Suchergebnisse für ‘foto opfer’

Mon cher ami

Franz-Josef Wagner schreibt heute einen Brief an Klaus Wowereit, und wir müssen ein bisschen ausholen.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin musste sich nämlich gestern im Abgeordnetenhaus dafür rechtfertigen, dass er bei einer öffentlichen Veranstaltung Désirée Nick geküsst hat. Einige Fotos von diesem Moment machten in Berlin und in “Bild” Schlagzeilen. Nachdem ein CDU-Abgeordneter gefragt hatte, ob das mit der Würde seines Amtes vereinbar sein, rechtfertigte sich Wowereit ausführlich.

Franz-Josef Wagner fühlte sich bei dieser Rede an die Sätze von Willy Brandt und Richard von Weizsäcker im Abgeordnetenhaus erinnert, bzw.: nicht erinnert. Denn die hätten die Freiheit verteidigt, Wowereit aber sein “Fundi-Schwulsein”.

Unter “Fundi-Schwulsein” versteht Wagner dem Anschein nach das, was gemeinhin “Homosexualität” genannt wird: Männer, die nicht schwach werden, wenn plötzlich, sagen wir, Paris Hilton vor ihnen steht. Das ist ein bisschen unflexibel, aber das gibt es. “Fundi” ist natürlich alles andere als ein positiv besetzter Begriff in der Welt von “Bild”.

Wagner weiter:

Sie verwahrten sich gegen Unterstellungen, Désirée Nick habe Sie umgedreht.

Das ist typisch, riefen Sie in den Plenarsaal, da ist ein schwuler Mann und eine schöne Frau (na, na, der Kolumnist) und schon heißt es “umgedreht”. Das sei wie bei Frau Schavan, die als lesbisch diskriminiert wird. Es sei gegen die Menschenwürde, ereiferten Sie sich.

Mon cher ami, ist es wirklich so schrecklich, in den Verdacht zu geraten, nicht 150prozentig schwul zu sein?

“Nein”, rufen natürlich an dieser Stelle die “Bild”-Leser im Chor, die nicht aufgepasst haben. Denn darum ging es Wowereit nicht. Als diskriminierend bezeichnete er die Annahme, dass man Schwule nur mit einer schönen Frau konfrontieren müsse, und schon könne man sie ändern.

Das ist genau, was “Bild” mit seiner Titel-Schlagzeile getan hat, und das ist in der Tat diskriminierend. Es ist auch mehr als nur ein lustiger Boulevardzeitungswitz, wie man zum Beispiel hier nachlesen kann.

Wagner suggeriert weiter, Wowereit hätte sich mit dem Thema in die Öffentlichkeit gedrängt, anstatt wichtigere Dinge zu verhandeln. Jedenfalls ist zu vermuten, dass er das suggerieren will, wenn er diese Sätze hintereinander schreibt:

Mon cher ami, ist es wirklich so schrecklich, in den Verdacht zu geraten, nicht 150prozentig schwul zu sein? Ist es nicht viel schrecklicher, daß 40 Prozent unserer Berliner Türken arbeitslos sind. Die Quote der türkischen Sozialhilfeempfänger ist dreimal so hoch. Ist es nicht schrecklich, daß ein Türke, der Deutsch lernen will, in Berliner Volkshochschulen abgelehnt wird – kein Geld, keine Lehrer.

Nach Darstellung verschiedener Medien hat Wowereit wohl tatsächlich sehr, sehr lange zu dem Thema geredet. Tatsache ist aber auch, dass Wowereit das Foto und das Thema nicht groß in die Öffentlichkeit gebracht hat (das war “Bild”) und dass er es auch nicht auf die Tagesordnung im Berliner Abgeordnetenhaus gesetzt hat (das machte die Opposition durch ihre Frage danach).

O-Ton Wagner:

Die Würde der Schwulen geht mir langsam auf den Keks – und Ihr Markenzeichen schwul auch. Schwulsein ist nicht besser.

Noch einmal zum Mitdenken: “Bild” stellt ein Foto vom knutschenden Wowereit auf die Titelseite und bringt es in absurder Weise in Verbindung mit seinem Schwulsein. Und wenn Wowereit sich darüber beschwert, schreibt “Bild”, er soll doch aufhören, dauernd sein Schwulsein in den Vordergrund zu stellen.

Den Satz “Die Würde der Schwulen geht mir langsam auf den Keks” muss man sich merken. Das ist ungefähr so, als würde sich ein Schläger darüber beklagen, dass die Schreie seiner Opfer immer so einen ruhestörenden Lärm verursachen.

Lachen mit “Bild”

Früher gab es von jedem “Bild”-Kommentator zwei Fotos: Eines, auf dem er lacht. Und eines, auf dem er ernst guckt. Sie fanden Verwendung je nach Anlass und Tenor des Kommentars.

Entweder ist das internen Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen. Oder man ist bei “Bild” wirklich außerordentlich glücklich darüber, dass Jassir Arafat nicht mehr lebt. Neben dem Kommentar mit der Überschrift “Tod im Bett” steht dieses Foto von Autor Claus Jacobi:

Nachtrag, 17:10: Mittlerweile wurde das Foto bei Bild.de gegen ein weniger erheitertes ausgetauscht.

Nachtrag, 21:00: In der gedruckten “Bild” guckt Jacobi angemessen staatstragend.

Der Kannibale ist kein Kannibale

Ja, die Welt ist manchmal kompliziert, und deshalb, liebe Kollegen von “Bild”, gehen wir die Sache langsam und zum laut Mitlesen noch einmal durch. Also: Ein Kannibale ist jemand, der einen anderen Menschen verzehrt. Klar soweit? Gut, dann weiter: Wer keinen anderen Menschen verzehrt, ist kein Kannibale.

Seit Donnerstag steht fest, dass der Berliner, der einen Sexpartner ermordet und zerstückelt haben soll, kein Kannibale ist. Ein Sprecher der Berliner Justiz sagte, es gebe nach der Obduktion keine Anhaltspunkte dafür, dass es zu Kannibalismus gekommen sei. Das berichteten übereinstimmend verschiedene Agenturen. Am Donnerstag, wie gesagt.

Am Freitag ist der mutmaßliche Mörder in “Bild” (Ausgabe Berlin) immer noch “Der Kannibale von Berlin”. “Bild” vergleicht die Straftat mit der des (tatsächlichen) “Menschenfressers von Rotenburg” und spricht vom “neuen Kannibalen-Fall”.

Am Samstag zeigt “Bild” “Das Gesicht des Kannibalen”, nennt ihn weiter den “Kannibalen von Berlin” und verzichtet an keiner Stelle auf die falsche Bezeichnung. Neben einem weiteren Foto steht: “Kannibale Ralf M. (41) wird von Polizisten zum Haftrichter gebracht.”

Man könnte das für eine Kleinigkeit halten, schließlich hat der Verdächtige ja allem Anschein nach sein Opfer aus sexueller Lust und mit kannibalistischen Fantasien getötet. Aber hinter der Entscheidung für die Bezeichnung “Kannibale” steckt mehr als nur eine sprachliche Boulevard-Kurzformel für jemanden, der aus solchen Motiven mordet. Die Information, dass die Polizei keine Anhaltspunkte für Kannibalismus gefunden hat, die andere Zeitungen zu Formulierungen brachte wie: “Der ‘Kannibale von Neukölln’ ist nun doch kein Kannibale”, fehlt konsequent in “Bild”-Berlin. Hier heißt es allein: “Er gab an, nichts von dem Toten gegessen zu haben.” Warum unterschlägt “Bild” die Information, dass diese Angabe des mutmaßlichen Mörders längst von der Polizei bestätigt ist und er also kein Kannibale ist? Ist die Wahrheit nicht aufregend genug?

Übrigens: Auf die Gefühle der Angehörigen des Opfers kann die “Bild”-Zeitung in ihrem Blutrausch natürlich keine Rücksicht nehmen. Neben ein Bild des Toten stellte sie die sensibel formulierte Überschrift: “Waldorfschule ehrt ihren geschlachteten Pianospieler”.

Blättern:  1 ... 45 46 47 48 49