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Bild.de und seine Spleens!

Hey, Recherchieren kann ja jeder. Die wahre Kunst ist es, “Stille Post” mit Schwerhörigen zu spielen und das Ergebnis trotzdem für wahr zu halten.

Bild.de hat eigens für dieses Spiel eine eigene Rubrik eingerichtet. Sie nennt sich “Internet-Klatsch” und gestern stand darin unter anderem etwas über die Schauspielerin Claire Danes:

Hollywood-Stars und ihre Spleens! So zum Beispiel Claire Danes (25). Die “Romeo & Julia”-Beauty scheint ein wenig verschreckt zu sein! Auf der Psycho-Coach erzählte sie ihrem Therapeuten von angeblichen Geistern in ihrer Nähe. Im Interview verrät sie laut Internetdienst “FemaleFirst”: “Ja! Oh, mein Gott, ja! Ich meine, natürlich hatte ich Ärger. Ich habe Geister und so ein Zeugs gesehen, aber das hing von dem New Yorker Umfeld ab, glaub’ ich… In New York City geht jeder zur Therapie.“ Is’ schon klar! Na, solange sie ihren Therapeuten nicht für ein Ghost Buster hält…

Mal abgesehen davon, dass wir mit Grammatik, Orthographie und Inhalt des letzten Satzes einige Probleme haben, ist das doch eine merkwürdige Geschichte. Zum Glück kann man sie ja bei “FemaleFirst” nachlesen. Dann stellt man fest, dass Bild.de ein nicht unwesentliches Detail weggelassen hat: Frau Danes hat nämlich nicht gestern oder voriges Jahr Geister gesehen, sondern als Kind.

Ebenfalls weggelassen hat Bild.de die eigentliche Quelle für die Zitate. Die gibt “FemaleFirst” an: Es handelt sich um die britische Zeitung “The Guardian”. Und dort schließlich klärt sich auch diese scheinbar zusammenhangslose Formulierung “Yeah! Oh my God, yeah!”, die in der Form, wie Bild.de sie zitiert, den Eindruck erweckt, als sei Frau Danes völlig durchgeknallt. Tatsächlich hat “FemaleFirst” die Reihenfolge des Zitates verändert. Im Original heißt es:

“In New York City, everybody goes into therapy.” When they’re six? “Yeah! Oh my God, yeah!”

(“In New York City geht jeder zur Therapie.” Schon mit sechs Jahren? “Ja. Oh mein Gott, ja!”)

Ach, und hat Bild.de wirklich “Psycho-Coach” geschrieben? Ja. Oh mein Gott, ja!

Nachtrag, 9. Dezember, 9.13 Uhr: Claire Danes ist übrigens nicht “(25)”, sondern 26 Jahre alt.

Nachtrag, 12. Dezember: Bild.de hat offenbar den Versuch aufgegeben, den Beitrag über Claire Danes zu korrigieren, und ihn komplett gestrichen.

“Schickt die Käse-Tussi nach Hause!”

Na, das ist ja mal eine Überraschung:

Anscheinend haben sich in der Frage, wer “Deutschland sucht den Superstar” moderieren soll, tatsächlich fünf Prozent der Anrufer für die “Käse-Tussi” Tooske Ragas entschieden, die laut “Bild” “wirklich Käse ist”, “nichts als Langeweile verbreitet”, “fast schon gewohnt farblos leierte” und “unsexy” war…

…und nicht für die “schöne Michelle” Hunziker, die “schön, sexy, atemberaubend” war, “begeisterte” und “so bezaubernd moderierte”!

(Konkret heißt das auch, dass fünf Prozent der “Bild”-Leser, die angerufen haben, nicht die Nummer neben dem Herz gewählt haben, sondern die neben dem Stück Käse.)

Und das, wo “Bild” schon vor fast drei Wochen im direkten Vergleich feststellte: “Klarer Punktsieg für Superstar Michelle!” und foderte: “Schickt die Käse-Tussi nach Hause!”

Und wir sind nur froh, dass es sich bei Frau Ragas um eine Holländerin handelt und wir uns nicht ausmalen müssen, welche lustigen Witze sich die “Bild”-Redakteure bei einer langweiligen Türkin oder einer nicht sexy aussehenden Schwarzen ausgedacht hätten.

Symbolfoto XX

Gnadenlos: Die DSDS-Juroren Dieter Bohlen, Silvia Kollek und Hienz Henn zeigen den Kandidaten die kalte Schulter.

Jaha, so fies sind die bei “Deutschland sucht den Superstar”: wenden jungen Menschen, die “all’ ihre Hoffnungen auf diesen einen Moment” gesetzt haben (“Bild”), einfach gnadenlos den Rücken zu. Die Zeitung fragt heute scheinbar besorgt: “Wie übersteht man als Kandidat den ‘Superstar’-Rausschmiß”, und illustriert das Thema u.a. mit diesem Foto, das ja auch für sich spricht…

…außer, dass sich die Juroren gar nicht aus Gemeinheit umgedreht haben, sondern um einer Kandidatin einen Gefallen zu tun. RTL beschreibt die Szene so:

Die 18-jährige Mandy war beim Casting in Köln zuerst so nervös, dass sie keinen Ton heraus brachte. Damit sie lockerer wurde, drehte die Jury sich kurzerhand um.

Danke an Sven K. für den Hinweis!

Ganove Ede

Anlässlich der gestern auf RTL ausgestrahlten Doku-Soap “Haltet den Dieb!”, bei der laut RTL zwei ehemalige Einbrecher den Zuschauern zeigen sollten, “wo die Schwachstellen an ihren Häusern liegen”, berichtet heute auch “Bild” und fragt:

Darf ein Einbrecher TV-Star werden?

Man kann die Frage mit Ja oder Nein beantworten. “Bild” hat sich augenscheinlich für Letzteres entschieden und schreibt:

“Kennen die TV-Sender überhaupt kein Tabu mehr?”

Außerdem hat “Bild” offenbar zwei Menschen gefunden, die bereit waren, sich öffentlich über das angebliche “Ganoven-TV” zu empören. Einer der beiden ist “Eduard Zimmermann (76), Erfinder von ‘Aktenzeichen xy'”. Zumindest steht in der Zeitung, dass “Ganoven-Ede zu BILD” gesagt habe:

"Verbrecher als TV-Stars auftreten zu lassen, ist in keinster Weise mit dem Auftrag eines Fernsehsenders vereinbar."

Wie gut jedoch die Idee ist, hier ausgerechnet Zimmermann herbeizuzitieren, zeigt ein Blick ins “Bild”-Archiv. Schließlich sah doch vor nicht mal vier Monaten eine Titelstory über den “beliebten TV-Moderator” so aus:

Lebensbeichte von Eduard Zimmermann: Ich war selbst ein Krimineller

Mit Dank an chakamoto fürs gute Gedächtnis.

Allgemein  

(Mit) Windows umgehen

Feine Sache: In der Georg-Weerth-Oberschule in Berlin-Friedrichshain werden die Schüler konsequent auf das Berufsleben vorbereitet. “Bild am Sonntag” schreibt:

Bereits in der 7. Klasse steht Berufsorientierung auf dem Stundenplan (…) Am eigenen Laptop (900 Euro) lernen die Schüler, mit dem Programm Windows umzugehen.

Mit dem “Programm Windows”, soso. An all diesen schmucken, schönen, weißen Laptops mit dem Apfel-Logo drauf:

Danke an Markus K., Janus G., Martin H. und Joachim G.!

Kolumnen aus dem Glashaus

“Die erstaunlichste Wissenslücke” der Woche war nach Ansicht von “Bild”-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß, dass “Fußballfan und SPD-Chef Müntefering” nicht wusste, dass “nächsten August die Welt-Reiterspiele in Aachen stattfinden”.

Ja, gut. Unserer Meinung nach wird diese Wissenslücke locker von der von Nayhauß getoppt, dem irgendwie entgangen ist, dass der SPD-Chef nicht mehr Müntefering, sondern Platzeck heißt.

Aber vielleicht ist das nicht so erstaunlich.

Vielen Dank an Andreas S. für den Hinweis!

neu  

Humbug heißt Humbug

“Nee, lassma”, rief der “Bild”-Redakteur, als man ihm das Wörterbuch bringen wollte, “ich kann das auch so.”

Bestimmt arbeiten auch bei “Bild” Leute, die des Englischen mächtig sind. In der Buchhaltung zum Beispiel. Oder im Layout. Vielleicht sogar in der Anzeigenabteilung. Aber es scheint ein ungeschriebenes (und sehr streng befolgtes) Gesetz zu geben, diese Menschen von allen Artikeln fernzuhalten, in denen “Bild” Englischkenntnisse gebrauchen könnte. Artikeln, zum Beispiel, in denen die Zeitung anderen die englische Sprache erklären will.

Wie heute Jan Ullrich. Angeblich muss der gerade einen Intensivkurs belegen, weil Englisch als Sprache seines Tour-de-France-Teams eingeführt wurde. Die “Bild”-Zeitung tut so, als könnte sie helfen, und hat deshalb diesen kleinen Kasten rechts gebaut, bei dem allerdings schon das große “Y” in der Überschrift nicht korrekt ist.

“Trennkost ist besser” übersetzt “Bild” mit “Seperation food is better”, und das ist falsch, denn auf Englisch heißt “Trennkost” verwirrenderweise “food combining”.

Der Satz “Ich habe ein Problem mit einem Reifen” lautet nach Ansicht von “Bild” auf englisch: “I have a problem with a wheel”, und das ist falsch, denn wheel ist nicht der Reifen, sondern das (Vorder- oder Hinter-) Rad. Das englische Wort für Reifen ist tyre (oder amerikanisch tire).

Und die beste Übersetzung für “Was für ein steiler Berg” soll — laut “Bild” — “What a cliffy mountain” sein, und auch das ist humbug. Denn cliffy heißt soviel wie felsig oder schroff, wo ein steiler Berg doch durchaus glatt sein kann, weshalb man ihn am besten einfach steep nennt, was alles sein kann, Hauptsache steil.

Danke an Armin S. für den Hinweis!

Nachtrag, 1. Dezember, 9.15 Uhr: Und selbst wenn “Trennkost” auf englisch so etwas wie “seperation food” hieße, was es nicht tut, schriebe es sich nicht “seperation”, sondern separation.

“Bild”-Dialektik

Rudi Carrell hat Lungenkrebs.

Am 16. November 2005 beschrieb “Bild” Carrells Reaktion so:

Er schläft viel, nimmt fast keine öffentlichen Termine mehr wahr. Nur das Rauchen läßt der Kettenraucher (täglich zwei Packungen Zigaretten) nicht sein.

Am 24. November 2005 beschrieb “Bild” Carrells Reaktion so:

Rudi hörte nach 52 Jahren sofort mit dem Rauchen auf, “ohne damit irgendein Problem zu haben”, wie er selbst sagt.

Danke an Stephan D. und Thomas K. für die Hinweise!

“La Legge”

Katherine Legge ist Rennfahrerin. Und weil Legge gestern als erste Frau seit 13 Jahren in Vallelunga bei Rom eine Testfahrt in einem Formel-1-Auto machen durfte, nannte Bild.de sie:

Oder:

Dabei ist Katherine Legge (geboren in Guildford, wohnhaft in Northamptonshire und von den Italienern liebevoll “la Legge” genannt) gar keine Italienerin, sondern Britin.

Aber zum Glück prallte “La Legge”, wie auch Bild.de die Britin nennt, gestern ja schon nach zwei Runden gegen eine Mauer, was Bild.de die Gelegenheit gab, die erste Fassung ihrer Meldung zu aktualisieren, weshalb dort inzwischen nicht mehr von “Italiens schnellster Frau” die Rede ist. Stattdessen heißt es nun (sprachlich gewagt):

Was wiederum nicht bedeuten soll, dass für Bild.de damit auch die Frage ihrer Nationalität geklärt wäre. Im Gegenteil heißt es später im Text nach wie vor über “La Legge”:

Das bleibt zwar sachlich falsch, ist aber wenigstens grammatikalisch unverfänglich.

Mit Dank an Neil G. und Tobias J. für die Hinweise.

