Die “Bild”-Zeitung wird den rheinland-pfälzischen Bundestagsabgeordneten Gert Winkelmeier nicht mehr “Puff-Politiker” nennen. Sie gab am vergangenen Freitag eine entsprechende Unterlassungserklärung ab. Alle ArtikelüberWinkelmeier sind inzwischen aus dem Angebot von Bild.de entfernt worden.
Winkelmeier wurde vor rund zehn Jahren Miteigentümer eines Hauses in Neuwied. Zu den Mietern gehörten unter anderem auch Prostituierte, die dort ihrer Arbeit nachgingen. Nachdem die Rhein-Zeitung darüber berichtet hatte, griff “Bild” den Fall groß auf. Drei Tage in Folge berichtete das Blatt — an jedem Tag stand das Wort “Puff-Politiker” in der Überschrift, meist noch mehrere Male im Artikel selbst.
Dass das unzulässig ist, stehe außer Frage, sagt uns Winkelmeiers Anwalt Jony Eisenberg. Nicht nur, weil dem Politiker keineswegs vorgeworfen werde, selbst als Zuhälter gearbeitet oder das Bordell betrieben zu haben. Sondern auch, weil es sich um eine unzulässige “Schmähung” handele, mit dem Ziel, den Mann verächtlich zu machen. Offensichtlich sei das auch “Bild” bewusst gewesen – das Blatt habe nach einer Abmahnung die Unterlassungserklärung abgegeben, ohne dass ein Gerichtsurteil nötig gewesen sei.
Die “Bild”-Zeitung darf Winkelmeier, der inzwischen die Fraktion der Linkspartei verlassen hat, also nicht mehr “Puff-Politiker” nennen. Aber sie war ja ohnehin mit ihm fertig.
Es gibt Dinge, die sind fast total sicher. Dass an Silvester “Dinner for One” läuft zum Beispiel. Kann man drauf wetten. Da muss man nicht immer mit so komischen Möglichkeitsformen arbeiten, wenn man drüber schreibt.
Und dann gibt es Dinge, die sind nicht so sicher. Sondern nur wahrscheinlich. Oder nur möglich. Oder nicht ganz ausgeschlossen. Dass es an Weihnachten regnen wird zum Beispiel. Tja: Wer weiß? Besser vorsichtig formulieren. Mit “könnte” und “vielleicht” und so.
Gute Zeitungen erkennt man unter anderem daran, dass sie einem helfen, das Sichere von dem Möglichen zu unterscheiden. Dann testen wir das mal an diesem Artikel aus der “Bild”-Zeitung vom 11. November 2005:
Brasilien will nach Castrop-Rauxel
(…) BILD erfuhr, wo Brasilien wirklich sein WM-Quartier aufschlägt:
Man höre und staune – in CASTROP-RAUXEL. (…)
Ein Sprecher von Brasiliens Fußball-Verband bestätigte:
“Wir machen definitiv in der Nähe von Dortmund Quartier. Von dort haben wir das lukrativste Angebot bekommen.” (…)
Auch er nimmt Quartier in Castrop-Rauxel: Brasiliens Ronaldinho.
Das fällt in die Kategorie “völlig sicher”, oder? Die “Bild”-Meldung machte die Runde, auch wenn manche Medien sie wohlweislich relativierten. Bei ARD.de formulierte man vorsichtig: “Glaubt man der Bildzeitung dann dürfen sie in Castrop Rauxel schon bald Samba tanzen vor Freude” — und trug einige Zweifel an der Richtigkeit der Meldung zusammen. In der “WAZ” dementierten Sprecher des Hotels, dass schon etwas beschlossen sei. Und die “Süddeutsche Zeitung” zitierte den brasilianischen Trainer Parreira drei Wochen später mit den Worten, Castrop-Rauxel sei nur “eine Option von vielen”. Ja: könnte, würde, vielleicht — laaaangweilig.
“Bild” hatte in der Zwischenzeit schon andere wichtige Dinge am angeblich sicheren Quartiersort recherchiert. Zum Beispiel, dass es dort ein Bordell gebe, ein “Sex-Sterne-Laden”:
Eintritt 50 Euro. Die Liebes-Luder verlangen bis zu 150 Euro. Für die WM wird ihr Kader vergrößert (von 18 auf ca. 40). An WM-Top-Zuschlag wird gedacht.
Die dralle Elsa: “Dafür gibt’s aber auch brasilianische Wochen mit Caipi und Spezial-Buffet.”
Machen wir es kurz: Brasilien macht nicht in Castrop-Rauxel Quartier, sondern in Königstein und Bergisch Gladbach. Und als Bild.de vergangene Woche von der Entscheidung gegen Castrop-Rauxel erfuhr, stand dort:
Noch vor ein paar Wochen hieß es, die WM-Mannschaft werde sich in einem 4-Sterne-Hotel in Castrop-Rauxel (NRW) einquartieren.
Ja, so hieß es noch vor ein paar Wochen. In “Bild” und anderen Medien, die “Bild” glaubten.
In seiner aktuellen Ausgabe (S. 129) berichtet nun auch der “Focus” über die Hintergründe dessen, was “Bild” kürzlich auf ihrer Titelseite “Deutschlands perverseste Wette” nannte und als Einfall einer Schülerin ausgegebenhatte, die gemeinsam mit einer Freundin herausfinden wollte, wer an einem Tag “mehr Männer in die Kiste” bekomme.
Laut “Focus” handelte es sich bei der Aktion jedoch “um einen cleveren PR-Gag“: Armin Lobscheid, Chef des Kölner Bordells “Pascha”, in dem die “Sexwette” stattfand, habe im Vorfeld für deren “publizistische Begleitung” (O-Ton Lobscheid) gesorgt und verschiedenen Medien einen entsprechenden “Themenvorschlag” gemacht. Weiter heißt es:
“Der Kölner ‘Express’ und das RTL-Magazin ‘extra’ hatten wegen ‘zu viel Hardcore’ abgewinkt. ‘Bild’ dagegen signalisierte erfreut Zustimmung, erst in der Kölner Redaktion, dann die Kettwiger NRW-Zentrale, schließlich die Chefredaktion in Hamburg.
So kooperierte Europas größtes Boulevardblatt exklusiv mit Europas größtem Puff.”
Zusammenfassend nennt der “Focus” die Kooperation (die “der Leserschaft allerdings verborgen” blieb) “eine Art Notgemeinschaft gegen Auflagenschwund und Freierabstinenz”, die “Bild” immerhin eine verkaufte Auflage von “deutlich über vier Millionen Exemplaren” beschert habe…
In Deutschland finden regelmäßig sogenannte “Gang-Bang-Partys” statt, auf denen einzelne Frauen mit vielen Männern Geschlechtsverkehr haben. Oft werden diese Ereignisse gefilmt oder fotografiert und als Pornos kommerziell verwertet. Bordelle werben mit besonders extremen Veranstaltungen solcher Art für sich. Für sie ist es ein Geschäft wie jedes andere.
Warum die “Bild”-Zeitung in dieser Woche über eine solche Aktion in großerAufmachung und in einer Form berichtete, die das beteiligte Bordell und die veranstaltende Szene als Werbung für sich verstehen, konnten und können wir nicht beantworten. Immer deutlicher wird aber, dass die “Bild”-Artikel eine Reihe von Ungereimtheiten enthalten. “Bild” erzählt die Geschichte als spontane Wette zweier Freundinnen. In ihrer vorgeblichen Empörung (“Deutschlands perverseste Wette”) verharmlost die Zeitung dadurch den Charakter der Ereignisse.
“Was ist das nur für ein Mädchen, das mit 64 Männern schläft”, fragt “Bild” und vergisst ein paar Details. Zum Beispiel jenes, dass Nathalie (in der Szene auch als “Nathi” bekannt) häufiger zu ähnlichen Parties einlädt, bei denen man für 100 Euro das Recht bekommt, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Oder jenes, dass Nathalie auch auf der Seite des Bordells, in dem die angebliche “Sex-Wette” ausgetragen wurde, ihre Dienste anbietet. Alles spricht dafür, dass Nathalie dieses Geschäft quasi-professionell betreibt und in Zukunft von der Aufmerksamkeit, die “Bild” ihr beschert, erheblich profitieren dürfte. Diesen Werbeeffekt allein kann man “Bild” vielleicht nicht vorwerfen, weil er ein möglicher Nebeneffekt jeder journalistischen Arbeit ist. Vorwerfen muss man der “Bild”-Zeitung aber, dass sie den kommerziellen und quasi-professionellen Hintergrund der “Orgie” komplett verschweigt. Stattdessen druckt das Blatt ein Foto von Nathalie “mit ihren Kuscheltieren” und den Satz: “Ein bißchen nachdenklich ist sie schon geworden. Aber die Sexaktion bereut sie nicht”.
“Bild” behauptet, die beiden Frauen hätten 150 Euro gezahlt für die Miete der Zimmer im Bordell. Ein Mitarbeiter erzählt aber, dass sie “natürlich” nichts dafür zahlen mussten (mal abgesehen davon, dass der in “Bild” angegebene Zimmerpreis nicht stimme). Vieles deutet darauf hin, dass das Bordell auch die Kosten für die Sexpartner, die jeweils 50 Euro für ihre Teilnahme erhielten, übernommen hat. Zudem hatte das Bordell die Werbung im Vorfeld und die Organisation der Veranstaltung übernommen. “Bild” behauptet auch, Nathalie gehe aufs “Brüggemann-Berufskolleg” in Dortmund. Ein solches Kolleg gibt es nicht, möglicherweise meint “Bild” ein Kolleg im “Brügmann-Block”. (Eine Anfrage dazu von uns an “Bild” blieb unbeantwortet.)
Und dann ist da noch die Sache mit der Zahl der Geschlechtspartner. Ein Leser, der sich über die unterschiedlichen Angaben in “Bild” und auf Bild.de gewundert hat, schrieb deshalb an “Bild” und erhielt vom “Leserservice” folgende Antwort:
Es handelt sich durchaus nicht um einen Fehler! Während die Ausgabe mit der Angabe “64” bereits gedruckt und ausgeliefert war, hatten wir neue Informationen erhalten und die Zahl entsprechend reagiert [sic]. Womit wir eindrucksvoll bewiésen haben, wie aktuell BILD ist!
Bei dieser Antwort handelt es sich durchaus um einen Fehler! Tatsächlich war die Ausgabe mit der Angabe “100” die erste, die gedruckt wurde. Erst später korrigierte “Bild” die Zahl nach unten. Wenn man sich die Flyer ansieht, mit denen das Bordell für das “fucking race” wirbt, ahnt man, was wirklich dahinterstecken könnte: Der “Wettbewerb” sollte bis 24 Uhr laufen. Die Vermutung liegt nahe, dass “Bild” einfach schon einmal, als die Veranstaltung noch gar nicht beendet war, irgendeine Zahl hingeschrieben hat.
Übrigens: Wie gut die Berichterstattung in “Bild” als kommerzielle Werbung für die “Gang-Bang-Szene” funktioniert, obwohl “Bild” den Namen des Bordells nicht nennt, sieht man auf den “News”-Seiten des künftigen Schwestersenders Sat.1. Dort wird die “Bild”-Geschichte übernommen und mit den nötigen Links zu den Veranstaltern ergänzt.
Es klingt wie ein Werbegeschichte für ein Bordell. Oder wie ausgeklügelte PR für einen Hardcore-Porno: Zwei junge Frauen sollen darum gewettet haben, welche von ihnen es schafft, in einem Bordell in Köln innerhalb eines Tages mit mehr Männern zu schlafen. “Bild” nennt es “Deutschlands perverseste Wette” und macht sie zum Aufmacher auf Seite 1.
2000 Männer sollen laut “Bild” Schlange gestanden haben; jedem Geschlechtspartner boten die Frauen 50 Euro. Die “Schülerin” und die “Hausfrau” müssen mehrere Tausend (!) Euro investiert haben. Schließlich soll eine von beiden einen Schwächeanfall erlitten und das Experiment beendet haben.
Was steckt hinter dieser Geschichte? Anscheinend keine Porno- oder Puff-Werbung, sondern tatsächlich die Aktion zweier Frauen, die — nach Angaben des beteiligten Bordells, das den Artikel sofort stolz auf seine Homepage gestellt hat — seit Jahren in der “Swinger- und Gangbang-Szene” unterwegs sind. Durch Zufall habe ein “Bild”-Redakteur eine E-Mail bekommen, mit der die beiden Frauen ihre Aktion in diesen Kreisen bekannt machte.
