehen waren.
PS:Bild.de behauptet derweil außerdem auf der Startseite, es handle sich dabei um “erste Bilder”, zeigt aber zumindest noch zweiFotos eines getarnten (!) Z9-Erlkönigs, die kürzlich jedoch auch schon anderswo zu sehen waren.