1. “Die 10 besten Texte aus den Feuilletons des vergangenen Jahres” (umblaetterer.de)
Das Consortium Feuilletonorum Insaniaeque hat in einem aufwändigen und, wie mir zugetragen wurde, leidenschaftlich geführten Verfahren wie jedes Jahr die 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons gekürt. “Der goldene Maulwurf” für das Jahr 2008 geht unter anderem an Iris Radisch (Zeit), Jörg Diehl/Ralf Hoppe (Spiegel) und Johan Schloemann (SZ).
2. Die Abenteuer eines Radiomoderators sind vorbei (gerryonline.wordpress.com, Gerry Reinhardt)
Eines der wenigen von Schweizer Journalisten unter Echtnamen und mit unbeschwerter Frische geführten Blogs schliesst: “In meiner Position als Radiomoderator und der Bekanntheit dieses Blogs lässt es sich nicht mehr frei und ungezwungen schreiben. Wenn ich über Coop schreibe, muss ich befürchten, dass sie keine Werbung mehr in meinem Radio schalten, wenn ich über Promis schreibe, muss ich damit leben können, dass sie mir keine Interviews mehr geben. Es geht nicht mehr. Sorry.”
3. “Hamburger Abendblatt – Was erlauben Strunz?” (sueddeutsche.de, Christopher Keil)
“Von diesem Montag an soll das Abendblatt nach SZ-Informationen nicht mehr als Zeitung geführt werden, die einen Online-Auftritt bietet, sondern als Online-Angebot, das auch eine Zeitung im Portfolio hat.”
Im Lebach-Urteil von 1973 (…) entschied das Bundesverfassungsgericht, dass eine Berichterstattung über Straftäter unzulässig sei, wenn sie deren Resozialisierung gefährdet. Und das sei schon dann der Fall, wenn “unter Namensnennung, Abbildung oder Darstellung des Täters” im Zusammenhang mit der Tat über ihn berichtet werde, weil eine derartige Berichterstattung “sein Fehlverhalten öffentlich bekanntmacht und seine Person in den Augen der Adressaten von vornherein negativ qualifiziert.”
Der verfassungsrechtliche Schutz des Persönlichkeitsrechts lasse es nicht zu, “dass die Medien sich über die aktuelle Berichterstattung hinaus zeitlich unbeschränkt mit der Person eines Straftäters befassen”: “Vielmehr gewinnt nach Befriedigung des aktuellen Informationsinteresses sein Recht, “allein gelassen zu werden” zunehmende Bedeutung und setzt den Wunsch der Massenmedien und einem Bedürfnis des Publikums, Straftat und -täter zum Gegenstand der Erörterung oder gar der Unterhaltung zu machen, Grenzen. (…) Auch der Täter, der durch eine schwere Straftat in das Blickfeld der Öffentlichkeit getreten ist und die allgemeine Missachtung erweckt hat, bleibt Glied der Gemeinschaft mit dem verfassungsrechtlichen Anspruch auf Schutz seiner Individualität.”
Als die “Bild am Sonntag” nach der Haftentlassung der ehemaligen RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt aktuelle Fotos von ihr veröffentlicht hatte (die tags drauf auch “Bild” zeigte), wurde ihr die Veröffentlichung anschließend gerichtlich untersagt.
Als “B.Z.” und “Bild” aktuelle Fotos der ehemaligen RAF-Terroristin Eva Haule nach ihrer Haftentlassung veröffentlicht hatten, wurde ihnen die Veröffentlichung anschließend gerichtlich untersagt.
Als gestern die “B.Z.” aktuelle Fotos des ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar nach seiner Haftentlassung veröffentlicht hatte (obwohl Klar laut “Tagesspiegel” nach seiner Freilassung die Veröffentlichung von Fotos hatte untersagen lassen), kündigte Klars Anwalt an, das Blatt auf Unterlassung, Schadenersatz und Vernichtung des Fotomaterials zu verklagen (wir berichteten).
Und als scherten sich “Bild” und “B.Z.” einen Dreck um die bisherige Rechtsprechung und den Resozialisierungsgedanken, sehen ihre Titelseiten heute so aus:
“B.Z.”-Anwalt Jan Hegemann in der “B.Z.”:
“Die Berichterstattung einschließlich Fotoveröffentlichung ist zulässig.
Die Öffentlichkeit hat ein berechtigtes Informationsinteresse daran, dass Christian Klar Verhandlungen mit einem mit Steuergeldern subventionierten Theater über einen Praktikumsplatz führt.”
In ihrer Berichterstattung verschweigen sowohl “Bild” als auch die “B.Z.” – anders als gestern Bild.de – nicht, dass Klar sein Praktikum beim Berliner Ensemble wegen einer “anhaltenden und agressiven journalistischen Kampagne einzelner Medien” und der “sensationslüsternen Berichterstattung” (bzw. wegen der “B.Z.”-Fotos) abgesagt habe. Die “B.Z.” zitiert sogar ihren eigenen Anwalt, der “die Berichterstattung einschließlich Fotoveröffentlichung” kurzerhand für “zulässig” erklärt (siehe Kasten).
Das ist wenig verwunderlich. Entschieden wird über die Zulässigkeit jedoch – auch wenn die Boulevardzeitungen der Axel Springer AG gern einen anderen Eindruck erwecken – nicht in “B.Z.” und “Bild”, sondern vor Gericht (siehe oben).
P.S.: Unter der Überschrift “Christian, der Dreiste!” wirft “Bild” Klar in einem Kommentar zum wiederholten Mal vor, “nie Anzeichen von Reue gezeigt” zu haben. Und ähnlich steht es auch an anderer Stelle in “B.Z.” (“Klar hat sich bis heute nicht bei seinen Opfern entschuldigt und auch keine Reue gezeigt.”) und “Bild” (“REUE ZEIGT CHRISTIAN KLAR BIS HEUTE NICHT.”).
Ob und inwiefern diese Pauschalbehauptung jedoch überhaupt noch aufrechterhalten werden kann, hat Daniel Boese, Redakteur beim Berliner Stadtmagazin “Zitty”, aus aktuellem Anlass noch einmal in einem lesenswerten Blogeintrag zusammengefasst.
(Wird vermutlich fortgesetzt…)
Nachtrag, 19:00 Uhr. Der Strafverteidiger und Blogger Udo Vetter meint, “Bild” werde Christian Klar für die Veröffentlichung des Fotos ein hohes Schmerzensgeld zahlen müssen — und auf diese Weise zu seiner Resozialisierung beitragen.
Nachtrag, 11.1.2009: In der “Bild am Sonntag” schreibt Kolumnist Peter Hahne “über Christian Klar und seinen Fehlstart in ein neues Leben”:
(…) Auch ein erklärter Staatsfeind hat in unserem Rechtsstaat das Recht auf Rehabilitation. Es gibt noch nicht einmal eine Pflicht zur Reue, wie mir Altbundespräsident Roman Herzog, der die Klar-Familie gut kennt, unlängst sagte. (…)
Illustriert hat die “BamS” Hahnes Kolumne mit den Klar-Titelseiten der “B.Z.” vom Freitag und Samstag, auf denen allerdings (auch online) Klars Gesicht unkenntlich gemacht wurde.
Nachtrag, 12.1.2009(mit Dank an Daniel Boese): Bereits vor zwei Jahren schrieb übrigens Axel Vornbäumen in einem Seite-3-Artikel für den “Tagesspiegel” darüber, dass das öffentliche Bild von Christian Klar als “Hardliner (…), unfähig zu Einsicht und Reue” möglicherweise nicht komplett sei. Interessant ist im Hinblick auf die Haltung von “Bild” insbesondere der Anfang des Textes:
Dieser Tage hat die “Bild”-Zeitung bei Rechtsanwalt Heinz-Jürgen Schneider angerufen, man wird ja schließlich noch mal fragen dürfen. Das Blatt meldete sich mit einer ungewöhnlichen Offerte: Man wäre bereit, Schneiders Mandanten [Christian klar] einen angemessenen Platz zur Verfügung zu stellen, falls der einen offenen Brief schreiben wolle – adressiert an Waltrude Schleyer, inzwischen 90-jährige Witwe des 1977 im “Deutschen Herbst” von der Rote Armee Fraktion (RAF) ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Eine Entschuldigung wäre gut.
