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Die Springers bei der Ackermann-Sause

An der Zeit kann’s nicht gelegen haben, dass es die Geschichte nicht mehr in die heutige “Bild”-Zeitung geschafft hat: Um 14.28 Uhr gestern nachmittag meldete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf “Report Mainz”, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zu seinem 60. Geburtstag 30 Gäste ins Kanzleramt habe einladen dürfen. “SPD, Grüne, Linke und der Bund der Steuerzahler monierten in der ARD, dass die Bürger die Kosten übernehmen mussten”, ergänzte die Agentur AP eine gute Stunde später. Weitere Agenturen verbreiteten die Nachricht ebenfalls noch am Montagnachmittag.

Sie ist deshalb heute in fast allen Zeitungen zu lesen: “Süddeutsche”, “FAZ”, “taz”, “Berliner Zeitung”, “Tagesspiegel” — auch die Springer-Zeitungen “Welt”, “Hamburger Abendblatt” und “B.Z.” berichten. Nur in “Bild” (Bundesausgabe und Berlin-Brandenburg) steht nichts über “Merkels ‘Sause’ für Ackermann” (“Berliner Kurier”), kein Wort. Wenn es nicht an der Zeit gelegen hat und nicht am Platz (notfalls hätte man das Thema sicher irgendwie noch in dem größeren “Bild”-Artikel “Jeden Freitag: Merkel schreibt Einkaufszettel für ihren Mann” auf Seite 1 unterbringen können) — woran dann?

Eine naheliegende Erklärung wäre die Person und Parteimitgliedschaft der betroffenen Politikerin (man male sich aus, wie die “Bild”-Zeitung heute ausgesehen hätte, wenn — sagen wir — Ulla Schmidt eine solche Party geschmissen hätte).

Eine weitere mögliche Antwort oder jedenfalls einen guten Anlass für Spekulationen liefert die “Rheinische Post” in ihrer Online-Ausgabe. Nach ihren Angaben gehörten zu den eingeladenen Geburtstagsgästen auch die Verlegerin Friede Springer und Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-AG, in der die “Bild”-Zeitung erscheint. Und Frank Schirrmacher, Herausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, der selbst ebenfalls dabei war, nennt auf FAZ.net einen weiteren Teilnehmer: Kai Diekmann, Chefredakteur von “Bild”.

Vielleicht waren das zwei, drei, vier gute Gründe für die “Bild”-Leute, die Geschichte in der Printausgabe sicherheitshalber erst einmal gar nicht zu bringen und sie online zu begraben. Denn bei Bild.de gibt es zwar einen Artikel “Deutsche Bank-Chef Ackermann: Geburtstagsfeier auf Staatskosten?” Der wird aber auf Bild.de nicht angekündigt, hat keinen Teaser und ist, anders als deutlich ältere Texte, nicht auf der Übersichtsseite im Ressort Politik verzeichnet. Man findet ihn ausschließlich über die Suchfunktion.

Mit Dank an Thomas, Arnt B., Mario G., Daniel P., Gunnar M., Martin R. und Sascha L.!

Nachtrag, 20.50 Uhr. Nun endlich widmet sich Bild.de nicht mehr nur versteckt dem Thema — und fragt, ganz “Bild”-untypisch:

Warum plötzlich so viel Aufregung?

Bild.de beantwortet das indirekt mit dem Fehlen von “großen Themen” im Wahlkampf und dem Kalkül von “Merkel-Gegnern” und schreibt:

Ausgelöst hat den plötzlichen Wirbel eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Gesine Lötzsch, über die “Report Mainz” berichtet hat.

In Wahrheit ist die Anfrage von Lötzsch schon aus dem vergangenen April. Ackermann selbst hat das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, als er in einem ZDF-Porträt über Merkel, das vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde, mit dem Empfang prahlte. Bild.de weiter:

Eingeladen waren Manager aus Dax-Konzernen, Mittelstandsbetrieben, Wissenschaftler, Vertreter aus Kultur und Medien — darunter auch TV-Moderator Frank Elstner.

Dass auch der eigene Chefredakteur, der eigene Vorstandsvorsitzende und die Verlegerin höchstselbst eingeladen waren, hält Bild.de nicht für erwähnenswert.

