Nach dem Geständnis verschwindet der Balken

Dienstagabend um 22:04 Uhr hatte Jan G. aus Sicht der Bild.de-Redakteure noch Anspruch auf etwas Anonymität:

Bis Mittwochvormittag um 11:48 Uhr wurde der schwarze Balken über seinen Augen zwar schon deutlich schmaler, aber es gab ihn immerhin noch:

28 Minuten später, um 12:16 Uhr, verkündete Bild.de das Geständnis des Mannes, der vorgestern erst seine Großmutter mit einem Messer tötete und anschließend, auf der Flucht, zwei Polizisten zu Tode fuhr. Diese schrecklichen Taten begann er offenbar unter starkem Einfluss von Drogen.

Um 15:32 Uhr am Mittwoch präsentierte Bild.de den Artikel von 12:16 Uhr weiterhin auf der Startseite, allerdings mit einem neue Teaserbild, das die Grafikabteilung extra neu zusammengebastelt hat. Das Portal zeigt Jan G. nun ohne Augenbalken (alle folgenden Verpixelungen stammen von uns):

Seitdem ist Jan G. bei Bild.de klar zu erkennen. Zum Beispiel in dieser Teaseroptik von gestern (20:57 Uhr) …

… oder in dieser von heute:


(Hier ist von „5 Menschen“ die Rede, weil Bild.de noch einen anderen Fall, der nichts mit Jan G. zu tun hat, zum „JUSTIZ-VERSAGEN“ hinzurechnet.)

Bei der „Bild“-Zeitung konnte man die gleiche Entwicklung verfolgen. Auf der Titelseite von gestern gönnte die Redaktion Jan G. noch einen Augenbalken:

Heute, auf Seite 3, gibt es den nicht mehr:

Warum zeigen die „Bild“-Medien Jan G. zuerst mit Augenbalken und dann ohne? Schließlich stand für sie ja bereits vor seinem Geständnis fest, dass er ein „Oma-Mörder“ ist und „POLIZISTEN TOTGERAST“ hat. Warum also nicht schon am Mittwochmorgen das komplette Gesicht des Mannes zeigen? Legt man im Gedankenkosmos der „Bild“-Mitarbeiter mit einem Geständnis automatisch auch seine Persönlichkeitsrechte ab? Und worin liegt der Vorteil für die Leserschaft, einen Täter erkennen zu können, der längst festgenommen ist — von dem also aktuell keine Gefahr mehr ausgeht?

Was ebenfalls eher für eine Anonymisierung von Jan G. spricht: Er scheint seit längerer Zeit unter einer psychischen Erkrankung zu leiden, was seine grausame Tat natürlich nicht entschuldigt. Von den psychischen Problemen wissen auch die „Bild“-Mitarbeiter. In ihrem Artikel „Die kaputte Welt des Oma-Killers“ schreiben sie darüber.

Mit Dank an Frelsi K., Till W. und Christoph H. für die Hinweise!

Nachtrag, 20:13 Uhr: Bei „RTL“ war Jan G. gestern Abend ebenfalls ohne Unkenntlichmachung zu sehen:


(Auch hier stammt die Verpixelung von uns.)

Mit Dank an Sam für den Hinweis!