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1. “Die Zuvielisation” (freitag.de, Peter Glaser)
Peter Glaser schreibt über die Überforderung mit dem digitalen Medienfluss: “Es gibt verschiedene Möglichkeiten einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und erholt wieder nach Haus kommen.”
3. “Sehr geehrte Frau Schwarzer…” (blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz schreibt an Alice Schwarzer, die für “Bild” den Prozess gegen Jörg Kachelmann begleitet: “Sie betreiben eine unerträgliche Vorverurteilung, die der Presserat jedem Provinz-Gerichtsreporter um die Ohren hauen würde.”
5. “Stunde der Heuchler” (sueddeutsche.de, Johan Schloemann)
Johan Schloemann sieht im Siegeszug der Grünen die Widersprüche des westlichen Menschen: “Wird nun der neue grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der im Wahlkampf eine grünere Automobilindustrie gefordert hat, hingehen und die Porsche-Werke von einem auf den anderen Tag schließen lassen? Konsequent wäre es.”
6. “99 Fragen an Michael Stipe” (zeit.de, Moritz von Uslar)
Moritz von Uslar befragt Musiker Michael Stipe: “Meine Verkleidung ist, dass ich mich nicht verkleide. Und wenn ich Fahrrad fahre, dann immer mit Helm – damit die Leute mich erkennen. Hallo, Berlin! Ich bin der, der den hässlichen Fahrradhelm auf dem Kopf trägt.”
“Spiegel Online” macht seit kurzem immer wieder mit besonders großen Abbildungen auf. Journalistisch ist das, was dort gefühlt überlebensgroß präsentiert wird, aber nicht immer. Den Ausgang der heutigen Landtagswahl in Baden-Württemberg illustrierte die Seite so:
Schönes Foto, nur zeigt es — anders als man denken könnte — nicht, wie sich Nils Schmid und Winfried Kretschmann, die Spitzenkandidaten von SPD und Grünen, über die “Sensation” freuen. Das Foto entstand bei einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt vor vier Tagen in Karlsruhe.
Es handelt sich also bloß um ein Symbolfoto. Den Lesern verriet “Spiegel Online” dies nicht.
Man soll mit sowas ja keine Späße machen, aber stellen wir uns für einen Moment mal vor, der Fahrer von Angela Merkels Dienstwagen setzt das Automobil in den Straßengraben. Er war allein unterwegs, um die Kanzlerin abzuholen, und ihm ist nichts schlimmes passiert.
Würden die Zeitungen am nächsten Tag groß über diese, für Merkel gefährliche Situation berichten? Es ist nicht auszuschließen.
Gut: Es hat ein anderes Transportmittel erwischt und es ist letztlich noch weniger passiert, aber die Medien berichten tatsächlich.
Irre, oder? Nur “wenige Stunden”, nachdem Angela Merkel einen Hubschrauber verlassen hat, ist dieser “beinahe abgestürzt”.
Doch die “Bild am Sonntag” ist mit ihrer Feststellung, Merkel sei “nur knapp einem Beinahe-Absturz ihres Polizeihubschraubers entgangen” noch vergleichsweise zurückhaltend unterwegs.
Der gleiche Burkhard Uhlenbroich, der im Print noch einigermaßen entspannt war, verkündet hier plötzlich:
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Mittwochabend bei einer Wahlkampfveranstaltung nur knapp einem Absturz ihres Hubschraubers entgangen.
Und weil “Bild am Sonntag” die Story vorab an die Agenturen gegeben hatte, taten die das Ihre, um den Wahnsinn zu steigern.
AFP scheint sich selbst nicht ganz sicher gewesen zu sein, was jetzt genau passiert ist:
“BamS”: Merkel entkommt knapp Beinahe-Absturz ihres Hubschraubers – Polizei geht nicht von Sabotageakt aus
Berlin, 20. März (AFP) – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist am Mittwochabend bei einer Wahlkampfveranstaltung nur knapp einem Beinahe-Absturz ihres Polizeihubschraubers entgangen. Nach Informationen der “Bild am Sonntag” (BamS) hatte der Hubschrauber sie nach einem mehrstündigen Flug zunächst in Offenburg abgesetzt. Beim Weiterflug nach Oberschleißheim setzten laut “BamS” zeitgleich beide Antriebsturbinen des Superpuma 332 aus. Der Helikopter sackte aus einer Höhe von 1600 Metern ab. Der Crew gelang es erst wenige hundert Meter über dem Erdboden, die Turbinen wieder zu starten und einen Absturz zu verhindern.
dpa ist da schon klarer, gibt sich in der Überschrift aber auch missverständlich:
“Bild am Sonntag”: Merkels Hubschrauber fast abgestürzt
Berlin (dpa) – Ein Polizeihubschrauber von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist laut “Bild am Sonntag” nur knapp einem Absturz entgangen. Nur wenige Stunden nachdem die CDU-Vorsitzende den Helikopter am Mittwochabend verlassen habe, seien die Turbinen ausgefallen und der Helikopter um rund 1000 Meter abgesackt, berichtet das Blatt. Der Besatzung sei es erst wenige hundert Meter über dem Erdboden gelungen, die Turbinen wieder zu starten.
Reuters zerstört die in der Überschrift erzeugte Spannung dann gleich mit dem ersten Satz:
Merkels Hubschrauber wäre am Mittwoch beinahe abgestürzt
Berlin, 20. Mär (Reuters) – Ein Hubschrauber von Angela Merkel ist am Mittwoch nur wenige Stunden nach einem Flug mit der Kanzlerin beinahe abgestürzt. In rund 1600 Metern Höhe hätten beide Antriebsturbinen der Maschine ausgesetzt, erklärte am Sonntag eine Sprecherin der Bundespolizei, die damit einen Bericht der “Bild am Sonntag” bestätigte.
Auftritt deutsche Online-Medien!
“Spiegel Online” ging zunächst in die Vollen:
Das war den Redakteuren im Nachhinein dann wohl doch ein bisschen peinlich. Sie änderten Überschrift und Vorspann, entfernten das Foto von Merkel und setzen einen Hinweis unter den Artikel:
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels entstand der Eindruck, Merkel habe zum Zeitpunkt des Beinahe-Unglücks noch in dem Helikopter gesessen. Dies war nicht der Fall. Wir entschuldigen uns für die Unklarheit.
sueddeutsche.de hat seine Überschrift inzwischen von “Kanzlerin entgeht knapp Hubschrauber-Absturz” in “Merkels Hubschrauber beinahe abgestürzt” geändert, verkündet im ersten Satz aber immer noch:
Vermutlich haben ganz viele deutsche Journalisten gestern auch “nur knapp” den Lotto-Jackpot nicht geknackt: Tippschein nicht abgegeben oder so.
Mit Dank an Andreas L., Daniel B., Carsten Z., Dennis S., Matthias Sch. und Horst M.
Nachtrag, 21. März: Zahlreiche Leser haben uns auf das Prinzip der Autorotation hingewiesen, die es ermöglicht, einen Hubschrauber auch bei ausgefallenem Antrieb sicher zu landen. Die ganze Situation war also offenbar noch unspektakulärer.
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1. “Bild.de, ein Alien und ein Rätsel” (off-the-record.de, Olaf Kolbrück)
Bild.de tischt ein altbekanntes, angebliches “Alien” als “Top-Schlagzeile” auf.
2. “‘Bild’ hat tatsächlich England geschlagen” (blogmedien.de, Horst Müller)
“Bild” hat den Sieg von Deutschland über England an der Fußball-WM vorausgesagt. An das “vorgegebene Drehbuch des Blattes” haben sich die Spieler aber “nicht akkurat” gehalten.
3. “Einig Zeitungsland” (sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
“Ist Springer nicht mehr Springer?” fragt sich Hans Leyendecker angesichts der verlagsübergreifenden Unterstützung der Presse für den Bundespräsident-Kandidaten Joachim Gauck: “Kampf den Roten auf allen Ebenen war fast durchgängig die Parole. Es war schon eine Sensation, als sich Bild im Bundestagswahlkampf 1998 eher raushielt und weder für Helmut Kohl noch für Gerhard Schröder warb.”
4. “Die gebührenfinanzierte Presse” (internet-law.de, Thomas Stadler)
Thomas Stadler sieht im von den Printverlagen geforderten Leistungsschutzrecht nichts anderes als “eine allgemeine Zwangsgebühr für Presseerzeugnisse”. “Man will eine GEZ für Verlage schaffen. Das Vehikel, das man hierfür bemüht, ist das Urheberrecht, aber um urheberrechtliche Fragen geht es im Grunde nicht.”
5. “Schuldig auf Verdacht” (zeit.de, Sabine Rückert) Jörg Kachelmann sitzt seit dem 20. März in Untersuchungshaft, weil die Staatsanwälte “unbeeindruckt von den Erkenntnissen der Gutachter” an der Darstellung der Klägerin festhalten. “In Zeitungen und Magazinen sind Artikel erschienen, die Kachelmanns Charakter fragwürdig erscheinen lassen und das Bild eines rücksichtslosen Egomanen zeichnen, der sich jahrelang in der Maske des sympathischen Sonderlings präsentiert hat.”
6. “Serbe, Albaner oder Schweizer?” (nzz.ch, ras.)
“Vor einem Jahr berichteten die Agenturen über einen Einbruch, den ein ’27-jähriger Schweizer ohne Migrationshintergrund’ gestanden habe. Ab wann hat ein Schweizer keinen Migrationshintergrund mehr? Wenn er seit mehr als zehn Jahren eingebürgert ist? Wenn beide Elternteile schon den roten Pass erhielten?”
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1. “Eine Doppelpressekonferenz namens Fernsehduell” (faz.net, Reiner Burger)
Reiner Burger hat sich das “Duell” (wdr.de, Video, 66 Minuten) zur anstehenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen angesehen. “Über weite Strecken war ‘Das Duell’ eher eine Doppel-Pressekonferenz mit ausgestanzten Versatzstücken aus unzähligen Wahlkampfauftritten und den Parteiprogrammen der beiden Kontrahenten, die merkwürdigerweise nebeneinander standen in der Weite der Kölner Vulkanhalle.”
2. “ARD Griechenland-Brennpunkt: ‘Sensationell schlecht’ geht weiter” (carta.info, Robin Meyer-Lucht)
Robin Meyer-Lucht beschäftigt sich kritisch mit dem Brennpunkt “Ruiniert Griechenland Europa?” (tagesschau.de, Video, 9:35 Minuten). “Im Ergebnis ist dieser ARD-Brennpunkt sehr nah dran an der offiziellen Interpretationsmaschinerie der Bundesregierung. Er findet keinen eigenen Standpunkt, er leistet keinen eigenen Aufklärungs- und Orientierungsbeitrag, sondern er gibt Wolfgang Schäuble eine Bühne für seine beschwichtigenden Botschaften.”
3. “Danke für die Spende, Leser!” (spiegel.de, Frank Patalong)
Frank Patalong fragt in einem ausführlichen Artikel: “Ist Mäzenatentum durch große und kleine Spender ein Weg, Medien zu retten?”
4. Interview mit Daniel Schmitt (dctp.tv, Video, 36 Minuten)
Daniel Schmitt ist eine der wenigen öffentlichen Figuren von Wikileaks. Am Rande der re:publica gibt er Auskunft über die Plattform, die Dokumente öffentlich macht.
5. “Leben zwischen Eiben” (taz.de, Gabriele Goettle)
Gabriele Goettle besucht Juergen Jonas, der zwischen den Villen von Berlin-Dahlem im Freien lebt. “Und wie gesagt, Geld interessiert mich überhaupt nicht. Kein Geld, keine Geldsorgen. Geld ist was, womit der meiste Unsinn überhaupt getrieben wird. Arbeit interessiert mich auch nicht. Ich biete keine Leistungen und nehme auch keine in Anspruch. (…) Ich esse Brot, das man nicht mehr haben will. Vom Chinesen bekomme ich ab und zu Reis geschenkt, oder ich besorge mir was, aus der Ökotonne am Supermarkt vorne. Ich esse die abgelaufenen Sachen, und mir ist längst nicht jedes Mal schlecht geworden danach.”
6. “Liebe Online-Presse.” (opalkatze.wordpress.com)
30 womöglich nicht ganz ernst gemeinte Tipps für Zeitungen online. Tipp 6: “Klickstrecken bauen, je länger, je lieber, das vermittelt dem Leser das heimelige Gefühl des Umblätterns.”
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1. “Studie zum Qualitätsjournalismus in Deutschland” (dfjv.de)
Der Deutsche Fachjournalisten-Verband und das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin veröffentlichen eine Studie (PDF-Datei) zum Qualitätsjournalismus. “Die Verdichtung redaktioneller Arbeit könnte systematisch zu Lasten journalistischer Qualitätsroutinen und Recherche gehen.”
2. “Google ist nicht mehr ganz so böse … oder doch?” (spiegelfechter.com, Jens Berger)
“Wer Googles Zensurmaßnahmen im internationalen Vergleich betrachtet, kommt indes nicht um die Feststellung herum, dass Google in Deutschland sehr eifrig zensiert, um nicht mit deutschen Gesetzen in Konflikt zu geraten.”
3. “Selbstversuch mit Stoppuhr” (sueddeutsche.de, Stephan Ruß-Mohl) Stephan Ruß-Mohl schreibt einen Text über die Zukunft des Journalismus mit Stoppuhr, da er als Entgelt ein Online-Honorar erhält, das “nicht der Rede wert” ist. Einer seiner Tipps für die Verleger lautet: “Qualitätsbewusste Verleger sollten die Schleusen für PR eher dicht machen, als sie durch Abbau ihrer Redaktionen weiter zu öffnen. Denn auch die Kommunikationsverantwortlichen auf der Gegenseite sind kühle Rechner: Warum für teure Werbung bezahlen, solange man viele Botschaften kostengünstig und glaubwürdig über Redaktionen an seine Zielgruppen herantragen kann?”
4. “Niiu – individuelle Zeitung auf Wunsch?” (blogpiloten.de, Regine Heidorn)
Regine Heidorn testet die individualisierte Tageszeitung “Niiu”: “Auf der Titelseite meiner Ausgabe vom 9.3.2010 lächelt mir Christoph Waltz mit Oscar entgegen. Der Rest der Seite ist gefüllt mit Blog-Einträgen, z. B. über polyextremophile Tardigrades, die in extremen Umgebungen überleben können. Der Artikel endet mit 3 kryptischen Sätzen – achso, da wären jetzt Bilder online!”
5. “Ein tödlicher Schuss um 14:22 Uhr” (issuu.com/spvgg_bayreuth)
Im offiziellen Fanmagazin der SpVgg Bayreuth steht auf den Seiten 12 und 13 ein Text über die Erfahrungen eines Fotografen mit “Bild” im Jahr 1980.
6. “Was darf Journalismus?” (tvthek.orf.at, Video, 81 Minuten)
ORF-Reporter Ed Moschitz wird vorgeworfen, seine Reportage über zwei junge Neonazis (“Am rechten Rand”) “manipuliert” und “bei einer FPÖ-Wahlkampfveranstaltung zu Nazi-Parolen angestiftet” zu haben. Eine Diskussionsrunde dazu versucht Licht in den Fall zu bringen. Derweil erhielt der ORF Besuch von “Verfassungsschutz und Staatsanwalt”.
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1. Interview mit Thierry Chervel (die-stadtredaktion.de, Atossa Kamran)
Thierry Chervel vom Perlentaucher über die Krise der Printmedien und zu festen und freien Journalisten: “Freie Journalisten hatten schon immer einen elenden Status, der sich seit der Zeitungskrise vor ein paar Jahren noch verschärft hat. Hier ist es immer am leichtesten zu sparen. Festangestellte sind schwer zu entlassen. Die Freien sind die Opfer eines soliden Arbeitsrechts – darum werden auch immer weniger Leute fest angestellt.”
2. “Regierung Berlusconi verbietet politische Talkshows während des Wahlkampfes” (dradio.de, Thomas Migge)
Macher von politischen Diskussionssendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Italien dürfen nicht mehr frei entscheiden, wen sie einladen möchten: “Die Talkmaster müssen nicht nur Listen mit jenen Politikern, die eingeladen werden sollen, einer RAI-internen Kommission vorlegen, deren Entscheidungen das Plazet der Regierung haben müssen, sondern auch dafür sorgen, dass ihre Sendungen politisch ausgewogen und rein informierend sind. Keine Diskussionen mehr, keine Polemiken.”
4. “Die Angst vor Google” (dondahlmann.de)
Don Dahlmann schreibt über die Technologie-Ängstlichkeit der etablierten Intellektuellen. “Es scheint, als ob eine Beharrungs-Philosophie Einzug gehalten hat. Bloß dem Neuen keinen Raum geben, es argwöhnisch beobachten und wo es geht, mit allen Mitteln bekämpfen. Das führt dann zu absurden Dingen, wie der Formulierung, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei.”
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann muss damit leben, dass man über ihn sagt, er habe im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf 2004 dafür gesorgt, dass sein Blatt für den CDU-Kandidaten Ole von Beust trommelte. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Diekmann war bereits in zwei Instanzen mit dem Versuch gescheitert, dem NDR diese Formulierung zu untersagen. Zuletzt hatte er Beschwerde dagegen eingelegt, dass das Hanseatische Oberlandesgericht keine Revision gegen sein Urteil zuließ (BILDblog berichtete). Diese Beschwerde wies der VI. Zivilsenat des BGH jetzt ohne nähere Begründung ab*.
Es ging in dem Rechtsstreit nicht um die Frage, ob “Bild” für Ole von Beust getrommelt hat. Es geht allein darum, ob und wie Diekmann persönlich für die Wahlwerbung durch seine Zeitung “gesorgt” hat. Diekmann und seine Anwälte meinen, dass die Formulierung in einem Beitrag des Medienmagazins “Zapp” vom 13. Februar 2008 nur bedeuten könne, dass Diekmann “konkrete Anweisungen zu einer positiven Berichterstattung über Ole von Beust gegeben haben soll”. Das bestreitet Diekmann aber. Er behauptet auch, in keiner Weise Einfluss auf die Redaktion genommen zu haben, positiv oder negativ über den CDU-Mann zu berichten.
Das Oberlandesgericht hatte das in seinem Urteil für irrelevant gehalten. Die Formulierung, er habe dafür “gesorgt”, bedeute nur, dass Diekmann “im Rahmen seiner Tätigkeit als Chefredakteur die (positive) Berichterstattung gebilligt und ihre Veröffentlichung ermöglicht hat”.
Diekmanns Anwälte widersprachen dieser Interpretation in ihrer Beschwerde und bemängelten noch etwas anderes: Die Unterstellung, ein Chefredakteur “sorge dafür”, dass ein Politiker systematisch im Blatt bevorzugt werde, stelle auch “eine erhebliche Ehrbeeinträchtigung” dar, formulieren sie ohne erkennbare Ironie.
Der BGH aber lehnte ihren Antrag ab, das Urteil der Berufungsinstanz aufzuheben und dem NDR die Formulierung zu untersagen. Der von Diekmann angezettelte Rechtsstreit ist damit nach fast genau zwei Jahren für ihn erfolglos beendet.
*) Der BGH stellte nur fest, dass die Rechtssache weder grundsätzliche Bedeutung habe, noch der Fortbildung des Rechts oder der Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung diene.
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1. “Der Journalismus des Darmstädter Echo” (regioblog.de, Peter Löwenstein)
Ein Pressebeauftragter für die Piratenpartei schickt dem “Darmstädter Echo” eine Einladung zu einer Gründungsveranstaltung und erhält als Antwort einen Anruf, in dem er gebeten wird, “selbst produziertes Material” zu liefern, also “ein paar Textbausteine, die Abstimmungsergebnisse und auch ein paar Bilder”, da das Blatt offenbar keinen Reporter schicken will. Löwenstein sagt ab und bloggt lieber darüber.
2. “Spießer in den Cyberspace” (tagesspiegel.de, Markus Hesselmann)
Der Online-Chef des “Tagesspiegels” plädiert dafür, das Netz nicht den “Experten und Alpha-Bloggern” zu überlassen. “Die Debatte über das Internet muss raus aus dem digitalen Ghetto. Rein in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft.”
3. “Schleichwerbefall beim SWR” (kress.de)
Die Sportsendung “Flutlicht” berichtet am 30. August laut “Spiegel” von einem unter anderen von Haribo gesponserten Golf-Benefizturnier: “Der knapp zehnminütige Beitrag soll dabei wie ein Werbefilm dahergekommen sein: Das Goldbären-Maskottchen spielte Golf, es wurden Fußballspiele mit Gummibärchen nachgespielt, das Logo sei häufig im Hintergrund zu sehen gewesen.”
4. Kai Diekmann bei der “taz” (30jahre.taz.de, Sebastian Heiser)
“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann besucht als eines von 8826 Mitgliedern die Mitgliederversammlung der taz-Genossenschaft. Im roten Kapuzenpulli plädiert er für eine Bezahlung von Inhalten: “Ich halte es für richtig, für guten Journalismus auch gutes Geld zu verlangen.”
5. “Des Kaisers Kleider und der Kurtisanen Kostüme” (news.admin.ch, Ueli Maurer)
Der Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer hält am Jahreskongress des Verbandes Schweizer Presse eine gepfefferte Rede: “Viele Medien nehmen den Informationsauftrag nicht ernst. So legen sie den Boden schlecht: Pfusch ist da an der Tagesordnung. Schnellschüsse und Kurzschlüsse, Sofort-Umfragen, Sofort-Erklärungen, Sofort-Geschichten füllen die online-Zeitungen, die Tageszeitungen, die Radio- und Fernsehprogramme. Aus dem Internet gegoogelt und schrill umformuliert, werden aus Nichts Schlagzeilen und aus Wenig Texte.”
6. “Schweinegrippenjournalismus” (youtube.com, Video, 4:34 Minuten)
Ein Ausschnitt aus der letzten Sendung von “Harald Schmidt” zeigt, wie sich Jan Böhmermann als Rüdiger Alt in die Nachrichten der Pro7/Sat.1-Gruppe und in einen Leitartikel der “WAZ” schmuggelte.
Es würde vielleicht nicht alles, aber zumindest vieles erklären: Bild.de wird offenbar in einem Paralleluniversum mit Inhalten gefüllt. Oder zumindest in einem Paralleldeutschland.
Von gestern Abend bis heute früh rief Bild.de seine Leser auf der Startseite dazu auf, einen Appell an den Bundeskanzler zu unterschreiben:
Und aus dem ohnehin spannungsarmen Wahlkampf innerhalb der großen Koalition wurde heute fast fünfzig Minuten lang ein parteiinterner:
Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!
Nachtrag, 15:04 Uhr: “Angela Merkel (SPD)” stammte offenbar aus einer dpa-Meldung, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei Bild.de allerdings schon von der Nachrichtenagentur korrigiert worden war.