Suchergebnisse für ‘Afd’

Datenleck, Geldverbrenner Youtube, Menschenverbrenner DSDS

1. Warum wir nichts über den Hackerangriff berichtet haben und jetzt doch diesen Artikel schreiben
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
“BuzzFeed News Deutschland” hat sich mit dem letzten großen Hackerangriff beschäftigt und die Erkenntnisse ausnahmsweise nicht in einem Artikel sondern in einem 27-teiligen Twitter-Thread niedergeschrieben. Der Grund: “Wir hatten so viele Fragezeichen, dass wir dachten: Das können wir nicht in einen Artikel packen. Die Menschen wollen von uns Antworten, keine Fragen.” Nach zahlreichen Reaktionen auf Twitter hat man sich entschieden, der Thematik doch einen Artikel zu widmen.
Weiterer Lesehinweis: Die netzpolitik.org-Analyse: Alles außer AfD: Was wir über das große Datenleck wissen (Markus Reuter).
Der Fall um die geleakten Daten wirft zudem die Frage auf, ob Journalistinnen und Journalisten die privaten Chatverläufe von Politikerinnen und Politikern lesen dürfen. Die Medienforscherin Jessica Heesen sagt dazu in der “taz”: “(…) bei einer Unterhaltung zwischen einer prominenten Persönlichkeit und ihren Familienangehörigen würde ich aus medienethischer Sicht keine ausführliche Analyse betreiben, sondern allenfalls einen kurzen Blick darauf werfen, um den Vorgang einzuordnen. Das muss ausreichen.”
Und zu guter Letzt die Lese-Empfehlung für: “Ups, ich hab’ ja doch was zu verbergen.” 5 Lehren für Journalist:innen aus dem #Hackerangriff (medium.com, Daniel Moßbrucker).

2. Youtube Advertising 2018: Welcher Spot hat massiv Geld verbrannt, welcher hat gezündet?
(omr.com, Roland Eisenbrand)
Christoph Burseg vom Youtube-Analyse-Tool “Veescore” hat für “OMR” ausgewertet, welche deutschen Werbetreibenden sich beim Youtube-Marketing geschickt anstellen — und welche Ihr Geld verschwendet haben. Zentrale Fragestellung der Analyse: Wie viele Views benötigt der Advertiser mit seinem jeweiligen Werbevideo, um jeweils einen neuen Abonnenten für seinen Kanal zu generieren? Die Ergebnisse reichen von grotesk viel bis überraschend wenig.

3. Kachelmann: “Ich arbeite für den MDR, nicht die ARD”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Jörg Kachelmann moderiert an der Seite von Kim Fisher seit dem 4. Januar wieder die MDR-Talkshow “Riverboat”. Im “DWDL”-Interview spricht er über seinen “Fuck the ARD”-Spruch, sein Verhältnis zu vielen Printmedien, seine Ziele und die Angst vorm Scheitern.
Mittlerweile kann sich Kachelmann etwas entspannen, zumindest, was die Quote anbelangt: “The Voice Senior” endet blass, “Riverboat” holt mit Kachelmann-Comeback beste Zuschauerzahl seit fast einem Jahr (meedia.de, Jens Schröder).
Hilke Lorenz hat sich die Sendung angeschaut und für die “Stuttgarter Zeitung” besprochen: Der allzu forsche Herr Kachelmann.

4. Abgründe sind wichtig im Leben
(54books.de, Tilman Winterling)
Die “Süddeutsche Zeitung” hat mit der Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg über “Männer und männliche Eigenschaften” gesprochen und sich unter anderem nach ihren Erfahrungen mit Sexismus erkundigt. Tilman Winterling hat das Interview gelesen und ist dabei nicht aus dem Kopfschütteln herausgekommen.

5. Solidarität für Fabrizio! – Nicht der DSDS-Kandidat war respektlos, sondern die Sendung, die ihn vorgeführt hat.
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der vergangenen Ausgabe von “Deutschland sucht den Superstar” wurde genußvoll das Scheitern eines schwulen 21-jährigen Kandidaten zelebriert. Vom “respektlosesten Kandidat aller Zeiten” war danach in den Medien die Rede, die nur zu gern der überdrehten RTL-Inszenierung folgten. Johannes Kram hat näher hingeschaut und erklärt, wie bei “DSDS” derartige Fremdschäm- und Empör-Elemente eingebaut werden. Sein Resümee: “Der Mut eines jungen Mannes, zu sich selber zu stehen, wurde missbraucht für die Inszenierung einer Vernichtung. Ja, Fabrizio hat sich schlecht geschlagen. Vor allem aber hatte er das Pech, dies in einem Format zu tun, das darauf angewiesen ist, daraus Kapital zu schlagen. Wer hierfür Schadenfreude empfindet oder gar Wut auf den Kandidaten, weil er sich so für dessen peinliches Anderssein schämt, der muss sich fragen lassen, wie peinlich ihm das eigene Anderssein ist.”

6. Kann man die russische Mafia mit Powerpoint erklären?
(faz.net, Allegra Mercedes Pirker)
Die “FAZ” hat den “Tatort” vom Sonntagabend einem Faktencheck unterzogen und dazu verschiedene Sachverständige befragt, darunter ein Experte vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, die Sprecherin des Bundeskriminalamts und ein Rechtsmediziner.

“Instinktloser Unsinn!” – “Bild” lässt Ministerin Weihnachten abschaffen

Und plötzlich …

Screenshot Bild.de - Karten-Kuddelmuddel im Kanzleramt - Zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht - Plötzlich ist von Weihnachtsfest die Rede

Wobei “Plötzlich” in diesem Fall bedeutet: Die “Bild”-Redaktion hat einen Fehler gemacht, und der große Mist, den sie verbreitet hat, fliegt den Mitarbeitern gerade um die Ohren. Dieses “Plötzlich” ist eine Art Korrektur im Gewand eines weiteren Vorwurfs.

Es geht um die Weihnachtskarte — oder besser: die Weihnachtskarten — von Annette Widmann-Mauz, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Am späten Dienstagabend schreiben Franz Solms-Laubach und Filipp Piatov bei Bild.de:

Screenshot Bild.de - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Das ganze Land wünscht zurzeit “Fröhliche Weihnachten” auf Karten, doch ausgerechnet die Integrationsbeauftragte kriegt das nicht hin.

Auf der Weihnachtskarte, die Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz (52, CDU) mit ihrer Pressestelle verschickt, sind zwar Weihnachtsmann-Mützen, Baumschmuck und Engel mit Heiligenschein zu sehen, es fehlt aber das wichtige Wort: Weihnachten!

Stattdessen steht dort: “Egal woran Sie glauben … wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr.”

Am Mittwoch reicht die “Bild”-Zeitung ihren aussichtsreichen Beitrag zum Wettbewerb “Wer erschafft den größten Elefanten aus der kleinsten Mücke?” ein:

Ausriss Bild-Titelseite - Die peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte drückt sich vor dem Wort Weihnachten

… schreibt die Redaktion auf der Titelseite. Und auf Seite 2:

Ausriss Bild-Zeitung - Peinliche Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt - Integrationsbeauftragte schafft Weihnachten ab

Daneben der Kommentar von Solms-Laubach (“Instinktloser Unsinn!”) und ein Brief von Franz Josef Wagner (“Liebe Integrationsministerin”).

Die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration soll also Weihnachten “abgeschafft”, sich “vor dem Wort Weihnachten” gedrückt, “unser christliches Fundament” verschwiegen haben. Blöd nur, dass eine weitere aktuelle Grußkarte von Annette Widmann-Mauz existiert. Und darin stehen Dinge wie “ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2019” oder “Öffnen wir unsere Herzen für das Geheimnis der Heiligen Nacht”. Dazu der Spruch des Theologen Angelus Silesius: “Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht. Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und wacht.” Alles sehr, sehr christlich.

Während die Karte, bei der Solms-Laubach und Piatov und “Bild” das Abendland untergehen sehen, in einer Auflage von 100 Exemplaren an Journalistinnen und Journalisten und Redaktionen gegangenen und von Widmann-Mauz’ Presseteam verschickt worden sein soll, soll die andere Karte in einer Auflage von 1000 Exemplaren an Kolleginnen und Kollegen im Bundestag, Freunde in der CDU, Kirchen, Religionsgemeinschaften gegangen sein.

“Bild” lag also heftig daneben. Doch anstatt einfach zu sagen: “Wir lagen daneben”, schreibt die Redaktion, dass “plötzlich” eine “zweite Weihnachtskarte von Widmann-Mauz aufgetaucht” sei, und zündet die nächste Stufe. “Bild” gestern:

Ausriss Bild-Zeitung - Kritik-Sturm wegen beschämender Weihnachts-Karte - Warum ist sie Integrationsministerin?

So macht man Menschen fertig.

Im Hauptartikel — dieses Mal interessanterweise ohne Autorennamen — geht es unter anderem um Widmann-Mauz’ Studienabbruch und ihr angebliches Versagen als Integrationspolitikerin. Die Redaktion wirft ihr vor, “dass sie es auch nach acht Monaten im Amt noch nicht geschafft habe, ein Freitagsgebet in einer Moschee zu besuchen.” Was wäre wohl in “Bild” los, wenn Annette Widmann-Mauz in diesen acht Monaten dreimal in der Moschee, aber nicht so oft im Gottesdienst gewesen wäre?

Der kleine Kasten unten rechts auf der Seite (“Die zweite Karte der Staatsministerin”) ist die Art, wie die “Bild”-Mitarbeiter zeigen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Und dazu gehört auch, dass sie noch einmal auf Annette Widmann-Mauz einschlagen: “Parteiintern christlich, nach außen beliebig — ein bemerkenswerter Widerspruch.”

Vermutlich hätte aber auch eine größere Korrektur nicht mehr viel gebracht. Bei Bild.de durften die Leserinnen und Leser bereits über die berufliche Zukunft der Integrationsbeauftragten abstimmen. In den Sozialen Netzwerken haben die Hetzer, denen “Bild” das nächste Opfer zum Fraß vorgeworfen hat, Widmann-Mauz längst beleidigt und beschimpft. Die AfD, Erika Steinbach und all die anderen ganz Rechten konnten auf ein neues Thema aufspringen und taten das auch zahlreich. CDU-Politikerinnen und -Politiker haben sich von “Bild” zu kritischen Äußerungen bringen lassen. “Integrationsexperte” Ahmad Mansour durfte auch noch was sagen.

Und “Bild” hatte das nächste Kapitel in der traditionellen JahresendErzählung, dass in Deutschland Weihnachten abgeschafft werde.

Für die Fehler, die die Redaktion dabei gemacht hat, musste sie nicht mal um Entschuldigung bitten. Sie hat einfach noch einen draufgesetzt.

Georg Streiter, der früher selbst bei “Bild” gearbeitet hat und später stellvertretender Regierungssprecher war, hat bei Facebook einen sehr lesenswerten Beitrag zur “Bild”-Berichterstattung über Annette Widmann-Mauz veröffentlicht.* Er schreibt darin unter anderem:

Wer — wie ich — lange Jahre bei Boulevard-Zeitungen gearbeitet hat, kennt auch die Kniffe, mit denen man immer halbwegs überleben kann, auch wenn man gerade ins Klo gegriffen hat. Eine Rettungs-Regel z.B. lautet: wenn Du falsch berichtet hast, lass die Korrektur aussehen wie eine neue Enthüllung. Die veredelte Variante: zünde zusätzlich ein großes Feuerwerk, das ablenkt. Ein Musterbeispiel dafür ist die versuchte Hinrichtung der Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, Annette Widmann-Mauz (CDU), durch die “Bild”-Zeitung.

Er habe “arge Probleme”, so Streiter, “mit dem fanatischen Kurs, den der aktuelle Chefredakteur fährt.”

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

*Nachtrag, 27. Dezember: Der Facebook-Post von Georg Streiter ist inzwischen nicht mehr für jeden lesbar. Streiter hatte uns gegenüber bereits angekündigt, dass er seinen Text zu gegebener Zeit wieder auf “privat” stellen werde.

Missbrauchs-Nachrichtensperre, Gemein(de)schreiber, Lügen-Charts

1. Ein Urteil, über das (fast) niemand spricht
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Dem Kurienkardinal George Pell (77) wird in Australien Missbrauch Minderjähriger vorgeworfen. Dass man wenig über den Fall erfährt, liegt an der von der australischen Justiz verhängten weltweiten Nachrichtensperre. Marco Bertolaso erklärt, warum sich der “Deutschlandfunk” nicht an diese Nachrichtensperre halte: “Das Thema ist weltweit bedeutsam. Es ist bedeutsam für die deutsche Gesellschaft. Der Missbrauch durch Priester und die langen Jahre der Vertuschung haben auch unser Land erschüttert. Auch in Deutschland sind viele Menschen Opfer geworden. Und auch bei uns wird über die Rolle der Kirche diskutiert. Dabei geht es nicht zuletzt um den Vatikan und seine hohen Vertreter wie Kardinal Pell. Die Relevanz des Themas steht also außer Frage.”

2. Stimmverlust
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der amerikanische “Weekly Standard” gehörte zu den wenigen konservativen Medien, die Kritik am US-Präsidenten übten. Weil dem Geldgeber die Blattlinie nicht passte, muss die Zeitschrift nun dichtmachen. Die Blattmacher suchen jetzt finanzielle Unterstützung für ein Nachfolgeprojekt. Ob dieses Projekt je wieder an den Einfluss des “Weekly Standard” herankommt, sei jedoch fraglich.

3. Boswiler Gemeindeschreiber: Medien-Richter kennen keine Gnade
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der Gemeindeschreiber des Schweizer Dorfs Boswil hat auf Facebook allerlei hässliche Botschaften hinterlassen. Dies griff die Schweizer Boulevard-Tageszeitung “Blick” in ihrer Berichterstattung auf. Was danach geschah, erzählt und bewertet Rainer Stadler in seiner “NZZ”-Kolumne.

4. “Richtig Stimmung machen”
(taz.de, Aron Boks)
Beim “Adbusting” werden bekannte Markennamen und Logos gekapert und in Fake-Plakate eingearbeitet. Bekanntes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Das gefakte Werbeplakat, auf dem sich Coca-Cola vorgeblich gegen die AfD positionierte. Die “taz” hat sich anlässlich des konkreten Falls mit einem PR-Berater über Marketingstrategien von großen Konsummarken unterhalten.

5. Das sind 8 der erfolgreichsten Falschmeldungen auf Facebook 2018
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
“BuzzFeed News” hat recherchiert, welche Falschmeldungen 2018 auf Facebook besonders erfolgreich waren. Erschreckend: Acht der erfolgreichsten Falschmeldungen hätten mehr Facebook-Interaktionen bewirkt als fast alle Artikel der größten Nachrichtenseiten in Deutschland. Wichtigste Verbreiter dieser Falschnachrichten seien die AfD und die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach gewesen.

6. Volks-Rock’n’-Proll
(spiegel.de)
Der heimatverliebte Volkstümler und Schlagersänger mit Schlagseite Andreas Gabalier überzog auf seinem Abschlusskonzert die als linksliberal geltenden Zeitungen “Standard” und “Falter” mit allerlei Schmähungen. Er glaube, dass Redakteure der — seiner Ansicht nach traditionsfeindlichen — Blätter “undercover in der Halle” seien, um “verheerende Geschichten” zu schreiben.

Falschen im Visier, Medienphänomen “Gelbwesten”, Politisches Adbusting

1. Ermittlungen wegen CumEx-Files: Angriff auf die Pressefreiheit?
(daserste.ndr.de/panorama)
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den Investigativjournalisten und “Correctiv”-Chefredakteur Oliver Schröm. Im Oktober hatte “Correctiv” gemeinsam mit 18 Medienpartnern die Rechercheergebnisse zum Cum-Ex-Skandal veröffentlicht, der als größter Steuerraubzug Europas (geschätzter Schaden: mehr als 55 Milliarden Euro) in die Geschichte eingehen könnte. Anstatt Schröm (und die anderen an der Aufdeckung Beteiligten) mit dem Verdienstkreuz auszuzeichnen, ermittelt man gegen ihn wegen angeblicher “Anstiftung zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen”.
Weiterer Lesehinweis: Journalismus ist kein Verbrechen: Der offene Brief von “Correctiv” an Justizministerin Barley und Finanzminister Scholz: “Sehr geehrter Herr Finanzminister Olaf Scholz, wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Ihren Kollegen in Europa endlich unsere Staatskassen vor Ausplünderung zu schützen. Sehr geehrte Frau Justizministerin Katarina Barley, wir fordern Sie auf, investigative Recherchen von Journalisten nicht zu kriminalisieren. Sorgen Sie dafür, dass Journalisten nicht wegen Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen strafrechtlich verfolgt werden können. Der Rechtsstaat muss sich auf die Verfolgung der Täter konzentrieren. Steuerraub ist ein Verbrechen. Journalismus nicht.”
Bei “Spiegel Online” ordnet Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, den Fall juristisch ein: “Pressefreiheit stößt manchmal an Grenzen”.

2. Absage an eine Gesellschaft
(spiegel.de, Nils Minkmar)
Die französischen “Gelbwesten” sind das perfekte Medienphänomen, wie Nils Minkmar bei “Spiegel Online” ausführt: “Man kann etwas Revolutionsfolklore hineindeuten, nach Belieben personalisieren und viel Häme gegen Macron verbreiten. Gescheiterter Star, das lesen die Leute ja gern. Aber diese Deutungen verkennen die fundamentale, ja intime Dimension der Verzweiflung in Frankreich. Sie hat mit der Erkenntnis zu tun, dass der Nationalstaat nicht mehr viel, aber Europa noch lange nicht genug vermag, um normale Bürger zu fördern.”

3. Livestreams von Schießereien
(twitter.com, Martin Kaul)
“taz”-Reporter Martin Kaul erklärt auf Twitter, warum aus seiner Sicht Leute ohne journalistischen Hintergrund keine Livestreams von Schießereien erstellen sollten.

4. Wenn Unternehmen unfreiwillig gegen die AfD werben
(faz.net, Jonas Jansen)
Jonas Jansen berichtet über die aktuellen Fälle von politischem Adbusting. Dabei handelt es sich um gefälschte Wahlplakate, auf denen bekannte Marken vermeintlich eine politische Botschaft verkünden. Für großes Aufsehen hatte kürzlich ein angebliches Coca-Cola-Plakat gesorgt (“Sag nein zur AfD”). Nun wurde ein Nutella-Plakat gefälscht und das Bild davon in den sozialen Medien verbreitet. Die Einordnungen der Adbustings gehen auseinander: Die Aktivisten sehen sie als legitime politische Äußerung, die betroffenen Unternehmen als Sachbeschädigung und Rufgefährdung.

5. Übersetzungsautomaten statt Sprachbarrieren
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Die Übersetzungstechnologie hat in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Medienhäuser könnten davon profitieren, indem sie ihre Publikationen demnächst in verschiedenen Sprachen anbieten und dadurch ausländische Märkte erschließen. Dabei sind sie jedoch auf Unternehmen wie Google und deren Übersetzungsdienste angewiesen. Adrian Lobe sieht neben den Chancen auch die Risiken: “Die Gefahr dabei ist, dass der Internetkonzern nicht nur die Verbreitung von Inhalten kontrolliert (wer sieht welche Artikel?), sondern dass dem Konzern auch eine Sprachmacht zuwächst, indem seine Algorithmen Auslegungsregeln für Übersetzungen festzurren. Es geht dabei nicht um Stilkritik, sondern um die Deutungshoheit über Begrifflichkeiten. Ob man die Ausschreitungen in Chemnitz als einen “wütenden Mob” (angry mob, so die NYT) oder “Hetzjagd” bezeichnet, macht in der politischen Bewertung der Vorkommnisse einen erheblichen Unterschied.”

6. 26 Jahre später …
(twitter.com, Patrick Bahners)
Vor 26 Jahren hatte Patrick Bahners in der “FAZ” über die plagiatsverdächtige Doktorarbeit von Margarita Mathiopoulos geschrieben und dafür eine Gegendarstellung kassiert. 26 Jahre später schließt sich der Kreis: Die Potsdamer Honorarprofessorin verliert ihren zusammenplagiierten Doktortitel nun endgültig. Ihre Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde abgelehnt.

Jetzt nehmen uns die Muslime auch noch das Schwimmbad weg

Die Sache ist eigentlich schon dämlich genug: Ein Vater, der mit seiner zweijährigen Tochter regelmäßig einen Mutter-Kind-Treff besucht, wird gebeten, nicht zum Schwimmausflug mitzukommen. Die Kursleiterin spricht ihm vorher auf die Mailbox:

“Ich wollte dir Bescheid geben: Wir sind ja am Mittwoch alles Frauen. Und es sind auch muslimische Frauen dabei. Deswegen wäre es gut, wenn deine Frau kommen würde. Du kannst dann leider nicht kommen. (…) Ich hoffe auf dein Verständnis!”

Wie gesagt: dämlich genug. Sogar so dämlich, dass die für den Mutter-Kind-Treff zuständige Bremer Sozialbehörde gegenüber “Bild”, wo auch das Transkript der Mailboxaufnahme erschienen ist, sagt:

“Wir wollen mehr Väter in den Eltern-Kind-Gruppen. Wir wollen auch, dass Väter häufiger in die Elternzeit gehen. Sie sollen natürlich mit muslimischen Eltern gemeinsam am Kinderschwimmen teilnehmen. Was dort praktiziert wurde, ist grundsätzlich nicht die Linie unseres Hauses.”

Also: Eine falsche Reaktion einer Mitarbeiterin, mit der der Sprecher der Sozialbehörde über diesen Fehler reden wolle. Soll alles so nicht wieder vorkommen.

In der Bremen-Ausgabe der “Bild”-Zeitung hyperventilieren sie diesen einmaligen Fehler einer Person zu einem generellen Schwimmverbot für Vater und Tochter, “weil Muslime im Bad sind”:

Ausriss Bild-Zeitung - Weil Muslime im Bad sind - Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

“Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen” ist schlicht falsch. Natürlich — und zum Glück — kann niemand Tim F. verbieten, mit seiner Tochter in das Bremer Schwimmbad zu gehen, ob nun Muslime dort im Becken sind oder nicht. “Weil Muslime im Bad sind” ist mindestens heftig verbogen. Dass Tim F. am fraglichen Tag nicht am Schwimmausflug teilnehmen sollte, bezog sich nicht darauf, dass allgemein auch Muslime im Schwimmbad waren, sondern speziell auf die Zusammensetzung der Mutter-Kind-Gruppe. Das macht den Fehler der Kursleiterin und die Angelegenheit für Vater und Tochter nicht besser, aber die “Bild”-Dachzeile falscher.

Bei Bild.de ist vor der Paywall nur Folgendes lesbar:

Screenshot Bild.de - Weil Muslime im Bad sind - Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen - Papa Tim F. und Tochter Amelia-Sophie hatten sich so aufs Kinder-Schwimmen gefreut. Doch daraus wurde nichts. Der engagierte Vater wurde aus der Schwimmgruppe ausgeschlossen.

Die Antwort der Bremer Sozialbehörde und all die anderen Relativierungen können hingegen nur zahlende Kunden lesen.

Die Aufregung, die die “Bild”-Medien erzeugen, findet selbstverständlich Widerhall in den Sozialen Netzwerken: Muslime, die Personen mit deutschen Vornamen vermeintlich das Schwimmen unmöglich machen — da springen “AfD Rosenheim Kreisverband”, “Anno 1273 Oberlungwitzer Patrioten”, “Völker dieser Welt erheben sich !!”, “AfD – Kreisverband Rottweil/Tuttlingen” und ähnliche Kandidaten gerne auf.

Und auch auf der Facebookseite von “Bild” ist ordentlich was los. Der Post zum Artikel wurde über 5200 Mal geliket, mehr als 1200 Mal geteilt und knapp 1600 Mal kommentiert. Dass Dachzeile und Überschrift bei Bild.de sowie die Überschrift, die auf der “Bild”-Facebookseite angezeigt wird (“Muslimische Frauen wollen ihn nicht: Vater darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen”), für ziemliche Verwirrung sorgen, wem nun was alles scheinbar von welcher Gruppe verboten werde, hat offenbar auch die “Bild”-Redaktion gemerkt. Sie kommentiert selbst:

Screenshot eines Facebook-Kommentars der Bild-Redaktion - Nur noch mal zum Verständnis: Auf dem Titelbild ist Eltern-Kind-Bereich zu sehen. Das liegt daran, dass es im Bad einen Bereich gibt, der kindergerecht gestaltet ist. In diesem speziellen Fall geht es allerdings um einen Ausschluss vom Mutter-Kind-Treff, also einer Schwimmveranstaltung beziehungsweise einem Treffen.

Mit Dank an Ingmar D. und Christian M. für die Hinweise!

Nachtrag, 14. Dezember: Die Geschichte hat laut “Bild” vermeintlich eine neue Wendung bekommen.

Obdachlos im Medienzirkus, Witzbildmaler Ruthe, Migrationspakt

1. Nicht ohne meinen Vater: Wie ein Obdachloser im Medienzirkus untergeht
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Vor einem Jahr machte das “Twitter-Märchen” vom Sohn die Runde, der seinen obdachlosen Vater via Netzwerk suchte … und fand. Die emotionale Geschichte sorgte für große Aufmerksamkeit: Der Account @deinTherapeut wurde “meist genannter deutscher Twitter-Nutzer” im Jahr 2018. Nächstes Jahr soll die Geschichte als Buch bei einem großen Publikumsverlag erscheinen. Eine Geschichte, zu der es schon jetzt einige kritische Fragen gibt.
Weiterer Lesehinweis: Darf der das? (faz.net, Sebastian Eder). “Mit einer Geschichte über seinen Vater wurde @deinTherapeut zum meistgenannten deutschen Twitter-Account 2018. Doch Kritiker werfen ihm “grobe Fahrlässigkeit” im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Jugendlichen vor. Was sagt er dazu?”

2. Wie wir arbeiten
(deutschlandfunk.de, Ann-Kathrin Büüsker, Audio, 27:09 Minuten)
Seit über einem Jahr gibt es den (empfehlenswerten) “Deutschlandfunk”-Podcast “Der Tag”. In einer Sonderausgabe spricht Ann-Kathrin Büüsker mit ihren Kollegen über die tägliche redaktionelle Arbeit, das Moderatorenprinzip, die Kunst, kontroverse Interviews zu führen, und erklärt, warum es keine perfekte Sendung gibt.

3. Ich äußere mich nicht politisch, sondern menschlich
(viertausendhertz.de, Christian Möller, Audio, 82:09 Minuten)
Ralph Ruthe ist nicht nur für seine Cartoons, sondern auch für seine klare Haltung bekannt. “Viertausendhertz”-Podcaster Christian Möller hat sich mit Witzbildmaler Ruthe zum Spaziergang durch Bielefeld verabredet.

4. Alberne Panikattacken
(spiegel.de, Thomas Fischer)
“Spiegel Online”-Kolumnist und Ex-BGH-Richter Thomas Fischer kommentiert die Debatte um den Migrationspakt: “Warum so furchtsam? Was soll die absurde Behauptung, man unterzeichne einen “Pakt”, der gar nichts bedeutet und keinerlei Folgen haben kann? Der Pakt ist, nach meiner Ansicht, im Grundsatz vollkommen in Ordnung; er beeinträchtigt staatliche Souveränität nicht, formuliert aber gemeinsame Ziele; und selbstverständlich wird erwartet, dass sich die Vereinbarungsparteien daran halten, auch wenn das nicht erzwungen werden kann. Warum fürchtet man sich davor, das klar zu sagen?”

5. Ex-Bild-Chef Kai Diekmann im Gespräch – #118
(falter.at, Florian Klenk, Audio, 62:59 Minuten)
Beim Europäischen Mediengipfel Ende November haben sich Ex-“Bild”-Chef Kai Diekmann und “Falter”-Chefredakteur Florian Klenk zum Branchentalk getroffen. Nun gibt es das Gespräch zum Nachhören. Es geht um Medienwelt und Medienwandel, Donald Trump und Fake News, die verkaufte “Hörzu” und Diekmanns angebliche Penisverlängerung.

6. Clickbait-Knüppel aus dem Sack! Wie Medien ein harmloses Knecht-Ruprecht-Zitat ausnutzen
(meedia.de)
Grünen-Politikerin Josefine Paul findet, wie viele andere auch, dass die angstbesetzte Figur des Knecht Ruprecht nicht mehr in das heutige Bild der Kindererziehung passe. Das wurde in einigen Medien und von der AfD sofort mit überdrehten Überschriften sinnentstellend und klickträchtig verarbeitet und zur Skandalmeldung hochgejazzt.

“Bild” am Rande des Merzinfarkts

Morgen wird darüber abgestimmt, wen die CDU als neuen Vorsitzenden oder neue Vorsitzende haben will. Wen die “Bild”-Zeitung als neuen CDU-Vorsitzenden haben will, steht längst fest.

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In den vergangenen Jahren war es bei “Bild” ziemlich ruhig geworden um Friedrich Merz. Hin und wieder packte die Redaktion nochmal die Steuererklärung-auf-einem-Bierdeckel-Sache aus oder entdeckte Merz “schlank und braun gebrannt” am Rande irgendeiner Veranstaltung, sonst aber trat der CDU-Mann in der “Bild”-Zeitung kaum in Erscheinung.

Bis vor ein paar Wochen. Am 29. Oktober, keine halbe Stunde nach den ersten Gerüchten zu Angela Merkels Rückzug als Parteichefin, meldete “Bild” exklusiv:

“Bild” hatte es — vor allen anderen — “aus dem Umfeld von Friedrich Merz” erfahren.

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In der Print-Ausgabe stellte “Bild” am nächsten Tag die Runde der potentiellen Nachfolger vor. An erster Stelle: Friedrich Merz.

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Am nächsten Tag: der Kandidaten-Check. Oder eher: die Verteilung der Labels. Jens Spahn? Der Homosexuelle. Annegret Kramp-Karrenbauer? Die mit dem Doppelnamen. Friedrich Merz? Der Millionär.

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Am nächsten Tag: Titelseite.

Und im Innenteil, nahezu James-Bond-haft:

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Am nächsten Tag:

Auf der gleichen Seite widmete die Redaktion dem Mozart-Messias noch zwei weitere Schlagzeilen (Jens Spahn bekam immerhin eine):

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Am nächsten Tag: noch ein Kandidaten-Check.

Fazit zu Kramp-Karrenbauer?

Konservatives Familienbild und hartes Durchgreifen, Recht und Ordnung bei Migranten. AKK will keine “Mini-Merkel” sein!

Fazit zu Spahn?

Geförderte auch gefordert werden, Spahn will wirtschaftsliberale Politik, Leitkultur, Recht und Ordnung. Wie Merz ist Spahn der Anti-Merkel.

Fazit zu Merz?

Klare Kante, klare Worte, eigene Meinung! Merz war und ist DER Gegenentwurf zu Kanzlerin Angela Merkel.

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Am nächsten Tag:


Außerdem eine Umfrage. “Wen würden die Deutschen zum CDU-Chef wählen?” Tada:

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Zwei Tage später:

Antwort: Doch, hätte es wohl, aber fragen kann man ja mal.

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In der nächsten “Bild am Sonntag”:

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Am nächsten Tag:

Selbst die Klatsch-Seite schenkte ihm ein paar Zeilen:

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Zwei Tage später:





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Und damit war sie entfacht, die …

Doch “Bild” erklärte die Debatte kurzerhand zu einer “Neiddebatte”, und “Bild”-Kommentatoren forderten:

Wir sollten Friedrich Merz nicht daran messen, was er verdient, sondern daran, ob er die Sorgen und Nöte der Menschen hören und verstehen kann! Das ist es, was wirklich zählt.

Und damit war sie dann schon wieder beendet, die “große Debatte um Millionär Merz”.

Außerdem: So abgehoben ist der ja gar nicht!

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Und so stellte “Bild” weiter die naheliegenden Fragen:

Ergebnis des Experten: “Den größten Respekt hätten die mächtigsten Machos der Welt vermutlich vor Friedrich Merz.”

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Wenig später sprachen die drei Kandidaten Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn auf einer Veranstaltung in Baden-Württemberg. Schlagzeile?

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Kurz darauf veröffentlichte “Bild am Sonntag” eine große Übersicht, auf der aufgelistet wurde, für welchen Kandidaten die 1001 CDU-Delegierten stimmen wollen. Deutlicher Favorit der Befragten: Friedrich Merz.

Noch am selben Tag erklärten einige der Delegierten, sie hätten überhaupt nicht mit “Bild am Sonntag” gesprochen.

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Doch die “Bild”-Medien sind in diesen Wochen nicht nur bemüht, die vermeintliche Popularität, die angeblichen Vorzüge und Stärken ihres Wunschkandidaten hervorzuheben, sondern auch seine möglichen Schwachpunkte zu entkräften.

Als Merz etwa mit einer Lobbyisten-Firma in Verbindung gebracht wurde, die für Saudi-Arabien arbeitet, veröffentlichte “Bild am Sonntag” sogleich ein Statement, in dem Merz beteuerte, er habe “keinerlei Kontakte nach Saudi-Arabien” und auch “keine Gespräche angebahnt oder anbahnen lassen.”

Auch was die Firma BlackRock angeht (“Bild”: die “größte Investmentfirma der Welt!”), für die Merz als Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist tätig ist, versicherte “Bild” immer wieder, dass da natürlich alles mit rechten Dingen zugehe:

Der ehemalige Unions-Fraktionschef FRIEDRICH MERZ (62) arbeitet für eine renommierte Kanzlei und ist Cheflobbyist des deutschen Ablegers von “BlackRock”. Anders als oft behauptet, ist “BlackRock” kein Unternehmen, das SPD-Legende Müntefering “Heuschrecke” nennen würde. Sein klassisches Geschäftsmodel ist also nicht, Unternehmen zu kaufen, zu zerschlagen und mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die größte Investmentfirma der Welt hält aber eine beträchtliche Anzahl von Aktien an Dax-Konzernen.

(“Bild”, 31.10.2018)

“BlackRock ist eine Vermögensverwaltung”

Merz weiß um das (falsche) Image seines bisherigen Arbeitgebers BlackRock als “Finanzhai” und “Heuschrecke”. Menschen vertrauen dem größten Vermögensverwalter der Welt ihr Geld an; es ist kein aggressiver Fonds. Trotzdem: Diese Flanke wird noch öfter attackiert werden.

(“Bild”, 1.11.2018)

Und selbst wenn bei dem Unternehmen was verdächtig ist, heißt das ja nicht, dass auch bei Merz was verdächtig ist:


(“Bild”-Titelseite, 8.11.2018)

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Gestern dann, auf Seite 2 der Bundesausgabe:

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Und heute, einen Tag vor der Abstimmung beim CDU-Bundesparteitag in Hamburg:

(Merz natürlich mit Heiligenschein, die anderen ohne.)

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Und was haben die “Bild”-Medien davon, dass sie sich so für Friedrich Merz ins Zeug legen?

Merz klickt sich gut, das beobachtet man in der Redaktion. Und wenn sich ein Thema gut klickt, dann wird nachgelegt.

schrieb die “taz” vor ein paar Tagen. Doch für “Bild” geht es nicht nur um Klicks oder um Auflage, es geht um viel mehr: Wenn Merz morgen gewinnt, steht er in der Schuld von “Bild”. Dann kann der Chef der “Bild”-Zeitung jederzeit zum Chef der CDU sagen: “Ohne uns wärst du nicht da, wo du bist. Wir haben was gut bei dir.” Kein besonders beruhigender Gedanke.

Strunzdummes Frühstücksfernsehen, Plattmacher, Tils Wurzelbehandlung

1. Zöpfe, Lederhosen, Stasi-Ossis: Bei Sat.1 wird im Duett desinformiert
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Beim vom berühmt-berüchtigten Claus Strunz geleiteten Sat.1-Frühstücksfernsehen ging es um die zum Skandal hochgejazzte Kita-Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung. Stefan Niggemeier hat die “sechseinhalb Minuten Idiotie und Desinformation” fachgerecht seziert und kommt zum Schluss: “Sat.1 kämpft mit Verleumdungen gegen Pädagogen, die sich Gedanken machen, wie sie Kinder vor Menschenfeindlichkeit und rechtsextremer Ideologie schützen können. Und ist auch noch stolz darauf.”

2. Tagesspiegel gewinnt gegen BfV
(taz.de)
Ein “Tagesspiegel”-Redakteur verlangte vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) Auskünfte zu den Treffen des ehemaligen Verfassungsschutz-Chefs Maaßen mit AfD-Politikern. Nachdem das Amt ihm diese Auskünfte verweigerte, wandte sich der Journalist an das Verwaltungsgericht Köln und — bekam Recht. Das Bundesamt müsse seine Fragen beantworten.

3. Die Portfolio-Bereinigung
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die Zeitungskrise ist eine Zeit für Schnäppchenjäger und Krisengewinnler. Josef-Otto Freudenreich berichtet über den Stuttgarter Medienkonzern SWMH, der systematisch kleinere Verlage aufkaufe und sie Stück für Stück “plattmache”. Verlierer seien die Medienvielfalt und die Beschäftigten.

4. Faktencheck: Die Macht der Lüge
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 5:10 Minuten)
“Zapp” hat zwei prominente Faktenchecker besucht: Den “Faktenfinder” der ARD, Patrick Gensing, und “Buzzfeed News”-Redakteur Karsten Schmehl. Beide bekommen viel Zuspruch, werden aber auch stark angefeindet.

5. Der üblichste Verdächtige
(zeit.de, Frida Thurm)
“Zeit”-Kolumnistin Frida Thurm denkt über die Berichterstattung im Fall der getöteten 17-Jährigen in Sankt Augustin nach. Es sei grundsätzlich richtig, über Flüchtlingskriminalität zu berichten, es gebe jedoch ein Problem: “Wenn wir Medien über Kriminalität durch Flüchtlinge berichten, weil die gesellschaftlich diskutiert wird, trägt das dazu bei, dass sie noch stärker wahrgenommen und diskutiert wird, was wiederum ihre Relevanz erhöht und damit die Wahrscheinlichkeit, dass wir mehr darüber berichten werden. Ein Effekt, der sich selbst verstärkt. Wir erzeugen den Wind, von dem wir uns dann getrieben fühlen.” Der mutmaßliche Täter ist übrigens gar kein Flüchtling.

6. “So lustig wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung”
(sueddeutsche.de)
Til Schweiger hat ein englischsprachiges Remake seines Erfolgsfilms “Honig im Kopf” in die US-Kinos gebracht und die dortigen Medien überschlagen sich vor … nun ja … Reaktionen. Beispiel gefällig? Hier ein “Observer”-Zitat: “Es gibt keinen überzeugenden Moment in diesem Fiasko. Am Ende hat die Hauptfigur ihren Verstand völlig verloren. Gut möglich, dass die Zuschauer sich genauso fühlen.”

Leiter-Lüge, Schnüffel-Fibel-Lüge, Palmer-Bashing-Lüge

1. “Es gibt keine Leiter”
(taz.de, Irina Angerer)
Anlässlich der Online-Kampagne #unten hinterfragt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Interview die Denkweise, die hinter den Begriffen “oben” und “unten” steht: “Es ist eine komplexe Situation in einer gesellschaftlichen Struktur. Und es schwingt natürlich mit, dass die Leute die “oben” sind, schon etwas dafür getan haben, um oben zu sein. So als ob sie einen Berg erklommen hätten und eine Leistung erbracht hätten. Und diese Metaphorik sollte man immer bedenken.”

2. Die Lüge von der “Schnüffel-Fibel”
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Gibt es tatsächlich eine staatlich geförderte “Schnüffel-Fibel”, die erklärt, dass man an Zopf und Kleid beim Mädchen ein völkisches Elternhaus erkennt? “Bild” und “B.Z.” behaupten das jedenfalls, und AfD-Seiten, ein Redakteur der “Neuen Zürcher Zeitung” und Leute wie die Rechts-Influencerin Erika Steinbach springen sofort mit auf den Zug. Stefan Niggemeier räumt mit dem Unsinn auf.

Dazu auch: Gegendarstellung: Die Amadeu Antonio Stiftung ruft nicht zum Beschnüffeln von Eltern auf (belltower.news, Simone Rafael).

3. Florian Klenk: Fake? Fakt? Was darf man glauben?
(youtube.com, Video, 1:08 Stunden)
Wie hat sich der Journalismus und die politische Kommunikation in den vergangenen 25 Jahren verändert? Wer manipuliert uns? Wer informiert uns? Und wieso sind die Rechten so erfolgreich im Netz? Florian Klenk ist nicht nur Chefredakteur des österreichischen Wochenblatts “Falter”, sondern auch ein unterhaltsamer Erzähler, wie er bei der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Lehrervereins Oberösterreich beweist. In seinem Vortrag vor den versammelten Pädagogen geht es um “Fake News, Freunderlwirtschaft und Demokratie”.

4. “Tagblatt”-Chefredakteur Gernot Stegert über die Vorwürfe des Palmer-Bashings
(tagblatt.de, Gernot Stegert)
Das “Schwäbische Tagblatt” hat sich in den letzten Tagen mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und dessen öffentlich ausgetragenem Streit mit einem Studenten beschäftigt und sieht sich nun Vorwürfen des “Palmer-Bashings” ausgesetzt. Chefredakteur Gernot Stegert bezieht dazu Stellung und bietet den Leserinnen und Lesern Austausch und Diskussion an. (Höflicherweise erwähnt er nicht, dass das wirksamste Palmer-Bashing immer noch von Boris Palmer selbst vollzogen wird.)

5. Wie berichtet man vom Krieg, Frau Ramsauer?
(derstandard.at, Olivera Stajic)
Petra Ramsauer arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Krisenberichterstatterin. In den vergangenen Jahren war sie unter anderem in Afghanistan, im Irak, im Tschad, in Mauretanien und der Elfenbeinküste. Im Gespräch mit dem “Standard” geht es um ihren Antrieb, ihre Haltung und Objektivität. Letztere hält sie übrigens für “Blödsinn”. Ihr Job sei es nicht zu schreiben: “der sagt, es ist blau, und der sagt, das ist grün. Mein Job ist es hinzufahren und zu schauen, ist es jetzt blau oder grün.”

6. Die beschränkte Weltsicht von Journalisten
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell, Audio, 4:03 Minuten)
Im preisgekrönten Dokumentarfilm “Aggregat” von Regisseurin Marie Wilke werden Aufnahmen der vergangenen Jahre zusammenmontiert, in denen es unter anderem um die Themen Migration und Rechtspopulismus geht (lesenswert dazu auch die Rezension von Severin Weiland bei “Spiegel Online”). Matthias Dell erzählt in seiner “Deutschlandfunk”-Kolumne: “Meine liebste Stelle in dem Film ist die über ein Kamerateam vom ZDF, das den SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby portraitieren will — weil man daran sehen kann, wie beschränkt Journalisten mitunter auf die Welt schauen, ohne es zu merken.”

Mafia-Berichterstattung, Sprache der Politik, “Partnerprogramm” für Hass

1. Unter Verdacht – Gericht verbietet MDR-Ausstrahlung
(ndr.de, Timo Robben)
Wer zum Thema organisierte Kriminalität und Mafia recherchiert, hat zu den normalen Schwierigkeiten noch eine weitere, juristische: Die Beweislage muss für eine Verdachtsberichterstattung ausreichen, und das ist oft Auslegungssache. Das mussten gerade zwei MDR-Journalisten auf schmerzliche Weise erfahren, deren Film “Paten in Deutschland — die armenische Mafia und Diebe im Gesetz” aus eben diesen juristischen Gründen nicht ausgestrahlt werden konnte.

Siehe dazu auch den “Zapp”-Beitrag: “Recherche über Mafia schwierig”, in dem der MDR-Journalist Ludwig Kendzia die Schwierigkeiten bei der Mafia-Berichterstattung erklärt. (ndr.de, Video, 14:02 Minuten).

2. Russlands linke Offensive
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Silvia Stöber)
Von Berlin aus operieren Onlinemedien mit politischen Inhalten, berichten über “das ausbeuterische globale System”, das die Menschheit “versklavt und unseren Planeten zerstört”, und rufen die Menschen dazu auf, “ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen”. Finanziert werden die durchaus erfolgreichen Seiten aus Russland. Der ARD-“Faktenfinder” hat sich auf Spurensuche begeben.

3. Rechte Verlage zahlten wohl Geld an Betreiber von Hetzseiten
(sueddeutsche.de, Katja Riedel & Sebastian Pittelkow)
Mario R. betrieb Hassportale im Netz und steht wegen unerlaubten Waffenhandels vor Gericht. Nun hat sich herausgestellt, dass Hintermänner des Kopp Verlags und des rechten Magazins “Compact” ihm offenbar mehr als 100.000 Euro überwiesen haben und zwar im Rahmen eines “Partnerprogramms”.

4. Die Sprache der Politik
(wdr.de, Achim Schmitz-Forte, Audio, 27:44 Minuten)
Der Grünen-Politiker Robert Habeck war bei der WDR-“Redezeit” zu Besuch und hat dort erzählt, dass gute Politik vor allem eine Frage der richtigen Sprache sei: “Wie in der Politik etwas gesagt wird, entscheidet, was in der Politik gedacht und was gemacht wird”.
Weiterer Lesehinweis zum Thema Sprache: Welche Strategien verwenden die Rechten mit ihrer Sprache? Zur Rhetorik der AfD: Der rechte Redner befiehlt, die Zuhörer folgen (fr.de, Heinrich Detering).

5. “Zehn Morde. Sind ihnen völlig egal”
(spiegel.de, Arno Frank)
Die Journalistin Annette Ramelsberger hat volle fünf Jahre den NSU-Prozess begleitet. In einem Gemeinschaftsprojekt mit drei weiteren Journalistinnen und Journalisten entstand das 2000-seitige Werk “Der NSU-Prozess. Das Protokoll”. Im Interview erzählt Rammelsberger von den Merkwürdigkeiten des Prozesses, ihren schwersten Momenten aber auch über den bewegenden Moment, als es stehenden Applaus für die Aussage einer Frau mit iranischen Eltern gab. Diese habe sich trotz eines Bombenanschlags nicht unterkriegen lassen und arbeite mittlerweile als Chirurgin an einer Kölner Klinik.

6. Regulierung von Social Media und Suchmaschinen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen (ROG) hat einen Bericht mit Empfehlungen für die öffentliche Kontrolle von Diensten wie Facebook, Google und Twitter veröffentlicht. Der Bericht geht davon aus, dass diese Dienste heute keine rein privaten Unternehmen mehr seien, sondern essenzieller Bestandteil moderner Öffentlichkeit, und daher in besonderer Weise kontrolliert werden müssten. Er richte sich an die Bundesregierung und Vertreter des Bundestages und sei diesen bereits zugestellt worden. Wer sich dazu weiter einlesen will: Es gibt eine Kurzfassung (PDF) wie auch den vollständigen Bericht (PDF).
Weiterer Lesehinweis: Der große Facebook-Medien-Report: So extrem schaden die Algorithmus-Änderungen deutschen Medien-Seiten (meedia.de, Jens Schröder).

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