Hauptsache Hauptstadt

Neulich habe ich nach dem Schwimmen den besten Freund meines Sohns nach Hause gefahren. Die Jungs, beide in der achten Klasse, saßen hinten im Auto, und irgendwie kamen wir auf das Thema Erdkunde zu sprechen. Das heißt, ich kam auf das Thema. Die Jungs wollten lieber auf dem Rücksitz in den Gurten hängen und dösen. Aber wenn man sie nicht ganz verloren geben will, muss man mit den pubertierenden Kindern ja in Kontakt treten. Und da dachte ich: Die finden das sicher cool, wenn ich etwas Wissen abfrage.

An der Ampel drehte ich mich also nach hinten und sagte:

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Wisst ihr denn, was die Hauptstadt von Frankreich ist?

Ohne die Lippen zu bewegen oder mich überhaupt anzusehen, antwortete der Freund meines Sohnes:

Paris.

Das ist dann wohl zu einfach, dachte ich und fragte:

Und die von Australien?

Keine Ahnung.

Das ist Canberra. Und die von Dänemark?

„Papa, das nervt“, sagte mein Sohn.

Ich dachte: Wie undankbar ihr doch seid. Als wir selbst in dem Alter waren, sind wir gleich nach der Schule durch die Fußgängerzone in die Stadtbücherei gerannt, um da die Hauptstädte, Gebirge und Flüsse auswendig zu lernen. Damals wären wir froh gewesen, wenn unsere Eltern uns abgefragt hätten. Glaube ich jedenfalls.

Ich sah mich noch mal um. Der Freund meines Sohnes war eingeschlafen.

Ein paar Tage darauf saß ich am Schreibtisch, klickte mich durch die Nachrichtenseiten und geriet in einen Artikel über Designer-Brillen. Danach glaubte ich zu wissen, warum die Begeisterung für Hauptstädte bei Jugendlichen so nachgelassen hat.

Die Erklärung ist einfach: Die Welt ist zu komplex geworden. Früher konnte man sich noch merken: Italien — Rom. England — London. Frankreich — Paris. Heute ist das nicht mehr so leicht. Kennen Sie zum Beispiel die Hauptstadt der Brillen?

Oder die der Witwen?

Die der Taschendiebe?

Oder die der Singles?

Sehen Sie.

Eigentlich gilt überhaupt nur noch eine Regel: Alles, was existiert, braucht auch eine Hauptstadt. Das Problem ist: So viele Städte gibt es gar nicht – oder jedenfalls nicht so viele, die sich für diesen Zweck eignen.

Nehmen wir das Beispiel Sex. Auf welche Hauptstadt könnte man sich da einigen? Würselen? Delmenhorst? Unterschleißheim? Die einen wollen Bad Godesberg — die anderen rufen: „Natürlich Illertissen!“ Aber letztlich fällt die Wahl dann doch auf eine Stadt, bei der alle sagen können: Kennen wir, und das passt auch vom Image her einigermaßen. Und so ist es dann Wien geworden. Warum, das kann man hier nachlesen.

Kleine Städte haben in diesem Wettbewerb oft schlechte Chancen. Eigentlich ist es nur einmal einer kleineren Stadt gelungen, Hauptstadt von etwas Größerem zu werden. Das war Bonn. Davon habe ich neulich auch im Auto erzählt, aber der Freund meines Sohns schlief fest, und mein Sohn selbst hatte von einer deutschen Hauptstadt namens Bonn noch nie etwas gehört.

„Hä? Das ist doch Berlin“, sagte er.

„Ja, aber früher war das anders. Da war Berlin noch die Hauptstadt der DDR — also jedenfalls die eine Hälfte“, sagte ich.

Mein Sohn sagte nichts mehr, und ich sah: So einfach war das früher wohl doch nicht. Und heute ist alles noch viel komplizierter. Früher konnte man sich wenigstens darauf verlassen, dass die Hauptstadt der DDR nicht auch noch zusätzlich einem anderen Land in der gleichen Funktion dienen musste.

Heute nimmt auf so was niemand mehr Rücksicht. Wenn für irgendetwas eine Hauptstadt gesucht wird, ist vor allem eins wichtig: dass es schnell geht. Und meistens muss dann Berlin herhalten.

Hauptstadt der Kiffer? Ja, mein Gott. Dann das halt auch noch.

Das Ergebnis ist fürchterlich verwirrend.















Wie soll man sich das noch merken? Ich habe wirklich keine Ahnung.

Die Kinder habe ich damit dann auch in Ruhe gelassen. Sie müssen das heute ja alles auch gar nicht mehr wissen. Eigentlich müssen sie gar nichts mehr wissen. Sie haben ihre Smartphones. Wenn sie etwas suchen, können sie es googeln. Und im Prinzip genügt es schon, wenn sie sich das merken. Sie sollten halt nur möglichst nicht nach Barcelona ziehen. Da könnten sie dann ein Problem kriegen: