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“Bild” hilft im Fall Michelle wenig II

Die “Leipziger Volkszeitung” (“LVZ”) hat ein Interview mit dem Leipziger Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski “über die Fahndung nach Michelles Mörder” geführt. Er beantwortet darin Fragen zum Ermittlungsstand, zur Vorgehensweise der Polizei, zur Nachrichtensperre oder zur Notwendigkeit Ermittlungsdetails geheim zu halten.

Die “Bild”-Zeitung wird darin nicht namentlich erwähnt:

[“LVZ”:] Manche Berichterstattung dürfte jedoch auch pure Spekulation sein und weniger auf konkreten Quellen beruhen.

[Wawrzynski:] Auch das behindert uns enorm. Wenn wir wegen eines immer wieder veröffentlichten Phantombildes, das mit dem Fall Michelle überhaupt nichts zu tun hat, sogar Hinweise aus Saarbrücken und sonstwoher bekommen, müssen wir dortige Dienststellen einschalten oder selbst zur Befragung Beamte schicken. Oder aber es wird uns eine angeblich wichtige Zeugin per Presse präsentiert, deren Beobachtungen dann aber nichts als heiße Luft sind. Mit dieser Art unseriöser Berichterstattung werden die Bürger verdummt, weil es schlichtweg nichts mit der Realität zu tun hat.
(Links von uns)

Nachtrag, 5.9.2008: Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete (hier bei “Spiegel Online”), weist “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann die Vorwürfe der Polizei zurück, die “Bild”-Berichterstattung könne die Ermittlungen gefährden:

Die veröffentlichten Informationen seien nicht geeignet, dem Täter bei der Verwischung von Spuren zu helfen, heißt es in einem Schreiben von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann an Leipzigs Polizeichef Horst Wawrzynski. Im Übrigen könne eine Behörde eine Nachrichtensperre nur für ihre eigenen Mitarbeiter, nicht aber mit Wirkung für die Presse verhängen. Eine Vereinbarung, von Berichterstattung abzusehen – wie im Entführungsfall Jan-Phillip Reemtsma – sei im Fall Michelle von der Leipziger Polizei “nie gesucht” worden.

Polizeichef Wawrzynski schrieb offenbar zurück und räumt in einem Brief an Diekmann bezüglich der Nachrichtensperre ein, sich im “LVZ”-Interview “missverständlich” geäußert zu haben. Das gibt der Axel Springer Verlag heute in einer Pressemitteilung bekannt:

Dazu der Polizeipräsident: “Selbstverständlich kann eine Nachrichtensperre nur für den Bereich meiner Behörde Geltung entfalten. (…) Es ist unstreitig, dass eine Nachrichtensperre nicht für die Presse gelten kann.”

“Bild” hilft im Fall Michelle wenig

"Die schreckliche Wahrheit über Michelles Tod"Es sieht ganz so aus, als habe die “Bild”-Zeitung es nun doch geschafft, konkrete Einzelheiten zum Tod der achtjährigen Michelle aus Leipzig zu erfahren. Unter der Überschrift “Die schreckliche Wahrheit über Michelles Tod” berichtet sie heute über “das Ergebnis der Obduktion ihrer Leiche” – und zeigt sich sichtlich stolz darüber (siehe Ausriss).

Bei Staatsanwaltschaft und Polizei ist man indes “entsetzt” über die Berichterstattung, wie “Spiegel Online” schreibt:

“Wir machen zu dem Obduktionsergebnis keine Angaben”, sagte (…) eine Sprecherin der Leipziger Polizei SPIEGEL ONLINE. “Wir sind aber sehr unglücklich darüber, dass die Nachrichtensperre nicht eingehalten wurde. Uns hat man damit bei der Fahndung nach dem Täter alles andere als einen Gefallen getan.” Die Veröffentlichung sei bei den weiteren Ermittlungen alles andere als hilfreich.

Auch die Staatsanwaltschaft zeigte sich über die Berichterstattung nicht erfreut. (…) “Die Öffentlichkeit hat natürlich einen Anspruch auf Information, aber gerade in einem Fall wie diesem, in dem sich die Ermittlungen umfangreicher als sonst gestalten, kann eine detaillierte Berichterstattung fahrlässig sein. Abgesehen davon muss man sich fragen: Was tut man der Familie damit an?”

Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Polizei seien enttäuscht darüber, dass hinsichtlich der Ermittlungen keine Rücksicht genommen werde, sagte Schulz. “Details zu bestimmten Tathandlungen können auf einen bestimmten Täter hinweisen – und damit unsere Ermittlungen gefährden.”

Mit Dank auch an bgd, Claudius L., Gila M. und Michael K.

Nachtrag, 18.08 Uhr: Auch stern.de berichtet darüber, wie “verärgert” die Polizei auf den “Bild”-Artikel reagierte:

“Wer immer sich da profilieren wollte, hat der Sache einen Bärendienst erwiesen”, kommentierte ein Polizeisprecher einen Bericht der “Bild-Zeitung”. (…) Die Polizei halte bewusst an ihrer bereits kurz nach dem Verschwinden Michelles verhängten Informationssperre fest. Alles andere sei, auch in Hinblick auf die weiteren Ermittlungen, “äußerst kontraproduktiv”. Schließlich sei man “auf möglichst unbeeinflusste Zeugenhinweise” angewiesen, jede “Sensationshascherei” verfälsche das Bild oder verhindere, dass sich auch Bürger mit scheinbar unbedeutenden Beobachtungen meldeten (…).

Nachtrag, 3.9.2008: Nachdem die “Bild”-Zeitung am Dienstag Details aus dem Obduktionsbericht von Michelles Leiche veröffentlichte, suchen Staatsanwaltschaft und Polizei nun nach einem Informationsloch in den eigenen Reihen. Es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf “Verletzung des Dienstgeheimnisses und der besonderen Geheimhaltungspflicht” eingeleitet, wie verschiedene Medien berichten. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt zudem:

Durch Medienberichte über angebliche Details seien die Ermittler auch “auf die falsche Fährte gelockt” worden. “Halbinformationen behindern die Ermittlungen”, kritisierte der Staatsanwalt.

Nachtrag, 3.9.2008, 15.30 Uhr: Auch Bild.de berichtet über die Ermittlungen wegen Verletzungen des Dienstgeheimnisses und verlinkt dabei gleich zwei Mal zu dem “Bild”-Artikel, der offenbar Auslöser für die Ermittlungen war.

6 vor 9

1. “Verlogen – Reporter enthüllen Kriegspropaganda im Kaukasus”
(ndr.de, Video, 6:09 Minuten)
In den russischen Medien wird Micheil Saakaschwili, in den georgischen Medien wird Wladimir Putin als neuer Hitler dargestellt. Kann einer mit so einem Blick und solchen Augenbrauen nicht böse sein? Ausserdem: Fox News befragt ein Mädchen. Als sich das überraschend bei den Russen bedankt, wird sehr schnell eine Werbepause eingeschaltet.

2. “Bundesratsbunker: Debatte um kalten Kaffee”
(tagesanzeiger.ch, Reto Hunziker)
“Auf ‘Spiegel Online’ hat ein Schweizer Journalist den genauen Standort des Bundesratsbunkers genannt. ‘Blick’ zog nach. Dabei ist die Sache längst bekannt.”

3. “Im Mainstream angekommen”
(taz.de, Ben Schwan)
“Über 500 Blogger sind beim demokratischen Nominierungskonvent akkreditiert – so viele wie noch nie. Wer dabei sein darf, wird unter anderem von Google umsorgt.”

4. Matthias Horx im Interview
(diepresse.com, Isabella Wallnöfer)
“Die Gefahren, die der Zeitung drohen, drohen ihr nicht von der Technik, sondern von einer Art Selbstaufgabe. In den letzten zehn Jahren gibt es eine gewaltige Boulevardisierung, eine Vertrashung der Medienkultur. Zeitungen werden als Angsterzeuger, als Propagandainstrumente, als Reizsignalgeber benutzt. Das führt zu einem Niedergang der Zeitungskultur, vor allem, weil sich viele seriöse Zeitungen nun auch dieser reißerischen und Infotainment-Tendenz anschließen, weil sie Angst haben, sonst Auflage zu verlieren. Man begeht gewissermaßen Selbstmord aus Angst vor dem Tod.”

5. “Eitelkeit und Debattierkunst”
(weltwoche.ch, Andreas Kunz)
“Seit 15 Jahren spiegelt die Sendung ‘Arena’ die Schweizer Politlandschaft. Entsprechend mutlos wurde sie nun überarbeitet. Das neue Dekor fördert den konfektionierten Service public. Attraktive Rededuelle werden noch seltener.”

6. “Entwaffnende Ehrlichkeit”
(weltenweiser.blog.de, Myscantonic)
“Bei der Onlineausgabe der Internet World Business übt man sich in geradezu entwaffnender Ehrlichkeit. Neuer Trend: Ehrlicher Journalismus?”

6 vor 9

1. “Zentralschweiz am Sonntag” bald am Start
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
“In knapp zwei Wochen erscheint zum ersten Mal die ‘Zentralschweiz am Sonntag’. Allein für den Ausbau der Redaktion wenden die LZ Medien ein Gesamtbudget von rund 2 Millionen Franken auf.” Ein Interview mit Erwin Bachmann, dem CEO der LZ Medien.

2. “Olympia in den Medien”
(tagesspiegel.de, Benedikt Voigt)
“Nach zwei Wochen ziehen die internationalen Journalisten eine zwiespältige Bilanz der Spiele von Peking” (Fitnessraum, Massageraum und Open-Air-Café waren super – verleiteten aber dazu, nicht “mit dem wahren Leben in der Stadt” in Berührung zu kommen).

3. “Drehmoment auf Hochglanzpapier”
(berlinonline.de, Jochen Knoblach)
Ramp ist ein Autoheft der anderen Art. Man kann ihm nur Erfolg wünschen.”

4. “Was ist wichtig?”
(blog.gebuehren-igel.de)
“Wenn Spiegel online, die Süddeutsche und die FAZ am gleichen Tag über etwas berichten, dann muss das wichtig sein. Denn – so wird uns immer erklärt – Blogger labern nur, Journalisten wählen aus, sortieren ein, zeigen, was wichtig ist. Wichtig ist demnach, dass heute eine neue Vorabendserie bei RTL und eine Telenovela bei SAT1 starten.”

5. “‘Wetten, dass…?’ von Streik bedroht”
(sueddeutsche.de, Christina Warta)
“Weil offenbar Mitarbeiter entlassen werden sollen, droht den Bavaria Filmstudios ein Streik. Deswegen ist die nächste ‘Wetten, dass’-Sendung in Gefahr.”

6. “Marcel Reif will arbeiten”
(youtube.com, Video, 0:45 Minuten)
Nicht nur in China werden Journalisten bei ihrer Arbeit behindert, auch in Deutschland. So zum Beispiel Marcel Reif, der versucht, das Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Schalke 04 zu kommentieren.

6 vor 9

“Wir sind’s nur”
(jetzt.sueddeutsche.de, Christian Zaschke)
“China öffnet sich mit den Olympischen Spielen der Weltpresse? Nun ja, es kommen hauptsächlich Sportjournalisten. Eine Relativierung.”

“Katie Holmes besteht jeden Schwangerschaftstest”
(bildblog.de, Clarissa)
Katie Holmes, die Frau von Filmstar Tom Cruise, war, seit sie 2006 Tochter Suri zur Welt gebracht hat, schon sage und schreibe zehn Mal beinahe schwanger. Allerdings nur in der Bild-Zeitung.

“Das Sofa ist ein Betriebsunfall”
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des WDR, analysiert die Talkmaster Anne Will und Sabine Christiansen und kommt dabei auf die Haarfarbe zu sprechen: “Die beiden Journalistinnen sind zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Unterschiedlich im Temperament, unterschiedliche Ausstrahlung, die eine ist blond, die andere dunkel.”

“Olympische Spiele in Peking: Keine dicken Kameras erlaubt”
(fokussiert.com, Wolf-Dieter Roth)
“Die Wellen der Empörung schlagen bereits hoch, doch wirklich unerwartet ist es nicht: Normale Besucher der olympischen Spiele dürfen keine größeren Kamerausrüstungen in die Stadien bringen.”

“Sky Sports als Vorbild?”
(sportmedienblog.de)
“Oftmals, wenn die Diskussion darüber geführt wird, was PREMIERE im Sportbereich falsch macht, kommt das Gespräch auf den britischen Pay-Anbieter Sky und seine Sportkanäle. Sollte Sky Sports – erst Recht, nachdem nun Murdochs News Corporation Anteile an PREMIERE gehören – als Vorbild für eine Umorientierung, ja sogar einen Relaunch des PREMIERE Sportprogramms herhalten?”

“Robert Basic ist eine Linkschleuder”
(t3n.yeebase.com)
Frank Westphal, Gründer und Entwickler von rivva.de, im Interview: “Mir schwebt vor, Spiegel Online zu spiegeln. Die Ressorts würden also ähnlich aussehen wie die Hauptressorts bei Spiegel Online, dazu käme dann die Titelseite, die die großen Themen aus den einzelnen Ressorts und dazu noch ein paar kleinere Themen bündelt und dadurch den Überblick auf einer Seite bietet.”

