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Homöopathie, Akupunktur & Placebo Domingo

Erinnern Sie sich an die Geschichte, amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Twitter und Facebook unmoralisch machen? Für große Verbreitung dieser Falschmeldung im deutschsprachigen Raum sorgte die Düsseldorfer Nachrichtenagentur “Global Press” mit ihrem Dienst “Medical Press”. Leider haben die Mitarbeiter es — trotz einer Anfrage von uns — noch nicht geschafft, das zu berichtigen.

Kein Wunder: Sie sind ja voll damit beschäftigt, neue Meldungen für ihre Kunden wie “Focus Online” zu produzieren, zum Beispiel diese, die neue wissenschaftliche Ergebnisse mit der schlichten Überschrift zusammenfasst:

Homöopathie wirkt

Das wäre nichts weniger als eine Sensation, denn bislang ist es nicht gelungen zu beweisen, dass homöopathische Mittel besser wirken als Placebos, das heißt: Die Heilungserfolge lassen sich allein durch Faktoren wie den Glauben an die Wirksamkeit des Mittels oder auch die größere Zuwendung durch den Arzt erklären.

Als Quelle nennt “Focus Online” (bzw. “Medical Press”) die kleine Frauenzeitschrift “feminin & fit”. Die ganze Nachricht beruht ausschließlich auf einer Pressemitteilung von “feminin & fit”. Die beruft sich auf eine neue Studie von Professor Claudia Witt, die an der Berliner Charité den Projektbereich Komplementärmedizin leitet und dabei offenbar ausdrücklich den Auftrag hat, zur größeren Akzeptanz der umstrittenen Heilkunde beizutragen.

Doch die Aussagekraft ihrer Untersuchung ist in Wahrheit sehr begrenzt. Die Studie beruht im Wesentlichen darauf, Patienten in Praxen, die auch homöopathisch behandeln, nach acht Jahren zu fragen, ob es ihnen besser geht. Ein sehr großer Teil sagt, dass er sich besser fühlt — aber ob das an den homöopathischen Medikamenten liegt oder zum Beispiel dem Placebo-Effekt geschuldet ist, kann die Studie gar nicht beantworten.

Daraus zu folgern: “Homöopathie wirkt”, ist Unfug. Trotzdem hat auch diese Schein-Meldung dank “Medical Press” und der abgeschriebenen Pressemitteilung einer weithin unbekannten Frauenzeitschrift weite Verbreitung gefunden. Neben “Focus Online” brachte sie u.a. — Überraschung! — die “Bild”-Zeitung (“Homöopathische Mittel wirken”).

Doch die Medien wollen nicht nur an die magische Wirkung von sozialen Netzwerken und Flüssigkeiten ohne Inhaltsstoffe glauben.

Wissenschaftler in Seattle haben gerade eine Studie über die Wirksamkeit von Akupunktur veröffentlicht. Sie teilten über 600 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in vier Gruppen ein. Alle bekamen die konventionelle Therapie, aber eine Gruppe wurde zusätzlich nach den Regeln der Akupunktur behandelt, die zweite wurde einfach irgendwohin gestochen und bei der dritten wurden die Stiche nur mit Zahnstochern simuliert. Bei der vierten Gruppe blieb es bei der Standardtherapie. Das Ergebnis ist ebenso eindeutig wie verblüffend: Jede Behandlung war wirksamer als die konventionelle Behandlung allein, aber es machte keinerlei Unterschied, ob die Patienten “richtige” Akupunktur erhielten oder nur eine Simulation.

Die Studie ist ein überzeugender Beleg für die erstaunliche Wirksamkeit des Placebo-Effektes. Wer glaubte, eine zusätzliche Behandlung mit Akupunktur zu bekommen, dem ging es besser — egal wohin er gestochen wurde und ob er überhaupt gestochen wurde. Wenn die Studie etwas beweist, dann dass Akupunktur gegen chronische Rückenschmerzen nicht wirkt.

Und wie fasste “Focus Online” (dank unserer Freunde von “Medical Press”) das Ergebnis zusammen?

Akupunktur hilft bei Rückenschmerzen besser als Standardtherapie

Und die Nachrichtenagentur AP titelte:

“Akupunktur lindert Rückenschmerzen besser als normale Therapie”

— und brachte diese Halluzination u.a. zu WDR 2 und Welt Online.

