Archiv für Juni 6th, 2011

Für eine Handvoll Milchmädchen

Ein Gutes hat ja die “Bild”-Hetze gegen Griechenland: Es bleibt kaum noch Zeit, um Geringverdiener gegen Hartz-IV-Empfänger aufzuwiegeln.

Am Samstag hatte Bild.de dann doch endlich wieder freie Kapazitäten für den zeitlosen Westerwelle-Klassiker “Leistung muss sich wieder lohnen!”:

Stundenlohn 1,88 Euro: Ich arbeite - kriege aber kaum mehr als Hartz IV

Hartz IV gleich soziale Hängematte? Viele arbeiten, obwohl es sich fast gar nicht lohnt. Sie sind Aufstocker.

Kurios ist dabei der Rechentrick, mit dessen Hilfe Bild.de “Stundenlöhne” von 1,88 Euro oder im folgenden Fall 2,50 Euro überhaupt möglich macht:

Wie die Kölnerin Simone L. (39), die 30 Stunden in der Woche in einem Verwaltungsjob arbeitet. (…) Sie lebt von 1050 Euro Nettogehalt, 184 Euro Kindergeld und 409 Euro staatlichem Mietzuschuss. Macht 1643 Euro.

Wenn sie gar nicht arbeiten würde, hätte sie nur 270 Euro weniger. Sie verdient also nur 2,25 Euro pro Stunde.

Haben Sie’s gemerkt? Während ein Stundenlohn normalerweise angibt, was ein Angestellter pro Arbeitsstunde brutto verdient, nimmt Bild.de den Nettolohn plus Kindergeld und Mietzuschuss, zieht davon einen möglichen Anspruch auf Hartz IV ab und teilt das dann durch die Arbeitsstunden — hier: (1643€ – 1373€)/120h. Berechnet man den Stundenlohn von Simone L. auf herkömmliche Weise, dann liegt er bei ca. 12 Euro.

Wie bescheuert dieser Rechenweg ist, zeigt sich, wenn man damit den Stundenlohn eines alleinerziehenden Bild.de-Redakteurs im fünften Berufsjahr laut Tarifvertrag (immerhin 3467 Euro brutto) berechnet. Denn auch er käme lediglich auf einen Dumping-Stundenlohn von etwa 5,50 Euro statt eines wirklichen Stundenlohns von 21,67 Euro (bei 40 Arbeitsstunden).

Aber ganz unabhängig vom Gehalt: Lohnt es sich überhaupt, für Bild.de zu arbeiten?

Mit Dank an Per K.

Bild  

Das Kreuz mit der Griechen-Hetze

Am vergangenen Freitag erfand die “Bild”-Zeitung einen “Wirbel” um den deutschen Botschafter in Athen. Der habe “die Berichterstattung deutscher Medien in der Griechenland-Krise” kritisiert, stellte “Bild” fest, fragte treuherzig: “Wen hat Wegener damit gemeint?”, bekam aber keine Antwort.

Und damit zu einem ganz anderen Thema:

Griechen verhöhnen Europa ... und kriegen trotzdem neue Milliarden

Die “Bild”-Autoren Ralf Schuler und Paul Ronzheimer, der in diesem Jahr den Herbert-Quandt-Medien-Preis für herausragenden Wirtschaftsjournalismus erhält, lassen in ihrem Bericht offen, ob zukünftige Hilfspakete für Griechenland von einem Demonstrationsverbot abhängig gemacht werden sollten oder das griechische Volk vielleicht kollektiv verpflichtet werden könnte, seine Dankbarkeit für drastische Sparmaßnahmen angemessen auszudrücken.

Unerwähnt lassen sie auch, dass es nicht einmal einen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Foto und den jüngsten Beschlüssen der EU gibt, Griechenland weiter zu unterstützen: Das Bild entstand bereits vor einer Woche, am 30. Mai.

