20min.ch, Bild.de  etc.

Medien im Drogenrausch

Vielleicht haben Sie Ende Mai diese Geschichte mitbekommen: Ein Mann namens Rudy Eugene hatte in Miami, Florida einen Obdachlosen angefallen und dessen Gesicht zerbissen. Eugene wurde von der Polizei erschossen, sein Opfer überlebte schwer verletzt.

Nachdem Bild.de in einem ersten Artikel vom 28. Mai berichtet hatte, der Täter „soll möglicherweise unter Drogen gestanden haben“, wusste das Portal einen Tag später schon mehr:

POLIZEI ERSCHIESST MENSCHENFRESSER: Der Kannibale rastete im LSD-Rausch aus. ER WAR NACKT, KNURRTE, ASS NASE UND AUGE

Ein nackter Mann, der einem anderen das Gesicht abkaut – das war kein Horror-Film, das war Miami (USA)! Ein Polizist entdeckte den Nackten, der über einen anderen herfiel und erschoss den Kannibalen. Jetzt kommt heraus: Der Menschenfresser war wohl auf einem schlimmen LSD-Trip.

Bild.de hatte eine glaubwürdige Quelle für diese These:

Nach Ansicht der Polizei von Miami könnte der Anfall von Kannibalismus durch eine Überdosis einer neuen Form von LSD ausgelöst worden sein.

„Wenn wir es mit nackten, gewalttätigen Menschen zu tun haben, deutet das meist auf ein Delirium hin, das durch Drogen ausgelöst wurde“, sagt Armando Aguilar. „Wir kennen bereits drei oder vier Fälle, in denen sich Menschen ähnlich benommen haben. Sie alle haben zugegeben, LSD genommen zu haben.“ […]

Warum waren die Männer nackt? Aguilar vermutet den Grund ebenfalls in der neuen Form von LSD, bekannt als „bath salts“ („Badesalz“). Die Droge erhöht die Körpertemperatur der Süchtigen so weit, dass ihre Organe förmlich von innen verbrennen. Verstand und Schmerzempfinden werden ausgeschaltet.

Am 30. Mai war die Theorie bei der „B.Z.“ schon Fakt:

Experten gehen davon aus, dass der polizeibekannte Kleinkriminelle unter einer Drogen-Psychose litt. Dabei haben Süchtige das Gefühl, sie würden innerlich verbrennen und werden wahnsinnig. Eugene hatte LSD genommen.

Der „Berliner Kurier“ und der „Kölner Express“ berichteten am 10. Juni:

Wer sie konsumiert, schwebt über den Wolken und nennt sie „Cloud Nine“ oder das „Neue LSD“. In den USA sorgt eine neuartige Droge für Aufsehen. Wer sie einnimmt, verfällt in ein aggressives Delirium, greift Menschen an und frisst ihr Fleisch.

Nach grausigen Kannibalismus-Attacken in Miami warnt die Polizei im US-Staat Florida vor der Zombie-Droge. Unter dem Einfluss des Rauschmittels „Cloud Nine“ (etwa „siebter Himmel“) können Menschen tierische Verhaltensweisen an den Tag legen – und andere Menschen anfallen. Die Polizei von Miami rief die Anwohner auf, sofort den Notruf zu wählen, wenn jemand vergleichbare Symptome zeigt.

Ende Mai erschoss die Polizei in Miami einen Mann, der nackt am Rande einer Schnellstraße das Gesicht eines Obdachlosen zerfleischte.

Und die „Berliner Zeitung“ schrieb am 14. Juni über „eine Serie grausamer Verbrechen in den USA“, die „dem Konsum einer Billigdroge zugeschrieben“ wird:

Ende Mai fiel in Miami ein nackter Mann über einen Obdachlosen her. Der Täter fraß seinem Opfer wie ein tollwütiger Hund das Gesicht von den Knochen. 18 Minuten lang dauerte die Horrorszene, bis Polizisten den Kannibalen erschossen und den entstellten sowie lebensgefährlich verletzten Obdachlosen ins Krankenhaus bringen konnten. Der Täter, ein 31 Jahre alter Mann namens Rudy Eugene, hatte offenbar unter dem Einfluss der Droge „Bath-Salt“, zu deutsch Badesalz, gestanden.

Ebenfalls am 14. Juni berichtete „Bild“ in der Printausgabe:

Sein Gesicht ist entstellt. Statt Nase und Stirn hat Ronald Poppo (65) nur noch eine einzige Riesennarbe. Ein Kannibale hat ihm ins Gesicht gebissen. Rudy Eugene (+ 31) hatte den Obdachlosen im LSD-Rausch angegriffen. Polizisten retteten Poppo, erschossen den sogenannten "Miami-Kannibalen". Seit der Attacke wird Poppo in einer Spezialklinik behandelt. "50 Prozent des Gesichts sind weg", sagt Chirurgin Wrood Kassira. Aber: Mit viel Mühe hat das Kannibalen-Opfer inzwischen wieder sprechen gelernt. Erschossen: Rudy Eugene (+ 31) Kannibalen-Opfer Ronald Poppo (65) wird von einer Pflegerin gestützt.

Tja.

Vielleicht haben Sie Ende Juni auch diese Geschichte mitbekommen:

Ein Gerichtsmediziner in Florida sagt, dass nur Marihuana im Blutkreislauf eines Mannes aus Florida gefunden wurde, der erschossen worden war, während er am Gesicht eines anderen Mannes nagte.

Der Gerichtsmediziner von Miami-Dade County veröffentlichte am Dienstag die toxikologischen Befunde des 31-jährigen Rudy Eugene. Die Laborergebnisse fanden Marihuana in seinem Blutkreislauf, aber keine anderen Straßendrogen, Alkohol oder verschreibungspflichtige Medikamente.

(Übersetzung von uns.)

Zugegeben, das ist unrealistisch, denn die neuerliche Entwicklung blieb von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet.

Als Bild.de Anfang August über ein Interview berichtete, dass das Rudy Eugenes Opfer gegeben hatte, wählte die Redaktion diese Einleitung:

Es war eine Tat, die an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist: Im LSD-Wahn stürmte Rudy Eugene in Miami auf einen Obdachlosen, riss ihn zu Boden und aß sein Gesicht auf!

(Die Behauptung, Eugene habe das Gesicht des Mannes „aufgegessen“ ist übrigens auch kaum haltbar: In seinem Magen fand man kein menschliches Fleisch.)

Der Mann, der mit Marihuana im Blut einen anderen Mann angefallen hatte, ist für deutschsprachige Medien zum mahnenden Beispiel für das geworden, was synthetische Drogen anrichten können.

Das Internetportal der Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“ leitet seine Artikel über „Badesalz“ jedenfalls gerne so ein:

Der Fall von Rudy Eugene, der im Mai in Miami einem Obdachlosen teile des Gesichts wegfrass, machte weltweit auf die neuartige Droge Badesalz aufmerksam: Eugene soll im Drogenrausch durchgedreht haben. Weitere erschreckenden Berichte von Konsumenten, die sich selbst verstümmeln, brachte Badesalz den Namen „Zombie-Droge“ ein.

(9. August 2012)

Im Mai frass Rudy Eugene einem Obdachlosen Teile des Gesichtes weg und machte dadurch weltweit auf die Droge „Badesalz“ oder Mephedron aufmerksam. Offenbar drehte Eugene im Drogenrausch durch.

(29. August 2012)

Mit Dank an Miriam K.