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Verpixelte Panik

Was haben diese drei gemeinsam? Wer sie kennt, erkennt sie sofort.

Soviel dazu. Und Schluss mit lustig.

Denn “Bild” berichtet heute in großer Aufmachung und mit vielen Fotos von einem “Amoklauf im Berliner Hauptbahnhof”:

Ein 26-jähriger Mann hat gestern dem Kellner eines Cafés zwei Stunden lang ein Messer an die Kehle gedrückt. (…) Der panische Blick der Geisel auf die scharfe Klinge lässt viele Augenzeugen erschaudern.

TODESANGST!

So steht’s im Pressekodex
 
(…) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (…) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden.

(…) Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen.

(…) Liegen Anhaltspunkte für eine mögliche Schuldunfähigkeit eines Täters oder Tatverdächtigen vor, sollen Namensnennung und Abbildung unterbleiben.

(…) Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.

(Aus den Richtlinien 8.1 und 11.3)

Ein Großteil der Fotos, die den ganzseitigen Artikel illustrieren, dokumentiert das Beschriebene. Wir sehen: einen Mann mit einem Messer, der einen anderen Mann im Würgegriff hat. Und auf allen Fotos zeigt “Bild” den Mann mit dem Messer, ohne ihn irgendwie unkenntlich zu machen, was nicht schön, aber laut Pressekodex gerechtfertigt sein könnte (siehe Kasten) oder auch nicht (siehe Kasten). Schließlich hatte der Mann laut “Bild” “offenbar Kokain geschnupft” und wurde “in eine Psychoklinik eingewiesen”.

Aber die Anonymisierungspraxis in “Bild” ist ohnehin undurchschaubar. Und einfallsreich zugleich: mal Verpixelungen, mal kleine, mal größere schwarze Balken über der Augen- oder schwarze Kreise über der Gesichtspartie, mal vollständiges Weißen kompletter Silhouetten… Doch wer heute anonymisiert wird, muss schon morgen damit rechnen, dass “Bild” darauf verzichtet, und umgekehrt. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem “Bild” nicht Menschen zur Schau stellt (Opfer, Täter, Betroffene), obwohl berechtigte Zweifel bestehen, ob “Bild” das darf. Erfahrungsgemäß zeigt “Bild” lieber zu viel als zu wenig. Zudem gab es in der Vergangenheit wiederholt Fälle, in denen “Bild”-Anonymisierungen vom Presserat als unzureichend beanstandet wurden.

Und den Mann im Würgegriff des Geiselnehmers am Berliner Hauptbahnhof (“Bild” nennt nicht nur seinen Beruf, sondern auch Vornamen, Alter und Arbeitsplatz) hat “Bild” auf den vielen Fotos, die ihn in “Todesangst” zeigen, unkenntlich gemacht — und zwar ziemlich genau so, wie wir das auf obigen Fotos demonstrieren.

Nachtrag, 23.11.2007: Auch heute zeigt “Bild” wieder Fotos der Geiselnahme — diesesmal jedoch ohne jegliche Unkenntlichmachung, die ja für gewöhnlich dem Schutz der Persönlichkeit des Abgebildeten dienen soll. Was das Opfer anbelangt, ist “Bild” deswegen heute (anders als gestern bei der weniger als halbherzigen Verpixelung seiner Augenpartie) wohl nichts vorzuwerfen, denn: “In BILD spricht er jetzt exklusiv über den Horror, über die wirren Gedanken des Täters, über die Liebe, die ihn stark machte.” Über den Täter wird inzwischen berichtet, dass er möglicherweise wegen Wahnvorstellungen, die eventuell durch Betäubungsmittel verstärkt worden waren, schuldunfähig gewesen und vom Ermittlungsrichter in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden sei. Grund genug also, noch einmal aus dem Pressekodex zu zitieren: “Liegen Anhaltspunkte für eine mögliche Schuldunfähigkeit eines Täters oder Tatverdächtigen vor, sollen Namensnennung und Abbildung unterbleiben.”

Betr.: Anne Will und Miriam Meckel

Sehr geehrter Herr Diekmann,

wenn Sie darauf angesprochen werden, dass die von Ihnen verantwortete “Bild”-Zeitung die Privatsphäre von Prominenten nicht respektiert, antworten Sie, dass die Prominenten dafür selbst verantwortlich seien. Gegenüber der Schweizer Zeitung “Persönlich” (pdf) formulierten Sie es so:

Grundsätzlich ist das Privatleben tabu. Das gilt aber nicht für diejenigen, die mit ihrem Privatleben das Licht der Öffentlichkeit suchen.

Der “FAZ” sagten Sie:

Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat. (…) Wer nicht selbst das Spiel eröffnet, muß auch nicht mitspielen.

Immer wieder greifen Sie auf eine Fahrstuhl-Metapher zurück:

Wer die Presse einlädt, wenn es im Fahrstuhl des Lebens nach oben geht, darf sie nicht aussperren, wenn er wieder nach unten fährt.

Gestern und heute haben “Bild” und “Bild am Sonntag” in größter Aufmachung darüber berichtet, dass die ARD-Moderatorin Anne Will am Rande einer Veranstaltung bestätigt habe, mit der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zusammen zu sein. “Ja, wir sind ein Paar”, habe Will gesagt und hinzugefügt: “Wir möchten unser Privatleben privat halten.”