Doch aus dem journalistischen Scoop wurde nichts. (…)
1. “Wirres zum ‘Bund’ aus Berlin” (bernergazette.ch)
Roland Mischke schreibt in der Berliner Zeitung einen Text über “das absehbare Ende” der Schweizer Tageszeitung Bund. Die Berner Gazette hat ihn gelesen und ist damit nicht zufrieden: “Um den Medienjournalismus bei der ‘Berliner Zeitung’ steht es schlecht, wenn ein derart sinn- und faktenfreier Text durchgeht und auch noch gedruckt wird.”
2. Interview mit Margrit Sprecher (tagesanzeiger.ch, Rico Bandle)
Reportagejournalistin Margrit Sprecher hat den Schweizer Kultursender DRS2 besucht und ein Buch darüber geschrieben: “Seit ich das Buch geschrieben habe, höre ich mehr DRS 2 als je zuvor. Ich begreife aber nicht, weshalb der Sender ausschliesslich bewundert und gelobt wird. Mit so viel Mitteln und Freiheiten ist es keine Kunst, ein gutes Kulturradio zu machen. Im Vergleich zu Print-Journalisten sind die wahnsinnig verwöhnt.”
3. Interview mit Karin Storch (tagesspiegel.de, Thomas Eckert und Joachim Huber)
Die Leiterin des ZDF-Studios in Tel Aviv schläft zurzeit “miserabel”. Zur Informationsfreiheit sagt sie diesen bemerkenswerten Satz: “Ich fühle mich überhaupt nicht manipuliert, wir unterliegen allerdings der israelischen Zensur.”
So stand es gestern in der “Bild am Sonntag”. Und das mit der “Sender-Schlacht” ist sicher etwas übergeigt (tatsächlich kann man die neue RTL-Show nämlich auch ziemlich unbrisant finden, wie sich bei DWDL.de nachlesen lässt). Aber darum geht es gar nicht, sondern um das, was die Nachrichtenagentur AP daraus machte:
Diese AP-Überschrift fasst in etwa den Nachrichtenwert der “BamS”-Geschichte zusammen. Doch AP verbreitete die “BamS”-Geschichte nicht nur mehr oder weniger unkritisch weiter, sondern auch noch falsch. In der AP-Meldung heißt es nämlich:
In der niederländischen Sendung von RTL4 war im November laut “Bild am Sonntag” schon Peter Siener zu sehen, der bei “Wetten dass…?” mit einem durch die Nase eingezogenen Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen gelöscht hatte.
Dabei hätte ein flüchtiger Blick in die “BamS” offenbart, dass die das gar nicht behauptet. Dort heißt es nämlich:
Im Februar 2004 lieferte Kandidat Peter Siener (35) einen der schrägsten Momente in der 27-jährigen “Wetten, dass..?”-Geschichte: Er löschte mit einem Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen (…). Am 9. November 2008 sehen Millionen holländische Zuschauer dieselbe Wette in “Ik Wed Dat Ik Het Kann” – durchgeführt durch einen anderen Mann! (Hervorhebung von uns)
Bei AP hat man das in der Aufregung um die “Sender-Schlacht” offenbar überlesen – und die anderen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, das zu merken.
Aber bei AP scheint man in diesen besinnlichen Tagen ohnehin etwas zur Aufgeregtheit zu neigen. Vorgestern schrieb AP über den Fehlstart eines Flugzeugs in Denver:
Die Boeing 737 der Continental Airlines kam beim Beschleunigen von der Startbahn ab, stürzte in eine Schlucht und fing Feuer.
Auch diese AP-Meldung findet sichnunindiversenMedien, und zum Teil haben die “Schlucht” und das “stürzen” es sogar in dieÜberschriftgeschafft(siehe Scrrenshots). Andere nennen die “Schlucht” hingegen wesentlich unaufgeregter “Graben” (oder auf Englisch: “ditch”) oder schreiben schlicht, die Maschine sei vonder Startbahn abgekommen. Das scheint den Vorfall dann doch etwas präziser zu beschreiben.
Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Sebastian M.
1. “Opium fürs Volch” (medienspiegel.ch, Fred David)
Fred David äussert sich zu den schweizer Medien: “Unsere Medien vertreten die Macht. Sie kontrollieren sie nicht, wie sie vorgeben. Dazu sind sie nicht mehr in der Lage. Diese Funktion passt nicht in ihre Marketing-, Gratis- und Sonstwiestrategien. Dass da ein wichtiges Element der Demokratie nicht mehr richtig funktioniert, scheint niemanden zu sorgen. Ausser vielleicht einen Spekulanten wie Tito Tettamanti.” Ebenfalls sehr lesenswert sind die Kommentare. Der anonyme “Skepdicker”, ganz offenbar ein Kenner der schweizer Medienszene, schreibt: “Die Inlandredaktionen schreiben seit Jahren an einer oberflächlichen Soap-Opera über den Kampf der Zwerge gegen den bösen Giganten B. Während ein Markus Schneider Bücher über die Flat Tax oder soziale Mobilität schreibt, befassen sich die Journalisten-Zwerge damit, ob Doktor B., Frau B., Bruder B., Schwester G.-B., Tochter M.-B…”
2. Interview mit Wolfgang von Mecklenburg (weltwoche.ch, Roger Köppel)
Roger Köppel, der im Editorial mitteilt, er habe nun die Zeitschrift zu 100% übernommen, im Gespräch mit Wolfgang von Mecklenburg von der M&M Media-Agentur. Der empfiehlt dem Blick, zum alten Format zurückzukehren, vom aktuellen Zustand der Zeitungen ist er nicht gerade begeistert: “Die heutige Medienszene tendiert Richtung Massenprodukt. Wir haben zu viele graue Mäuse.”
3. “‘Polylux’ ist tot” (taz.de, Peer Schader)
“Menschen mit kuriosen Hobbys oder außergewöhnlichen Eigenschaften konnten sich darauf verlassen, ab dem Moment, in dem das ‘Polylux’-Kamerateam bei ihnen im Hausflur stand, zum Mainstream zu gehören. Wahrscheinlich hat die Redaktion viel Zeit damit verbracht, darauf zu warten, dass andere Medien was aufschreiben, das sie dann nachdrehen kann.”
1. “Wenn der Wind über die Türschwelle streicht” (nzz.ch, Hoo Nam Seelmann)
Ein spannender Bericht aus Südkorea, wo ein anonymer Wirtschaftsblogger die Gesellschaft, die Medien und die Regierung beschäftigt. Lustigerweise ist der anonyme Blogger bereits verlegt, “die gesammelten Beiträge des unbekannten Autors” liegen in “drei kleinen Bänden als Bücher vor”. – “Zur Prominenz gelangte ‘Minerva’, weil er bereits im Juli das Überschwappen der amerikanischen Subprime-Kreditkrise auf die koreanische Wirtschaft verkündet, den Untergang von Lehman Brothers und den tiefen Fall der koreanischen Währung Won vorausgesagt hatte”.
2. “Oh, da protestieren ja Journalisten gegen das BKA-Gesetz” (jensscholz.com)
Jens Scholz schreibt über den Artikel “Anschlag auf die Pressefreiheit” auf spiegel.de. “Ihr kommt damit doch viel zu spät, ihr Schnarchnasen. Wo waren denn die Leitartikel der aufgebrachten Chefredakteure, wo die Kampagnen, die die Ausmaße des BKA-Gesetzes auseinanderpflückten und die Überwachungswut unseres Innenministers anprangerten als noch was zu reißen war?”
3. “Porno, na und?” (zeit.de, Martin Gantner)
Martin Gantner beschäftigt sich mit der Porno-Hysterie einiger Medien: “Immer wieder wird der Eindruck vermittelt, Pornografie funktionierte im Netz wie eine Droge. Einmaliger Konsum könne genügen, um in Abhängigkeit zu geraten und um auf eigene perverse Neigungen aufmerksam zu werden, von denen man zuvor nichts wusste. Die Zeitschrift ‘Emma’ hat in einer ihrer Ausgaben gar einen direkten Zusammenhang zwischen Online-Sexsucht und Pädophilie hergestellt. ‘Das Pornoangebot kann ‘normale’ Nutzer zu Pädophilen machen’, heißt es in dem Artikel.”
Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” informierte ihre Leser am vergangenen Donnerstag im Reiseteil ausführlich darüber, dass Lufthansa erstmals im Winter eine durchgängige Verbindung von München nach Boston anbietet (ab 2299 Euro). Und das nicht etwa auf 15 Zeilen. Nein, die FAZ hat dafür keine Kosten und Mühen gescheut, um das Angebot selbst zu testen (“Unser Nachmittagsflug von München nach Boston wird von einem nicht enden wollenden Sonnenuntergang begleitet. (…) Maja, die Purserette, rät uns, den französischen Rotwein zu testen. Beim Menü können wir zwischen Gänsebraten und Zander aus der Küche des kanadischen Sternekochs Susur Lee wählen.”) – und die große deutsche Qualitätszeitung ist nicht nur angetan vom “sehr persönlichen Service an Bord”, sondern auch von der Grundidee.
Hier ein kleiner (!) Ausschnitt:
Das FAZ-Resümee unter einem Foto, das die Autorin des FAZ-Artikels, Catharina P., nach erfolgreicher Teilnahme an einer Lufthansa-Pressereise gleich mitgeliefert hat, lautet:
Das Resümee eines FAZ.net-Lesers zum Artikel liest sich… anders:
“Dass sich die FAZ für einen solchen plumpen Werbeartikel für diese Airline hergibt, ist schon verwunderlich und störend.”
Lufthansa-O-Ton:
“(…) Durch die späte Rückflugzeit haben Sie in der Ostküsten-Metropole genügend Zeit, sich ganz auf Ihre Termine zu konzentrieren. In München kommen Sie morgens an und können ausgeruht in den neuen Arbeitstag starten.”
Und natürlich könnte man das mit dem “plumpen Werbeartikel” für eine plumpe Unterstellung halten — auch wenn sich in der FAZ Text-Passagen finden, die quasi wörtlich auch in Lufthansa–Pressemitteilungen stehen (siehe Kasten). Und was heißt es schon, dass die Autorin vor Jahren selbst mal für ein Lufthansa-Magazin geschrieben hatte? Was soll’s, dass sie für die FAZ auch schon aufgeschrieben hatte, wie toll man im Münchner Flughafen einkaufen kann (so toll, dass sie das ein gutes halbes Jahr später auch noch mal für die “Financial Times Deutschland” aufschrieb), wie toll man vom Münchner Flughafen aus kleine Kinder auf Flugreisen schicken kann (FAZ vom 10.4.2008), und was für eine tolle Fluggesellschaft Qatar Airways ist (FAZ vom 2.10.2008)?
Die djd über sich selbst:
“Die deutschen journalisten dienste – djd – sind führender Dienstleister für verbraucherorientierte Pressearbeit im deutschsprachigen Raum. In mehr als 5.000 verschiedenen Medien konnte djd bis heute Veröffentlichungen für seine Kunden erzielen: Vom Anzeigenblatt und der Lokalzeitung über Spezialtitel wie ‘medizin heute’ oder ‘fit for fun’ bis hin zu ‘FAZ’, ‘HÖRZU’, ‘Stern’ oder ‘Spiegel’ und von brigitte.de über MDR, WDR oder SWR bis hin zu RTL und ZDF. (…)
Alle Medien stehen vor der Herausforderung, in regelmäßigen Abständen immer wieder interessante Lektüre für ihre Leser bzw. attraktive Sendungen für ihre Hörer und Zuschauer zu erstellen. Um das in zunehmend dünner besetzten Redaktionen leisten zu können, nehmen sie gerne gezielte Unterstützung in Anspruch, die selbstverständlich den strengen presserechtlichen Kriterien entspricht.”
Tatsache ist, dass Catharina P. neben ihrer freien Journalistentätigkeit für FAZ, FTD und andere auch seit Jahren für die PR-Agentur “deutsche journalisten dienste” (djd) arbeitet. Auf der Website der djd (die — siehe Kasten — sich vor Werbekunden dafür rühmt, PR-Texte bei Print-, TV-, Hörfunk- und Online-Medien unterzubringen) wird sie als Redaktionsmitglied für die Bereiche “Gesundheit/Reise” geführt, von ihr verfasste PR-Texte werden von der djd verbreitet — und in djd-eigenen Broschüren werden ihre PR-Texte als Beispiele für gelungene Platzierung von Themen präsentiert. Aber die djd schwärmt zudem davon, wie sie selbst jedwedes PR-Thema “sicher in TV- und Hörfunksendungen unterbringen kann” und veröffentlicht u.a. entsetzlich lange Listen mit “Abdruckerfolgen” in Zeitschriften und Zeitungen (darunter auch die FAZ).
Öffentlich möchte sich die FAZ-Autorin, die einen Zusammenhang zwischen den FAZ-Texten und ihrer PR-Arbeit bestreitet, uns gegenüber weder zu ihrer PR-Tätigkeit noch zu ihrer journalistischen Arbeit äußern oder zitieren lassen.
Dabei sind wir sicher: Catharina P. ist kein Einzelfall im Reise-Journalismus. Aber genau darum schreiben wir’s ja auf.
Nachtrag, 11.12.2009: Nach Veröffentlichung dieses Eintrags wird Catharina P. auf der Website der PR-Agentur djd unter “Redaktion” nicht mehr zu den Themen “Gesundheit/Reise” geführt, sondern nur noch zum Thema “Gesundheit”. Und die FAZ-Reiseredaktion bestreitet in einer Stellungnahme uns gegenüber, einen reinen Werbeartikel für die Lufthansa veröffentlicht zu haben.
1. “Auf in neue Tiefen” (spiegel.de, Christian Stöcker)
Christian Stöcker antwortet “Daland Segler, 58” auf einen Artikel gestern in der Frankfurter Rundschau: “Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs ‘öffentlich’, in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler. Er geißelt die ‘Faktenhuberei’ des Internets …”
2. “Bloß nicht schwierig sein” (tagesspiegel.de, Else Buschheuer)
Else Buschheuer versteht den Wutausbruch von Elke Heidenreich, “der sie vom ZDF ins Internet bugsierte”: “Man schluckt so lange, bis man explodiert. Man lächelt, bis man schreit. Man macht Vorschläge, bis man verstummt. Man argumentiert fair, bis man hysterisch wird, unsachlich, schrill. Ich könnte ‘ganz oben’ sein, sagte mir mal ein Fernsehschaffender. Wenn ich nicht so schwierig wäre. Man muss es sich leisten können, schwierig zu sein. Und wenn man schwierig ist, ohne es sich leisten zu können, dann wird man kaltgestellt.” Die Zukunft sieht so aus: “Die Kratzbürsten kuschen oder wandern aus ins Internet. Sie sollen nicht die Hand beißen, die sie füttert. Sie sollen ihr Nest nicht beschmutzen. Sie sollen zu Kreuze kriechen oder sich verpissen.”
3. “Um den ‘Bund’ ist es schade” (stoehlker.ch)
Auch Klaus J. Stöhlker trauert über das absehbare Ende der Qualitätszeitung Bund: “Es ist schade um den ‘Bund’, denn seine Wirtschafts- und Kulturredaktion ist national bedeutend. ‘Der kleine Bund’ ist ein Bijou der Schweizer Medienlandschaft, den ich ebenso gerne lese wie das ‘TagiMagazin’ (hie und da). Die ‘Berner Zeitung’ tritt demgegenüber plump auf, weil sie nur gelegentlich Artikel und Interviews publiziert, die aus der Tagesroutine hervorstechen.”
1. “Was unterscheidet Stars von ‘Bild’-Artikeln?” (bildblog.de, lupo)
Die Bild-Zeitung und bild.de recyclen fröhlich alte Beiträge. Und zwar nicht uralte Beiträge, sondern welche, die erst vor zweieinhalb Monaten gelaufen sind.
3. FAZ und Perlentaucher weiter ohne Einigung (fr-online.de, René Martens)
Die grosse Frankfurter Allgemeine und der kleine Perlentaucher wollten sich auf einen Vergleich einigen, berichtet die Frankfurter Rundschau. Der Perlentaucher wünscht sich die Richtigstellung eines Artikels, die FAZ bot eine “Notiz” an, die dieser Tage erscheinen sollte. Es sah also nach einer Einigung aus – “sofern die Parteien nicht kurzfristig noch Argumente gegen den Kompromiss gefunden haben”. Genau dieser Fall scheint nun eingetreten zu sein – vorerst keine Notiz, vorerst kein Vergleich.
Wenn man das Gerät an einen Computer anschließt, öffnet sich automatisch ein Programm mit dem die Filme zum Online-Portal von BILD geschickt werden können.
Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten Verbands Michael Konken sagte der Nachrichtenagentur dpa dazu:
“Das bringt uns im Journalismus nicht weiter und es ist eine Aufforderung, Grenzen zu überschreiten (…). Viele werden unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte versuchen, Prominenten aufzulauern.” Diese Art von Sensationsjournalismus könne leicht außer Kontrolle geraten.
Bei Autounfällen würden zu allererst Kameras gezückt und damit Hilfskräfte sowie professionelle Journalisten behindert.
Tatsächlich sind die eindringlichsten Bilder der letzten Ereignisse allesamt von Laien aufgenommen worden. Egal ob 09/11 oder der Tsunami 2004, egal ob Abu Ghraib oder die Hinrichtung Saddam Husseins, es waren private Aufnahmen, die Geschichte geschrieben haben. Und ja, diese Entwicklung muss man ernst nehmen. (…)
Kai Diekmann ist für “Bild” vorgeprescht und hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die nun einmal existiert. Und gerade weil im Journalismus bestimmte Standards gelten sollen: An dieser Front darf man Diekmann auf keinen Fall alleine lassen.
Wortvogel zieht unter der Überschrift “Jedem Arschloch seine Kamera” Vergleiche zu Orwell (“BILD Brother is watching you”) und schreibt:
Das Recht am eigenen Bild, es stirbt nicht durch Paragraphen, sondern durch Schulterzucken: “Wir haben gedacht, das sei okay – und außerdem: das Video stammt von einem Leser, WIR zeigen es ja nur”. (…)
Dann sehen wir endlich im Bewegtbild, wie der psychisch Kranke nackt über die Straße kriecht. Haben wir schließlich ein Recht drauf. Und wäre doch gelacht, wenn nicht auch ein paar “Busenblitzer” vorkommen. (…) Schwenk zum Lastwagen, der einen Golf zermalmt hat: “Hier stirbt gerade ein Mensch”. Schlimm, sowas. (…) Dann lieber weiter zu Oliver Kahn, der doch tatsächlich bei der Filmpremiere in der Seitenstraße an die Mülltonne gepinkelt hat. Konnte man genau sehen. BILD fragt einen prominenten Urologen: Sieht das Genital des Titans eigentlich gesund aus?
Spießige Frage: Gab es bei Lidl nicht schon mal Überwachungskameras…? Und wer war es, der damals den Lidls publizistischaus der Klemme geholfen hat…? (Links von uns)