Suchergebnisse für ‘BILD’

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Journalisten, umarmt die Blogger!
(fr-online.de, René Martens)
“Manche Experten sind angesichts des fortschreitenden Umbruchs auf dem Zeitschriften- und Zeitungsmarkt der Ansicht, ein paar Visionäre stünden der Branche nicht schlecht zu Gesicht.”

Wolfgang Büchner, Spiegel Online
(turi-2.blog.de, Video, 5:58 Minuten)
Ein Interview mit Wolfgang Büchner, seit Januar 2003 stellvertretender Chefredakteur von Spiegel Online.

Die Schweiz in 660 560 000 000 Pixeln
(nzz.ch, Kurt Haupt)
Jedes Stückchen Schweiz wird alle drei Jahre aus der Luft neu fotografiert. Internet-Firmen wie Search.ch oder Google nutzen diese Bilder für vielfältige Auskunftsdienste. Bei einer Flughöhe von zwei Kilometern lassen sich auch noch fussballgrosse Objekte erkennen.

Dürfen die das?
(zeit.de, Christian Fuchs und Judith Scholter)
Auf dem Internetportal spickmich.de bewerten Schüler ihre Lehrer – anonym. Manche Lehrer fühlen sich an den Pranger gestellt und klagen gegen die Webseite. Der nächste Gerichtstermin ist am 12. März. Vorher bat die ZEIT zum Streitgespräch.

Ärzte und Kliniken im Internet angeprangert
(welt.de, Claudia Liebram)
Im Internet können Nutzer Ärzte und Kliniken bewerten. Die sind nicht immer begeistert. “Arzt-Bewertungsportale halten oft nicht, was sie versprechen”, meint die Stiftung Gesundheit. Die Geschmähten lassen das nicht auf sich sitzen. Ein Portal zur Beurteilung von Kliniken fand sich jüngst vor Gericht wieder.

Keeping your job in journalism
(ojr.org, Robert Niles)
Competition is back in journalism, and many reporters are losing their jobs in the confusion. Here are some tips to help you avoid that end.

Das ist ja ‘n dicker schund!

Als sich kürzlich ein “BILD-Leser-Reporter” online bei der GEZ anmelden wollte, wurde er im Anmeldungsprozess aufgefordert, einen “Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart” (kurz Captcha) einzugeben. Die automatische generierte Buchstabenfolge lautete:

whitler

Und sagen wir’s so: Celia, Larry, Sean und James hätten vermutlich kurz gestutzt und sich gefreut.

Bild.de hingegen… ach, sehen Sie selbst:

"Was ist da denn los?Leser sollte sich mit -hitler- bei der GEZ anmelden

Mit Dank an Thomas, Gecko78, Hendic, Wolfgang S., Robert H., Heiko Z., Philet und den Hitler-Blogger für den Hinweis.

Mobiles Korrekturkommando im Einsatz

Die Berliner Polizei hat am vergangenen Montag zwei Verdächtige bis nach Hamburg verfolgt, die dort offenbar plötzlich und unerwartet eine Postfiliale überfielen. Sie waren bewaffnet und bedrohten die Filialleiterin. Die Polizei ließ die Täter gewähren, griff erst kurz vor Berlin zu, nahm die Täter fest und stellte offenbar auch das geraubte Geld sicher.

Ende gut, alles gut? Nicht für die “Bild”-Zeitung. Die dokumentierte gestern auf einer knappen Seite (siehe Ausriss) die “Fehler der Pannen-Observation” und schrieb:

Die Täter stoppten ihren Mercedes vor der Post in Altona. (…) Die Beamten hätten jetzt, spätestens aber beim Auframmen der Glastür zuschlagen müssen.

Wir sind keine Polizisten. Schon gar nicht gehören wir zur Abteilung für organisierte sowie qualifizierte Banden- und Eigentumskriminalität oder zum Mobilen Einsatzkommando der Berliner Polizei. Insofern können wir nicht beurteilen, ob die “Bild”-Zeitung in ihrer Gefahreneinschätzung richtig lag, als sie gestern über das vermeintliche Versagen der “Berliner Elite-Einheit” berichtete. In einem nicht ganz unwesentlichen Punkt lag “Bild” aber offenbar falsch:

Die Mercedes-Limousine [der Verdächtigen] ist verwanzt, mit einem GPS-Sender ausgestattet. Die Beamten können problemlos folgen, alle Gespräche im Auto mit anhören.