Diesen Wunsch mochten Sie ihr offensichtlich nicht erfüllen. Denn Ihre Zeitung belässt es nicht dabei, über das Coming-Out der Moderatorin zu berichten, ihre Partnerin vorzustellen und über Kleidung, Schmuck, Sitzordnung, Menufolge und Stimmung bei der öffentlichen Veranstaltung zu berichten, zu der Will und Meckel gemeinsam gekommen waren. Sie informiert ihre Leser zugleich unter anderem auch über einen gemeinsamen Urlaub der beiden und nennt Details ihrer Freizeitgestaltung.

Offenkundig ist das Privatleben von Anne Will für die “Bild”-Zeitung also nicht mehr Tabu. Angenommen, Ihre öffentlichen Erklärungen über den sonst geltenden Respekt Ihrer Zeitung vor der Privatsphäre anderer Menschen seien nicht nur Lügen oder bestenfalls Selbstbetrug: Bedeutet die Tatsache, dass Frau Will und Frau Meckel auf Nachfrage einmal bestätigen, ein Paar zu sein, dass beide nun “das Spiel eröffnet” haben und in den “Bild”-Fahrstuhl eingestiegen sind? Glauben Sie, dass beide dadurch etwas Intimes enthüllt haben? Haben beide dadurch das sonst angeblich von Ihnen garantierte Recht verwirkt, ihr Privatleben privat zu halten? Müssen sie deswegen damit rechnen, dass “Bild”-Reporter sich auf die Suche nach früheren Partnern machen; dass “Bild”-Fotografen dokumentieren, wenn beide gemeinsam (oder gerade nicht gemeinsam) in den Urlaub fahren oder in einem Café sitzen; dass “Bild”-Artikel die Öffentlichkeit über Höhen und Tiefen in dieser Beziehung auf dem Laufenden halten?

Müssen Prominente, wenn sie nicht in Ihrer Zeitung lesen wollen, wo sie mit wem welchen Freizeitsport treiben, beispielsweise vollständig darauf verzichten, sich von ihren Partnern zu gesellschaftlichen Anlässen begleiten zu lassen? Oder dürfen sie sich von ihren Partnern begleiten lassen — aber nicht darüber reden?

Herr Diekmann, was kann ein Paar tun, um Ihnen keinen Vorwand dafür zu liefern, sein Privatleben als Verfügungsmasse Ihrer Zeitung zu betrachten?

Über Antworten würden wir uns freuen!

Mit freundlichen Grüßen
Ihre BILDblogger
 
 
Nachtrag, 28.11.2007: Von einem “Bild”-Sprecher erhielten wir folgende Antwort:

Sie schickten am 19.11. einen Brief an die Bild-Chefredaktion zum Thema Anne Will. Von unserer Seite gibt es dazu nur soviel zu sagen: Wir haben geschrieben, was an diesem Abend unserer BILD am SONNTAG-Reporterin gesagt wurde.

  

“Ich bleibe dabei: Super kostet maximal 1,50 Euro”

BILDblog: Wenn die Benzinpreise mal wieder steigen, wendet die “Bild”-Zeitung sich häufig an Sie als unabhängige Energieexpertin, um eine Prognose zu bekommen. Wie läuft das ab? Führen Sie ein längeres Gespräch, in dem mehrere Szenarien angesprochen werden, und “Bild” pickt sich dann eines heraus? Oder werden Sie direkt gefragt, auf welche Summe der Benzinpreis steigen könnte?

Claudia Kemfert
Professor Dr. Claudia Kemfert (38) ist Energieökonomin und Leiterin der Abteilung “Energie, Verkehr und Umwelt” des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt Universität Berlin.

Claudia Kemfert: Die “Bild”-Zeitung fragt, wie im übrigen viele andere Medien — Print, Hörfunk oder TV –, warum der Preis so hoch ist. Dies erkläre ich ausführlich: Der Ölpreis ist derzeit aus unterschiedlichen Gründen hoch. Neben hoher Nachfrage reichen die zusätzlichen Förderkapazitäten zur Abdeckung von Nachfragespitzen derzeit nicht aus. Allerdings ist Öl derzeit nicht knapp, es gibt genügend Öl am Markt. Auch denke ich nicht, dass der “peak oil” Punkt, also der Punkt, wo das Ölangebot nicht mehr ausreicht, um die weltweit steigende Nachfrage zu decken, schon heute erreicht ist. Diesen erreichen wir frühestens in 10 Jahren. Der hohe Ölpreis hat zudem die Ursache, dass geopolitische Risikofaktoren überbewertet werden — also die Sorge vor Angebotsengpässen, zudem treiben die Spekulanten den Preis. Der Ölpreis ist heute nahezu bei 100 Dollar pro Barrel. Hätten wir einen “normalen” Wechselkurs zum Dollar (1,20 Dollar), dann läge der Benzinpreis schon heute bei 1,90 Euro pro Liter Superbenzin. Die Spekulationsblase kann platzen, dann würde der Benzinpreis sinken. Allerdings deuten alle Faktoren darauf hin, dass der Benzinpreis eher steigt. Heute liegt der Benzinpreis bei 1,48 pro Liter Superbenzin. Meine Einschätzung ist damit sogar fast Realität geworden.

