Noch ist es unklar, aber Fotos kann man ja schon mal zeigen

Sie schreiben es bei Bild.de ja sogar selbst:

Noch ist unklar, ob und wenn ja, was genau, R[.] mit dem Tod der Männer zu tun hat. Die Polizei teilte bislang nur mit, dass er wahrscheinlich am Wochenende aus seinem Wohnort in Nordirland nach Purfleet in England reiste und im dortigen Hafen am Mittwoch gegen 1.30 Uhr den Lkw übernahm. Der soll zuvor samt Auflieger von Seebrügge (Belgien) über Wales nach England geschifft worden sein. Er passierte am vergangenen Samstag die Grenze zu Großbritannien.

R., das ist der Fahrer des Lkw, in dem in der Nacht zu Mittwoch im englischen Grays 39 tote Menschen gefunden wurden. Der Nordire wurde kurz nach dem Leichenfund festgenommen, gegen ihn wird wegen Mordverdachts ermittelt.

Wie die Bild.de-Redaktion treffend darlegt, weiß man bis jetzt noch nicht, „ob und wenn ja, was genau R[.] mit dem Tod der Männer zu tun hat“. Dass es sich bei den Leichen um 31 Männer und acht Frauen handelt — und nicht nur um Männer, wie Bild.de schreibt –, sei nur nebenbei erwähnt.

In einem weiteren Artikel zum selben Thema fragt Bild.de:

Wusste der Fahrer, dass sich in seinem Kühlaufleger Menschen verborgen hatten — oder war er tatsächlich völlig ahnungslos?

Darauf gibt es bisher keine klare Antwort. Und dennoch zeigte Bild.de auf der Startseite ein unverpixeltes Foto des Fahrers neben einer Überschrift, in der für die Unklarheiten dieses Falles kein Platz war:

Screenshot Bild.de - 39 Leichen in Lkw gefunden - Das ist der Fahrer des Todestrucks
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auch in der „Bild“-Zeitung war ein unverpixeltes Foto des Mannes abgedruckt. Und bei Bild.de präsentierte die Redaktion zusätzlich das Ergebnis ihres Beutezugs durch die Sozialen Medien: zwei Fotos, auf denen R. zu sehen ist, mit der Quellenangabe „Foto: R[.]/ Facebook“. Außerdem gab es in den Artikeln Informationen aus seinem Privatleben.

Zum Zeitpunkt, als die „Bild“-Medien die Aufnahmen, die R. ohne Unkenntlichmachung zeigen, veröffentlichten, saß der Mann zwar in Untersuchungshaft, es gab aber noch keine Anklage gegen ihn. Inzwischen gibt es eine wegen 39-fachen Totschlags — verurteilt ist R. bislang allerdings nicht.

Für eine Vorverurteilung sorgen allerdings schon die „Bild“-Medien mit Sätzen wie „Sein Lkw wurde zum Grab für 39 Menschen“ und „Der 25-Jährige soll von Nordirland nach Purfleet gereist sein, um dort den Truck des Grauens zu übernehmen“. Noch einmal: Ob R. tatsächlich wusste, dass es sich bei dem Kühlauflieger um einen „Truck des Grauens“ handelte, ist bisher nicht bekannt. Sicherlich könnte man einem Lkw-Fahrer Fahrlässigkeit vorwerfen, wenn er kein wirkliches Interesse daran hat, was sich in seinem Anhänger befindet, den er durch die Gegend fährt.* Das ist allerdings etwas ganz anderes als der Vorwurf, für den Tod von 39 Menschen verantwortlich zu sein.

„Bild“ und Bild.de sind übrigens nicht die einzigen Medien, die R. unverpixelt zeigen, zumindest wenn man nach Großbritannien schaut. Selbst die BBC und der „Guardian“ veröffentlichen Fotos des Verdächtigen und nennen seinen vollen Namen. Doch nur weil andere jemanden medial hinrichten, bevor irgendetwas geklärt ist, muss man ja nicht mitmachen.

Mit Dank an @SabineSchaper und @DerKotta für die Hinweise!

*Nachtrag, 29. Oktober: Mehrere Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Auflieger häufig verplombt sind, und der Fahrer daher gar nicht die Möglichkeit hat hineinzugucken.