(…)

Die Ermittler hörten die Gespräche der Räuber mit der Wanze im Auto ab. Trotzdem griffen sie nicht ein.

Auf der Mauer, auf der Lauer

“Mit Nachdruck weist der Leiter der Abteilung für organisierte sowie qualifizierte Banden- und Eigentumskriminalität Bernd Finger die in der BILD-Zeitung erhobene Kritik an einem ‘skandalösen Polizeieinsatz’ der Berliner Polizei in Hamburg zurück. ‘Nicht der Einsatz als solches ist zu kritisieren, sondern diese Berichterstattung’ (…). Entgegen der Berichterstattung einiger Zeitungen war das Fahrzeug der Verdächtigen nicht ‘verwanzt’, d.h. ein Mithören der Gespräche war den Ermittlern unmöglich.”

Dass das nicht zutrifft, lässt sich zum einen einer Pressemitteilung der Polizei entnehmen (siehe Kasten).

Zum anderen schreibt “Bild” heute lediglich:

Berliner Polizisten verfolgten sie, hatten Peilsender am Auto angebracht.

Davon, dass das Auto verwanzt gewesen sei, ist in “Bild” heute indes keine Rede mehr.

Mit Dank an Götz N. und Jason für den sachdienlichen Hinweis.

Auch bei den Moslems hat die Wurst zwei III

Wir hatten am Montag versprochen, noch ein Statement der Religionswissenschaftlerin und FDP-Politikerin Ina Wunn nachzureichen. Wir tun es gern.

Wunn war nämlich in einem Artikel der “Bild”-Zeitung zum Fall des “kleinen Phillipp” zitiert worden (siehe Ausriss). Nach der einseitigen Darstellung der “Bild”-Zeitung, war Phillipp von seiner Schulleiterin zu einer Stunde Müllsammeln verdonnert worden, weil er Cocktail-Würstchen mit muslimischen Mitschülern geteilt hatte. Einem Artikel der “Leine-Zeitung” (eine Regionalausgabe der “HAZ”) zufolge stellte die Schulleitung den Vorfall jedoch ganz anders dar. Für die Strafe sei entscheidend gewesen, dass Phillipp sich über Mitschüler lustig gemacht habe; ein etwaiger religiöser Hintergrund habe dabei keine Rolle gespielt.

Wir hatten bereits vermutet, dass Ina Wunn, als sie sich der “Bild”-Zeitung gegenüber äußerte, die Darstellung der Schulleitung nicht bekannt war, wollten es aber genau wissen. In ihrer Antwort-Mail schreibt Wunn nun, sie sei von “Bild” zwar korrekt wiedergegeben worden, “wenn auch leider nicht mit einem ausführlichen und differenzierten Statement”:

“Nicht ganz glücklich war ich vor allem auch, mich auf einer Seite zusammen mit insgesamt doch recht schlichten und einseitigen Leserbriefen zu finden.”

Aber um zu unserer eigentlichen Frage zu kommen: Ina Wunn war die Darstellung des Vorfalls seitens der Schulleitung nicht bekannt, als sie sich “Bild” gegenüber äußerte. Zwar habe sie vermutet, dass der Hintergrund ein etwas anderer sein könnte, als der in “Bild” dargestellte, grundsätzlich vertraue sie aber der Recherche von “Bild”. Denn, so schreibt Wunn zu unserer Überraschung:

“Bild ist die Zeitung mit den wenigsten Gegendarstellungen, weil sie für ihre sorgfältige Recherche (im Gegensatz z.B. zur HAZ) bekannt ist.”

  

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn im Wortlaut

Die FDP-Politikerin und Religionswissenschaftlerin Ina Wunn auf unsere Anfrage, ob ihr, als sie sich gegenüber der “Bild”-Zeitung zum Fall des “kleinen Phillipp” äußerte, die Darstellung des Vorfalls seitens der Schulleitung bekannt war oder nur aus oder von “Bild” wusste, wie sich das ganze zugetragen haben soll:

“Ich bin in der Bildzeitung im Wortlaut richtig wiedergegeben worden, wenn auch leider nicht mit einem ausführlichen und differenzierten Statement. Nicht ganz glücklich war ich vor allem auch, mich auf einer Seite zusammen mit insgesamt doch recht schlichten und einseitigen Leserbriefen zu finden. Dass die Geschichte insgesamt einen etwas anderen Hintergrund haben könnte, als der in “Bild” dargestellte, habe ich vermutet, wobei ich aber grundsätzlich der Recherche von Bild vertraue. Bild ist die Zeitung mit den wenigsten Gegendarstellungen, weil sie für ihre sorgfältige Recherche (im Gegensatz z.B. zur HAZ) bekannt ist.

Meine Aussage war und ist dem Sinn nach folgende:

1. Das Teilen von Nahrung ist grundsätzlich etwas Gutes und gehört mit zu den höflichen Umgangsformen.

2. In unserer Gesellschaft gibt es inzwischen sehr differenzierte Essgewohnheiten; manche sind weltanschaulich oder religiös begründet, andere ethisch (Vegetarier) oder medizinisch (kein Fleisch, nur Fisch), wieder andere beruhen nur auf persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Letztlich ist heute jeder selbst dafür verantwortlich, was er essen will und was er von angebotenen Speisen annimmt oder ablehnt. Dabei muß jeder, auch der Erwachsene, einen Ausgleich zwischen seinen Grundsätzen und den Geboten der Höflichkeit finden.

3. Nicht günstig fand ich im genannten Fall die Reaktion der Schulleiterin, weil durch die von ihr verhängte Strafe wieder ein sehr einseitiges und ungünstiges Licht auf die Muslime fällt. Sie erscheinen dadurch in der Öffentlichkeit wieder als diejenigen, die durch ihre religiösen Vorstellungen für Unruhe sorgen. Die Schulleiterin hat, und das war der Kern meiner Aussage, den Belangen der muslimischen Kinder durch ihre Reaktion eher geschadet. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass ich als Religionswissenschaftlerin bekannt dafür bin, mich für die unbedingte Gleichberechtigung und Akzeptanz der Muslime und des Islam einzusetzen. Und genau deshalb fand ich, dass es der Reaktion der Schulleiterin an Gelassenheit und kulturellem Fingerspitzengefühl mangelte.

4. Als Mutter von 3 Kindern und Professorin, die u.a. zukünftige Lehrer ausbildet, halte ich sowieso nichts von Strafen als pädagogisches Mittel. Hier wäre stattdessen Klärung, vielleicht in einer Unterrichtseinheit, am
Platze gewesen. So hätte der Delinquent eine Chance zur Einsicht gehabt. Stattdessen wird er nun zum Medienstar – das Gegenteil des eigentlichen Erziehungsziels wurde erreicht.

5. Und zuletzt eine kleine, aber notwendige Rückfrage zum Verhalten der muslimischen Kinder: Wenn der fragliche Knabe kein unbeschriebenes Blatt war und sie schon mit einer Provokation rechneten, warum haben sie die Würstchen angenommen und gegessen? Muslime, die es mit den Speisevorschriften genau nehmen, pflegen nämlich eigentlich gar kein Fleisch unbekannter Herkunft zu essen, da auch Rindswürstchen oder Putenwurst dann nicht halal sind, also aus vorschriftsmäßiger Schlachtung kommen.”

Hieb- und stichdurchlässig

Nicolaus Fest ist Mitglied der “Bild”-Chefredaktion und neuerdings auch Bild.de-Kolumnist.

In seiner Kolumne “Hieb- und stichfest schreibt er heute unter der Überschrift “Schlafe ruhig, Deutscher Presserat” (und erstaunlicherweise mit dem Begriff “hurriyet” in der Adresszeile) über die Berichterstattung “der türkischen Zeitungen wie Milliyet und Sabah” über den Häuserbrand in Ludwigshafen. Die hätten nämlich – “unwidersprochenen Übersetzungen in deutschen Medien zufolge” – u.a. über “Spuren von Neonazis” am Tatort spekuliert. Fest schreibt:

Vor allem aber wundert angesichts derart massiver Verletzungen aller journalistischer Grundregeln das Schweigen des Deutschen Presserats. (…) laut Beschwerdeordnung kann der Presserat auch aus eigenem Antrieb und unabhängig vom Vorliegen einer Beschwerde tätig werden.

Warum dann jetzt diese auffällige Ruhe?

Wenn es um angebliche Schleichwerbung geht oder um den Persönlichkeitsschutz krimineller islamistischer Ex-Kommandanten wie Khaled al-Masri, ist dem Presserat die öffentliche Selbstdarstellung ein hohes Anliegen. Aber in einem Fall an der Grenze zur Volksverhetzung, wo durch vorsätzlich falsche Berichterstattung Türken und Deutschen gegeneinander aufgebracht wurden, kommt – gar nichts.

Schlafe ruhig, Deutscher Presserat.

Holla, möchte man Fest da zurufen. Oder lieber: Moment mal!

Denn abgesehen davon, dass wir den Eindruck haben, es handele sich beim Presserat ohnehin um eine vergleichsweise verschlafene Instanz; mal abgesehen davon auch, dass Fest sich mit den Hinweisen auf “angebliche Schleichwerbung” und “Khaled al-Masri” zweifellos auf Presseratsrügen gegen “Bild” beziehen dürfte; und ganz abgesehen davon, dass sich “Bild” als meistgerügte Zeitung vermutlich vor Rügen kaum noch retten könnte, wenn der Presserat sich tatsächlich aus eigenem Antrieb alle journalistischen Fehlleistungen der “Bild”-Zeitung vorknöpfte – abgesehen davon also, haben wir einfach mal beim Presserat nachgefragt.

Und Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns sagt uns…

  • … erstens: Der Presserat werde “fast nie” von sich aus tätig, weil es innerhalb des Presserats (als zur Hälfte von den Verlegern getragenem Organ der freiwilligen Selbstkontrolle) “schwer kommunizierbar” sei, wenn man von sich aus “Beschwerden generieren” würde — und “das weiß auch Herr Fest”.
  • … zweitens: Zur Ludwigshafen-Berichterstattung türkischer Zeitungen “liegt bereits eine Eingabe vor”, mit der sich der Presserat befassen werde.
  • … und drittens: Es stehe der “Bild”-Zeitung ebenso wie Nicolaus Fest “selbstverständlich” frei, eine Beschwerde an den Presserat zu schreiben.

Hinweis in eigener Sache: “Bild” und die Axel Springer AG haben sich ja wiederholt beim Presserat darüber empört, dass BILDblog Beschwerden gegen “Bild” eingereicht hat. Am 12. März will das Plenum des Presserats darüber beraten. Mehr dazu hier.

Lange Nase, kleine Ohr’n

Diverse Medien und Nachrichtenagenturen aus verschiedenen Ländern berichten, dass die UBS-Bank eine Prognose zum Ausgang der Fußball-EM 2008 erstellt hat, nach der Tschechien Italien im Endspiel im Elfmeterschießen besiegen wird. Also werde Tschechien Europameister.

Bild.de hingegen berichtet, dass die UBS-Bank eine Prognose zum Ausgang der Fußball-EM 2008 erstellt hat, nach der Italien Tschechien im Endspiel im Elfmeterschießen besiegen wird. Also werde Italien Europameister – und drehe “uns”, so Bild.de, “wieder eine Lange Nase”.

Mit Dank an Alexander W. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 20.30 Uhr (mit Dank an Florian R.): In der offiziellen Pressemitteilungsmail der UBS lautet die Überschrift übrigens:

"UBS Wealth Management Research prognostiziert: Tschechien wird Europameister"

Wider die gnadenlose Selbstbeherrschung II

Als “Bild”-Kolumnist Peter Heinlein kürzlich schrieb, die britische Presse sei bzgl. der Geheimhaltung von Prinz Harrys Einsatz in Afghanistan bei einer “Presseverhinderungsabsprache und gnadenlosen Selbstzensur erwischt worden”, war das offenbar nicht nur zynisch (weil die Geheimhaltung, wie berichtet, vor allem dem Schutz vor Anschlägen diente), sondern auch ahnungslos und irreführend.

Denn die “Bild”-Zeitung selbst, als deren Autor sich Heinlein empört, spielt eine seltsame Rolle bei der Enthüllung von Prinz Harrys Aufenthaltsort.

BILDblog dokumentiert:

“Ist Prinz Harry im Krieg?

Wo steckt Prinz Harry (23)? Seit Wochen ist er verschwunden. Keine öffentlichen Auftritte, keine peinlichen Party-Ausfälle. Nun geht das Gerücht: Er ist im Krieg!

Ein Insider des britischen Königshauses sagte dem Magazin ‘Frau im Spiegel’: ‘Es ist durchaus denkbar, dass er im Irak oder in Afghanistan im Einsatz ist.’

Eine offizielle Stellungnahme gibt es dazu aber nicht. Oder: Es darf sie nicht geben. Wenn es um einen geheimen Einsatz des Prinzen geht, dann herrscht strikte Nachrichtensperre, heißt es aus Militärkreisen.”
(Quelle: Bild.de vom 26.2.2008)

Bereits einen Tag vor der “weltexklusiven” Enthüllung durch den Drudge Report nämlich stand bei Bild.de eine kleine Meldung (siehe Kasten) unter der Überschrift:

“Ist Prinz Harry im Krieg?”

Die “Harry im Krieg?”-Meldung fand – ähnlich wie bereits Wochen zuvor eine ähnliche Meldung des australischen Frauenmagazins “New Idea” – keinen Widerhall: weder hierzulande, noch anderswo. Jedenfalls nicht, bis sich der Drudge Report der Sache annahm und (wie u.a. die “New York Times” berichtet) zuerst unter ausdrücklicher Berufung auf “New Idea” und “Bild” aus den Afghanistan-Spekulationen eine Tatsache machte – um dann allerdings in einer überarbeiteten Fassung “New Idea” und “Bild” wegzulassen und die Geschichte als “world exclusive” auszugeben.

Und als wäre das alles nicht seltsam genug, sind die Ursprungsmeldungen bei “New Idea” (Screenshot hier) und Bild.de inzwischen nicht mehr verfügbar. Eine Anfrage bei “Bild”, warum und auf wessen Veranlassung Bild.de den eigenen Artikel gelöscht hat, wurde uns bislang noch nicht beantwortet.

Andererseits ist es umso erstaunlicher, dass die Bild.de-Meldung nicht nur dem Drudge Report als Quelle gedient haben soll, sondern “Bild” auch bei der Rekonstruktion der heiklen Enthüllung in vielen Medien und Agenturmeldungen überhaupt eine Rolle spielt. Denn eigentlich verbreitete Bild.de doch eh’ nur eine exklusive Vorab-Meldung der Illustrierten “Frau im Spiegel” weiter.

Aber so ist das wohl, Herr Heinlein: Ihre “Bild” ignoriert erst die Nachrichtensperre, entscheidet sich im Nachhinein zur gnadenlosen Selbstzensur und steht am Schluss weder zum einen noch zum andern.
 
Nachtrag, 14.28 Uhr: Inzwischen hat ein “Bild”-Sprecher auf unsere Frage, warum die “Harry im Krieg?”-Meldung auf Bild.de gelöscht wurde, geantwortet, er könne “dazu keine Auskunft geben”. Was im Blatt oder auf Bild.de erscheine, seien Entscheidungen der Chefredaktion – und diese Entscheidungen kommentiere man grundsätzlich nicht.

Auch bei den Moslems hat die Wurst zwei II

Es ist doch merkwürdig. Gestern noch berichtete “Bild” groß in ihrer Hannover-Ausgabe, dass diverse Experten “empört” seien ob der Tatsache, dass eine Schulleiterin einen Neunjährigen Schüler zu einer Stunde Müllsammeln verdonnert hatte (wir berichteten).

Und heute heißt es in “Bild”-Hannover plötzlich:

"Strafe für Würstchen-Geschenk an Moslem-Mitschüler: Warum hilft keiner dem kleinen Philipp?"
Von Politikern und Experten kommt keine Hilfe für Philipp.

Die Zitate in “Bild”

Honey Dehimi: “Man sollte abwarten, bis der Fall geklärt ist, um sich eine abschließende Meinung zu bilden.”
Landesschulbehörde: “Wir gehen der Sache nach. In Zusammenarbeit mit dem zuständigen Kultusministerium überlegen wir, wie wir reagieren werden.”
Maria Böhmer: “Der Fall zeigt, wir stehen vor einer neuen Situation, auf die die Schulen besser vorbereitet werden müssen.”
Heister-Neumanns Sprecherin: “Unsere Recherchen sind noch nicht abgeschlossen, deshalb äußern wir uns nicht dazu.”

“Bild” hat versucht, noch mal von der Landesschulbehörde eine Stellungnahme zu bekommen, von der Landesbeauftragten für Integration Honey Deihimi, von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Maria Böhmer und sogar vom Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. Wulff “äußert sich zu dem Vorfall nicht”, stellt die “Bild”-Zeitung enttäuscht fest. Ähnlich konsterniert reagiert sie auf die Äußerungen der anderen Befragten:

Nichts sagen will zum jetzigen Zeitpunkt eben so Honey Dehimi: (…). Auch bei der Landesschulbehörde gibt man sich wortkarg. (…) Wenig hilfreich ist auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Dr. Maria Böhmer (57): (…)

"Ministerin schaltet sich ein!"Und heute ist “Bild” sogar von Schulministerin Elisabeth Heister-Neumann enttäuscht. Dabei gehörte die doch gestern noch quasi zu den empörten Experten und “Bild” hatte groß vermeldet “Ministerin schaltet sich ein!” (siehe Ausriss) Heute dagegen:

Elisabeth Heister-Neumann (52, CDU) schweigt.

Man könnte also sagen, die “Politiker und Experten” tun heute genau das, was alle von Anfang an hätten tun sollen: Sie bilden sich kein Urteil über etwas, dessen Hintergründe sie nicht, oder nur aus oder von der “Bild”-Zeitung kennen.

Dennoch steht der “kleine Philipp” nicht ganz alleine da. Unterstützung findet er vor allem auf islamfeindlichen Internetseiten wie beispielsweise “politically incorrect”. Außerdem meldet sich die rechtspopulistische Bürgerbewegung Pro Hannover zu Wort. Unter Bezugnahme auf die “Bild”-Zeitung fordert sie in einer Pressemitteilung “Gerechtigkeit für den kleinen Philipp”.

Übrigens: Das Foto des “kleinen Philipp”, das “Bild” heute wieder abdruckt und das ihn beim vermeintlichen Müllsammeln mit Eimer und Grillzange (!) auf dem Schulgelände zeigt, wurde nach unseren Informationen ohne Genehmigung der Schulleitung gemacht – ebenso das von “Bild” abfotografierte Foto der Schulleiterin, das immerhin verpixelt ist.

Mit bestem Dank für die kollegiale Unterstützung an die “Leine-Zeitung”.

Von Räubern und Räuberpistolen

“Der Bund der Steuerzahler lügt.” Auf diesen einfachen Satz bringt Florian Pronold, der stellvertretende finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, die Berechnungen, aus denen “Bild” heute eine großen Skandal-Aufmacher gestrickt hat.

Zumindest ist die Berichterstattung grob irreführend — und soll es offenkundig auch sein. Der zentrale Trick (neben einer plumpen optischen Täuschung) ist der, dass “Bild” mit den aufgeteilten Euros und Formulierungen wie “Millionen Arbeitnehmer werden Monat für Monat beim Blick auf den Lohnzettel blass” den Eindruck erweckt, hier gehe es um die Differenz von Brutto- zu Netto-Lohn. “Bild” und der Steuerzahlerverein nehmen als Ausgangspunkt aber eine Zahl, die gar nicht auf den Lohnzetteln auftaucht: die Beträge, die ein Arbeitgeber insgesamt für einen Arbeitnehmer zahlen muss, also der Brutto-Lohn plus die Sozialbeiträge, die der Arbeitgeber abführen muss.

Den Netto-Lohn hat “Bild” dafür künstlich verkleinert und von dem Geld, das der Arbeitnehmer ausgezahlt bekommt, noch Verbrauchssteuern abgezogen (z.B. für 300 Zigaretten im Monat, Lebensmittel, Sprit, Kinobesuche).

Mit anderen Worten: “Bild” hantiert mit “Brutto”-Angaben, die mehr sind, als man landläufig unter “Brutto” versteht, und mit “Netto”-Werten, die kleiner sind, als man üblicherweise als “Netto” bezeichnet. Kein Wunder, dass die Differenz so riesig ausfällt.

Damit hört das Tricksen aber offenbar nicht auf: Laut Pronold haben “Bild” und der Steuerzahlerverein in ihrer Modellrechnung (Durchschnittsfamilie, 1 Kind) vergessen, das Kindergeld zu berücksichtigen. Rechne man es mit, sei die Steuerlast für die Familie dramatisch niedriger als von “Bild” angegeben.

Ganz und gar ignoriert die Rechnung natürlich, dass das Geld, um das der Staat “uns” “beraubt”, wie SPD-Mann Pronold fomuliert, “nicht im Hinterhof des Finanzministers verbrannt” wird, sondern für Leistungen u.a. bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter oder für Schulen, Universitäten und den Straßenbau aufgewandt wird.

Sicherheitshalber verlässt sich “Bild”-Wirtschaftschef Oliver Santen für seinen heutigen Kommentar aber nicht auf diesen Unsinn, den seine Kollegen Dirk Hoeren und Jan W. Schäfer zusammengetragen haben, sondern fügt ihm eigenen Unsinn hinzu. Er behauptet:

Steuer-Gier immer größer

Jetzt haben wir es erneut schwarz auf weiß: Steuern und Abgaben fressen uns auf!

Ob Soli, Öko-, Mehrwert- und bald Abgeltungsteuer — die Gier des Staates wird immer größer. (…)

Deshalb wird es höchste Zeit, dass die Politik Abgaben und Steuern senkt.

Dafür, dass die “Steuer-Gier” des Staates “immer größer” wird, gibt Santen keinen Beleg. Eine Möglichkeit, diese “Gier” zu messen, wäre die Staatsquote: das Verhältnis der Staatsausgaben zur gesamten Wirtschaftsleistung. Sie hat sich nach Angaben des Finanzministeriums in den vergangenen Jahren fast konsequent nach unten entwickelt. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat Mitte 2007 sogar eine Schätzung veröffentlicht, wonach die Staatsquote 2008 mit 42,9 Prozent das niedrigste Niveau seit über 30 Jahren erreichen soll.

Alternativ lässt sich die “Gier” des Staates mithilfe der Gesamtbelastung mit Steuern und Sozialabgaben beziffern. Die Quote ist nach einer Untersuchung der OECD in Deutschland geringer als in allen großen europäischen Volkswirtschaften. Die Deutschen zahlen danach zwar überdurchschnittlich hohe Sozialabgaben, aber sehr geringe Steuern. Und die Gesamtbelastung typischer Arbeitnehmerhaushalte ist nach einer OECD-Studie [pdf] zwischen 2000 und 2005 in Deutschland zurück gegangen.

Die “Bild”-Zeitung. Wenn man die ganzen Fehlinformationen und Manipulationen abzieht, bleiben gerade mal 48 Prozent übrig (siehe Grafik).

Mit Dank an Heiko S., Adrian C., Steffen B. und die anderen!

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