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Angstmacher Seehofer, Wahlumfrage, Das Quaken der toten Ente

1. “Seehofer befeuert Misstrauen und Ängste”
(donaukurier.de, Klaus Meier)
Innenminister Horst Seehofer hat in einem Interview behauptet, es gäbe immer mehr Falschmeldungen. Die meisten Fake News würden seiner Ansicht nach in Deutschland produziert werden. Dem widerspricht der Eichstätter Journalismus-Professor Klaus Meier: “Horst Seehofer befeuert das Misstrauen und die Ängste von etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland, die der Propaganda der Rechten aufsitzen und denken, sie würden permanent manipuliert. Das ist für eine informierte und diskursive Öffentlichkeit nicht hilfreich, ohne die die Demokratie nicht atmen kann.”
Weiterer Lesehinweis: Auch der Vorsitzende des “Deutschen Journalisten Verbands” ist über die Aussagen Seehofers empört: “Ausgerechnet der Minister, der kraft seines Amtes die Grundwerte der Verfassung schützen soll, stellt die Pressefreiheit auf den Kopf, indem er uns Journalisten vorsätzliche Falschmeldungen unterstellt — unglaublich!” (djv.de, Hendrik Zörner)

2. „Heute“ und die Tiefen des „guten Boulevards“
(kobuk.at, Hans Kirchmeyr)
Das österreichische Gratisblatt “Heute” machte mit der Aufsehen erregenden Meldung auf, nach der eine 91-jährige “Oma” von einem Flüchtling vergewaltigt worden sei. Dabei handelte es sich jedoch um eine Falschmeldung, wie das Blatt in einem Anhang eingestehen musste. Hans Kirchmeyer lobt das Blatt für seine transparente Dokumentation, es sei jedoch ein erheblicher Schaden angerichtet worden: “Kaum ein Leser kehrt zurück und liest die kleine Korrektur ganz am Ende des Artikels. Und in den “sozialen” Medien quakt die Ente untot weiter.”

3. Muss man bei der WM zu viele bittere Pillen schlucken, Frau Freitag?
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
“Planet Interview”-Macher Jakob Buhre hat sich mit der Vorsitzenden des Sportausschusses Dagmar Freitag (SPD) unterhalten. In dem Gespräch geht es u.a. über die laufende WM, den Zwang, die FIFA zu finanzieren, die Verbindung von Coca-Cola und Sport und den Umgang des DFB mit der Trikot-Affäre.
Weiterer Lesehinweis, ebenfalls bei “Planet Interview”: das Gespräch mit Markus Harm, dem Sportpolitik- und FIFA-Experten des ZDF: Die Fußball-WM ist ein Corporate Event, es geht fast nur noch um Geld.

4. CSU bundesweit bei 18 Prozent?
(faktenfinder.tagesschau.de, Konstantin Kumpfmüller)
Würde die CSU bei bundesweiten Neuwahlen wirklich bei 18 Prozent liegen, wie “Bild” unter Berufung auf eine Umfrage des INSA-Instituts berichtete? Daran bestehen Zweifel, auch weil die Fragestellung problematisch ist. Heiko Gothe vom Meinungsforschungsinstitut Infratest kritisiert die Frage nicht nur wegen ihres Framings, sondern auch ganz grundsätzlich: “Mit der Abfrage von Parteien, die bisher im jeweiligen Wahlgebiet gar nicht wählbar sind und mit denen die befragten Personen gar keine Erfahrung haben, wird der hypothetische Charakter massiv gesteigert und die Befragten letztlich überfordert.”
Weiterer Lesehinweis: Keine eindeutige Mehrheit für CSU-Politik – Spiegel online interpretiert das aber anders (stefan-fries.com)

5. 18 Wege, über die dich Facebook trackt und verfolgt
(basicthinking.de, Christian Erxleben)
Vielen ist bekannt, dass Facebook seine Nutzer trackt, analysiert und verfolgt. Wie ausgeklügelt Facebooks Tracking-Verhalten funktioniert, zeigt ein 225-seitiges PDF-Dokument mit Antworten an den US-Kongress. Danach gebe es 18 Methoden und Verhaltensweisen, über die das Netzwerk seine Nutzer ausspäht. Das reicht von technischen Daten, wie dem Batteriestand des Geräts und den installierten Plugins, bis hin zu Mausbewegungen und Einkäufen.

6. “Guten Tag, bin ich da in der Sportredaktion?”
(spiegel.de)
Als ZDF-Redakteurin Claudia Neumann im deutschen Fernsehen ein WM-Spiel kommentierte, gab es wütende Reaktionen in den sozialen Medien. Einige (männliche) Zuschauer können es anscheinend nicht ertragen, wenn eine Frau als Sportreporterin arbeitet. Das ZDF berichtete von “Hass, Häme und Beleidigungen”. Ein Einzelfall? “Spiegel Online” hat Sportjournalistinnen nach ihren Erfahrungen gefragt. Und die erzählen u.a. von Vorhaltungen, Vorurteilen und blöden Kommentaren.

7. Leserbrief an den FAZ-Herausgeber Holger Steltzner
(facebook.com, Lorenz Meyer)
Außerhalb der 6-vor-9-Zählweise, weil aus der Feder des Kurators: Ein Leserbrief an den “FAZ”-Herausgeber Holger Steltzner wegen dessen Behauptungen zur Asyl- und Flüchtlingspolitik. “Ich ärgere mich gerade über Ihren Beitrag, weil er verzerrt, mit Unwahrheiten operiert und das gesellschaftliche Klima vergiftet.”

Zensurmaschine EU, Themensetzung bei Talkshows, NR-Leuchtturm-Preis

1. “Diese Upload-Filter wären regelrechte Zensurmaschinen”
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Es ist soweit: Heute stimmt die EU über die Reform des europäischen Urheberrechts und damit auch über die umstrittenen Upload-Filter ab. Kern des dafür einschlägigen neuen Artikel 13: Online-Plattformen wie Youtube und Facebook sollen bereits im Moment des Uploads für etwaige Urheberrechtsverstöße ihrer Nutzer haften. Dem können sich die Plattformen nur entziehen, wenn sie Upload-Filter installieren, die jede Datei auf urheberrechtliche Unbedenklichkeit prüfen. Simon Hurtz hat sich mit der Europapolitikerin und Urheberrechts-Spezialistin Julia Reda unterhalten, die in der Regelung eine Gefährdung des freien Netzes sieht.
Weil es heute ein wichtiges Thema ist, hier drei weitere einschlägige Beiträge:
EU kopiert erfolgloses deutsches Gesetz (deutschlandfunk.de, Thomas Otto im Gespräch mit Isabelle Klein)
Lobbying für Leistungsschutzrecht: Günther Oettingers Doktrin (taz.de, Anne Fromm & Daniel Bouhs)
Die zehn Mythen des Leistungsschutzrechts (golem.de, Friedhelm Greis)

2. “Was bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen”
(spiegel.de)
Wenn Frauen (Männer)Fußball kommentieren, scheint bei einigen Männern alles auszusetzen. Das lässt sich auf unschöne Weise am Beispiel der Fußball-Kommentatorin des ZDF Claudia Neumann zeigen, die im Netz auf übelste Weise angegangen wird.

3. Leuchtturm-Preis 2018 für MeToo-Rechercheteam der ZEIT
(netzwerkrecherche.org)
Der “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen” des “Netzwerk Recherche” geht in diesem Jahr an das MeToo-Rechercheteam der “Zeit”. Damit würdigt der Verein die Recherchen und Veröffentlichungen zur Affäre um Dieter Wedel. Die Vorsitzende von “Netzwerk Recherche”, Julia Stein: “Es ist den Autorinnen und Autoren der ZEIT zu verdanken, dass mit ihrer Recherche ein altes Wertesystem ins Wanken geraten ist: Was an Sexismus und bisweilen sogar an Despotismus lange hingenommen wurde, darf nun nicht mehr sein.”
Weiterer Lesehinweis der Vollständigkeit halber: Das Sternchen-System: Thomas Fischers Zeit-kritische Anmerkungen zum Medien-“Tribunal” gegen Dieter Wedel (meedia, Thomas Fischer vom 29.01.2018)

4. Abmahnungen bei Creative Commons: Wer, Warum, Was tun?
(irights.info, Paul Klimpel)
Manche Nutzer greifen zur Bebilderung ihrer Beiträge auf freie Inhalte zurück, die mit einer Creative-Commons-Lizenz versehen sind und erleben ihr blaues Wunder, wenn eine Abmahnung des Lizenzgebers bei ihnen eintrudelt. Der Rechtsanwalt Paul Klimpel erklärt die Thematik und gibt konkrete Tipps, worauf zu achten ist.

5. Großteil der Nothilfe für türkische Journalisten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Passend zum Weltflüchtlingstag hat “Reporter ohne Grenzen” veröffentlicht, wofür der Großteil der Nothilfe verwendet wurde: Für 111 verfolgte Journalisten, von denen 58 im Exil leben müssen. In einem Zweiminuten-Video stellt “Reporter ohne Grenzen” einige der betroffenen Journalisten vor. Lohnenswert, weil aus den abstrakten Zahlen plötzlich Gesichter werden.

6. Die Flüchtlinge waren nur eine Phase
(zeit.de, Theresa Krinninger, Carolin Ströbele, Julius Tröger, Andreas Loos und Alsino Skowronnek)
In letzter Zeit hatten viele den Eindruck, dass deutsche Talkshows von Flüchtlingsdebatten dominiert werden. “Zeit Online” hat sich an die Fleißaufgabe gemacht, die Themen und Quoten von 900 Sendungen auszuwerten: “Die überraschendste Erkenntnis war, dass 2017 und im ersten Halbjahr 2018 die Themen Islam, Flüchtlinge, Integration und Terrorismus eher unterrepräsentiert waren. Insofern trifft der Vorwurf die deutschen Talkerinnen und Talker zumindest zum falschen Zeitpunkt.”

Man muss jedoch erwähnen, dass sich die Rechercheure nach eigener Aussage bei der Zuordnung und Kategorisierung der Sendungen nur an den Sendungstiteln und nicht an den tatsächlichen Inhalten und/oder Teildebatten orientiert haben. Diese Überschneidungen könnten das statistische Ergebnis sicher verändern und das subjektive Empfinden mancher Zuschauer in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Meisterwerk, Sendungsboykott?, Neandertal-Magazin “Mann.TV”

1. Alles eine Frage der Perspektive
(faz.net, Ursula Scheer)
Es war eines der meistgeteilten Bilder in den Social-Media-Kanälen der letzten Zeit: Das ikonische Bild vom G7-Gipfel, bei dem Angela Merkel als Zentralgestalt auf einen bockig wirkenden Donald Trump mit verschränkten Armen traf. Ursula Scheer deutet das Bild in seinen verschiedenen Aspekten und vergleicht es mit den Fotos anderer Delegationen. Jedes der Bilder würde eine andere Geschichte erzählen, aber keines sei so perfekt fotografiert wie das des deutschen Fotografen Jesco Denzel: „In seiner Aufnahme scheint das Unbehagen der Weltgemeinschaft – und auch die wachsende Ratlosigkeit – gegenüber Trumps Alleingängen zu einer Szene zu gefrieren, die man, einmal gesehen, nicht mehr vergisst. Seinen Standpunkt hat er mit Bedacht gewählt – wie seine Kollegen auch. Ist das schon Manipulation,? Es ist eine Perspektive. Es gibt mehrere. Es ist immer gut, möglichst viele zu sehen. Aber diese Aufnahme gehört schon jetzt zu den ikonischen Trump- und Merkel-Bildern.“

2. Seppelt kritisiert russische Journalisten
(journalist-magazin.de, René Martens)
Spätestens seit Hajo Seppelts ARD-Doku “Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht” gilt der Sportjournalist in Russland als „unerwünschte Person“. Nur nach einigem Hin und Her wurde ihm das zuvor verweigerte Visum für die Fußball-WM ausgestellt. Doch Seppelt hat es nicht nur mit Anfeindungen von staatlichen Stellen zu tun, auch russische Journalisten lassen ihn ihre Antipathie spüren.

3. ARD-Sportchef hat ein Problem mit kritischen Journalisten
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der hauptamtliche Sport-Koordinator der ARD Axel Balkausky hat anscheinend ein Problem mit kritischen Journalisten wie Daniel Bouhs. Das könnte man jedenfalls denken, denn Balkausky boykottiert Sendungen, in denen auch Bouhs vertreten ist. Der Grund könnte eine kritische Berichterstattung über Nebentätigkeiten von Sportjournalisten sein, die einen Interessenkonflikt befürchten lassen. Der Sportchef dementiert: „Es gibt keinen Sendungsboykott.“ Von ihm stammende Mails lassen jedoch anderes vermuten.
Update 09:02 Uhr: Daniel Bouhs hat auf Facebook eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er sich zur derzeit herrschenden Funkstille äußert (“Von mir aus können wir das gerne wieder ändern”).

4. Das Ende von Indie
(stuttgarter-zeitung.de, Ingmar Volkmann)
Ingmar Volkmann hat den Verleger und Veranstalter Matthias Hörstmann in dessen Kölner Stadtvilla besucht. Hörstmann hatte kürzlich das Aus des Musikmagazins “Intro” verkündet. Es ist ein lesenswerter Bericht über einen schillernden Unternehmer, der auf mehreren Arbeitsfeldern gleichzeitig aktiv ist. Seine Fehlentscheidungen? „Im Nachhinein war der Verkauf der ,11 Freunde‘-Anteile an Gruner + Jahr vielleicht ein Fehler. Für mich war die Geschäftsbeziehung als Joint Venture angelegt, das wurde aber nie so gelebt“.

5. Satiriker*innen sollen nicht klauen
(taz.de, Peter Weissenburger)
Das „Zentrum für Politische Schönheit“ hat ein falsches Facebook-Profils des Maischberger-Redaktionsleiters angelegt, um damit die Falschmeldung hinauszuposaunen, Maischberger habe den AfD-Chef Gauland ausgeladen. Das hat insofern auch funktioniert, denn mehrere Zeitungen fielen drauf rein und verbreiteten die Falschmeldung. Nun geht die Redaktion anwaltlich gegen die Polit-Aktivisten vor.

6. Bier, Titten, Clickbait: Mann.TV zeigt, wie traurig es sein muss, einen Penis zu haben
(vice.com, Lisa Ludwig)
Lisa Ludwig hat sich in die Welt eines testosterongetränkten Online-Magazins für Männer gewagt, das an manchen Stellen wie eine dumpfe Blut-und-Hoden-Parodie auf eine Pubertierenden-Postille mit dem Redaktionssitz Neandertal wirkt: „Mann.TV suggeriert in seinen Beiträgen, dass die Welt, in der wir leben, ziemlich einfach ist. Da gibt es auf der einen Seite die ehrlichen Männer, die hart arbeiten und sportliche Höchstleistungen vollbringen, im Privaten aber relativ einfach zufriedenzustellen sind: mit Bier und Brüsten. Und auf der anderen Seite stehen die überemotionalen Frauen, die immer nur rumzicken, Partner nach ihrem Gehalt auswählen und ganz generell nichts können, außer als Wichsvorlage für Mann.TV-Leser herzuhalten.“

Islamdebatten-Inflation, Würde geht baden, Schweizer Kornkreis-Macher

1. Wir diskutieren viel zu häufig über den Islam
(sueddeutsche.de, Dunja Ramadan)
Die Journalistin und Arabistin Dunja Ramadan hält die Häufigkeit und Brisanz der Islamdebatten in deutschen Talkshows für unverhältnismäßig: „Es ist auch kein Wunder, dass die Angst vor dem Islam so hoch ist, wenn gefühlt jeden zweiten Abend über “den” Islam diskutiert wird – in einer Brisanz, in der man denkt, in Deutschland herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Diese Brisanz wünscht man sich, wenn es um weitaus dringlichere Debatten wie Wohnungsnot, Pflegenotstand, Krippenplätze oder auch das Rentensystem geht. Denn das treibt wirklich alle Menschen in diesem Land um.“
Weiterer Lesetipp: Carolin Gasteigers TV-Kritik des letzten Maischberger-Talks: “Manchmal erscheint es mir, als gebe es mehr Islam-Experten als Muslime”

2. Das große Schweigen
(11freunde.de, Ilja Behnisch)
Ilja Behnisch schreibt bei den „11 Freunden“ über das vom DFB gesteuerte Bild der deutschen Nationalmannschaft. Eine perfekte Inszenierung sei dies, wie von einem Konzern von Weltformat. Der DFB sei jedoch kein Konzern, sondern ein Verband. Und dessen Umgang mit den Medien müsse sich dringend ändern.
Weiterer Lesetipp: Steffen Dobbert erklärt bei “Zeit Online”, warum er einen Boykott der Fußball-WM in Russland für angebracht hält.



3. Wenn die Würde baden geht
(taz.de, Lalon Sander)
Konservative weiße Männer interessieren sich erst für Menschenwürde, wenn es um einen alten weißen Mann geht, findet Lalon Sander und meint damit die Twitter-Empörung einiger Journalisten über das Gauland-Badehosen-Bild: „Offenbar fühlen sich manche weiße Männer eher von dem angeblichen Unrecht betroffen, das mächtigen weißen Männern geschieht, und weniger von dem, das von weißen Männern ausgeht. Das ist eine identitäre Positionierung. Kann man so machen, aber würdevoll ist das nicht.“
Weitere Lesetipps: Matern Boeselager fordert bei “Vice” eine “Internet-Pause” für Deutschland. Stefan Fries plädiert dafür, Gauland nicht die Würde zu nehmen, nur weil dieser anderen die Würde nimmt.

4. Journalisten sind grün und links
(bazonline.ch)
Eine dänische Studie hat die politischen Einstellungen von Medienschaffenden in 17 Ländern untersucht. Die ersten Ergebnisse würden ein weiterverbreitetes Vorurteil bestätigen: In den Redaktionen gebe es durchschnittlich drei Mal so viele Grüne und Feministen wie im Rest der Bevölkerung.

5. Fanpage-Urteil des EuGH – 10 Fragen, 10 Antworten : Good bye Auftragsverarbeitung, welcome “gemeinsame Verantwortlichkeit”
(cr-online.de, Niko Härting)
Der Jurist Niko Härting erklärt im Blog der Zeitschrift „Computer und Recht“ kurz und knackig, was es mit dem Fanpage-Urteil des EuGH auf sich hat. Der zehnte Punkt seiner Liste ist eine Art Generalempfehlung für alle Facebook-Seitenbetreiber: „Ruhe bewahren, Datenschutzinformationen in die Fanpage integrieren und den Ausgang des Falls vor den deutschen Verwaltungsgerichten abwarten.“

6. Wie Kornkreise wirklich entstehen
(facebook.com/izzymagazine, Video, 2:55 Minuten)
Die Leute vom Schweizer Jugendmagazin „Izzy“ haben einen Kornkreis produziert und den Medien als extraterrestrische Erscheinung untergejubelt. Auf Facebook gibt es das Video im sympathischen Schweizer Dialekt dazu: „Grüße von den Aliens.“

Omnipräsente AfD, Risikofaktor Facebook-Seite, Neonazi-Angriff

1. Datenschützer bekommen vor dem EuGH recht – theoretisch
(faz.net)
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden, dass Betreiber von Facebook-Seiten gemeinsam mit Facebook für die Verarbeitung der personenbezogenen Nutzerdaten verantwortlich sind, was für viel Aufregung und Verunsicherung in den sozialen Medien gesorgt hat. Das Urteil wurde jedoch nach alter Rechtslage entschieden. Mittlerweile gilt die DSGVO und das mache die Sache eher noch komplizierter.
Weiterer Lesetipp: Licht ins juristische Dunkel kann vielleicht Rechtsanwalt Dr. Thomas Schwenke bringen, der das Urteil eingeordnet und einen ausführlichen Frage-und-Antwort-Teil verfasst hat: EUGH Urteil: Müssen nun alle Facebook-Seiten geschlossen werden? (allfacebook.de)
Und auf “Meedia” kommentiert die Juristin Anja Neubauer die Auswirkungen des Richterspruchs. Sie hat für sich selbst den radikalen Schritt gewählt: “Ich persönlich werde daher meine Facebook-Seiten nun erst einmal auf „nicht sichtbar“ schalten, bis Mark Zuckerberg eine rechtskonforme Lösungsmöglichkeit für die Sammlung der Nutzer meiner Seiten bereithält und diese mir als Betreiber der Seiten zur Verfügung stellt. Eine andere Alternative sehe ich persönlich nach dem Urteil des EuGH nicht.”

2. “Selbst wenn die AfD nicht in Talkshows sitzt, sind ihre Inhalte omnipräsent”
(sueddeutsche.de, Jakob Biazza & Johannes Hillje)
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich mit dem Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje über den Umgang der Medien mit der AfD unterhalten. Hillje hält den Einfluss der Rechtspopulisten auf unsere öffentlichen Debatten für deutlich größer als ihre politische Relevanz, gemessen an den Wahlergebnissen. Selbst wenn die AfD nicht in Talkshows sitze, seien ihre Inhalte oft omnipräsent. Die AfD setzte dabei nicht immer die Themen, bestimme aber, wie darüber geredet werde: „Dank der AfD führen wir eine Desintegrations- statt der nötigen Integrationsdebatte.“

3. Tilo Jung in der Bundespressekonferenz: Merkels Geheimwaffe
(taz.de, Tobias Schulze)
Wer die Bundespressekonferenz kennt, kennt auch Tilo Jung, der dort mit seinen unbequemen Fragen regelmäßig die Regierungsvertreter zum Schwitzen bringt. Und danach die Zusammenfassungen auf seinem YouTube-Kanal “Jung und Naiv” ins Netz stellt. 
Nun ist Jung eine besondere Gunst zuteil geworden: Anlässlich des Besuchs des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu durfte er im Kanzleramt Fragen an den Politiker richten. Weiterer Tipp: Im „Aufwachen-Podcast“ beschäftigen sich Tilo Jung und Stefan Schulz regelmäßig mit dem politischen Geschehen und der Medienberichterstattung. In der aktuellen Folge geht es auch um besagten Netanjahu-Besuch.

4. Fußball-WM in Russland: Stolz und Vorurteil
(ndr.de, Hendrik Maaßen)
Bald beginnt die Fußball-WM in Russland. Das “journalist network” hat eine 11-tägige Kennenlern-Reise durchs Land organisiert, an der junge Journalisten teilnehmen durften. „Zapp“-Reporter Hendrik Maaßen war dabei und berichteten von seinen Eindrücken.

5. Warum zwei Neonazis einen Monat nach ihrer Jagd auf Journalisten noch auf freiem Fuß sind
(vice.com, Matern Boeselager)
Vor vier Wochen verfolgten zwei mutmaßliche Neonazis in Thüringen Journalisten mit einem Auto, drängten sie in einen Graben und griffen sie mit Schraubenschlüssel, Messer, Baseballschläger und Pfefferspray an. Obwohl die Identität der Täter bekannt ist und dokumentiert wurde, kam es bislang weder zur Vernehmung noch zur Anklage. Laut der zuständigen Staatsanwaltschaft gebe es “keinen dringenden Tatverdacht”. Wie kann das sein, fragt Matern Boeselager nicht nur sich selbst, sondern auch den zuständigen Staatsanwalt.

6. Der offene Brief – Zweihänder des kleinen Mannes
(medienwoche.ch, Reto Hunziker)
Journalisten greifen gerne zum Stilmittel des offenen Briefs. Nun hat Reto Hunziker einen offenen Brief an denjenigen verfasst, der wohl noch nie einen offenen Brief erhalten hat: den offenen Brief.

Wie “Compact” lügt, verdreht und Stimmung macht. Ein Beispiel.

Fährt in Deutschland jemand mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge, steht für das selbsterklärte Wahrheitsmagazin “Compact” direkt fest: Hinterm Steuer muss ein islamistischer Terrorist gesessen haben. Stellt sich später allerdings heraus, dass der Täter Deutscher war, wird es erst richtig wild.

Wie wenig dem Blatt daran liegt, journalistische Aufklärungsarbeit zu leisten, kann man gut an der “Compact”-Berichterstattung zur Amokfahrt in Münster Anfang April erkennen, die wir uns mit etwas zeitlichem Abstand noch einmal genauer angeschaut haben. Ein Mann fuhr damals in eine Gruppe von Menschen, vier Personen kamen ums Leben. Und “Compact” legte los: Die Redaktion brachte erstmal eine Falschmeldung in Umlauf, nahm diese später keinesfalls zurück, sondern löschte heimlich und flüchtete in neue haltlose Behauptungen. Beliebig änderte “Compact” Standpunkte und Geschichten und konstruierte eine widersprüchliche Erzählung. Gemeinsamer Nenner war nur ein Misstrauen in die offizielle Version zur Tat — und selbst das wurde ohne zu zögern geopfert, wenn es der “Compact”-Agenda diente.

Doch der Reihe nach. Am 7. April, dem Tag der Tat, veröffentlicht die “Compact”-Redaktion abends einen Bericht auf ihrer Website. Sie wählt folgende Überschrift:

Screenshot Compact - Anschlag in Münster: 4 Tote! Wacht die Multikulti-Hochburg jetzt auf?

Während “Comapct” bereits in der Titelzeile Schuldige suggeriert (woher könnte der Täter schon stammen, wenn er mit seiner Tat “die Multikulti-Hochburg” wachrüttelt? Aus Deutschland sicher nicht), berichten andere Medien aufgrund der dünnen Faktenlage vorsichtiger. Bei “Compact” heißt es empört:

Die ARD-Tagesschau sprach in einer ersten Meldung verharmlosend von einem “Zwischenfall mit einem Auto”. DIeselbe (sic) Formulierung übernahm auch Die Welt. Dabei ist klar, dass es ein Anschlag war, denn der Fahrer hat sich nach seiner Terrorfahrt erschossen. (…)

Dass es ein islamistischer Anschlag war, ist zur Stunde nicht nachweisbar. Aber die Indizien sind stark: Das Anschlagsmuster gleicht dem von Nizza im Sommer 2015 (siehe Aufmacherfoto) und von London Anfang 2017. Und: Am heutigen Tag jährt sich der islamistische LKW-Anschlag von Stockholm 2017.

Die Schutzstrategie der Stadt Münster habe versagt, man habe nämlich nicht nur Poller aufstellen, sondern die Salafistenszene verbieten müssen. Die Tat soll laut “Compact” auch irgendwie mit einer Anti-Pegida-Demonstration und dem schlechten Ergebnis der AfD in Münster bei der Bundestagswahl zu tun haben.

Die Frage stellt sich: Wann werden die Bunt-Besoffenen aus ihren kuschelweichen Träumen aufwachen? Was muss noch passieren?

“Compact” hat sich also früh auf einen Täter festgelegt, vermutlich soll es ein Islamist sein, ganz sicher ein Ausländer, dessen Anschlag den “Bunt-Besoffenen” den Wahnsinn vor Augen führt. Später ändert die Redaktion ihre Überschrift klammheimlich:

Screenshot Compact - Überschrift jetzt: Münster: Drei Tote! Jens R. und sein Abschiedsbrief – Neuester Stand

Der anonyme “Compact”-Autor ergänzt den Artikel. Er kommentiert nun die Erkenntnisse seriöser Medien und wundert sich über deren Enthüllungen:

Der gleiche Rechercheverbund, der bereits vor der Polizei den Namen des Täters wusste und an die Öffentlichkeit gab, soll jetzt also diesen persönlichen Brief “gefunden” haben, der doch eigentlich als Beweismittel ebenfalls zuerst in die Hände der Polizei gehören sollte. Darf man sich fragen, wie die Journalisten das angestellt haben?

Darf man. Zunächst aber muss man festhalten, dass “Compact” nur behauptet, sie — also NDR, WDR und “Süddeutsche Zeitung” — hätten den Brief gefunden, bevor die Polizei das tat. Denn was “Compact” dazu zitiert, belegt lediglich, dass der Dreier-Rechercheverbund die Meldung über den Brief veröffentlicht hat, bevor die Polizeipressestelle öffentlich von dem Brief sprach. Das ist gleich viel weniger aufregend.

Die Journalistinnen und Journalisten von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung” haben einfach ordentlich recherchiert. Dass dieses Vorgehen in der “Compact”-Redaktion Verwunderung auslöst, sagt vor allem etwas über “Compact” aus. Die Leute dort arbeiten in aller Regel nicht an seriösen Nachrichten, sondern verdienen ihr Geld damit, möglichst aufbrausend Ressentiments zu bedienen.

Und so schließt das AfD- und “Pegida”-nahe Magazin nicht zum ersten Mal überstürzt auf falsche Täter. Als 2016 in Grafing ein aus einer Psychiatrie geflohener Mann wahllos auf Menschen einstach, schrieb “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer auf seinem persönlichen Blog dazu unter der Überschrift “Islamistischer Terror in Grafing bei München? Davon will die Lügenpresse nichts wissen.” Später löschte er den Artikel, “Compact” versuchte, den Täter weiter als Islamisten darzustellen.

Nach dem Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum 2016 rettete sich “Compact” in eine Verschwörungstheorie. Nach Darstellung des Magazins soll es sich auch hier um einen islamistischen Anschlag gehandelt haben und zwar von mehreren Tätern. Das sei dann durch die Behörden und die “Lügenpresse” vertuscht worden. Nichts will man dagegen bei “Compact” davon wissen, dass neben persönlicher Rache wegen Mobbings auch Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Ansichten ein Motiv des Einzeltäters gewesen sein könnten.

“Compact” weiß offenbar gut, was die eigene Zielgruppe hören beziehungsweise lesen will. Dennoch birgt eine so eklatante Falschmeldung wie die zu Münster selbst für ein wirres, fremdenfeindliches Verschwörungsmagazin die Gefahr eines gewissen Imageverlusts. Auch der überzeugteste “Compact”-Leser könnte bei derart gravierenden Fehlern Zweifel am Redaktionsclaim “Mut zur Wahrheit” bekommen. Wohl auch deswegen folgten in den Tagen nach der Tat Artikel, die sichtlich damit ringen, wie man mit dem Vorfall in Münster nun umgehen soll — und zwar möglichst, ohne sich selbst korrigieren zu müssen oder gar um Entschuldigung zu bitten.

Zwei Tage nach der Tat veröffentlicht “Compact” einen Zeugenaufruf:

Da von den Medien keine ehrliche Aufklärung zu erwarten ist, bitten wir um Ihre Mithilfe

Der Vorwurf an andere Medien, “keine ehrliche Aufklärung” zu betreiben. Von einer Redaktion, die kurz zuvor erst zum selben Fall einen falschen Täter in den Ring geworfen hat. Das ist mutig.

Es scheint tatsächlich Rückmeldungen auf den Aufruf gegeben zu haben, allerdings wohl nicht von Zeugen, sondern von Leuten, die ebenfalls verfrüht irgendwelche Behauptungen aufstellen. Denn später ergänzt die Redaktion folgenden Absatz:

Wir wollen betonen, dass es uns um die Sammlung von Fakten geht, nicht um die verfrühte Aufstellung irgendwelcher Behauptungen. Deshalb möchten wir bei den Tatsachen bleiben und hoffen auf eine baldige Aufklärung.

Am selben Tag veröffentlicht “Compact” einen zweiten Artikel zum Thema:

Screenshot Compact - Münster: 8 Fragen, die wir stellen sollten

Der Autor des Textes, “Polit-Profiler” Wolfgang Eggert, ist aktiv in der Verschwörungsszene und hat zuletzt 2014 im Verlag von “Compact”-Verleger Kai Homilius ein Buch über den Abschuss des Flugs MH17 veröffentlicht. Er will mit seinen acht Fragen wohl vor allem eines: Zweifel säen an allen anderen Berichten zum Geschehen, ob nun von seriösen Medien oder offiziellen Stellen.

Die Fragen 1 (“Was ist das Motiv?”) und 2 (“Wer ist der Täter?”) sind noch neutrale Recherchefragen. Eggert liefert zu ihnen zwar skurrile Kurzschlüsse (etwa: Jens R. könne wohl kaum gleichzeitig Rechtsradikaler und drogenabhängig gewesen sein, was erstens Unsinn ist und zweitens nicht länger relevant, da die Ermittler später bekannt gaben, dass sie ein rechtsextremes Motiv ausschließen); aber es sind Fragen, die viele Redaktionen in den Tagen nach der Tat gestellt haben. Die restlichen Fragen sind hingegen eher suggestiv gestellt. Zum Beispiel Frage 3:

Warum gibt es so wenig Bildmaterial?

Heutzutage müsse es doch mehr Bilder von der Tat geben, meint Eggert und fragt weiter: “Warum griff niemand zu seinem sonst ständig präsenten Handy, wenn der Vorfall die Brisanz hatte, welche die Presse ihm nachher zuschrieb?” Genau gegenteilig argumentiert Eggert, wenn es um andere Ereignisse geht. So verdächtigte er den Journalisten Richard Gutjahr in einem “Compact”-Interview, beim Anschlag von Nizza eingeweiht gewesen zu sein, weil er die Tat mit dem Handy filmte. Das Interview wurde mittlerweile gelöscht, kursiert aber noch auf Verschwörungs-Blogs.

Eggerts Frage 6 lautet:

Wie starb der angebliche Fahrer “Jens”?

Ab hier geht Eggert von mehreren Beteiligten aus. Bereits in der Frage deutet er an, dass es sich für ihn beim offiziellen Täter nicht um den tatsächlichen handeln könnte. Außerdem zweifelt er an, dass dieser sich erschossen habe, aus dem einzigen Grund, dass keine Bilder der Leiche veröffentlicht wurden. Polizei und Medien hätten für seinen Geschmack zu schnell Antworten geliefert. Dabei hatte “Compact” selbst ja direkt nach Bekanntwerden der Tat diese erklärt. Nur eben falsch.

In seinen Anmerkungen zu Frage 8 …

Die zwei Flüchtigen: Warum widerspricht sich der Polizeisprecher?

… zieht Eggert nicht weiter genannte oder verlinkte “angloamerikanische und israelische Medien” als Beleg dafür heran, dass ein Polizeisprecher erst von zwei Flüchtigen gesprochen habe. Dass der Beamte diese Meldung später dementierte, lässt Eggert nicht gelten, weil es ein Video aus Münster gebe, in dem “ein südländischer Jugendlicher” festgenommen werde. Eggert meint, dieses Video finde bei deutschen Medien keine Beachtung. Dabei hat “Spiegel Online” nachgefragt, was es mit dem Video auf sich hat: Die in der Aufnahme zu sehenden Personen waren Inder, die kein Deutsch verstanden. Nachdem ihre Personalien festgestellt wurden, ließ die Polizei sie gehen.

Nun kommt die “Compact”-Zeugensuche wieder ins Spiel. Einen Tag nach der Veröffentlichung des Aufrufs meint Redakteur Marc Dassen, der bereits für die Berichte zum Münchner Amoklauf verantwortlich war, einen Zeugen gefunden zu haben:

Screenshot Compact - Von Depression keine Spur: Compact sprach mit Nachbar des Amokfahrers Jens R.

Egon T. (Name geändert) war einige Zeit direkter Nachbar von Jens R. in einer seiner vier Wohnungen. Was er uns erzählte, passt so gar nicht zur Suizid-Story der Massenmedien.

In einer späteren Version relativiert die Redaktion intransparent wie gewohnt das “so gar nicht” zu einem “auf den ersten Blick”.

In seinem Artikel erzählt Dassen, dass er bei einem Mann, der sich als Nachbar von Jens R. ausgibt, angerufen hat. Und was hat dieser nun über Jens R. zu berichten, was “so gar nicht zur Suizid-Story der Massenmedien” passt?

Er sei “immer nett und freundlich” gewesen, “ganz normal halt”, “aufgeschlossen”, so T. Von depressivem Verhalten war “gar nichts zu spüren”. Das könne T. mit Sicherheit sagen, da er selbst bereits unter Depressionen zu leiden hatte und deshalb wisse, wie man sich da fühle.

Eine einzige per Telefon übermittelte Ferndiagnose eines nur oberflächlich mit dem Täter bekannten Laien-Psychologen ist für “Compact” glaubwürdiger als Ermittler der Polizei und ein Großteil der Medien.

Am 12. April schreibt Marc Dassen einen weiteren Text zur Tat in Münster:

Screenshot Compact - Zum Fall Münster: Wer war Jens R. - und wenn ja wie viele?

Es geht ihm vor allem ums Fragenstellen — beziehungsweise um ein vermeintliches Fragen-Tabu: Das Stellen offener Fragen sei verpönt und “der Verschwörungssucht verdächtig”. Bezogen auf den Brief von Jens R. schreibt Dassen:

Darf man fragen, wie die Medien an diese Schriftstücke rangekommen sind? Müssten diese als wichtige Beweismittel nicht zuerst einmal unter Verschluss gehalten werden, um eine mediale Spekulationsblase zu vermeiden? Auch solche Fragen traut man sich kaum zu stellen. Ist halt so. Finde dich damit ab. Fall erledigt. Basta. Wer sich dennoch nicht zufrieden geben will, der wird gerne mit Aluhut-Vorwürfen konfrontiert — oder wie zuletzt auch oft gesehen: Als notorischer Ausländerfeind bezeichnet, der es nicht ertragen kann, dass diesmal kein Muslim als Täter in Frage kommt.

Nur noch mal fürs Protokoll: Marc Dassen arbeitet in einer Redaktion, die es kaum erwarten konnte, einen Muslim als Täter von Münster präsentieren zu können.

Der “Compact”-Autor meint, weitere Fragen gefunden zu haben, die man kaum noch stellen dürfe, die allerdings schon längst gestellt worden sind. Etwa, wie der Täter an die Waffe gekommen ist. Das wollen nicht nur seriöse Journalisten wissen, auch die Polizei Münster stellt diese Frage. Oder, warum Jens R. Menschen tötete und verletzte, wenn er eine Suizidabsicht hatte. Auch das wurde bereits ausführlich thematisiert.

Schließlich äußert sich auch “Compact”-Chefredakteur Jürgen Elsässer zur Amokfahrt in Münster. Nachdem zwei Tage zuvor die dpa meldete, dass die Polizei weitere Projektile im Tatfahrzeug gefunden habe, die Untersuchung dazu aber noch nicht abgeschlossen sei, titeln er und seine Redaktion:

Screenshot Compact - Sensation: Weitere Projektile in Münsteraner Killer-Van gefunden. Wer schoss? Magic bullets wie bei JFK

Erstmal: Das Aufmacherfoto in Elsässers Beitrag zeigt den Tatort eines völlig anderen Verbrechens, auf das der Artikel nicht Bezug nimmt. Im Text verrät der “Compact”-Chef dann seine Entdeckung: Parallelen zum Mord an John F. Kennedy und zum NSU, zu dessen Ende er noch mal eine ganz eigene Theorie parat hat:

Erinnerungen werden wach: Zum Beispiel an den Kennedy-Mord am 22. November 1963, als die These vom Alleintärer (sic) Lee Harvey Oswald durch die kriminaltechnische Untersuchung — Stichwort: Magic Bullet — erschüttert wurde. Und vor allem an den sogenannten Selbstmord von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011: Die Patronenhülsen am Tatort weisen darauf hin, dass ein dritter Mann die beiden hingerichtet hat.

Zum Abschluss seines Artikels schreibt Elsässer, kein Witz:

Und nun Münster. Warten wir ab, was die weiteren Ermittlungen bringen. COMPACT wird nicht vorab wilde Theorien in die Welt setzen.

Überhitzacker, Der gekränkte Mann, Die DSGVO und das Blogsterben

1. Neue Qualität der Faktenverdrehung
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Haben wirklich „60 vermummte“ Personen das Wohnhaus eines Polizisten gestürmt? Und ist der Vorfall im niedersächsischen Hitzacker ein Beispiel für eine „neue Qualität der Gewalt“, wie vielfach behauptet? Boris Rosenkranz ist dieser Frage auf „Übermedien“ nachgegangen. Sein Befund: Hitzacker sei ein “gutes schlechtes Beispiel dafür, wie Medien, in einer ohnehin unübersichtlichen Gemengelage, Fakten verdrehen, um Stimmung zu machen. Wie sie sich sehr beeilen, um ja beim nächsten großen Aufreger dabei zu sein. Und wie sie nur einer Quelle vertrauen, obwohl diese befangen ist. Aber womöglich halten das einige sogar für echten Journalismus.“

2. Der verletzte Mann
(deutschlandfunkkultur.de, Vera Linß, Audio, 14:42 Minuten)
Haben Sie schon einmal etwas von „Incels“ gehört? Das sind Männer die unfreiwillig enthaltsam leben (“involuntary celibates“ = “unfreiwillige Zölibatäre“) und sich unter diesem Begriff im Internet vernetzen. Das Problem bei den gekränkten Antifeministen: Ihr sexistisches und frauenverachtendes Auftreten. Und es gibt Überschneidungen zur Extremen und Neuen Rechten.
Weiterer Lesetipp: In Heilige Angstlandschaften (zeit.de) berichtet Robin Detje über die Tendenz einiger Menschen, in der Politischen Korrektheit eine Bedrohung von Mann und Kunst zu sehen. Der Widerstand dagegen habe religiöse Züge angenommen.

3. Russia Today will nicht informieren, sondern verunsichern
(tagesspiegel.de, Frank Herold)
Liefern russische Medien wie „RT“ und „Sputnik“ „sauberen Journalismus“ oder Propaganda? Mit dieser Frage hat sich die Osteuropa-Historikerin Susanne Spahn für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung beschäftigt.

4. Statt Links der Woche: Tote Links der Woche
(ennopark.de)
Die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) hat in der Blogger-Szene für viel Aufregung und Panik gesorgt. Viele Blogger und Bloggerinnen kündigten sogar an, deswegen Ihre Blogs dicht zu machen. Enno Park hat sich auf Twitter umgehört, ob dies tatsächlich der Fall ist. Seine kleine nicht-repräsentative Umfrage ist bemerkenswert: Innerhalb von 24 Stunden bekam er mehrere hundert Webseiten genannt, die eingestellt oder zumindest eingefroren wurden.

5. Kämpfende Kurdinnen: Die einstigen Heldinnen sind vergessen
(nzz.ch, Mona Sarkis)
Als Kurdinnen 2014 in den Krieg gegen den IS zogen, wurden sie von Illustrierten wie „Elle“, „Cosmopolitan“, „Teen Vogue“ und „Marie Claire“ als Heldinnen gefeiert und mit glorifizierenden Bilderstrecken bedacht. Selbst die Modebranche hätte Gefallen an den kurdischen Frauen gefunden, als diese gegen den IS kämpften. Doch nach der kurzen Phase der Romantisierung sei das Interesse an ihnen erloschen.

6. „Ich hab Prügel bezogen“
(taz.de, Jürn Kruse)
Die „taz“ hat sich mit dem Sportstudio-Moderator Jochen Breyer über die Champions League, die anstehende Fußball-WM und die Auswirkungen von Interviews unterhalten. So sei es früher möglich gewesen, einen Interviewgast auch mal etwas kecker anzugehen: „Würden wir heute so frech antworten, wäre die Hölle los: in den Zeitungen, in den sozialen Netzwerken. Ich hab das ja nach dem Klopp-Interview erlebt, was da alles auf mich eingeprasselt ist. Ich will mich gar nicht beklagen. Aber da fragt man sich schon, ob man das jede Woche haben will.“

Wie Özil und Gündogan bei Erdogan die Werte des DFB hochgehalten haben

Man muss Mesut Özil und Ilkay Gündogan dankbar sein. Rechtzeitig vor der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft räumen sie mit einem Missverständnis auf, einem von Medien und DFB gepflegten Missverständnis, das den Sieg der deutschen Mannschaft beim vergangenen Turnier zu etwas verklärte, was er nicht war. Es reichten ein paar Fotos der beiden Fußballer mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die in vielen Redaktionen aktuell für Verwunderung und Entsetzen sorgen.

“Die Mannschaft”, wie sie seit 2015 aus Vermarktungsgründen heißt, ist nämlich keine Wertegemeinschaft. Sie ist, ja!, eine Fußball-Mannschaft. Sie besteht aus Fußballspielern. Fußballspieler sind keine dümmeren Menschen, aber auch keine schlaueren, keine mit edleren Werten als andere.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum “Eurovision Song Contest” gekommen. In seinem neuen Buch “Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber” prangert er die “schrecklich nette Homophobie” auch in den Medien an. Sein “Nollendorfblog” bekam eine Nominierung für den “Grimme Online Award”. Und mit “Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone” hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Klar sollen Spitzenspieler Vorbilder sein, das ist Teil ihres Jobs, sie sollten also möglichst wenig Unsinn in der Öffentlichkeit veranstalten, der von ihren minderjährigen Fans nachgemacht werden könnte. Darüber hinaus ist aber das Gerede von den “Werten der Mannschaft” vor allem Marketing-Geschwätz, Marketing-Sprech, der von den allermeisten Medien kritiklos weiterverbreitet wird. In der Pressemitteilung zum Launch der Marke “Die Mannschaft” ließ der DFB verlauten:

“Die Mannschaft zeichnet ihr Zusammenhalt aus. Wir sind immer füreinander da, wir gehen respektvoll miteinander um, und natürlich stehen wir für den Erfolg”, sagt Mesut Özil. Benedikt Höwedes pflichtet seinem Weltmeister-Kollegen bei. “Das wir in aller Welt als ‘Die Mannschaft’ bezeichnet werden, ist echt etwas Besonders”, sagt er.

Das Unverständnis, das Per Mertesacker von ehemaligen Profis, Experten und auch Medien entgegenschlug, als er im März 2018 über seine Ängste als Profifußballer und früherer Nationalspieler sprach (“irgendwann realisierst du, (…) dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist”), liegt auch darin begründet, dass viele Redaktionen PR-Floskeln wie in der zitierten DFB-Mitteilung allzu gerne unreflektiert weiterverbreiten.

Das Gerede von den Werten ist vor allem dafür da, Produkte zu verkaufen, und vor allem solche, die sich einen Imagetransfer erhoffen. Einen Imagetransfer haben besonders die Marken nötig, die ein Imageproblem haben. Der neue Hauptsponsor VW zahlt deutlich mehr als sein Vorgänger Mercedes, hauptsächlich wohl, weil er es nötig hat. Der Konzern darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass seine Vergehen an der hiesigen Bevölkerung von dieser mit Milde betrachtet werden. Lieber, als in Aufklärung, transparentere Konzernstrukturen und möglichst saubere Autos zu investieren, investiert er in Wohlfühl-Propaganda. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft müssen also bei ihren Fans für Dinge werben, die gegen deren Interesse sind. Ohne das VW-Engagement beim DFB wäre der Druck auf den Konzern vermutlich größer.

Das Problem ist, dass Medien die PR-Geschichten um die Nationalmannschaft weitererzählen, als wären es keine PR-Geschichten, sondern Nachrichten; sie also nicht nur den verlogenen Kern, das Inszenierte, das Verkäuferische an diesen Geschichten nicht offenbaren und problematisieren, sondern — im Gegenteil — durch ihre Berichterstattung Reklame zur Wahrheit machen.

Über einen gemeinsamen PR-Termin im Vorfeld der WM 2010 mit den beiden Mercedes-Werbeträgern Niko Rosberg und Deutsche Nationalmannschaft, einen Termin also, der keinen anderen Grund hat, als die Marke Mercedes über die von ihr bezahlten Sportler zu erzählen, schreiben die “Bild”-Medien:

Mercedes-Pilot Nico Rosberg (24) glaubt fest daran, dass die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister werden kann. Und sagte es Poldi & Co. gleich ganz persönlich — in Eppan (Südtirol).

Rosberg besuchte das Trainingslager von Jogi Löws (50) Jungs. Schoss wie ein ganz normaler Fan Erinnerungsfotos mit dem Busfahrer, dem Bundestrainer und Bayern-Profi Philipp Lahm (26).

Doch nicht nur das von Mercedes nahegelegte Storytelling übernimmt “Bild”, sondern auch die direkte Verknüpfung mit dem Markenzeichen:

Lahm spielte mit 21 Jahren seine erste Europameisterschaft (2004 in Portugal). Rosberg fuhr mit 21 seinen ersten Formel-1-Grand-Prix (2006 in Bahrain). Seitdem sind beide Sportler Stars. Und tragen Sterne auf der Brust. Freizeit-Kicker Rosberg (mit dem Mercedes-Stern) wünscht Lahm und dessen Kollegen den vierten Weltmeister-Stern.

Die Penetration des Begriffes des “vierten Sterns” war damals einer der Schwerpunkte der gemeinsamen Markenkampagne von DFB und Mercedes.

Die meisten Medien, allen voran “Bild”, spielen die Marketing-Märchen solange mit, bis es kracht. Und auch danach. Als es während der WM-Vorbereitung 2014 bei einer gemeinsame PR-Autorfahrt mit Rosberg und Spielern der Nationalmannschaft zu einem lebensgefährlichen Unfall kommt, widerspricht kaum jemand, als Team-Manager Oliver Bierfhoff sagt:

Man hat immer im Leben ein Restrisiko, das müssen wir so klein wie möglich halten. Wir werden aber auch weiterhin Aktivitäten und Teamaktivitäten anbieten, wo ein geringes Restrisiko vorhanden ist, uns nicht einigeln und auf eine Sache konzentrieren. Meine Meinung, mit der Mannschaft auch außerhalb des Platzes Aktivitäten zu starten, hat sich nicht geändert.

… und dabei eine Werbeaktion zu einer Art sportlichem Teambuilding umdeklariert.

Kolumne Politically Correct

Die Spieler sind es gewohnt, dass ihre “Werte” zur Promotion entgegengesetzter Anliegen verscherbelt werden. Aktuell müssen sie nicht nur für Autos einer Schummel-Marke werben, sondern auch Kinder zu Süßigkeiten verführen, die zu einem pervers hohen Anteil aus Zucker bestehen. “Nur vollwertige und abwechslungsreiche Kost gewährleistet auch volle körperliche und geistige Leistung. Das Risiko von Sportverletzungen sinkt, die Konzentrationsfähigkeit steigt”, schreibt Nationalmannschaftskoch Holger Stromberg auf der DFB-Website über die “Philosophie” der “Mannschaft”, was natürlich auch reines Marketing-Geschwätz ist. Die offiziellen Sammelkarten der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2018 liegen unter anderem dem Ferrero-Produkt Kinder-Riegel bei, bei dem Foodwatch 2016 gesundheitsgefährdende Mineralöle entdeckt hatte.

Die Organisation warf dem Hersteller damals vor, “grob fahrlässig” zu handeln und forderte ihn auf, diese Produkte vom Markt zu nehmen, was dieser verweigerte. Dafür, dass Ferrero sich dazu bis heute nicht erklären muss, werben die Spieler der Nationalmannschaft mit ihrem Imagetransfer. Auch ohne den DFB verkaufen sich Fußballspieler hemmungslos an die Werbeindustrie, während der DFB die Marke “Mannschaft” mit Charaktereigenschaften aufbläst, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet geben. Die Fußballspieler haben das längst begriffen. Sie haben gelernt, sich, ohne viel nachzudenken und nachzufragen, neben irgendwelche Marken zu stellen, in die Kamera zu lächeln und irgendwas Nettes zu sagen. Nicht viel mehr und nicht viel weniger haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan jetzt bei Erdogan getan.

DSDS-Krankenausbeutung, Medien-Putinismus, Facebooks Crystal Meth

1. DSDS-Kandidat Diego sorgt für Diskussionen: „Ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt“
(meedia.de, Thomas Borgböhmer)
In der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) sorgte ein Kandidat mit seltsamen Äußerungen für Irritationen. Er sei der Sohn von US-Rapper Tupac Shakur, von der Mafia entführt und nach Deutschland verschleppt worden. RTL verkauft den Bewerber als lustigen Paradiesvogel, verrät aber nicht, dass dieser sich seit zwei Jahren wegen einer Psychose in psychiatrischer Behandlung befindet. Aus medienethischer Sicht ein kritischer Fall wie die Professorin Marlis Prinzing findet: „Schon jetzt wird unübersehbar die Schaulust des Publikums bedient: ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt und zum Klatschobjekt, er wird benutzt, um medial breit durch diesen offenbar vorsätzlich erzeugten ‚Skandal‘ auf die Sendung aufmerksam zu machen.“

2. Ehre und Verantwortung
(wiwo.de, Miriam Meckel)
In einem Beitrag des „Zeitmagazins“ wurde über die Anschuldigungen von drei Frauen gegen den Regisseur Dieter Wedel berichtet, was in den Medien vereinzelt als „mediale Hinrichtung“ oder „Kampagne“ kritisiert wurde. Miriam Merkel findet in ihrer Kolumne, dass derartige Berichterstattung erlaubt sein muss: „Menschen mit Macht haben eine besondere Verantwortung als Vorbild und Führungskraft. Diese moralische Dimension verjährt nicht. Nicht bei mutmaßlich korrupten Politikern, nicht bei Unternehmern als mutmaßlichen Steuerhinterziehern und nicht bei Kulturschaffenden als mutmaßlichen Vergewaltigern. In solchen Fällen gibt es immer zwei Antworten auf die Frage der Ehre: die der potenziellen Täter und die der potenziellen Opfer.“

3. Medientrends 2018: Personalisierte Angebote, zahlende Nutzer
(de.ejo-online.eu)
Was sind die Medientrends 2018? Nic Newman vom Reuters Institute hat knapp 200 internationale Medienmacher befragt. Sprachaktivierte Assistenten und Podcasts wurden häufig genannt. Außerdem wollen Medienmacher auf einen Mix von Einnahmequellen setzen. Sorgen würden vor allem die Tech-Giganten wie Google, Facebook, Apple und Amazon machen. Werbung würde in Zukunft an Bedeutung verlieren, was den Druck erhöhen würde.

4. “Putinismus funktioniert durch Furcht”
(zeit.de, Steffen Dobbert)
Welchen Einfluss hat die russische Regierung auf das Internet und die Medien und wie funktioniert Zensur heute in Russland? Der Geheimdienstexperte Andrej Soldatow spricht im Interview mit der “Zeit” über Fake News, Folter und Propaganda des Kreml.
Weiterer Lesetipp: Mit diesen Tricks haben Kreml-Freunde die AfD vor der Wahl im Netz gepusht (“Motherboard”, Karolin Schwarz)

5. Facebook versorgt den Stammtisch mit Crystal Meth
(sueddeutsche.de, Andrian Kreye)
Facebook will uns zukünftig weniger Medieninhalte und mehr Texte, Fotos, Videos und Links einblenden, die von Freunden und Familie stammen. Bevorzugt solche, die Reaktionen auslösen. Adrian Kreye kritisiert den Vorstoß des Netzwerks: „Zuckerbergs Plan, Facebook zu emotionalisieren, wirkt deswegen, als würde er einem aufgebrachten Stammtisch einen Beutel Crystal Meth hinstellen und den Erzürnten viel Vergnügen damit wünschen. Die werden in der Nacht sicher länger bleiben. Allerdings werden sie sich wahrscheinlich auch an die Gurgel gehen. Das geschieht im Internet zwar nur virtuell. Der Effekt auf ganze Gesellschaften ist jedoch durchaus ernst zu nehmen.“

6. Die Geschichte des ersten viralen Videos
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Das erste virale Video stammt aus dem Jahr 1997: Ein Mann schlägt in seiner Großraumbüro-Wabe mit der Tastatur seines Rechners wutentbrannt auf den Monitor ein. „Wired“ ist der Geschichte des Videos nachgegangen, das seinerzeit für Werbezwecke aufgenommen und auf Promo-CDs verteilt wurde: In der seinerzeit „hohen Auflösung“ von 352×240.

Buchmessen-Tumulte, Bundeswehr-Filmchen, Dystopie-Geschwafel

1. Dialog unmöglich
(spiegel.de, Eva Thöne)
Auf „Spiegel Online“ gibt es einen aktualisierten Beitrag über die Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse. Hintergrund: Der Veranstalter hatte Verlage zugelassen, die man dezidiert dem rechten bis rechtsextremen Spektrum zuordnen kann, was zu Protesten geführt hatte. Im Beitrag geht es um Provokation auf beiden Seiten, gewalttätige Angriffe von rechts und einen hilflosen Veranstalter.
Weiterer Lesetipp: Auch Gerald Hensel schreibt über die Vorgänge: “Chaostage auf der Buchmesse”. Er verurteile Protestaktionen, welche das Recht verletzen, wünsche sich aber von der Buchmesse mehr Haltung: “Eine Buchmesse hat Hausrecht und nicht die Aufgabe, alle Meinungen der Welt gleichberechtigt abzubilden — speziell dann, wenn sie dedizierte Gegner einer offenen Demokratie sind.”
Und zur Vervollständigung: Auf Twitter verbreiteten sich Meldungen, dass ein Frankfurter Stadtverordneter (“Die Partei”) auf der Buchmesse zusammengeschlagen worden sei, weil er gegen Nazis demonstriert hatte. Nun hat ein Fotograf ein Video veröffentlicht, das einen anderen Eindruck vermittelt. Mehr darüber bei “BuzzFeed News” unter “Dieses Video zeigt, dass der DIE PARTEI-Politiker auf der Buchmesse nicht zusammengeschlagen wurde”.

2. Feindbild Algorithmus
(zeit.de, Patrick Beuth)
In einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags ist von einem „Bedarf an weiterführenden Regelungen im Bereich der Algorithmenkontrolle” die Rede. Der scheidende Bundesjustizminister Heiko Maas forderte in der Vergangenheit bereits ein „Transparenzgebot für Algorithmen“. Patrick Beuth betrachtet auf „Zeit Online“ die verschiedenen Aspekte dieser Vorhaben. Die Sache ist nicht einfach. Schließlich betrifft es auch schwer zu kontrollierende, sich verändernde Algorithmen und selbstlernende Systeme.

3. Gesprächsaufklärung mit Drohnen
(taz.de, Lisa Ecke)
Auf die Bundeswehr-Serie „Die Rekruten“ auf YouTube folgt nun die Serie „Mali“. Allein die Werbung für die unterhaltsamen Propagandafilmchen lässt sich die Bundeswehr 4,4 Millionen Euro kosten. Bereits der Trailer der Serie stoße auf kritische Resonanz. So kritisiert die Vorstandsleiterin des Bereichs Schule der “Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft” die “verklärte Darstellung als Heldenstory und die fehlende Objektivität”.

4. Wer redet, riskiert einen teuren Prozess
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Die „SZ“ hat sich mit Paul Farhi, dem Medienexperte der “Washington Post“, über das Machtverhältnis zwischen dem Filmboss Harvey Weinstein und Journalisten unterhalten. Es geht um die mutmaßlichen sexuellen Übergriffe des mächtigen “Miramax”-Mitgründers Weinstein und die Frage, ob Journalisten Weinstein indirekt geholfen hätten, die Übergriffe zu vertuschen. Farhi kritisiert insbesondere den TV-Sender NBC, der im vergangenen Jahr schon einmal im Verdacht gestanden hätte, prekäre Informationen zurückzuhalten. Damals ging es um das Video, in dem Donald Trump damit angegeben hatte, Frauen belästigt zu haben.

5. Sterne für 14,95 Euro
(faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker)
Wie verlässlich sind Kundenbewertungen auf Onlineportalen? Wenn man Tests der Analyseseite „ReviewMeta“ Glauben schenkt, ist Vorsicht geboten: Bei einem untersuchten Fall hielt das Unternehmen nur 75 von mehr als 400 Bewertungen für glaubwürdig. Experten würden davon ausgehen, dass im großen Stil manipulierte beziehungsweise interessensgeleitete Bewertungen auf Online-Portalen kursieren. Diese stammen oft von kommerziellen Bewertungsverkäufern, die teilweise vom Ausland aus ihre zwielichtigen Dienste anbieten.

6. Narrativ intrinsische Dystopie: Die Welt der Modewörter
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff erzählt in seiner Kolumne von seinen drei Lieblings-Modewörtern. Auf Platz drei rangiert bei ihm das „Narrativ“. Der zweite Platz gehört dem Wort „intrinsisch“. Auf Platz eins steht bei ihm das in der deutschen Film- und Literaturkritik unentbehrliche, zukunftspessimistische Gesellschaftsszenario: „Sich ein Leben ohne Dystopie vorzustellen, ist für Rezensenten möglicherweise noch erahnbar, wird aber letztlich doch eher als weitgehend sinnlos eingeschätzt. Ohne Dystopie kriegt man das Bild auf seiner Schwafelei einfach nicht rund.“

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