Barack Obama fühlt sich von “Bild” reingelegt

Barack Obama sah schon auf dem Foto, das ihn zeigt, wie “Bild”-Chef Kai Diekmann ihm die Titelseite von “Bild” mit ihm zeigt, nur mittelbegeistert aus.

Der amerikanische Senator hatte bis zu diesem Moment nicht geahnt, dass die junge und weitgehend sprachlose Frau, die sich ein paar Stunden zuvor im Fitnessstudio des Hotels mit ihm hat fotografieren lassen, eine “Bild”-Reporterin war. Ihr Bericht begann mit den Worten: “Während Tausende an der Siegessäule auf ihn warteten, traf ich, die ‘Bild’-Reporterin, Barack Obama allein — im Fitnessstudio!” Obama hingegen sagt: “Wir sind reingelegt worden.” Mit diesen Worten zitiert ihn Maureen Dowd, eine Kolumnistin der “New York Times”. Obama wörtlich:

“Erinnern Sie sich an ‘Die Farbe des Geldes’ mit Paul Newman? Forest Whitaker sitzt so da und tut, als wüsste er nicht, wie man Billiard spielt. Und dann zockt er die Abzocker ab. Sie hat uns abgezockt. Wir kommen in das Sportstudio. Sie ist schon auf dem Laufband. Sie sieht wie ein ganz normales deutsches Mädchen aus. Sie lächelt und winkt ein bisschen verlegen, aber macht sich keine Mühe, irgendetwas zu sagen. Als ich gerade gehe, sagt sie: ‘Oh, kann ich ein Foto haben? Ich bin ein großer Fan.'”

Das schüchterne Mädchen heißt Judith Bonesky und fragt sonst für “Bild”: “Wie war die Hochzeitsnacht, Herr Walz?”, berichtet von tragischen Unfällen: “Schnipp, schnapp, Fingerkuppe ab. Wenn man wie Kult-Sänger Frank Zander (66, ‘Hier kommt Kurt’) auf die Finger zum Gitarrespielen angewiesen ist, sollte man auf die Klampfen-Griffel besser aufpassen…” oder protokolliert erschütternde Missgeschicke: “Kate Moss: Haare im Adlon verloren”.

Ihr Augenzeugenbericht vom Treffen mit Obama las sich anderntags in “Bild” u.a. so:

16.37 Uhr. Die Tür geht auf. ER ist es wirklich! ER (1,87 m) ist viel größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. ER trägt schneeweiße Jogging-Schuhe von Asics. Dazu ein graues T-Shirt und eine schwarze Jersey-Hose, beides von Nike. Die Klamotten wirken nicht mehr neu, schon oft getragen. Doch ganz frisch gewaschen. Ich hab den Duft von Weichspüler mit Frühlingsaroma in der Nase... Gar nicht weichgespült ist sein Lächeln, das mich trifft. Einfach umwerfend! Mir wird heiß. Und das nicht nur vom Training... "Hallo, wie gehts?", fragt Obama auf Englisch mit kräftiger, sehr männlicher Stimme. Mein Herz rast. 155, 158, 160... zeigt der Pulsmesser an! Ich antworte: "Sehr gut. Und wie geht es Ihnen?" ER: "Sehr gut, danke!" Obama ist durchtrainiert (spielt Basketball, Golf, joggt). Ich sehe seine muskulösen Arme - und seine knackige Rückansicht...

Obama sagte der “New York Times”, ihm werde gerade erst klar, woran er sich alles gewöhnen müsse.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber und Spiegel Online.

Nachtrag, 29. Juli. Antrieb für die öffentliche Liebeserklärung von Judith Bonesky an Barack Obama ist übrigens, dass sie “Obamas ausgeklügelte, bis ins letzte geplante PR-Inszenierung für den US-amerikanischen Wahlkampf gestört” habe. Das sagte ihr Chefredakteur Kai Diekmann laut “Süddeutscher Zeitung” und fügte hinzu: “Das war eine tolle Reporterleistung, denn Bild ist nicht Teil der Wahlkampfmaschinerie”.

Nachtrag, 15:40 Uhr. “Bild” hat den Obama-Artikel aus seinem deutschen Online-Angebot entfernt. Anstelle einer Erklärung sagte Verlagssprecher Tobias Fröhlich gegenüber dem Medienmagazin “Meedia”: “Das war ja letztlich nur eine regionale Geschichte.” Von einer rechtlichen Auseinandersetzung wisse er nichts. Eine kürzere englische Version ist nach wie vor online.

Nachtrag, 19:00 Uhr. Auch die englische Version ist nun verschwunden.

Nachtrag, 30.7.2008. Eine Nachfrage von uns bei “Bild”, wer aus welchem Grund die Löschung des Artikels auf Bild.de veranlasst hatte, blieb unbeantwortet. Ein “Bild”-Sprecher teilte uns heute morgen lediglich mit, die Berichterstattung sei “mit neuen Aspekten (Resonanz in anderer Presse und Diskussionsforum) online”. Und das stimmt. Allerdings schreibt Bild.de auch: “Viele lobten die Leistung der Reporterin – aber auch von einer ‘blonden Stalkerin’ war die Rede.” Was insofern seltsam ist, als wir in den von Bild.de verlinkten Medienberichten das viele Lob nicht entdecken können. Dafür gibt es aber u.a. einen Link zu einem FAZ.net-Artikel, der nicht frei online ist, sowie einen zu Pravda.ru, der bloß die wörtliche Übernahme von Boneskys ursprünglichem “Bild”-Artikel ist (“Click here to read the full text of the story”). Ach ja, und über Obamas Kritik verliert Bild.de selbst kein Wort.

Wieviel Ente steckt in Fritzls Hautcreme?

Also mit der Anti-Falten-Creme von Josef Fritzl war das so:

"Inzest-Drama von Amstetten: Josef Fritzl verlangt im Knast nach Anti-Falten-Creme"Bild.de schrieb’s aus dem britischen “Mirror” ab. Aber “Spiegel Online” schrieb, was im “Mirror” stand, sei offenbar “erfunden”.* Und anschließend löschte Bild.de die eigene Meldung.

Das Übliche also? Und alles bestens? Mitnichten.

Denn das Löschen war zumindest übertrieben: Die Meldung war nicht komplett erfunden. Sie hatte bloß schon einen weiten und beschwerlichen Weg hinter sich, als sie schließlich bei Bild.de angekommen war.

*) Nachtrag, 22.7.2008: “Spiegel Online” hat die “erfunden”-Formulierung aus dem Artikel entfernt und schreibt:

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hat eine zunächst in diesem Artikel publizierte Formulierung, “Neuigkeiten” über Fritzl würden “erfunden”, entfernt.

Quelle der vom “Mirror” publizierten Agenturmeldung war offenbar ein Bericht in der österreichischen “Kronenzeitung”, der gegenüber Erich Huber-Günsthofer angeblich bestätigte, Fritzl habe nach einer Hautcreme verlangt – was er SPIEGEL ONLINE gegenüber allerdings dementierte.

Mehr hierzu ebenfalls bei coffeeandtv.de

Halbwahrheiten über Sterbehilfe in der Schweiz

Anlässlich der Sterbehilfe, die der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch Anfang vergangener Woche einer Rentnerin leistete, berichtete “Bild” am Samstag in einer großen Titelgeschichte über “Die Wahrheit über Sterbehilfe in Deutschland”.

Im Artikel ging es jedoch auch um Sterbehilfe in der Schweiz:

Wie unsagbar grausam AKTIVE Sterbehilfe sein kann, zeigt der Fall einer unheilbar kranken Krebspatientin († 43) aus Deutschland. Die Frau war 2007 in die Schweiz gereist, um sich dort legal von der Sterbehilfe-Organisation “Dignitas” beim Sterben helfen zu lassen. Doch das Gift wirkte nicht richtig! Als die Frau im Sterbezimmer den Todes-Cocktail trank, schrie sie laut vor Schmerzen “Ich verbrenne! Ich verbrenne!” und lief violett an. Erst nach 38 Minuten Höllenqualen stellte ein Arzt den Tod fest.

Nun handelt es sich bei diesem Fall allerdings, anders als “Bild” schreibt, nicht um “AKTIVE Sterbehilfe”. Die ist auch in der Schweiz verboten. Vielmehr geht es hier um eine – in der Schweiz straflose – Form der Beihilfe zum Selbstmord. Dignitas hatte der Krebspatientin zwar offenbar den “Todes-Cocktail” besorgt, getrunken hat sie ihn aber selbst (wie sich ja auch aus der “Bild”-Schilderung ergibt).

