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Schlecht gelaunter Faust am Montagmorgen

Ein Gastbeitrag von Nils Minkmar

Kai Diekmann ist berühmt, reich, hat eine nette Familie und macht einen Job, der schon ganz andere verschlissen hat. Wann also schreibt der Mann ein Buch? Und vor allem: Warum?

So lassen sich die Reaktionen der versammelten Buchbranche auf die Verlagsankündigung zusammenfassen. Nicht dass man es Diekmann nicht zugetraut hätte; man hatte ihn bloß für so schlau gehalten, sich nicht aus der Deckung seiner Boulevardzeitung von monströsen Ausmaßen heraus zu bewegen. Schließlich gehört zum “Bild”-Mythos, dass man wenig über ihre Macher weiß, dass man nie weiß: Spaß oder Ernst, Schlamperei oder Zynismus, Chaos oder Kampagne? Ist es da wirklich von Vorteil, ins eindeutige, uncoole Sachbuchfach zu wechseln? Mutig geht Diekmann ins Offene, doch die Jahre bei “Bild” bleiben nicht ohne Wirkung: Überall, wo er hinsieht, hindenkt, ist “Bild” schon da, er dreht sich permanent im Kreis, wie Rilkes Panther, den es in eine Manege verschlagen hätte.

“Der große Selbstbetrug” ist schon ein verräterischer Titel. Man hätte das Buch auch “Die bösen 68er “oder “Was ich immer schon mal sagen wollte” nennen können, so aber ist Diekmann damit gar nicht ausgenommen: Er ist zugleich Betrüger und Betrogener, beides empfindet er als einen Skandal und nimmt Verfolgung auf. Der Leser muss dann den Nacken bewegen wie die Zuschauer in Wimbledon, es geht hin und her, aber es bleibt doch nur die Bewegung eines einsamen Chefs beim Monologisieren. Sein Blick fällt aus einem oberen Stockwerk auf das Land, die Leute, das eigene Leben und — nichts stimmt.

Wem fallen dazu nicht noch mehr Beispiele ein?

Es ist ein Hadern mit der Welt von Faustischen Dimensionen, das sich streckenweise aber liest wie das Geschimpfe im Büro am Montagmorgen: Die Leute zu neugierig oder zu stumpf, die Deutschen wie der Michel verpennt oder laut und verzogen, und alle beklagen sich immerzu, dabei geht es uns doch so gut wie nie. So gut wie nie? Alles Selbstverblendung, denn die Familien sind kaputt, die Kirchen leer, die Schulen schlecht. In Wahrheit wird alles immer schlechter. Immer schlechter? Das wollen uns die deprimierenden Umweltfreaks weismachen, die keine Freude am Leben und am Luxus haben. Luxus? Alle denken nur noch an den schnellen Euro, vornedran die Politiker und Wirtschaftsbosse, dass der kleine Mann immer weniger in der Tasche hat, kümmert sie nicht. Kümmern? Der Staat und die Medien schränken unsere persönliche Freiheit immer mehr ein, schon muss man sich im Auto anschnallen und den Hundedreck einsammeln. Hunde sind den Deutschen eh lieber als Kinder, die einzigen, die das anders sehen sind die Nichtdeutschen, die Ausländer, die Araber etwa haben viele Kinder und hassen Hunde, aber, hah, der Islam in Deutschland… so geht das Seite um Seite. Wenn man all diese Tiraden zusammenzufassen wollte, bräuchte nur eine einzige Gleichung auf seinen Block zu kritzeln: “Deutschland = Absurdistan”. Darauf kann man alles reduzieren, dann kann es wieder weitergehen, denn wem fallen dazu nicht noch mehr Beispiele ein? Schließlich ist das ganze Leben ja absurd.

Vom Genre her soll der “Selbstbetrug” aber kein existentialistischer Monolog eines um sich selbst kreisenden Mannes in der Lebensmitte sein, sondern ein Buch über Deutschland. Es reiht sich ein in eine Folge in den letzten Jahren erschienener Titel, in denen es den Autoren jeweils um eine Klärung ihres Verhältnisses zu ihrer Heimat, aber auch um eine Begutachtung der deutschen Lande ging. Mathias Matussek hat das in “Wir Deutschen” versucht, Roger Willemsen und Wolfgang Büscher haben sich persönlich auf die Reise gemacht, Experten wie Hans Werner Sinn oder Meinhard Miegel haben von ihren extensiven Studien profitiert.

