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Propaganda mit toten Kindern

“Bild” steht im gegenwärtigen Nahost-Krieg uneingeschränkt hinter der israelischen Armee. Ob das eine gute Voraussetzung für eine Zeitung ist, um ihre Leser unvoreingenommen und umfassend über die Vorgänge im Krieg zu informieren, darüber kann man streiten. Die “Bild”-Zeitung aber geht in ihrer Parteinahme soweit, dass sie Tatsachen verdreht, übertreibt und verfälscht. Und darüber kann man eigentlich nicht streiten.

“Bild” berichtet heute über die vor allem in vielen Blogs aufgeworfenen Zweifel daran, was während und nach dem Angriff der israelischen Armee auf die libanesische Stadt Kana wirklich geschah. “Bild” schreibt:

Hat die Terror-Organisation Hisbollah diese Bilder etwa perfide inszeniert — um mit toten Kindern Propaganda gegen Israel zu machen?

Renommierte Blätter wie “Süddeutsche” und FAZ sprechen von “Propaganda” und “Zweifeln” an den genauen Umständen des Angriffs. Die “Neue Zürcher Zeitung” nennt das Chaos aus Schutt und Leichen vor dem zerstörten Haus “eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten!”

Alle drei Zitate aus “renommierten Blättern” sind falsch. SZ und FAZ berichten zwar beide über “Verschwörungstheorien” (SZ) und “Spekulationen” (FAZ) über die Umstände des Angriffs auf Kana. Weder in der SZ, noch in der FAZ tauchen in diesem Zusammenhang jedoch die Wörter “Propaganda” oder “Zweifel” auf.

Und die NZZ spricht zwar von “Propaganda” und “Zweifeln”, nennt das Chaos aber keineswegs selbst, wie “Bild” behauptet, “eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten”, sondern zitiert diese Meinung nur — als “Vermutung” von “Beobachtern”.

Den gleichen Trick wendet “Bild” noch einmal an und schreibt:

Die FAZ berichtet über einen noch abscheulicheren Verdacht:

Unter Berufung auf die libanesische Internetseite “Libanoscopie” heißt es, dass die Hisbollah einen Raketenwerfer auf das Dach des Hauses gestellt und behinderte Kinder in das Gebäude gebracht habe.

“Bild” tut so, als habe die FAZ den Vorwurf übernommen, dabei referiert die FAZ ihn nur in indirekter Rede. Warum zitiert “Bild” nicht einfach die Originalquelle? Warum versucht sie, diese Originalquelle über den Umweg der FAZ aufzuwerten, wenn die FAZ keine Aussagen darüber trifft, ob sie dieser Quelle glaubt oder nicht?

Die “Bild”-Redakteure Julian Reichelt und Sebastian von Bassewitz fragen heute: “Wurde die ganze Welt durch die Hisbollah-Terroristen getäuscht?” Ganz anders als die von ihnen zitierten “renommierten Blätter” beantworten sie die Frage aber auch sogleich: “Wie die Terroristen der Hisbollah mit toten Kindern Propaganda machen”, “Auch den Ort ihrer schauderhaften Inszenierung wählte die Hisbollah geschickt”, “Das Kalkül der Hisbollah ging auf”.

Die “Bild”-Zeitung setzt der “Propaganda” der Hisbollah etwas entgegen, das sie “Fakten” nennt, und schreibt:

Fakt ist aber: Ausgerechnet aus Kana feuerte die Hisbollah unmittelbar vor dem jüngsten Angriff 150 Raketen auf Nordisrael — dadurch lenkten die Terroristen den Luftschlag der Israelis bewusst und gezielt auf den symbolträchtigen Ort.

Der zweite Teil dieses “Fakts” ist eine Vermutung. Und der erste Teil ist falsch. Laut Untersuchungsbericht der israelischen Armee wurden aus Kana und der Umgebung “seit 12. Juli” über 150 Raketen abgefeuert, also nicht “unmittelbar vor dem jüngsten Angriff”, sondern seit Beginn des Krieges. Dass die israelische Armee in dieser Hinsicht untertreibt, darf man ausschließen.

“Bild” schreibt weiter:

Fakt ist auch: Obwohl libanesische Behörden anfangs 56 Tote meldeten, fand das Rote Kreuz “nur” 28 Leichen.

Ähnlich hatte die Zeitung bereits gestern formuliert:

Die Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch” korrigierte die Zahl der Opfer, die am Wochenende im Dorf Kana bei einem israelischen Luftangriff getötet wurden, auf 28 Tote. Arabische Quellen hatten von 56 Toten gesprochen.

“Bild” verschweigt nicht nur die massive Kritik, die “Human Rights Watch” bei der gleichen Gelegenheit an dem israelischen Vorgehen geübt hat, sondern vor allem auch, dass laut “Human Rights Watch” die Zahl von 28 Todesopfern eine “vorläufige” Zahl ist. 13 Menschen würden noch vermisst und liegen womöglich unter den Trümmern, die Bergungsarbeiten könnten aber nicht fortgesetzt werden. Der Unterschied zu den ursprünglichen Schätzungen rühre daher, dass mehr Menschen, die sich im Keller des bombadierten Hauses aufgehalten hatten, lebend entkommen seien als angenommen.

“Bild” suggeriert (möglicherweise zurecht), dass ursprünglich bewusst eine zu hohe Opferzahl genannt wurde. Und nennt stattdessen eine Zahl, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu niedrig ist, weil sie die Vermissten komplett verschweigt.

Keine Frage: Es ist fast unmöglich für die Medien, in einem Krieg wie diesem die Wahrheit von den Propagandalügen zu unterscheiden. Aber man kann versuchen, seine Leser so gut wie möglich zu informieren: Man kann Quellen angeben und korrekt zitieren. Man kann es vermeiden, sich Behauptungen einer der Parteien zu eigen zu machen. Man kann Spekulationen und Gerüchte als solche kennzeichnen. Und man kann darauf verzichten, den Verdrehungen der Beteiligten noch eigene hinzufügen.

Aber das müsste man erst einmal wollen.

Danke vor allem an Erich B.!

Der heißeste Spaziergang der Welt

Ground control to major tom
Take your protein pills and put your helmet on

— “Space Oddity”, David Bowie, 1969

"Der coolste Spaziergang der Welt"

Die “Bild”-Zeitung schreibt heute über den deutschen Astronauten Thomas Reiter und dessen Einsatz außerhalb der ISS. Sie findet, das sei “der coolste Spaziergang der Welt” (siehe Ausriss). Und wir fragen uns, wie “Bild” darauf kommt, dass Reiter ausgerechnet bei “-250 Grad im All” rumschwebt. Wusste etwa jemand, dass die Temperatur im Weltraum minus 270 Grad Celsius beträgt und hat sich dann gedacht, “na, ganz so kalt kann’s ja gerade nicht sein, weil der Mars so weit weg ist”? Oder hat eine Umfrage in der Redaktion einen Durchschnittswert von minus 250 Grad ergeben?

Auf der Internetseite des Fernsehsenders Phoenix jedenfalls wird die Temperatur auf der Schattenseite der ISS mit minus 70 Grad angegeben, während auf der Sonnenseite “eine Temperatur von mehr als 150 Grad” herrsche. Und die NASA, die es ja eigentlich wissen müsste, spricht in etwas allgemeinerem Zusammenhang von Temperaturen zwischen minus 148 und plus 248 Grad Fahrenheit. Das entspricht minus 100 bis plus 120 Grad Celsius.

Aber vielleicht meint “Bild” die “gefühlte Temperatur”. Schließlich schreibt sie ja auch:

Eisige minus 250 Grad umwehen die Männer im All.

Hervorhebung und Link von uns.

Major Tom denkt sich
“Wenn die wüssten,
mich führt hier ein Licht
durch das All.
Das kennt ihr noch nicht.
Ich komme bald;
Mir wird kalt …”

— “Major Tom (Völlig losgelöst)”, Peter Schilling, 1982

Mit Dank an Stephan M., Christoph O., Malte K., Michael K., Max K. und Hubert E. für die sachdienlichen Hinweise.

Nachtrag, 23.15 Uhr. “Bild” hat den eigenen Fehler korrigiert: “Auf der Schattenseite der ISS herrschen ‘nur’ etwa minus 70 Grad Celsius.” Und auch bei Bild.de stieg die Temperatur inzwischen unauffällig um 180 Grad.

Eine Richtige ohne Zusatzzahl

Und man fragt sich: Liest denn das keiner mehr, bevor es in Druck und ins Netz geht?

Und: Wenn denen bei “Bild” die Altersangaben schon so wichtig sind, könnten sie sich nicht zumindest für ihr Stammpersonal eine Datenbank anlegen? Am besten eine, die gleich aus den Geburtsdaten tagesaktuell das Alter errechnet?

Anscheinend nicht. Denn Oliver Kahn ist 37.

Danke an Henning S., Benjamin S., Fritz K. und Zinah J.!

Nachtrag, 11.59 Uhr: Der Datenbankexperte von Bild.de hat das Alter von Oliver Kahn mittlerweile korrigiert und entschieden, dass Verena Kerth 25 ist.

“Bild” schreibt Rechtschreibung wieder ohne Schl

Eine Zeitung, die ihren Lesern gegenüber aufrichtig ist, hätte heute vielleicht so etwas geschrieben wie:

Ja, wir haben die letzten Jahre gegen die neue Rechtschreibreform gekämpft, wir haben sie “Schlechtschreibreform” genannt — und auch in der reformierten Fassung, die morgen in Kraft tritt, sind noch viele Schreibungen enthalten, die wir vor kurzem noch “Wortmonster” genannt haben. Aber die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung sind ein Kompromiss, mit dem wir leben können, und deshalb schreiben wir ab jetzt wieder so, wie es unsere Kinder in den Schulen lernen.

Doch das ist nicht die Variante, für die sich “Bild” entschieden hat. “Bild” hat sich dafür entschieden, so zu tun, als habe es bislang keine neue Rechtschreibung gegeben. Nicht in den Schulen (wo sie die ersten Schüler schon 1996 beigebracht bekamen) und nicht in den Zeitungen (wo sie von August 1998 bis Oktober 2004 auch von “Bild” und den anderen Springer-Zeitungen angewandt wurde). “Bild” vermischt systematisch die ursprüngliche Reform mit den aktuellen Überarbeitungen und tut so, als gehe das mit der neuen Rechtschreibung überhaupt erst morgen los. Und spart sich so das Eingeständnis, dass sie sich mit vielen Forderungen ihrer “Stoppt die Schlechtschreibreform!”-Kampagne nicht durchgesetzt hat.

Natürlich kommt bei so einem Kraftakt schnell die Wahrheit unter die Räder. Zum Beispiel behauptet “Bild” heute allen Ernstes:

Es gibt eine neue Regel, wann mit "ß" und "ss" geschrieben werden muss.

Nein, die gibt es nicht.

Richtig ist zwar, dass die Rechtschreibung, die ab morgen gilt, in einigen Punkten von der abweicht, die “Bild” bislang “Schlechtschreibung” nannte. Es gibt es aber keine Änderung, die “ß” und “ss” betrifft.

“Nach langen Vokalen (Selbstlauten) schreibt man ß, nach kurzen ss” — so formuliert “Bild” die “neue Schreibregel”. Dabei gilt diese Regel seit 1996. Genau wie die, dass sich “nach kurzen Vokalen” die “Konsonanten verdoppeln”, was “Bild” ebenfalls eine “neue Schreibregel” nennt.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat in diesem Bereich (“Laut-Buchstaben-Zuordnungen”) keine einzige Änderung vorgenommen. Dass “überschwänglich”, “Stängel” und “Gräuel” mit “ä” statt “e” geschrieben werden — alles Regeln, die schon bisher galten und von “Bild” nur zuletzt nicht angewandt wurden.

Als Beispiele für die “neue” Regel, dass bei zusammengesetzten Wörtern “alle Konsonanten” geschrieben werden, “auch wenn drei aufeinander folgen”, nennt “Bild” putzigerweise auch die Wörter “Kaffeeernte” und “Hawaiiinsel” (vermutlich nach der internen “Bild”-Regel “Vokale? Konsonanten? Sind doch alles Buchstaben”).

Kein Wort verliert “Bild” über das Schicksal der Wörter “Delfin” und “Majonäse”, “Ketschup” und “Portmonee”, die “Bild” in den vergangenen Jahren immer als zwingende Schreibweisen und Beispiele für das Böse an der Rechtschreibreform genannt hat. Dabei hat sich an den vermeintlichen “Wortmonstern” nichts geändert: Diese eingedeutschten Varianten sind weiter möglich — neben den fremdsprachigen Schreibungen. Aber das war bislang auch schon so.

PS: Für langjährige “Bild”-Leser muss der heutige Artikel ein merkwürdiges Déjà vu sein. Denn am 15. Juli 1997 berichtete ihre Zeitung:

Rechtschreibreform kommt!

Durch die Rechtschreibreform müssen wir uns an neue Regeln gewöhnen. Aber keine Panik! Es ändern sich nur 185 von rund 12000 Wörtern. Vieles wird einfacher. Es gibt weniger Sonderfälle, weniger Komma-Regeln. (…)

Was ändert sich konkret? 1. “Daß” und “dass”: Nach kurzen Vokalen steht ss statt ß: “dass”, “Schluss”, “nass”. …

Danke für die vielen Hinweise.

Nachtrag, 1.8.2006: Die Verwechslung von Konsonanten und Vokalen in “Kaffeeernte” und “Hawaiiinsel” korrigiert die “Bild”-Zeitung heute in ihrer “Korrekturspalte”. Bild.de dagegen bleibt bei seiner Darstellung.

Jetzt XIII

Schon mit einfachen technischen Mitteln ließe sich die journalistische Qualität von Bild.de erhöhen. Jedesmal, wenn ein Mitarbeiter das Wort “jetzt” ins Redaktionssystem eingibt, müsste ein Warnton erklingen. Und jedesmal, wenn einer das Wort “enthüllt” eintippt, müsste eine Warnlampe angehen. Dann hätte es bei dieser Zeile heute schon mächtig geblinkt und gehupt:

Nach 37 Jahren jetzt enthüllt

Und das wäre ein guter Anlass gewesen, kurz nachzuprüfen, ob das wirklich “jetzt” “enthüllt” wurde, was Bild.de da schreibt:

Schreibstift rettete Apollo-Astronauten

Gut, das steht zwar anlässlich einer TV-Dokumentation ähnlich auch in der britischen Boulevardzeitung “Daily Mirror”. Aber schon ein Blick ins Archiv der “Bild”-Zeitung hätte die Behauptung widerlegt: Dort stand die erstaunliche Geschichte von dem Stift, mit dem die Mondlandefähre der Apollo-11-Mission repariert wurde, schon vor fünf Jahren — unter Verweis auf einen Artikel in der Zeitschrift “P.M.”, die um die Stift-Geschichte allerdings gar nicht viel Wind machte.

Warum auch. Schon 1999 hatte sich das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum die Sache von Apollo-11-Raumfahrer Buzz Aldrin direkt erklären lassen (pdf). Und 1998 hatte Aldrin in einem Interview von Studenten darüber berichtet. Und laut Nasa steht die Episode, wie ein Stift die Apollo-11-Mission rettete, schon in Aldrins Buch “Men From Earth”, das er vor ziemlich genau 17 Jahren veröffentlichte.

Ach ja, und anders als Bild.de schreibt, landete Michael Collins nie mit Aldrin und Armstrong auf dem Mond, sondern blieb brav an Bord der Raumkapsel.

Danke an Steffen F. und Daniel S. für den Hinweis!