Besonders verblüffend ist aber diese Stelle im “Bild”-Text:

Unter einem Hakenkreuz-Plakat stand: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”.

Nein. Das steht nicht unter dem Hakenkreuz-Plakat. Das steht unter einem Foto von dem Hakenkreuz-Plakat — in einem Hass- und Hetzblog namens “Politically Incorrect”, das sich vor allem dem Kampf gegen Moslems und alles vermeintlich Linke verschrieben hat.

Und nun kann man darüber streiten, was schlimmer ist: Dass “Bild”-Redakteure ihre Informationen über die Welt von einer solchen Seite beziehen. Oder dass sie zu blöd sind, sie wenigstens richtig abzuschreiben.

Mit Dank an Jens Sch., Christian, Webreporter, Dr. Nötigenfalls, Icke und Josef N.

Nachtrag, 7. Juni 2011. “Bild” hat den Online-Artikel korrigiert und bringt auch in der gedruckten Ausgabe “Berichtigung”, schafft es aber nicht, die traurige Wahrheit zuzugeben:

Berichtigung

BILD berichtete gestern, unter einem Demonstrations-Plakat in Athen habe der Satz gestanden: “Die EU ist die Krönung aus UdSSR-Zentralismus und Glühbirnen-Faschismus”. Nach neuen Erkenntnissen hat dies nicht auf dem Plakat gestanden.

Sprachnörgler, Strippenzieher, Spring Break

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. Die unverbesserliche Seichtigkeit der Sprachnörgler
(wissenslogs.de/sprachlog, Anatol Stefanowitsch)
Im dritten Teil seiner Serie (Teil 1, Teil 2) beschäftigt sich Anatol Stefanowitsch weiter mit den laut Bild.de “10 am häufigsten falsch verwendeten Wörtern”, die er sich für seinen Gastbeitrag bei uns angesehen hatte.

2. Maxim – YouTubes Wurmfortsatz
(kioskforscher.posterous.com, Markus Böhm)
Markus Böhm hat sich durch die komplette März/April-Ausgabe des Herrenmagazins “Maxim” gequält. Sein Fazit: “Das Intelligenteste an diesem Magazin ist Daniela Katzenberger.”

3. Unter kakanischen Strippenziehern
(faz.net, Michael Hanfeld)
RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler hat seine Bewerbung als Direktor beim Österreichischen Rundfunk (ORF) abgesagt. “Gegen die staatliche Einflussnahme auf den öffentlich-rechtlichen Sender ORF erscheinen sogar die hiesigen Verhältnisse als harmlos (was sie nicht sind).”

4. (Nicht) ganz ohne Nebenwirkungen: Zwei BILD-Reporter im Sonderzug Richtung Koma
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Während “Bild” gerne vor “Komasaufen” bei Jugendlichen warnt, berichten ein “Bild”-Reporter und eine “Bams”-Reporterin auffallend unkritisch von “18- bis 30-Jährigen”, die “vier Tage Suff, Sex und Sonne an der Küste Istriens” suchen — beim “Spring Break Europe” in Kroatien.

5. Five Lessons In Breaking News Reporting Learned From The Joplin Tornadoes
(mediabistro.com/10000words, Lauren Rabaino, Englisch)
Brian Stelter, sonst Medienjournalist bei der “New York Times”, fand sich unvermittelt in Joplin, Missouri, wieder, wo ein Tornado weite Teile der Stadt zerstört hatte. Er erklärt, welche fünf Lektionen er dort für seine Arbeit gelernt hat, und warum Papier und Stift immer noch das verlässlichste Werkzeug für Reporter sind.

6. Pluralis Journalistis
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Felix Schwenzel über Journalisten, die sich scheuen, “ich” zu schreiben, und ein Extrembeispiel im Berliner “Tagesspiegel”. Wir wünschen uns, dass der Satz “Wir haben es mit unserer Partnerin ausprobiert” zum geflügelten Wort wird.