Vermutlich wäre es sinnlos, ihnen zu schreiben, dass zumindest diese Studie das Gegenteil ergeben hat. Der Glaube versetzt Berge.

 
Mit Dank an Scienceblogs, “Diax’s Rake”: “Homöopathie wirkt auch??”, “Akupunktur wirkt NICHT bei Rückenschmerzen”.

Kermani, Microsoft, Google

1. Einspruch der NZZ gegen die Jury des hessischen Kulturpreis
(nzz.ch, Markus Spillmann)
Markus Spillmann, Chefredaktor der NZZ, hat einen Brief an Hessens Ministerpräsident Roland Koch verfasst. Darin äussert er Besorgnis und Unverständnis über die Aberkennung des hessichen Kulturpreises an Navid Kermani. Auslöser der Aberkennung ist ein Artikel Kermanis in der NZZ und die Reaktion von Kardinal Lehmann. Die dazu passenden Fragen stellt Martin Mosebach in der FAZ.

2. Was Medien von Microsoft lernen können
(blog.agoeldi.com, Andreas Goeldi)
Andreas Goeldi widerspricht der Meinung, dass Medien mit Micro-Payments erfolgreich sein werden. Goeldi schlägt vor, die User nicht für einzelne Artikel sondern für attraktive Pakete bezahlen zu lassen. Vorbild ist für ihn hierbei Microsoft mit dem Office-Paket.

3. Twitter und Facebook verringern Abhängigkeit von Google
(faz-community.faz.net, Holger Schmidt)
Holger Schmidt, besser bekannt als Netzökonom, analysiert eine Studie des Marktforschungsunternehmens Hitwise. Er kommt zu der Erkenntnis, dass schon heute mehr und mehr Traffic auf Medienseiten über Twitter und vor allem Facebook generiert wird. Die führe, bei konsequenter Nutzung, vor allem zu einer sinkenden Abhängigkeit von Google.

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Guardian, BNO News, Markwort

1. Zu Besuch beim “Guardian”
(blog.handelsblatt.de/indiskretion, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer besucht den “Guardian” in London und ist angetan: “So werden Medienhäuser der Zukunft aussehen”. Vor allem die Audio- und Video-Infrastruktur des “Guardian” sei aussergewöhnlich gut ausgebaut.

2. Wie ein Niederländer etablierte Nachrichtenagenturen aufmischen will
(axel-springer-akademie.de, Thomas Wanhoff)
Michael van Poppel kennt wohl kaum jemand, sein Twitter-Dienst @breakingnews wird hingegen von 330.000 Abonennten gelesen. Und der gelernte Journalist plant Grosses: BNO News soll profitabel und zu einem vollwertigen Nachrichtendienst ausgebaut werden.

3. Uli Hoeness, Helmut Markwort und die Internet-Situation
(probek.net, Kai Lorentz)
Bayern-Manager Uli Hoeness spricht im “Sonntags-Stammtisch” des Bayrischen Rundfunks über die Gefahren des Internets und hätte wohl besser geschwiegen. Und Focus-Chef Helmut Markwort hält so ziemlich alle, die im Internet publizieren (und nicht für klassische Medien schreiben) für “Narren die an Klowände schreiben”.

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Buschheuer, Internetradio, Spiegel

1. “Das alte System ist kaputt”

(taz.de, Steffen Grimberg)

Alan Rusbridger, Chefredakteur des englischen Guardian, sieht die Zeitungskrise nüchtern: “Wir müssen uns darauf einrichten, künftig Journalismus mit weniger Leuten zu machen, und demütiger werden.” Seinen Berufskollegen sagt er: “Journalisten müssen über die Entwicklung des Journalismus nachdenken, nicht über Businesspläne. Schon gar nicht dann, wenn wie jetzt niemand weiß, wie unsere Geschäftsmodelle künftig aussehen werden.” Ein Gespräch mit Rusbridger, das Jakob Augstein und Philip Grassmann geführt haben, gibt es hier (vimeo.com, 7:50 Minuten).

2. “Hausmitteilung zu verkaufen”

(bildblog.de, Stefan Niggemeier)

Neue Werbeformen beim Spiegel. Das Nachrichtenmagazin verkauft seine das Heft einführende “Hausmitteilung” als Werbung.

