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Als Moslem sieht Mesut Özil schnell rot

Beim spanischen Supercup zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona am Donnerstag ging es (wieder einmal) hoch her: Unter anderem sahen David Villa und der deutsche Nationalspieler Mesut Özil die rote Karte, nachdem sie nach ihrer Auswechslung in einem großen Tumult aneinander geraten waren.

Özil hat sich zu den Ereignissen noch nicht groß geäußert. Das einzige Zitat, das seit Freitag die Runde macht, stammt von „Bild“:

Mesut Özil gestern zu BILD: „Ich bin unschuldig! Das kann man im Fernsehen sehen. Rangeleien sind nie auszuschließen, das ist dann pure Emotion. Und wenn Kollegen angegriffen werden, dann versuche ich zu helfen.“

Nur bei kicker.de wussten sie schon genau, was los gewesen war:

Supercopa-Rotsünder in der Liga nicht gesperrt - Özil: "Er hat meine Religion beleidigt"

Und weiter:

Warum ging der sonst eher besonnene Mesut Özil im Schlussakt des Supercopa-Endspiels beim FC Barcelona (2:3) so aus sich heraus und sah die Rote Karte? War es ein Schlag des ebenfalls vom Platz gestellten David Villa? Inzwischen hat der Spielmacher von Real Madrid das Rätsel gelöst. „Ich habe mich so verhalten, weil ich meine Religion verteidigen wollte. Er hat den Islam beleidigt“, so der Nationalspieler.

Das Webportal „questionhalal.com“ zitiert den Ex-Bremer am Donnerstagabend. (…)

Nur: „gelöst“ war damit gar nichts.

Wer auf questionhalal.com ging, konnte auch ohne größere Französischkenntnisse herausfinden, dass sich die Seite auf football.fr beruft — und zu Bedenken gibt:

Es gibt keine andere zuverlässige Quelle für die Richtigkeit dieser Informationen, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigt sind.

Inzwischen gibt es nicht mal mehr diese eine Quelle: In einem Nachtrag stellt questionhalal.com fest, dass der Ursprungsartikel bei football.fr offline genommen wurde. Einer Stellungnahme der Verantwortlichen von football.fr kann man entnehmen, dass es wohl zu „inakzeptablen Kommentaren“ gekommen war und auch der Blogger, der das Gerücht über Villas Islam-Beleidigung in die Welt gesetzt hatte, sich nicht ordnungsgemäß verhalten hatte.

Aber weil sie diese Entwicklungen bei kicker.de nicht mehr verfolgt haben, behauptete die populäre Sportseite weiter, Mesut Özil habe so reagiert, weil David Villa dessen Religion beleidigt habe.

Nachdem wir bei kicker.de angefragt haben, ob man diese Art der Recherche und der Verkürzung dort für legitim halte (auch angesichts der Reichweite von kicker.de und des heiklen Themas), schrieb uns die Redaktion:

Wir werden den Quellen nochmal genauer nachgehen und das Thema redaktionsintern diskutieren.

Bis dahin haben wir uns entschlossen, den Beitrag aus dem Angebot zu nehmen.

Da war die Geschichte natürlich schon andernorts abgeschrieben worden.

sport1.de drehte die Irrsinnsspirale der Quellenangabe einfach weiter:

Mesut Özil hat eine Beleidigung von David Villa als Grund seines Ausrasters nach dem Supercup-Spiel gegen den FC Barcelona genannt. „Ich habe mich so verhalten, weil ich meine Religion verteidigen wollte. Er hat den Islam beleidigt“, so der Nationalspieler im „kicker“.

blick.ch bemühte sich noch ein wenig um Relativierung und schrieb von „verschiedensten Gerüchten“:

Aber was bringt den Deutsch-Türken bloss so auf die Palme? Auf verschiedenen Internetseiten wird Özil nun zitiert: „Ich habe dies getan um meine Religion zu verteidigen, weil David Villa den Islam beleidigt hat.“ Ob dieses Zitat aus Özils Mund stammt, ist jedoch unklar.

Das freilich ficht die üblichen Islamhasser im Internet nicht an, die sich unabhängig jeder Faktenlage schon wieder in Rage geschrieben haben.

Das Zentralorgan für Moslemhasser, „Politically Incorrect“, schreibt:

Man stelle sich nur einmal vor, ein Christ oder Jude würde sich aufgrund seines Glaubens so aufführen. Die FIFA würde sich vermutlich einschalten und drastische Strafen aussprechen. Doch bei der „Religion des Friedens“ sollten wir weiter fleißig Toleranz üben und Verständnis aufbringen…

Und „Nachrichten ohne Zensur“ sekundiert:

Beim Abspielen der deutschen Nationalhymne erleben die Fans den Fußballsöldner Mehmet Özil schweigend und meistens mit seinen Gedanken abwesend. Dagegen rastet Özil aus, wenn es um die Religion des Friedens geht. In der Nachspielzeit des Supercups zwischen Real und Barca kam es zu Wild West Szenen, wobei auch Özil mit Handgreiflichkeiten nicht sparte und seinen Herausforderer David Villa attackierte, der angeblich den Islam beleidigte.

Wer hätte auch anderes erwartet, außer der DFB, schließlich sind die Heilsbringer für ihr hitziges Gemüt bekannt.

In den Leserkommentaren wird weiter gegen den Islam gehetzt, während bei Facebook Gruppen wie „Fuck you David Villa because you insulted religion of Mesut Ozil“ gegründet werden.

Und so hat das ohnehin schon emotional aufgeladene Spiel zwischen Barcelona und Madrid völlig grundlos noch mehr Emotionen provoziert.

Mit Dank an Erik G.

kicker.de, sid  etc.

Jeder Schütze ein Treffer (2)

Was haben Jan Rosenthal (SC Freiburg), Pawel Pogrebnjak (VfB Stuttgart), Erwin Hoffer (1. FC Kaiserslautern), Marcel Risse (Mainz 05) und Luiz Gustavo (TSG 1899 Hoffenheim) gemeinsam?

Die Antwort: Sie alle waren für kurze Zeit oder sind der 3000. Torschütze der Bundesligageschichte:

 Da ist doch tatsächlich noch das 3000. Bundesligator und es hätte nicht zählen dürfen. Nicu steht bei Kopfballverlängerung von Cissé klar im Abseits. Er geht diagonal auf das Tor zu und passt dann überlegt nach rechts. Dort ist ROSENTHAL mitgelaufen und schiebt souverän ein.

Pogrebnyak macht die 3000 voll

Hoffer 3000. Torschütze der Bundesliga

Gustavo 3000. Torschütze der BundesligaRisse erzielt das Jubiläums-Tor

Aber beginnen wir von vorn:

Noch am Freitag wurde in den Live-Tickern der App iLiga 3.0, von Bild.de und anderen Medien der Freiburger Jan Rosenthal als Schütze des 3000. Bundesligatores gefeiert. Dort hieß es:

Da ist doch tatsächlich noch das 3000. Bundesligator (…) Nicu (…) geht diagonal auf das Tor zu und passt dann überlegt nach rechts. Dort ist ROSENTHAL mitgelaufen und schiebt souverän ein.

Das ist doppelt falsch. Denn es wurde ja nicht das 3000. Bundesligator gesucht (BILDblog berichtete) sondern der 3000. Torschütze. Außerdem ist Rosenthal einer der Kandidaten, der dafür überhaupt nicht in Frage kam, weil er sein erstes Tor bereits in der Saison 2006/07, damals noch für Hannover, erzielt hat.

Von gleichem Kaliber war ein Bericht, der am Samstag zwischenzeitlich auf kicker.de zu lesen war, und den Trainer Baade freundlicherweise für die Nachwelt konserviert hat. Der Stuttgarter Pawel Pogrebnjak machte demnach nicht nur „die 3000 voll“, sondern es war auch noch „das 3000. Tor der Bundesligageschichte“. Mal vom Unfug mit dem 3000. Bundesligator ab, hat Pogrebnjak genau wie Rosenthal schon längst sein erstes Bundesligator erzielt und war deshalb von vornherein nicht mehr im Rennen.

Um 16.54 Uhr verlieh der Sport-Informations-Dienst (sid) dann Erwin Hoffer vom 1. FC Kaiserslautern vorübergehend den Titel 3000. Torschütze der Bundesligageschichte. Die Überschrift der rund 30 Minuten später korrigierten Nachricht lässt sich etwa noch bei „Google News“ und bei fußball.tv finden. Welt.de, „Frankfurter Neue Presse“ und andere führen einem dpa-Bericht folgend Hoffer noch immer als Nummer 3000:

Für Neuling 1. FC Kaiserslautern wird der Betzenberg wieder zu einer Festung. Trotz eines Rückstandes trotzten die Pfälzer dem bisherigen Spitzenreiter aus Hoffenheim ein 2:2 ab. Erwin Hoffer (46./75. Minute), der als 3000. Torschütze in die Liga-Historie eingeht, drehte mit seinen beiden Toren die Partie.

Auf Hoffer ließ der sid um 17.21 Uhr den Hoffenheimer Luiz Gustavo, der bereits sieben Minuten vor Hoffer traf, folgen. Vielleicht wurde er zunächst übersehen, weil er schon seit 2007 für Hoffenheim spielt und deswegen eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass er bereits einige Tore auf dem Konto hatte. Die meisten Medien haben mittlerweile Gustavo als 3000. Torschützen übernommen.

Eigentlich könnte es das gewesen sein, wenn da nicht noch Marcel Risse wäre. Dieser wurde auf bundesliga.de, der offiziellen Website der Deutschen Fußball Liga (DFL), zum 3000. Torschützen erklärt:

Marcel Risse ist der 3000. Spieler, der in 47 Jahren Bundesliga ein Tor geschossen hat. Der Mainzer erzielte den Jubiläumstreffer am Samstag in der 53. Minute gegen den SV Werder Bremen zum zwischenzeitlichen 1:0.

Und auch bei der Nachberichterstattung im Pay-TV-Sender Sky wird Risse als 3000. Torschütze genannt, was Bild.de gleich zur „TV-Panne des Tages“ erklärte:

Einziger Fehler: Der 3000. Torschütze ist Hoffenheims Luiz Gustavo (23)…

So einfach, wie Bild.de es sich macht, ist es – wer hätte das gedacht? – nicht.

Denn die DFL, die mit dem Statistikanbieter Opta Sport Daten AG zusammenarbeitet, hat uns bestätigt, dass ihrer Statistik zufolge nach wie vor Marcel Risse als 3000. Toschütze geführt wird. Als 2997. Schützen verzeichnen sie den Kölner Taner Yalçin, als 2998. Luiz Gustavo und als 2999. Erwin Hoffer.

Der sid wiederum, der mit dem Fußballdatendienstleister Impire AG zusammenarbeitet, beharrt gegenüber BILDblog darauf, dass ihrer Statistik zufolge Luiz Gustavo die Ehre gebührt, sich 3000. Torschütze nennen zu dürfen.

Allerdings wollen sowohl DFL als auch sid nicht ausschließen, dass die beiden Statistikanbieter in der Vergangenheit das eine oder andere unklare Tor einem anderen Spieler zugeschrieben oder als Eigentor gewertet haben als der jeweils andere. Somit gibt es jetzt tatsächlich zwei amtierende 3000. Torschützen, einen von sids und einen von DFLs Gnaden — wobei es ganz danach aussieht, als würde sich die Auffassung des sid durchsetzen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Gute Nachbarn kann niemand trennen

In wenigen Stunden startet die Fußball-WM in Südafrika und viele Fußballinteressierte hierzulande denken nur noch an Deutschland.

Nicht so die Mitarbeiter bei kicker.de: Sie haben das Spiel Dänemark gegen die Niederlande zum „Nachbarschaftsduell“ erklärt.

Dänemark: Nachbarschaftsduell wohl ohne Bendtner. Am Montag (13.30 Uhr) startet die WM für Dänemark gegen die Nachbarn aus den Niederlanden

Und das, obwohl Dänemark nur an ein einziges Land grenzt — Deutschland halt.

Mit Dank an Daniel S.

Nachtrag, 13.03 Uhr: kicker.de hat alle Verweise auf die angebliche Nachbarschaft zwischen Dänemark und den Niederlanden entfernt.

2. Nachtrag, 16.15 Uhr: Mehrere Leser weisen uns darauf hin, dass Dänemark auch noch verschiedene Seegrenzen zu anderen Staaten (die Niederlande zählen nicht dazu) hat, was natürlich auch richtig ist.