Vielleicht ist gestern bei “Bild” jemand ganz aufgeregt zum diensthabenden Redakteur gelaufen und hat mit sich überschlagender Stimme gerufen: “Chef! Chef! Ich hab sie! Ich hab die genauen Abstimmungsergebnisse von ‘Deutschland sucht den Superstar’! Die total geheimen Abstimmungsergebnisse, von jeder Folge! Das ist die Sensation! Darf ich’s aufschreiben? Bitte?”
Und falls Sie auch gerade ein Déjà-vu haben:
20. März 2006:
Exklusiv in BILD: So haben die Zuschauer abgestimmt
14. März 2004:
BamS liegen die geheimen Abstimmungslisten vor.
10. März 2003:
BILD liegen die geheimen Listen mit den Ergebnissen der Telefonabstimmungen aller “Superstar”-Sendungen vor.
Um also das Wort “geheim” ein bisschen zu erläutern: In vier von vier DSDS-Staffeln hat RTL die “wahren Abstimmungs-Ergebnisse” spätestens am Montag nach dem Finale veröffentlicht, heute zum Beispiel um 10.05 Uhr. Und in vier von vier Staffeln hat RTL die Ergebnisse vorher schnell noch an “Bild” oder “Bild am Sonntag” weitergereicht.
Seit geraumer Zeit kooperiert Bild.de auch mit dem Schuhdiscounter Deichmann. Neuerdings kooperiert Deichmann auch mit der Popgruppe Pussycat Dolls. Und über die Pussycat Dolls berichtet Bild.de häufiger — sei es, dass sie mit Deichmann kooperieren (und Bild.de “exklusiv die Video-Vorschau” zeigte), oder…
… auch heute wieder: Laut Bild.de war nämlich eine der Sängerinnen der Pussycat Dolls, “bislang Cheerleaderin beim legendären US-Baseballteam New York Knicks”.
Dass aber das “legendäre US-Baseballteam”New York Knicks ausgerechnet einen Basketball im Logo hat (siehe Ausriss), gibt uns zu denken.
Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.
Nachtrag, 16.30 Uhr:Bild.de hat ihren “Baseball”-Fehler durch Hinzufügen der Buchstaben k und t an der richtigen Stelle korrigiert.
Auf Bild.de steht heute, dass Ex-Fußballbundestrainer Jürgen Klinsmann “nach Informationen der BILD-Zeitung” offenbar doch Trainer des britischen Fußballclubs Chelsea London werden könnte. Weiter heißt es dort, Franz Beckenbauer habe sich in der britischen “Sun” von heute zu dem Thema geäußert:
Kaiser Franz in der “Sun”: “Er müsste aus Kalifornien nach England umziehen. Ein Klub in einer Liga mit 20 Mannschaften, die auch Weihnachten und Neujahr spielt, dazu die nationalen Cup-Wettbewerbe und die Champions League — das ist nicht aus der Ferne zu handhaben. London frisst dich auf mit Haut und Haaren. Da kann man nicht wie als deutscher Teamchef zwischendurch in Amerika ausspannen.” Beckenbauer weiter: “Zwei Jahre in Chelsea können dich genauso fertig machen wie vier Jahre bei einem anderen Klub.”
Das kommt uns irgendwie bekannt vor:
Chelsea bedeutet: Komplett-Umzug von Kalifornien nach London. Eine Liga mit 20 Klubs, Spiele am zweiten Weihnachtstag und Neujahr, mehrere nationale Pokalwettbewerbe und die Champions League. Als Zugabe noch die wenig zimperliche englische Presse. London frisst dich auf mit Haut und Haaren, da hat man keine Zeit — wie als Bundestrainer — in Amerika zu entspannen. (…) Bei den Erwartungen in Chelsea sind zwei Jahre als Trainer so aufreibend wie vier bei einem anderen Klub.
So stand’s gestern in “Bild”. “Exklusiv” aufgeschrieben von “Kaiser Franz”(siehe Ausriss). Und es sind bei Weitem nicht die einzigen Beckenbauer-Zitate aus der heutigen “Sun”, die quasi identisch sind mit dem, was Beckenbauer gestern in der “Bild”-Zeitung geschrieben hatte. Das hätte man leicht rausfinden können, denn der exklusive “Bild”-Text von Beckenbauer ist auf Bild.de sogar direkt verlinkt.
Aber offenbar zitiert man bei “Bild” lieber die “Sun” als sich selbst. Man weiß ja nie.
Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Andreas U.
Im Jahr 2006 verbrachte Angela Merkel ihren Osterurlaub auf Ischia.
Und als britische Boulevardzeitungen dies zum Anlass nahmen, Paparazzifotos der deutschen Bundeskanzlerin abzudrucken und despektierlich zu kommentieren, berichtete bekanntlich auch “Bild”:
Kein Respekt vor der Privatsphäre der Kanzlerin (…)
Zwei britische Zeitungen (“Sun”, “Daily Sports”) verhöhnen unsere Kanzlerin, drucken intime Pool-Fotos von Angela Merkel und ihrem Mann, Prof. Joachim Sauer. Heimlich aufgenommen beim Osterurlaub auf Ischia!
Es sind Aufnahmen aus dem Privatbereich, die kein Mensch von sich in der Zeitung sehen möchte. (Hervorhebungen von uns.)
In diesem Jahr verbringt Merkel wieder ihren Osterurlaub auf Ischia.
Und während Bild.de und andere (wie schon im letzten Jahr) das Ehepaar Merkel/Sauer beim bloßen Herumbummeln zeigen, druckt “Bild” heute auf Seite 2 ein großes Foto von Merkel und Sauer im Hotel-Pool. Man könnte die Aufnahme aus dem Privatbereich ein intimes Pool-Foto nennen, heimlich aufgenommen beim Osterurlaub auf Ischia — und gekauft von einer Agentur, die noch viele weitere “exklusive” Paparazzifotos von Merkel (“am Hotelpool”, “am Strand”, “gönnt sich ein Schläfchen unter Palmen”) im Angebot hat.
Im vergangenen Jahr zitierte “Bild” den Vize-Regierungssprecher Thomas Steg mit den Worten: “Auch die Bundeskanzlerin und ihr Mann haben ein Recht auf Privatsphäre!”
Und zu den aktuellen Merkel-Fotos sagte uns ein Regierungssprecher nun auf Anfrage: Es habe auf Ischia “keinen offiziellen Fototermin” mit Merkel gegeben, die Fotos seien “ohne ihr Einverständnis” gemacht und veröffentlich worden — und Merkels Urlaubsreisen “eigentlich eine private Angelegenheit”. Dennoch wird die Bundesregierung es wohl auch jetzt so handhaben wie im vergangenen Jahr, als sie “die Sache auf sich beruhen lassen” wollte (“Juristische Schritte sind nicht beabsichtigt”).
Bei “Bild” aber ist die Entscheidung, ob man sich über eine Verletzung der Privatsphäre eines Menschen empört (2006) oder die Privatsphäre selbst verletzt (2007), offensichtlich keine Frage des Respekts oder des Rechts — sondern davon abhängig, was der Redaktion gefällt.
Nachtrag, 11.4.2007: Auch der “Berliner Kurier” druckte gestern (unter der Überschrift: “Planschela Merkel: So verliebt, so glücklich — Die Sonnentage der Klima-Kanzlerin”) ein Paparazzifoto derselben Agentur von Merkel und Sauer im Pool.
Nachtrag, 13.4.2007: Und der “Stern” druckt dasselbe Foto wie “Bild” in seiner aktuellen Ausgabe (16/2007) sogar als “Bild der Woche” auf einer Doppelseite und schreibt scheinheilig dazu: “Sie hat es wieder getan. Trotz schlechter Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Trotz dreister Paparazzi-Überfälle und bösartiger Bild-Attacken vor allem in ausländischen Boulevardzeitungen. Kanzlerin ANGELA MERKEL ist über Ostern wieder nach Ischia gereist. (…)” An der grundsätzlichen Unzulässigkeit des Abdrucks ändert jedoch auch das nichts.
Am Freitag, dem 9. März, waren zwei Jungen, elf- und zwölfjährig aus Leipzig, von zu Hause ausgerissen und hatten eine Nacht bei einem 28-jährigen Berliner verbracht. Am Samstagmorgen wurden sie dort von der Polizei abgeholt. Soweit das.
Aber dies ist die Geschichte, wie “Bild” einen Mann zwei Tage lang fast seitenfüllend zu Unrecht als “Kinder-Fänger in der Unterhose” verunglimpfte — und, nachdem sich der Mann dagegen wehrte, die Schuld nicht bei sich, sondern bei anderen suchte.
Am 15. und 16. März berichtete “Bild” über einen 28-jährigen Mann (siehe Ausrisse). “Bild” nannte ihn zwar Horst Z., nannte aber auch den Berliner Stadtteil, in dem er wohnt, und garnierte beide Geschichten mit einem großen Foto von Horst Z., auf dem er nicht unkenntlich gemacht war. In beiden Artikeln behauptete “Bild”, der “Kinderfänger in der Unterhose” sei “wegen Kindesmissbrauchs” vorbestraft. Zudem erweckte “Bild” in beiden Artikeln den Eindruck, als sei den Jungen etwas Schlimmes widerfahren. So fragte sie am 15. März bereits in der Unterzeile: “Was hat er ihnen nur angetan?”