Nachtrag, 21.15 Uhr. Huch, nun gibt es sogar noch einen Bild.de-Artikel zum Thema. Dieser beseitigt letzte Zweifel, wie man bei “Bild” mit dem Fall umgeht:

Und wie das bei Einladungen im Kanzleramt häufiger der Fall ist, durfte der Geladene Vorschläge für die Gästeliste machen.

Daraus wollen Merkels Gegner plötzlich ein Wahlkampfthema machen.

Und zitiert aus dem FAZ.net-Artikel von Frank Schirrmacher:

Bereitwillig zitiert der Mitherausgeber der FAZ auch aus der Gästeliste: Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG), Kai Diekmann (BILD-Chefredakteur und -Herausgeber) und Wolfgang Schürer, Vorsitzender der Stiftung des Lindauer Nobelpreisträgertreffens, seien mit am Tisch gewesen.

Auch aus der Namensliste der “Rheinischen Post” zitiert Bild.de, lässt aber den Namen Friede Springer weg.

Berliner Zeitung, taz-Boykott, Focus

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Zitiert: Offener Brief der Redaktion der ‘Berliner Zeitung'”
(mediencity.de)
In der Redaktionsversammlung beschliesst die “Berliner Zeitung” einstimmig einen offenen Brief an ihre Verleger. Daraus: “Der Vorbesitzer Mecom hat die Zeitung ‘ausgequetscht wie eine Zitrone’; so hat es Chefredakteur Vorkötter Ende Juni formuliert. Wir haben uns aber nicht drei Jahre den Zumutungen David Montgomerys und seines Statthalters Josef Depenbrock widersetzt, um nun ähnliche Pläne erneut vorgesetzt zu bekommen.”

2. “‘Focus’ arbeitet an neuem wöchentlichen Ableger”
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Eine von mehreren Projektgruppen beim Wochenmagazin plant “einen völlig neuen ‘Focus'”: “Statt nur auf Fakten, Fakten, Fakten zu setzen, soll in dem neuen Ableger Platz sein, um in längeren Geschichten stärker in die Tiefe zu gehen.”

3. “Axel Springer wäre beinah ins Kloster gegangen”
(welt.de, Heimo Schwilk)
Welt.de (Verlag: Axel Springer) schreibt über ein Buch, in dem der Verleger erwähnt wird und spart dabei nicht mit Lob: “Der Autor Uwe Wolff widmet sich in einem längeren Kapitel dieser wenig bekannten Seite von Axel Springers Persönlichkeit. Wolffs Biografie ist ein Meilenstein in der Geschichte der Spiritualität des 20. Jahrhunderts und dabei spannend wie ein Roman geschrieben.”

4. Diskussionen zum Boykott der “taz”
(epd.de, dan)
Lorenz Maroldt, einer der Chefredakteure des Berliner “Tagesspiegel”, mahnt hinsichtlich des Leichtathletik-WM-Boykotts der “taz”, “es könne nicht sein, dass sich Journalisten mit einer solchen Aktion wichtiger nehmen als das Interesse ihrer Leser”. Und für Claudio Catuogno von der “Süddeutschen Zeitung” stehen “auf der einen Seite die Einschränkung unserer persönlichen Freiheit und auf der anderen das wichtigste Sportereignis dieses Jahres auf der Welt”.

5. “Schuld ist immer der Pressesprecher”
(nzz.ch, sig.)
Die “NZZ” arbeitet den “Fall Borer” aus dem Sommer 2002 auf, bei dem der Verlag Ringier für Falschaussagen 10’000 Franken bezahlt hat: “Medienskandale fordern Opfer, aber anders, als man gemeinhin denkt. Die fehlbaren Journalisten sind jeweils sehr rasch wieder im Geschäft.” So arbeiten Ralph Grosse-Bley und Frank A. Meyer derzeit in führenden Positionen bei Ringier.

6. “Laser + Sound test-0”
(youtube.com, Video, 2:10 Minuten)
Aus dem Ishikawa-Komuro Lab der Universität Tokio: Ein Notizblock und ein Laserstrahl.

Gratiszeitungen, Poschmann, Street View

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Umsonst ist der Tod”
(ftd.de, Lutz Knappmann)
Die Werbekrise verschärft den Wettbewerb zwischen den Gratisblättern – einige werden derzeit eingestellt. Nach Deutschland wage sich nach dem “Kölner Zeitungskrieg” niemand mehr. “Seither gibt es hierzulande keine Gratiszeitung mehr. Und so wird es wohl auch bleiben.”

2. “Empörung über ZDF-Reporter wächst”
(sueddeutsche.de)
ZDF-Sportreporter Wolf-Dieter Poschmann sagt über den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf: “Wenn man in Marzahn aufgewachsen ist und das unbeschadet überlebt hat, ist man zu allem fähig”. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, ist empört, ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz sieht die Aussage als “humoristische Randnotiz”.

3. “Was soll die Empörung über Google Street View?”
(blog.jacomet.ch, Andi Jacomet)
Andi Jacomet ärgert sich über den “Riesenaufstand” zur Einführung von Google Street View in der Schweiz: “Wieso gibts keinen Aufschrei, wenn die Tagesschau Strassen-Alltagsszenen sendet oder Zeitungen klar erkennbare Personen in Menschenansammlungen abdrucken, was täglich zig-fach vorkommt, wie diese Woche im ‘Bund’?”

4. “alpha- und beta-journalismus”
(gig.antville.org, Andrea Diener)
Andrea Diener über eine Buchrezension in der “Frankfurter Rundschau”: “Ich weiß ja, daß das für die Kollegen vom Qualitätsjournalismus wirklich schwer vorzustellen ist, aber es gibt tatsächlich so etwas wie eine Lust am Schreiben, die auch mit dem offiziellen abendlichen Ablegen des Redaktionsbleistiftes im modernsten Newsroom Deutschlands noch nicht restlos versiegt.”

5. “Presseeinfalt”
(wortfeld.de, Alexander Svensson)
Alexander Svensson schiesst am U-Bahn-Kiosk ein Foto von verschiedenen angebotenen Frauenzeitschriften.

6. Tippfehler im Titel der Zeitung
(probablybadnews.com)
Die Zeitung “Valley News” macht einen gravierenden Tippfehler auf der Titelseite (“Valley Newss”).

Millionen gelinkt

Ernst Cramer, der 96-jährige Vorstandsvorsitzende der Axel-Springer-Stiftung, hat für “Bild” einen Artikel über den “Teufels-Pakt” zwischen Hitler und Stalin geschrieben. Die Zeitung hat ihn auch online veröffentlicht und, wie üblich bei Bild.de, einzelne Wörter im Text mit früheren Artikeln verlinkt, um auf diese Weise die Klick-Zahlen in die Höhe zu treiben.

Cramer schreibt:

Das Wort “Millionen” ist, wie die Unterstreichung zeigt, ein Link. Er führt zu diesem Bild.de-Artikel über den Millionen-Jackpot in Italien:

Mit Dank an Carsten V.

Nachtrag, 23. August. Bild.de hat den makaberen Link (und alle weiteren) aus Cramers Text entfernt.

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Wie man mit Inhalten anderer Geld verdient

Dies hier ist die heutige Titelseite der “Bild”-Zeitung:

Und das hier ist — abgesehen vom Heraussuchen von drei vermutlich honorarfreien Fotos von RTL — die vollständige Eigenleistung der “Bild”-Zeitung bei der Aufmachergeschichte, mit der sie heute die Menschen am Kiosk zum Kauf animieren will:

Alles andere sind ausschließlich Zitate Jauchs in direkter und indirekter Rede, die aus dem aktuellen “Zeit Magazin” (rechts) stammen. Das hat ein langes Gespräch mit dem Moderator geführt, und “Bild” gibt die Zeitschrift sogar als Quelle an.

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, die “Bild” herausgibt, sagt (bezogen auf Google): “Es kann nicht sein, dass die einen für viel Geld wertvolle Inhalte erstellen und die anderen sie kostenlos kopieren und vermarkten.”

Der Satz gilt aber offenbar nur, wenn die anderen die anderen sind.

(Die Kollegen von Carta hatten angesichts der Titelgeschichte dieselbe Idee, waren aber deutlich schneller als wir.)

WAZ  

Künstliches Koma

Im Internet herrscht mal wieder helle Aufregung. Grund ist ein Artikel bei derwesten.de, dessen Überschrift besorgniserregend klingt:

Sucht: Junge Union lädt Jugendliche zum Koma-Saufen ein

Im gedruckten Bochumer Lokalteil der “WAZ” lautete die Überschrift etwas anders (“Empörung wg. JU-Angebot zum Koma-Saufen”), aber der Text ist identisch: Die Junge Union Bochum habe mit einem “im Internet kursierender[n] Aufruf an junge Leute ab 16 Jahren” für “helle Empörung” gesorgt.

“Der Westen” ergänzt noch, das Angebot “gleicht nahezu einer Aufforderung zum Koma-Saufen”, und beide Texte sind sich einig:

Es klingt wie Koma-Saufen: Die entsprechenden Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, sie gelten nur bis 23.30 Uhr, die Party beginnt aber erst ab 22 Uhr.

Plakat der Jungen Union BochumDas könnte man in der Tat glauben, wenn man die (nicht nur im Internet verbreitete) Einladung zur “Wahlparty” kurz vor der Kommunalwahl liest. Die unglückliche Formulierung “Gutscheine gültig bis 23:30 Uhr” bedeutet aber nicht etwa, dass die Gutscheine nach 23:30 Uhr verfallen, sondern – wie in der Discothek Playa auch sonst üblich – dass man sie nur bis halb Zwölf bekommt — sie bleiben dann gültig, bis die Disco schließt.

Auf der Website der Jungen Union Bochum heißt es in der Einladung auch:

Die JU stellt klar, dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf.

Dieser Satz war übrigens zwischenzeitlich aus dem Web-Auftritt der Jungen Union verschwunden, was man uns auf Anfrage mit einem “Fehler beim Copy & Paste” erklärte.

Die Junge Union stellte im Gespräch mit BILDblog auch noch einmal klar, dass man bei der Planung der Veranstaltung eng mit den Bochumer Behörden zusammenarbeite und vor Ort besonders auf die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften achten werde. Im Übrigen könne man mit den Gutscheinen natürlich auch alkoholfreie Cocktails kaufen, die sonst “sechs, sieben Euro” kosteten.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob solche Veranstaltungen ein probates Mittel sind, um Jugendliche an die Politik heranzuführen (die Junge Union spricht davon, die jungen Leute “dort abzuholen, wo sie stehen”) — so wie man auch darüber diskutieren kann, ob die “WAZ” darauf hätte hinweisen sollen, dass die Leiterin der Jugend- und Drogenberatung Krisenhilfe, Silvia Wilske, die sich in der Zeitung “maßlos” über die Wahlparty “geärgert” hatte, SPD-Kandidatin für die Bezirksvertretung in Bochum-Weitmar ist.

Inzwischen hat “Der Westen” übrigens eine Stellungnahme der Jungen Union veröffentlicht. Nach Aussage des Pressesprechers hatte die “WAZ”-Redaktion keinerlei Kontaktversuche unternommen, bevor sie behauptete, die Junge Union lade zum Koma-Saufen ein.

Mit Dank auch an Jens M. für das Foto.

Nachtrag, 21. August: Der Artikel, in dem die Junge Union selbst zu Wort kommt, steht heute auch auf der ersten Seite des gedruckten Lokalteils.

Übrigens ein ganzes Stück größer und auffälliger als der erste Artikel:

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Chancenlos auf der Bank

Das mag jetzt vielleicht etwas philosophisch klingen, aber es gibt Sätze, die sind gleichzeitig richtig und falsch.

“Bild” hat heute einen solchen Satz in den Spielbericht des Freundschaftsspiels von Borussia Dortmund gegen Real Madrid eingebaut:

Einer will‘s besonders wissen. Der Holländer Robben, zur Pause gekommen, jagt mit gefühlter Schallgeschwindigkeit aus 18 m die Kugel in den Knick – 0:2 (48.). Keine Chance für Weidenfeller.

Ja, Roman Weidenfeller hatte keine Chance — was aber auch daran gelegen haben kann, dass er in der 48. Minute gar nicht mehr auf dem Platz war.

Borussia Dortmund hatte nämlich zur Pause fast das komplette Team ausgetauscht und so stand in der zweiten Halbzeit Marc Ziegler zwischen den Pfosten, wie man dem Spielbericht auf bvb.de entnehmen kann:

Teams & Tore Borussia Dortmund - Real Madrid C.F. 0:5 (0:1) BVB 1. Halbzeit: Weidenfeller [...] BVB 2. Halbzeit: Ziegler
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Der Trick mit dem Mann ohne Unterleib

Als sich der Fußballspieler Lars Bender gestern vom TSV 1860 München verabschiedete, sei er “kaum beachtet” worden, berichtet “Bild”. Kein Wunder, möchte man sagen, wenn man sich die entsprechende Szene auf Bild.de ansieht:

Denn wer beachtet schon einen Fußballer, selbst einen U19-Nationalspieler, wenn im Hintergrund ein Mann ohne Unterleib schwebt?

Wie konnte das passieren?

Der Redaktion von “Bild”-München waren auf dem Foto von Benders Abgang “durch die Hintertür” offenbar ein bisschen zu viele Leute zu sehen — schließlich ging er ja angeblich “kaum beachtet”. Also schnitt sie in ihrer gedruckten Ausgabe das Bild links an und ließ den Menschen mit dem iPhone verschwinden. Auf der rechten Seite reichte ebenfalls ein einfacher Schnitt, um einen weiteren Beobachter zu entfernen.

Den korpulenten Mann daneben ließ “Bild” schließlich noch hinter einem schwarzen Textblock mit einem längeren Bildtext verschwinden — wobei der Redaktion irgendwann aufgefallen sein muss, dass unter dem Kasten noch die Beine herausragten. Also wurden die kurzerhand wegretuschiert. Aus dem Beobachter wurde ein Mann ohne Unterleib, was in der Zeitung nicht weiter auffiel, weil der Oberkörper vom schwarzen Kasten verdeckt wurde. Voilà:

Vermutlich hätte niemand etwas von der kleinen Manipulation gemerkt, wenn der Artikel nicht auch online veröffentlicht worden wäre — mitsamt dem retuschierten Foto. Bei Bild.de befreite man das Foto von den Fesseln des Print-Layouts und dem schwarzen Textkasten und ließ dem Mann ohne Unterleib freien Lauf.

Und so haben wir nicht nur etwas darüber gelernt, wie genau man sich bei Bild.de eigentlich ansieht, was man da veröffentlicht, sondern auch über den Aufwand, den man bei “Bild” betreibt, damit ein Foto zur gewünschten Bildunterschrift passt.

Mit Dank an Stefan D.!

Nachtrag, 0:00 Uhr. Bild.de hat das Foto mit dem Mann ohne Unterleib unauffällig und ersatzlos gelöscht.

Schöner Werben ohne Kennzeichnung

Vor zweieinhalb Monaten hat der “Spiegel” erklärt, in Zukunft keine Anzeigen mehr zu akzeptieren, die redaktionelle Inhalte des Magazins imitieren — obwohl die Werbeindustrie ein großes Interesse daran habe und viel Geld dafür biete.

Die Online-Kollegen sehen das nicht so eng mit der Trennung von Werbung und Redaktion. Auch nach seinem gestrigen Relaunch verkauft “Spiegel Online” ungekennzeichnete Anzeigen in der Menuleiste. Im Wissenschafts-Ressort sieht das zum Beispiel so aus:

Hinter dem Menupunkt “Wissenschaftszug” verbirgt sich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, ein redaktionelles Themen-Special, sondern eine Anzeige der Firma Siemens.

Ähnlich sieht es in vielen anderen Ressorts aus:

Die “Volkswagen News” kommen sozusagen direkt von der Quelle, und auch hinter “Flug & Hotel” verbergen sich keine Inhalte von “Spiegel Online”, schon gar keine redaktionellen, sondern ein Buchungs- und Werbeportal der Fluggesellschaft Air Berlin. Unten auf der entsprechenden Seite distanziert sich “Spiegel Online” dann von den Inhalten, auf die man die Leser gelockt hat, als wären es die eigenen:

SPIEGEL ONLINE ist weder für den Inhalt der Anzeige noch für ggf. angebotene Produkte verantwortlich.

Diese Praxis verstößt möglicherweise nicht nur gegen den Pressekodex, sondern auch gegen das Gesetz. Das Kammergericht Berlin urteilte vor drei Jahren relativ unmissverständlich:

Ein Link, der aus einem redaktionellen Zusammenhang auf eine Werbeseite führt, muss so gestaltet sein, dass dem Nutzer erkennbar ist, dass auf eine Werbeseite verwiesen wird. Fehlt es daran, liegt ein Verstoß gegen den Trennungsgrundsatz vor.

Bei Bild.de und sueddeutsche.de verraten solche redaktionell wirkende Werbelinks seit einiger Zeit zumindest dann ihren wahren Charakter, wenn man mit der Maus darüber fährt:


Für “Spiegel Online” scheint selbst diese Minimal-Kennzeichnung schon zu viel der Transparenz zu sein.

Nachtrag, 21. August. Auch bei “Spiegel Online” erscheint jetzt das Wort “ANZEIGE”, wenn man mit der Maus über den entsprechenden Menupunkt fährt.

Der Horror-Sturz-Horror

Nach dem 5:0-Auswärtssieg des FC St. Pauli bei Alemannia Aachen am Montagabend ist ein St.-Pauli-Fan sechs Meter in die Tiefe gestürzt. Er wurde in ein künstliches Koma versetzt und ist offenbar noch nicht außer Lebensgefahr.

Weil man sich vielleicht nicht so gut vorstellen kann, wie es aussieht, wenn ein Mensch gerade sechs Meter tief aufs Betonpflaster gefallen ist, oder einfach, weil Fotos des Opfers auf dem Markt waren, veröffentlichten Bild.de und Express.de Bilder, die den Fan in einer Blutlache zeigten. Bei Bild.de war er auf dem Bauch liegend von der Seite zu sehen, auf dem Foto bei Express.de lag er auf der Seite, die Tätowierungen auf seinem der Kamera zugekehrten Rücken waren gut zu sehen.

Beide Bilder sind inzwischen aus den Artikeln verschwunden, was unmittelbar mit dem zusammenhängen dürfte, was die “Aachener Nachrichten” gestern schrieben:

Die Alemannia stellt der Familie [des Mannes] nach Angaben von Pressesprecher Thorsten Pracht “einen renommierten Hamburger Medienanwalt” auf Vereinskosten zur Verfügung, der zunächst auf Unterlassung der Veröffentlichung der Bilder des gestürzten Mannes klagen soll, die im Internetauftritt von zwei Boulevardzeitungen zu sehen sind.

St. Pauli betet für diesen FanDas rigorose Vorgehen gegen die Konkurrenz hielt die “Hamburger Morgenpost” aber offensichtlich nicht davon ab, heute ein Drittel ihrer Titelseite mit dem gleichen Foto zu füllen, das Express.de verwendet hatte. Direkt darüber: Ein Foto des Mannes vor dem Unfall, darunter sein Spitzname.

Im Innenteil der “Morgenpost” findet sich dann ein Foto des Fanblocks, in dem das Opfer als einzige von etwa 50 Personen notdürftig anonymisiert wurde — und gleich daneben eine unverpixelte Nahaufnahme, die den Fan beim Feiern zeigt.

St. Pauli-Fan ringt mit dem Tod

Im Artikel unterhalb des Fotos erklärt die “Morgenpost”:

Gestern bat der Klub darum, die Profis nicht zu den Vorfällen zu befragen. Die MOPO kam dieser Bitte selbstverständlich nach.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 17:15 Uhr: Die Unterseite im Internetauftritt der “Hamburger Morgenpost”, auf der man sonst jeden Tag das aktuelle Titelbild in zweifacher Ausführung betrachten kann, sieht seit dem Nachmittag so aus:

Kein Titelbild bei der "Hamburger Morgenpost".

2. Nachtrag, 20. August: Auf ihrer Internetseite veröffentlicht die “Morgenpost” heute mehrere erboste Leserbriefe, in denen die Veröffentlichung des Fotos vom Unfallort scharf kritisiert wird.

Darüber schreibt die Redaktion:

Liebe Leser, das Titelfoto vom verunglückten St. Pauli-Fan […] löste bei den Anhängern teilweise heftige Reaktionen aus. Es war nicht unsere Absicht, Gefühle zu verletzen. Wir wünschen […] gute Besserung und seiner Familie viel Kraft. DIE REDAKTION

Gefühle wollte man also nicht verletzen — mit den Persönlichkeitsrechten sah es da offenbar etwas anders aus.

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