Nachtrag, 17.30 Uhr. Die Nachrichtenagentur AFP ist offenbar der Urheber der Geschichte — sie verbreitet sie unter der nicht ganz falschen, aber schwer irreführenden Überschrift “Astronaut berichtet nach 37 Jahren über Missgeschick”. Und außer Bild.de hat auch Spiegel Online die Agenturmeldung offenbar ohne jede Recherche zugespitzt: “Makaber und 37 Jahre lang geheim gehalten ist die Geschichte der ersten Rückkehrer vom Mond”, heißt es dort.

Nachtrag, 25.7.2006: Spiegel Online hat die Meldung inzwischen korrigiert und ergänzt.

Bild.de hingegen bleibt bislang bei seiner Darstellung.

“Bild” macht mit Korrekturspalte auf

Hey, gleich zwei Richtigstellungen heute in “Bild”. Die eine Sache korrigiert “Bild” freiwillig, das steht klein auf Seite 2: Ein von Mäusen befallener Supermarkt liegt nicht in dem Ort Westerwald in Niedersachsen, sondern im Westerwald in Rheinland-Pfalz.

Die andere Sache korrigiert die “Bild”-Zeitung nicht freiwillig, sondern weil sie muss. Dafür steht die Richtigstellung nicht klein auf Seite 2, sondern groß auf Seite 1.

Und zwar so:

Gegendarstellung. Zu der Überschrift in Bild vom 2. 5. 2006 "Heide Simonis jetzt ins Dschungel TV?" stelle ich fest: Ich habe stets erklärt, daß ich zur Teilnahme an einer solchen TV-Show nicht zur Vergügung stehe. 2. Mai 2006 RA Johannes Eisenberg für Heide Simonis. Anmerkung der Redaktion: Frau Simonis hat stets erklärt, daß sie zur Teilnahme an einer solchen TV-Show nicht zur Verfügung stehe.

Gegendarstellung
Zu der Überschrift in Bild vom 2. 5. 2006 “Heide Simonis jetzt ins Dschungel TV?” stelle ich fest: Ich habe stets erklärt, daß ich zur Teilnahme an einer solchen TV-Show nicht zur Verfügung stehe.
2. Mai 2006 RA Johannes Eisenberg für Heide Simonis

Darunter steht folgende “Anmerkung der Redaktion”:

Frau Simonis hat stets erklärt, daß sie zur Teilnahme an einer solchen TV-Show nicht zur Verfügung stehe.

Mit anderen Worten: “Bild” muss einräumen, dass die Antwort auf die von ihr gestellte Frage “Heide Simonis jetzt ins Dschungel-TV?” bereits vorher feststand. Sie lautete: Nein.

Die Gegendarstellung ist deshalb so groß, weil auch die Überschrift, auf die sie sich unmittelbar bezieht, so groß war:

Der Artikel war Teil einer längeren Kampagne von “Bild” gegen Simonis. Bereits zwei Tage nach der Veröffentlichung hatte Simonis vor dem Landgericht Berlin eine (vorläufige) einstweilige Verfügung erwirkt, wonach “Bild” diese Gegendarstellung auf der Titelseite drucken muss. Offenbar hat “Bild” sich seitdem juristisch gegen den Beschluss gewehrt.

(“Bild” veröffentlicht solche und ähnliche Gegendarstellungen traditionell meistens samstags, weil dann die Auflage ohnehin niedriger ist als an Werktagen.)

“Bild” führt Korrekturspalte wieder ein

Ende Mai traf sich Springer-Vorstand Mathias Döpfner mit dem Schriftsteller Günter Grass zum Gespräch. Es ging darin auch um die “Bild”-Zeitung und darum, dass Opfern journalistischer Berichterstattung Genugtuung verschafft werden müsse. Döpfner sagte u.a.:

“Ja, wenn falsch berichtet worden ist, muss das korrigiert werden. Und zwar nicht nur durch eine Gegendarstellung, sondern auch durch einen redaktionellen Widerruf. Ich finde die amerikanische Einrichtung der Korrekturspalte am festen Ort ausgesprochen sinnvoll. Das begrüße ich sehr.”

Es gab so etwas ja schon mal in “Bild”. Udo Röbel hatte in seiner Zeit als Chefredakteur eine Korrekturspalte eingeführt. Unter seinem Nachfolger, Kai Diekmann, gab es sie nicht mehr. Aber: Offenbar hat man mittlerweile auch bei “Bild” ihre Notwendigkeit wiederentdeckt und heute die Gelegenheit genutzt, schon mal einen Fehler auf der Seite 1 zu korrigieren und die Korrekturspalte ab morgen als feste Einrichtung anzukündigen (siehe Ausriss).

In einer Pressemitteilung des Axel Springer Verlags heißt es:

Auf Seite 2 der Zeitung werden zukünftig Fehler in der Berichterstattung, die der Redaktion unterlaufen, aufgelistet und korrigiert.

Und entweder “Bild” braucht noch etwas Übung im Fehler-Korrigieren oder, wenn die Redaktion Fehler ungeprüft übernimmt, gelten die nicht als Fehler, “die der Redaktion unterlaufen”. Aus dem heutigen Text wird jedenfalls gar nicht deutlich, dass auch “Bild” gestern behauptet hatte, Andrea Kempter sei die “Sat.1-Wetterfee”.

Und was bedeutet eigentlich “solche oder ähnliche Fehler”? Dass “Bild” nur Geschichten korrigiert, die sich mit einer nackten Frau bebildern lassen?

Preisrätsel: Die Auflösung

BILDblog PreisrätselWir haben dann irgendwann im dreistelligen Bereich aufgehört zu zählen. Die Tabelle auf Bild.de, die einen Überblick über Mannschaften und Spieler in der kommenden Bundesliga-Saison geben will, enthielt gestern schätzungweise 200 Fehler. Vielleicht waren es nur 150, es könnten aber auch 300 gewesen sein. Ein paar hat Bild.de zwischenzeitlich korrigiert, viele sind noch da.

Jeder unserer Leser, der sich die Mühe gemacht hat, sich zum Vergleich durch Bild.de, diverse Vereinsseiten, Internetangebote und die Wikipedia zu klicken, hätte einen Preis verdient.

Das können wir uns leider nicht leisten — aber wir wollen uns immerhin mit drei BILDblog-Kaffeetassen bedanken. Sie gehen an: Patrick P., Stefan P. und Matthias P. Und den Hauptpreis, ein BILDblog-T-Shirt, bekommt für rund 150 gefundene Fehler: Gilad R.!

Und um einen Eindruck von der Bundesliga-Kompetenz von Bild.de zu vermitteln, haben wir 100 Fehler aus den Tabellen in einer kleinen etwas größeren Übersicht zusammengestellt:

Kurz korrigiert (137 – 236).

“Bild” benutzt toten Bruno zum Aufbinden

Herz des Bären heimlich verbrannt

Diese verstörende Exklusiv-Information über “Bruno” alias “JJ1” prangt heute in “Bild”. Im Text heißt es:

Wo ist Bruno jetzt? Im Tiermedizinischen Institut München. Dort wurde er gewogen, seine Innereien wurden herausgenommen und verbrannt.

Erstaunliche Informationen. Denn eigentlich wollten die Verantwortlichen gegenüber der Presse keine Details oder Bilder vom getöteten Bären herausrücken.

Das ist natürlich für “Bild” kein Zustand. Die Mitarbeiter (gleich neun sind in der Autorenzeile genannt) müssen die Tierärztliche Fakultät ziemlich gelöchert haben, zumindest heiß es dort, man sei durch die dauernden Nachfragen am gestrigen Tag “geschädigt”: “Mit Sicherheit wurde keine Aussage über die Innereien gemacht.” Woher die Information stamme, wisse man nicht.

Das macht auch nichts, denn sie ist eh falsch. Eine Sprecherin des für die Pressearbeit im Fall “Bruno” zuständigen bayerischen Umweltministeriums sagte uns:

“Die Innereien werden ebenfalls untersucht und für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Sie werden nicht verbrannt.”

Übrigens: Mit dem heutigen Text widerlegt Bild auch eine eigene Behauptung vom 22. Juni. “Wer ‘JJ1’ abschießt, darf ihn als Trophäe behalten!”, hieß es da. Das muss sogar bei “Bild” irgendwann jemandem komisch vorgekommen sein. Gestern hat man deshalb einfach mal beim Umweltministerium nachgefragt, ob das überhaupt stimmt, was man da selbst geschrieben hatte. “Nein”, lautete die Antwort. “Der Bär wird vollständig ausgestellt.”

Nachtrag, 28. Juni. So liest sich das also, wenn die “Bild”-Zeitung eine eigene Falschmeldung korrigiert:

Leugnen. Schweigen. Widersprüche. (…)

WIR WOLLEN DIE GANZE WAHRHEIT WISSEN! (…)

Erst hieß es, Brunos Herz und die anderen Innereien seien verbrannt worden. Die Wahrheit: Sie liegen in einer geheimen Kühlkammer (7 Grad Celsius).

Von der Existenz einer “geheimen” Kühlkammer weiß man in der Tierärztlichen Fakultät zwar nichts. Richtig sei aber, sagte man uns, dass man Brunos Innereien nicht in der prallen Sonne aufbewahre.

“Wer Privates schützen will, kann das in der Regel”

Seit fast 40 Jahren boykottiert der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass, wie einst von der Gruppe 47 beschlossen, den Springer-Konzern. Daran hält er weiter fest. Ende Mai traf er sich allerdings erstmals mit dem Vorstandschef Mathias Döpfner zu einem Gespräch, das von dem Publizisten Manfred Bissinger moderiert wurde.

Grass: Für mich ist die “Bild”-Zeitung aus kaltem, offenbar intellektuellem Kalkül ein Instrument des Appells an die niedrigsten Instinkte. Da wird Schadenfreude mobilisiert, da wird ein Personenkult auf der einen Seite betrieben, ebenso wie ein Niedermachen von Personen, wenn sie ihr zu groß geworden sind, da geht es bis ins Privateste hinein. Da wird es regelrecht widerlich. (…)

Döpfner: Größer als die Schlagzeilen der “Bild”-Zeitung ist gelegentlich nur die Heuchelei mancher Prominenter, wenn sie sich als Opfer stilisieren. Erst wollen sie von der Plattform profitieren, und hinterher, wenn’s mal unangenehm wird, kritisieren sie, dass “Bild” immer noch da ist. Wer Privates schützen will, kann das in der Regel auch[1]. (…) Für die “Bild”-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.

Grass: (…) Sie sollten vielleicht in Ihre Grundsätze noch aufnehmen: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Döpfner: Das steht doch schon im Grundgesetz.

Grass: Dann sollten Sie das Grundgesetz den “Bild”-Redakteuren näherbringen.

Bissinger: Gehörte nicht in Ihre Grundlinien hinein, dass Opfern journalistischer Berichterstattung Genugtuung verschafft werden muss? Amerikanische Blätter haben die vielgelesene Korrekturspalte.

Döpfner: Ja, wenn falsch berichtet worden ist, muss das korrigiert werden. Und zwar nicht nur durch eine Gegendarstellung, sondern auch durch einen redaktionellen Widerruf[2]. Ich finde die amerikanische Einrichtung der Korrekturspalte am festen Ort ausgesprochen sinnvoll[3]. Das begrüße ich sehr.

[1] Für Ausnahmen von dieser “Regel” vgl. u.a. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier.

[2] Üblicherweise korrigiert die “Bild”-Zeitung ihre Fehler entweder gar nicht oder nur in Form unkommentierter Gegendarstellungen oder nur auf Druck von außen oder nur durch eine weitere Verdrehung der Wahrheit.

[3] Unter Chefredakteur Udo Röbel hatte “Bild” eine solche Korrekturspalte. Unter seinem Nachfolger Kai Diekmann gibt es sie nicht mehr.

Der “Spiegel” dokumentiert das Gespräch in seinem aktuellen Heft.

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