Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. Ein Cyber-Märchen (spox.com, Fatih Demireli)
Die medientaugliche Erfolgsgeschichte des 17-jährigen Fußballspielers Serdar Mete Coban, der schon für Galatasaray Istanbul, Inter Mailand und West Ham United gespielt hat und nun nach Real Madrid wechseln soll, hat einen Haken: Es gibt ihn nicht.
2. Warum Gottschalks letzte Sendung nicht die letzte ist (dwdl.de, Alexander Krei)
Moderiert Thomas Gottschalk am kommenden Samstag zum letzten Mal “Wetten dass…?”, wie Bild.de und andere schreiben? Das ZDF versucht seit Monaten vergeblich, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.
3. Wer ist diese Frau? (klatschkritik.de, Antje Tiefenthal)
Ein Gruppenfoto von schönen, jungen, reichen Frauen auf der Kunst-Biennale in Venedig fasziniert “Bild”, “Bunte” und “Gala” — aber wen es eigentlich zeigt, wissen sie nicht.
4. Corrections and clarifications (guardian.co.uk)
Eine Richtigstellung aus dem britischen Königshaus: “The Prince of Wales does not employ and has never employed an aide to squeeze his toothpaste for him. This is a myth without any basis in factual accuracy.”
5. Uebermorgen.TV: Content-Farmen (elektrischer-reporter.de, Video)
Mario Sixtus zeigt in einer düsteren Vision, wie industriell produzierte Texte in Zukunft das Internet überwältigen könnten.
6. Wulst (damaschke.de, Giesbert Damaschke)
Stammt das Zitat “Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es Wullst” wirklich von Karl Kraus (oder Friedrich Nietzsche, Karl Valentin, Joseph Goebbels)?
Wenn Journalisten schreiben, sie hätten etwas “aus Kreisen” erfahren, dann entweder, weil sie ihre Quellen schützen wollen, oder, weil ihre “Quelle” die Schwägerin des Nachbarn des Hausmeisters ist.
Das “Handelsblatt” konnte gestern mit “exklusiven” Neuigkeiten aus gleich zwei Kreisen aufwarten:
Die Deutsche Fußball Liga (DFL) geht bei der Vergabe der Fernsehrechte der Fußball-Bundesliga ab der Saison 2013/14 neue Wege. Eines der beiden Modelle sieht ein exklusives Ausstrahlungsfenster für Internet- und Mobilfunkfernsehen am Samstag bis 21.45 Uhr vor. Damit droht der populären “Sportschau” der ARD am frühen Samstagabend das Aus. Das erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Die DFL will durch attraktive Exklusivrechte für Web- und Mobil-Übertragungen neue Bieter anlocken und damit höhere Preise erzielen. “Der Markt wird entscheiden, ob die ‘Sportschau’ verschwinden wird”, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der Profiklubs. Die DFL wollte gestern keine Stellungnahme abgeben.
Nun sind so “Unternehmenskreise” natürlich besonders nebulös. Es könnte aber gut sein, dass das “Handelsblatt” damit einfach einen Blick ins eigene Archiv meint.
Vom 2. März findet sich dort ein extrem launiger Kurzkommentar unter der Überschrift:
Von 2013 an könnten Internetunternehmen die ARD ablösen und die kurzen Zusammenfassungen der Ligaspiele anbieten. Bewegte Fußballbilder im Fernsehen gebe es dann erst ab 21.45 Uhr. (…) Noch ist die Internet-Sportschau nur eine von mehreren Ideen der DFL. Aber der Fußballfan weiß, dass das, was möglich ist, auch irgendwann gemacht wird. Und dass für die DFL – anders als für den Fan – beim Geld der Spaß aufhört.
Auslöser war wohl eine Meldung der “Süddeutschen Zeitung” vom Vortag, nach der die Deutsche Fußball Liga (DFL) erwog, “eine Art Web-‘Sportschau'” zu etablieren: “Web-TV und mobiles TV, also das Streaming im Internet und über mobile Endgeräte (iPad, iPhone)”.