3. “Leser wählen, wir schreiben”

(focus.de, Martin Kunz)

Leser können die Inhalte des Focus-Sonderhefts “Grüner Leben” bestimmen. Nach der Wahl des Themenschwerpunkts können die Leser Themen in Form von Berichten, Reports oder Reportagen auswählen. Leider holt man sich dabei fast den Klicktod, kurz, die Usability ist grauenhaft – vielleicht hält sich auch deshalb die Teilnahme der Leser in Grenzen.

4. Interview mit Else Buschheuer

(spiegel.de, Tobias Becker)

Autorin Else Buschheuer glaubt, dass sich “Twittern zum Bloggen wie Methadon zum Heroin” verhält. “Jeden Tag klicken meine Leser meine Internet-Seite an und lesen über meine Einsamkeit, mein Scheitern, meine kleinen Freuden. Schreibe ich zwei Tage nicht, krakeelen sie. Aber sie kaufen meine Bücher nicht, ich habe sie total verzogen.”

5. “Die radiophone Revolution”

(dradio.de, Georg Gruber)

“Das klassische Küchenradio könnte schon bald ausgedient haben, denn die Anzahl der Sender, die man mit einem derartigen Gerät empfangen kann, ist äußerst begrenzt. Anders im Internet: Hier gibt es mittlerweile Tausende von Radiostationen, die ihre Programme streamen.”

6. “Was man aus ‘6 vor 9’ lernen kann”

(upload-magazin.de, Jan Tißler)

Die Aktion zur Rettung von “6 vor 9” war erfolgreich; in nur drei Tagen wurden 2000 Euro gesammelt. Vielen Dank, das ist grossartig! Jan Tißler schreibt in einem Beitrag, was man seines Erachtens aus der Rubrik lernen kann.

Twitter macht Journalisten dumm

“Zu schön, um wahr zu sein”, sagt der Volksmund.

“Zu schön, um nicht wahr zu sein”, sagt der Journalist — und verzichtet gerade bei den unwahrscheinlichen Geschichten gerne auf Skepsis und Recherche.

Diese Geschichte, die man u.a. bei “Focus Online” findet, ist angesichts des gegenwärtigen Hypes um Online-Angebote wie Facebook oder Twitter aus Sicht der Journalisten eine schöne Geschichte:

Studie: Unmoralisch durch Facebook und Twitter. Online-Netzwerke sind schlecht für die Moral. Vor allem junge Menschen sollen durch zu viel Kommunikation über Portale wie Twitter oder Facebook auf die Dauer Schaden nehmen, wie nun US-Gehirnforscher herausgefunden haben.

Vor allem junge Menschen sollen durch zu viel Kommunikation über Portale wie Twitter oder Facebook auf die Dauer Schaden nehmen, wie nun Gehirnforscher der University of Southern California herausgefunden haben. Um körperlichen Schmerz anderer zu erkennen, benötigt das menschliche Gehirn nur Sekundenbruchteile. Doch um soziale Gefühle wie Mitleid oder Bewunderung zu entwickeln, ist wesentlich mehr Zeit notwendig, wie das britische Portal “Mail Online” die Erkenntnisse der Wissenschaftler zitiert. Da das Gehirn von Jugendlichen noch nicht voll ausgebildet ist, könnte zu viel “Twittern” die Entwicklung beeinflussen. (…)

Die Kommunikation über das World Wide Web laufe zu schnell für den “moralischen Kompass” des Gehirns ab, so dass Jugendliche mit der Zeit dem Leid anderer gegenüber gleichgültig würden. Behaupten Wissenschaftler. Behauptet “Mail Online”. Behauptet “Focus Online”.

Nun ist “Mail Online” die Internet-Ausgabe der “Daily Mail”, einer der unseriösesten Zeitungen Großbritanniens, was “Medical Press”, den Gesundheitsdienst der Nachrichtenagentur Global Press nicht daran hinderte, ihre Meldung ungeprüft zu übernehmen und zu verbreiten — ebenso wie viele, viele, viele, viele, viele andere deutschsprachige und internationale Medien.

Der britische Arzt, Medienkritiker und “Guardian”-Kolumnist Ben Goldacre hingegen hatte die originelle Idee, die Meldung mittels etwas, das man früher “Recherche” nannte, zu überprüfen. Er besorgte sich die Studie, auf die sich die “Daily Mail” bezieht und stellte fest, dass sie zwar herausfand, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz — von Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen Internet-Angeboten darin aber keine Rede war.

Goldacre fragte sicherheitshalber bei einem der Autoren der Studie nach, und Professor Antonio Damasio antwortete ihm:

“Wir haben keine irgendwie geartete Verbindung zu Twitter hergestellt. (…) In unserer Untersuchung werden weder Twitter noch irgendein soziales Netzwerk erwähnt. Wir haben nicht über sie zu berichten. (…) Die Verbindung zu Twitter und anderen sozialen Netzwerken ergibt, soweit ich es überblicken kann, keinen Sinn.”

Und wie kommt dann der Online-Auftritt der vermeintlich seriösen Schweizer Zeitung “Tagesanzeiger” zu einem Zitat, in dem Mary Helen Immordino-Yang, eine der Autorinnen der Studie, Facebook und Twitter ausdrücklich erwähnt?

Ganz einfach: Der Autor hat die Wörter “Facebook” und “Twitter” und überhaupt den Zusammenhang zu Online-Angeboten offenbar nachträglich in ein wörtliches Zitat der Wissenschaftlerin aus der Pressemitteilung der Universität eingefügt:

Pressemitteilung tagesanzeiger.ch
“If things are happening too fast, you may not ever fully experience emotions about other people’s psychological states and that would have implications for your morality,” Immordino-Yang said. “Wenn rund um die Uhr Nachrichten über Twitter und Facebook einprasseln, kann man sich nicht voll auf die Gefühle anderer Menschen konzentrieren, und das wirkt sich negativ auf die Moral aus”, fasst die Forscherin Mary Helen Immordino-Yang von der Universität Süd-Kalifornien die Forschungsergebnisse zusammen.

Nachtrag, 21. April. “Focus Online” hat seinen Artikel um einen Nachtrag ergänzt und benutzt darin als originellen Euphemismus für “falsch” den Ausdruck “in die Kritik geraten”.

Beim Online-Angebot des “Tagesanzeiger” wurden die Wörter “über Twitter und Facebook” aus dem wörtlichen Zitat entfernt, der ganze andere Unsinn aber stehen gelassen. Auf E-Mail-Anfragen von BILDblog haben weder Autor Reto Knobel noch Redaktionsleiter Peter Wälty geantwortet.

NPD, Weischenberg, Pudel

1. “Rechtsextreme und die Medien”

(youtube.com, Video, 5:04 Minuten)

Report Mainz berichtet vom Parteitag der NPD. Eine Reporterin testet Parteimitglieder, ob sie Kopfrechnen können und will wissen, was 7 x 9 ist. Am Schluss kommt der Bericht, durch den ständig ein Fuchs läuft, zum Schluss: “Fragen beantworten oder rechnen können ist nun mal nicht jedermanns Ding.” Die Menge im Saal skandiert: “Die Presse lügt, die Presse lügt, …”

2. “AP erklärt News-Verwertern den Kampf”

(spiegel.de)

“Kampfeslust in Zeiten der Medienkrise: Die Nachrichtenagentur AP will nicht länger hinnehmen, dass ihre Inhalte von anderen Webseiten verwendet werden. Sie plant einen Aufstand der News-Produzenten gegen Aggregatoren und Abschreiber.”

3. Interview mit Siegfried Weischenberg

(sueddeutsche.de, Thomas Fromm)

“Noch vor wenigen Monaten dominierten in der deutschen Wirtschaftsberichterstattung neoliberale Positionen. Alles, was mit Regulierung zu tun hatte, war Teufelszeug. Das hat sich im Zuge der Finanzkrise ins Gegenteil verkehrt: Heute besteht die Gefahr, dass nur noch auf der Linie staatlicher Interventionen argumentiert wird. Früher waren die Manager die Könige, heute ist es Finanzminister Peer Steinbrück.”

4. “FOCUS-SCHULE klagt gegen Baden-Württemberg”

(focus.de)

“Das Bildungsmagazin FOCUS-SCHULE klagt gegen das Land Baden-Württemberg auf Auskunft. Die Zeitschrift fordert von Kultusminister Helmut Rau den presserechtlich garantierten freien Zugang zu staatlichen Informationen ein.”

5. Interview mit Don Alphonso

(meedia.de, Alexander Becker)

“Viele Zeitungen werden sterben. Es werden die überleben, die Qualität liefern und Haltung zeigen. Medien sind eine Pudelzucht. Die heutigen Journalisten sind Schosshündchen, sehen alle schick aus und sind gut dressiert. Die Leser wollen aber Wölfe anstatt Pudel.”

6. “Das Orakel vom Axel-Springer-Platz”

(manager-magazin.de, Alexander Hämmerli)

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner: “Hätten Sie vor einem Jahr 1000 Euro in Aktien des amerikanischen Medienkonzerns Gannett investiert, hätten Sie heute noch 69 Euro übrig. Hätten Sie damals für den gleichen Betrag Holsten gekauft, hätten Sie viel Bier trinken können und könnten obendrein noch für 238 Euro Leergut einlösen.”

Aus BILDblog wird BILDblog für alle

Nicht erschrecken: BILDblog verändert sich. Aber wir bleiben uns treu.

Aus BILDblog wird am Montag BILDblog für alle. Wir schauen über “Bild” hinaus und nehmen uns auch anderer Medien an. Sie haben es sich verdient.

Es ist nicht so, dass uns der Stoff ausgegangen wäre. Wir haben zwar den Eindruck, dass die Zahl der besonders krassen Lügengeschichten in “Bild” seit einiger Zeit zurück gegangen ist; der neue Unterhaltungsschef scheint weniger auf erpresserische Methoden bei der Informationsbeschaffung zu setzen, und Bild.de ist nicht mehr ganz das Schleichwerbeportal, das es einmal war.

Andererseits spricht wenig dafür, dass “Bild” im Kern eine bessere Zeitung geworden wäre und plötzlich Respekt vor so abwegigen Dingen wie der Wahrheit oder den Persönlichkeitsrechten von Menschen entwickelt hätte.

Aber es ging uns nie nur um die “Bild”-Zeitung, sondern um ihre Macht als (trotz allem noch) viel gelesenes und für wichtig genommenes Leitmedium. Von Anfang an stand über unserer Arbeit der Satz: “Was heute in ‘Bild’ steht, steht morgen überall”. In den vergangenen viereinhalb Jahren haben wir eine Menge darüber erzählt, was so “in ‘Bild'” steht. Jetzt haben wir Lust, uns dem “überall” zuzuwenden.

Beim Amoklauf von Winnenden zeigte nicht nur die “Bild”-Zeitung mit ihrer Mischung aus Schlampigkeit und Skrupellosigkeit ihr wahres Gesicht. Auch die Berichterstattung vieler anderer Medien über dieses Ereignis war erbärmlich. Am Sonntag versuchte die “Bild am Sonntag”, mit privaten Bildern der Opfer auf der Titelseite Auflage zu machen — am Montag erschien der “Focus” mit fast identischem Cover. Fernsehsender überschritten viele Grenzen. Die “Welt am Sonntag” veröffentlichte ein großes Foto von einem Jungen und erweckte den Eindruck, es handele sich um den Attentäter — dass es sich nur um einen unschuldigen Besucher der Trauerfeier handelte, stellte das Blatt auch im Nachhinein nicht klar; Nachfragen ignorierte der Chefredakteur Thomas Schmid einfach.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie deutsche Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Oft fehlt es schon an der schlichten Bereitschaft, eigene Fehler zu korrigieren. Sinkende Werbeerlöse und der Medienumbruch bedrohen gerade die Qualität: Die Verlockung wächst, mit Schleichwerbung die Einnahmen aufzupeppen; oft fehlt es an Geld oder Personal, um nicht nur Texte von Kollegen oder PR-Leuten abzuschreiben, sondern selbst zu recherchieren. Noch nie war es so leicht für Falschmeldungen, in kurzer Zeit weite Verbreitung zu finden.

Was wir dagegen setzen wollen, ist dasselbe wie bisher: Aufklärung. Wir glauben, dass es hilft, die Fehler und Abgründe öffentlich zu machen — die kleinen Pannen und die große Desinformation. Damit deutlich wird, wie wichtig es ist, in Qualität zu investieren.

Im vergangenen Dezember haben wir das Konzept “BILDblog für alle” schon einmal ausprobiert und unter anderem berichtet, wie die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” im Reiseteil für die Lufthansa wirbt und “Spiegel Online” im Autoteil für Audi, wie der “Remscheider General-Anzeiger” an dem Versuch scheitert, über HIV und Aids aufzuklären, und wie der “Spiegel” die Geschichte klittert, um Stimmung für ein Konjunkturprogramm zu machen. An diesen Versuch wollen wir ab Montag anknüpfen. Und wir sind dabei, wie schon bisher, auf Ihre Mithilfe angewiesen. Bitte unterstützen Sie uns durch “sachdienliche Hinweise”, wenn Ihnen Fehler und Falschmeldungen auffallen, in welchem Medium auch immer. Nach dem alten BILDblog-Motto: “Die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme.”

Stefan Niggemeier und Lukas Heinser sind wie bisher dabei; neu ins Team kommt der freie Journalist, Blogger und Journalistenausbilder Christian Jakubetz. Den Namen BILDblog wollen wir beibehalten, weil er für die Art von unideologischer Medienkritik steht, die wir weiter pflegen wollen. Es ist zu befürchten, dass “Bild” darin auch in Zukunft eine tragende Rolle spielen wird.

Danke für die sensationelle Unterstützung in den vergangenen fast fünf Jahren! Wir hoffen, dass Sie uns gewogen bleiben.

 

Ebenfalls zum Thema:

Gewalt, Tages-Anzeiger, Web-Wörter

1. “Brüssel soll die Presse retten”

(faz.net, Hajo Friedrich)

“Der Europäische Verband der Journalistenverbände sieht angesichts der Medienkrise die Demokratie gefährdet. Grund genug für ihn, von der Europäische Union Hilfe zu fordern. Setzen die Medien dabei ihre Unabhängigkeit aufs Spiel?”

2. “Bündnis der Medien mit der Gewalt”

(heise.de/tp, Benjamin Laufer)

“Man kennt das von vielen Großereignissen sozialer Bewegungen: Die mediale Berichterstattung ist getrieben von Sensationslust, dramatisiert Gewalttaten und reduziert die gesamten Proteste gerne auf solche. Über die Inhalte der Protestierenden wird in verschwindend geringem Ausmaß berichtet.”

3. Interview mit Andreas Strehle und Markus Eisenhut

(tagesanzeiger.ch, Peter Wälty und Michael Marti)

Die neuen Chefs der Printausgabe des Tages-Anzeigers stellen sich den kritischen Fragen der Chefs online. Res Strehle: “Wir wollen mehr Eigenleistungen bringen. Mehr Glanzlichter setzen. Der Tages-Anzeiger kann nicht mehr eine Art Protokollführer des Zeitgeschehens sein, der über alles berichtet. Wir werden mehr gewichten, mehr Schwerpunkte setzen – und damit exklusive, aussergewöhnliche Leistungen erbringen.”

4. Berliner Kurier: Überfall auf die Redaktion

(berlinonline.de)

Die Redaktion der Boulevardzeitung Berliner Kurier wurde von mehreren Vermummten überfallen. “Ohne ein Wort zu verlieren, warfen die schwarz gekleideten Männer Tische um, zerstörten Computer und Arbeitsmaterial. Verletzte gab es nicht.” Eine Bildergalerie zeigt das Ausmass der Verwüstung.

5. “Wie bitte? Was sagen die da auf der Re:publica?”

(morgenpost.de, Sonja Haase)

Die Berliner Morgenpost erklärt zur heute beginnenden re:publica’09 “Spezialbegriffe”. Gemeint sind damit “Web-Wörter” von “Alpha Blogger” über “Posten” bis “Youtube”.

6. “Dodale Verandwordung”

(focus.de, Josef Seitz)

“Können die Zeiten hart werden, wenn der Wirtschaftsminister aus Franken kommt? Egal. ‘Beckmann’ spült eh alles weich.”

Wie “Bild” Dieter Althaus halb freispricht

Aufatmen, Erleichterung in Thüringen!

Mit diesen Worten beginnt die “Bild”-Zeitung heute ihren Bericht darüber, dass der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) von einem österreichischen Gericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Das ist angesichts der vielfältigen Kritik an dem Urteil und dem schnellen Verfahren (nur “Bild” spricht davon, dass Althaus nun “endlich” Gewissheit habe), eine erstaunliche Formulierung. Sie stimmt aber natürlich, wenn man “Thüringen” für gleichbedeutend mit der thüringischen CDU hält — wie es offenbar die “Bild”-Zeitung und ihr Autor Jörg Völkerling tun.

Und so macht sich “Bild” auch gleich die Interpretation der Partei zu eigen und erklärt schlichtweg:

Seiner Rückkehr in die Landespolitik steht damit nichts im Wege.