Nachtrag, 14:50:
In der zweiten Runde hat Bild.de es dann doch noch geschafft, nicht nur den Grammatikfehler zu korrigieren, sondern “La Legge” (wie der Italiener und Bild.de sie nennt) auch die richtige Staatsangehörigkeit zu verleihen.

Plötzliche sensationelle Wende

Heute testen wir einmal Ihr Überraschungsverhalten. Bitte lesen Sie folgenden Absatz und merken sich, an welchen Stellen Sie so etwas dachten wie: “Ist ja der Hammer”. Los geht’s.

Im Verfahren um verschobene Fußballspiele forderte die Staatsanwaltschaft für den Schiedsrichter Robert Hoyzer zwei Jahre Haft auf Bewährung plus 100 Sozialstunden. Doch das Landgericht Berlin verurteilte ihn zu zwei Jahren und fünf Monaten Gefängnis ohne Bewährung (a). Dabei hatte die Staatsanwaltschaft nur zwei Jahre Haft auf Bewährung plus 100 Sozialstunden gefordert (b).

Wenn Sie an Stelle (a) überrascht waren, können wir das nachvollziehen. Wenn Sie an Stelle (b) überrascht waren, sind Sie vermutlich ein unaufmerksamer Leser. Und wenn Sie an beiden Stellen überrascht waren, können Sie sich bei der “Bild”-Zeitung bewerben.

Die macht nämlich ihren Berlin-Teil heute ganz groß mit dieser Schlagzeile auf:

Staatsanwalt will Freiheit für Hoyzer!

Und schreibt im Vorspann:

NACH DEM SENSATIONS-URTEIL (29 MONATE HAFT) FORDERT PLÖTZLICH DIE BERLINER STAATSANWALTSCHAFT EINE MILDERE STRAFE FÜR DEN SKANDAL-SCHIEDSRICHTER.

Und ist am Anfang des Artikels immer noch nicht aus dem Staunen raus:

Auf das sensationelle Urteil gegen Skandal-Schiri Robert Hoyzer (26) folgt nun, am Ende des Prozesses, die sensationelle Wende.

Und wenn “Bild” noch so oft Wörter wie “plötzlich”, “sensationell” und “Wende” hinschreibt: Das ist die bekannte Nachricht von Dienstag. An jenem Tag nämlich beantragte die Anklage (wie auch “Bild” berichtete) die milde Bewährungsstrafe, und seitdem hat sich an ihrer Haltung nichts geändert.

Neu ist allein, dass die Staatsanwaltschaft nun angekündigt hat, gegen das Urteil in Revision zu gehen. Und während “Bild” über viele, viele Zeilen ergebnislos spekuliert, warum ein “Ankläger (!)” für ein milderes Urteil kämpft, haben andere Zeitungen eine Erklärung: Die Staatsanwaltschaft hat gegen das gesamte Urteil Revision eingelegt, also auch gegen das für die anderen Angeklagten. dpa schreibt:

Die Staatsanwaltschaft will insbesondere das Strafmaß für [den Mitangeklagten Dominik] Marks überprüfen lassen. Er hatte anderthalb Jahre Haft auf Bewährung bekommen, die Staatsanwaltschaft hatte dagegen zwei Jahre ohne Bewährung gefordert (…).

Und plötzlich ist alles weder überraschend, noch schwer zu verstehen. Aber wer erklärt es “Bild”?

Nachtrag, 21. November. Zur Klarstellung: Natürlich war die Staatsanwaltschaft nicht gezwungen, gegen das gesamte Urteil Revision einzulegen. Ihre Aufgabe ist aber auch eine andere, als “Bild” glaubt. Der Staatsanwalt ist nicht Gegenspieler des Verteidigers in dem Sinne, dass er eine besonders hohe Strafe fordern soll. Nach der Strafprozessordnung muss die Staatsanwaltschaft auch entlastendes Material ermitteln. Es ist also ausdrücklich vorgesehen, dass die Staatsanwaltschaft zu Gunsten eines Angeklagten in Revision gehen kann. Anders als in den USA ist die Staatsanwaltschaft in Deutschland eine unparteiische Institution. Sie wird auch “objektivste Behörde der Welt” genannt.

Danke für die Nachhilfe an Joachim M. und Christian S.!

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