Am 2. März berichtete auch “Die Welt”, einen Tag später der Kölner “Express” in kurzen Meldungen über die Pläne für eine “Web-Sportschau”.
Am 22. April tauchte das Thema dann wieder bei handelsblatt.com auf. In einem Artikel vom Sportinformationsdienst (sid) wurde unter anderem eine Umfrage zitiert, nach der “die Bundesliga durch einen Wechsel von der ARD- zur Internet-Sportschau keine Zuschauer verlieren” würde.
Der Grund für die Umfrage waren auch damals die Pläne der DFL:
Anstelle der Free-TV-Highlight-Verwertung in der ARD samstags um 18.30 Uhr soll bei dem Alternativmodell ab der Saison 2013/2014 eine Art Web-Sportschau um 19.00 Uhr den frei empfangbaren Markt bedienen. Im Free-TV soll die Zusammenfassung des Spieltags dann erst ab 21.45 Uhr zu sehen sein.
An der Nachrichtenlage hat sich seit Anfang März wenig verändert: Das Bundeskartellamt, das durch eine Befragung von Vereinen und Sendern die Spekulationen über die “Web-Sportschau” ausgelöst hatte, prüft die Vorschläge der DFL noch und die DFL selbst will sich dazu nicht äußern.
Aber wen interessiert das schon, wenn die “Sportschau” (in ihrer heutigen Form) womöglich, unter Umständen wieder mal (oder immer noch) bedroht ist?
Die Totengräberstimmung ist übrigens (auch) unnötig, wie Roland Peters in seinem Kommentar auf n-tv.de bemerkt:
Wenn “der Markt” tatsächlich unabhängig vom Zuschauer entscheidet, die Erstverwertungsrechte ins Internet wandern und die Bundesliga aus der regulären Sportschau verschwindet: Insgesamt gab es die Sendung 50 Jahre lang. Auch zwischen 1992 und 2003, als Privatsender die Rechte besaßen. Aus einem einfachen Grund: Sport ist eben nicht nur Fußball.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. Rivva ist zurück (blog.rivva.de, Frank Westphal)
Nachdem rivva.de im Februar aus finanziellen Gründen hatte schließen müssen, ist die Übersichtsseite über die im deutschsprachigen Social Web meistverlinkten Artikel zurück. Diese Nachricht wurde überwiegend enthusiastisch aufgenommen.
2. Russland schaut in den Pressespiegel (nzz.ch, Ann-Dorit Boy)
Zwei Internet-Seiten übersetzen für russische Leser ausländische Artikel. Meist reagieren die Leser empfindlich auf Kritik an ihrem Heimatland, mitunter kann die Berichterstattung für Betroffene gar gefährlich werden. Doch manchmal stimmen die Kommentatoren den Reportern auch zu.
3. SWR-Tamtam: “Wie Ärzte Patienten reihenweise beim Suizid helfen” (faz-community.faz.net/blogs/biopolitik, Oliver Tolmein)
“Report Mainz” (Beitrag hier in der Mediathek) berichtet, dass Ärzte “reihenweise” Patienten beim Suizid geholfen hätten, kann diese Behauptung aber nicht wirklich untermauern.
4. Freier Fußball für freie Menschen (taz.de, Andreas Rüttenauer)
Die Deutsche Fußball Liga (DFL) erwägt, die frei empfangbaren Zusammenfassungen von Bundesligaspielen (bisher samstags um 18.30 Uhr in der “Sportschau” im Ersten) ins Internet zu verlagern. Andreas Rüttenauer schreibt über ein Beinahe-Grundrecht, Volksparteien und die Wirtschaft (dazu auch ein Kommentar von Roland Peters auf n-tv.de).
5. How Celebrities Are Ruining Our Lives (blogs.forbes.com/meghancasserly, Meghan Casserly, Englisch)
Lisa Bloom, Rechtsexpertin beim amerikanischen Fernsehsender CBS, hat ein Buch geschrieben, mit dem sie Frauen zum eigenständigen Denken animieren will. Sie glaubt, dass Frauen von Medienmachern falsch eingeschätzt werden: “Producers say that the only programs that women are going to watch are Lindsay Lohan or Kim Kardashian or plastic surgery stories. And I just don’t believe that’s true.”
6. Ehemaliger Ki.Ka-Mitarbeiter veruntreute Geld, um Armverlängerung zu finanzieren (der-postillon.com, ucn)
“Selten ließ sich ein Brot derart schmieren: Gleich am ersten Verhandlungstag gestand der angeklagte Ki.Ka-Mitarbeiter B. das Brot Bestechung und Untreue in Millionenhöhe, gab aber seinem beruflichen Umfeld eine Mitschuld.”
Was für eine schöne Geschichte: Mario Gomez, Stürmer der deutschen Fußballnationalmannschaft, hat beim gestrigen EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich in Wien genau auf das Tor getroffen, vor dem er bei der EM 2008 eine Großchance vergeben hatte, die ihn danach jahrelang verfolgte.
Auch sueddeutsche.de räumt dieser Geschichte viel Raum ein und erinnert noch mal an jenen verhängnisvollen 16. Juni 2008:
Deutschland musste gegen Österreich das blamable Vorrundenaus bei der Europameisterschaft abwenden. Ein Spiel um die Ehre des Landes. Und da erlaubte sich Gomez, drei Meter vor dem leeren Tor, sich eine lächerliche Bogenlampe. Er schrumpfte in einem Augenblick vom neuen Bomber der Nation, vom 35-Millionen-Rekordtransfer des FC Bayern, zum Chinakracher, zum teuersten Tollpatsch des Landes. Im weißen Adler-Trikot des DFB konnte sich der Schwabe lange nicht davon befreien. Und nun solch eine Rückkehr an den Ort der Schande.
Gomez wechselte allerdings erst ein Jahr später, zur Saison 2009/10 für die unglaublichen 35 Millionen vom VfB Stuttgart zu Bayern München. Was beim “teuersten Tollpatsch des Landes” natürlich so ein bisschen die Luft raus lässt.
Bei der geballten und systematischen Bösartigkeit der Bildzeitung und ihrer Spin-offs mag es ein wenig kleinlich erscheinen, sich über ein eher randständiges Possenspiel aus Sprachnörgelei und Scheinheiligkeit aufzuregen, das BILD.de letzte Woche aufgeführt hat. Aber das Aufregen über Sprachnörgelei ist nun einmal Beruf und Berufung für mich, und die Scheinheiligkeit der BILD kann man nicht oft genug entblößen.
Public Viewing (soll vermieden werden, da es angeblich nur “Leichenschau” bedeuten kann).
Sympathie (soll nur in seiner “ursprünglichen” Bedeutung “Mitleid” verwendet werden).
Busen (soll nur für seine angebliche Ursprungsbedeutung, “das Tal zwischen den Brüsten”, verwendet werden).
Reifenwechsel (da wir das ganze Rad wechseln, sollen wir Radwechsel sagen).
Kult (sollen wir nur in seiner ursprünglichen Bedeutung “religiöses Ritual” verwenden).
für etwas sorgen (sollen wir nur mit der Bedeutung “sich um jemanden kümmern” verwenden).
männliche Berufsbezeichnungen wie Arzt (sollen nur für Männer verwendet werden).
verstorben (sollen wir nie verwenden, um über etwas zu reden, das den Verstorbenen zu Lebzeiten betraf).
irritiert (sollen wir nur mit der ursprünglichen Bedeutung “gereizt” verwenden).
wollen (sollen wir nicht in Sätzen wie “Ich wollte fragen, ob…” verwenden).
Wenn Sie sich über diese Liste wundern, vielleicht sogar zaghaft anzweifeln, dass es sich dabei überhaupt um “Sprach-Fallen” (geschweige denn um “fiese”) handelt, seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein. Tatsächlich will ich nicht verschweigen, dass mindestens neun dieser zehn Tipps kompletter Blödsinn und durch nichts zu rechtfertigen sind und getrost ignoriert werden können.
