1. Kein Sinn fürs Europäische (de.ejo-online.eu, S. Fengler, M. Kreutler & T. Bettels-Schwabbauer)
Das “European Journalism Observatory” hat eine vergleichende Studie zur Ukraine-Berichterstattung durchgeführt, bei der Teams von Forschern an 13 Universitäten mitgewirkt haben. Insgesamt wurden mehr als 3.000 Artikel der jeweils maßgeblichen Tageszeitungen analysiert. Dabei stellte sich heraus, dass der Ukraine-Konflikt in der europäischen Presse sehr unterschiedlich gewichtet wird und die nationalen Medien der nationalen Politik folgen.
2. Wir zeigen alles (medienwoche.ch, Antonio Fumagalli)
Der Schweizer Journalist Antonio Fumagalli arbeitet zur Zeit in Nicaragua und berichtet Erschreckendes über die dort herrschende aggressive Pressepraxis. In dem zentralamerikanischen Land werde die öffentliche Zurschaustellung in den Medien auf eine besonders fragwürdige Art praktiziert. Nicht nur mutmaßliche Straftäter würden vorgeführt, sondern auch Opfer jeglicher Art – von Verbrechen, Unfällen oder Naturkatastrophen. Und zwar auf allen Kanälen.
3. Steinbach-Tweet: Empörungskultur ist Meinungszensur (novo-argumente.com, Sabine Beppler-Spahl)
“Empörungskultur ist Meinungszensur”, findet Novo-Redakteurin Sabine Beppler-Spahl. Die Empörung über Erika Steinbachs jüngsten Tweet sei illiberal und gefährlich: „Ohne das Prinzip der Gedanken- und Meinungsfreiheit wäre eine liberale, offene Gesellschaft nicht denkbar“. Natürlich ist Letzterem zuzustimmen. Dennoch möchte man die Autorin fragen, warum eben jene Gedanken- und Meinungsfreiheit nicht auch für die Empörten gelten soll.
4. Adieu Elfenbeinturm! Wissenschaftler in sozialen Netzwerken. (livestream.com, Video, 67 Minuten)
Videomitschnitt einer Paneldiskussion über die Wirkungen, Möglichkeiten und Risiken sozialer Medien für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anlässlich der Hamburger “Social Media Week”. Es diskutierten die Journalismus-Forscherin Wiebke Loosen, der Medienwissenschaftler Matthias Kohring, der Wissenschaftsjournalist Jakob Vicari und der Physiker und Quantenwelt-Blogger Joachim Sohn.
5. Überraschend überschaubar: Medien für Homosexuelle (dwdl.de, Nora Jakob)
Mehr als fünf Millionen Schwule und Lesben würden in Deutschland leben, doch der Markt für Magazine, die sich an queere Menschen wenden, sei erstaunlich überschaubar, so das Medienmagazin “DWDL”. In einem dreiteiligen Schwerpunkt zu schwul-lesbischen Printmedien geht man der Frage nach, warum dies so ist.
6. 10 Meinungsmacher, denen man folgen sollte (horizont.net, Tilo Bonow)
Das Branchenmagazin “Horizont” fragt, welchen Snapchattern aus der Medienbranche es sich bei Snapchat zu folgen lohne und lässt ihren Autor eine Liste der wichtigsten Meinungsmacher vorstellen. Bevor Sie den Link anklicken: Raten Sie, wie viele Frauen auf der Liste vorkommen.
„Mag“? „Vergöttert“ trifft es viel besser. In der Welt von „Bild“ ist Zuckerberg nämlich nichts weniger als ein übermenschlicher Held, der Franz Beckenbauer des Internets. „Bild“-Oberchef Kai Diekmann nennt Zuckerberg den „Charity-Gott“. Springer-Vorstand Mathias Döpfner schwärmt, er sei „a wonderful human being“. Franz Josef Wagner nennt ihn in einem rasselnden Atemzug mit Nelson Mandela und Mutter Teresa.
Umso aufgedrehter war die Springer-Bande gestern — denn der Facebook-Chef hatte angekündigt, sie am Abend in ihrem Hauptquartier zu beehren.
Schon morgens jauchzte Kai Diekmann:
Zu Ehren ihres Gastes hatten die Springer-Leute nicht nur schnell einen Award ins Leben gerufen, sondern gleich noch ihre Dachterrasse umgebaut …
… ein Stück Berliner Wald abgeholzt …
… und alles ganz facebookblau-kuschelig gemacht für den man of the evening.
Da die Frage zu denen mit den meisten Likes gehörte (vielen Dank für die Unterstützung!), ist Zuckerberg auch darauf eingegangen. Er sagte:
Well, this is a tricky one. If it’s not a public photo, then someone should not be taking your photo and using it publicly. You know, in general, the rule is that you control all the content that you post on facebook. (…) If we’re building a community and people are sharing stuff that they don’t intend to be public, and then someone else is making it public, then that’s an issue. Right? And that’s gonna undermine the trust that our community has in us to making sure that, you know, when you share something with just your friends then that’s actually going to only the people that you want.
This is a tricky area for us, because we don’t control … you know, the law in most countries around the world, I believe, is that you post a photo, you own that photo. And that people don’t have the ability to use that photo without your permission. So if you find out that someone, you know, whether it’s on a blog or … you know, someone else is using your photo without your permission, you should have the right to be able to send them an e-mail and get in touch with them and tell them that that they don’t have permission to do that and they should take it down. In (…) most countries I can think of, if people don’t respect your rights for the content that you own, you have legal recourse to go after that.
But this is obviously an issue for facebook, because we want people to feel completely comfortable, that if they share something with their friends or with a community of a hundred people, then that’s not somehow gonna be taken and shared with more people. Unfortunately, we don’t have complete control if someone takes a screenshot or something, but you do own those photos and have the right to have it distributed only how you want, wheter that’s on our service or outside.
Man darf also sagen: Er findet’s eher nicht okay.
Das hatten wir ehrlich gesagt vermutet, und wir hatten die Hoffnung (zumindest ein kleines bisschen), dass — wenn es schon die Justiz, die Polizei, Angehörige von Betroffenen, der Presserat, wir und auch sonst keiner schafft, den “Bild”-Mitarbeitern die Fotoklauberei bei Facebook auszutreiben — dass vielleicht ja Mark Messias Zuckerberg etwas in seinen Jüngern auszulösen vermag.
Jene Jünger waren natürlich auch bei seiner Fragestunde, haben live getickert und später einen Artikel gebracht, in dem sie die Fragen und Antworten zusammenfassen. Über das Thema Täter- und Opferfotos schreiben sie sowohl im Ticker als auch im Artikel — kein Wort.
Aber dafür, heute auf Bild.de:
(Unkenntlichmachung von uns.)
Bei „Bild“ arbeiten noch Journalisten mit Anstand.
Als zum Beispiel der 1. FC Union Berlin vorgestern mitteilte, dass Trainer Sascha Lewandowski aufgrund einer nicht näher benannten Erkrankung drei Wochen lang ausfallen werde, schrieb „Bild“ nur:
Selbstverständlich. Journalisten mit Anstand eben.
Noch ein Beispiel? Hier: Über Justizminister Heiko Maas und dessen Frau, die sich kürzlich getrennt haben, schreibt „Bild“ heute:
Der SPD-Politiker und die Lehrerin bitten, ihre Privatsphäre strikt zu respektieren.
Den respektlosen Rest des Artikels mit den privaten Details und den ganzen Spekulationen über eine angebliche Affäre …
… muss die Redaktionskatze geschrieben haben, da kann „Bild“ selbstverständlich nichts für.
Auch diese beiden Damen, die vor ein paar Tagen vor Gericht standen und ganz offensichtlich nicht fotografiert werden wollten …
1. Woher kommt die Gleichgültigkeit? (pinkstinks.de)
“Pinkstinks” wundert sich über den Essay von “SZ”-Autorin Tanja Rest über “Germany’s Next Topmodel”. Darin fragt die “SZ”-Autorin, woher der Hass auf die Sendung käme. Sie fände die Empörung über dünne Models scheinheilig. “Pinkstinks” arbeitet die Argumente Punkt für Punkt ab und kommt, nicht ganz überraschend, zu gänzlich anderen Schlüssen.
2. So viele Beschwerden wie nie (zeit.de)
Die “Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM)” hat 2015 einen Rekord an Beschwerden über Inhalte im Internet registriert. Stark zugenommen hätte die Zahl der Beschwerden wegen rechter und rassistischer Sprüche.
3. Die deutsche Sprache ist “up-to-date” (detektor.fm)
Fremdwörter aus dem Englischen und aus anderen Sprachen werden kaum noch eingedeutscht. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für Sprache in Mannnheim (IDS). Eingedeutschte Varianten wie „Ketschup“ hätten sich nicht durchgesetzt. Die Forscher hätten festgestellt, dass vermehrt Anglizismen verwendet werden würden. Dies läge an den zunehmenden Englischkenntnissen der Bevölkerung und dem steigenden Internetkonsum. Interessant für die Forschungsarbeit sei vor allem der Gebrauch von Neologismen (sprachliche Wortneuschöpfungen).
4. Richter verspielt seine Reputation mit Facebook-Bild (sueddeutsche.de, Heribert Prantl)
Ein Richter stellt auf Facebook ein Foto von sich ein. Er sitzt dort mit einem Bier auf der Terrasse. Sein T-Shirt trägt den Schriftzug: “Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause: JVA”. Nun hat sich der BGH der Sache angenommen und kommt zum Urteil: “Dessen Internetauftritt ist mit der gebotenen Haltung der Unvoreingenommenheit eines im Bereich des Strafrechts tätigen Richters nicht zu vereinbaren”. Das Urteil kann sich auch in anderer Hinsicht auswirken. Wie Udo Vetter im Law Blog kommentiert: “…es werden sich sicher etliche Kollegen finden, die jetzt ganz flink in laufenden Verfahren Befangenheitsanträge für ihre Mandanten stellen – und sie dann zumindest am Ende des Instanzenzuges wohl auch durchbekommen.”
5. Im gefährlichen Fahrwasser der Werbung (de.ejo-online.eu, Alexander Kaimberger)
In Österreich fehlt es bislang an einer wirkungsvollen und professionellen Institution, die Schleichwerbung im Journalismus aufzeigt und ahndet. So die Quintessenz des Artikels von Alexander Kaimberger, der über eine Untersuchung von unzureichend oder ungekennzeichneter Werbung in österreichischen Printmedien berichtet. Teilweise niederschmetternde Ergebnisse sind es, die da zu lesen sind und die den Autor der Studie bewogen haben, eine spezielle Meldeseite ins Leben zu rufen.
6. Mann muss 70 Euro Strafe wegen Rülpsens bezahlen – Flashmob geplant (tagesspiegel.de, Robert Klages)
Ein Mann hat in Hörweite eines Polizisten gerülpst und soll deswegen 70 Euro Strafe zahlen. Stattdessen ruft er einen Flashmob ins Leben. Das Motto: “Gegen den öffentlichen Anstand… für die Befreiung der Magengase.” Mit Hilfe von reichlich Döner und Bier will man jetzt protestrülpsen.
Der “Blick” (die “Bild”-ähnliche Journalismusattrappe aus der Schweiz) hat in seiner Ausgabe vom vergangenen Sonntag mehrere Seiten zum Thema Doping gebracht. Darunter auch eine Liste mit den derzeit gesperrten Schweizer Sportlern, auf der auch ein gewisser Lukas Stettler vom FC EDO Simme steht (zwei Jahre Sperre wegen des Besitzes von Anabolika).
Schon kurz nach der Veröffentlichung meldete sich jener FC EDO Simme und erklärte, die Behauptung sei Quatsch:
Weder dem FC EDO Simme 1977 noch dem Spieler selbst, liegen solche Informationen vor. (…) Es handelt sich hierbei um eine Zeitungsente.
Wenig später erfuhr der Verein dann auch, wie es dazu gekommen war: Der Verfasser des “Blick”-Artikels gab an, er sei zunächst von der offiziellen Liste der gesperrten Sportler auf antidoping.ch ausgegangen.
Diese Liste gibt es tatsächlich. Allerdings gibt sie keinen Aufschluss über die Vereinszugehörigkeit:
Also was tat der „Blick“-Journalist? Er recherchierte. Heißt: Er googelte den Namen. In den Suchtreffern stieß er auf den FC EDO Simme. Zack, Recherche beendet.
Hätte er noch zehn Sekunden weitergesurft, wäre er allerdings darauf gestoßen, dass jener Lukas Stettler vom FC EDO Simme in der B-Jugend spielt und erst 15 Jahre alt ist, und vielleicht hätte er dann geahnt, dass er sich hier um den falschen Spieler handelt.
In Wahrheit trifft die Sperre nämlich den 22-jährigen Lucas Stettler von einem ganz anderen Verein.
Der Vorsitzende des FC EDO Simme erklärte uns, es sei „unannehmbar“, dass sein Verein mit Doping in Verbindung gebracht werde.
Dass aber ein 15-Jähriger, der aktuell auf Lehrstellensuche ist, dermaßen verunglimpft werden kann, ist eine Frechheit sondergleichen.
Immerhin hat der “Blick” heute eine Korrektur abgedruckt.
Nachdem etwa gestern von Polizei und Staatsanwaltschaft bekanntgegeben worden war, dass wahrscheinlich ein falsches Lichtsignal für das Zugunglück von Bad Aibling verantwortlich war, brauchte „Bild“ natürlich ein Foto davon, um so was schreiben zu können wie “Mit diesem Signal löste der Fahrdienstleiter das Unglück aus”.
Vermutlich brauchten die zuständigen Rechercheure nicht lang, um auf diese Seite zu stoßen:
Dort sind (“Von Lokführern, für Lokführer & Interessierte”) verschiedene Lichtsignale abgebildet, wie hier mit dem Signalbild „Zs1“, das wohl auch in Bad Aibling eine Rolle gespielt hat.
Und tatsächlich: Ein Mitarbeiter von „Bild“ meldete sich beim Betreiber der Seite und erklärte, dass sie das Foto gerne verwenden würden.
Und so …
Sogar überall mit korrekter Quellenangabe:
Alles ganz vorbildlich.
Bis auf einen kleinen Haken: Der Fotograf hat der Veröffentlichung gar nicht zugestimmt. Er hat nie auf die “Bild”-Anfrage reagiert. Bei Facebook schreibt er:
Der Betreiber erklärte uns, er empfinde das (gerade durch die Namensnennung im Online-Artikel) als „sehr schädigend für meine Internetseite“, vor allem weil „in dem besagten Artikel so viele fachliche Fehler und wilde Spekulationen erschienen sind“. Er habe jetzt einen Anwalt kontaktiert.
In den vergangenen Tagen haben sich gleich mehrere Fußballvereine und ein Handballer gegen die Berichterstattung der „Bild“-Medien gewehrt. Ein kleiner Überblick.
***
Schon vor anderthalb Wochen hatte der FC Bayern erklärt, die vor allem von der „Sport Bild“ verbreiteten „Alkohol-Gerüchte“ um Bayern-Spieler Arturo Vidal und die Behauptung, er verdiene acht Millionen Euro netto im Jahr, seien „frei erfunden“, „böswillig und falsch“ (BILDblog berichtete). Am vergangenen Donnerstag teilte der Verein schließlich mit:
Der FC Bayern München hat von den Zeitschriften „SPORT BILD“ und „Kicker“ die Unterlassung falscher Behauptungen verlangt. Beide hatten geschrieben, der „Netto-Jahresverdienst von Arturo Vidal“ liege bei rund „acht Millionen Euro“. „SPORT BILD“ wie „Kicker“ haben jeweils eine so genannte strafbewehrte Unterlassungserklärung abgegeben und damit eingeräumt, dass ihre Behauptung nicht der Wahrheit entspricht.
„SPORT BILD“ hatte weiter behauptet, Arturo Vidal solle „das Mannschaftsquartier während des Trainingslagers mehrmals verlassen und bei seiner Rückkehr alkoholisiert gewirkt haben.“ Der FC Bayern München wie Arturo Vidal haben auch hier Unterlassung der falschen Behauptung verlangt und von „SPORT BILD“ eine strafbewehrte Unterlassungserklärung bekommen. Damit hat „SPORT BILD“ auch hier eingeräumt, dass diese Behauptung nicht der Wahrheit entspricht.
Nach der ersten Stellungnahme des Vereins hatte die „Sport Bild“-Redaktion zuerst noch bekräftigt, sie bleibe bei ihrer Darstellung. Inzwischen sind die Artikel aber aus den Onlineauftritten von „Bild“ und „Sport Bild“ verschwunden.
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Gestern äußerte sich Hannover 96 zu einem “Bild”-Artikel. Das Blatt hatte am Samstag behauptet:
Der gesamte Bericht erweckt den Anschein, dass es sich ausschließlich um aktuelle Geschehnisse rund um den Nachwuchsbereich von Hannover 96 handelt. Das ist schlichtweg falsch. Dem Klub sind die Vorfälle im Bezug auf die meisten geschilderten Vorkommnisse bekannt. Allerdings resultieren diese überwiegend aus der Saison 2013/14, wurden bereits aufgearbeitet und teilweise sanktioniert. Einige damals handelnde Personen stehen bereits nicht mehr im Angestelltenverhältnis zu Hannover 96. Auch haben Spieler, die damals angeblich “gemobbt” wurden, aktuell die Möglichkeit nach einer Rückkehr zu Hannover 96 angefragt.
Dem Klub liegen keine Erkenntnisse über “Damenbesuch” sowie eine angeblich größere Anzahl an Spielern mit Spielsucht vor. Hannover 96 wird sich aber noch intensiver mit dieser Thematik beschäftigen.
Wir möchten betonen, dass alle handelnden Personen im Rahmen der Möglichkeiten zielgerichtet und qualifiziert ihren Verpflichtungen nachgehen. Auf dieser Basis wird zudem eine Weiterentwicklung stattfinden. Der Klub hat erkannt, dass er die infrastrukturellen Bedingungen ändern muss und investiert einen zweistelligen Millionenbetrag in ein hochfunktionelles Nachwuchsleistungszentrum, das mit fachkundigem Personal besetzt sein wird.
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Auch Ewald Lienen, Trainer des von der “Bild”-Zeitung soinniggeliebten FC St. Pauli, wehrt sich aktuell gegen eine “Bild”-Geschichte.
Hintergrund war ein Zitat von ihm von einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche, auf der ein Sondertrikot für das Spiel gegen RB Leipzig vorgestellt wurde. Aufdruck: „Kein Fußball den Faschisten“. Anlass dafür war der Abschluss der Holocaust-Gedenktage.
Auf dieser Pressekonferenz wurde Lienen von „Bild“ gefragt, „ob Bedingungen wie in Leipzig, also Geld ohne Ende“, nicht auch für ihn „das Paradies“ seien. Darauf Lienen:
“Wenn die Alternative wäre, den Fußball den Faschisten und dem Kommerz zu überlassen, verzichte ich gerne auf diese Möglichkeit.”
Eine merkwürdige Antwort, doch St. Paulis Pressesprecher erklärte den „Bild“-Reportern im Anschluss:
„Das sollte kein Angriff auf Leipzig sein. Das war von Ewald Lienen unglücklich formuliert.“
Auch der Sprecher des RB Leipzig sagte „Bild“:
„St. Pauli hat sich umgehend gemeldet und versichert, dass Ewald Lienen mit seiner Aussage insgesamt die Zusammenhänge so nicht herstellen wollte sowie die explizite Wortwahl nicht uns galt. Und damit ist zwischen den Vereinen alles geregelt.“
Und auch Lienen selbst erklärte den “Bild”-Leuten laut eigenen Angaben, dass er die Aussage nicht so gemeint habe, wie sie sie verstanden hatten.
Doch das alles hielt sie nicht davon ab, am nächsten Tag zu schreiben:
So sah sich auch Ewald Lienen gezwungen, die Sache öffentlich klarzustellen:
***
Um welche Sportart es in ihren Märchen geht, ist den “Bild”-Mitarbeitern übrigens Latte. Am Freitag titelten sie online:
Im Artikel heißt es:
Wiede: „Ich hatte ihn Donnerstag vor dem 10-Uhr-Training auf dem Parkplatz vor dem Welli im Sportforum Hohenschönhausen abgestellt. Als ich um 11.30 Uhr raus kam, war die Scheibe an der Fahrerseite eingeschlagen. Sehr ärgerlich, wenn man auf dem Handy und dem Computer sein halbes Leben gespeichert hat.
Wiede rief die Polizei, aber die kam nicht.
Wo hier das Zitat von Wiede endet, ist unklar, weil die schließenden Anführungszeichen fehlen. Ob also der Satz …
Sehr ärgerlich, wenn man auf dem Handy und dem Computer sein halbes Leben gespeichert hat.
… von Wiede stammt oder von der „Bild“-Redaktion, ist nicht zu erkennen. Falsch sei er aber so oder so, erklärt Wiede in einem Interview mit „Sport 1“:
“Das Iphone war eh kaputt und der Laptop war noch gut, aber es waren jetzt auch keine wertvollen Sachen darauf. Die ‘Bild’ hat da irgendwas geschrieben, dass irgendwelche Super-Dateien darauf waren, aber das ist alles Quatsch. Die haben sich irgendetwas ausgedacht.”
***
Da dürfen sich die Reporter von „Bild“ nicht wundern, wenn in Zukunft auch andere Sportler und Funktionäre soreagieren wie Gertjan Verbeek, der Trainer des VfL Bochum — kleiner Ausschnitt aus der Pressekonferenz nach dem letzten Spiel:
Wie VfL Bochum 1848-Trainer Gertjan Verbeek auf Fragen des "Bild"-Reporters reagiert. (Danke an Philip! Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=k28kZLk4q8k)
Posted by BILDblog on Donnerstag, 11. Februar 2016
Mit Dank an Philip W., Alexander B., Chris H. und Julius A.
1. Der beißt nicht, der will nur trollen (zeit.de, Eike Kühl)
Es klingt zunächst nur nach einer skurrilen Digital-Anekdote, wirft aber grundsätzliche Copyright-Fragen auf. Ein US-Student bewertet und betextet ihm zugesandte Hundebilder auf Twitter. Die Idee ist ein Riesenerfolg und gewinnt binnen drei Monaten mehr als 180.000 Follower. Dies ruft einen missgünstigen User auf den Plan, der einige Bilder als angeblich gestohlen meldet, was zur zeitweiligen Sperre des Accounts führt. Dies zeige eine grundsätzliche Lücke im System auf: Mit Hilfe von falschen Lösch-Anträgen könnten missliebige Twitterer temporär mundtot oder gänzlich lahmgelegt werden.
2. “Versteckte Kamera” mit Gätjen: Lass es eine Parodie sein (sueddeutsche.de, Hans Hoff)
TV-Kritiker Hans Hoff hat sich die Samstagabend-Show des ZDFs “Die Versteckte Kamera 2016” angesehen und kommt angesichts des altbackenen, mehr als dreistündigen Fremdschäm-Opus zu dem Schluss: “Wer es Show nennt, dass man acht Verladefilme zeigt und erst eine Jury und am Schluss die Zuschauer über den besten Film abstimmen lässt, hat von Show keine Ahnung oder arbeitet beim ZDF, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft.” Zum Ende hin erzählt er von den beiden Momenten, für die sich die Fernsehqual dennoch gelohnt hätte. (Keine Momente, die ZDF und Sendung zu Ruhm und Ehre geraten würden, so viel sei an dieser Stelle verraten.)
3. 11 Slides, damit du am Stammtisch über “Digital 2016” mitreden kannst (svenruoss.ch)
Der Schweizer Sven Ruoss macht auf den Report “Digital in 2016” aufmerksam, der von einer Agentur für digitale Kommunikation herausgegeben wird. Angesichts der Fülle von 537 Slides bezeichnet er den Bericht zu Recht als “Datenschatz”. Aus dem Riesenangebot hat er elf Bildtafeln herausgepickt, bei denen es unter anderem um Online-Wachstum, Nutzerzahlen und die Entwicklung des mobilen Datenverkehrs geht. Das weitere Datenmaterial kann über die im Artikel aufgeführten Links abgerufen werden.
4. Operation Naked (zdf.de)
Der als “elektrische Reporter” bekannt gewordene Blogger und Videojournalist Mario Sixtus hat für das ZDF eine aufwändige Mockumentary (fiktionaler Dokumentarfilm) gedreht. In “Operation Naked” geht es um die revolutionären Auswirkungen, die eine Datenbrille mit Gesichtserkennungs-Software auf unseren Alltag und auf unsere Gesellschaft haben könnte. Der mit vielen Promis aus den ZDF-Nachrichten- und Talk-Redaktionen gespickte Film wird nächste Woche ausgestrahlt, ist aber heute bereits in der Mediathek zu sehen.
5. Die Pretzell-Lachmann-Affäre: Kein Ruhmesblatt für die „Welt“ und die Medien (mit Stellungnahme n-tv.de) (norberthaering.de)
Ende letzter Woche hat sich die “Welt” von einem Redakteur getrennt. Der über die AfD berichtende und ihr politisch nahestehende Mann soll der Partei seine PR-Dienste angeboten haben. Unter Beibehaltung seiner Berichterstattung in der “Welt” und monatlicher Entgegennahme einiger tausend Euro wohlgemerkt. Norbert Häring dröselt den von den Medien lange Zeit seltsam vernachlässigten Vorgang auf und kommt zu dem Schluss: “So wie es tatsächlich lief, war es nicht richtig. Das müssen wir noch üben.”
6. Och, schade: taz darf nicht zu „Cinema for Peace“ (blogs.taz.de, Martin Kaul)
Die “taz” berichtet in ihrem Blog von einem unterhaltsamen Schwank um die sogenannte “Cinema for Peace Gala Berlin”. Die Veranstalter seien bei der Vorjahresveranstaltung massiv gegen kritische Berichterstattung vorgegangen. Von Aufforderungen zur Korrektur, Fristen und Anwaltsschreiben samt Unterlassungsansprüchen ist da die Rede. Für die Lektüre des Artikels samt verlinkter Hintergrundbeiträge sollte man Popcorn bereithalten: Mit dem “Tagesspiegel” hätten die Anwälte zum Beispiel um die Bemerkung gerungen, es hätte an einer Stelle nach Kohl gerochen. Dieses Jahr sei der “taz” die Akkreditierung zur Veranstaltung verweigert worden, was diese mit ihrem Blogbeitrag und einem herzlichen “Och schade” quittiert.
„Klartext“. Das heißt: Hier traut sich jemand, die Fakten auszusprechen, die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Keine Schönrederei, keine political correctness. Nur Klartext, damit sich der mündige Bürger sein eigenes Bild machen kann.
Und “Hier” ist natürlich der Ort, wo Menschen noch unzensiert Klartext reden dürfen: in der “Bild”-Zeitung.
Er will, dass Flüchtlinge aus Nordafrika schnell abgeschoben werden: Sachsens Innenminister Markus Ulbig (51, CDU) klagt über hohe Kriminalität bei Asylbewerbern aus der Region.
BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?
Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.“
BILD: Um welche Delikte geht es?
Ulbig: „Schwerpunkte der durch Zuwanderer begangenen Straftaten waren Diebstahlsdelikte mit 40 Prozent. Dabei ist …
Und so redet Ulbig weiter über kriminelle Flüchtlinge. „Bild“ hört geduldig zu, fragt hin und wieder „Wer ist noch auffällig?“ oder „Warum wird nicht abgeschoben, welche Hindernisse gibt es?“
Und keiner will bemerken, dass er die erste Frage gar nicht richtig beantwortet hat. Schauen wir noch mal rein.
BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?
Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.
Und was sagt uns das? Genau: nix. Weil die Vergleichsgröße fehlt — die Gesamtzahl der Zuwanderer 2014.
Um den „Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung“ zu untersuchen, muss man die Flüchtlingszahlen erst mal kennen. Ulbig aber liefert nur die für die Kriminalitätsentwicklung. Und „Bild“ belässt es dabei.
Allerdings hätte ein Blick in die Statistik den „Klartext“ auch deutlich getrübt. Laut der Sächsischen Staatskanzlei lebten zum Stichtag 31. Oktober 2014 (die Zahl für den Zeitraum bis September liefern wir nach, sobald wir sie haben) in Sachsen insgesamt 13.747 Asylbewerber.
Nimmt man die Zahlen von Ulbig hinzu …
… lässt sich vereinfacht sagen: 2014 ist jeder fünfte, fast jeder vierte Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst worden, davon hat jeder 2,3 Straftaten begangen. Ein Jahr später war es nur noch jeder zehnte. Mit jeweils 2,2 Straftaten. Die Kriminalitätsrate ist also gesunken.
Aber um bequeme Wahrheiten geht’s hier ja nicht.
***
Und dann war da noch die „Welt“.
Ulbig sagt in dem „Bild“-Interview, „Zuwanderer aus den sogenannten Maghreb-Staaten“ seien in Sachsen besonders auffällig, sie seien „für rund 43 Prozent aller Straftaten von Zuwanderern verantwortlich“.
… und suggeriert damit, 43 Prozent aller Straftaten in Sachsen würden von Nordafrikanern begangen.
Auch wenn es keine Absicht gewesen sein sollte — dass die Überschrift mindestens missverständlich ist, dürfte auch die “Welt” inzwischen mitbekommen haben, trotzdem macht sie keine Anstalten, die Überschrift zu ändern. Und sammelt weiter die Klicks, während die besorgten Leser immer besorgter werden.
1. Gegenlesen? Nein danke! (meta-magazin.org, Alexander Mäder)
Der Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder (“Stuttgarter Zeitung”) schreibt in einem längeren Fachbeitrag über das “Gegenlesen”. Ist es ein Verstoß gegen die Berufsehre, oder dient es der Qualitätssicherung, wenn man als Journalist seinen Artikel der Gegenseite zur Kontrolle vorlegt? Zu diesem Thema hat Mäder eine nicht-repräsentative Umfrage unter Wissenschaftlern, Pressesprechern und Journalisten gestartet und berichtet von den Ergebnissen. Am Ende spricht er sich für die Errichtung von “Rechercheclubs” aus, die eine neue Form von gesellschaftlich relevantem Wissen hervorbringen könnten.
2. “Im Zweifel nicht drucken” (djv.de, Hendrik Zörner)
Der “Deutsche Journalisten-Verband” hat einen aktuellen Fall (Konflikt zwischen Frauke Petry, AfD und dem “Mannheimer Morgen”) zum Anlass genommen, auf die von ihm beschlossenen Leitlinien zur Autorisierung von Interviews hinzuweisen. Nachträgliche Änderungen des Interviewten seien nur in beschränktem Rahmen möglich. Änderungen, die die Authentizität des Interviews oder einen wesentlichen Aussagengehalt konterkarieren würden, könnten von der Redaktion abgelehnt werden. Der DJV rät den Journalistinnen und Journalisten, standhaft zu bleiben und im Zweifelsfall auf die Veröffentlichung eines Interviews zu verzichten.
3. Als Zuschauer mittendrin: Der 360-Grad-Journalismus (boris-haenssler.de)
Hinter “StoryUp” verbirgt sich ein Team von Virtual-Reality-Reportern, die beeindruckende Videoreportagen in 360-Grad-Technik erstellen. Gründerin Sarah Hill erzählt im Interview von ihren Reportage-Ausflügen in die virtuelle Realität und spricht über den technischen Wandel und die Besonderheiten und Risiken (zum Beispiel drohende Übelkeit bei empfindlichen Zuschauern). Im Beitrag verlinkt sind faszinierende Beispiele, in denen man sich bei laufendem Video via Maus um die eigene Achse drehen kann, und das gesamte Umfeld zu Gesicht bekommt.
4. Funkturm: „Soll jetzt Lutz Bachmann ein Praktikum bei uns machen?“ (flurfunk-dresden.de, Nicole Kirchner & Peter Stawowy)
Langfassung eines Gesprächs, in dem drei Medien-Fachleute aus Sachsen nach Lösungen ringen, wie man das Bild der Presse in der Bevölkerung verbessern kann und mit der Wut auf die Medien umgehen soll. Man merkt den Gesprächspartnern das Bemühen an, die “Lügenpresse”-Rufer zu erreichen. Andererseits wird die komplizierte und verfahrene gesellschaftspolitische Gemengelage deutlich, und an manchen Stellen schimmern Hilf- und Ratlosigkeit durch. Ein Gespräch, das auch außerhalb von Sachsen seine Bedeutung hat.
5. Die Journalisten-Rausbilder (blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz kennt den Medienbetrieb aus vielen Blickwinkeln. Er bekleidete führende Positionen bei Presse und Fernsehen, ist Autor verschiedener Fachpublikationen und war lange Zeit an der privatwirtschaftlichen und universitären Ausbildung von Journalisten beteiligt. Im Sommer geht nun sein Lehrauftrag in Passau zu Ende; ein Anlass, ein paar deutliche Worte über die Journalistenausbildung an den deutschen Hochschulen zu verlieren. Interessant für alle, die etwas über den Beruf als solches erfahren oder gar selbst Journalismus studieren wollen.
6. Man darf grundsätzlich alle Fragen stellen. (planet-interview.de, Kaspar Heinrich)
Katrin Müller-Hohenstein moderiert seit zehn Jahren “Das aktuelle Sportstudio” (ZDF). Im Interview erzählt sie von ihren Anfängen als “Quotenfrau” und was sich im Lauf der letzten zehn Jahre alles geändert hat. Zum Beispiel das Verhalten der Gesprächspartner, die im Verlauf der Zeit vorsichtiger geworden seien: “Den Profi-Fußballern, die heute ja einen unglaublichen Kultstatus genießen, fliegt ein falscher Nebensatz innerhalb kürzester Zeit so dermaßen um die Ohren, dass sie gut beraten sind, sich zurückzuhalten.” Auf die Einbindung von Social Media in ihrer Sendung angesprochen, äußert sie sich eher lakonisch. Und: Sie selbst “mache da nicht mit”.