Was allerdings den konkreten Ablauf angeht, existieren dazu zwei Versionen:

  • die von “Bild” geschilderte, die Anfang 2007 in der Schweizer “SonntagsZeitung” stand (und die “Bild” auch damals übernommen hatte)
  • und die des Dignitas-Chefs Ludwig A. Minelli: Zwar hätten zwei der vier anwesenden Zeugen den Tod der Krebspatientin so wie von “Bild” geschildert dargestellt, so Minelli zu uns. Die anderen beiden “Begleitpersonen” hätten Dignitas jedoch “mündlich und schriftlich versichert”, dass “die Schilderung der beiden haltlos” sei. Die Krebspatientin habe nicht gelitten und auch nicht “Ich verbrenne” geschrien. (Ähnlich war das auch schon Anfang 2007 beispielsweise in der “Berliner Zeitung” und bei “Spiegel Online” nachzulesen.)

Was stimmt, wissen wir ebenso wenig wie “Bild”. Nur hat sich “Bild” entschieden, eine der beiden Versionen als Tatsache zu präsentieren.

BGH und “Bild” mit Christiansen beschäftigt

Schon wieder musste der Bundesgerichtshof (BGH) ein Urteil wegen Paparazzi-Fotos fällen. Heute ging es um Fotos, die Sabine Christiansen im Frühjahr 2005 zusammen mit ihrer Putzfrau beim Einkaufen im Hafenort Port d’Andratx auf Mallorca zeigten. Gedruckt hatte die Fotos damals jedoch nicht “Bild”, sondern “Bild der Frau”, die allerdings wie “Bild” zum Axel-Springer-Konzern gehört. Und der BGH entschied: Der Abdruck der Fotos war unzulässig.

Die Vorsitzende Richterin Gerda Müller hielt den Nachrichtenwert laut “Spiegel Online” für “außerordentlich bescheiden, um nicht zu sagen dürftig”; die Fotos hätten nur dazu gedient, die öffentliche Neugier zu befriedigen. Deshalb habe das Persönlichkeitsrecht gegenüber der Pressefreiheit überwogen.

Weil aber “Bild” heute, am Tag der BGH-Entscheidung gegen Springer, selbst ein privates Foto von Christiansen auf der Titelseite hat, das die TV-Moderatorin “bei ihrer Hochzeit” zeigt (Überschrift: “Sabine Christiansen – Heimliche Hochzeit in Paris”), schreibt sueddeutsche.de:

Die Fernsehfrau, die oft auf Mallorca weilt, hat in Paris geheiratet – und Bild weiß mehr. Sehr heimlich kann der Trautermin mit einem französischen Textilunternehmer nicht gewesen sein, denn die Bilder in Bild sind weder unscharf noch verwackelt, sondern wirken eher wie offizielle Hochzeitsfotos.

Auffällig ist, dass ein Nachweis der Bildquellen fehlt. Genehmigt seien die Bilder laut dem Pressesprecher von Frau Christiansen nicht. Die Aufnahmen sollen von Fotografen der amerikanischen Agentur Abaca gemacht worden sein. Zu einer möglichen erneuten Klage wollte der Christiansen-Sprecher nichts sagen, wies aber darauf hin, dass man mit Paparazzi rechnen müsse, wenn man in Paris heirate. Auf Anfrage zu der bizarren Parallelität der Privatbilder konnte kein Sprecher von Bild oder Springer offiziell Stellung nehmen. (…)

medienlese – der Wochenrückblick

Endert zu Sixtus, Deutschlandbrillen, zeitgeschichtliche Relevanz.

Der Redaktionsleiter des Onlineauftritts des Handelsblatts, Julius Endert, wechselt, nachdem er sich dort mit einem vom Publikum (wie oft) sehr mässig aufgenommenen Relaunch verabschiedet hat, zu den Blinkenlichten Produktionen Ltd. & Co. KG, einer neuen Firma, als deren Geschäftsführer sich der elektrische Reporter, Mario Sixtus, aufführt. Die auf handelsblatt.com durchgeführte Umfrage zeigt am Samstagnachmittag, dass über die Hälfte der Nutzer den Auftritt für mangelhaft oder ungenügend halten. Immerhin fast ein Viertel bewertet ihn als gut oder sehr gut.

Umfrage Handelsblatt Relaunch
Bild: Screenshot handelsblatt.com, 28.06.2008, 13:45 Uhr
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