Bei Diekmann aber wirkt die Liebe zum Land, die Sorge um seine Leute bloß behauptet. Der “Selbstbetrug” ist kein konservatives Buch, denn es fehlt ihm die Liebe zum Gegenstand. Wer Deutschland nicht kennt, wird nach der Lektüre jedenfalls nicht inspiriert, das Land nach vorne zu bringen. Nirgends beschreibt er es auf originelle Weise, nirgends spürt man wirkliche Neugier, es fehlt jegliche Erfahrung, es fehlen Menschen in diesem Buch. Sicher, der “Bild”-Chef kennt halb Deutschland, und zwar nicht unbedingt aus der vorteilshaftesten Perspektive. Er weiß um die Versuche, in sein Blatt zu kommen, und die entsprechenden Scheinheiligkeiten. In seinen Schubladen landen Fotos, die keiner sehen darf, er weiß vermutlich einfach zu viel und hat, wie einst John Lennon, von Leuten die Nase voll.

Schade, denn was könnte Diekmanns Leben, sein Alltag, für ein Buch über Deutschland abgeben?

Stattdessen dieses Recycling tausendmal gehörter Argumente gegen Multikulti und Windkrafträder. Das Problem des Standpunktes, von dem aus diese ganzen Thesen vorgetragen werden, erweist sich im Laufe der Lektüre immer gravierender. Denn Diekmann hat keine Verbesserungsvorschläge zu machen, sein Furor richtet sich ja, sobald er einmal in der Welt ist, wieder gegen sich selbst. Das Buch braucht aber ein Gegenüber, einen Antagonisten. Da Diekmann nicht auf Aliens rekurrieren kann und nicht die Ausländer anklagen möchte, braucht er eine andere, weit entfernte Spezies, das sind dann halt “die Achtundsechziger”. Sie sind natürlich die ganze Generation — unabhängig von der Frage, ob damals nicht etwa auch der RCDS oder die Burschenschaftler auch noch da existierten.

Ist Dieter Bohlen ein Vorbild in puncto Familiensinn?

Wer zufällig solche von damals kennt, solche Achtundsechziger, kann nur staunen, welche fulminante Macht Diekmann ihnen zuschreibt: Wirtschaft, Forschung, Religion und Familie haben sie gleichzeitig erledigt. In Wahrheit waren sie damals froh, Miete zahlen zu können und ihre klapprigen Autos im Griff zu behalten — die Diekmannschen Projektionen sind schlicht lächerlich, er kennt auch gar keine Achtundsechziger. Umso leichter schreibt er ihnen alles und das Gegenteil zu, und doof sahen sie außerdem aus. Na, sie werden sich ja gegen ihn auch kaum wehren. Denn wo sind die Achtundsechziger heute? Fröhlich in Rente, einen würdigen Gegner geben sie nicht mehr ab. Aber den braucht es nicht. Diekmann will gar nicht wirklich kämpfen, sondern klagen — unter anderem dagegen, dass so viele immer klagen.

So trifft der Diekmannsche Furor vor allem ihn selbst, er und die “Bild” kommen aus diesen Rundumschlägen grün und blau hervor. Oder ist Dieter Bohlen, der dank “Bild” weit größeren Einfluss auf die heutigen Deutschen hat, als ihn ein Rainer Kunzelmann auch zu seiner Zeit vor vierzig Jahren je hatte — ein solches Vorbild in puncto Familiensinn und christliche Werte? Und das Comeback Oskar Lafontaines, welches Diekmann so wortreich beklagt und analysiert — wäre es denkbar gewesen ohne das Massenmedium “Bild”, das ihn in den Zeiten seiner völligen politischen Isolation Woche für Woche zu Wort kommen ließ?

Diekmann kennt die Antworten besser als jeder andere, und das macht ihn nicht gerade glücklicher. Das Buch ist sein langer Seufzer, ein Zeugnis der Krise. Es würde nicht überraschen, wenn ein zweites Buch folgte, anknüpfend an einen Erfolgstitel, irgendwas mit “Ich bin dann mal im großen Selbstverlust, wie wir pilgernd hinter Klostermauern das Glück finden.”

Nils Minkmar, 40, ist Redakteur im Feuilleton der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Er besuchte Pierre Bourdieus Doktorandenseminar, promovierte in Neuer Geschichte mit einer Arbeit über Ehrenkonflikte im frühneuzeitlichen Colmar und arbeitet seit vielen Jahren an einer mehrbändigen Jodie-Foster-Biographie.

Hamsterrad mit Dieselantrieb

“Diesel” kommt von “Jeden Tag dieselbe Meldung”.
(Unbekanntes Sprichwort)

Man sollte sich die Arbeit eines “Bild”-Redakteurs auch nicht zu aufregend vorstellen. Viele Tage sind mit entsetzlich langweiligen Routineaufgaben gefüllt. Dauernd wird zum Beispiel der Sprit teurer.

Ja, das muss dann jedesmal jemand aufschreiben. Also, “jedesmal” im Sinne von jedesmal. Als kleines Mittel gegen die totale Trostlosigkeit wechselt der diensthabende “Bild”-Benzin-Redakteur wenigstens von Zeit zu Zeit den Referenz-Rekordmonat:

Auch für Normal- und Superbenzin müssen die Autofahrer ganz tief in die Tasche greifen: Pro Liter werden derzeit durchschnittlich 1,39 Euro bzw. 1,40 Euro fällig! Damit liegen die Preise nur noch vier Cent unter den bisherigen Höchstkursen vom Oktober 2005.
“Bild”, 7. November 2007.

Superbenzin kostet 1,41 Euro pro Liter – drei Cent mehr als vor einer Woche und nur noch drei Cent weniger als beim Allzeit-Hoch im September 2005.

“Bild”, 13. Juli 2007.

Im bundesweiten Schnitt kostet ein Liter Super jetzt 1,40 Euro und nur noch 4 Cent weniger als beim Allzeithoch im September 2005.

“Bild”, 4. Mai 2007.

Der Liter Super kostet im Bundesschnitt 1,36 Euro, Diesel 1,16 Euro. Das sind die höchsten Preise seit August 2006, als Sprit mehr als 1,40 kostete.

“Bild”, 14. April 2007.

Die Ausschläge der Spritpreiskurve scheint “Bild” auch deshalb so minutiös dokumentieren zu müssen, weil sie noch unberechenbarer sind als das Wetter im April. Eine Entwicklung, die sich heute anzudeuten scheint, kann sich am nächsten Tag schon in ihr Gegenteil verkehrt haben.

Trotz steigender Ölpreise wird Benzin laut ADAC billiger: Der Liter Super kostet im Schnitt 1,33 Euro (- 3,2 Cent zur Vorwoche) (…).

“Bild”, 18. Oktober 2007.

Der hohe Ölpreis kommt an der Zapfsäule an! (…) Super ist 2 Cent teurer, kostet 1,39 Euro/Liter.

“Bild”, 19. Oktober 2007.

Besonders frustrierend bei der ganzen Plackerei muss für “Bild” sein, dass sich der verdammte Spritpreis (anders als zum Beispiel die Bundesregierung) weigert, das zu tun, was “Bild” sagt. Am 23. Mai 2007 titelte das Blatt:

Aber statt zu “explodieren”, wie “Bild” behauptete, ging der Preis in den folgenden Wochen sogar um ein paar Cent zurück. Im Oktober ist ihm das Blatt in seiner Verzweiflung nun sogar entgegen gekommen:

Nix da. Aktueller Stand (laut “Bild” von heute) 1,40 Euro. Das ist nichtmal ein Höchststand in diesem Jahr.

Aber wenn sich da was Neues tut, steht es garantiert in “Bild”. Und wenn nicht, auch. Man sollte sich die Arbeit eines “Bild”-Redakteurs nicht zu aufregend vorstellen.

Reichtigstellung

Sie steigt aus ihrem grünen Mini, am Kudamm. Hochhackige Stiefel, enge Lederhose, Seidenjacke mit teurem Fuchskragen drauf. Die große Handtasche ist von Yves Saint Laurent, neueste Kollektion, mindestens 1000 Euro. Ariane Röhl (40), Investment-Bankerin aus Charlottenburg, hat alles erreicht. Sie ist erfolgreich, schön, reich.

So begann “Bild” gestern (als Teil ihrer Porträt-Serie “Berlin — Die Stadt der Gegensätze”) einen Text mit der Überschrift “Ich bin reich”. Der Investment-Bankerin gegenübergestellt war unter der Überschrift “Ich bin arm” eine obdachlose Frau.

Und in der heutigen “Bild” findet sich (ebenfalls auf der “Gegensätze”-Seite) eine kleine 38-Zeilen-Meldung. Unter der berückenden Überschrift: “Reichtum kommt von Herzen” heißt es darin:

(…) Die Investment-Bankerin legt Wert darauf, dass es ihr in dem Interview, insbesondere im Vergleich zu [der obdachlosen Frau] nicht um finanziellen Reichtum ging. “Reichtum kommt von Herzen, hat überhaupt nichts mit Geld zu tun”, sagt Ariane Röhl. “(…) Wer reich aber ausschließlich auf Geld bezieht, ist im Grunde genommen ein armer Mensch.”

Aber wer tut sowas schon?

Erben bringen Glück

Ach ja. Die Politiker reformieren die Erbschaftssteuer, was soll dabei schon herauskommen? Sowas natürlich:

Höhere Steuern! Erben wird jetzt doch teurer

Und der “Bild”-Leser, der diese Meldung heute auf der Seite 1 sieht, sagt vermutlich sowas wie: “Naja, typisch”, fühlt sich in seinem Urteil über die Politik im Allgemeinen wie im Konkreten bestätigt, und freut sich, dass wenigstens seine Zeitung das Elend täglich notiert.

Denn in den meisten anderen Zeitungen steht heute nichts davon, dass “Erben privater Vermögen und Immobilien sich auf deutlich höhere Steuern einstellen müssen” (Ausrufezeichen). Auch morgen wird es kaum anders sein. Verena Köttker, Chefreporterin im “Bild”-Hauptstadtbüro, steht mit ihrer Aussage sehr allein da.

Kein Wunder. Denn als Ausgleich dafür, dass Immobilien nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes in Zukunft mit einem höheren Betrag als bisher versteuert werden müssen, werden die Freibeträge für nahe Verwandte erheblich erhöht: um 63 Prozent für Ehepartner, 95 Prozent für Kinder und 290 Prozent für Enkel. Sie werden zum Beispiel in aller Regel, wie bisher, das normale Eigenheim nicht versteuern müssen. Die Zahl der Fälle, in denen überhaupt Erbschaftssteuer gezahlt werden muss, wird nach den Worten des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch deutlich zurückgehen.

Für nahe Familienangehörige wird das Erben also tendenziell billiger. Belastet werden nur Geschwister oder entferntere Verwandte.

Wie kommt “Bild” aber zu der Formulierung, Erben werde “jetzt doch” teurer? Womöglich bezieht sich das auf die Behauptung, die Freibeträge wären “deutlich weniger als zuvor versprochen”. Aber auch das stimmt bestenfalls in Bezug auf die Enkelkinder. Bei ihnen waren bislang höhere Freibeträge im Gespräch: Mindestens 250.000 Euro statt nun 200.000 Euro.

Aber aktuell liegt der Freibetrag für Enkel nur bei 51.200 Euro. Sie profitieren also besonders stark von der Reform. Und bei ihnen ist die “Bild”-Schlagzeile “Höhere Steuern!” ganz besonders falsch.

6 vor 9

Schreiben macht arm
(zeit.de, Gabriele Bärtels)
Für viele ist Journalismus ein Traumberuf. Nach zehn Jahren als freie Autorin kann Gabriele Bärtels nur davor warnen, ihn zu ergreifen.

Mediale Randale…
(amerikanist.kaywa.ch)
“Bei grösseren Ereignissen errichten die Wahlkampfstäbe der Kandidaten erhöhte Plattformen, damit die Medien besser gaffen und die TV-Kameras die jeweiligen Politicos erregend ablichten können. Die medialen Beziehungen auf diesen Plattformen sind leider extrem problematisch.”

“Kriegserklärung an England”
(stern.de, Tobias Schülert)
Madeleines Bild auf Zwieback-Packungen und Reiniger-Flaschen: Das Satire-Magazin “Titanic” sorgte mit dieser Anzeigenparodie für helle Aufregung in Großbritannien. Im stern.de-Interview verrät Martin Sonneborn, Erfinder der Anzeige, seine Absichten – und warum er sich auf Klagen freut.

“Wir reagieren nur”
(sueddeutsche.de, Arno Makowsky)
Darf man Witze machen über die vermisste Madeleine? Nach einem umstrittenen Artikel im “Titanic”-Magazin spricht Autor Martin Sonneborn über seine aktuelle Satire.

“Das Web ist die Plattform”
(turi-2.blog.de)
Xing-Chef Lars Hinrichs, spricht im turi2-Interview aus aktuellem Anlass über den Anti-Facebook-Pakt OpenSocial, die neue Offenheit seine Business-Networks und sein enges Verhältnis zu Google. Außerdem beanwortet er die Frage, ob er Xing nicht lieber gleich an Google verkaufen will.

Sorry PR people: you’re blocked
(longtail.com, Chris Anderson)
I’ve had it. I get more than 300 emails a day and my problem isn’t spam, it’s PR people.

Tote haben kein Privatleben

FAZ: Sie wollen mir weismachen, daß jemand, der sein Privatleben kategorisch für sich behalten will, ungeschoren bleibt?

Kai Diekmann: Selbstverständlich: Wer sein Privatleben privat lebt, bleibt privat.

Anfang dieser Woche ist Evelyn Hamann gestorben, und es gibt keinen Zweifel daran, dass sie ihr Privatleben privat lebte. “Bild” selbst schrieb:

Die große Schauspielerin hatte ihr Privatleben von der Öffentlichkeit abgeschottet. Ihre tödliche Krankheit genauso wie ihr großes Glück.

“Nur einmal wäre es beinahe öffentlich geworden, dass die zwei sich liebten (…). (Sie) hatten 1993 gemeinsam Urlaub gemacht (…) Ein Hamburger erkannte die beiden, als sie sich sonnten. Und zückte die Videokamera. (…) wurde unfassbar wütend.”


Quelle: “Bild”, 31.10.2007

“Bild” schrieb das am Mittwoch. Am Tag zuvor schon hatte die Zeitung eben jener Öffentlichkeit exklusiv die Details über die tödliche Krankheit verraten. Und am Mittwoch lüftete sie dann auch das andere Geheimnis, das nach Ansicht von Evelyn Hamann offenbar die Öffentlichkeit ebenso wenig anging: den Namen des Mannes, der — laut “Bild” — ihr langjähriger Lebensgefährte war.

Man könnte sagen: Der laut Kai Diekmann bei “Bild” geltende Respekt vor Menschen, die ihr Privatleben privat leben wollen, erlischt automatisch im Moment ihres Todes. Richtiger ist allerdings wohl: Er gilt gar nicht.

PS: Was “Bild” über das Privatleben von Evelyn Hamann zu berichteten wusste, fand sich anschließend in einer Reihe weiterer Medien. Und zu befürchten ist, dass der zuständige Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AP nicht einmal merkte, wie sehr seine Formulierung die gemeinsame Bigotterie entlarvt:

Aus ihrem Privatleben, das Hamann stets aus der Öffentlichkeit gehalten hatte, wurde unterdessen bekannt, dass sie und […] seit vielen Jahren ein Paar waren.

Kurz korrigiert (440)

Die Geschichte des HI-Virus muss wahrscheinlich komplett umgeschrieben werden. Entgegen der landläufigen Meinung stammt der AIDS-Erreger nicht aus Afrika, sondern aus Haiti. Zu diesem Schluss kommen Mitarbeiter der deutschen Boulevardzeitung “Bild” nach der Analyse von Agenturmeldungen:

"AIDS-Virus stammt aus Haiti"

Diese Theorie ist jedoch selbst im eigenen Haus nicht unumstritten. So gibt es Hinweise, dass die “Bild”-Mitarbeiter bei der Übernahme der Meldung schlampig gearbeitet haben und Sätze wie “HIV gelangte von Afrika über Haiti in die USA” oder “Wahrscheinlich war das Aidsvirus um das Jahr 1966 herum von Afrika nach Haiti gelangt” schlichtweg übersehen haben.

Mit Dank an Mario Z. für den sachdienlichen Hinweis.

Fliehen, floh, geflogen

“The Great Escape” dauert satte 172 Minuten, “Papillon” immerhin 150 Minuten, “Cool Hand Luke” 126 Minuten, “Escape from Alcatraz” 112 Minuten, “Down by Law” 107 Minuten und “The Defiant Ones” gut anderthalb Stunden. Die “Bild”-Meldung über die spektakuläre Flucht des “Ausbrecherkönigs” Nordin Benallal aus einem belgischen Gefängnis hingegen war gestern gerade mal zehn Zeilen lang. Und zwei davon hatte “Bild” für den Einleitungssatz verschwendet:

“Diese Flucht hätte Hollywood kaum besser inszenieren können.”

Aber so richtig happy schien “Bild” mit der filmreifen Flucht dann doch nicht gewesen zu sein — jedenfalls nicht happy genug, um sie nicht selbst ein wenig zu… “inszenieren”:

Freunde [des “Ausbrecherkönigs”] kaperten einen Hubschrauber, zwangen den Piloten im Gefängnishof (…) zu landen. Dann entschwebten sie mit dem Verbrecher.

Hubschrubschrub… und weg also. Oder um es mit “Bild” zu sagen:

"Ausbrecherkönig flieht mit Hubschrauber"

Wir haben keine andere Zeitung gefunden, die das behauptet — was daran liegen könnte, dass es nicht stimmt. Der Hubschrauber nämlich stürzte ab, weil sich Mitgefangene an die Kufen geklammert hatten, woraufhin der “Ausbrecherkönig” einen Wärter als Geisel nahm, das Gefängnis zu Fuß durchs Gefängnistor verließ und mit einem Kleintransporter davonfuhr.

Auch das hätte vermutlich in eine 10-Zeilen-Meldung gepasst. Doch offenbar passt “Bild” lieber die Wirklichkeit der Meldung an als umgekehrt.

PS: Weil der Flüchtling inzwischen wieder eingefangen wurde, hatte “Bild” heute noch eine zweite Chance, die gestrige Meldung zumindest nebenbei richtigzustellen. Aber warum den “Bild”-Leser unnötig verwirren.

Mit Dank an Christian H. für den Hinweis.

Very honored Mrs. Queen,

Auf dem Schreibtisch von Königin Elisabeth II. wird demnächst ein dicker Stapel Papier mit “Bild”-Logo liegen — jedenfalls, wenn es nach der “Bild”-Zeitung geht.

Europas größte Tageszeitung hat sich nämlich anlässlich der Halleschen Händel-Festspiele im Sommer 2009 was ausgedacht: Wenn da schon die britische Königin (gemeinsam mit dem Bundespräsidenten) die Schirmherrschaft übernommen hat, dann soll sie bitt’schön auch herkommen! Und damit sie auch wirklich kommt, fordert die “Bild”-Zeitung ihre Leser auf:

Schreiben Sie der englischen Königin, wie sehr Sie sich auf sie freuen!

Und damit die “Bild”-Leser nicht einfach so drauflosschreiben wie sonst, hat die “Bild”-Zeitung extra einen Brief an die britische Königin vorbereitet [pdf]*, der (so behauptet “Bild”) “genau der Hof-Etikette entspricht”.

Welcher Hof-Etikette genau es allerdings genau entspricht, die britische Königin in der Mitte des Formbriefs als “Your Royal Highness” (Eure königliche Hoheit) anzusprechen, weiß wohl nur “Bild”:

Denn wie uns die Britische Botschaft in Berlin auf Anfrage bestätigt (und wie man im Übrigen auch schön bei Wikipedia nachlesen kann), nennt man die britische Königin formell “Your Majesty” oder “Madam”. That’s it. “Your Royal Highness” hingegen ist nur was für Prinzen, Prinzessinnen und dergleichen.

*) Den Brief (der weitere sprachliche Fehler enthält und dessen Stil Muttersprachler “clumsy” und “cluttered” nennen) soll man übrigens ausdrucken und (obwohl an die Queen adressiert) an “Bild” schicken, die ihn dann zusammen mit den anderen an den Direktor des Händelhauses gibt, der sie seinerseits persönlich im Buckingham-Palast beim Privatsekretär der Queen abliefern will, der die “Bild”-Briefe dann wiederum…

Mit Dank an Hanns K. und Allan D.

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