„Ein Bild, das jeden betroffen macht“

Am vergangenen Samstag ist in Niedersachsen ein 20-Jähriger mit seinem Auto gegen einen Baum geprallt und gestorben. Die Szenen kurz nach dem Unfall beschreibt „Bild“ so:

Ein unbeteiligter Autofahrer sieht den Unfallwagen, alarmiert die Polizei. Die Beamten können nur noch den Tod von […] feststellen, informieren seinen Vater.

Völlig aufgelöst kommt der Mann zum Unfallort. Er bittet um etwas Zeit, sich von seinem Kind zu verabschieden.

Die Polizisten öffnen den Sarg — einen grauen Kunststoff-Behälter. Der Vater sinkt auf die Knie, bricht in Tränen aus.

Und ein paar Meter weiter drückt ein Fotograf auf den Auslöser.

Zwei Tage später zeigt „Bild“ das Foto groß auf Seite 3 der Bundesausgabe:

Tödlicher Unfall auf Landstraße - Hier nimmt ein Vater Abschied von seinem toten Sohn

(Unkenntlichmachung von uns.)

Im strömenden Regen kniet ein Mann am Straßenrand vor einem offenen Sarg. Er weint. Immer wieder beugt er sich hinab, küsst den leblosen Körper auf die Stirn, streichelt ihn.

HIER NIMMT EIN VATER ABSCHIED VON SEINEM TOTEN SOHN!

Es ist ein Bild voller Trauer, voller Innigkeit — ein Bild, das jeden betroffen macht.

Diese „bewegende Szene“, schreibt „Bild“, sei „mit Einverständnis des Vaters fotografiert“ worden. Auch online steht unter dem Foto eigens der Vermerk: „genehmigte Veröffentlichung“.

Wir haben den Fotografen gebeten, uns das mal genauer zu erklären. Er sagte: „Normalerweise halte ich bei so etwas nicht drauf“, das gehöre sozusagen zum Kodex. Er arbeite seit zehn Jahren als freier Fotograf und habe schon viele Unfälle fotografiert — ein derartiges Foto habe er zuvor aber noch nie gemacht. Dieses Mal sei es etwas anderes gewesen: „Das war eine sehr liebevolle, fast schon herzliche Szene.“ Alle Leute am Unfallort seien sehr ergriffen gewesen.

Irgendwann sei der Vater „quasi auf mich zugekommen“ und habe gefragt, für wen die Fotos seien und wann sie veröffentlicht würden. Nachdem er ihn informiert habe, habe der Mann zugestimmt. Er sei „sehr gefasst gewesen, wenn man das so sagen kann“. Der Fotograf versichert, dass er das Einverständnis auch nicht ernstgenommen hätte, wenn er gemerkt hätte, dass der Mann nicht Herr seiner Sinne ist. Er fügt hinzu, ein solches Bild könne junge Fahrer möglicherweise eher abschrecken als die immer gleichen Fotos von zerstörten Autos am Straßenrand.

Der Fotograf betont mehrmals, dass es eine „sehr ergreifende Szene“ gewesen sei. Er sagt: „Das kann im Prinzip keiner nachvollziehen, der nicht an der Unfallstelle war.“

Mit der gleichen Begründung hätte er das Foto aber auch wieder löschen können.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.