Aber hier soll es nicht darum gehen, ob diese Sprachtipps nützlich oder richtig sind. Stattdessen interessiert es mich, ob BILD.de in der Lage ist, sich wenigstens drei Tage lang selbst daran zu halten. Die Liste wurde am Mittag des 23. Mai 2011 veröffentlicht, der Suchraum ist also die Zeit bis zum 26. Mai 2011. Gehen wir die Liste also Wort für Wort durch.
Public Viewing. Es gab zwar Ausschreitungen im Umfeld des Spiels VfL Osnabrück–Dynamo Dresden am 24. Mai 2011, aber zu Tode gekommen ist glücklicherweise niemand. Warum also kündigt BILD.de Public Viewings an, nur einen Tag nachdem man die Leserschaft eindringlich davor gewarnt hat, das Wort für etwas anderes zu verwenden als für eine Leichenschau? Konnte man dieser fiesesten unter den “fiesen Sprach-Fallen” nicht ausweichen — schon allein, um ohnehin gewaltbereite Fußballfans nicht noch auf dumme Ideen zu bringen?
Sympathie. Ich will ehrlich sein: Auch ich bemitleide Menschen, die BILD.de lesen oder an Horoskope glauben, und mit Menschen, die an Horoskope glauben, die sie auf BILD.de gelesen haben, habe ich doppelt Mitleid. Aber ich habe das Gefühl, dass es in diesem Horoskop, das BILD.de am 25. Mai 2011, nur zwei Tage nach den tollen Sprach-Tipps von Busch, veröffentlicht hat, nicht um Mitleid geht sondern darum, dass man Zwillingen — nun ja, Sympathie entgegenbringt. War es zuviel verlangt, dieses immerhin doch am zweithäufigsten falsch verwendete Wort zu meiden und zu ersetzen durch — ja, was denn eigentlich?
Busen. Es ist sonst nicht mein Stil, über die sekundären Geschlechtsmerkmale mir nicht persönlich bekannter Damen zu sprechen, aber ich komme um den Hinweis nicht herum, dass in dieser informativen Bildergalerie vom 24. Mai 2011 eins nicht zu sehen ist: das “Tal” zwischen Lindsey Lohans Brüsten. Denn das verdeckt sie geistesgegenwärtig und gesittet. Was dagegen recht gut zu erkennen ist, sind die Brüste selbst — mit der Überschrift tappt BILD.de also direkt in “Sprach-Falle” Nr. 3.
Reifenwechsel. Über Wechsel von Rädern und Reifen schreibt BILD.de nur, wenn es entweder Zeit ist, Winter- oder Sommerreifen aufzuziehen oder in der Formel-1-Berichterstattung. In den drei Tagen nach der Veröffentlichung der “fiesen Sprach-Fallen” gab es keins von beidem, deshalb musste ich hier auf den Vortag, den 22. Mai 2011, zurückgreifen. Aber dafür bin ich mir zu einhundert Prozent sicher, dass bei Vettels angeblichen Reifenwechsel in Wahrheit die Räder gewechselt wurden: Wenn Vettels Mechaniker tatsächlich die Reifen neu aufgezogen hätten, hätte der Boxenstopp länger gedauert als das gesamte Rennen, und er hätte es nicht gewinnen können. Ich sage deshalb einfach mal “reingetappt” — wenn in der Berichterstattung über das Rennen von diesem Wochenende plötzlich von Radwechseln die Rede ist, nehme ich natürlich alles zurück.
Kult. Man kann schon den Eindruck bekommen, dass Jimmy Choo zusammen mit Manolo Blahnik und Christian Louboutin eine Art Dreifaltigkeit für Schuhfetischisten darstellen, aber wenn BILD.de Jimmy Choo in Überschrift und Teaser dieser Meldung vom Abend des 23. Mai 2011 gleich zwei Mal als Kult bezeichnet, geht es nicht um eine Verwendung überteuerter High Heels bei rituellen religiösen Handlungen — obwohl man doch nur wenige Stunden zuvor darauf gedrängt hat, das Wort nur zur Bezeichnung solcher Rituale zu verwenden. Im Spiel BILD.de gegen die “fiesen Sprach-Fallen” führen die Sprach-Fallen also mit 0:5.
