Lobbyarbeit statt Berichterstattung: Wie die „Bild“-Medien für die Urheberrechtsreform kämpften

Am Tag nach der Abstimmung über die EU-Urheberrechtsreform stellte ZDF-Korrespondent Florian Neuhann treffend fest:

Tweet von Florian Neuhann - Bemerkenswert, wie die Bild in einer Nachricht auf S. 1 über die Urheberrechtsreform berichtet, ohne auch nur ein einziges Wort über die Kritik zu verlieren. Nicht mal das sonst unter Journalisten so beliebte Wort umstritten fällt
Weiterer Tweet von Florian Neuhann - Habe übrigens mal nachgesehen, wie oft Bild über Proteste gegen Urheberrechtsreform berichtet hat. Gefunden habe ich nicht viel. Eine Meldung über die Demo, online etwas über Wikipedia-Protest. Im gedruckten Blatt? Offenbar: nichts.

Doch, auch in den gedruckten „Bild“-Medien gab es was zum Thema — einen Artikel. Wenige Tage vor der Abstimmung erschien in „Bild am Sonntag“:

Ausriss Bild am Sonntag - Wer für die Filter ist, bekommt sogar Morddrohungen

Auf der einen Seite CDU-Politiker Axel Voss, der für eine „gute Sache“ kämpfe und dafür „zur Hassfigur des Internets“ geworden sei, auf der anderen Seite die jungen Menschen, die „auf die Barrikaden“ gehen und nicht mal vor „Morddrohungen“ zurückschrecken würden.

Daneben beschrieb die „BamS“-Redaktion in einem vermeintlichen Erklär-Kasten noch mal, warum die Reform dringend „nötig“ sei, und beantwortete Fragen wie „Was passiert, wenn die Reform abgelehnt wird?“ (Antwort: Das wäre „ein Schlag für die Medien- und Kreativschaffenden in Europa“). Die Argumente der Kritiker wurden nicht erläutert, sie wurden nicht mal erwähnt. Unter dem Punkt „Wer kämpft für die Reform, wer dagegen?“ listete das Blatt bei den Gegnern nur den Bundesverband Deutsche Start-ups auf:

Der Bundesverband Deutsche Start-ups warnt vor der Einführung von Uploadfiltern. Junge Start-ups müssten diese zukünftig dann teuer einkaufen, weil sie die Uploadfilter nicht selbst entwickeln könnten.

Als wäre das das einzige Problem. Und als wären Start-ups die einzigen, die vor Uploadfiltern gewarnt hätten. Alle anderen Argumente, alle anderen Gegner ließ das Blatt einfach unter den Tisch fallen.

Dazu stellte die Redaktion noch eine „Sonntagsfrage“ an Passanten. Nicht etwa: „Was halten Sie von der EU-Urheberrechtsreform?“ Sondern: „Müssen Facebook, Google & Co. mehr in die Verantwortung genommen werden, damit Recht und Respekt auch im Internet gelten?“ Antwort aller Befragten: Ja.

Ausriss Bild am Sonntag mit der Straßenumfrage

Auch die anderen „Bild“-Artikel rund um die Reform waren keine Berichterstattung, sondern Lobbyarbeit. Ein Beispiel:

Ausriss Bild-Zeitung - Deutsche wollen faires Urheberrecht

Was „Bild“ nicht erwähnte: Hinter der Initiative, die die Umfrage in Auftrag gegeben hatte, steht der Dachverband europäischer Verwertungsgesellschaften, dem unter anderem die GEMA angehört. Die Initiative war extra für die Lobbyschlacht gegründet worden und hatte sich mit allen Mitteln für Artikel 13 eingesetzt.

Bereits im Februar hatte „Bild“ auf der Titelseite geschrieben:

Ausriss Bild-Titelseite - EU-Reform zum Urheberrecht - Google soll künftig an Verlage zahlen

Die Presseverlage würden durch die Reform „deutlich gestärkt“, hieß es da. Und: Es habe „heftige Diskussionen“ gegeben. Warum es die gab und was die Gegner einzuwenden hatten, verschwieg die Redaktion.

Darüber hinaus fand das Thema in den „Bild“-Medien kaum statt: Bei Bild.de gab es einen Artikel, in dem ein CDU-Politiker von vermeintlich gekauften Demonstranten erzählen durfte. Und einen Text zur Demo in Berlin. Außerdem durfte CDU-Mann Günther Oettinger im Interview erklären, „warum die Proteste gegen das neue EU-Urheberrecht unbegründet sind“. In „Bild“ und „BamS“ haben wir lediglich noch zwei kleine Artikel aus diesem Jahr gefunden: „Wikipedia heute gesperrt“ und „CDU will keine Upload-Filter für Deutschland“. Auch im Artikel zum Wikipedia-Protest verschwieg „Bild“ das Warum. Schlimmer noch: Die Redaktion stellt es so dar, als wären die Wikipedia-Autoren gegen die Stärkung der „Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen“:

Damit protestieren die Autoren der Plattform gegen die EU-Urheberrechtsreform, die Ende des Monats im EU-Parlament zur Abstimmung steht. Sie soll u. a. die Rechte von Künstlern, Autoren und Verlagen an ihren Inhalten besser schützen.

Passend dazu auch Franz Josef Wagner:

Ich finde den Streik von Wikipedia beschissen. Bezahlt die Autoren, die Regisseure, die Journalisten, die Forscher, die Dichter und Denker. Sie sind das Salz der Welt.

Im Übrigen hatte sich „Bild“ auch beim Wikipedia-Protest sichtlich Mühe gegeben, ihn möglichst unauffällig im Blatt unterzubringen:

Übersicht über Bild-Seite mit kleinem Wikipedia-Protest-Artikel

Deutlich sichtbarer hingegen war in den Tagen vor der Abstimmung das hier:

Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige
Übersicht über Bild-Seite mit großer Pro-Urheberrechtsreform-Anzeige

Mit Dank auch an alle Hinweisgeber!