Archiv für Februar 25th, 2019

Geld machen mit den „dramatischen Bildern einer Rettung“

Zwei 14-jährige Jungen sind am Sonntag auf ein Dach einer S-Bahn-Haltestelle in Neuss geklettert und haben dabei einen Stromschlag erlitten. Der eine wurde dabei leicht verletzt und konnte aus eigener Kraft vom Dach wieder runterklettern, der andere blieb liegen.

Die „Bild“-Zeitung berichtet heute in der Düsseldorf-Ausgabe über den Vorfall (Überschrift: „SCHEISS LEICHTSINN“). Bei Bild.de erschien bereits gestern am späten Abend ein Artikel dazu:

Screenshot Bild.de - Dramatische Bilder einer Rettung in Neuss - Junge (14) erleidet 15000-Volt-Stromschlag - dazu ein Foto, auf dem Sanitäter und Feuerwehrleute zu sehen sind, die um den auf einer Trage liegenden Jungen stehen
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Der Beitrag befinden sich, man sieht es an dem „Bild plus“-Logo, hinter der Bezahlschranke — lesen kann ihn nur, wer ein Abo hat. Wer keins hat, sieht lediglich diese zwei Absätze:

Das Foto zeigt einen Jungen, der flach auf dem Dach des Bahnsteigs einer S-Bahn-Haltestelle in Neuss liegt. Der 14-Jährige hat gerade einen Stromschlag erlitten. Doch die herbeigeeilten Helfer können nicht sofort an ihn heran …

Der Junge und sein Kumpel hatten sich am Sonntagnachmittag in akute Lebensgefahr gebracht. Sehen Sie mit BILDplus die dramatischen Bilder der Rettung.

Na, wollen Sie mal sehen, wie ein 14-Jähriger gerade so noch überlebt und gerettet wird? Da haben wir was für Sie! Bei Bild.de wissen sie, wie man an die Portemonnaies von geifernden Gaffern kommt. Denen bietet die Redaktion dann drei Fotos, die mit diesen Bildunterschriften versehen sind:

Nach dem Stromschlag bleibt der Junge  (14) flach auf dem Dach des Bahnsteigs liegen

Endlich können die Retter zu dem Jungen, er ist sogar ansprechbar

Das schwer verletzte Opfer wird vom Dach geholt

Beide Jungen wurden ins Krankenhaus gebracht, sie sollen sich nicht in Lebensgefahr befinden.

Mit Dank an Janine B. und @unalternativ für die Hinweise!

No No Never

Vergangenen Freitag wurde im Ersten „Unser Lied für Israel“ gesucht und gefunden: Das Frauen-Duo S!sters wird Deutschland mit dem Song „Sister“ beim Eurovision Song Contest im Mai in Tel Aviv vertreten.

Bei Bild.de sind sie skeptisch:

Screenshot Bild.de - Sisters singen im ESC-Finale für Deutschland - Hat dieser Song eine Chance in Israel?

Auf der Suche nach Argumenten für einen potentiellen Erfolg hat die Redaktion verschiedene Indizien zusammengetragen. Darunter:

ESC-Experte Irving Wolther (promovierte über den Schlager-Contest) kann sich durchaus vorstellen, dass es die S!sters in Isarel (sic) in die Endrunde schaffen. „Wir kennen erst ein gutes Dutzend Beiträge in dem Feld, das sich bisher qualifiziert hat. Da stehen wir gar nicht so schlecht da“, sagt er gegenüber DPA.

Wir können uns sogar alle absolut sicher sein, dass es das Duo „in die Endrunde schaffen“ wird: Als einer der fünf größten Geldgeber bei der European Broadcasting Union (EBU) ist Deutschland seit Einführung der Halbfinale beim ESC immer automatisch für die große Finalsendung am Samstagabend qualifiziert. Irving Wolther weiß das, bei der dpa steht nichts zum Thema Halbfinalchancen — den Fehler hat sich Bild.de offenbar ganz alleine gebastelt.

Mit Dank an Tobias R. für den Hinweis!

Anklage erhoben, Insektensterben, Doppelnamen-Karnevals-Eklat

1. NPD-Anhänger werden angeklagt
(taz.de)
Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen hat zehn Monate nach dem Angriff auf zwei Journalisten im thüringischen Eichsfeld Anklage gegen zwei Tatverdächtige erhoben. Dabei geht es unter anderem um schweren gemeinschaftlicher Raub, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung.

2. Armin Wolf und Haltung – ein kurzer Text über Freiheit
(derstandard.at, Claus Kleber)
Der österreichische Journalist und „ZiB 2“-Anchor Armin Wolf ist als „Journalist des Jahres 2018“ geehrt worden. Die Laudatio hielt Wolfs deutscher Kollege Claus Kleber: „In Armin Wolfs berühmten Interviews wird gezeigt, dass Haltung nicht vom Himmel fällt. Sie braucht: Schlagfertigkeit, aufrechten Gang, Bürgerstolz vor Fürstenthronen und vor allen Dingen: Arbeit, Arbeit, Arbeit, penible Vorbereitung, die Schlagfertigkeit erst möglich macht.“
Weiterer Lesehinweis: Armin Wolf rechnet in ORF-Fragen mit der Regierung ab (kurier.at, Philipp Wilhelmer).

3. Wie schnell und weshalb sterben weltweit die Insekten? Science Media Newsreel1 No. 38 (11.02. bis 17.02.2019)
(meta-magazin.org)
Der Wochenrückblick des „Science Media Center“ zeigt, über welche Forschungsergebnisse viele Wissenschaftsjournalisten zeitnah berichteten. Diesmal geht es um das weltweite Insektensterben, das ein bedrohliches Ausmaß erreicht habe und dessen Hauptursache laut des Fachblatts „Biological Conservation“ die industrialisierte Landwirtschaft sei. Mindestens fünfzehn Mal sei in deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die dort behandelte Studie berichtet worden.

4. Warum Hasskommentare psychische Gewalt sind
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Natalie Rosenke)
„SZ Magazin“-Kolumnistin Natalie Rosenke kämpft gegen die Diskriminierung dicker Menschen und wird dafür in den Sozialen Netzwerken teilweise mit Hass überschüttet: „Wäre ich als Teenie so mit Hass überzogen worden — ich weiß nicht, was das mit mir gemacht hätte. Mittlerweile schaffe ich es, diesen Hass in etwas Positives umzuwandeln: in Motivation. Denn er zeigt mir deutlich, wie wichtig der Kampf gegen Diskriminierung im Allgemeinen und Gewichtsdiskriminierung im Speziellen ist.“

5. Eine für alle? Schönenborn wirbt für XXL-Mediathek
(dwdl.de, Alexander Krei)
Immer wieder träumen die Öffentlich-Rechtlichen von einer gemeinsamen und womöglich europäischen „Super-Mediathek“. Auch WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn liebäugelt mit einer solchen Lösung, baut jedoch zunächst das WDR-eigene Angebot aus: In der hauseigenen Mediathek soll es bald einen Doku-Kanal geben.

6. Eklat bei TV-Sitzung in Köln Frau beschimpft Bernd Stelter wegen Doppelnamen-Witzen
(ksta.de, Thorsten Breitkopf)
Es klingt wie ausgedacht: Nachdem der Karnevalist Bernd Stelter bei einer im Fernsehen übertragenen Karnevalssitzung Witze über Doppelnamen (wie den der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer) machte, trat eine Frau auf die Bühne und, nun ja, kritisierte den Comedian. Nach übereinstimmenden Berichten des „Express“ und der „Kölnischen Rundschau“ trage die Frau ebenfalls einen Doppelnamen.
Auf Twitter ist der Ausschnitt bei der „Aktuellen Stunde“ des WDR zu sehen.