Suchergebnisse für ‘AfD’

Neoliberal-Battle, Kopp-Kongress, Böhmermann-Verlautbarung

1. Oskars Rage
(taz.de, Georg Löwisch)
Oskar Lafontaine hat auf Facebook geschimpft, die “taz” gehöre zu einer „neoliberalen Kampfpresse“. Er hatte sich über einen “taz”-Artikel geärgert, in dem es um das Doppel-Interview der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” mit Sahra Wagenknecht und der AfD-Chefin Frauke Petry ging. Das kann und will Chefredakteur Georg Löwisch nicht auf sich sitzen lassen und antwortet in einem Kommentar: “Den taz-Artikel, den Lafontaine als Ergebnis neoliberaler Kampfpresse schmäht, hat ausgerechnet Ulrike Herrmann geschrieben: unsere wirtschaftspolitische Korrespondentin, die kundig wie keine andere im Land neoliberale Politik auseinandernimmt. Bizarr, ausgerechnet diese Korrespondentin greift er an. Es ist ein Detail, aber es gehört zur Tragik dieses Mannes, der einmal die Courage selbst war und dem nun nur noch die Rage geblieben ist.”

2. Nicolaus Fest zieht es zur AfD
(tagesspiegel.de, Fabian Leber)
Die Berliner AfD freut sich über einen prominenten Neuzugang. Dabei soll es sich um den Ex-Springer-Journalisten Nicolaus Fest handeln. Fest war ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der “Bild am Sonntag” und Sohn des früheren FAZ-Herausgebers Joachim Fest. Ende 2014 hatte er auf eigenen Wunsch die “Bild am Sonntag” verlassen. Dem vorausgegangen war ein islamkritischer Beitrag von Fest, der viel Kritik und eine Rüge des Presserats auslöste. “BamS”-Chefredakteurin Marion Horn und “Bild”-Chefredakteur und “BamS”-Herausgeber Kai Diekmann hatten sich danach von dem Kommentar distanziert und auf mehreren Seiten eine Entschuldigung abgedruckt.

3. Wenn die Grossen bei den Kleinen klauen
(presseverein.ch, Janosch Tröhler)
Dem Online-Magazin “Negative White” ist zum wiederholten Male ein Foto gemopst und ohne Erlaubnis veröffentlicht worden. Übeltäter soll “20min.ch” gewesen sein, das größte Newsportal der Schweiz. Entsprechend sauer und frustriert fällt die Reaktion der beklauten Seite aus: “Wir könnten theoretisch mal eine dieser Abmahn-Agenturen für Nachforschungen anfragen. Doch – wie gesagt – arbeiten alle bei Negative White auf freiwilliger Basis. Wir verdienen etwas an Werbung und Partnerschaften, aber davon gibt’s knapp ein kühles Blondes, nachdem wir alle Rechnungen bezahlt haben. Und das ist es, was mich an der Sache so wütend macht. Die Leute bei Negative White arbeiten aus Leidenschaft, opfern ihre Freizeit und nehmen sogar Ferien, um der Leserschaft etwas bieten zu können. Eine unerlaubte Verwendung ihrer Arbeit ist nicht nur illegal, sondern man spuckt ihnen geradezu vor die Füße.”

4. Der kleine Mann beim Kongress des Kopp-Verlags
(ndr.de, Jakob Leube & Tobias Döll)
Am Wochenende fand in Stuttgart der Kopp-Kongress statt. Pressevertreter waren bei der Versammlung der Lügenpresse-Ankläger und Verschwörungstheoretiker nicht zugelassen. “Extra 3” hat dennoch einen Reporter entsandt, der zumindest einige der am Einlass wartenden Besucher befragen konnte, was faul im Staate ist. Ohne zu viel spoilern zu wollen: Genannt wurden die Rothschilds, die Illuminati, Obama und Marionetten…
Wer umfangreichere Kongressberichte lesen will: Moritz Tschermak war für “Übermedien” vor Ort, Anja Rützel für den “Spiegel” (Bezahllinks). Beiden sei von dieser Stelle aus gute Genesung gewünscht!

5. Can Dündar will Medienprojekt in Deutschland starten
(persoenlich.com)
Der im Exil lebende Ex-Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung “Cumhuriyet”, Can Dündar, will in Berlin ein neues Medienprojekt starten. Er wird mit den Worten zitiert: “Ich möchte hier das tun, was wir in der Türkei mit gefesselten Händen und Füssen zu machen versucht haben.”

6. Böhmermann-Affäre: Persönliche Stellungnahme von Jan Böhmermann zur Sache.
(youtube.com, Jan Böhmermann, Video: 7:09 Min.)
Jan Böhmermann gibt eine persönliche Stellungnahme zur Einstellung des Schmähgedicht-Verfahrens ab. Böhmermann steht, wie er sagt, zu 100 Prozent zum ZDF und leitet dann zum Inhaltlichen über: “Im Vergleich zu dem, was kritische Journalisten, Satiriker oder Oppositionelle damals und auch jetzt gerade durchmachen, ist dieses ganze Theater um die “Böhmermann-Affäre” schon wieder ein guter, trauriger Witz für sich, der sich leider völlig außerhalb meiner professionellen Qualitätskontrolle befindet.”

Propagandafeldzug, Todenhöfer, Adipositas

1. Daten-Leak aus Ministerium der Separatisten
(zdf.de, Arndt Ginzel & Christian Rohde)
Prorussische Separatisten, die Teile der Ostukraine beherrschen, führen im Auftrag von Moskauer Beratern einen Propagandafeldzug gegen die Regierung in Kiew und gegen den Westen. Dies ginge aus Tausenden E-Mails hervor, die “Frontal21” und der Wochenzeitung “Die Zeit” vorliegen würden. Die Berater würden offenbar zum Umfeld des Kremls oder zur Präsidialadministration von Wladimir Putin gehören. Dieser habe bisher immer bestritten, dass die Separatisten in der Ostukraine von Moskau instruiert würden. Dem Artikel beigefügt ist eine FAQ-Liste, in dem die Reporter zu verschiedenen Fragen Stellung beziehen, zum Beispiel zu dem womöglich aufkommenden Vorwurf, der Bericht sei einseitig: “Das Rechercheteam hat rund elf Gigabyte Daten aus der Ostukraine ausgewertet. Die Ergebnisse flossen in die aktuelle Berichterstattung. Die Autoren haben in der Vergangenheit genauso kritisch über die ukrainische Regierung in Kiew berichtet. Ebenso thematisierten Frontal21 und DIE ZEIT Affären westlicher Geheimdienste wie den NSA-Skandal.”

2. Ein Sammelsurium von Ungereimtheiten
(carta.info, Lars Hauch)
Jürgen Todenhöfer will im syrischen Aleppo einen syrischen Rebellenführer interviewt haben. Das Video erzielte in knapp zwei Tagen bereits mehr als 700.000 Aufrufe bei Facebook. Doch es gibt Zweifel an der Authentizität des vermeintlichen Scoops. Lars Hauch hat genau hingeschaut und derart viele Ungereimtheiten ausgemacht, dass er feststellt: Wer auch immer da mit Todenhöfer spricht, er ist kein Mitglied Jabhat al-Nusras.

3. BDZV-Kongress: Vorsicht: „Lügenpresse!“ – Ist etwas dran an der Kritik?
(wwwagner.tv, Audio, 44:51 Min.)
Auf dem “Zeitungskongress 2016” des “Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger” (BDZV) hat sich eine illustre Runde zum Gespräch über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien zusammengefunden. 45 Minuten diskutieren dort zum Thema “Vorsicht: „Lügenpresse!“ – Ist etwas dran an der Kritik?”:
* Peter Pauls, Chefredakteur „Kölner Stadt-Anzeiger“
* Werner Josef Patzelt, Politikwissenschaftler, TU Dresden
* Peter Stefan Herbst, Chefredakteur „Saarbrücker Zeitung“, Moderation
* Dr. Alexander Gauland, Stellvertretender Sprecher Bundesvorstand AfD
* Nikolaus Blome, stv. Chefredakteur Politik und Wirtschaft, „Bild“ und bild.de
* Prof. Dr. Miriam Meckel, Chefredakteurin, „WirtschaftsWoche“

4. Wenn die Katze eines Promis stirbt, weiß es TMZ als Erstes
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Das amerikanische Portal “TMZ” ist eine feste Institution in Sachen Klatsch und Tratsch. Seit beinahe elf Jahren lande das Klatschportal einen Scoop nach dem anderen. TMZ hätte als erstes Medium über die Scheidung von Britney Spears berichtet, über rassistische Entgleisungen des Schauspielers Mel Gibson, darüber, dass Rihanna von ihrem damaligen Partner Chris Brown geschlagen wurde, über den Tod der Schauspieler Britanny Murphy und Heath Ledger sowie über den des Sängers Prince. Doch oftmals sind die Informationen, die zu den entsprechenden Berichten führen, auf fragwürdige Weise erkauft. Die Society of Professional Journalists, die älteste Journalistenvereinigung der USA, verurteile diesen sogenannten “Scheckbuch-Journalismus”: Man wisse nie, ob ein Informant seine Geschichte nicht vielleicht aufbläst, um mehr Geld rauszuhandeln. Der TMZ-Chef Harvey Levin kann daran nichts Verwerfliches finden und sieht sein Portal als investigatives Medium: “Wir machen Geld mit diesen Geschichten. Warum sollten unsere Quellen dann nicht nach Geld fragen?”

5. Adipositas — Der Unterschied zwischen Realität und medialer Darstellung
(fettlogik.wordpress.com, erzaehlmirnix)
Bloggerin Erzaehlmirnix kritisiert, dass in den Medien fast ausschließlich schwer morbid adipöse Menschen gezeigt werden, wenn es um die Bebilderung von „Adipositas“ geht, obwohl diese nur eine kleine Minderheit der Adipösen stellen würden. Dies wirke sich nachteilig auf unser Verständnis von Adipositas und Fettleibigkeit aus. Und es halte womöglich Ärzte davor zurück, den Fakt offen zu benennen: “Wenn Adipositas auf diese Art zum Bild für ein Extrem gemacht wird, steigt natürlich auch die Schwelle, diese Bezeichnung zu verwenden. Das ist im Alltag natürlich egal, es geht ja nicht darum, in der Fußgängerzone besser Adipöse diskriminieren zu können (was dann bei der tatsächlichen Menge an Adipösen auch recht aufwendig wäre) aber es führt dazu, dass Ärzte und andere Fachleute sich ebenfalls zweimal überlegen werden, dem Patienten mit BMI 32 den Begriff „adipös“ mitzuteilen.”

6. Auseinandergelebt
(message-online.com, Dennis Reineck)
Verschiedene statistische Erhebungen bestätigen, dass immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene klassische journalistische Medien nutzen. Dennis Reineck hat aus einer Studie fünf Nutzertypen herausgefiltert und beschreibt deren Verhalten in Sachen Mediennutzung. Er warnt jedoch davor, die Ergebnisse falsch zu interpretieren: “Die Vorliebe für Soft News und Unterhaltungsthemen ist nichts Typisches für diese Generation, wie die TV-Quoten von Fußball, Tatort und Hollywood-Blockbustern im Vergleich zu den Nachrichtensendungen beweisen. Und Bildungsgrade und -milieus spielen eine wichtige Rolle für Nutzungsweisen, wie in der Gesellschaft insgesamt. Die Altersgruppe sollte demnach auf keinen Fall über einen Kamm geschoren werden. Dazu sind die Unterschiede, vor allem zwischen studentischen und Ausbildungsmilieus, trotz einiger Gemeinsamkeiten zu groß.”

“Wir helfen” – beim rechten Verwirrspiel

Anfang des Monats, am 5. September, feierten die “Bild”-Redaktionen ein Jubiläum: “Ein Jahr ‘Wir helfen'”. Was als Reaktion auf die positive Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den ankommenden Geflüchteten im Spätsommer 2015 begann und schnell zur “Bild”Werbekampagne mit prominenter Unterstützung aus Showbusiness, Politik und Fußballbundesliga wurde, fand nach einigen Monaten überhaupt nicht mehr statt. Die “Wir helfen”-Badges verschwanden aus den Twitter-Profilbildern der “Bild”-Mitarbeiter, der Ton in der Berichterstattung über Geflüchtete und Asylbewerber und Migranten wurde wieder rauer.

Heute kann man gut sehen, dass “Bild” zu alten Mustern zurückgekehrt ist. Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe steht es riesengroß:

Der Artikel von Zahlenverdreher Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach basiert auf Daten der Bundesregierung, die damit auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion geantwortet hatte. Zusammengefasst sagt der Artikel: In Deutschland leben — Stand Ende Juni 2016 — 549.209 abgelehnte Asylbewerber. 406.065 davon sind seit mehr als sechs Jahren hier. Von den knapp 549.209 abgelehnten Asylbewerbern haben 46,6 Prozent ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Von diesen Zahlen unabhängig leben 168.212 Ausländer mit einer Duldung in Deutschland. Die Gründe dafür, dass sie nicht abgeschoben werden, sind sehr unterschiedlich: Manche haben keinen Pass (37.020), bei anderen ist die Situation im Heimatland zu unsicher (10.620), wieder andere können nicht ausreisen, weil hier gegen sie aktuell ein Strafverfahren läuft (440).

Schaut man sich die 60-seitige Antwort der Bundesregierung (PDF) mal genauer an, wird einem recht schnell klar, dass eine differenzierte Betrachtung der Zahlen zwingend nötig ist, um dem Thema gerecht zu werden. Denn hinter den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern stecken Hunderttausende persönliche Schicksale und Geschichten, die völlig unterschiedlich sind. Das schafft der “Bild”-Artikel in weiten Teilen nicht.

Ein Beispiel: Zu den 549.209 abgelehnten Asylbewerbern zählt die Statistik auch 12.727 Polen. Die haben ihre Asylanträge natürlich nicht vor ein paar Monaten gestellt, sondern zu einer Zeit, in der Polen noch kein Mitglied der Europäischen Union war. Heute können diese 12.727 Menschen als EU-Bürger völlig legal hier leben. Ihr abgelehnter Asylantrag von damals hat heute keine Relevanz mehr, an eine Abschiebung ist nicht zu denken. Über diese Fälle verliert der “Bild”-Artikel kein Wort.

Ein anderes Beispiel: Ein großer Teil der 549.209 abgelehnten Asylbewerber lebt nicht nur seit “mehr als 6 Jahren” in Deutschland, wie “Bild” schreibt, sondern teilweise seit Jahrzehnten. Ihre Asylanträge stammen mitunter aus den 1980er-Jahren (4150). 170.166 von ihnen haben ihren Asylantrag noch im vergangenen Jahrtausend gestellt. Sie leben also schon über 16 Jahre in Deutschland. Auch darauf gehen die “Bild”-Autoren nicht detailliert ein.

Der “Bild”-Text erwähnt zwar die 46,6 Prozent abgelehnter Asylbewerber, die ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzen. Was er aber nicht erwähnt: Daneben gibt es auch noch 34,8 Prozent mit einem befristeten Aufenthaltsrecht. Das heißt: 81,4 Prozent beziehungsweise 447.056 der 549.209 in Deutschland lebenden abgelehnten Asylbewerber haben ein Bleiberecht. Sie halten sich völlig legal in Deutschland auf und können rein rechtlich nicht abgeschoben werden. Unter den restlichen 102.153 abgelehnten Asylbewerbern (18,6 Prozent) gibt es einige mit einer Duldung, weil sie sich mitten in einer Ausbildung befinden oder krank sind oder einen Angehörigen pflegen und so weiter. Auch sie können aufgrund ihrer derzeitigen Situation nicht abgeschoben werden. Und so bleiben nicht mehr viele abgelehnte Asylbewerber übrig, die derzeit als “ausreisepflichtig” gelten. In der Statistik der Bundesregierung ist von 52.870 “ausreisepflichtigen Personen ohne Duldung” die Rede, allerdings müssen nicht alle von ihnen abgelehnte Asylbewerber sein. Trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl schreibt “Bild” vom “Neuen Irrsinn bei der Abschiebung”.

Was an dem “Irrsinn” so richtig “neu” sein soll, ist ebenfalls nicht ganz klar. Die Linksfraktion stellt ihre Kleine Anfrage jedes Jahr aufs Neue an die Bundesregierung. Vergangenes Jahr — Stand Ende Juni 2015, also vor der großen Zuwanderung durch Geflüchtete — lebten 538.057 abgelehnte Asylbewerber in Deutschland (PDF). Das sind gerade mal 11.152 weniger als 2016.

Dass die Abschiebungen aus Deutschland in den vergangenen Jahren stetig angestiegen sind, erwähnen Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach nicht. 2012 waren es knapp 8000 Menschen, die abgeschoben wurden, 2013 knapp 10.000, 2014 knapp 11.000, 2015 knapp 21.000. “Bild” nennt lediglich die Zahl aus diesem Jahr — ohne Vergleichswerte, dafür im Zusammenhang mit den abgelehnten Asylbewerbern:

Exakt 13 134 Ausländer haben die deutschten Behörden von Januar bis Ende Juli abgeschoben. Aber Hunderttausende abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin in Deutschland!

Die “Bild”-Titelgeschichte drehte heute eine ordentliche Runde in der deutschen Medienlandschaft. Eine ganze Reihe von Redaktionen griffen die Geschichte auf …


(faz.net)

(“Focus Online”)

(“RP Online”)

… wohl auch, weil die “dpa” und andere Agenturen früh morgens eine Meldung dazu herausgaben. Inzwischen hat die “dpa” zwei deutlich differenziertere Stücke veröffentlicht. Die meisten Redaktionen haben die erste kurze Meldung durch einen der längeren Texte ersetzt.

Und auch von Politikern und Polizeigewerkschaftern gab es Reaktionen. Zum Abschluss des “Bild”-Artikels durfte sich Redaktionsliebling Rainer Wendt, Chef der “Deutschen Polizeigewerkschaft”, äußern (“Es gibt eine regelrechte Abschiebeverhinderungsindustrie. Das muss sich dringend ändern.”). Und auch CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich durfte was sagen (“Wer zulässt, dass abgelehnte Asylbewerber dem Staat derart auf der Nase herumtanzen, zerstört das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates.”).

Im Büro der Linken-Politikerin Ulla Jelpke hat die “Bild”-Zeitung natürlich kein Statement für ihren Artikel eingeholt. Dabei ist die Bundestagsabgeordnete federführend bei der jährlichen Kleinen Anfrage der Linksfraktion, auf die sich “Bild” stützt. Dirk Hoeren und Franz Solms-Laubach hätten Jelpke zum Beispiel hiermit zitieren können:

Seit Jahren ist aufgrund regelmäßiger Anfragen der Linksfraktion bekannt, wie viele Geflüchtete in Deutschland mit welchem Status leben. Dass auch viele abgelehnte Asylsuchende gute Gründe für einen Verbleib in Deutschland haben können und später eine befristete oder unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, ist deshalb nichts Neues. Zum Beispiel können humanitäre oder medizinische Abschiebungshindernisse vorliegen. Unter den Abgelehnten sind auch Geflüchtete aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder den Irak, die aus guten Gründen nicht abgeschoben werden. Nicht wenige Ablehnungen werden durch Verwaltungsgerichte aufgehoben. Das zu skandalisieren zeigt, wie verroht und vergiftet die Asyldebatte mittlerweile geführt wird.

Wie gefährlich der unsaubere Umgang mit Zahlen in der Flüchtlings-, Asyl- und Abschiebungsdebatte durch “Bild” sein kann, zeigt die Reaktion der AfD. Bundesvorstandsmitglied Georg Pazderski schrieb mit Bezug auf den Artikel in einer Presseerklärung:

Mehr als eine halbe Million abgelehnte Asylbewerber leben weiterhin unrechtmäßig in Deutschland, die große Mehrheit davon schon seit über sechs Jahren. Viele besitzen noch nicht einmal einen Pass.

Dass das “unrechtmäßig” inhaltlich völlig falsch ist, dringt wohl kaum bis zu den johlenden AfD-Anhängern durch. “Wir helfen”, “Bild”? Ja, den Rechtspopulisten bei ihrem Verwirrspiel.

Im Innern der Zeitung titelt “Bild” übrigens:

Noch einen “fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen” dazu gedacht — und schon ist man gefährlich nah am Populismus eines Andreas Scheuer.

Hassrede-Kulturgeschichte, IOC-Auszeichnung, Berlin-Wahl

1. Noch so ein Sieg, und wir sind verloren
(zeit.de, Julia Reda)
“Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.” Mit diesem Zitat macht Julia Reda ihren Beitrag über die Pläne für ein europäisches Leistungsschutzrecht auf. Die EU-Kommission tue der Kreativwirtschaft und Journalismus mit ihren Plänen keinen Gefallen, so die EU-Abgeordnete (Fraktion Grüne/EFA). Im Gegenteil, es könnte laut Reda die Lage sogar verschlimmern. Die Erfahrungen in Deutschland und Spanien hätten gezeigt, dass das Leistungsschutzrecht nicht zuletzt kleinen Verlagen und damit der Medienvielfalt schade. “Was die Kommission vernachlässigt, sind mutige Schritte zur Schaffung eines gemeinsamen digitalen Binnenmarktes, der seinen Namen verdient und der mithelfen könnte, eine Zukunfts- und Wachstumsperspektive für Journalismus zu schaffen. Europaweit einheitliche Regeln im Urheberrecht für Zitate, Parodien oder Panoramafreiheit könnten Redaktionen vor Abmahnungen schützen. Ein europäischer Whistleblower-Schutz wäre eine willkommene Stärkung des investigativen Journalismus, damit in Fällen wie LuxLeaks nicht wieder die Aufdecker des Skandals vor Gericht stehen.”

2. Hass-Rede: zur Kulturgeschichte eines sprachlichen Phänomens
(carta.info, Paul Sailer-Wlasits)
Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler Paul Sailer-Wlasits hat sich mit der Kulturgeschichte der Hass-Rede beschäftigt. Die gegenwärtige Hasssprache sei kein neues Phänomen, sondern nur ein neues Symptom. Mit welcher Konstanz sie die Jahrtausende durchschreiten konnte, sei erstaunlich und angesichts aufbrechender Konfliktlinien, Xenophobie und Populismus bestürzend. Sailer-Wlasits schließt seinen Aufsatz mit den Worten: “Im Europa der Gegenwart beginnt die Symmetrie der Anerkennungsverhältnisse in sich zusammenzubrechen. Die verbale Passage vom Unterscheiden zum Diskriminieren wird kürzer, Ressentiments werden rascher ethnisiert. Der Zivilisationsprozess der Sprache ist noch längst nicht an sein Ende gelangt, nur weil er Zeit zur Reife hatte.”

3. Es drohen amerikanische Zustände
(medienwoche.ch, Gabriel Gasser)
Am 25.9. wird in der Schweiz über das neue Nachrichtendienstgesetz “NDG” abgestimmt. Eine Entscheidung, die laut Gabriel Gasser mit der Entscheidung des ehemaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush vergleichbar sei, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Kompetenzen der National Security Agency NSA drastisch zu erweitern. Gasser benennt die kritischen Punkte des Gesetzes und wundert sich, warum das geplante Vorhaben bei Redaktionen und Verlagen so wenig Widerspruch hervorrufe.

4. Negativpreis für Internationales Olympisches Komitee wegen Umgang mit Social Media
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
In Wien wurde der “#WOLO Award 2016 für ausgezeichneten Kulturpessimismus” verliehen. Der Negativpreis ging diesmal an das Internationale Olympische Komitee wegen seines Umgangs mit Social Media. Aus der Begründung der Jury: “Seit der Gründung der Olympischen Spiele im Jahre 776 v. Chr. kümmert sich das IOC in vorbildlicher Weise um den Schutz seiner Marken- und Verwertungsrechte, mittlerweile auch – und vor allem – im Internet. Spieler, Sponsoren, Trainer und Zuschauer – alle werden angehalten, sich um die Einhaltung umfangreicher Regularien zu kümmern. Es sind Regularien, deren hauptsächlicher Sinn darin besteht, die Kontrolle zu bewahren und die Interessen der wenigen „Olympischen Partner“ zu schützen. Eine wertvolle Regelung besteht zum Beispiel darin, dass Sponsoren einzelner Teilnehmer oder deren Heimatstädte ihren erfolgreichen Athleten nicht öffentlich gratulieren dürfen.”

5. Keine Haft mehr für Verweigerer der Rundfunkgebühr
(golem.de, Achim Sawall)
Totalverweigerer des Rundfunkbeitrags müssen mit allerlei Sanktionen rechnen, ein Knaststrafeaufenthalt ist aber unwahrscheinlicher geworden: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wollen auf die Drohung mit Erzwingungshaft verzichten. Immerhin 4,5 Millionen Beitragskonten sollen am Stichtag 31. Dezember 2014 im Mahnverfahren oder in Vollstreckung gewesen sein.

6. Wahlkarte zur Abgeordnetenhauswahl 2016 in Berlin
(morgenpost.de, Julius Tröger & Moritz Klack & Andre Pätzold & David Wendler & Christoph Möller)
Anlässlich der Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus beweist die “Berliner Morgenpost” mal wieder, warum sie zu den mehrfach prämierten Vorreitern des Datenjournalismus in Deutschland zählt: Über eine interaktive Karte kann man in jedes der 1779 Wahllokale zoomen und die Abstimmungsergebnisse abrufen. Über das Menüband am unteren Bildschirmrand können weitere Analysen durchgeführt werden, z.B. wie die Berliner rund um Flüchtlingsheime wählen, wo die AfD punktet, in welchen Kiezen die Nichtwähler die stärkste Partei sind etc.

Deutungswelten, Verfettung, VG-Wortlos

1. “Poppers Traum ist in Gefahr”
(zeit.de, Philip Faigle & Sascha Venohr)
Der Forscher Gerret von Nordheim (Institut für Journalistik der TU Dortmund) hat 80.000 Tweets nach dem Münchener Amoklauf ausgewertet. In den Stunden nach dem Anschlag hätten sich relativ schnell zwei parallele Netzwerke – sogenannte Cluster – gebildet. In dem einen vor allem die Münchener Polizei und traditionelle Medien wie “Spiegel”, “Tagesschau” und “Zeit”, in dem anderen Accounts von Politikern der AfD und andere Vertreter des rechten Spektrums. Beide Netzwerke seien als in sich geschlossene, parallele Deutungswelten fast völlig isoliert voneinander gewesen: “Während in der einen Welt noch debattiert wurde, wer der Täter war, wurden in der anderen Welt schon die Medien und die Politik für den Amoklauf verantwortlich gemacht und fremdenfeindliche Deutungsmuster bedient.”

2. „Im Journalismus hat sich irgendwann eine Verfettung breit gemacht.“
(40stunden.de, Julia Kottkamp & Romy Geßner)
“Spiegel”-Reporter Cordt Schnibben im Interview über die eigene Vita und die Motivation von Journalisten. Und mit offenen Worten über die Branche: “Im Journalismus hat sich irgendwann eine Verfettung breit gemacht, vor allem in der Wochen- und Monatspresse und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man konnte toll Essen gehen und super Reisen machen. Irgendwann haben manche Journalisten aufgehört, die Vorzüge, die man in diesem Beruf hat, als Bedingung dafür zu begreifen, gut zu recherchieren und gekonnt zu erzählen. Wenn man sich davon belästigt fühlt, dass der Chefredakteur mit einem Thema anruft, weil man es sich in seinem privilegierten Leben so schön gemütlich gemacht hat, dann wird es natürlich pervers. Irgendwann kippt dann dieser Beruf. Das ist leider in den letzten Jahren bei vielen Leuten passiert.”

3. Wenn der Interviewgast es sich anders überlegt…
(wdr.de, Audio, 9:05 Min.)
Audio-Interview mit dem “Monitor”-Chef Georg Restle über das Autorisieren von Fernsehinterviews und die Versuche der Einflussnahme von Gesprächspartnern aus der Politik. Anlass ist der Streit zwischen der “Deutschen Welle” und türkischen Regierungsvertretern über ein von Michel Friedman geführtes Interview mit dem türkischen Sportminister.

4. Planlos zerstritten: VG Wort vorerst handlungsunfähig
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Das befremdliche Schauspiel um die Rückzahlung der zu Unrecht den Verlegern zugeschanzten VG-Wort-Erlöse entwickelt sich zum kuriosen Mehrakter. Auf der fünfstündigen VG-Wort-Versammlung in München wurde beschlossen, die Angelegenheit auf den November zu vertagen. Anlass war ein kurzfristig ins Spiel gebrachter Kompromissvorschlag der VG-Wort, dessen Folgen sich nach Ansicht der Kritiker auf die Schnelle nicht abschätzen ließen. Stefan Niggemeier war auf der Versammlung und erzählt vom Sitzungsverlauf.

5. Der beleidigte Waidmann
(faz.net, Jochen Zenthöfer)
Die Posse um den “Rabaukenjäger” hat mit einem Freispruch des Journalisten ihr vorläufiges Ende gefunden. Ein Journalist des „Nordkurier“ hatte einen CDU-Kommunalpolitiker als Rabaukenjäger betitelt, weil dieser mit dem Auto ein totes Reh an einem Seil über eine Straße geschleift hatte. Darauf hatte der Jagdpächter den Journalisten wegen Beleidigung verklagt und zunächst Recht bekommen. Nun wurde die Verurteilung in der Revisionsinstanz aufgehoben und der Journalist vom Oberlandesgericht Rostock freigesprochen.

6. Scheck ohne Deckung
(konkret-magazin.de, Kay Sokolowsky)
Denis Scheck gilt als der “bekannteste Literaturkritiker der Republik” (“Taz”) und ist in Hörfunk und Fernsehen mit eigenen Sendungen präsent. Nun moderiert Scheck auch noch das wöchentliche Kulturmagazin “Kunscht!” im “SWR”. Kay Sokolowsky erklärt in einer scharfzüngigen Abrechnung, warum er “Deutschlands berühmtesten Buchverkäufer” schon in dessen Sendung “Druckfrisch” kaum zu ertragen findet und Schecks Textproduktion für die Tonne sei.

Verfassungsschutz, Beschlagnahme, Symbolfoto

1. kontertext: Sautreiben.
(infosperber.ch, Felix Schneider)
In der “kontertext”-Kolumne hat Felix Schneider die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern zum Anlass genommen, an die Symbiose zwischen Politik und Medien zu erinnern. Die AfD hätte mit drei Themen gepunktet: Migration, Islam, Merkel. Alle drei seien tendenziell auch Hauptthemen in den Medien. Manchmal wäre es jedoch besser zu schweigen, so Schneider: “Wir brauchen einen Journalistenpreis, der nicht geschriebene Artikel und nicht gesendete Beiträge auszeichnet. Belohnt werden müsste, wer sich an der Burka-Debatte nicht beteiligt, wer Merkel nicht anschwärzt, wer nicht von der Flüchtlingskrise spricht. Das wäre, angesichts des ökonomischen und politischen Drucks, der auf den Medien lastet, schon viel, denn im Journalismus hat sich eine Ethik des Mitmachens etabliert: Dabei sein ist alles!”

2. DIE WELT begeistert durch schlagfertige Posts im Netz
(netzpiloten.de, Jennifer Eilitz)
Die Social-Media-Redaktion der “Welt” ist für ihren gewitzten und schlagfertigen Umgang mit Trollen und Hetzkommentaren bekannt. Im Interview erklärt Niddal Salah-Eldin (Head of Social Media) wie die “Welt” in Sachen Community-Management vorgeht: “Wir wollten Rassisten, Hetzern und Trollen nicht das Feld überlassen, sondern den Bereich zurückerobern. Wenn man Nutzer, die nur zündeln, provozieren und hetzen wollen, nicht Grenzen aufzeigt, vergiften sie das gesamte Klima. Das wollten wir nicht zulassen. Es ist nun mal so: Eine positive und vitale Community bekommt man nicht geschenkt, man kann sie auch nirgendwo kaufen – man muss sie sich verdienen. Jeder bekommt die Community, die er sich erarbeitet.”

3. Marilys Liste
(taz.de, Kaija Kutter)
Wie sich jetzt herausstellt, wurde die “taz”-Fotografin Marily Stroux 28 Jahre lang vom Hamburger Verfassungsschutz observiert. Woher man das weiß? Nun, sie hat über einen Anwalt nachfragen lassen, ob es beim Hamburger Verfassungsschutz eine Akte über sie gibt. Drei Jahre hat die Behörde gebraucht, um ihre Anfrage zu bearbeiten. Nun ist die Antwort da. Laut Verfassungsschutz sei Marily Stroux eine „bedeutende Person innerhalb der linksextremistischen Szene“. Stroux findet das gleichzeitig zum Lachen und zum Fürchten: „Das macht was mit mir. Ich fühle mich verfolgt.“

4. “Zeit Magazin Mann” haut opulent auf den Putz.
(turi2.de, Jens Twiehaus)
Jens Twiehaus hat sich den neuen Magazinableger der “Zeit” angeschaut. “Mann” heißt das Ganze und soll für 8,50 Euro je Exemplar mit einer Auflage von 60.000 Stück ans gleichnamige Zielobjekt gebracht werden. Der Luxus triefe auf allen Seiten, so Twiehaus: ““Mann” positioniert sich als Magazin, das bei seinen Lesern untenrum mit dem Sexappeal des Geldes für Bewegung sorgt.”

5. Türkische Behörden konfiszieren Deutsche Welle-Videomaterial
(dw.com, Martin Muno )
Die “Deutsche Welle” hat den türkischen Minister für Jugend und Sport in dessen Ministeriumsräumen interviewt. Dabei stellte Interviewer Michel Friedman auch Fragen zum vereitelten Putschversuch im Juli, zu den danach erfolgten Massenentlassungen und Verhaftungen, zur prekären Lage der Presse in der Türkei sowie zur Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft. Unmittelbar nach der Aufzeichnung des TV-Interviews hat ein Mitarbeiter des Ministeriums das Material beschlagnahmt. DW-Intendant Peter Limbourg dazu: “Das stellt einen neuen eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei dar. Was wir hier erleben, erfüllt den Tatbestand der Nötigung durch die türkische Führung. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts mehr zu tun. Es darf nicht sein, dass ein Minister bereitwillig ein Interview gibt und dann auf derartige Weise dessen Ausstrahlung verhindern will, weil ihm die Fragen nicht gepasst haben. Wir fordern die türkische Seite zur unverzüglichen Herausgabe unseres Videomaterials auf. Zudem prüfen wir mögliche rechtliche Schritte.”

6. Fake-Foto bringt Stader AfD in Erklärungsnot
(ndr.de)
Die AfD Stade hat die Wahlkampfbroschüre zum Thema “Innere Sicherheit” mit einem schockierenden Bild illustriert. Darauf ist ein schwarzgekleideter Mann zu sehen, der mit dem massiven Holzstiel einer Fahne auf einen zu Boden stürzenden Polizist eindrischt. Die Jacke des Schlägers trägt den Schriftzug “Antifaschistische Aktion”. Die AfD Stade hat das Bild mit “Rechtsstaat am Boden” beschriftet. Wie sich nun erweist, stammt das Bild nicht von einem Polizeieinsatz in Stade, es stammt noch nicht einmal aus Deutschland. Das Foto zeigt Ausschreitungen bei Protesten in Griechenland und das Logo der “Antifaschistischen Aktion” wurde nachträglich per Photoshop ins Bild montiert. Darauf angesprochen argumentiert die AfD Stade, bei dem Bild habe es sich lediglich um ein “Symbolfoto” gehandelt.

Falsches über die Fälscher

Im Internet gibt es momentan ein wenig Aufruhr wegen eines Fotos, das die AfD in einem Flyer zum Thema “Innere Sicherheit im Landkreis Stade” veröffentlicht hat. Es zeigt eine Person, die gerade dabei ist, mit einer Fahne auf einen auf den Boden fallenden Polizisten einzuprügeln. Was das Foto besonders pikant macht — und vermutlich auch der Grund sein dürfte, warum die AfD es ausgesucht hat: Auf dem Rücken des Prüglers prangt das Logo der “Antifaschistischen Aktion”. Zum Foto schreibt die AfD Stade: “Rechtsstaat am Boden” und wirbt so für ihre rechtspopulistischen Positionen in Sicherheitsfragen. Eine Quellenangabe für das Bild gibt es nicht.

Nun kann man relativ schnell erkennen, dass es sich dabei um eine schlecht ausgeführte Bildmanipulation handelt und das “Antifa”-Logo lediglich reinmontiert ist. Und mit etwas mehr Aufwand findet man auch heraus, dass die Originalaufnahme (natürlich ohne “Antifa”-Logo) nicht von heute und nicht aus der Region um Stade stammt, sondern aus dem Jahr 2009 und bei Demonstrationen in Griechenland entstand. Urheber ist der Fotograf Milos Bicanski. Die Facebookseite “Hooligans Gegen Satzbau” hat sich diese Recherchemühe gemacht.

Die durchaus berechtigten Reaktionen im Internet lauten nun in etwa: “Ha, die ‘Lügenpresse’-Schreier von der AfD nutzen ein manipuliertes Foto, um Stimmung zu machen.” Medien nahmen sich den Fall ebenfalls vor. Das “Stader Tageblatt” berichtete sehr früh:

Stern.de sprang auf:

Mopo.de titelte:

Und die “taz” schrieb auf ihrer Internetseite dazu:

Für die “taz” ist klar, wer hinter der Bildmanipulation steckt: Lars Seemann, stellvertretender Vorsitzender der AfD Stade:

Auf dem Rücken des Schwarzgekleideten prangt ein Antifa-Logo. Nur, dass das Antifa-Logo da gar nicht hingehört — Seemann hat es per Bildbearbeitung in das Bild geschummelt.

Und damit verstoße die AfD “gleich gegen drei Paragrafen des Urheberrechts”:

Sie verschwieg den Namen des Urhebers, vervielfältigte das Foto ohne das Einverständnis des Künstlers und veränderte es ohne dessen Zustimmung.

Den Namen des Urhebers verschwiegen — völlig korrekt.
Das Foto ohne dessen Zustimmung vervielfältigt — ebenfalls korrekt.
Das Bild verändert — leider falsch.

Denn die “Antifa”-Manipulation ist schon älter als der AfD-Flyer und bereits auf anderen rechten Seiten aufgetaucht (auf eine Verlinkung zu den Knallköpfen verzichten wir bewusst). In einer Stellungnahme auf ihrer Homepage schreibt die AfD Stade, dass es sich bei dem Foto auf dem Flyer um ein “seit Jahren im Weltnetz” befindliches Bild handele. Wir würden zwar eher “Internet” dazu sagen, aber im Grunde stimmt die Aussage. Der NDR schreibt:

Tatsächlich stammt die Bildmanipulation nicht von der AfD, sondern wurde schon zuvor von rechtsgerichteten Web-Auftritten verbreitet.

Das ändert natürlich nichts daran, dass die AfD hier gegen Urheberrecht verstößt. Und es ändert auch nichts daran, dass sie auf dubiose Weise ein gefälschtes Foto für ihre populistischen Zwecke einsetzt. Aber es bringt in der nötigen kritischen Auseinandersetzung mit der AfD auch nichts zu behaupten, dass die “Lügenpresse”-Schreihälse ein Foto fälschen, damit selber falschzuliegen und diesen Leuten dadurch neues Futter für eine vermeintliche Medienverschwörung gegen ihre Partei zu liefern.

Mit Dank an Bernd für den Hinweis!

Olympia-Gigantismus, Echtzeit-News, Anzeigenschwund

1. Das teuerste Nischenprogramm aller Zeiten
(faz.net, Frank Lübberding)
Der Journalist Frank Lübberding ächzt in seiner TV-Olympia-Kritik über die Rund-um-die Uhr-Berichterstattung von ARD und ZDF. Zu viel, zu pausenlos, zu hektisch. Und wer schaut eigentlich das Nachtprogramm? Lübberding schlägt einen Reset vor: “Da wäre es durchaus eine interessante Überlegung, wenn bei den nächsten Spielen ein Nischensender wie Eurosport aus Tokio berichten würde. Es wäre ein wirkungsvoller Beitrag, um die Olympischen Spiele von ihrem derzeitigen Gigantismus befreien, der in dieser Form der grenzenlosen Berichterstattung seinen öffentlich-rechtlichen Ausdruck findet.”

2. Britische Zeitungen: Gemeinsam gegen Facebook
(spiegel.de)
Seit Jahren verlieren Zeitungen Anzeigenkunden an Internetunternehmen wie Google und Facebook. In Großbritannien wollen sich nun Medienhäuser verbünden, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben: Die Zeitungen “The Sun”, ” The Guardian”, “The Daily Mail” und “The Times” wollen in einer “Machbarkeitsstudie” herausfinden, wie man das schrumpfende Anzeigengeschäft beleben kann.

3. Was immer geschieht, Sie sind live dabei
(faz.net, Fabienne Hurst)
Für den französischen Nachrichtensender “BFM TV” ist Schnelligkeit alles. Der private Nachrichtenkanal hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr der Echtzeit-Berichterstattung verschrieben und nimmt dabei in Kauf, auch falsche Informationen zu verbreiten. Fabienne Hurst hat sich für die “FAZ” den erfolgreichen, aber umstrittenen Kanal näher angeschaut und lässt u.a. Mitarbeiter und Verantwortliche zu Wort kommen.

4. Der albanische Medienmarkt: Zu klein zum Überleben?
(de.ejo-online.eu, Rrapo Zguri)
Albanien hat nur um die drei Millionen Einwohner, verfügt aber über eine relativ hohe Anzahl an Medienunternehmen: Mit 22 überregionalen Tageszeitungen wies das Land bis vor kurzem eine der höchsten Zeitungsdichten in der Region auf. Nun mache die Wirtschaftskrise den Medien jedoch schwer zu schaffen. In den vergangenen Monaten seien einige große Zeitungen und Fernsehsender eingestellt worden, so Rrapo Zguri in seinem Bericht über die derzeitige Lage der Medien in seinem Heimatland.

5. Olympische Medien-Spiele: Innovatives Storytelling zu #Rio2016
(medium.com, Frederic Huwendiek)
In Zeiten von Olympischen Spielen drehen die Medien besonders hochtourig und versuchen mit kreativen Innovationen zu glänzen. Frederic Huwendiek berichtet in seinem fortlaufend aktualisierten Beitrag über spannende neue Ansätze des Storytellings, von 360-Grad-Video bis Roboterjournalismus.

6. Last Week Tonight with John Oliver: Journalism (HBO)
(youtube.com, Video, 19:22 Min.)
In dieser Ausgabe der US-amerikanischen satirische Late-Night-Show “Last Week Tonight” nimmt sich John Oliver den Journalismus, insbesondere den Lokaljournalismus vor. Dem CEO der “Newspaper Association of America” David Chavern gefällt Olivers satirisch überspitzte Sichtweise ganz und gar nicht, wie seiner Stellungnahme zu entnehmen ist. Die Kolumnistin der “New York Times” Margaret Sullivan kommentiert dies wie folgt: “And I, in turn, have a suggestion for Mr. Chavern. When someone hilariously and poignantly celebrates the industry that you are paid to defend and protect, you ought to laugh at the funny parts and then simply say “thank you.” Or maybe nothing at all.”

Was, wenn Bild.de den Flüchtlingsdeal platzen lässt?

Stellen Sie sich mal Folgendes vor:

  • Die Türkei kündigt den sogenannten “Flüchtlingsdeal” mit der EU.
  • Zehntausende Geflüchtete ziehen bedrohlich von der Türkei aus Richtung Deutschland.
  • Bilder von Geflüchteten, die die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland durchbrechen.
  • Die USA schalten sich ein. Türken verbrennen bei Demonstrationen US-Flaggen.
  • Die bulgarische Polizei entdeckt bei einem Geflüchteten Spuren von Sprengstoff.
  • Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán schließt nicht mehr aus, auf Geflüchtete zu schießen.
  • Europäische Regierungen brechen auseinander.
  • In Österreich wird FPÖ-Mann Norbert Hofer zum Bundespräsidenten gewählt.
  • Die AfD erreicht in einer Umfrage 28 Prozent. Inzwischen ist Rechtsaußen Alexander Gauland der Vorsitzende der Partei.
  • 5000 Geflüchtete stehen vor Passau, Hundertschaften der Polizei sind vor Ort, Hubschrauber kreisen über der Region.
  • Innenminister Thomas de Maizière schließt den Einsatz von Soldaten im Bundesgebiet nicht mehr aus.

Was wie der große Wunschzettel von Rechtspublizist Jürgen Elsässer und seinem Wirrmagazin “Compact” für noch mehr Hetzmöglichkeiten klingt, stammt von Bild.de. Autor Albert Link hat dort gestern ein “BILDplus-Szenario” entworfen:

In Kurzform geht das Szenario so: Keine Visafreiheit für die Türken. Die Türkei stellt “ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Migration” ein und löst Flüchtlingslager im Süden des Landes auf. Bus-Konvois machen sich auf zum Drei-Länder-Eck Bulgarien-Griechenland-Türkei. Bulgarien lässt die Geflüchteten durch. Serbien lässt die Geflüchteten durch. Kroatien lässt die Geflüchteten durch. Slowenien lässt die Geflüchteten durch. Österreich lässt die Geflüchteten durch. Tausende Geflüchtete stehen vor der deutschen Grenze. Und dazu noch all die anderen Punkte von oben.

Kurz gesagt: Sodom und Gomorra in Europa.

Es gab mal eine Zeit, da haben sich Julian Reichelt und Kai Diekmann und einige andere “Bild”-Mitarbeitern — zumindest theoretisch — bei den vielen Flüchtlingshelfern in diesem Land untergehakt und “refugees welcome” und “Wir helfen” geschrien. Diese Zeit ist offensichtlich vorbei. Inzwischen schüren die “Bild”-Medien wieder die Angst vor Zuwanderern.

Nun also das bedrohliche Szenario, “WENN DER FLÜCHTLINGSDEAL PLATZT”. Und diese Panikmache in einer Zeit, in der eine Versachlichung dieser komplexen weltpolitischen Lage eine der größten Leistungen von Journalisten sein dürfte.

In der Einleitung zum “BILDplus-Szenario” schreibt Bild.de übrigens:

Was wirklich passiert, wenn die Türkei ihre Drohung wahrmacht, kann niemand präzise vorhersagen. Das Szenario, das BILD hier beschreibt, ist nur eine Option unter vielen.

Die Redaktion hat sich für eine der Optionen mit den dramatischsten Auswirkungen entschieden.

„6 vor 9“-Sonderausgabe: Amoklauf in München

1. OEZ und ein Abend mittendrin…
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz ist ein bekannter Journalist und Medienprofi. Und seine Münchner Wohnung liegt in der Nähe der U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum. Kein Wunder, dass er in den Stunden des Geschehens ein gefragter Interviewpartner und für mehrere Stunden bei “BBC World” und “Deutsche Welle TV” on air war. Jakubetz schreibt auf seinem Blog über seinen persönlichen Zwiespalt bei der Bewertung des Geschehens. Und geht selbstkritisch mit sich ins Gericht, weil er trotz des Bemühens um journalistische Sorgfalt auch Dinge verbreitet habe, die sich später als Falschmeldungen herausgestellt hätten: “Jetzt, mit dem Abstand von einer paar Stunden, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Ernsthaft hätte ich nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten und außerdem: Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist. Und ich habe an mir selbst festgestellt, wie groß mein Bedürfnis nach irgendwelchen Informationen ist, wie ich alles aufgesaugt habe ohne jegliche professionelle Distanz. Wie soll man auch distanziert und ruhig bleiben, wenn in deiner Nachbarschaft neun Menschen erschossen werden?”

2. Unverantwortliche Angstmacherei mit «Terror»
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der Schweizer Journalist und ehemalige Fernsehmoderator Urs P. Gasche bezeichnet die vielen Terror-Schlagzeilen in Zusammenhang mit dem Amoklauf in München als unverantwortliche Angstmacherei: “Die unbedarften, aber quotenbringenden Schlagzeilen dienen in den meisten Ländern Westeuropas der extremen Rechten. Je stärker die verbreitete Angst, je grösser die gefühlte Unsicherheit, je intensiver das Gefühl, dass die heute Regierenden den Terror nicht in den Griff bekommen, desto grösser das Echo auf Rufe nach der starken Partei, dem starken Mann oder der starken Frau. Desto bereitwilliger akzeptiert eine Bevölkerung den Ausnahmezustand, die totale Überwachung und eine polizeiliche und militärische Aufrüstung.”

3. Der Amoklauf von München – so war es in einer Nachrichtenredaktion
(michael-draeger.com)
Michael Draeger ist Journalist und arbeitet als Nachrichtenredakteur beim NDR. Von der Schießerei im Olympiaeinkaufszentrum in München erfährt er bei der Arbeit: Draeger ist an dem Abend für die Spätnachrichten bei “N-JOY ” und “NDR2” eingeteilt und muss aus einem Wust an verschiedenen und teils widersprüchlichen Informationen herausfiltern, was stimmt. Am Ende seiner Schilderung über den besonderen Arbeitstag bricht Draeger eine Lanze für das Medium Radio: “Wer im Breaking-News-Fall statt dem stetigen Nachrichtenfluss kompakte und verlässliche Informationen sucht, der sollte stattdessen Radio hören. Sie verpassen nichts Wichtiges, versprochen. Gleichzeitig ersparen Sie sich jede Menge Spekulationen, Gerüchte und Halbgares. Auch mit gefälschten Bildern müssen Sie sich nicht herumschlagen.”

4. fiene & dann lasst uns auf text umschalten
(danielfiene.com)
Journalist Daniel Fiene ist zu Hause, als er von einer möglichen Schießerei in München erfährt. Nach Rücksprache mit den Kollegen vom Newsdesk fährt er kurzerhand zurück in die Redaktion, um dort bis tief in die Nacht zu arbeiten. Fiene ist Social-Media-Profi und Fan von Tools wie Periscope und Facebook Live. Dennoch fragt er sich, ob das Veröffentlichen von Bildern und Videos immer zweckdienlich sei. “Ich nehme mir auf jeden Fall vor, bei künftigen extremen Nachrichtensituation —egal ob nah dran, oder beobachtend— auf meinen eigenen Accounts in den Textmodus zu wechseln. Es gibt Leute, die das schätzen werden und Leute, die das schätzen lernen werden und vielleicht den Textmodus auch für sich entdecken. Wir können Vorbild sein.”

5. Das Vielfache von Entsetzen
(fraumeike.de, Meike Lobo)
Meike Lobo schreibt über den Impuls, bei schlimmen Ereignissen in die Timeline der sozialen Medien abzutauchen. Aus dem Bedürfnis nach Informationen, aber auch, um die Nähe von anderen zu suchen. Meike Lobo fragt sich, welchen Sinn es habe, immer wieder hektisch auf Aktualisieren zu klicken und beantwortet diese Frage für sich, indem sie irgendwann Twitter abschaltet: “Gruppendynamik bedeutet nichts anderes als dass wir Dinge sagen, tun und fühlen, weil andere sie auch sagen, tun und fühlen. Das Handeln der Allgemeinheit begründet das Handeln des Einzelnen. Menschen sind soziale Wesen; sich nach anderen zu richten, ist normal, natürlich und in vielen Fällen sinnvoll. In aufgeregten Zeiten aber, das hat der gehetzte Eilmeldungsjournalismus der letzten Jahre genauso gezeigt wie die Erfolge der AfD, macht Gruppendynamik genau eines: die Menschen noch aufgeregter. Denn das Vielfache von Entsetzen ist nicht Trost, sondern Panik.”

6. Wie die deutschen Medien Udo Ulfkotte die Wahrheit über München verschwiegen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Udo Ulfkotte hat den Bestseller “Gekaufte Journalisten” geschrieben und ist bekannt für seine vielen Geschichten über die “Lügenpresse”. Auch am Abend des Amoklaufs wittert er eine Verschwörung der deutschen Medien und fragt auf Facebook: “+++ Wieso muss ich ausländische Zeitungen lesen, um aus LONDON zu erfahren, was wirklich gerade in München los ist +++ mindestens 6 Tote , die Zahl meldet noch KEIN deutscher Journalist …++”. Stefan Niggemeier dokumentiert auf “Übermedien” mit zahlreichen Beweisfotos, warum dies Mumpitz ist.

Blättern:  1 ... 68 69 70 ... 77