Dabei wusste man bei “Bild” schon da, dass Ärzte festgestellt hatten, dass die Jungs “körperlich unversehrt” waren. Dennoch schrieb “Bild” noch am 16. März:
Gestern berichtete BILD über Horst Z. (28), den vorbestraften Kinderfänger in der Unterhose. (…) Aber warum kam der Mann, der wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft ist, nicht gleich in den Knast?
Und der Text endet mit den Worten:
Elf Stunden hatte Horst Z. so Zeit mit den Kindern. Was in der Zeit geschah, weiß niemand…
Danach dauerte es zwei Wochen, bis “Bild” am vergangenen Freitag erneut über Horst Z. berichtete. Diesmal allerdings wesentlich weniger auffällig und in Form einer Gegendarstellung (siehe Ausriss), in der drei Dinge richtig gestellt wurden:
In der Bildzeitung vom 15. März 2007 verbreiten Sie (…) über mich die Darstellung, ich sei wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft. Das ist falsch. Ich bin nicht vorbestraft.
Sie zitieren mich wie folgt: “Später schliefen sie in meinem Bett ein. Ich habe ihnen zugeschaut, bin wohl auch eingenickt.” Dazu stelle ich fest: ich habe weiter gesagt, dass ich nicht in meinem Bett lag dabei, sondern auf einer Fitnessliege.
Zu ihrer Darstellung in der Bildzeitung vom 16. März 2007 (…), ich hätte die Jungs eine Nacht lang in meiner Wohnung gehalten, erst dann seien sie von der Polizei befreit worden, stelle ich fest: Die Jungs gingen ein und aus, auch ohne mich. Sie mussten nicht befreit werden.
“Bild” schreibt zu dieser Gegendarstellung in einer Anmerkung der Redaktion:
Horst Z. hat recht. Die Falschbehauptung über die Vorstrafe basierte auf einer falschen Pressemitteilung der Leipziger Polizei, die zwischenzeitlich zurückgezogen wurde. Die Polizei ermittelte auch gar nicht wegen der Beherbergung der beiden Ausreißer gegen Horst Z., weil es keinerlei Straftaten gab.
Also alles die Schuld der Leipziger Polizei?
Nicht wirklich. Zwar hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei vom 13. März tatsächlich, dass Horst Z. wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft sei. Doch dass den Jungen nichts passiert war, ließ sich ihr auch deutlich entnehmen. So hieß es darin:
Umgehend wurden die Berliner Kollegen informiert, die die zwei Kinder am Samstagmorgen wohlbehalten aus der Wohnung des “Mitreisenden” herausholten. (…) Laut eigenen Aussagen wurde den Kindern kein Leid zugefügt.
Außerdem habe die Leipziger Polizei, so eine Sprecherin zu BILDblog, bereits am 14. März, also einen Tag vor dem ersten “Bild”-Artikel, die Pressemitteilung zurückgezogen, in der Horst Z. als wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft bezeichnet worden war. Zugleich habe man die Medien über den Fehler informiert.
Die “Bild”-Zeitung hielt das nicht von ihrer falschen und verunglimpfenden “Exklusiv-Story” ab. Sie muss nach unseren Informationen ein erhebliches Schmerzensgeld an Horst Z. zahlen.
Es ist doch wirklich wie verhext mit “Bild”: Da kramt man aus aktuellem Anlass irgendeine Monate alte “Bild”-Meldung aus dem Archiv — und prompt ist auch die falsch.
War doch am 6. Januar (zwei Tage, nachdem “Bild”, ähm, “das Informationsinteresse der Öffentlichkeit” am “Januar-Reise-Angebot” von Aldi mit einer “einwandfreien journalistischen Arbeit” befriedigt hatte) auf der Titelseite Folgendes zu lesen:
Die ALDI-Reisen sind der Renner! Über eine Million Deutsche buchten am ersten Tag (…). (Hervorhebung von uns.)
Wo auch immer “Bild” diese immense Bucher-Zahl her hatte — nicht mal in einer Pressemitteilung des “ALDI-Reisen-Exklusivpartners Berge & Meer” vom 5. Januar war davon die Rede. Stattdessen hieß es dort bloß:
Mehr als eine Million Internet-Zugriffe (…) innerhalb der ersten Buchungsstunden sorgten für einen erfolgreichen Start bei ALDI-Reisen. (Hervorhebung von uns.)
Auf Bild.de gibt es ja inzwischen auch Videos. “Top-Videos” heißen die. Es handelt sich dabei in der Regel um Bewegtbilder verschiedener Nachrichtenagenturen, die von Bild.de neu betextet werden. Wenn beispielsweise Michael Jackson nach Japan geflogen ist und die Agentur AP bei seiner Ankunft in Tokio mit der Kamera dabei war, dann hört man bei Bild.de mit Quellenangabe “Quelle: AP” anschließend, Jackson sei nach Japan geflogen, “um seinen Nippon-Freunden die Yens aus der Tasche zu ziehen”. Und weiter:
Für (…) umgerechnet 2700 Euro pro Person durften sich die Fans auf Jackos Meet-and-Greet-Party ganze 30 Sekunden lang mit ihrem Idol unterhalten und ablichten lassen.
Besonders dumm an diesem Bild.de-Bericht ist allerdings, dass selbst die “Quelle: AP” korrekterweise zu berichten weiß, dass die Jackson-Party noch gar nicht stattgefunden hat, sondern erst am kommenden Donnerstag stattfinden soll.
Andererseits: Ab kommenden Freitag stimmt’s ja dann.
Am 19.1.2007 (also ausgerechnet wenige Tage vor einer wichtigen parteiinternen Wahl) stellte die “Bild”-Zeitung in einer kleinen “BILD-Exklusiv-Story” über den brandenburgischen CDU-Politiker Sven Petke die Frage: “Ist Petke ein Raffke?” Und schaut man sich den damaligen “Bild”-Artikel [pdf] an, hat man den Eindruck, “Bild” beantworte die Raffke-Frage mit einem klaren Ja. Aber das war offenbar ein Fehler.
Nach Lektüre der heutigen Gegendarstellung Petkes zum damaligen “Bild”-Artikel nämlich ist der Eindruck, den “Bild” erweckt, plötzlich ein ganz anderer, geradezu gegenteiliger. Denn Petke nennt fast alles, was “Bild” ihm damals vorwarf, “unzutreffende Darstellungen” — und in einer “Anmerkung der Redaktion” fügt “Bild” nur hinzu:
Gestern begann in Berlin der Prozess gegen den 17-Jährigen Mike P., dem vorgeworfen wird, bei der Eröffnungsfeier des Berliner Hauptbahnhofs im vergangenen Mai, 37 Menschen mit einem Messer verletzt zu haben. “Bild” berichtet heute über den Prozessauftakt.
Dabei zeigt “Bild” ein Foto des Minderjährigen, das sie im Mai vergangenen Jahres schon einmal gedruckt hatte (da allerdings mit einer anderen Unterzeile als heute). Das Foto ist zwar mit einem schwarzen Balken versehen, allerdings ist der so klein ausgefallen, dass auch entfernte Bekannte von Mike P. wohl keine größeren Schwierigkeiten haben dürften, ihn zu identifizieren*.
Außerdem hat “Bild” unter der Vielzahl von möglichen Überschriften für die Geschichte ausgerechnet diese gewählt:
Das ist mindestens irreführend. Denn der Anwalt des Angeklagten hat bereits angekündigt, dass dieser sich entschuldigen werde. Das weiß auch “Bild” und schreibt:
Anwalt Hedrich sagt: “Mike wird sich bei den Opfern entschuldigen.”
Und während andereMediendemnochhinzufügen, dass der Anwalt auch gesagt hat, dass das Geschehen seinem Mandanten “selbstverständlich leid” tue, schreibt “Bild” über Mike P.:
Doch drinnen kommt kein Wort über dessen Lippen.
Das mag sein. Aber erstens sollte es natürlich Mike P. selbst überlassen sein, den Zeitpunkt für seine Entschuldigung zu wählen. Und zweitens unterschlägt “Bild”, dass er sich schon einmalentschuldigt hat. Dabei weiß sie das ganz genau. Fünf Tage nach dem Amoklauf druckte “Bild” nämlich ein “Exklusiv-Interview mit dem Anwalt des Amokstechers”, in dem es hieß:
BILD Wie denkt Mike P. über die Tat?
Herbert Hedrich: “Er bereut die Geschehnisse zutiefst. Läßt durch mich ausrichten, daß er sich bei allen Opfern und deren Familien entschuldigt. Auch für die schwere Zeit, die sie mit der Aids-Gefahr durchleben müssen.”
Mit Dank an Holger E. für den sachdienlichen Hinweis.
(1) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz.