Es ist eine Sache, wenn Boulevardjournalisten glauben, die neuesten Mord-und-Totschlag-Meldungen mit geklauten Fotos aus dem Internet bebildern zu müssen. Eine schlimme Sache.
Es ist aber noch mal etwas ganz anderes, wenn Boulevardjournalisten blind vor Sensationsgeilheit die falschen Fotos aus dem Internet klauen.
Am Samstag berichtete “Bild” über ein “blutiges Drama in der Studenten-WG”: Im Berliner Stadtteil Wedding soll ein Mann zunächst seine Mitbewohnerin getötet haben, ehe er selbst aus dem Fenster sprang. Und weil es den Leuten von “Bild” nicht reichte, Fotos zu zeigen, auf denen der schwer verletzte Mann und die tote Frau abtransportiert werden, haben sie sich ein bisschen im Internet umgesehen und ein Foto einer jungen Frau gefunden.
Angehörige und Bekannte der Abgebildeten waren schockiert, als sie die Frau auf der Startseite von Bild.de und in der Berliner Regionalausgabe von “Bild” als vermeintliches Mordopfer sahen. Doch Hannah W. lebt, das Mordopfer heißt Hanna K.
Im Eifer des Gefechts hatten die Fachleute für Leichenfledderei den Blog von Hannah W. aus Bremen gefunden und sich dort an einem Foto der jungen Frau bedient. Aus dem Impressum übernahmen sie Hannah W.s Studienfach und dichteten es der Toten an, obwohl aus dem selben Impressum klar hervorgeht, dass Hannah W. nicht Hanna K. heißt und 1985 geboren ist — das Mordopfer war 21.
Im Laufe des Samstags muss den Leuten bei Bild.de die Verwechslung dann doch irgendwie aufgefallen sein, jedenfalls nahmen sie das Foto von Hannah W. aus ihrer Bildergalerie und von der Startseite.
Heute nun erschien in “Bild” und auf Bild.de jeweils eine “Richtigstellung”:
Hannah W. erklärte uns auf Anfrage, dass “Bild” bisher keinen persönlichen Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Sie hat in ihrem Blog einen offenen Brief an “Bild” veröffentlicht und ihre Anwälte eingeschaltet.
Man kann sich als Laie ja gar nicht vorstellen, was es bedeutet, rund 4.400 Tonnen bedrucktes Papier an einem Tag gleichmäßig auf alle deutschen Haushalte zu verteilen. Genau das muss die Deutsche Post AG am 23. Juni machen, wenn sie für die Axel Springer AG ca. 41 Millionen kostenlose “Bild”-Jubiläumsausgabe ausliefert (BILDblog berichtete).
Neben den logistischen und technischen Herausforderungen scheint es ein weiteres Problem zu geben: Die Stimmung in den eigenen Reihen. Im “Postbotenforum” beklagen sich die eigentlichen Zusteller, die Postboten:
Kommt Leute das ist doch locker zu schaffen.Notfalls fahren wir alle Sontag morgen noch einmal Schwarz und Ohne Versicherungsschutz auf Zustellung damit der arme geknechtete Postvorstand auch ja seine dicken Boni Prämien einsacken kann. […]
Wieso stellt diese Sonderausgabe eigentlich nicht die PIN AG zu, schließlich war der Springer Verlag mal Mehrheitseigner und sollte doch seine Zöglinge unterstützen, aber nein – für solche Massenzustellung dafür ist die “blöde” gelbe Post gut genug. Die Post verdient daran und wir Zusteller gehen, wie meistens, leer aus. Und wenn man den Finger hebt: “Das ist ihr Job” und sie haben ja nicht einmal Unrecht. Wir müssen uns im Zeitalter von E-Mail & Ipods über jeden physikalischen Brief/Sendung freuen. Seufz. […]
Die mit ihrer beschissenen Bildzeitungsverteilung, sollen die doch so Aufsteller platzieren, wo sich jeder der den Schrott wirklich lesen will eine rausnehmen kann, vertig! Mit sonem Zeug muss man doch wirklich keinen Zusteller nerven! […]
Ach so, persönlich wollte ich meine Daten nicht an campact und/oder den Springerverlag weiterleiten. Daher überlege ich noch, ob ich die Dinger in der Nachbarschaft einsammle, ein paar Briefmarken opfere und das Papier zurückschicke (Müll soll vom Erzeuger entsorgt werden) oder nen “KEINE Bild in meinem Kasten”-Schild aufhänge.
Das deckt sich mit den Kommentaren von Post-Angestellten, die wir bei Facebook und per E-Mail erhalten haben.
Die Deutsche Post, die laut “Financial Times Deutschland” mit der Verteilaktion einen “niedrigen einstelligen Millionenbetrag” verdienen dürfte, hat unterdessen alles genau geplant, wie aus einer internen E-Mail an die Mitarbeiter hervorgeht, die uns vorliegt:
Sehr geehrte Damen und Herren,
in der heutigen Sonder-Freitagsmail möchte ich Sie über folgendes Thema informieren:
Bild für Alle
Am Samstag, den 23. Juni wird die Deutsche Post für den Axel Springer Verlag eine kostenlose Sonderausgabe der Bild-Zeitung zu deren 60. Jubiläum an sämtliche Haushalte verteilen.
Insgesamt werden fast 41 Millionen Exemplare an diesem einen Tag zugestellt. Damit handelt es sich um das größte Einzelprojekt in der Zustellung, das wir jemals durchgeführt haben. Es ist mit einer besonderen medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit zu rechnen.
Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe, habe gleichzeitig aber gehörigen Respekt davor. Ich vertraue auf Ihre Unterstützung mit Rat und Tat und hoffe, auch Sie sehen dem Ganzen mit Vorfreude und Respekt entgegen.
Noch einige Anmerkungen zum Betriebsablauf:
Die unadressierte Bild-Jubiläumsausgabe ist an sämtliche Haushalte zuzustellen. Weil es sich um ein Presseerzeugnis handelt, erhalten auch Werbeverweigerer (Briefkastenaufkleber “Keine Werbung”) ein Exemplar.
Es gibt nur zwei Fälle, in denen nicht zuzustellen ist:
Anzeigenblattverweigerer (Briefkastenaufkleber “Keine Anzeigenblätter”, “Keine kostenlosen Zeitungen”, und ähnliches): Diese erhalten kein Exemplar. Im Zweifel ist nicht zuzustellen.
“Widersprüchler”: Es gibt einige Personen, die gegenüber dem Axel Springer Verlag einer Zustellung der Bild-Jubiläumsausgabe schriftlich widersprochen haben. Diese Haushalte erhalten taggleich einen adressierten roten Umschlag (Großbrief C4), um sie in der Zustellung erkennen zu können. Überall dort, wo der rote Umschlag zuzustellen ist, darf keine Bild-Jubiläumsausgabe eingeworfen werden.
Die Bild-Jubiläumsausgaben sind jederzeit gesichert aufzubewahren, damit kein Exemplar vor dem 23.06. in die Hände Dritter gelangt.
Ich bin sicher, dass Sie durch eine optimale, umfassende Kommunikation unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Zeitpunkt genau bestens auf diese Aufgabe einstellen. Die notwendigen Materialien und Informationen haben Sie schon bekommen. Bei Öffentlichkeits-, Kunden- oder Presseanfragen verweisen Sie bitte ausschließlich an die Pressesprecher.
Ich zähle auf Ihren besonderen Einsatz, damit wir das Projekt erfolgreich meistern und so einen weiteren eindrucksvollen Nachweis liefern, als Deutsche Post erste Wahl für unsere Kunden zu sein!.
Ihr Feedback ist uns wichtig: Schreiben Sie uns Ihre Kommentare und Hinweise zur Freitagsmail an (…).
Mit freundlichen Grüßen
(…)
Wer an die Pressesprecher verwiesen wird oder sich direkt an sie wendet, sollte sich übrigens keine allzu großen Hoffnungen machen: Der “FTD” gegenüber sagte ein Post-Sprecher, man äußere sich nicht zu Kundenbeziehungen. Das ist immerhin mehr Rückmeldung, als wir bei unseren Kontaktversuchen bekommen haben.
Am 23. Juni sollen ca. 41 Millionen kostenlose “Bild”-Sonderausgaben ausgeliefert werden. So hatte es der Axel-Springer-Verlag mal geplant, dann sah es lange so aus, als ob das Projekt scheitern könnte. Doch jetzt gibt es deutliche Hinweise, dass tatsächlich (fast) jeder Haushalt in Deutschland ein Exemplar bekommen soll.
Im Januar war bekannt geworden, dass die Axel Springer AG offenbar eine große Sonderveröffentlichung zum 60. Geburtstag der “Bild”-Zeitung plant: Auf der Unternehmenswebsite war eine Liste mit Anzeigenpreisen für die “größte Auflage aller Zeiten” aufgetaucht, Mediendiensteberichteteninteressiert darüber.
In der Produktvorstellung schrieb die Axel Springer AG:
Am 24. Juni 2012 feiert BILD Geburtstag – feiern Sie mit! Zu diesem Anlass erhalten alle Haushalte in Deutschland am Samstag, den 23. Juni 2012 einmalig eine kostenlose Sonderausgabe der BILD geschenkt!
Diese einmalige Aktion geht mit der größten BILD-Auflage und Reichweite aller Zeiten einher!
BILD für ALLE wird inhaltlich einen Editionscharakter erhalten und einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft spannen.
Werden Sie ein Teil der größten Vertriebsaktion in der Geschichte von BILD – und sichern Sie sich eine Werbefläche in dieser Ausgabe!
Bei einer Kooperation der Initiative “Alle gegen Bild” mit der Graswurzelorganisation Campact kamen seit Mitte April bisher knapp 230.000 Widersprüche gegen die Belieferung mit der kostenlosen “Bild”-Sonderausgabe zusammen. Bei einer Protestaktion vor der Berliner Konzernzentrale versuchte sich “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann mal wieder am Konzept “Selbstironie”, als er belegte Brötchen an die Demonstranten verteilte.
Positive Nachrichten über sein geplantes Großprojekt gab es auch keine zu vermelden. Die Branchenzeitschrift “Kontakter” hatte schon Anfang April berichtet, dass das ganze Projekt “auf der Kippe” zu stehen schien:
Offenbar bekommt das Mammutprojekt im Anzeigenmarkt weniger Zuspruch als erwartet. Zudem ist immer noch nicht klar, mit welchem Vertriebspartner die Haushalte beliefert werden sollen.
Die Axel Springer AG hat sich zu der geplanten Aktion bisher eher bedeckt gehalten: Im Januar erklärte Sprecher Tobias Fröhlich nur, das Projekt befinde sich “momentan in der Planungsphase”, im April versicherte er auf Nachfrage des Studentenmagazins “Pflichtlektüre”, dass alle Widersprüche beachtet würden, wenn es eine entsprechende Verteilaktion gebe, und der WDR berichtete Ende April:
Dabei ist offenbar noch gar nicht sicher, dass es die Gratis-Bild überhaupt in der geplanten Form geben wird. Das PDF-Dokument, in dem der Verlag bei potentiellen Anzeigenkunden für das Projekt geworben hatte, hat der Verlag im Januar wieder aus dem Netz genommen. Nun teilt das Unternehmen mit: “Es ist richtig, dass Bild über solch eine Geburtstagsaktion nachdenkt und derzeit Gespräche mit potentiellen Anzeigenkunden führt.” Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, so Unternehmenssprecher Fröhlich weiter.
Das klang nicht so richtig optimistisch. Die Preisliste, durch die die Planungen öffentlich geworden waren, war übrigens schon recht früh wieder von der Springer-Seite verschwunden.
Doch jetzt scheint es so, als werde die Aktion doch durchgeführt: Die Deutsche Post AG bereitet sich offenbar intensiv auf die Verteilung von mehr als 40 Millionen Gratis-“Bild”-Ausgaben vor und hat nach unseren Informationen damit begonnen, ihre Mitarbeiter zu unterrichten.
In einem internen Schreiben, das uns vorliegt, heißt es:
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
heute wurden Sie mit entsprechender Anweisungen über die Jubiläumsaktion “Bild für alle” des Axel Springer Verlags (ASV) informiert.
Im Rahmen dieser Aktion sollen am Samstag, 23. Juni 2012 bundesweit an sämtliche Haushalte in Deutschland und 41 Mio. unadressierte Exemplare der Bild-Zeitung zugestellt werden (~ 107 gr.).
Da es sich um ein Presseerzeugnis handelt, sollen die Sendungen auch an Werbeverweigerer (Hinweis “Bitte keine Werbung”) zugestellt werden. Empfänger mit dem Hinweis “Keine kostenlosen Anzeigenblätter” o.ä. dürfen keine Jubiläumsausgabe der Bild erhalten.
Zusätzlich hat ASV kommuniziert, dass alle schriftlichen Widersprüche, die rechtzeitig an ASV gerichtet werden, auch ohne Hinweis am Briefkasten beachtet werden.
Alle Widersprecher erhalten am Aktionstag eine adressierte, großformatige Infopostsendung in einem auffälligen roten Umschlag. An Empfänger, die diese Sendung erhalten, darf in keinem Fall die Jubiläumsausgabe vom ASV zugestellt werden.
Wir bitten Sie, alle Qualitätsmanager und Zusteller umfassend über diese Aktion zu informieren und hinsichtlich der Bedeutung der korrekten Zustellung der Sendungen sowie der Beachtung der Verweigerer und Widersprecher zu sensibilisieren. Zeitnah erhalten Sie den Originalumschlag, sowie eine möglichst ähnliche Kopie der Jubiläumsausgabe (finaler originaler Titel wird uns voraussichtlich nicht gegeben), damit kurz vor der Aktion unsere Infowurf-Tafeln entsprechend bestückt werden können.
Wir haben auf verschiedenen Wegen versucht, von der Pressestelle der deutschen Post eine offizielle Bestätigung zu bekommen — bisher erfolglos.
Auch hätten wir gerne erfahren, was es genau mit dem auffälligen roten Umschlag auf sich hat. Bis zum 23. Juni müssen wir uns aber offenbar mit dieser schematischen Darstellung in Graustufen begnügen:
Wer keine “Bild”-Sonderausgabe in seinem Briefkasten haben will, kann nach wie vor Widerspruch einlegen.
Hinweis/Korrektur, 12. Juni: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir geschrieben, bei “Alle gegen Bild” und Campact hätten insgesamt rund 350.000 Menschen Widerspruch eingelegt. Diese Zahl ist falsch und basiert auf einem Rechenfehler. Tatsächlich sind es dort bisher knapp 230.000 Widersprüche.
Wortspiele haben bei Bild.de eine ganzeigene Tradition.
Umso mehr muss sich die Redaktion gefreut haben, als heute Morgen die Meldung über die Ticker lief, dass eine Kuhherde in der Nähe von Chemnitz ausgebüxt war und einen Polizeiwagen überrannt hatte.
Auf diese Gelegenheit hatten die Autoren von Bild.de bestimmt schon sehr lange gewartet. Denn endlich war die Zeit für diese Überschrift gekommen:
Im Text heißt es:
30 Bullen und Kühe durchbrachen Freitagnachmittag ihren Weidezaun. (…) Die örtliche Polizei schickte mehrere Wagen, um die Bullen und Kühe von den Schienen fernzuhalten, forderte auch Unterstützung der Autobahnpolizei an. (…) Als die acht Bullen und Kühe vor dem Streifenwagen standen, gerieten sie in Panik…
Blöd ist nur: In der Herde waren gar keine Bullen. Sowohl in der dpa-Meldung als auch in der Pressemitteilung der Polizei ist lediglich von “Kühen” die Rede.
Auf Nachfrage hat uns die Pressestelle der zuständigen Polizeidirektion bestätigt, dass die Herde ausschließlich aus “einjährigen Kühen”* bestand.
Obwohl sie sich ihre Wortspiele bei “Bild” sonst nicht von der Realität kaputtmachen lassen, hat Bild.de heute im Laufe des Nachmittags die Überschrift des Artikels geändert:
Im Text und im Seitentitel sind die hinzugedichteten Bullen aber nach wie vor unterwegs.
Mit Dank an Sascha M.
* Nachtrag/Hinweis, 12. Juni: Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass der Begriff “Kuh” streng genommen auch falsch ist. Denn ein weibliches Rind wird erst dann als Kuh bezeichnet, wenn es ein Kalb zur Welt gebracht hat. Hierzulande kalben weibliche Rinder aber in der Regel erst mit zwei Jahren.
Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].
2. “ComputerBild, die Fotomontage und das Urheberrecht” (presseschauder.de, Christoph Keese)
Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs bei Axel Springer, versucht zu erklären, warum “Computer Bild” schrankenloses Kopieren propagiert. “Wegen der geschilderten Regeln zum Binnenpluralismus sage ich hier nur ganz allgemein, dass ich die Berichterstattung von ComputerBild mit Blick auf das Urheberrecht auch nicht immer optimal fand.” Siehe dazu auch “Huch. Ein Mem erschaffen?” (plus.google.com, Hanno Zulla).
3. “‘Closer ist das aggressivste Printobjekt'” (meedia.de, ga.)
Für Medienanwalt Christian Schertz begeht das Magazin “Closer” mit seiner Berichterstattung einen “kalkulierten Rechtsbruch”. “Closer verletzt nahezu wöchentlich Persönlichkeitsrechte meiner Mandanten.”
4. “20minuten-Meldung zu YB-Fan ‘von A-Z falsch'” (knappdaneben.net, Manuela Schiller)
Eine Rechtsanwältin wendet sich gegen eine Meldung aus der Printausgabe von “20 Minuten” über die Gerichtsverhandlung ihres Mandanten.
5. “Abschreckende Berichterstattung?” (blog.tagesschau.de, Daniel Asche)
Daniel Asche kommt in Lemberg mit Fußballfans in Kontakt, die eine abschreckende Berichterstattung in Deutschland über die Ukraine konstatieren. “Wenn ich alles geglaubt hätte, was da zu lesen war über die Ukraine, hätte ich fast um mein Leben fürchten müssen. Dabei ist alles ganz anders. Die Menschen sind so wahnsinnig freundlich hier.”
6. “‘L’Obs’ censuré à Marseille!” (tempsreel.nouvelobs.com, Lisa Vaturi, französisch)
Die Wochenzeitung “Le Nouvel Observateur” erscheint mit einem Titelbild, auf dem die Politikerin Marie-Arlette Carlotti zu sehen ist und verschwindet aufgrund einer dringlichen Verordnung der Behörden (“arrêté municipal pris en urgence”) von Kiosken in Marseille. Siehe dazu auch “A Marseille, la liberté de la presse muselée” (macarlotti.com, Marie-Arlette Carlotti, französisch).
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1. “Verlag muss wegen werblicher Vereinnahmung fiktive Lizenz für Veröffentlichung eines Promi-Fotos zahlen” (beck-aktuell.beck.de)
2008 zeigte die “Bild am Sonntag” Gunter Sachs beim Lesen dieser Zeitung, worauf Sachs den Axel-Springer-Verlag verklagte. Nun fällte der Bundesgerichtshof sein Urteil. “Der beklagte Verlag könne sich demgegenüber nicht auf ein überwiegendes Informationsinteresse berufen. Vielmehr habe das Persönlichkeitsrecht des Klägers Vorrang gegenüber dem nur als gering zu veranschlagenden Interesse der Öffentlichkeit an der Neuigkeit, dass der Kläger auf seiner Jacht die Zeitung ‘Bild am Sonntag’ liest. Dabei sei auch berücksichtigt worden, dass der beklagte Verlag mit der Veröffentlichung des Fotos in unzulässiger Weise in die Privatsphäre des Klägers eingegriffen habe.”
2. “Die Herren des Weltbilds” (faz.net, Harald Staun und Peter Körte)
Ein Ausblick auf die Fußball-Europameisterschaft mit einer Analyse der UEFA-Reglemente: “Alles ist mehr oder minder klar geregelt: Wann und wie oft etwa während des Spiels Zeitlupenwiederholungen gesendet werden, wie lange der Jubel auf den Rängen dauert, in welchen Spielsituationen ein Umschnitt von der Totalen in die Halbnahe fällig wird.”
3. “Der Igel frisst keine Artikel” (sueddeutsche.de, Heribert Prantl)
Wenn das geistige Eigentum konsequent geschützt werde und geschützt bleibe, könne man auf ein zusätzliches Leistungsschutzrecht verzichten, schreibt Heribert Prantl in einem historischen Exkurs zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger: “Es soll Leistungen honorieren, die nicht dem Urheberrecht unterliegen. (…) Wer die Informationsfreiheit verteidigen will, darf das Leistungsschutzrecht ablehnen. Das Urheberrecht muss er verteidigen, weil es den kenntnisreichen und geistreichen Umgang mit Information schützt.”
5. “Skizze für die Zeit nach ARD und ZDF” (vocer.org, Lorenz Matzat)
Lorenz Matzat malt sich aus, wie eine “neu geschaffene öffentlich-rechtliche Internet & Medien Anstalt IMA” aussehen könnte.
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1. “Verschweigen, was ist” (freitag.de, Jakob Augstein)
Jakob Augstein schreibt angesichts des anstehenden 60. Geburtstags über die Rolle, die die “Bild”-Zeitung heutzutage spielt. Er streift dabei unter anderem das Verhältnis von “Bild” und “taz”, die Arbeit von BILDblog-Mitbegründer Stefan Niggemeier und die Bemühungen von “Bild”, “ganz normalen Journalismus” zu machen: “Das macht die Zeitung noch gefährlicher. Aber nicht wegen der Artikel, die dort erscheinen. Sondern wegen derjenigen, die nicht erscheinen.”
2. “Vorstoß für ESC-Ausschluss” (blog.prinz.de, Matthias Breitinger)
Der Eurovision Song Contest könnte vor einem Umbruch stehen, denn ihr Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion (EBU), plant angeblich Reformen: “Eine Reihe von Mitgliedern der Rundfunkgemeinschaft will nicht länger hinnehmen, dass in manchen EBU-Ländern die Meinungs- und Pressefreiheit und demokratische Mindeststandards verletzt werden und die EBU nichts unternehmen kann. Neue Regeln sollen etwa die Möglichkeit erlauben, solchen Ländern die Teilnahme am Eurovision Song Contest zu verweigern.” Treffen könnte es z.B. Ungarn und den diesjährigen ESC-Ausrichter Aserbaidschan.
3. “Stille Post mit Holocaust” (pannor.de, Stefan Pannor)
Am Montag hat Stefan Pannor bei “Spiegel Online” darüber geschrieben, dass in der aktuellen Ausgabe von “Micky Maus Comics” in einer Sprechblase das Wort “Holocaust” relativ unmotiviert auftaucht. Nun dokumentiert er, wie die Geschichte ihre Runde um die Welt machte — und wie sie sich dabei veränderte.
4. “ZEIT Online und die Urheber” (blogonade.de, Lukas Bischofberger)
Lukas Bischofberger entdeckt auf “Zeit Online” ein Foto, das er selbst bei photocase.de hochgeladen hatte. Gemäß der dortigen Regeln hätte “Zeit Online” ihn entweder als Urheber nennen oder sehr viel mehr Geld bezahlen müssen. Getan haben sie offenbar beides nicht. (Nachtrag: Der Hinweis auf die Urheber war nur gut versteckt.)
6. “Der Kuzy” (stefan-niggemeier.de/blog)
Stefan Niggemeier flicht Stefan Kuzmany, Redakteur bei “Spiegel Online”, einen Kranz. Kuzmany habe eine neue journalistische Textgattung erschaffen: den sich von sich selbst distanzierenden Text.
Es gibt in Deutschland Menschen, die nennen Moslems öffentlich “Jammertürken”, “Muselaffen”, “Muselgeier”, “Talibanfurzer”, “windelpupsende Mamasöhnchen”, “Arschhochbeter”, “Ziegenschänder”, “Eselficker” oder schlicht “Gesoxe” – und verstecken sich selbst dabei hinter Fantasienamen wie “Kreuzritter”, “RadikalDemokrat” oder “Islamophobius”.*
Und es gibt Menschen, die bieten diesen Leuten ein Forum. Die Betreiber der Internetplattform “politically incorrect” (kurz PI) sind solche Menschen. Sie nennen sich “Islamkritiker”, sind aber Islam-/Moslemhasser – und Thilo Sarrazin ist ihr Gott einer ihrer Helden.
Warum auch? Schließlich geht es darin ja scheinbar nur um die kurdischstämmige Journalistin Mely Kiyak, die in einer ihrer häufig sehr streitbaren Kolumnen (erschienen in “Berliner Zeitung”, “Frankfurter Rundschau” sowie in den Online-Ausgaben beider Zeitungen) den Buchautor Thilo Sarrazin eine “lispelnde, stotternde, zuckende Menschen-Karikatur” genannt hatte – was (angesichts der Tatsache, dass Sarrazins rechte Gesichtshälfte seit einer Tumor-OP 2004 teilweise gelähmt ist), nun ja, womöglich nicht die beste Idee der Welt war. Jedenfalls nahmen beide Zeitungen die Kolumne kommentarlos aus ihrem Online-Angebot, und die “Berliner Zeitung” druckte am Freitag sogar eine “Klarstellung”, in der Kiyak ihre Wortwahl sehr bedauert.
Aus Kiyaks “Klarstellung”:
“[…] Meine Intention war zu keinem Zeitpunkt, ihn persönlich herabzusetzen. Thilo Sarrazin erscheint als Diskutant ungewöhnlich und erfordert aufgrund seiner Sprache, Gestik und Mimik Toleranz und Rücksichtnahme. Selbst verweigert er aber diese Rücksichtnahme und Toleranz hinsichtlich Erscheinungsbild, Lebensformen, Herkunft und Disposition Anderer. Mir ging es darum, auf seine eigenen – nicht körperlich bedingten – Unvollkommenheiten in seinem Auftritt hinzuweisen; wie ich jetzt finde, mit unzulässigen Mitteln. Wenn ich den physiologischen Hintergrund gekannt hätte, hätte ich das Bild nicht gewählt. Ich bedauere das sehr! […]”
So weit, so unschön und, ja, berichtenswert – auch, wenn man bei genauerer Lektüre der “Klarstellung” erkennt, dass Kiyak sich darin, anders als “Bild” in Überschrift und Text suggeriert, mit keinem Wort entschuldigt – schon gar nicht bei Sarrazin (siehe Kasten). Aber das nur nebenbei.
Denn Kiyak schrieb weiter:
In den letzten Tagen erreichte mich allerdings auch eine gesteuerte und organisierte Beschwerdewelle, die die Grenzen der Empörung weit überschritt und sich nur noch in blankem Hass äußerte.
Wie solche “Beschwerdewellen” aussehen, hat Kiyak (aber bei weitem nicht nur sie) bereits häufiger erleben müssen und darüber sogar schon öffentlich berichtet – auch über die Auslöser: Islamhasser-Seiten wie PI nämlich dokumentieren islamhasserkritische Texte gern mit der Nennung von E-Mail-Adressen und weiteren Kontaktmöglichkeiten der Kritiker – und überlassen den Rest der geneigten Leserschaft…
“Bild” jedenfalls fasst das, was Kiyak in der “Klarstellung” schildert, dennoch (Hervorhebung von uns) als “eine angeblich ‘gesteuerte und organisierte Beschwerdewelle'” zusammen – hat dann aber noch eine weitere Kiyak-Geschichte parat:
Kürzlich attackierte sie in einem anderen Zusammenhang sogar einen ihrer Leser. BILD liegt eine E-Mail vor, die Kiyak am 18. Mai an Markus L. (Name geändert) schickte. Der hatte ihr in höflicher Sprache einen Leserbrief auf eine ihrer Kolumnen geschrieben.
Mely Kiyak schrieb L. zurück: “(…) Und auch sonst schreiben Sie so dämliche Grütze, dass man es kaum fassen kann. Als Zeitung schämen wir uns in Grund und Boden, solch einen flachgewichsten Leser wie Sie zu haben!”
Doch der Halbsatz “BILD liegt eine E-Mail vor” ist lächerlich – und irreführend: Die E-Mail (inhaltlich eher eine Art Manifest islamophober Überfremdungsängste mit persönlichen Anwürfen gegen Kiyak als Reaktion auf eine ihrer islamkritikerkritischen Kolumnen) wurde bereits vor einer Woche ins Internet gestellt – veröffentlicht auf journalistenwatch.com, einer privaten Website des Bundes-Pressesprechers der rechtspopulistischen Partei Die Freiheit, die auf vielfältige Weise mit der eingangs erwähnten Islamhasser-Seite PI verbandelt ist. Und nicht nur das. Der E-Mail-Wechsel wurde vor dem “Bild”-Artikel auch auf PI (und vielen anderen, ähnlichen Websites) dokumentiert – zusammen mit zahllosen beleidigenden PI-Leserkommentaren und dem redaktionellen Hinweis: “[D]iese abartigen Ausfälle einer Mely Kiyak darf man einfach nicht unkommentiert stehen lassen. Hier der Kontakt zur Frankfurter Rundschau, die dieser moslemischen Furie eine regelmäßige Plattform bietet: (…)” Außerdem hat journalistenwatch.com sogar eine Pressemitteilung zum Thema verschickt – zufälligerweise unmittelbar vor der “Bild”-Veröffentlichung.
Dafür, dass der “Bild”-Artikel nun, so wie er veröffentlicht wurde, in der Islamhasser-Szene bejubelt wird, kann “Bild” nichts. Beifall von der falschen Seite ist leider nie völlig ausgeschlossen. Aber: Dass in dem “Bild”-Artikel selbst kein (distanziertes) Wort über das unappetitliche und menschenverachtende Umfeld steht, das Kiyaks Entgleisung hervorgerufen und überhaupt erst öffentlich gemacht hat, ja, dass “Bild” sogar den Hintergrund der ganzen Auseinandersetzung, also die kritische Berichterstattung über die Islamhasser-Szene, komplett ausblendet, kann kein Zufall sein!
Der “Bild”-Artikel über Kiyak beginnt mit den Worten:
Ich hatte das schon fast wiedervergessen, aber ich glaube, ich kenne die Antwort.
Nun: Am Mittag wurde der Kader vorgestellt und Tony Jantschke ist ebenso wenig dabei wie Patrick Helmes, den “Bild am Sonntag” gestern “fast sicher” nominiert wähnte.
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 20.20 Uhr: Zahlreiche Leser haben uns darauf hingewiesen, dass in dem “Bild”-Artikel oben noch ein Fehler steckt: Die Nominierungsfrist für den finalen Kader endet am 29. Mai, nicht – wie von “Bild” behauptet – am 25.
2. Nachtrag, 8. Mai: Das ist lustig: Auf Bild.de steht jetzt “Den endgültigen 23er-Kader muss er am 29. Mai der Uefa melden”.
Anfang März schaffte es die “Bild”-Zeitung, die Ergebnisse einer differenzierten Untersuchung über Einstellungen von Muslimen in Deutschland so zu verfälschen, dass sich mit ihnen Panik, Schlagzeilen und Agenturmeldungen generieren ließen. “Bild” hatte die Studie offenbar vorab bekommen — die Frage war nur, von wem.
Marietta Slomka fragte im ZDF-“heute journal” bei einem naheliegenden Verdächtigen nach, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU):
Slomka: … weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die “Bild”-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine “Schock-Studie”.
Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.
Slomka: Nachmittags. Die “Bild”-Zeitung hatte sie schon gestern.
Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die “Bild”-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)
(Slomka wurde für ihre Fragen von der “Bild”-Zeitung zur “Verliererin” des Tages gemacht, siehe Ausrisse rechts.)
Auch im Bundestag dementierte das Innenministerium, die Studie an “Bild” lanciert zu haben. Innenstaatssekretär Christoph Bergner sagte dem Parlament: “Es hat keine öffentliche oder wie auch immer geartete Übergabe dieser Studie durch das Bundesinnenministerium an die Medien gegeben.”
Das stimmt nicht.
Auf eine Anfrage der Links-Partei musste das Ministerium jetzt einräumen, dass die “Bild”-Zeitung von der Pressestelle vorab ein Vorabexemplar der Studie erhielt, angeblich zur Vorbereitung eines Interviews mit dem Minister.