Für “Bild”-Leser sind Sie so was wie der Kachelmann der Benzinpreise. Ist das ein angenehme Rolle?

Ehrlich gesagt wäre ich lieber “Claudia Kleinert der Benzinpreise”. ;-) Scherz beiseite: Von der “Bild” Zeitung werden stets viele andere kompetente Kollegen befragt, auch diese Einschätzungen werden regelmäßig in der “Bild”-Zeitung oder in anderen Medien veröffentlicht.

Seit Jahren prognostizieren Sie laut “Bild” und “BamS” immer wieder einen Benzinpreis von über 1,50 Euro. Dennoch liegen wir nach wie vor darunter. Woran liegt das? Sind solche Prognosen womöglich gar nicht so sinnvoll, weil man den Benzinpreis nicht voraussagen kann?

Sicherlich ist eine Vorhersage, wo genau sich der Ölpreis und Benzinpreis entwickelt, mit vielen Unsicherheiten behaftet. Derzeit werden alle von uns bekannten Marktmechanismen außer Kraft gesetzt, daher wird eine Einschätzung noch schwieriger. Meine Einschätzungen beruhen auf “wenn-dann”-Aussagen, die bestimmte Szenarien beinhalten, die eintreten können oder auch nicht. Als ich vor 2 Jahren zum ersten Mal sagte, dass die internationalen Daten belegen, dass der Ölpreis sich in Richtung 100 Dollar pro Barrel bewegen wird, wollte dies Keiner glauben. Derzeit haben wir einen Preis von nahezu 100 Dollar pro Barrel — meine Prognose war also richtig. Selbst das wichtigste internationale Kompetenzzentrum in Energiefragen –- die Internationale Energieagentur (IEA) — hat seine Daten und Angaben nun zweimal korrigiert — in die Richtung, die ich schon vor zwei Jahren vorausgesagt hatte. Sicherlich hätte diese Entwicklung auch später eintreffen können. Nur haben meines Erachtens die Kollegen stets die Nachfragesteigerungen unterschätzt — was nun endlich korrigiert wurde. Im Übrigen: ohne den schwachen Dollar hätten wird derzeit einen Benzinpreis von 1,90 /Liter Superbenzin und 1,50 wurde fast erreicht. Ich finde, das ist eine relativ präzise Einschätzung.

Kemfert in “Bild” und “BamS”:
“Es ist wahrscheinlich, daß der Benzinpreis in den nächsten Wochen die 1,50-Euro-Marke pro Liter Normalbenzin durchbrechen wird.”
(“BamS” vom 4.9.2005)
 
“(…) Wir rechnen für diesen Fall mit neuen Höchstständen an den Tankstellen von mehr als 1,50 Euro je Liter Super.”
(“BamS” vom 5.2.2006)
 
“Der Preis für den Liter Super wird schnell auf 1,50 Euro steigen, wenn es keine Entspannung im Nahen Osten gibt!”
(“Bild” vom 15.7.2006)
 
“Kommt es zu schärferen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran und zu Produktionseinbrüchen, kann der Ölpreis schnell wieder auf bis zu 75 Dollar je Barrel steigen. In der Folge könnte der Liter Super sogar 1,50 Euro kosten.”
(“BamS” vom 7.1.2007)
 
“Der Preis für den Liter Normalbenzin wird klar über 1,40 Euro klettern, Diesel verteuert sich auf rund 1,20 Euro und Super auf deutlich über 1,50 Euro.”
(“BamS” vom 6.5.2007)
 
Die Energieexpertin des DIW Instituts, Claudia Kemfert, hält sogar einen Preis von über 1,50 Euro pro Liter für möglich, sollte der starke Euro wieder schwächer werden.
(“Bild” vom 20.10.2007)
 
“Der Dieselpreis wird in den nächsten Wochen bis auf 1,40 Euro pro Liter steigen, Super auf über 1,50 Euro.”
(“Bild” vom 8.11.2007)

Im Juli 2006 sagten Sie der “BamS”: “Bei einem Preis von 100 Dollar pro Barrel über einen Zeitraum von sechs Monaten könnte der Benzinpreis nach der Mehrwertsteuer-Erhöhung auf 2,10 Euro ansteigen.” Die “BamS” machte daraus die Schlagzeile: “Kostet Super bald mehr als 2 Euro?” War Ihnen wohl dabei? Oder direkt gefragt: Kostet Super bald mehr als zwei Euro?

Wenn der Dollar steigen sollte und der Ölpreis bei eben diesen 100 Dollar pro Barrel bleibt, dann wird der Benzinpreis auf 1,90 pro Liter Superbenzin steigen. Ich denke nicht, dass der Dollar so schwach bleiben wird und dass der Ölpreis auf einem derart hohen Niveau bleiben wird. Daher bleibe ich bei meiner Aussage, dass der Benzinpreis maximal 1,50 pro Liter Superbenzin erreichen wird — sollte er weiter steigen, werde ich eines Besseren belehrt.

Sinkende Benzinpreisen kommen in der “Bild”-Zeitung allenfalls in klitzekleinen Meldungen vor, und befragt werden Sie dazu auch fast nie. Entsteht so nicht ein verzerrtes Bild?

Ich werde zu jeglichen Preisentwicklungen oft befragt — nicht nur von der “Bild”-Zeitung, Sie haben in Ihrer Recherche übersehen und nicht erwähnt, dass es auch dazu eine Meldung in der “Bild”-Zeitung gab. Die “BamS” machte daraus eine Schlagzeile: “Der Benzinpreis kann wieder unter 1 Euro sinken” — Übrigens: Auch hier wurden einige Experten zitiert.

Inhaltlich laufen die “Bild”-Artikel meist auf die Forderung hinaus, die Mineralölsteuer zu senken und/oder die Ökosteuer abzuschaffen. Oder “Bild” beschwert sich über die “Abzocke” durch die Mineralölkonzerne. Halten Sie derartige Ansätze für sinnvoll?

Ein sehr hoher Benzinpreis hat negative Auswirkungen gerade für einkommensschwache Haushalte. Zudem steigen derzeit fast alle Energiepreise und teilweise auch Lebensmittelpreise drastisch an. Sollte die Belastung für die Volkswirtschaft insgesamt zu hoch sein, könnte es in der Tat eine Lösung sein, zumindest temporär die Steuern zu senken. Die Ökosteuer abzuschaffen halte ich allerdings für falsch. Aus den Einnahmen der Ölsteuer werden die Rentenbeiträge bezahlt. Eine Abschaffung der Ökosteuer könnte kaum aus anderen Beiträgen kompensiert werden, zumindest müssten die Bürger dann an anderer Stelle mehr zahlen. Alle Medien sprechen gern von “Abzocke”, wenn Mineralölkonzerne und Energieunternehmen Milliardengewinne ausweisen, und die “normalen Bürger” derart stark belastet werden. Es ist nicht falsch, dass diejenigen Energiekonzerne, die die gesamte Kette von der Exploration bis hin zu Tankstelle kontrollieren, durch derart hohe Ölpreise satte Gewinne ausweisen können. Aber so funktioniert nun mal die Marktwirtschaft. Die Rolle der Medien ist immer kritisch zu sehen, sei es bei der Berichterstattung zu Benzinpreisen oder Klimawandel etc. Die Medien machen aus fast allem Horror- oder Katastrophenszenarien. Dies ist zwar schade, aber kaum zu ändern. Der substantielle Wissenschaftsjournalismus ist leider nur noch selten vorzufinden.

Der “Passauer Neuen Presse” haben Sie erst im September in einem Interview gesagt, es werde höchste Zeit, dass der Umstieg vom Öl auf andere Energieträger organisiert werde. Außerdem warfen Sie der Automobilindustrie vor, alternative Antriebskonzepte zu wenig in den Fokus zu rücken. Hat die “Bild”-Zeitung Sie dazu eigentlich auch schon mal befragt?

Ich halte es auch für richtig, wir benötigen dringend eine “weg vom Öl” Strategie. Hohe Energiepreise sind volkswirtschaftlich kaum zu verkraften, insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer. Wir hätten schon längst alternative Kraftstoffe auf den Markt bringen können, die Technik ist vorhanden. Deutschland als “Land der Ingenieure” kann hier einen substantiellen Beitrag leisten. Die “Bild”-Zeitung hat mich allerdings zu diesen energiepolitischen Einschätzungen bisher nicht befragt.

Kann man die regelmäßige “Bild”-Frage “wird Benzin noch teurer?” nicht einfach pauschal mit “Ja, alles wird immer teurer. Was dachten sie denn?” beantworten?

Nein, das ist nicht mein Stil, zudem stimmt es auch nicht, wie selbst die “Bild”-Zeitung ab und zu mal selbst feststellt. Nur weil manche Medien einfache Schlagzeilen brauchen, kann und sollte man auf keinen Fall derart plakativ und zudem eine Fehleinschätzung abgeben. Zwar drücken wir Wissenschaftler alles kompliziert und langatmig aus. Dennoch sollte eine Korrektur auf keinen Fall auf Kosten der inhaltlichen Präzision erfolgen.

(Wir haben das Interview auf ausdrücklichen Wunsch von Claudia Kemfert ohne jede Kürzung veröffentlicht.)

Schrottgarstige Rekordjagden

Der deutsche Fußballmeister VfB Stuttgart hat gestern in seinem vierten Champions-League-Spiel die vierte Niederlage kassiert. Damit sind selbst alle Chancen, noch im UEFA-Cup mitzuspielen, vertan.

Da kann man als Sportjournalist schon mal hämisch werden:

"Knackt Schrottgart den Flop-Rekord der Champions League?"

Aber Häme gehört sich nicht, hat meine Oma immer gesagt, deshalb versucht man sich bei Bild.de, dem VfB wenigstens den “ewigen Flop-Rekord der Champions League” schmackhaft zu machen:

Und es stellt sich die Frage, ob die Rot-Weißen sogar den ewigen Flop-Rekord der Champions League einstellen werden. (…)

Ein Team mit null Punkten aus den sechs Gruppenspielen hat es in der Champions-League-Geschichte bisher nur sechs Mal gegeben. Den ewigen Flop-Rekord halten die Rumpel-Russen von Spartak Moskau (0 Punkte, 1:18 Tore) im Jahr 2002 vor den Bulgaren von Levski Sofia (0 Punkte, 1:17 Tore) aus der Vorsaison.

Nun: Der VfB Stuttgart hat nach vier Spielen eine Differenz von 3:10 Toren, da müsste er in den verbleibenden zwei Partien schon zehn Gegentore kassieren und kein eigenes mehr schießen, um wenigstens in Sachen Tordifferenz mit Spartak Moskau gleichzuziehen.

Aber das ist Haarspalterei verglichen mit dem nächsten Absatz:

Kleiner Trost: Nach dem Lyon-Spiel, in dem der VfB mehr Tore geschossen hat, als in den gesamten drei Spielen zuvor, darf man zumindest auf einen VfB-Punkt rechnen. In diesem Fall wären sie dann “nur” noch das schlechteste deutsche Champions-League-Team aller Zeiten. Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der HSV mit drei Punkten (7:15 Tore).

Der HSV holte in der Saison 2006/2007 tatsächlich nur drei Punkte bei 7:15 Toren. Damit war er aber immer noch besser dran als der ebenfalls deutsche FC Bayern München, der in der Saison 2002/2003 mit nur zwei Punkten aus der Champions League ausschied.

In einem anderen Artikel schreibt Bild.de:

Vier Spiele, vier Pleiten – dieser traurige Rekord aus deutscher Sicht muss erst einmal gebrochen werden…

Da der HSV es in der letzten Saison geschafft hat, die ersten fünf Spiele zu verlieren, hat Stuttgart noch gar keinen Rekord aufgestellt, der “erst einmal gebrochen” werden muss, sondern hat allenfalls die Möglichkeit, mit einer Niederlage im nächsten Spiel den “Rekord” des HSV einzustellen.

Mit Dank an Florian, Alex G., Benjamin, Jan-Christoph K., Sven W. und Daniel S. für die Hinweise!

Nachtrag, 16.40 Uhr: Inzwischen hat Bild.de nachgebessert. Nun heißt es: “Den Flop-Rekord für die Bundesliga hält der deutsche Rekordmeister Bayern München mit zwei Punkten (9:13 Tore) aus der Saison 2002/2003.” Und bezüglich des “traurigen Rekords” heißt es nun: “Vier Spiele, vier Pleiten – der VfB ist auf dem Weg den traurigen Rekord aus deutscher Sicht (fünf Pleiten in fünf Spielen – der HSV in der vergangenen Champions-Laegue-Saison) einzustellen…”

Iranisch für Anfänger

Seit vergangenem Samstag ist bekannt, dass der deutsch-iranische Fußballspieler Ashkan Dejagah nicht am Spiel der U21-Nationalmannschaft gegen Israel teilnehmen will (wir berichteten). Die “Bild”-Zeitung hat die Zeit nicht genutzt, sich ein wenig sachkundig zu machen.

“Bild”-Mitarbeiter Karl Wendl beschäftigt sich in seiner aktuellen Kolumne “Wendls Welt” auf Bild.de mit dem, was er Dejagahs “privaten Judenboykott” nennt und kommt zu dem Fazit:

Natürlich steht es jedem Zuwanderer frei, die Staatsbürgerschaft seines Heimatlandes zu behalten. Vielleicht wird Dejagah im Iran auch seinen Militärdienst ableisten, um nur ja nicht die iranische Staatsbürgerschaft zu verlieren.

Ob in seinem Fall jedoch irgendeine Loyalität zu Deutschland besteht, ist mehr als zweifelhaft.

Das ist grob irreführend. Iranern steht es in der Regel nicht “frei”, die iranische Staatsbürgerschaft zu behalten, sie haben keine andere Wahl. Der Iran entlässt seine Bürger nämlich fast nie aus dieser Staatsbürgerschaft, auch wenn sie es möchten. Genau deshalb können sie in Deutschland aufgrund von Paragraph 12 des Staatsangehörigkeitsgesetzes eine doppelte Staatsbürgerschaft annehmen.

“Dejagahs Fürsorgepflicht”
 
Der deutsch-iranische Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne) bewertet das Verhalten des Fußballers in einem “taz”-Interview so:
 
“Dejagah versucht nur, sich an die iranischen Gesetze zu halten. Für einen Doppelstaatler wie Dejagah heißt das, dass er nach dem Gesetz nicht nach Israel einreisen darf — das steht in jedem iranischen Pass. Sonst würden ihm bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen. Und davor hat er Angst. Zudem hat er Familie im Iran, sein Bruder spielt in der Ersten iranischen Liga. Da hat er auch für seine Leute eine Fürsorgepflicht. Dejagah ist nicht für die falschen Gesetze im Iran verantwortlich.”

Wendl suggeriert, dass Dejagah bei einem Besuch Israels nur damit rechnen müsste, die iranische Staatsbürgerschaft zu verlieren, und er suggeriert, dass Dejagah das mit seinem “privaten Judenboykott” um jeden Preis vermeiden will. Doch die Konsequenz einer Teilnahme an dem Spiel wäre nicht der Verlust der Staatsbürgerschaft, sondern dass Dejagah vermutlich nicht mehr in den Iran einreisen könnte, wo ein Teil seiner Familie lebt.

Wendl aber erwähnt diese Tatsache nicht. Er behauptet stattdessen kryptisch, Dejagah habe den Eklat “aus privaten Gründen” gewollt — weil er, anders als der ehemalige iranische FC-Bayern-Spieler Vahid Hashemian vor drei Jahren, nicht einfach eine Verletzung vorgetäuscht hat, um nicht gegen israelische Spieler antreten zu müssen* — und unterstellt, Dejagah lehne “mit seinem Verhalten die Herbeiführung einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen ab”.

*) “Bild” berichtete am 23.11.2004 über den Fall so:

Politische Entscheidung

Gegen Maccabi Tel Aviv wird Bayern-Stürmer Vahid Hashemian (28), wie schon im Hinspiel, nur Zuschauer sein — aus politischen Gründen. Seit der islamischen Revolution 1979 ist es iranischen Sportlern per Gesetz verboten, gegen israelische Teams anzutreten.

“Bild” spielt Foul

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

Das fragt “Bild” heute, weil der im Iran geborene Bundesliga-Profi seine Teilnahme am Länderspiel der deutschen U21-Mannschaft in Israel abgesagt hat. Aus “politischen Gründen”, wie er erklärt: “Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin…”

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

“Bild” schlägt folgende Antwort vor:

(…) die Absage legt den Eindruck nahe, dass Dejagah mit dem iranischen Machthaber Mahmud Ahmadinedschad sympathisiert. Der “Irre von Teheran” droht Israel mit der nuklearen Vernichtung. Außerdem hat er iranischen Sportlern ausdrücklich verboten, gegen israelische Athleten anzutreten.

Angesichts dieser Interpretation ist es natürlich kein Wunder, dass “Bild” zu dem Schluss kommt:

BILD meint: Wer ein Länderspiel in Israel aus politischen Gründen absagt, darf nie wieder für Deutschland spielen!

Was “Bild” nicht schreibt: Ashkan Dejagah hat Verwandte, die im Iran leben; sein Bruder spielt bei Paykan Teheran*. Es ist nicht auszuschließen, dass sie mit Sanktionen rechnen müssten, wenn Dejagah in Israel spielt. Er hat nicht nur einen deutschen, sondern auch einen iranischen Pass, und der Iran verbietet seinen Staatsbürgern die Einreise nach Israel. Dejagah muss damit rechnen, nicht mehr in den Iran zu seiner Familie reisen zu dürfen, wenn er an dem Spiel der U21 teilnimmt.

An all dem ändert sich nichts, wenn der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Friedbert Pflüger ihm laut “Bild” verspricht, für ihn “würde in Israel alles für seine Sicherheit getan werden”.

Natürlich kann man Dejagahs Absage trotzdem falsch finden und von ihm eine schnelle Entscheidung verlangen, ob er in der deutschen oder der iranischen Nationalmannschaft spielen will. Aber man sollte diese Fakten kennen, bevor man sein Urteil fällt. Die “Bild”-Zeitung verschweigt sie und verhindert, dass ihre Leser überhaupt eine Grundlage haben, um die Frage fair zu beantworten:

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

Mit Dank an farry2003.

*) Korrektur, 14. Oktober. Dejagah betont in einem Interview mit stern.de, dass sein Bruder nicht für den Teheraner Verein Paykan spielt, sondern in Berlin lebt. Wir sind einer offenbar weit verbreiteten Fehlinformation aufgesessen und bitten dafür um Entschuldigung.

“Schieß doch!”

“Bild”-Reporter Christian Kitsch überrascht heute mit einer interessanten Statistik. Die Erstliga-Fußballer des VfL Bochum nämlich kommen derzeit bloß auf durchschnittlich 44,37 Prozent Ballbesitz pro Spiel. Und weil man sich darunter ja nun nix vorstellen kann und jetzt auch irgendwie gar nicht so richtig weiß, wie gut oder schlecht das im Verhältnis zu anderen Mannschaften ist, steht da netterweise auch:

"Zum Vergleich: Der durchschnittliche Ballbesitz in der Liga liegt bei ziemlich genau 50 Prozent."

Glückwunsch! Der durchschnittliche Ballbesitz in der Liga liegt tatsächlich bei “ziemlich genau 50 Prozent”. War bestimmt keine leichte Aufgabe für Statistikfachmann Kitsch das auszurechnen.

Daraufhin haben wir uns die Mühe gemacht und schnell mal alle Spiele der laufenden und der letzten Bundesliga-Saison ganz genau angeschaut — und kommen zu noch viel überraschenderen Ergebnissen: Sogar in jedem einzelnen Spiel liegt der durchschnittliche Ballbesitz beider Mannschaften bei ziemlich genau 50 Prozent.

Und jetzt gucken wir mal, ob das beim Handball genauso ist …

Mit Dank an Stephan B., Johannes W., Marcel G. und Mark P. für den sachdienlichen Hinweis.

Wie man aus einem Edeka einen Elefanten macht

“Bild” vermeldet heute überregional eine Neuigkeit*:

Neu im Supermarkt!
Bezahlen mit Fingerabdruck

Bargeldlos bezahlen ohne Kredit- oder EC-Karte? Ein Edeka-Markt in Bocholt (NRW) macht das jetzt möglich! Der Fingerabdruck genügt …

Is’ ja ‘n Ding — vor allem, wenn man bedenkt, dass “Bild” bereits am 12. März 2005, also vor ungefähr zweieinhalb Jahren, auf der Titelseite Folgendes zu berichten wusste:

Im Edeka-Markt in Rülzheim (Rheinland-Pfalz) können Kunden jetzt in einer Testphase per Fingerabdruck bezahlen.

Und die “Süddeutsche Zeitung” [pdf] berichtete bereits im vergangenen Januar — wenngleich eher so nebenbei:

In Straubing, Ingolstadt, Saaldorf und Bergen kann man bei Edeka per Fingerabdruck bezahlen.

Noch eindrucksvoller aber wirkt das heutige “Ein Edeka-Markt (…) macht das jetzt möglich!” der “Bild”-Zeitung nach einem Blick auf die Website des Fingerabdruckscannerfabrikanten, wonach biometrisches Bezahlen u.a. beim Edeka in Albbruck, Altdorf, Armorbach, Aulendorf, Baden-Baden Lichtental, Dahn, Dogern, Dossenheim, Dunningen, Eisingen, Erbach, Filderstadt/Bonlanden, Freiburg, Fürth, Großen-Buseck, Großsachsenheim, Görwihl, Hauenstein, Heubach, Iggingen-Brainkofen, Kirchzarten, Kleinglattbach, Konstanz, Neresheim, Neu-Anspach, Newel-Butzweiler, Oberkirch/Zusenhofen, Ötisheim, Pirmasens-Ruhbank, Pliezhausen, Rastatt, Reichenbach, Rimbach, Rottweil, Rudersberg, Römerberg, Salmtal-Salmrohr, Schömberg, Staufen, Steinbach, Stutensee-Büchig, Trier-Ehrang, Trierweiler, Villingen-Schwenningen, Waldshut-Tiengen, Weilheim Teck, Weissach i.T., Weissenbach und Wiesbaden möglich ist — weshalb es auch auf der Edeka-Website heißt:

Im ganzen Einzugsgebiet der EDEKA Südwest kann man bereits in 50 Märkten per Fingerabdruck bezahlen. “Das ist ein richtiger Boom”, so Fitterer [ein Filialleiter].

Immerhin: Edeka hat bundesweit 8.581 Filialen (Stand 2006 [pdf]). Sollte sich der Fingerabdruck-“Boom” fortsetzen, ist bei “Bild” also mit weiteren 8.579 “Neu im Supermarkt”-Meldungen zu rechnen.

Mit Dank an Nahne J. für Hinweis und Scan!

*) Die eigentliche Neuigkeit besteht offenbar darin, dass der Edeka-Laden in Biemenhorst bei Bocholt als erster Lebensmittelmarkt in Nordrhein-Westfalen das Bezahlen per Fingerabdruck eingeführt hat. Die Lokalpresse berichtete darüber bereits vor zehn Tagen. Soviel dazu.

So gaukelt “Bild” uns miese Renteninfos vor

Das Unangenehme an der Zukunft ist ja, dass sie sich regelmäßig nicht an die Voraussagen hält, die über sie in der Gegenwart getroffen werden. Und andererseits wünscht man sich von einem offiziellen Schreiben, in dem die gesetzliche Rentenversicherung einem mitteilt, mit welcher Rente man in Zukunft rechnen kann, doch eine gewissen Zuverlässigkeit. Insofern war es eigentlich eine gute Idee von der “Bild”-Zeitung, sich am Samstag die in diesen Wochen millionenfach versandten “Renteninformationen” (Muster als pdf) genauer anzusehen.

Um zu ihrem erwartbar vernichtenden Urteil zu kommen…

So gaukelt der Staat uns steigende Renten vor

…musste sie allerdings einige Verrenkungen anstellen.

“Bild” moniert, dass in dem Brief “Rentenerhöhungen von 1 % und 2 %” vorgerechnet werden, was “sehr optimistisch” sei. Mag sein, aber auf dem unmittelbar daneben abgebildeten Musterbrief sieht man, dass die Renteninformation auch einen Wert angibt für den Fall, dass die Renten gar nicht erhöht werden.

“Bild” moniert, dass die angegebene zu erwartende Rente nicht berücksichtigt, dass ja auch ein “Jobverlust oder Wechsel auf eine schlechter bezahlte Stelle” dazwischen kommen könnte. Nun könnte man denken, dass jeder Bürger weiß, dass ein solches Schreiben das genau so wenig berücksichtigen kann wie die Möglichkeit, dass man morgen befördert wird. Notfalls kann man aber auch darauf verweisen, dass die Rentenversicherung vor die entsprechende Summe den Satz geschrieben hat: “Sollten bis zur Regelaltersgrenze Beiträge wie im Durchschnitt der letzten fünf Kalenderjahre gezahlt werden, bekämen Sie (…) von uns eine monatliche Rente von:”.

“Bild” moniert, dass “mögliche Rentenabschläge bei vorzeitigem Ruhestand völlig ausgeblendet werden”. Nun ja: Die Renteninformation bezieht sich ausdrücklich auf die Annahme, dass man bis zur Regelaltersgrenze arbeitet; auf der zweiten Seite steht ebenso ausdrücklich, dass ein früherer Rentenbeginn zu Abschlägen führt.

“Bild” moniert, dass die Renteninformation nicht berücksichtigt, dass “die Preise schneller steigen als die Renten”. Aber ob sie das wirklich tun werden, weiß niemand. Sicher ist nur, dass die Renten langsamer steigen werden als die Löhne — die Anpassungen können aber durchaus über der Inflationsrate liegen.

Zusätzlicher Vorsorgebedarf
Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger (“Versorgungslücke”). Bei der ergänzenden Altersvorsorge
sollten Sie – wie bei Ihrer zu erwartenden Rente – den Kaufkraftverlust beachten.

Warnung in der “Renteninformation 2007”, erste Seite

Und so geht das noch ein bisschen weiter (auch die Rentenversicherung selbst hat eine Erklärung dazu abgegeben). “Bild” ignoriert sämtliche warnenden und relativierenden Hinweise, die in den Briefen enthalten sind. Erstaunlicherweise hat die Zeitung sogar an der Warnung etwas auszusetzen, dass Versorgungslücken zu erwarten und eine “zusätzliche Absicherung für das Alter” zu empfehlen sei: Da fehle der Hinweis, dass man auch für private Lebensversicherungen “kräftig Steuern, Kranken- und Pflegebeiträge hinblättern” muss.

Dass “Bild” nicht noch Extra-Renten-Prognosen für den Fall fordert, dass außerirdische Dinosaurier zwei Drittel der Rentenzahler auffressen, ist vermutlich nur dem mangelnden Platz geschuldet.

PS: Ausnahmsweise ist es “Bild” gelungen, den Empfänger des faksimilierten Renten-Briefes vollständig zu anonymisieren:

Dabei wäre das in diesem Fall ausnahmsweise nicht so dringend gewesen:

Mit Dank an Andreas K.!

Allgemein  

Heiße-Luft-Alarm in der “Bild”-Zeitung

“Bild” ruft heute “Tornado-Alarm über Deutschland” aus. “Immer häufiger, immer heftiger: Das neue Wetter-Phänomen Wirbelsturm”, heißt es in der Unterzeile zu einer “Bild”-Geschichte über einen Tornado, der vergangenen Samstag in Frankfurt/Main schwere Schäden angerichtet hat.

Ohne allzusehr ins Detail zu gehen: Ob in Deutschland tatsächlich “immer häufiger” Tornados auftreten und diese “immer heftiger” werden, wie “Bild” schreibt, ist mindestens umstritten. Zwar rechnen viele Klimaforscher mit einer Zunahme extremer Wetterphänomene. Aber belastbare Daten, die belegen, dass die Zahl der Tornados in den letzten Jahren zugenommen hätte, gibt es derzeit offenbar nicht.

Und wenn “Bild” schreibt, den “bisher schwersten Tornado” hätte es im März 2006 in Hamburg gegeben, so ist das nachweislich falsch. Es handelte sich dabei um einen Tornado der Kategorie F2 auf der Fujita-Skala, mit Windgeschwindigkeiten von maximal 252 km/h. Das klingt zwar viel, ist im Vergleich zu dem Tornado, der im Jahr 1968 Pforzheim heimsuchte jedoch eher wenig. Der erreichte Windgeschwindigkeiten von 400 km/h (Kategorie F4) und aus den Jahren 1764 und 1800 sind sogar zwei Wirbelstürme dokumentiert, die aufgrund von Schadensberichten als F5-Tornados eingeschätzt werden. Womit klar sein dürfte, dass Wirbelstürme, anders als “Bild” behauptet, kein “neues Wetter-Phänomen” sind.

Kommen wir zu dem tollen großen Foto, mit dem die “Bild”-Geschichte, die ja auch das “BILD-Leser-Reporter”-Logo trägt, illustriert ist:

"Tornado-Alarm über Deutschland -- Immer häufiger, immer heftiger: Das neue Wetter-Phänomen Wirbelsturm"

Wahnsinn! Oder? In einem kleinen Text rechts auf der Seite heißt es:

Eine bedrohliche Unwetterfront schiebt sich über Hessen, gewaltige Luftwirbel reichen bis zur Erde. Fotografiert hat’s Leser-Reporter Andreas M.* (20)
*) Abkürzung von uns

Damit keine Verwirrung entsteht: der zitierte Text, der rechts neben der mächtigen Windhose und unter diesem kleinen unspektakulären Foto steht, bezieht sich nur auf das kleine unspektakuläre Bild, auf dem weit und breit kein Tornado zu erkennen ist. Das große Windhosen-Foto unter den Worten “Tornado-Alarm über Deutschland” hingegen zeigt nicht den Frankfurter Tornado vom Wochenende. Es wurde in Elie in Manitoba, Kanada aufgenommen, wie man uns bei der Nachrichtenagentur AP sagt, von der das Foto stammt.

P.S.: Manche Klimaforscher gehen übrigens davon aus, dass die Zunahme von Tornado-Meldungen in den letzten Jahren darauf zurückzuführen ist, dass die Öffentlichkeit “sensibler für das Thema” würde, wie die “FAZ” im September letzten Jahres Thomas Sävert (der übrigens auch schon einschlägige Erfahrungen mit “Bild” gemacht hat) zitierte. Außerdem schrieb die “FAZ”: “Internet und Fotohandys tragen ihren Teil bei” (sic).

Mit Dank an Jan K. und Frank A. für den sachdienlichen Hinweis.

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