Sorgen. “Mütter sorgen für Kinder, Lehrer für ihre Schüler, da stimmt das Verb”, erfahren wir aus den Sprachtipps von Sprechtrainer Busch, die BILD.de mahnend an uns weitergibt. Keinesfalls aber stimme es in Sätzen wie “Blitzeis sorgt für Verkehrschaos”, denn Blitzeis könne “für nichts und niemanden sorgen”. Chemikaliencocktails sind demnach in der Vorstellung von BILD.de offenbar eher so etwas wie Mütter, und Großeinsätze der Feuerwehr sind wie deren Kinder — anders lässt sich diese Schlagzeile vom 25. Mai 2011 nicht erklären. Oder ist man bei BILD.de trotz aller guten Vorsätze auch in die sechste “fiese Sprachfalle” getappt? Das ließe dann langsam Fahrlässigkeit vermuten.
Mann statt Frau. Man muss BILD.de zugestehen, dass man sich sehr konsequent an die Regel hält, für Männer die männliche und für Frauen die weibliche Berufsbezeichnung zu verwenden. Das eröffnet übrigens die Möglichkeit zu interessanten Untersuchungen über das dort gepflegte Geschlechterbild: Das Wort Arzt hat über 260 000 Treffer auf bild.de, das Wort Ärztin nur ca. 40 000. Das ist ein Zahlenverhältnis von etwa als 6:1, in der echten Welt kommen auf jede Ärztin aber nur zwei Ärzte. Aber ich schweife ab. BILD.de vergisst diese Regel in dem Moment, in dem man über gemischte Gruppen, z.B. von Ärztinnen und Ärzten, schreibt: Dann wird plötzlich nur noch die männliche Bezeichnung gewählt, wie in diesem Artikel vom 26. Mai 2011 (in dem noch dazu ausschließlich Männer erkrankt scheinen). So tappt man doch noch in die “fiese Sprach-Falle” Nr. 7.
Verstorben. “Frau Müller hat das Lebensmittelgeschäft mit ihrem verstorbenen Mann geführt” — die “fiese Sprach-Falle”, die Sprechtrainer Busch in diesem Satz ausgemacht hat, erklärt er wie folgt:
“Nein, das hat sie nicht. Das wäre ausgesprochen makaber. Natürlich hat sie das Geschäft mit ihrem LEBENDEN Mann geführt.” Man darf seinem Gegenüber anscheinend nicht zumuten, diesen offensichtlichen Schluss selbst zu ziehen. Warum, muss man sich dann fragen, mutet BILD.de seinen Leser/innen genau das in dieser Meldung vom 25. Mai 2011 zu, in der ein Rentner natürlich nicht auf einen Toten, sondern auf einen Lebenden geschossen hat, der erst als Folge dieser Schüsse verstarb?
Irritiert. Es kann sein, dass die Fahne, um die es in der folgenden Meldung, ebenfalls vom 24. Mai 2011, geht, den einen oder anderen gestört hat — der wäre dann irritiert im von Sprechtrainer Busch vorgeschlagenen Sinne gewesen. Aber die Mehrzahl war wohl irritiert in dem angeblich falschen und zu vermeidenden Sinne des Wortes — verwirrt, und ein wenig besorgt. Damit tappt BILD.de ist in die neunte der zehn “fiesen Sprachfallen”. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Das ist kein Zufall. Man nimmt die Sprachtipps von Sprach-Trainer Busch bei BILD.de gerade ernst genug, um die Leser/innen damit zu piesacken, aber keinesfalls ernst genug, um sich selbst daran zu halten (Parallelen im Umgang von BILD.de mit Fakten ganz allgemein mag jeder selbst ziehen, ich bin hier nur für Sprache zuständig).
Wollte. Das Ergebnis 9/10 reicht mir, meine Schlussfolgerung ist gezogen, mein Auftrag erfüllt. Die letzte “Sprach-Falle” bezieht sich auf ein Sprachmuster, das in journalistischen Texten sehr selten und wegen seiner Variabilität allgemein zu schwer zu suchen ist. Ich schenke BILD.de also diesen einen Punkt im sicheren Bewusstsein, dass sich mit etwas Mühe auch dafür ein Beispiel fände.
Wie alle anderen Sprachfallen existiert auch diese, wie eingangs angedeutet, ohnehin nur in den Köpfen von Sprach-Trainer Busch und BILD.de. Ich werde das im Laufe der Woche im Sprachlog für alle sprachlich Interessierten genauer zeigen. Los geht es mit Folge 1, in der es um sorgen, Kult und Busen geht.
Nachtrag, 5. Juni: Inzwischen hat Anatol Stefanowitsch auch Folge 2 und 3 online gestellt.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Journalismus und Skepsis: Der Knabe, der doch nicht magnetisch war” (scienceblogs.de/zoonpolitikon, Ali Arbia)
Ali Arbia greift die Story eines Jungen aus Kroatien auf, der angeblich magnetisch ist: “Wenn sich Journalistinnen und Journalisten sich schon nicht ein Minimum an Skepsis leisten um offensichtliche billige Tricks zu hinterfragen, wie sollen dann ihre Leserinnen und Leser, deren Beruf dies meist nicht ist, eine entsprechende Kompetenz entwickeln?”
3. “Wie frei ist die deutsche Presse wirklich?” (doppelpod.com, Christian Y. Schmidt)
Ein Vortrag von Christian Y. Schmidt über die ökonomischen und politischen Abhängigkeiten der deutschen Presse (im Video ab Minute 7). Die Journalisten in Berlin hält er “eng verflochten” mit den Politikern: “Journalisten stellen gegen gute Honorare Bücher vor, die Politiker geschrieben haben, Politiker und Journalisten besuchen dieselben Partys und Empfänge, und manchmal heiraten Journalisten und Politiker gar, so wie die Bild-Zeitungs und Focus-Journalistin Doris Köpf (Schwerpunkt: Innenpolitik) den damaligen Bundeskanzler Schröder.”
4. “Kein Beweis für Nötigung” (faz.net, David Klaubert)
David Klaubert berichtet aus dem Münchner Landgericht: “Ottfried Fischer hat viel auf sich genommen für diesen Prozess, der für ihn auch ein Feldzug gegen die Berichterstattung der ‘Bild’-Zeitung ist – ein vergeblicher Anlauf, wie es nun scheint, denn das Münchner Landgericht hat in zweiter Instanz das Urteil gegen den Angeklagten Wolf-Ulrich Sch. aufgehoben.”
5. “Für Fußball keine Gebühren verpulvern” (meedia.de, Alexander Becker)
Alexander Becker spricht mit Claudius Seidl über seine Bewerbung als ZDF-Intendant (Facebook-Gruppe). Die aktuelle Logik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schätzt er so ein: “Es muss das ZDF geben, weil wir das Fernsehen nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen dürfen. Wir produzieren aber den gleichen Mist wie die kommerziellen Sender, weil wir von allen Gebühren verlangen und deshalb allen etwas bieten müssen.”
6. “Hier rein, da raus” (zeit.de, Martin Spiewak)
Martin Spiewak schlägt vor, Uni-Vorlesungen abzuschaffen: “Statt dem Dozenten zu folgen, verschicken die Studenten E-Mails, mehren die Zahl ihrer sozialen Kontakte bei Facebook – oder laden sich das Skript der nächsten Vorlesung aus dem Netz. Sinnloser lässt sich akademische Zeit kaum vergeuden.”
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “nr-Mediendisput zur Bild-Zeitung” (ustream.tv, Video, 102 Minuten)
Bela Anda, Markus Feldenkirchen, Wolfgang Storz, Ulrike Simon, Harald Schumann und Thomas Leif diskutieren über “Bild”. Ab 2 Minuten stellt Hans-Jürgen Arlt die “Bild-Studie” vor: “Das Wesentliche an der Bild-Zeitung kriegt man nicht mit, wenn man sie journalistisch und politisch beobachtet.” Über den Abend berichtet auch Sonja Pohlmann für Tagesspiegel.de.
2. “Falsche Fotos, falsche Fakten” (spiegel.de, Stefan Kuzmany)
Der in Peking lebende Autor Christian Y. Schmidt hält Teile der westlichen China-Berichterstattung für Propaganda: “In den westlichen Medien wird zum Teil Propaganda betrieben, wenn es um China geht. Und das wird in China gerade von den Nationalisten immer wieder aufgegriffen: Falsche Fotos, falsche Fakten, das wird alles mit großer Begeisterung im chinesischen Internet aufgelistet. Die Fallbeispiele sind sehr umfangreich.”
3. “Schwarm-Intelligenz und Schwarm-Feigheit” (sprengsatz.de, Michael Spreng)
Die Meinungsfreiheit ist (neben seiner Frau) die grosse Liebe des Lebens von Michael Spreng: “Meinungsfreiheit ist nicht von Generationen vor mir mit Blut und Opfern erkämpft worden, um im Internet zu anonymer Denunziation zu verkommen. (…) In einer freien Gesellschaft, in der man seine Meinung offen äußern darf, gehört zur Meinungsäußerung, erst recht zur Entblößung anderer, auch der Absender. Das bisschen Mut muss sein.”
4. “Die mediale Vorverurteilung von Strauss-Kahn” (ndr.de, Video, 6:39 Minuten) Dominique Strauss-Kahn wird von einer Hotelangestellten der Vergewaltigung beschuldigt. “Spekulationen gibt es viele, Tatsachen bislang nur wenige. (…) Er ist noch nicht einmal angeklagt, doch in den Medien schon verurteilt.”
5. “Hamburger Anzeigenblatt” (golfnerd.de, Denis Krah)
Denis Krah über das Golfmagazin “Eagle”, das unter der Marke “Hamburger Abendblatt” erscheint. “500 Euro werden für ein redaktionelles Clubporträt plus 1/4-Seiten-Anzeige verlangt. Einen Hinweis auf diese bezahlte Berichterstattung sucht man in ‘Eagle’ vergebens. Keine ‘Sonderveröffentlichung’ und auch keine ‘Anzeige’ prangt über den Auftragsarbeiten/Advertorials.”
6. “Mit den Millionären kann man es ja machen” (sportmedienblog.de) Matthias Brügelmann, Chefredakteur von “Sport Bild”, fordert in einem Editorial sowas wie ein Berufsverbot für Fußballspieler Diego: “Spieler wie Diego, die so drastisch gegen ihren Arbeitsvertrag verstoßen, müssen für Vereine in der ganzen Welt gesperrt werden können bei gleichzeitigem Gehaltsstopp. Das wäre die einzig wirksame Abschreckung für solche Typen.”
Der Onlineauftritt von “Sport Bild” behauptet seit gestern:
In den USA (…) werden die Gehälter aller Spieler regelmäßig von der Major League Soccer (MLS) veröffentlicht. Auf den Cent genau. Jeder Interessierte kann nachlesen, was David Beckham, Thierry Henry und Co. verdienen.
Richtig peinlich sind aber die beiden Klickstrecken, die sportbild.de für die Topverdiener und die Spieler mit den niedrigsten Jahresgehältern zusammengestellt hat, denn darin tauchen seltsame Zahlen auf:
Oder auch:
Immerhin hat es der Ersteller der Strecken geschafft, die Kommata, mit denen im Amerikanischen Tausender getrennt werden (z.B. 32,604), durch die im Deutschen durchaus üblichen Punkte (z.B. 32.604) zu ersetzen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund sind aber die Punkte, die im Amerikanischen als Dezimaltrennzeichen verwendet werden und die hier Dollar von Cent trennen (z.B. 6,500,000.04 $), an Ort und Stelle geblieben — obwohl im Deutschen hierfür ein Komma verwendet wird (z.B. 6.500.000,04 $).
Da man hierzulande hinter dem Punkt eigentlich immer Blöcke à drei Ziffern erwartet, resultieren aus dieser Schlamperei kaum leserliche Zahlen, die man sich — wenigstens konsequent amerikanisch und klickfingerschonend — besser in den nach Clubzugehörigkeit oder alphabetisch sortierten Originallisten ansehen sollte.
Nicht nur unverständlich, sondern komplett falsch ist der Betrag, den Andres Mendoza verdient:
Durch eine von sportbild.de fälschlicherweise spendierte zusätzliche Null und dank der Punktschreibweise kommt er jetzt statt 595.000 Dollar auf satte 595 Millionen Dollar jährlich und dürfte damit der bestverdienende Spieler der Welt sein.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
1. “Ach nee, doch nicht” (blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale, Johannes Boie)
Johannes Boie notiert einige der Widersprüche, die bisher über den Tod von Osama bin Laden veröffentlicht wurden. “Niemand arbeitet permanent fehlerfrei. Und in manchen Redaktionen ist es längst schwierig geworden, noch Kollegen zu finden, die überhaupt Zeit haben, Aussagen von Dritten zu prüfen. Denn von den Festangestellten unter uns gibt es immer weniger.”
2. “5 Big bin Laden Media Mistakes, Explained” (wnyc.org, Sarah Kate Kramer, englisch)
“The fallout from President Obama’s announcement that Osama bin Laden had been killed by U.S. forces late Sunday night is a perfect example of how misinformation from a unique source, news aggregation and insta-feedback from Twitterlandia can get mixed up to ill effect.”
3. “Im Netz der Besserwisser” (spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo schreibt über “Experten” im Web: “Was auch immer das Weltgeschehen an Neuigkeiten bereithält – im Netz finden sich sogleich Experten sonder Zahl für exakt diesen Topos. (…) Gefühltes Expertentum zeichnet sich durch immense Hinterher-Klugheit aus, hätte, hätte, Fahrradkette.”
4. “Ex-Freunde: Schweinsteiger und Sport Bild” (ndr.de, Video, 5:32 Minuten)
Fußball: Die Beziehung zwischen dem FC Bayern München und “Sport Bild” und die Beziehung von Bastian Schweinsteiger und “Sport Bild”. Schweinsteigers Reaktion auf den “Chefchen”-Artikel fand erst nach zwei Wochen und vor einer halböffentlichen Journalistenrunde ohne Kameras statt.
6. “Titelerfinder für Frauenzeitschriften – ein Beruf mit Zukunft” (zeit.de, Harald Martenstein)
“Ich glaube, dass es einer in langen Jahren gewachsenen Kennerschaft und extrem verfeinerter Sinnesorgane bedarf, um zwischen der aktuellen Ausgabe von Echo der Frau und Frau im Spiegel zu unterscheiden, das ist ähnlich wie bei den Weinkennern, die einen 1998er Kleinfischbacher Blocksberg sofort vom 1999er Jahrgang zu scheiden wissen.”
Es ist ein gefundenes Fressen für “Bild”: Fußball-Profi Bastian Schweinsteiger hat bei einer Presseveranstaltung einen “ihm unliebsamen Journalisten” beleidigt. Oder anders formuliert:
Die Autoren Kai Psotta und Mario Volpe listen alles auf, was es zu diesem Anlass zu berichten gilt: Dass der Ausbruch exakt 11 Minuten und 56 Sekunden gedauert hat, welche besonders deftigen Beleidigungen Schweinsteiger aussprach, dass Kameras bei dem denkwürdigen Auftritt verboten waren. Alleine eine Information fehlt rätselhafterweise: Welchen Reporter hat Schweinsteiger so rüde beschimpft?
Bild.de hat Falks Namen und Arbeitgeber inzwischen unauffällig in den Artikel eingefügt.
“Sport Bild”-Chefredakteur Matthias Brügelmann sah sich kurzerhand zu einer Stellungnahme veranlasst. Die “Chefchen”-Geschichte sei lediglich eine “Analyse” der Leistung Schweinsteigers. Und weiter:
Wenn Schweinsteiger das anders sieht, ist das sein gutes Recht. Wir haben bei SPORT BILD kein Problem damit, kritisiert zu werden. Wer austeilt, muss auch einstecken können.
Ob seine Wortwahl (“Pisser”, “Arschloch”) bei der Pressekonferenz für Führungsqualität und Vorbildfunktion spricht, sollen andere beurteilen.
Die “anderen” hat Brügelmann freilich schnell gefunden: