Suchergebnisse für ‘AfD’

Missbrauchs-Nachrichtensperre, Gemein(de)schreiber, Lügen-Charts

1. Ein Urteil, über das (fast) niemand spricht
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
Dem Kurienkardinal George Pell (77) wird in Australien Missbrauch Minderjähriger vorgeworfen. Dass man wenig über den Fall erfährt, liegt an der von der australischen Justiz verhängten weltweiten Nachrichtensperre. Marco Bertolaso erklärt, warum sich der “Deutschlandfunk” nicht an diese Nachrichtensperre halte: “Das Thema ist weltweit bedeutsam. Es ist bedeutsam für die deutsche Gesellschaft. Der Missbrauch durch Priester und die langen Jahre der Vertuschung haben auch unser Land erschüttert. Auch in Deutschland sind viele Menschen Opfer geworden. Und auch bei uns wird über die Rolle der Kirche diskutiert. Dabei geht es nicht zuletzt um den Vatikan und seine hohen Vertreter wie Kardinal Pell. Die Relevanz des Themas steht also außer Frage.”

2. Stimmverlust
(sueddeutsche.de, Alan Cassidy)
Der amerikanische “Weekly Standard” gehörte zu den wenigen konservativen Medien, die Kritik am US-Präsidenten übten. Weil dem Geldgeber die Blattlinie nicht passte, muss die Zeitschrift nun dichtmachen. Die Blattmacher suchen jetzt finanzielle Unterstützung für ein Nachfolgeprojekt. Ob dieses Projekt je wieder an den Einfluss des “Weekly Standard” herankommt, sei jedoch fraglich.

3. Boswiler Gemeindeschreiber: Medien-Richter kennen keine Gnade
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der Gemeindeschreiber des Schweizer Dorfs Boswil hat auf Facebook allerlei hässliche Botschaften hinterlassen. Dies griff die Schweizer Boulevard-Tageszeitung “Blick” in ihrer Berichterstattung auf. Was danach geschah, erzählt und bewertet Rainer Stadler in seiner “NZZ”-Kolumne.

4. “Richtig Stimmung machen”
(taz.de, Aron Boks)
Beim “Adbusting” werden bekannte Markennamen und Logos gekapert und in Fake-Plakate eingearbeitet. Bekanntes Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Das gefakte Werbeplakat, auf dem sich Coca-Cola vorgeblich gegen die AfD positionierte. Die “taz” hat sich anlässlich des konkreten Falls mit einem PR-Berater über Marketingstrategien von großen Konsummarken unterhalten.

5. Das sind 8 der erfolgreichsten Falschmeldungen auf Facebook 2018
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
“BuzzFeed News” hat recherchiert, welche Falschmeldungen 2018 auf Facebook besonders erfolgreich waren. Erschreckend: Acht der erfolgreichsten Falschmeldungen hätten mehr Facebook-Interaktionen bewirkt als fast alle Artikel der größten Nachrichtenseiten in Deutschland. Wichtigste Verbreiter dieser Falschnachrichten seien die AfD und die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach gewesen.

6. Volks-Rock’n’-Proll
(spiegel.de)
Der heimatverliebte Volkstümler und Schlagersänger mit Schlagseite Andreas Gabalier überzog auf seinem Abschlusskonzert die als linksliberal geltenden Zeitungen “Standard” und “Falter” mit allerlei Schmähungen. Er glaube, dass Redakteure der — seiner Ansicht nach traditionsfeindlichen — Blätter “undercover in der Halle” seien, um “verheerende Geschichten” zu schreiben.

Falschen im Visier, Medienphänomen “Gelbwesten”, Politisches Adbusting

1. Ermittlungen wegen CumEx-Files: Angriff auf die Pressefreiheit?
(daserste.ndr.de/panorama)
Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den Investigativjournalisten und “Correctiv”-Chefredakteur Oliver Schröm. Im Oktober hatte “Correctiv” gemeinsam mit 18 Medienpartnern die Rechercheergebnisse zum Cum-Ex-Skandal veröffentlicht, der als größter Steuerraubzug Europas (geschätzter Schaden: mehr als 55 Milliarden Euro) in die Geschichte eingehen könnte. Anstatt Schröm (und die anderen an der Aufdeckung Beteiligten) mit dem Verdienstkreuz auszuzeichnen, ermittelt man gegen ihn wegen angeblicher “Anstiftung zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen”.
Weiterer Lesehinweis: Journalismus ist kein Verbrechen: Der offene Brief von “Correctiv” an Justizministerin Barley und Finanzminister Scholz: “Sehr geehrter Herr Finanzminister Olaf Scholz, wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Ihren Kollegen in Europa endlich unsere Staatskassen vor Ausplünderung zu schützen. Sehr geehrte Frau Justizministerin Katarina Barley, wir fordern Sie auf, investigative Recherchen von Journalisten nicht zu kriminalisieren. Sorgen Sie dafür, dass Journalisten nicht wegen Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen strafrechtlich verfolgt werden können. Der Rechtsstaat muss sich auf die Verfolgung der Täter konzentrieren. Steuerraub ist ein Verbrechen. Journalismus nicht.”
Bei “Spiegel Online” ordnet Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, den Fall juristisch ein: “Pressefreiheit stößt manchmal an Grenzen”.

2. Absage an eine Gesellschaft
(spiegel.de, Nils Minkmar)
Die französischen “Gelbwesten” sind das perfekte Medienphänomen, wie Nils Minkmar bei “Spiegel Online” ausführt: “Man kann etwas Revolutionsfolklore hineindeuten, nach Belieben personalisieren und viel Häme gegen Macron verbreiten. Gescheiterter Star, das lesen die Leute ja gern. Aber diese Deutungen verkennen die fundamentale, ja intime Dimension der Verzweiflung in Frankreich. Sie hat mit der Erkenntnis zu tun, dass der Nationalstaat nicht mehr viel, aber Europa noch lange nicht genug vermag, um normale Bürger zu fördern.”

3. Livestreams von Schießereien
(twitter.com, Martin Kaul)
“taz”-Reporter Martin Kaul erklärt auf Twitter, warum aus seiner Sicht Leute ohne journalistischen Hintergrund keine Livestreams von Schießereien erstellen sollten.

4. Wenn Unternehmen unfreiwillig gegen die AfD werben
(faz.net, Jonas Jansen)
Jonas Jansen berichtet über die aktuellen Fälle von politischem Adbusting. Dabei handelt es sich um gefälschte Wahlplakate, auf denen bekannte Marken vermeintlich eine politische Botschaft verkünden. Für großes Aufsehen hatte kürzlich ein angebliches Coca-Cola-Plakat gesorgt (“Sag nein zur AfD”). Nun wurde ein Nutella-Plakat gefälscht und das Bild davon in den sozialen Medien verbreitet. Die Einordnungen der Adbustings gehen auseinander: Die Aktivisten sehen sie als legitime politische Äußerung, die betroffenen Unternehmen als Sachbeschädigung und Rufgefährdung.

5. Übersetzungsautomaten statt Sprachbarrieren
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Die Übersetzungstechnologie hat in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Medienhäuser könnten davon profitieren, indem sie ihre Publikationen demnächst in verschiedenen Sprachen anbieten und dadurch ausländische Märkte erschließen. Dabei sind sie jedoch auf Unternehmen wie Google und deren Übersetzungsdienste angewiesen. Adrian Lobe sieht neben den Chancen auch die Risiken: “Die Gefahr dabei ist, dass der Internetkonzern nicht nur die Verbreitung von Inhalten kontrolliert (wer sieht welche Artikel?), sondern dass dem Konzern auch eine Sprachmacht zuwächst, indem seine Algorithmen Auslegungsregeln für Übersetzungen festzurren. Es geht dabei nicht um Stilkritik, sondern um die Deutungshoheit über Begrifflichkeiten. Ob man die Ausschreitungen in Chemnitz als einen “wütenden Mob” (angry mob, so die NYT) oder “Hetzjagd” bezeichnet, macht in der politischen Bewertung der Vorkommnisse einen erheblichen Unterschied.”

6. 26 Jahre später …
(twitter.com, Patrick Bahners)
Vor 26 Jahren hatte Patrick Bahners in der “FAZ” über die plagiatsverdächtige Doktorarbeit von Margarita Mathiopoulos geschrieben und dafür eine Gegendarstellung kassiert. 26 Jahre später schließt sich der Kreis: Die Potsdamer Honorarprofessorin verliert ihren zusammenplagiierten Doktortitel nun endgültig. Ihre Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde abgelehnt.

Jetzt nehmen uns die Muslime auch noch das Schwimmbad weg

Die Sache ist eigentlich schon dämlich genug: Ein Vater, der mit seiner zweijährigen Tochter regelmäßig einen Mutter-Kind-Treff besucht, wird gebeten, nicht zum Schwimmausflug mitzukommen. Die Kursleiterin spricht ihm vorher auf die Mailbox:

“Ich wollte dir Bescheid geben: Wir sind ja am Mittwoch alles Frauen. Und es sind auch muslimische Frauen dabei. Deswegen wäre es gut, wenn deine Frau kommen würde. Du kannst dann leider nicht kommen. (…) Ich hoffe auf dein Verständnis!”

Wie gesagt: dämlich genug. Sogar so dämlich, dass die für den Mutter-Kind-Treff zuständige Bremer Sozialbehörde gegenüber “Bild”, wo auch das Transkript der Mailboxaufnahme erschienen ist, sagt:

“Wir wollen mehr Väter in den Eltern-Kind-Gruppen. Wir wollen auch, dass Väter häufiger in die Elternzeit gehen. Sie sollen natürlich mit muslimischen Eltern gemeinsam am Kinderschwimmen teilnehmen. Was dort praktiziert wurde, ist grundsätzlich nicht die Linie unseres Hauses.”

Also: Eine falsche Reaktion einer Mitarbeiterin, mit der der Sprecher der Sozialbehörde über diesen Fehler reden wolle. Soll alles so nicht wieder vorkommen.

In der Bremen-Ausgabe der “Bild”-Zeitung hyperventilieren sie diesen einmaligen Fehler einer Person zu einem generellen Schwimmverbot für Vater und Tochter, “weil Muslime im Bad sind”:

Ausriss Bild-Zeitung - Weil Muslime im Bad sind - Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

“Jetzt darf Papa mit der Tochter hier nicht mehr schwimmen” ist schlicht falsch. Natürlich — und zum Glück — kann niemand Tim F. verbieten, mit seiner Tochter in das Bremer Schwimmbad zu gehen, ob nun Muslime dort im Becken sind oder nicht. “Weil Muslime im Bad sind” ist mindestens heftig verbogen. Dass Tim F. am fraglichen Tag nicht am Schwimmausflug teilnehmen sollte, bezog sich nicht darauf, dass allgemein auch Muslime im Schwimmbad waren, sondern speziell auf die Zusammensetzung der Mutter-Kind-Gruppe. Das macht den Fehler der Kursleiterin und die Angelegenheit für Vater und Tochter nicht besser, aber die “Bild”-Dachzeile falscher.

Bei Bild.de ist vor der Paywall nur Folgendes lesbar:

Screenshot Bild.de - Weil Muslime im Bad sind - Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen - Papa Tim F. und Tochter Amelia-Sophie hatten sich so aufs Kinder-Schwimmen gefreut. Doch daraus wurde nichts. Der engagierte Vater wurde aus der Schwimmgruppe ausgeschlossen.

Die Antwort der Bremer Sozialbehörde und all die anderen Relativierungen können hingegen nur zahlende Kunden lesen.

Die Aufregung, die die “Bild”-Medien erzeugen, findet selbstverständlich Widerhall in den Sozialen Netzwerken: Muslime, die Personen mit deutschen Vornamen vermeintlich das Schwimmen unmöglich machen — da springen “AfD Rosenheim Kreisverband”, “Anno 1273 Oberlungwitzer Patrioten”, “Völker dieser Welt erheben sich !!”, “AfD – Kreisverband Rottweil/Tuttlingen” und ähnliche Kandidaten gerne auf.

Und auch auf der Facebookseite von “Bild” ist ordentlich was los. Der Post zum Artikel wurde über 5200 Mal geliket, mehr als 1200 Mal geteilt und knapp 1600 Mal kommentiert. Dass Dachzeile und Überschrift bei Bild.de sowie die Überschrift, die auf der “Bild”-Facebookseite angezeigt wird (“Muslimische Frauen wollen ihn nicht: Vater darf mit Tochter (2) nicht mehr zum Schwimmen”), für ziemliche Verwirrung sorgen, wem nun was alles scheinbar von welcher Gruppe verboten werde, hat offenbar auch die “Bild”-Redaktion gemerkt. Sie kommentiert selbst:

Screenshot eines Facebook-Kommentars der Bild-Redaktion - Nur noch mal zum Verständnis: Auf dem Titelbild ist Eltern-Kind-Bereich zu sehen. Das liegt daran, dass es im Bad einen Bereich gibt, der kindergerecht gestaltet ist. In diesem speziellen Fall geht es allerdings um einen Ausschluss vom Mutter-Kind-Treff, also einer Schwimmveranstaltung beziehungsweise einem Treffen.

Mit Dank an Ingmar D. und Christian M. für die Hinweise!

Nachtrag, 14. Dezember: Die Geschichte hat laut “Bild” vermeintlich eine neue Wendung bekommen.

Obdachlos im Medienzirkus, Witzbildmaler Ruthe, Migrationspakt

1. Nicht ohne meinen Vater: Wie ein Obdachloser im Medienzirkus untergeht
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Vor einem Jahr machte das “Twitter-Märchen” vom Sohn die Runde, der seinen obdachlosen Vater via Netzwerk suchte … und fand. Die emotionale Geschichte sorgte für große Aufmerksamkeit: Der Account @deinTherapeut wurde “meist genannter deutscher Twitter-Nutzer” im Jahr 2018. Nächstes Jahr soll die Geschichte als Buch bei einem großen Publikumsverlag erscheinen. Eine Geschichte, zu der es schon jetzt einige kritische Fragen gibt.
Weiterer Lesehinweis: Darf der das? (faz.net, Sebastian Eder). “Mit einer Geschichte über seinen Vater wurde @deinTherapeut zum meistgenannten deutschen Twitter-Account 2018. Doch Kritiker werfen ihm “grobe Fahrlässigkeit” im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Jugendlichen vor. Was sagt er dazu?”

2. Wie wir arbeiten
(deutschlandfunk.de, Ann-Kathrin Büüsker, Audio, 27:09 Minuten)
Seit über einem Jahr gibt es den (empfehlenswerten) “Deutschlandfunk”-Podcast “Der Tag”. In einer Sonderausgabe spricht Ann-Kathrin Büüsker mit ihren Kollegen über die tägliche redaktionelle Arbeit, das Moderatorenprinzip, die Kunst, kontroverse Interviews zu führen, und erklärt, warum es keine perfekte Sendung gibt.

3. Ich äußere mich nicht politisch, sondern menschlich
(viertausendhertz.de, Christian Möller, Audio, 82:09 Minuten)
Ralph Ruthe ist nicht nur für seine Cartoons, sondern auch für seine klare Haltung bekannt. “Viertausendhertz”-Podcaster Christian Möller hat sich mit Witzbildmaler Ruthe zum Spaziergang durch Bielefeld verabredet.

4. Alberne Panikattacken
(spiegel.de, Thomas Fischer)
“Spiegel Online”-Kolumnist und Ex-BGH-Richter Thomas Fischer kommentiert die Debatte um den Migrationspakt: “Warum so furchtsam? Was soll die absurde Behauptung, man unterzeichne einen “Pakt”, der gar nichts bedeutet und keinerlei Folgen haben kann? Der Pakt ist, nach meiner Ansicht, im Grundsatz vollkommen in Ordnung; er beeinträchtigt staatliche Souveränität nicht, formuliert aber gemeinsame Ziele; und selbstverständlich wird erwartet, dass sich die Vereinbarungsparteien daran halten, auch wenn das nicht erzwungen werden kann. Warum fürchtet man sich davor, das klar zu sagen?”

5. Ex-Bild-Chef Kai Diekmann im Gespräch – #118
(falter.at, Florian Klenk, Audio, 62:59 Minuten)
Beim Europäischen Mediengipfel Ende November haben sich Ex-“Bild”-Chef Kai Diekmann und “Falter”-Chefredakteur Florian Klenk zum Branchentalk getroffen. Nun gibt es das Gespräch zum Nachhören. Es geht um Medienwelt und Medienwandel, Donald Trump und Fake News, die verkaufte “Hörzu” und Diekmanns angebliche Penisverlängerung.

6. Clickbait-Knüppel aus dem Sack! Wie Medien ein harmloses Knecht-Ruprecht-Zitat ausnutzen
(meedia.de)
Grünen-Politikerin Josefine Paul findet, wie viele andere auch, dass die angstbesetzte Figur des Knecht Ruprecht nicht mehr in das heutige Bild der Kindererziehung passe. Das wurde in einigen Medien und von der AfD sofort mit überdrehten Überschriften sinnentstellend und klickträchtig verarbeitet und zur Skandalmeldung hochgejazzt.

“Bild” am Rande des Merzinfarkts

Morgen wird darüber abgestimmt, wen die CDU als neuen Vorsitzenden oder neue Vorsitzende haben will. Wen die “Bild”-Zeitung als neuen CDU-Vorsitzenden haben will, steht längst fest.

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In den vergangenen Jahren war es bei “Bild” ziemlich ruhig geworden um Friedrich Merz. Hin und wieder packte die Redaktion nochmal die Steuererklärung-auf-einem-Bierdeckel-Sache aus oder entdeckte Merz “schlank und braun gebrannt” am Rande irgendeiner Veranstaltung, sonst aber trat der CDU-Mann in der “Bild”-Zeitung kaum in Erscheinung.

Bis vor ein paar Wochen. Am 29. Oktober, keine halbe Stunde nach den ersten Gerüchten zu Angela Merkels Rückzug als Parteichefin, meldete “Bild” exklusiv:

“Bild” hatte es — vor allen anderen — “aus dem Umfeld von Friedrich Merz” erfahren.

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In der Print-Ausgabe stellte “Bild” am nächsten Tag die Runde der potentiellen Nachfolger vor. An erster Stelle: Friedrich Merz.

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Am nächsten Tag: der Kandidaten-Check. Oder eher: die Verteilung der Labels. Jens Spahn? Der Homosexuelle. Annegret Kramp-Karrenbauer? Die mit dem Doppelnamen. Friedrich Merz? Der Millionär.

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Am nächsten Tag: Titelseite.

Und im Innenteil, nahezu James-Bond-haft:

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Am nächsten Tag:

Auf der gleichen Seite widmete die Redaktion dem Mozart-Messias noch zwei weitere Schlagzeilen (Jens Spahn bekam immerhin eine):

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Am nächsten Tag: noch ein Kandidaten-Check.

Fazit zu Kramp-Karrenbauer?

Konservatives Familienbild und hartes Durchgreifen, Recht und Ordnung bei Migranten. AKK will keine “Mini-Merkel” sein!

Fazit zu Spahn?

Geförderte auch gefordert werden, Spahn will wirtschaftsliberale Politik, Leitkultur, Recht und Ordnung. Wie Merz ist Spahn der Anti-Merkel.

Fazit zu Merz?

Klare Kante, klare Worte, eigene Meinung! Merz war und ist DER Gegenentwurf zu Kanzlerin Angela Merkel.

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Am nächsten Tag:


Außerdem eine Umfrage. “Wen würden die Deutschen zum CDU-Chef wählen?” Tada:

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Zwei Tage später:

Antwort: Doch, hätte es wohl, aber fragen kann man ja mal.

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In der nächsten “Bild am Sonntag”:

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Am nächsten Tag:

Selbst die Klatsch-Seite schenkte ihm ein paar Zeilen:

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Zwei Tage später:





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Und damit war sie entfacht, die …

Doch “Bild” erklärte die Debatte kurzerhand zu einer “Neiddebatte”, und “Bild”-Kommentatoren forderten:

Wir sollten Friedrich Merz nicht daran messen, was er verdient, sondern daran, ob er die Sorgen und Nöte der Menschen hören und verstehen kann! Das ist es, was wirklich zählt.

Und damit war sie dann schon wieder beendet, die “große Debatte um Millionär Merz”.

Außerdem: So abgehoben ist der ja gar nicht!

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Und so stellte “Bild” weiter die naheliegenden Fragen:

Ergebnis des Experten: “Den größten Respekt hätten die mächtigsten Machos der Welt vermutlich vor Friedrich Merz.”

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Wenig später sprachen die drei Kandidaten Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn auf einer Veranstaltung in Baden-Württemberg. Schlagzeile?

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Kurz darauf veröffentlichte “Bild am Sonntag” eine große Übersicht, auf der aufgelistet wurde, für welchen Kandidaten die 1001 CDU-Delegierten stimmen wollen. Deutlicher Favorit der Befragten: Friedrich Merz.

Noch am selben Tag erklärten einige der Delegierten, sie hätten überhaupt nicht mit “Bild am Sonntag” gesprochen.

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Doch die “Bild”-Medien sind in diesen Wochen nicht nur bemüht, die vermeintliche Popularität, die angeblichen Vorzüge und Stärken ihres Wunschkandidaten hervorzuheben, sondern auch seine möglichen Schwachpunkte zu entkräften.

Als Merz etwa mit einer Lobbyisten-Firma in Verbindung gebracht wurde, die für Saudi-Arabien arbeitet, veröffentlichte “Bild am Sonntag” sogleich ein Statement, in dem Merz beteuerte, er habe “keinerlei Kontakte nach Saudi-Arabien” und auch “keine Gespräche angebahnt oder anbahnen lassen.”

Auch was die Firma BlackRock angeht (“Bild”: die “größte Investmentfirma der Welt!”), für die Merz als Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist tätig ist, versicherte “Bild” immer wieder, dass da natürlich alles mit rechten Dingen zugehe:

Der ehemalige Unions-Fraktionschef FRIEDRICH MERZ (62) arbeitet für eine renommierte Kanzlei und ist Cheflobbyist des deutschen Ablegers von “BlackRock”. Anders als oft behauptet, ist “BlackRock” kein Unternehmen, das SPD-Legende Müntefering “Heuschrecke” nennen würde. Sein klassisches Geschäftsmodel ist also nicht, Unternehmen zu kaufen, zu zerschlagen und mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die größte Investmentfirma der Welt hält aber eine beträchtliche Anzahl von Aktien an Dax-Konzernen.

(“Bild”, 31.10.2018)

“BlackRock ist eine Vermögensverwaltung”

Merz weiß um das (falsche) Image seines bisherigen Arbeitgebers BlackRock als “Finanzhai” und “Heuschrecke”. Menschen vertrauen dem größten Vermögensverwalter der Welt ihr Geld an; es ist kein aggressiver Fonds. Trotzdem: Diese Flanke wird noch öfter attackiert werden.

(“Bild”, 1.11.2018)

Und selbst wenn bei dem Unternehmen was verdächtig ist, heißt das ja nicht, dass auch bei Merz was verdächtig ist:


(“Bild”-Titelseite, 8.11.2018)

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Gestern dann, auf Seite 2 der Bundesausgabe:

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Und heute, einen Tag vor der Abstimmung beim CDU-Bundesparteitag in Hamburg:

(Merz natürlich mit Heiligenschein, die anderen ohne.)

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Und was haben die “Bild”-Medien davon, dass sie sich so für Friedrich Merz ins Zeug legen?

Merz klickt sich gut, das beobachtet man in der Redaktion. Und wenn sich ein Thema gut klickt, dann wird nachgelegt.

schrieb die “taz” vor ein paar Tagen. Doch für “Bild” geht es nicht nur um Klicks oder um Auflage, es geht um viel mehr: Wenn Merz morgen gewinnt, steht er in der Schuld von “Bild”. Dann kann der Chef der “Bild”-Zeitung jederzeit zum Chef der CDU sagen: “Ohne uns wärst du nicht da, wo du bist. Wir haben was gut bei dir.” Kein besonders beruhigender Gedanke.

Strunzdummes Frühstücksfernsehen, Plattmacher, Tils Wurzelbehandlung

1. Zöpfe, Lederhosen, Stasi-Ossis: Bei Sat.1 wird im Duett desinformiert
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Beim vom berühmt-berüchtigten Claus Strunz geleiteten Sat.1-Frühstücksfernsehen ging es um die zum Skandal hochgejazzte Kita-Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung. Stefan Niggemeier hat die “sechseinhalb Minuten Idiotie und Desinformation” fachgerecht seziert und kommt zum Schluss: “Sat.1 kämpft mit Verleumdungen gegen Pädagogen, die sich Gedanken machen, wie sie Kinder vor Menschenfeindlichkeit und rechtsextremer Ideologie schützen können. Und ist auch noch stolz darauf.”

2. Tagesspiegel gewinnt gegen BfV
(taz.de)
Ein “Tagesspiegel”-Redakteur verlangte vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) Auskünfte zu den Treffen des ehemaligen Verfassungsschutz-Chefs Maaßen mit AfD-Politikern. Nachdem das Amt ihm diese Auskünfte verweigerte, wandte sich der Journalist an das Verwaltungsgericht Köln und — bekam Recht. Das Bundesamt müsse seine Fragen beantworten.

3. Die Portfolio-Bereinigung
(kontextwochenzeitung.de, Josef-Otto Freudenreich)
Die Zeitungskrise ist eine Zeit für Schnäppchenjäger und Krisengewinnler. Josef-Otto Freudenreich berichtet über den Stuttgarter Medienkonzern SWMH, der systematisch kleinere Verlage aufkaufe und sie Stück für Stück “plattmache”. Verlierer seien die Medienvielfalt und die Beschäftigten.

4. Faktencheck: Die Macht der Lüge
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 5:10 Minuten)
“Zapp” hat zwei prominente Faktenchecker besucht: Den “Faktenfinder” der ARD, Patrick Gensing, und “Buzzfeed News”-Redakteur Karsten Schmehl. Beide bekommen viel Zuspruch, werden aber auch stark angefeindet.

5. Der üblichste Verdächtige
(zeit.de, Frida Thurm)
“Zeit”-Kolumnistin Frida Thurm denkt über die Berichterstattung im Fall der getöteten 17-Jährigen in Sankt Augustin nach. Es sei grundsätzlich richtig, über Flüchtlingskriminalität zu berichten, es gebe jedoch ein Problem: “Wenn wir Medien über Kriminalität durch Flüchtlinge berichten, weil die gesellschaftlich diskutiert wird, trägt das dazu bei, dass sie noch stärker wahrgenommen und diskutiert wird, was wiederum ihre Relevanz erhöht und damit die Wahrscheinlichkeit, dass wir mehr darüber berichten werden. Ein Effekt, der sich selbst verstärkt. Wir erzeugen den Wind, von dem wir uns dann getrieben fühlen.” Der mutmaßliche Täter ist übrigens gar kein Flüchtling.

6. “So lustig wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung”
(sueddeutsche.de)
Til Schweiger hat ein englischsprachiges Remake seines Erfolgsfilms “Honig im Kopf” in die US-Kinos gebracht und die dortigen Medien überschlagen sich vor … nun ja … Reaktionen. Beispiel gefällig? Hier ein “Observer”-Zitat: “Es gibt keinen überzeugenden Moment in diesem Fiasko. Am Ende hat die Hauptfigur ihren Verstand völlig verloren. Gut möglich, dass die Zuschauer sich genauso fühlen.”

Leiter-Lüge, Schnüffel-Fibel-Lüge, Palmer-Bashing-Lüge

1. “Es gibt keine Leiter”
(taz.de, Irina Angerer)
Anlässlich der Online-Kampagne #unten hinterfragt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Interview die Denkweise, die hinter den Begriffen “oben” und “unten” steht: “Es ist eine komplexe Situation in einer gesellschaftlichen Struktur. Und es schwingt natürlich mit, dass die Leute die “oben” sind, schon etwas dafür getan haben, um oben zu sein. So als ob sie einen Berg erklommen hätten und eine Leistung erbracht hätten. Und diese Metaphorik sollte man immer bedenken.”

2. Die Lüge von der “Schnüffel-Fibel”
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Gibt es tatsächlich eine staatlich geförderte “Schnüffel-Fibel”, die erklärt, dass man an Zopf und Kleid beim Mädchen ein völkisches Elternhaus erkennt? “Bild” und “B.Z.” behaupten das jedenfalls, und AfD-Seiten, ein Redakteur der “Neuen Zürcher Zeitung” und Leute wie die Rechts-Influencerin Erika Steinbach springen sofort mit auf den Zug. Stefan Niggemeier räumt mit dem Unsinn auf.

Dazu auch: Gegendarstellung: Die Amadeu Antonio Stiftung ruft nicht zum Beschnüffeln von Eltern auf (belltower.news, Simone Rafael).

3. Florian Klenk: Fake? Fakt? Was darf man glauben?
(youtube.com, Video, 1:08 Stunden)
Wie hat sich der Journalismus und die politische Kommunikation in den vergangenen 25 Jahren verändert? Wer manipuliert uns? Wer informiert uns? Und wieso sind die Rechten so erfolgreich im Netz? Florian Klenk ist nicht nur Chefredakteur des österreichischen Wochenblatts “Falter”, sondern auch ein unterhaltsamer Erzähler, wie er bei der Generalversammlung des Sozialdemokratischen Lehrervereins Oberösterreich beweist. In seinem Vortrag vor den versammelten Pädagogen geht es um “Fake News, Freunderlwirtschaft und Demokratie”.

4. “Tagblatt”-Chefredakteur Gernot Stegert über die Vorwürfe des Palmer-Bashings
(tagblatt.de, Gernot Stegert)
Das “Schwäbische Tagblatt” hat sich in den letzten Tagen mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und dessen öffentlich ausgetragenem Streit mit einem Studenten beschäftigt und sieht sich nun Vorwürfen des “Palmer-Bashings” ausgesetzt. Chefredakteur Gernot Stegert bezieht dazu Stellung und bietet den Leserinnen und Lesern Austausch und Diskussion an. (Höflicherweise erwähnt er nicht, dass das wirksamste Palmer-Bashing immer noch von Boris Palmer selbst vollzogen wird.)

5. Wie berichtet man vom Krieg, Frau Ramsauer?
(derstandard.at, Olivera Stajic)
Petra Ramsauer arbeitet seit fast zwanzig Jahren als Krisenberichterstatterin. In den vergangenen Jahren war sie unter anderem in Afghanistan, im Irak, im Tschad, in Mauretanien und der Elfenbeinküste. Im Gespräch mit dem “Standard” geht es um ihren Antrieb, ihre Haltung und Objektivität. Letztere hält sie übrigens für “Blödsinn”. Ihr Job sei es nicht zu schreiben: “der sagt, es ist blau, und der sagt, das ist grün. Mein Job ist es hinzufahren und zu schauen, ist es jetzt blau oder grün.”

6. Die beschränkte Weltsicht von Journalisten
(deutschlandfunk.de, Matthias Dell, Audio, 4:03 Minuten)
Im preisgekrönten Dokumentarfilm “Aggregat” von Regisseurin Marie Wilke werden Aufnahmen der vergangenen Jahre zusammenmontiert, in denen es unter anderem um die Themen Migration und Rechtspopulismus geht (lesenswert dazu auch die Rezension von Severin Weiland bei “Spiegel Online”). Matthias Dell erzählt in seiner “Deutschlandfunk”-Kolumne: “Meine liebste Stelle in dem Film ist die über ein Kamerateam vom ZDF, das den SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby portraitieren will — weil man daran sehen kann, wie beschränkt Journalisten mitunter auf die Welt schauen, ohne es zu merken.”

Mafia-Berichterstattung, Sprache der Politik, “Partnerprogramm” für Hass

1. Unter Verdacht – Gericht verbietet MDR-Ausstrahlung
(ndr.de, Timo Robben)
Wer zum Thema organisierte Kriminalität und Mafia recherchiert, hat zu den normalen Schwierigkeiten noch eine weitere, juristische: Die Beweislage muss für eine Verdachtsberichterstattung ausreichen, und das ist oft Auslegungssache. Das mussten gerade zwei MDR-Journalisten auf schmerzliche Weise erfahren, deren Film “Paten in Deutschland — die armenische Mafia und Diebe im Gesetz” aus eben diesen juristischen Gründen nicht ausgestrahlt werden konnte.

Siehe dazu auch den “Zapp”-Beitrag: “Recherche über Mafia schwierig”, in dem der MDR-Journalist Ludwig Kendzia die Schwierigkeiten bei der Mafia-Berichterstattung erklärt. (ndr.de, Video, 14:02 Minuten).

2. Russlands linke Offensive
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Silvia Stöber)
Von Berlin aus operieren Onlinemedien mit politischen Inhalten, berichten über “das ausbeuterische globale System”, das die Menschheit “versklavt und unseren Planeten zerstört”, und rufen die Menschen dazu auf, “ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen”. Finanziert werden die durchaus erfolgreichen Seiten aus Russland. Der ARD-“Faktenfinder” hat sich auf Spurensuche begeben.

3. Rechte Verlage zahlten wohl Geld an Betreiber von Hetzseiten
(sueddeutsche.de, Katja Riedel & Sebastian Pittelkow)
Mario R. betrieb Hassportale im Netz und steht wegen unerlaubten Waffenhandels vor Gericht. Nun hat sich herausgestellt, dass Hintermänner des Kopp Verlags und des rechten Magazins “Compact” ihm offenbar mehr als 100.000 Euro überwiesen haben und zwar im Rahmen eines “Partnerprogramms”.

4. Die Sprache der Politik
(wdr.de, Achim Schmitz-Forte, Audio, 27:44 Minuten)
Der Grünen-Politiker Robert Habeck war bei der WDR-“Redezeit” zu Besuch und hat dort erzählt, dass gute Politik vor allem eine Frage der richtigen Sprache sei: “Wie in der Politik etwas gesagt wird, entscheidet, was in der Politik gedacht und was gemacht wird”.
Weiterer Lesehinweis zum Thema Sprache: Welche Strategien verwenden die Rechten mit ihrer Sprache? Zur Rhetorik der AfD: Der rechte Redner befiehlt, die Zuhörer folgen (fr.de, Heinrich Detering).

5. “Zehn Morde. Sind ihnen völlig egal”
(spiegel.de, Arno Frank)
Die Journalistin Annette Ramelsberger hat volle fünf Jahre den NSU-Prozess begleitet. In einem Gemeinschaftsprojekt mit drei weiteren Journalistinnen und Journalisten entstand das 2000-seitige Werk “Der NSU-Prozess. Das Protokoll”. Im Interview erzählt Rammelsberger von den Merkwürdigkeiten des Prozesses, ihren schwersten Momenten aber auch über den bewegenden Moment, als es stehenden Applaus für die Aussage einer Frau mit iranischen Eltern gab. Diese habe sich trotz eines Bombenanschlags nicht unterkriegen lassen und arbeite mittlerweile als Chirurgin an einer Kölner Klinik.

6. Regulierung von Social Media und Suchmaschinen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Reporter ohne Grenzen (ROG) hat einen Bericht mit Empfehlungen für die öffentliche Kontrolle von Diensten wie Facebook, Google und Twitter veröffentlicht. Der Bericht geht davon aus, dass diese Dienste heute keine rein privaten Unternehmen mehr seien, sondern essenzieller Bestandteil moderner Öffentlichkeit, und daher in besonderer Weise kontrolliert werden müssten. Er richte sich an die Bundesregierung und Vertreter des Bundestages und sei diesen bereits zugestellt worden. Wer sich dazu weiter einlesen will: Es gibt eine Kurzfassung (PDF) wie auch den vollständigen Bericht (PDF).
Weiterer Lesehinweis: Der große Facebook-Medien-Report: So extrem schaden die Algorithmus-Änderungen deutschen Medien-Seiten (meedia.de, Jens Schröder).

Klartext-Klartext über Ausländer

Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz hat vor Kurzem entschieden, dass ein in Deutschland aufgewachsener Türke, der vor sechs Jahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde, ausgewiesen werden muss. Der Mann hatte auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis geklagt, doch das Gericht lehnte seinen Antrag ab.

Der Täter, so das Gericht, zeuge “von einem archaischen Frauenverständnis”, das mit dem deutschen Grundgesetz “nicht in Einklang zu bringen” sei. Die Ausweisung erscheine erforderlich, “um andere Ausländer in vergleichbarer Situation von ähnlichen Delikten abzuhalten.”

Oder in den Worten von “Bild”:

Ausriss Bild-Zeitung - Richterin spricht Klartext-Urteil des Jahres - Vergewaltiger wird zur Abschreckung in die Türkei abgeschoben, weil sein Opfer für ihn eine Schlampe war

Denn bei “Bild” ist das so: “Klartext” ist alles, was gegen Ausländer spricht.

Wenn ein Politiker sagt: “Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer!” Oder: “Das läuft mit den Ausländern falsch!” — dann ist das: “Klartext”.

Collage aus mehreren Bild-Schlagzeilen: Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt - Die Wahrheit über kriminelle Ausländer, Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen! Das fordert Deutschlands mutigster Oberstaatsanwalt, Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer, Deutschlands klügster Kopf redet Klartext: Das läuft mit den Ausländern falsch

Wenn eine Schulleiterin sagt, ihre Klassen seien “arabisiert”, dann spricht sie “Klartext”.

Ausriss Bild-Zeitung - Eine Schulleiterin und ein Richter sprechen Klartext - Astrid-Sabine Busse (61) über ihre ersten Klassen - Wir sind hier an der Front. Wir sind arabisiert

Wenn ein Richter zu einer ausländischen Familie sagt:

Screenshot Bild.de - Richter Robert Grain (52) zu einer syrischen Familie - In Ihrer Kultur hat die Frau einen geringeren Stellenwert. Das ist bescheuert

… dann redet er: “Klartext”.

Wenn ein Richter zu einem straffälligen Ausländer sagt:

Screenshot Bild.de - Richter rechnet mit straffälligem Flüchtling ab - Wenn es bei uns so sch... ist, warum sind Sie dann hier?

… dann ist er ein: “Klartext-Richter”.

Wenn Hillary Clinton Angela Merkel rät, die Einwanderung nach Europa einzuschränken, dann ist das eine: “Klartext-Botschaft”.

Screenshot Bild.de - Klartext-Botschaft - Clinton empfiehlt Merkel weniger Einwanderung

Wenn eine Polizistin fragt: “Warum wird ein Marokkaner, der eine Frau vergewaltigt, nicht abgeschoben?” Dann redet sie: “Klartext!”

Ausriss Bild am Sonntag - Eine Polizistin redet Klartext! - Warum wird ein Marokkaner, der eine Frau vergewaltigt, nicht abgeschoben? - Die Justiz und wir sind am Limit, du kannst die Anzeigen auch gleich in den Reißwolf stecken - Über Intensivtäter wird viel zu lange viel zu viel diskutiert

Wer ist für “Bild” ein “Klartext-Politiker”? Thilo Sarrazin.

Screenshot Bild.de - Klartext-Politiker Thilo Sarrazin über Hartz IV - Es wächst eine weitgehend funktions- und arbeitslose Unterklasse heran

Die “Bild”-Kolumne, in der Heinz Buschkowsky auch gegen kriminelle Ausländer wettert, heißt: “Buschkowsky redet Klartext”.

Screenshot Bild.de - Buschkowsky redet Klartext - Warum Rücksicht nehmen auf hungernde Muslime?

Wenn eine Richterin sagt, die meisten Intensivtäter seien Ausländer, dann meint “Bild”:

Screenshot Bild.de - Kriminelle Ausländer - Diese mutige Richterin redet Klartext

“Klartext” ist für die Leute von “Bild” ein Qualitätssiegel. Sie verleihen es aber nicht an den klarsten Text, sondern an den, der am meisten Angst macht.

Aber da sind sie ja nicht die einzigen:

Wahlplakat der AfD: "Klartext zu Deutschland"

Mit Dank auch an den Hinweisgeber.

Hannibal ohne Resonanz, Bayers Lügphosat, Schöne-Wort-Ministerin

1. Wo bleibt die Resonanz auf die “Hannibal”-Recherche?
(deutschlandfunkkultur.de, Tim Wiese & Jenny Genzmer, Audio, 13:59 Minuten)
Die “taz” hat in einer aufwändigen Recherche ermittelt, dass es ein rechtes Netzwerk in der Bundeswehr gibt, das beste Verbindungen in deutsche Behörden hat. Warum gab es so wenig Resonanz auf die Recherche? Wo bleibt die große Debatte zum Thema “Rechtsextremismus in den Behörden”? “Deutschlandfunk Kultur” versucht, diese Fragen zu beantworten.

2. Medien übernahmen unbedarft eine Lüge des Bayer-CEO Baumann
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Verantwortliche des Bayer-Konzerns verwiesen gerne auf die angeblich 800 wissenschaftlichen Studien, die bewiesen, dass das Pestizid Glyphosat nicht krebserregend sei. Problem Nummer 1: Das Bundesinstitut für Risikobewertung kenne nur rund 50 thematisch einschlägige Berichte, wie die “taz” erfahren habe. Problem Nummer 2: Die maßlos übertriebene Zahl des Bayer-Konzerns sei ungeprüft von Medien verbreitet worden. Eine notwendige Richtigstellung beziehungsweise Einordnung sei nicht vorgenommen worden.

3. Gegen die Obdachlosigkeit
(sueddeutsche.de, Thomas Hahn)
Vor 25 Jahren wurde das Hamburger Straßenmagazin “Hinz&Kunzt” gegründet. Einerseits ein Grund zum Feiern, andererseits gebe es Grund zur Sorge: Die Print-Ausgabe des Obdachlosenmagazins sei weit von den Blütezeiten entfernt und werde nur noch weitgehend von Älteren gekauft. Um ein junges Publikum zu erreichen, setze man auf das Online-Angebot und die sozialen Medien. Aber nur das gedruckte Heft sorgt dafür, dass die Obdachlosen etwas in der Hand haben, das sie verkaufen können.

4. Die Schöne-Worte-Ministerin
(udostiehl.wordpress.com)
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey versteht sich aufs Framing und erfindet für ihre Gesetzesvorhaben positiv klingende Wortschöpfungen: Nach dem “Gute-KiTa-Gesetz” folgte das “Starke-Familien-Gesetz”. Was aus Sicht der Ministerin legitim ist, sollte von den Medien jedoch nicht gedankenlos nachgeplappert werden, findet Udo Stiehl: “Verblüffend ist, dass trotz aller Bekundungen zu Objektivität und journalistischer Distanz die “Schöne-Worte-Politik” kritiklos ihren Weg findet. Gerade in Zeiten, da Medienhäuser neue Investigativredaktionen bilden, ein US-Präsident das Thema Schönfärberei täglich auf dem Silbertablett serviert und über den Umgang mit den Kampagnen der AfD diskutiert wird, müsste doch die Sensibilität für politische PR inzwischen sehr hoch sein.”

5. Gefährliche Orte
(spiegel.de, Thomas Fischer)
Vergangene Woche erschien der Jahresbericht “Beziehungsgewalt” des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Anlass für viele Medien, alarmistische Töne anzuschlagen. Ex-BGH-Richter und Strafrechtsexperte Thomas Fischer ordnet die Zahlen ein und kritisiert die Medien für ihren einseitigen Umgang mit dem Thema.

6. In der “Welt” der Reichen
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Schutz- und wehrlos sieht sich eine gesellschaftliche Minderheit Deutschlands schlimmsten Formen der Diskriminierung ausgesetzt: die Reichen. Diesen Eindruck wollen jedenfalls “Welt”-Chefredakteur Ulf Poschardt und sein Redakteur Dirk Schümer erzeugen. Boris Rosenkranz setzt sich in seiner “Übermedien”-Glosse mit den steilen Thesen von “Welt” auseinander und hat zum Abschluss noch eine schöne Pointe parat.

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