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FIFA kuscht vor „Bild“ – und widerspricht ihr

Wenn man irgendein Problem hat und nicht weiterweiß, kann man sich an „Bild“ wenden, und dann heißt es: „BILD kämpft für Sie“. Das Boulevardblatt regelt die Sache für einen — zum Beispiel, dass der Kioskbesitzer das Überraschungsei erstattet, das er einem verkauft hatte, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum schon zwei Tage überschritten war. Sowas halt.

In den vergangen zwei Tagen hat „Bild“ aber noch etwas viel Größeres erkämpft, für Sie, für uns, für die Welt: den Erhalt der Pressefreiheit. Doch, doch, lesen Sie selbst:

Das Ganze ging gestern los. Da schrieb die „Bild“-Redaktion groß auf ihrer Titelseite:

Grund für die „Zensur“-Rufe von „Bild“ ist ein Dokument mit dem Titel „Media Visa Procedure and Guidelines on Foreign Media Work in Russia“. Diese „Guidelines“ haben Journalisten zugeschickt bekommen, die sich für den „Confederations Cup“ akkreditiert haben, ein Fußballturnier, das immer ein Jahr vor der Weltmeisterschaft im jeweiligen Gastgeberland stattfindet. Dieses Mal in Russland.

„Bild“ zitierte gestern aus dem Dokument:

In der Akkreditierungs-Bestätigung steht:

„1. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen ausschließlich über den FIFA Konföderationen-Pokal 2017 und damit verbundene Ereignisse berichten.

2. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahe gelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein.“

Die Schlussfolgerung der Redaktion:

Bedeutet: Die Reporter dürfen mit der Akkreditierung kaum über die Außenlinie des Platzes hinaus berichten. Über Missstände, über mögliche Proteste.

Die FIFA kuscht wohl vor Putin.

In einem Kommentar machte „Bild“ dann auch noch klar: Nicht mit uns!

Putin zensiert die WM-Generalprobe im Sommer, an der auch unsere Weltmeister teilnehmen.

Journalisten dürfen beim sogenannten Confed-Cup nur über die Fußballspiele berichten. Außerdem ist die Tätigkeit auf die Spielorte und „nahegelegene Sehenswürdigkeiten“ begrenzt. (…)

BILD jedenfalls wird keine Reporter zum Confed-Cup schicken, solange diese Zensur gilt.

Ziemlich viele Leute aus Sport und Politik schlossen sich „Bild“ an, und auch viele Medien berichteten über die „Guidelines“ der FIFA (obwohl die schon eine ganze Weile bekannt sind, mindestens seit Ende März).

Heute dann die oben bereits präsentierte, vermeintliche „Wende“: „Fifa und Putin lenken ein“, schreibt „Bild“ und lässt keinen Zweifel daran, wer dafür gesorgt hat:

Und sie bewegen sich doch! Nachdem BILD die Knebel-Klausel für Journalisten beim Confederations Cup in Russland (17. Juni bis 2. Juli) enthüllt hat, lenken beide ein — die Fifa und Präsident Wladimir Putin (64). (…)

BILD kündigte an, den Confederations Cup zu boykottieren, falls die Zensur-Regelung bestehen bleibt.

Gestern die sensationelle Wende!

Schaut man sich die Reaktion der FIFA und des russischen Organisationskomitees auf den „Zensur“-Vorwurf von „Bild“ genauer an, hat man das Gefühl, dass es sich eher um ein Widersprechen handelt — und nicht um ein Einlenken. Die „Bild“-Zeitung zitiert heute aus einer Erklärung der gemeinsamen Ausrichter:

„Journalisten, die eine FIFA-Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal erhalten, können an den Spielorten und in den umliegenden Gebieten ohne jede Einschränkung frei arbeiten.“

Bild.de schrieb gestern am Nachmittag selbst noch, dass die FIFA die Zensur-Vorwürfe zurückweise:

Und „Bild“ schreibt, dass die kritisierten Stellen in den „Guidelines“ auch nicht gestrichen werden sollen:

BILD hakte bei der Fifa nach: Werden die Akkreditierungs-Unterlagen geändert und die Zensur-Regel auch schriftlich gestrichen?

Die mündliche Antwort eines Sprechers: Man habe die Unterlagen bereits vor knapp drei Wochen an die Medienvertreter verschickt. Eine Neuversendung mit Änderungen ist nicht geplant.

Das Dementi der FIFA zur „Bild“-Berichterstattung und das Nicht-Streichen der kritisierten Passagen nutzt „Bild“ heute also, um sich als Retter der Pressefreiheit zu inszenieren.

Natürlich ist es überhaupt nicht abwegig zu vermuten, dass Wladimir Putin kritische Berichterstattung während der Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr und während des „Confederations Cup“ in diesem verhindern will. Und es ist auch klar, dass in einem Land wie Russland, das in der „Rangliste der Pressefreiheit“ von „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 148 von 180 liegt, nicht sicher ist, ob und wie man berichten kann. Man kann sich also über den Passus in den „Guidelines“ der FIFA völlig zurecht aufregen und darüber schreiben — schließlich bringt er zusätzliche Unsicherheiten für die Journalisten, die bald nach Russland reisen wollen. Die Hysterie, mit der „Bild“ dies tut, und der sich viele Medien gestern angeschlossen haben, ist dabei das Problem. Dass gleich „Zensur“ geschrien wird und „Boykott“. Für „Bild“ ist momentan alles vieles, was aus Russland kommt, die Ausgeburt des Bösen.

Dazu kommt, dass die „Guidelines“, auf die sich „Bild“ bezieht, gewisse Schwächen bei der Übersetzung aufweisen. Es gibt sie in Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Schaut man sich das Dokument (PDF) an, sieht man, dass bei Punkt 2 …

2. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahegelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein.

… im Deutschen ein „nur“ steht und im Spanischen ein „solo“. Im Englischen gibt es hingegen kein „only“ und im Französischen kein „seulment“. Ohne das „nur“ wird aus dem Satz, der etwas einschränkt, auf einmal eine Erlaubnis.

Und auch der Begriff „Spielort“ ist in der Deutschen Übersetzung unglücklich gewählt. Damit kann sowohl die gesamte Stadt als „Spielort“ gemeint sein, beispielsweise Sotschi, aber auch nur das Stadion in Sotschi. Die „Bild“-Redaktion hat sich bei ihrer Interpretation offenbar für Variante zwei entschieden:

Die Reporter dürfen mit der Akkreditierung kaum über die Außenlinie des Platzes hinaus berichten.

Allerdings steht in der englischen Variante „host cities“, in der spanischen „ciudades anfitrionas“ und in der französischen „villes hôtes“, was alles eher für die gesamte Stadt spricht, in der gespielt wird.

Klar, auch wenn man „Spielort“ durch „Gastgeberstadt“ ersetzt, mögen die FIFA-„Guidelines“ noch eine Einschränkung bei der Berichterstattung darstellen. Diese scheint aber nicht so eng gefasst zu sein, wie „Bild“ behauptet.

Mit Dank an Roland B. und Andreas für die Hinweise!