Aber die “Bild”-Zeitung (die Althaus bereits eine erstaunliche rückwirkende Wunderheilung bescherte) hat von der CDU nicht nur Perspektive und Interpretation übernommen. Die Überschrift über dem Artikel lautet:

Althaus ist schuldig, aber nicht vorbestraft

Doch das Gegenteil ist der Fall das ist in dieser Eindeutigkeit falsch. Das Bundesjustizministerium hat inzwischen bestätigt, dass Althaus als “vorbestraft” gilt, sobald das Urteil rechtskräftig ist. In Österreich verhängte Geldstrafen würden auch ins deutsche Bundeszentralregister eingetragen. In Althaus’ Führungszeugnis wird die Strafe allerdings nicht erscheinen, weil sie gerade noch unter der Geringfügigkeitsgrenze liegt.

Die Fehlinformation stammt offenbar von Leuten, die ein Interesse daran haben, sie zu verbreiten: der CDU-Thüringen. Deren Fraktionschef Mike Mohring hatte gestern behauptet, der Ministerpräsident sei nach österreichischem Recht nicht vorbestraft. Und ihr Sprecher Heiko Senebald verkündete, mit dem Urteil sei kein Eintrag in das Strafregister verbunden.

Agenturmeldungen, die diesen Äußerungen gestern schon widersprachen, hat “Bild” ignoriert und sich ganz in den Dienst der Partei gestellt. Immerhin scheint man heute gemerkt zu haben, dass der eigene Bericht nicht haltbar ist. Bei Bild.de erschien ein Artikel, der zwar sich zwar heillos in den unterschiedlichen Vorschriften über Einträge ins Strafregister und das Führungszeugnis verheddert und eine gewagte Interpretation der “umgangssprachlichen” Bedeutung des Wortes “vorbestraft” versucht. Die Überschrift aber lautet schlicht:

Dieter Althaus vorbestraft

Mit Dank an Lars S.!

Nachtrag, 5. März. Bild.de hat den “Dieter Althaus vorbestraft”-Artikel gelöscht, warum auch immer.

Nachtrag, 23.15 Uhr. Geklärt ist nach Ansicht von “Bild” heute immerhin, dass die Frage der Vorstrafe “geklärt ist”. In der gedruckten Ausgabe heißt es:

Geklärt ist auch: Das Urteil gegen Althaus (180 Tagessätze) gilt als Vorstrafe, die auch in sein deutsches Führungszeugnis aufgenommen werden kann.

Online lautet derselbe Absatz im selben Artikel vom selben Autor so:

Geklärt ist auch: Das Urteil gegen Althaus (180 Tagessätze) wird weder in Österreich noch in Deutschland in das polizeiliche Führungszeugnis aufgenommen.

Guttenberg, Kummer, Todesspirale

Karl-Theodor zu Guttenberg: Der falsche Wilhelm (Keystone)

1. “Wilhelm II.”
(bildblog.de, spYri)
Bildblog zeigt am Tag nach dem Abschreibe-Fiasko auf, wie deutsche Medien mit ihrem Fehler umgehen, auf den bei Wikipedia eingefügten Vornamen vertraut zu haben.

2. “Falsche Behauptungen über neuen Wirtschaftsminister”
(ndr.de, Video, 4:45 Minuten)
Eine ebenso fragwürdige Rolle übernehmen Medien bei der Beschreibung des früheren Jobs des neuen Wirtschaftsministers. So schreiben viele, er sei für die Von Guttenberg GmbH in Aschheim tätig gewesen. Diese schreibt auf vonguttenberg.de: “Aufgrund nicht zutreffender Informationen (u. a. FOCUS, Tagesspiegel, Spiegel, Wikipedia u.a. basierend auf einer dpa Mitteilung) wird unser Fachgroßhandel für Trockenbau, Isoliertechnik und Dämmstoffe mit dem CSU-Generalsekretär Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg in Verbindung gebracht. Hiermit informieren wir Sie darüber, dass es sich hierbei um Fehlinformationen handelt.”

3. “Der EU sind Reporter verdächtig”
(faz.net, Michael Stabenow)
“Die Europäische Kommission warnt ihre Mitarbeiter vor Spionen. Als unbedingt verdächtig stuft sie, wie ein interner Vermerk zeigt, pauschal die Berufsgruppe der in Brüssel tätigen Journalisten ein.”

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