Die Familiengeschichte des 19-jährigen Mädchens, die den Wettbewerb “gewann”, klingt eher tragisch. Mit der “Bild”-Zeitung sei abgesprochen worden, Privates aus der Berichterstattung herauszuhalten, heißt es im Bordell. “Bild” übe aber jetzt erheblichen Druck aus.
Womöglich eine ganz alltägliche Boulevardzeitungs- Geschichte, auf die jetzt diverse Fernsehsender aufspringen.
Ungewöhnlich ist jedoch, dass sie in zwei Versionen heute in “Bild” zu lesen ist. Zunächst war die Rede von 100 Männern. In späteren Ausgaben der Zeitung (und am frühen Morgen bei Bild.de) waren es plötzlich nur noch 64. Auf unsere Frage, was hinter dieser Änderung steckt, erhielten wir von “Bild” keine Antwort. Der Bordellbetreiber sagt, die richtige Zahl laute weder 100, noch 64, sondern 56.
Macht das einen Unterschied? Ja. Weil nur eine Zahl stimmt.
“Die Zeit” berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe unter dem Titel “Zum Abschuss freigegeben” über Menschen, die zu “Medienopfern” werden. Es geht — natürlich — auch um “Bild”, unter anderem um Friedrich F.:
Friedrich F., 53 Jahre alt. Der gebürtige Bayer lebt seit geraumer Zeit in Thailand, in einem kleinen Bungalow im Urlauberparadies Pattaya. (…)
Vergangenen Sommer ist der Deutsche in seinem Bungalow von zwei Unbekannten überfallen und ausgeraubt worden. Das Opfer wurde dabei verprügelt, das Gesicht war voller Blutergüsse und Schwellungen. Als Friedrich F. zur Polizeistation kam, sei da “ein Haufen Reporter” gewesen. Keiner habe mit ihm gesprochen, sagt er, aber es seien Fotos von seinem zerschundenen Gesicht gemacht worden. Eines davon fand den Weg zur Bild-Zeitung. Und die kolportierte eine passende Geschichte dazu, Überschrift: Thai-Hure boxt deutschen Sex-Tourist k. o. Im Text heißt es, “Geschäftsmann Friedrich F.” habe “ein Thai-Mädchen” engagiert und ihr “viel Geld für ein privates Pornovideo” versprochen. Nach dem Sex habe F. nicht zahlen wollen. Wie von Sinnen habe dann “die Hure” auf ihn eingeschlagen. “Vergeblich versuchten andere Prostituierte und die Bordellchefin dazwischenzugehen.” In das Foto mit F.s malträtiertem Gesicht hat Bild noch vier spärlich bekleidete thailändische Prostituierte im Hintergrund montiert.
Die Mutter von Friedrich F. in Bayern hatte den Bericht als Erste entdeckt. Ihr fiel niemand anderes ein als Günter Wallraff, an den sie sich wenden konnte. Der vermittelte den Hamburger Anwalt Helmuth Jipp. Eine Unterlassungserklärung habe Bild schon abgegeben, sagt er, nun wolle er noch auf Widerruf klagen und ein Schmerzensgeld von 30.000 Euro für seinen Mandanten erstreiten. Das Landgericht Hamburg hat Friedrich F. dafür Prozesskostenhilfe bewilligt — was das Gericht nicht getan hätte, hielte es die Klage für aussichtslos. (…) Zur Stützung [der eigenen] Version hat Bild inzwischen einen Journalisten für eine “Nachrecherche” nach Thailand geschickt; er soll belegen, dass sich alles so, wie beschrieben, oder zumindest so ähnlich zugetragen habe. Dabei behält Bild sich vor, die Kosten der Recherche bei F. mittels einer “Widerklage” einzutreiben. Opferanwalt Jipp weist darauf hin, dass die umstrittenen Filme von der örtlichen Polizei bislang nicht gefunden wurden, auch sei das gegen F. eingeleitete Verfahren mittlerweile eingestellt worden. “Die Filme gibt es nicht.”
Chefredakteur der “Zeit” ist übrigens Giovanni di Lorenzo, über dessen Privatleben “Bild” gestern reinzufällig groß und faktenarm auf Seite 1 berichtete.
Nachtrag, 10. Juni: Giovanni di Lorenzo hat nach Informationen von fairpress.biz vor Gericht durchgesetzt, dass “Bild” nicht über seine angebliche Beziehung berichten darf.