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Theater, Panorama, Überwachung

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Mediale Vorverurteilung”
(dradio.de, Brigitte Baetz)
Vor der erstinstanzlichen Urteilsverkündung im Prozess gegen Jörg Kachelmann stellt Brigitte Baetz fest: “Die Medien übernehmen immer mehr die Rolle eines modernen Prangers. Der Grundsatz, dass jeder zunächst als unschuldig zu gelten hat, scheint in der Berichterstattung immer öfter in den Hintergrund zu rücken.” Berichte in der NZZ und der FAZ stellen Vergleiche zum Theater an.

2. “Ex-‘Handelsblatt Online’-Chefredakteur räumt Plagiate ein”
(sueddeutsche.de, Marc Felix Serrao)
Sven Scheffler, bisheriger Chefredakteur von handelsblatt.de, hat “mitunter ganze Absätze kopiert”. “Warum er abgeschrieben habe, wisse er beim besten Willen nicht mehr: ‘Das war ein Riesenfehler. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte.’ Er wisse nur, dass er an dem Tag unter enormem Zeitdruck gestanden habe.”

3. “Mal ehrlich, ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’!”
(titanic-magazin.de)
Die Titanic entdeckt eine Bildbeschriftung auf faz.net, die so auch in der Wikipedia zu finden ist. “Die Texte zum zweiten, dritten und vierten Foto der Klickstrecke stehen ja – genau so bei Wikipedia! Bis auf einige kosmetische Änderungen sogar wortwörtlich!”

4. “Tabloid complains about ‘perving’ over Pippa”
(tabloid-watch.blogspot.com, MacGuffin, englisch)
Die Zeile “Sick Germans target royal sister” auf der Titelseite von “Daily Star Sunday” – und was “Bild” damit zu tun hat.

5. 50 Jahre Panorama
(daserste.ndr.de/panorama)
Die ARD-Sendung “Panorama” macht zum 50. Geburtstag Sendungen im Archiv zugänglich. Zu sehen sind nun Berichte wie “Klauen, lügen, schikanieren – Boulevardreporter auf Bilderjagd” (1997), “Piep, peep und Provokation – Wie Kultstars gemacht werden” (1998) oder “Blablabla vom Boulevard – Bild-Kampagne diffamiert Politiker und Parlamente” (2003).

6. “Die Anti-Terror-Lüge”
(gutjahr.biz, Richard Gutjahr)
Richard Gutjahr prüft die Anlässe für Telekommunikationsüberwachung 2009.

  

Wer anderen eine Falle stellt

— Ein Gastbeitrag von Anatol Stefanowitsch —

Bei der geballten und systematischen Bösartigkeit der Bildzeitung und ihrer Spin-offs mag es ein wenig kleinlich erscheinen, sich über ein eher randständiges Possenspiel aus Sprachnörgelei und Scheinheiligkeit aufzuregen, das BILD.de letzte Woche aufgeführt hat. Aber das Aufregen über Sprachnörgelei ist nun einmal Beruf und Berufung für mich, und die Scheinheiligkeit der BILD kann man nicht oft genug entblößen.

Worum geht es? Nun, BILD.de hat sich mit dem “Sprach-Trainer” Andreas Busch zusammengetan, um den Leser/innen eine Liste der “10 am häufigsten falsch verwendeten Wörter” zu präsentieren. Und das sind die 10 “fiesen Sprach-Fallen”, in absteigender Reihenfolge ihrer Fiesigkeit:

  • Public Viewing (soll vermieden werden, da es angeblich nur “Leichenschau” bedeuten kann).
  • Sympathie (soll nur in seiner “ursprünglichen” Bedeutung “Mitleid” verwendet werden).
  • Busen (soll nur für seine angebliche Ursprungsbedeutung, “das Tal zwischen den Brüsten”, verwendet werden).
  • Reifenwechsel (da wir das ganze Rad wechseln, sollen wir Radwechsel sagen).
  • Kult (sollen wir nur in seiner ursprünglichen Bedeutung “religiöses Ritual” verwenden).
  • für etwas sorgen (sollen wir nur mit der Bedeutung “sich um jemanden kümmern” verwenden).
  • männliche Berufsbezeichnungen wie Arzt (sollen nur für Männer verwendet werden).
  • verstorben (sollen wir nie verwenden, um über etwas zu reden, das den Verstorbenen zu Lebzeiten betraf).
  • irritiert (sollen wir nur mit der ursprünglichen Bedeutung “gereizt” verwenden).
  • wollen (sollen wir nicht in Sätzen wie “Ich wollte fragen, ob…” verwenden).

Wenn Sie sich über diese Liste wundern, vielleicht sogar zaghaft anzweifeln, dass es sich dabei überhaupt um “Sprach-Fallen” (geschweige denn um “fiese”) handelt, seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein. Tatsächlich will ich nicht verschweigen, dass mindestens neun dieser zehn Tipps kompletter Blödsinn und durch nichts zu rechtfertigen sind und getrost ignoriert werden können.

Aber hier soll es nicht darum gehen, ob diese Sprachtipps nützlich oder richtig sind. Stattdessen interessiert es mich, ob BILD.de in der Lage ist, sich wenigstens drei Tage lang selbst daran zu halten. Die Liste wurde am Mittag des 23. Mai 2011 veröffentlicht, der Suchraum ist also die Zeit bis zum 26. Mai 2011. Gehen wir die Liste also Wort für Wort durch.

Public Viewing. Es gab zwar Ausschreitungen im Umfeld des Spiels VfL Osnabrück–Dynamo Dresden am 24. Mai 2011, aber zu Tode gekommen ist glücklicherweise niemand. Warum also kündigt BILD.de Public Viewings an, nur einen Tag nachdem man die Leserschaft eindringlich davor gewarnt hat, das Wort für etwas anderes zu verwenden als für eine Leichenschau? Konnte man dieser fiesesten unter den “fiesen Sprach-Fallen” nicht ausweichen — schon allein, um ohnehin gewaltbereite Fußballfans nicht noch auf dumme Ideen zu bringen?

Sympathie. Ich will ehrlich sein: Auch ich bemitleide Menschen, die BILD.de lesen oder an Horoskope glauben, und mit Menschen, die an Horoskope glauben, die sie auf BILD.de gelesen haben, habe ich doppelt Mitleid. Aber ich habe das Gefühl, dass es in diesem Horoskop, das BILD.de am 25. Mai 2011, nur zwei Tage nach den tollen Sprach-Tipps von Busch, veröffentlicht hat, nicht um Mitleid geht sondern darum, dass man Zwillingen — nun ja, Sympathie entgegenbringt. War es zuviel verlangt, dieses immerhin doch am zweithäufigsten falsch verwendete Wort zu meiden und zu ersetzen durch — ja, was denn eigentlich?

Busen. Es ist sonst nicht mein Stil, über die sekundären Geschlechtsmerkmale mir nicht persönlich bekannter Damen zu sprechen, aber ich komme um den Hinweis nicht herum, dass in dieser informativen Bildergalerie vom 24. Mai 2011 eins nicht zu sehen ist: das “Tal” zwischen Lindsey Lohans Brüsten. Denn das verdeckt sie geistesgegenwärtig und gesittet. Was dagegen recht gut zu erkennen ist, sind die Brüste selbst — mit der Überschrift tappt BILD.de also direkt in “Sprach-Falle” Nr. 3.

Reifenwechsel. Über Wechsel von Rädern und Reifen schreibt BILD.de nur, wenn es entweder Zeit ist, Winter- oder Sommerreifen aufzuziehen oder in der Formel-1-Berichterstattung. In den drei Tagen nach der Veröffentlichung der “fiesen Sprach-Fallen” gab es keins von beidem, deshalb musste ich hier auf den Vortag, den 22. Mai 2011, zurückgreifen. Aber dafür bin ich mir zu einhundert Prozent sicher, dass bei Vettels angeblichen Reifenwechsel in Wahrheit die Räder gewechselt wurden: Wenn Vettels Mechaniker tatsächlich die Reifen neu aufgezogen hätten, hätte der Boxenstopp länger gedauert als das gesamte Rennen, und er hätte es nicht gewinnen können. Ich sage deshalb einfach mal “reingetappt” — wenn in der Berichterstattung über das Rennen von diesem Wochenende plötzlich von Radwechseln die Rede ist, nehme ich natürlich alles zurück.

Kult. Man kann schon den Eindruck bekommen, dass Jimmy Choo zusammen mit Manolo Blahnik und Christian Louboutin eine Art Dreifaltigkeit für Schuhfetischisten darstellen, aber wenn BILD.de Jimmy Choo in Überschrift und Teaser dieser Meldung vom Abend des 23. Mai 2011 gleich zwei Mal als Kult bezeichnet, geht es nicht um eine Verwendung überteuerter High Heels bei rituellen religiösen Handlungen — obwohl man doch nur wenige Stunden zuvor darauf gedrängt hat, das Wort nur zur Bezeichnung solcher Rituale zu verwenden. Im Spiel BILD.de gegen die “fiesen Sprach-Fallen” führen die Sprach-Fallen also mit 0:5.

Sorgen. “Mütter sorgen für Kinder, Lehrer für ihre Schüler, da stimmt das Verb”, erfahren wir aus den Sprachtipps von Sprechtrainer Busch, die BILD.de mahnend an uns weitergibt. Keinesfalls aber stimme es in Sätzen wie “Blitzeis sorgt für Verkehrschaos”, denn Blitzeis könne “für nichts und niemanden sorgen”. Chemikaliencocktails sind demnach in der Vorstellung von BILD.de offenbar eher so etwas wie Mütter, und Großeinsätze der Feuerwehr sind wie deren Kinder — anders lässt sich diese Schlagzeile vom 25. Mai 2011 nicht erklären. Oder ist man bei BILD.de trotz aller guten Vorsätze auch in die sechste “fiese Sprachfalle” getappt? Das ließe dann langsam Fahrlässigkeit vermuten.

Mann statt Frau. Man muss BILD.de zugestehen, dass man sich sehr konsequent an die Regel hält, für Männer die männliche und für Frauen die weibliche Berufsbezeichnung zu verwenden. Das eröffnet übrigens die Möglichkeit zu interessanten Untersuchungen über das dort gepflegte Geschlechterbild: Das Wort Arzt hat über 260 000 Treffer auf bild.de, das Wort Ärztin nur ca. 40 000. Das ist ein Zahlenverhältnis von etwa als 6:1, in der echten Welt kommen auf jede Ärztin aber nur zwei Ärzte. Aber ich schweife ab. BILD.de vergisst diese Regel in dem Moment, in dem man über gemischte Gruppen, z.B. von Ärztinnen und Ärzten, schreibt: Dann wird plötzlich nur noch die männliche Bezeichnung gewählt, wie in diesem Artikel vom 26. Mai 2011 (in dem noch dazu ausschließlich Männer erkrankt scheinen). So tappt man doch noch in die “fiese Sprach-Falle” Nr. 7.

Verstorben. “Frau Müller hat das Lebensmittelgeschäft mit ihrem verstorbenen Mann geführt” — die “fiese Sprach-Falle”, die Sprechtrainer Busch in diesem Satz ausgemacht hat, erklärt er wie folgt:
“Nein, das hat sie nicht. Das wäre ausgesprochen makaber. Natürlich hat sie das Geschäft mit ihrem LEBENDEN Mann geführt.” Man darf seinem Gegenüber anscheinend nicht zumuten, diesen offensichtlichen Schluss selbst zu ziehen. Warum, muss man sich dann fragen, mutet BILD.de seinen Leser/innen genau das in dieser Meldung vom 25. Mai 2011 zu, in der ein Rentner natürlich nicht auf einen Toten, sondern auf einen Lebenden geschossen hat, der erst als Folge dieser Schüsse verstarb?

Irritiert. Es kann sein, dass die Fahne, um die es in der folgenden Meldung, ebenfalls vom 24. Mai 2011, geht, den einen oder anderen gestört hat — der wäre dann irritiert im von Sprechtrainer Busch vorgeschlagenen Sinne gewesen. Aber die Mehrzahl war wohl irritiert in dem angeblich falschen und zu vermeidenden Sinne des Wortes — verwirrt, und ein wenig besorgt. Damit tappt BILD.de ist in die neunte der zehn “fiesen Sprachfallen”. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Das ist kein Zufall. Man nimmt die Sprachtipps von Sprach-Trainer Busch bei BILD.de gerade ernst genug, um die Leser/innen damit zu piesacken, aber keinesfalls ernst genug, um sich selbst daran zu halten (Parallelen im Umgang von BILD.de mit Fakten ganz allgemein mag jeder selbst ziehen, ich bin hier nur für Sprache zuständig).

Wollte. Das Ergebnis 9/10 reicht mir, meine Schlussfolgerung ist gezogen, mein Auftrag erfüllt. Die letzte “Sprach-Falle” bezieht sich auf ein Sprachmuster, das in journalistischen Texten sehr selten und wegen seiner Variabilität allgemein zu schwer zu suchen ist. Ich schenke BILD.de also diesen einen Punkt im sicheren Bewusstsein, dass sich mit etwas Mühe auch dafür ein Beispiel fände.

Wie alle anderen Sprachfallen existiert auch diese, wie eingangs angedeutet, ohnehin nur in den Köpfen von Sprach-Trainer Busch und BILD.de. Ich werde das im Laufe der Woche im Sprachlog für alle sprachlich Interessierten genauer zeigen. Los geht es mit Folge 1, in der es um sorgen, Kult und Busen geht.

Nachtrag, 5. Juni: Inzwischen hat Anatol Stefanowitsch auch Folge 2 und 3 online gestellt.

Wir basteln uns eine Anti-Lierhaus-Empfehlung

Am Sonntagmorgen meldete der “Spiegel”, dass das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfehle, Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie abzulösen. Inzwischen will er das offenbar nicht mehr behaupten.

In der Vorabmeldung des “Spiegel” und in der gedruckten Ausgabe lautet die Meldung noch so:

Das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfiehlt, die Fernsehmoderatorin Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln. Statt der Moderatorin solle man ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, hieß es bei einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz in Stuttgart. (…)

Der “Spiegel” erwähnt erstaunlicherweise nicht, wann diese Sitzung stattgefunden hat: bereits vor acht Wochen, Anfang April. Durch den Verzicht auf jede Zeitangabe kann man die angebliche Empfehlung auch als Reaktion der Gremienvorsitzenden auf den ersten Fernsehauftritt von Lierhaus am vorletzten Sonntag missverstehen.

Das scheint aber nicht die einzige Verkürzung und Zuspitzung zu sein, die der “Spiegel” vorgenommen hat. Nach mehreren Dementis Beteiligter veröffentlichte “Spiegel Online” am Sonntagnachmittag eine neue Version eines Artikels zum Thema, die — ohne das kenntlich zu machen — in einigen Punkten von der bisherigen Darstellung abweicht:

Artikel von 08:02 Uhr Artikel von 16:49 Uhr
Hohe Gage
ARD-Gremien wollen Lierhaus austauschen
Hohe Gage
ARD-Aufseher wollen Lierhaus austauschen
450.000 Euro bekommt Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie – das hat für viele gekündigte Abos und auch intern für Unmut gesorgt. Nun wollen Aufseher in der ARD Lierhaus nach Informationen des SPIEGEL gegen ein “bekanntes Gesicht” austauschen – und künftig ohne Gage auskommen. 450.000 Euro bekommt Monica Lierhaus als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie – das hat intern für Unmut und viele gekündigte Abos gesorgt. Mitglieder eines Aufsichtsgremiums der ARD wollen Lierhaus nach SPIEGEL-Informationen nun gegen ein “bekanntes Gesicht” austauschen lassen.
Stuttgart – Das oberste Aufsichtsgremium der ARD empfiehlt, Moderatorin Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln. Statt Lierhaus solle man ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, hieß es bei einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz in Stuttgart. (…) Stuttgart – Statt Lierhaus solle man als Botschafterin der ARD-Fernsehlotterie ein ebenso bekanntes Gesicht finden, das sich allerdings ohne Gage für diese Werbung zur Verfügung stelle, heißt es in einem Protokoll des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), in dem auch über Inhalte einer Sitzung der Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) Anfang April in Stuttgart berichtet wird. Das Dokument liegt dem SPIEGEL vor. (…)
Einen formalen Beschluss des Gremiums in der Causa Lierhaus gab es indes nicht. (…)

Ausgerechnet von der “Bild”-Zeitung muss das Nachrichtenmagazin sich heute fragen lassen:

SCHREIBT “DER SPIEGEL” DIE WAHRHEIT ÜBER DIE BELIEBTE MODERATORIN?

Die Frage ist berechtigt.

Nachtrag, 6. Juni. In seiner aktuellen Ausgabe hat der “Spiegel” folgende “Korrektur” veröffentlicht:

Der SPIEGEL hatte berichtet, dass die Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK), das oberste Kontrollgremium der ARD, empfohlen habe, Monica Lierhaus als Werbebotschafterin bei der Fernsehlotterie auszuwechseln, und sich dabei auf das Protokoll einer Sitzung des MDR-Rundfunkrats bezogen, in dem dies so stand. Eine derartige formale Empfehlung der GVK hat es nicht gegeben. Allerdings wurde die Causa Lierhaus in der GVK Anfang April hitzig diskutiert. Im GVK-Protokoll ist von einem “erheblichen Unwillen der Gremien” die Rede. Nötigenfalls seien “Konsequenzen zu ziehen”.

AFP, dapd, dpa  etc.

Panikmache in deutschen Landen

Das Darmbakterium EHEC sorgt in der Bevölkerung für Unruhe: Franz Josef Wagner schrieb gestern an die “lieben Gurken, Tomaten, Kopfsalate” und stellte fest, dass “alles, was früher gesund war”, heute “nicht mehr gesund” sei, und bei “Spiegel Online” erklärte ein Gemüsehändler:

Händler im Ehec-Stress: "Ich werde wie ein Mörder behandelt, weil ich Gurken verkaufe"

Am Mittwochabend hatte die Deutsche Presseagentur (dpa) getickert:

Auch für die Fachleute vom Robert Koch-Institut erhellt sich das Bild erst langsam. Aufgrund einer unter Hochdruck erstellten Studie greifen die Experten jetzt zum Hammer: Vorsorglich sollte man auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland komplett verzichten.

Doch der “Hammer” hing woanders: in seiner Pressemitteilung hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärt:

Vor dem Hintergrund des noch anhaltenden, gravierenden Ausbruchsgeschehens mit zum teil schweren gesundheitlichen Folgen empfehlen RKI und BfR über die üblichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gemüse hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Also keine Warnung vor Gemüse aus Norddeutschland, sondern “insbesondere in Norddeutschland” — ein Unterschied, wie ob man vor Touristen aus einem bestimmten Land warnt oder vor Urlaub ebenda.

Das BKI hatte sogar noch erklärt, dass die Studie “nur bedingt Aussagewert für andere betroffene Orte” habe, da sie nur in Hamburg durchgeführt worden war. Das hatte sogar die dpa irgendwie verstanden:

(…) Aussagewert hat die Studie vor allem für Hamburg. Doch der Rat zum Komplettverzicht im Norden im Rohzustand trifft Millionen Menschen, Bauern und Händler.

Haben Sie’s gemerkt? Jetzt war plötzlich vom Komplettverzicht im Norden die Rede.

Doch in einer zweiten Kurzmeldung (“EHEC: Warnung vor Salat, Gurken und rohen Tomaten aus dem Norden”) warnte das RKI laut dpa plötzlich vor dem Gemüse “insbesondere aus Norddeutschland”. Und da es Agenturen wie AFP und dapd auch nicht so genau genommen hatten, rollte die Lawine los:

EHEC: Keine Tomaten, kein Salat aus Norddeutschland. Wo kommt der EHEC-Keim her? Erste Experten raten davon ab, Tomaten, Gurken und Salat aus Norddeutschland zu essen. Für die Gemüsehändler ist die Warnung ein Desaster.

Salat, Gurken und Tomaten: Experten warnen vor rohem Gemüse aus Norddeutschland

RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland: Das Robert Koch-Institut warnt davor, rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland zu essen. Die EHEC-Erkrankten in einer Studie hätten diese Gemüsesorten deutlich häufiger gegessen als gesunde Vergleichspersonen, teilte das Institut in Berlin mit.

EHEC: Warnung vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland

Darmkeim Ehec: Warnung vor Gemüse aus Norddeutschland

Salat, Gurken und Tomaten: Experten warnen vor rohem Gemüse aus Norddeutschland

Auch in der 20-Uhr-“Tagesschau” sprach Marc Bator am Mittwoch von einer Warnung vor “Salaten, Salatgurken und Tomaten, insbesondere aus Norddeutschland”, während sich “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke nicht so recht entscheiden wollte, ob es nun um Gemüse aus oder in Norddeutschland ginge. Wichtiger als der richtige Sachverhalt war ihm offenbar die richtige Reihenfolge der Meldungen in seiner Sendung.

Rund eine Stunde später versuchte die dpa mit einer weiteren Meldung, den Fehler unauffällig zu korrigieren. Doch die “Warnung vor Salat, Gurken und rohen Tomaten im Norden” interessierte da schon niemanden mehr. Auch AFP und dapd schwenkten irgendwann unauffällig auf die Formulierung “in Norddeutschland” um.

Am Donnerstag aber wählte die dpa eine ganz besondere Art der Korrektur und veröffentlichte am Nachmittag unter der Überschrift “EHEC-Warnung galt für den Norden, nicht für Gemüse aus dem Norden” eine Meldung, die dpa-Chef Wolfgang Büchner höchstselbst als Autor auswies.

Darin hieß es:

Auf Grundlage dieser Pressemitteilung des RKI berichteten zahlreiche Medien, das Institut warne vor Gemüse aus Norddeutschland. Auch die dpa sendete am Mittwochabend eine Eilmeldung mit der “Überschrift RKI warnt vor Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland”. Diese Formulierung war unscharf, weil sie als Aussage über der genaue Herkunft des Gemüses verstanden werden konnte. Es sollte damit aber lediglich eine Aussage über die regionale Begrenzung der Warnung getroffen werden. Die Formulierung “Gemüse aus Norddeutschland” wurde und wird in der weiteren dpa-Berichterstattung nicht mehr verwendet.

Da die dpa ihre Artikel in den Redaktionssystemen ihrer Kunden aus technischen Gründen nur am Veröffentlichungstag selbst korrigieren kann, die Ursprungsmeldung aber schon vom Vortag war, schrieb die dpa erklärend dazu:

Damit wird die dpa 1812 vom 25. Mai präzisiert. Damit ist klargestellt, dass das RKI nicht ausdrücklich vor Gemüse aus Norddeutschland gewarnt hatte, sondern vor dem Verzehr roher Tomaten, Salatgurken und Blattsalate “insbesondere in Norddeutschland”.

Zu der eigentlich fälligen Welle von Korrekturen oder “Präzisionen” auf den News-Seiten führte dieser Hinweis aber nicht.

Mit Dank an Gert M., Marcus W. und Jo A.

Killerkeime, Handschellen, Franz Josef Wagner

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Alarm im Darm des Journalismus”
(taz.de, Michael Ringel)
“Ganz Deutschland” fürchtet sich vor EHEC? Michael Ringel zweifelt daran. Und erinnert sich an den Norovirus. “Noro klang wie Dr. No und war der Darmschrecken, bevor Ehec auftauchte. Noro kostete bislang weitaus mehr Menschen das Leben als Ehec, aber in unseren aufgeregten Zeiten braucht es eben immer neue Säue, die das Mediendorf in Atem halten.”

2. “Angriff der Killerkeime”
(fagri.de)
Ein Tod durch EHEC ist im Vergleich zu anderen Todesarten eher unwahrscheinlich. Trotzdem fürchten sich die Menschen. “Ein Grund dafür ist, dass der Mensch nicht die Größe der Gefahr selbst wertet, sondern wie andere darauf reagieren. Wenn nun aber die Medien durch die Bank auf ihren Titelseiten suggerieren: ‘Wir haben ein Problem!’ wird dies zum allgemeinen Konsens.”

3. “Facie prima”
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente )
Viele Medien zeigen Dominique Strauss-Kahn in Handschellen. Roberto J. De Lapuente fragt, was dagegen spricht, ein neutrales Foto zu verwenden: “Solche Fotos sind ein Affront gegen die Unschuldsvermutung und untergraben den fairen Verlauf des Rechtsstaates. Selbst wenn eine mögliche Unschuld am Ende herauskäme, die Bilder brennen sich ein.”

4. “Der rasende Regierungssprecher”
(zeit.de, Steffen Seibert)
@RegSprecher Steffen Seibert schreibt seine Erfahrungen mit Twitter und Twitter-Nutzern auf: “Der dogmatische Teil der Twittergemeinde, und der meldet sich gerne bei mir, erregt sich ebenso lustvoll über abweichendes Verhalten wie manch Schrebergärtner über Wildwuchs in der Parzelle nebenan.”

5. “Blogs als Quelle für traditionelle Medien: Keine Lust mehr, euer Fußvolk zu sein”
(basicthinking.de, Jürgen Vielmeier)
Jürgen Vielmeier stellt fest, dass viele traditionelle Medien Blogger nicht richtig zitieren.

6. “BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner und seine Mutter”
(mediensalat.info, Ralf Marder)

Bild  

Dieser doofe Datenschutz!

Man kann es nicht oft genug betonen: Die meisten Grundrechte und Gesetze sind den Leuten bei “Bild” scheißegal.

In ihrer Hannoveraner Ausgabe fragte “Bild” gestern, ob die Polizei Daten von Handys und Computern nutzen dürfe, um Verbrecher oder Terroristen zu fassen.

Doch die Frage war wohl eher theoretisch zu verstehen, wie ein Blick auf die Überschrift beweist:

CDU-Minister klagen an: 43 Sex-Schweine kommen davon ...​weil FDP auf Datenschutz pocht

Niedersachsens CDU-Innenminister Uwe Schünemann, seit jeher glühender Verehrer der Vorratsdatenspeicherung, und sein Justizminister haben – obwohl gar nicht zuständig – eine “Formulierungshilfe” an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gesandt, mit der sie diese auffordern, die Vorratsdatenspeicherung endlich in überarbeiteter Form wieder einzuführen.

Eine Aktion, mit der sie bei “Bild” punkten konnten: Die Zeitung bezeichnet das Vorgehen als “Ohrfeige für die FDP!”

Das Bundesverfassungsgericht hatte vor mehr als einem Jahr eine Neuregelung für das Speichern zentraler Daten gefordert. Passiert ist in Berlin seither nichts.

Diese Sätze sind perfide formuliert, legen sie doch nahe, dass das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung aufgefordert habe, endlich ein Gesetz zu erlassen, das die Vorratsdatenspeicherung erlaubt. Dabei hatte das Gericht entschieden, dass es dem Gesetzentwurf der schwarz-roten Bundesregierung an Verhältnismäßigkeit gemangelt habe und in dieser Form mit dem Fernmeldegeheimnis nicht vereinbar sei.

Nun lag es bei der Bundesregierung, genauer: der Justizministerin, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, der mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der Nutzen einer solchen Vorratsdatenspeicherung wurde schon früh von Gutachtern in Zweifel gezogen, eine Analyse des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung ergab zudem, dass die Vorratsdatenspeicherung die Aufklärung schwerer Straftaten nicht habe verbessern können, während sie in Kraft war.

Ob die von Schünemann zitierten 43 Fälle von Kinderpornografie, “wo wir keine Möglichkeiten hatten, die Täter zu kriegen”, mithilfe der Vorratsdatenspeicherung tatsächlich aufgeklärt worden wären (und ob das einen solchen Eingriff in die Grundrechte wert wäre), kann also niemand mit letzter Gewissheit sagen.

Mit Dank an Lieven R.

Viele, viele bunte Smartphones

Vor zehn Jahren war man froh, wenn man mit einem Handy nicht nur telefonieren und Kurznachrichten verschicken, sondern auch eine Bierflasche öffnen konnte. Letzteres ist eine Funktion, über die die meisten Smartphones nicht mehr verfügen, dafür können sie jetzt fast alles andere — und sollen noch mehr können.

Im April veröffentlichte “Chip online” eine Übersicht über 50 Designstudien von Smartphones, die so oder so ähnlich irgendwann mal auf den Markt kommen könnten. Einen aktuellen Grund für den Artikel gab es nicht, die Redaktion hielt es nur für eine nette Idee. Zu Beginn dieser Woche wurde der Artikel mit aktualisiertem Datum auch auf der Startseite von “Chip online” verlinkt.

Gestern erschien bei Bild.de eine Übersicht über 35 Designstudien von Smartphones, die so oder so ähnlich irgendwann mal auf den Markt kommen könnten.

Für eine kurze Text-Vorstellung hatte sich Bild.de die gleichen drei Geräte ausgesucht, die auch “Chip online” vorgestellt hatte. Und auch bei den Überschriften gab es erstaunliche Ähnlichkeiten:

Samsung Brix: Der mobiler Transformer, Samsung Brix: Mobil-Transformer; Nokia 888: Einer für alles, Nokia 888: Eins für alles; LG Hi-Fi: Headphone-Handy, LG Hi-Fi: Kopfhörer-Handy

Die 35 Geräte, die Bild.de in seiner Fotostrecke vorstellt, waren Teil der 50 Handys auf “Chip online”. Nach Angaben der Redaktion von “Chip online” hatten die Fotos auf Bild.de sogar exakt die gleiche Größe wie die Fotos bei ihnen, was darauf hindeutet, dass Bild.de die Bilder direkt bei “Chip online” gemopst hat und nicht auf die originalen Pressefotos der Hersteller zurückgegriffen hat.

Die zuständige Redakteurin von “Chip online” rief heute bei Bild.de an und bekam schließlich einen zerknirschten Ressortleiter ans Telefon, der die Schuld auf eine “studentische Hilfskraft” schob. Die Geschichte tue ihm außerordentlich leid, aber er hielte es für übertrieben, zu behaupten, der Artikel wäre abgekupfert.

Kurz darauf verschwand der Artikel bei Bild.de, für “Chip online” ist die Sache damit nach eigenen Angaben erledigt.

Bild, Bild.de  etc.

Wenn Rechte nach dem Rechten sehen

Am 5. Mai eröffnete das Museum “Keltenwelt am Glauberg” (Hessen) und nur wenige Stunden später gab es laut Bild.de einen “Skandal”, der für einige der Beteiligten noch Folgen haben sollte:

Skandal am Glauberg Hessen lässt Keltenschatz von Neonazis bewachen

Der Fall schien klar:

Wie BILD erfuhr sind die zwei Wachmänner bekannte NPDler. Einer ist Beisitzer im NPD-Landesvorstand, der andere aktiv bei der NPD im Wetterau-Kreis.

Ein schauriges Bild! Zwei Sicherheits-Männer in SA-ähnlichen Uniformen stehen neben dem angeleuchteten 230 Kilo schweren Keltenherrscher im 1. Obergeschoss des neuen Museums. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Braune Hemden, schwarze Krawatten, schwarze Kampfhosen, dicke Koppelschlösser.

Innerhalb kürzester Zeit zogen zahlreiche Nachrichtenportale nach und bereits am nächsten Tag gab es ein “Bild”-Verhör mit der hessischen Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann sowie empörte Reaktionen aus der Politik:

Neonazi-Skandal im staatlichen Keltenmuseum Politiker sind entsetzt über Nazi-Wachmänner

Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht so einfach in Schwarz und Weiß – oder in diesem Fall Braun und Weiß – aufteilen, wie Bild.de es gerne hätte.

Es beginnt damit, dass die NPD nach Bekanntwerden des Vorfalls die Darstellung dementierte, einer der beiden Wachleute wäre im Landesvorstand, was auch die Antifaschistische Bildungsinitiative vor Ort bestätigte.

Bei den “SA-ähnlichen Uniformen”, die nicht weniger und nicht mehr nach SA aussehen als viele andere Uniformen, handelt es sich laut Ilona Huth, der Chefin der Sicherheitsfirma, bei der die beiden Wachleute angestellt waren, um reguläre Dienstkleidung.

Huth erklärte gegenüber dem Mittelhessenblog:

“Wir beschäf­ti­gen neben Deut­schen  auch Ita­lie­ner, Marok­ka­ner, Tür­ken, Ukrai­ner, Arme­nier, Polen, Bul­ga­ren, Syrer, Koso­va­ren, bosnisch-herzegowinische, ägyp­ti­sche, kroa­ti­sche, ser­bi­sche und  fran­zö­si­sche Mit­ar­bei­ter. Ins­ge­samt sind es im Kern 60 Mit­ar­bei­ter mit Aus­hil­fen im Stamm, die für uns arbei­ten. Wir hat­ten, seit­dem wir 2006 am Markt sind, noch nie irgend­wel­che Pro­bleme mit einem unse­ren Mit­ar­bei­ter und spe­zi­ell unse­ren bei­den neuen Mit­ar­bei­ter sind bei uns nie durch irgend­eine Äuße­rung auf­ge­fal­len, die an eine Ver­bin­dung mit rechts­ex­tre­mis­ti­schem Gedan­ken­gut hätte den­ken las­sen kön­nen”, sagt Huth. Die­ses habe sie auch in ihrem Wider­spruch auf die frist­lose Kün­di­gung geschrieben.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass das Foto auf Bild.de gestellt sein könnte:

In Stel­lung­nah­men, die dem Mit­tel­hes­sen­blog vor­lie­gen, wird ins­be­son­dere von Tobias B. der Vor­wurf erho­ben, dass Bil­der retu­schiert wor­den seien. Zudem habe es von einem Repor­ter, der sich als Bild-Mitarbeiter vor­ge­stellt habe, die Bitte um Auf­nah­men und ent­spre­chende Regie­an­wei­sun­gen gege­ben, die “ernste Bewa­chung” sym­bo­li­sie­ren soll­ten.

Auch die Entstehungsgeschichte eines Fotos der Nachrichtenagentur dapd, bei dem der Schatten so auf einen der beiden Wachleute fällt, dass der Eindruck eines nur allzu bekannten Seitenscheitels entsteht, ist mindestens interessant.

Christoph von Gallera vom Mittelhessenblog schreibt:

Sei­tens dapd wird ver­si­chert, der dapd-Fotograf habe die bei­den Wach­leute nicht in Szene gesetzt. Er habe aber, um ein “sei­ner Mei­nung nach inter­es­san­tes Foto zu machen”, einen von der Kamera aus­ge­lös­ten Blitz ein­ge­setzt. Dadurch sei der Schat­ten­wurf auf Wach­leute und Kel­ten­fürst ent­stan­den.

Eine weitere Eskalationsstufe war erreicht, als wenige Tage später bekannt wurde, dass einer der beiden Wachleute bereits vor der Eröffnung des Keltenmuseums den Holocaust geleugnet haben soll.

Die “FAZ” berichtete am 11. Mai:

(…) nun berichtete Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), dass der Museumsleitung schon zuvor Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung eines der Männer vorgelegen hätten. Dieser habe schon Tage zuvor in dem Museum den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden geleugnet. Bei Aufbauarbeiten habe dies ein Mitarbeiter gehört und Museumsleiterin Katharina Kurzynski gemeldet.

Besagter Mitarbeiter hat diese Behauptung allerdings umgehend nach Bekanntwerden des Vorwurfs revidiert und konnte immerhin gegenüber der “Frankfurter Rundschau”, der “FAZ” und dem “Hessischen Rundfunk” seine Sicht der Dinge darlegen. Gegenüber BILDblog sagt er, es habe zwar ein Gespräch gegeben, in dem er einem der Männer “gedanklich eine rechte Gesinnung unterstellt” habe, aber:

Ich widerspreche (…), daß der Wachmann den Holocaust geleugnet habe, ich Mitarbeitern gegenüber behauptet hätte, von einer Holocaustleugnung des Wachmannes gehört zu haben und daß ich die Museumsleiterin informiert hätte.

Was also letztlich bleibt, ist viel Lärm um sehr wenig. Und obwohl erst kürzlich das Bundesarbeitsgericht die mit einer NPD-Mitgliedschaft begründete Kündigung gegen einen Behördenmitarbeiter gekippt hat, führte der mediale Wirbel um die Wachleute des Keltenmuseums zu folgenden Ergebnissen:

Nach dem Neonazi-Skandal: Wachfirma des Keltenfürsts gefeuert

Keltenwelt am Glauberg Konsequenzen für Museumsleiterin

Horror-Keime, Versuchungen, Enzensberger

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “EHEC – nix gelernt”
(zapp.blog.ndr.de, Zapp Redaktion)
EHEC als “Horror-Keime”, “Killer-Keime” und “Gefährliche Bakterien”. Für die Zapp-Redaktion wiederholt sich die Geschichte mit der Angst, “nicht genauso, aber ähnlich”: “Von wegen Sex sells – Angst sells.”

2. “Nun also doch EHEC”
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
“Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke bloggt erneut zu EHEC. Anfang und Schluß des Beitrags lauten so: “Gestern habe ich hier ausführlich begründet, warum wir in der 20Uhr nicht mit EHEC aufgemacht haben. Seither hat es keine weiteren bestätigten Todesfälle gegeben und auch die Fallzahlen sind nicht dramatisch gestiegen. Trotzdem war EHEC heute auf Platz 1 in der Tagesschau. (…) Ich werde schon in wenigen Wochen sicher wieder auf irgendeinem Podium eines Medienkongresses sitzen und darüber diskutieren, dass die Medien bei EHEC (oder war es SARS oder H2N1?) mal wieder übertrieben haben.”

3. “Gruselkeim statt Kernschmelze!”
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
“Dreifache Kernschmelze in Fukushima? Nimmt man mal so mit, weil man im Journalistensprech sagen würde: Hatten wir schon. Hatten wir oft genug. Will keiner mehr lesen. Dagegen: Ein neuer, unheimlicher, gruseliger Killerkeim? Dem bereits eine 83jährige Frau zum Opfer gefallen ist? Endlich was neues, nachdem Rinderwahn, Schweinegrippe, Vogelgrippe und all die anderen unheimlichen Epidemien durch sind und nicht mal mehr Berufshysterikern Angst machen.”

4. “Die alltägliche Versuchung”
(ankommen.nordbayerischer-kurier.de, jbraun)
Joachim Braun, Chefredakteur des “Nordbayerischen Kuriers”, wird ein “Wagner-Wochenende in Bayreuth” angeboten: “Anreise per Flugzeug oder im Testwagen, Übernachtung in einem Luxushotel ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, eine Ehrenkarte für die Bayreuther Festspiele – ja, richtig, Normalsterbliche müssen dafür zehn Jahre anstehen. Dazu eine persönliche Einweisung in Wagner und der Transfer von zu Hause nach Bayreuth, vom Hotel zum Grünen Hügel – natürlich – wieder im Testwagen, und das alles mit Partner oder Partnerin.”

5. “Wieviel Schleichwerbung passt in eine einzige Tageszeitung?”
(kobuk.at, Alex Calanducci)
Redaktionelle Inhalte und die dazu passende Werbung in der Tageszeitung “Österreich”.

6. “Die Sprache des Spiegel”
(spiegel.de, Hans Magnus Enzensberger, 1957)
Meedia.de erinnert an einen Essay von Hans Magnus Enzensberger in der “Spiegel”-Ausgabe 10/1957 (“mit dessen Einverständnis hier eine unwesentlich gekürzte Fassung”): “Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt.”

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Weltraumtechnik gegen Darmbakterien

Womöglich müssen wir froh sein, dass Franz Josef Wagner seine heutige “Post von Wagner” nicht direkt an die “verdammten Bakterien” adressiert hat, sondern nur an die “lieben Bakterien-Forscher”. Das war dann aber auch seine vorerst letzte logische Amtshandlung.

Nachdem Wagner festgestellt hat, dass “immer mehr EHEC-Infektionen” in Deutschland gemeldet werden, macht er den “lieben Bakterien-Forschern” Vorwürfe:

Was mich erschreckt, ist, dass Ihr Experten nichts wisst. Ihr wisst nicht, welche Keime uns töten und wie wir uns vor ihnen schützen können. Mich erschreckt Eure Hilfslosigkeit.

Aber auch in seiner erschrockenen Stunde der Hilflosigkeit gelingt es Wagner noch, dem eigenen Nationalstolz zu frönen:

Wir Deutsche sind ein Ingenieursvolk, wir bauen die besten Autos. In der Weltraumtechnik leisten wir hervorragende Arbeit. Wenn man zurückdenkt, dann haben wir Deutsche eigentlich alles erfunden. Das Internet, das Auto, den Zeppelin, Röntgen.

… außerdem das Rad, das Feuer und dieses Plastikteil, das man an der Supermarktkasse aufs Laufband legt, damit man nicht versehentlich die Zigaretten vom Vordermann mitbezahlt.

Aber noch mal zurück zu Wagners Auflistung: Das Internet entstand in den 1960er Jahren an amerikanischen Universitäten (das World Wide Web Ende der 1980er am Schweizer Forschungszentrum CERN); beim Auto kann man ein bisschen darüber streiten, ob es nun von Carl Benz “erfunden” wurde oder von irgendwelchen Franzosen, und auch wenn der Zeppelin zweifelsohne auf die Initiative von Ferdinand Graf von Zeppelin zurückgeht, so gilt doch der Ungar David Schwarz als Erfinder des ersten starren Luftschiffs. Und das Röntgen hat Wilhelm Conrad Röntgen streng genommen nicht erfunden, sondern die Strahlen eher entdeckt.

Trotz seiner Sorge und Ahnungslosigkeit gibt sich Wagner gegen Ende aber optimistisch:

Weil ich an das menschliche Gehirn glaube, glaube ich, dass alles gut ausgeht.

Wir wären beim Glauben an das menschliche Gehirn etwas vorsichtiger.

Mit Dank an Holger K. und Bruder B.

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