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Springer kauft “Politico”, Falsche Blaulicht-Reporter, Mohn-Ernte

1. US-Armee schiebt SPIEGEL-Reporter aus Kabul ab
(spiegel.de)
Der “Spiegel”-Reporter und Afghanistan-Spezialist Christoph Reuter ist nach Kabul gereist, um über die Situation in Afghanistan zu berichten. Doch wenige Stunden nach seiner Ankunft am Flughafen habe die US-Armee ihn (und zwei weitere deutsche Journalisten) gegen seinen Willen vom Kabuler Flughafen nach Doha ausgeflogen. “Spiegel”-Chefredakteur Steffen Klusmann protestiert: “Es kann nicht sein, dass Journalisten von staatlichen Stellen an der Ausübung ihrer Tätigkeit gehindert werden.”

2. Journalist oder Gaffer mit Kamera?
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner, Audio: 5:16 Minuten)
Warum erschleichen sich immer wieder falsche Blaulicht-Reporter den Zugang zu Unfällen oder Katastrophenereignissen und behindern dort nicht selten die Arbeit der Einsatzkräfte? “Der Reiz ist natürlich schwer an die Aufmerksamkeit gekoppelt, die man damit generieren kann”, sagt Jan Söffner, Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Universität Friedrichshafen: “Wer Aufmerksamkeit hat, hat viele Facebook-Freunde und viele Likes. Sicherlich spielt aber auch eine Rolle, dass man Held sein will: Der Adrenalin-Spiegel steigt, wenn man nah an so etwas rangeht. Man will wichtig sein.”

3. Rekordsumme für Politico
(sueddeutsche.de, Björn Finke)
Der Medienkonzern Axel Springer erwirbt das US-amerikanische Nachrichtenunternehmen “Politico”. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner habe den Deal laut “Handelsblatt” als “vom Volumen her die größte Akquisition” in der Geschichte des Unternehmens bezeichnet. Demnach müsste “Politico” mehr als 630 Millionen Euro gekostet haben – so teuer kam dem Springer-Konzern der Kauf des französischen Immobilienportals “SeLoger”.

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4. Ein Medienjournalist berichtet: Wie Bertelsmann kritische Recherchen verhindern wollte
(kress.de)
Im Juni erschien bei Bertelsmann ein Buch über den “Jahrhundertunternehmer” Reinhard Mohn, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Aus Sicht des Journalisten und Mohn-Kenners Thomas Schuler zeige das Buch neue Details aus Mohns Leben, es verschweige aber vieles. Für den “Wirtschaftsjournalist” hat Schuler aus diesem Anlass aufgeschrieben, wie der Konzern häufig versucht habe, seine Recherchen zu behindern. kress.de veröffentlicht einen Auszug aus seinem Text.
Bei “Übermedien” ist bereits vor einigen Tagen ein weiterer Text von Thomas Schuler zur neuen Reinhard-Mohn-Biografie erschienen: Bertelsmann klittert schon wieder die eigene Geschichte.

5. “Die Zeit der Katzenvideos ist lange vorbei!”
(chrismon.evangelisch.de, Christine Holch & Nils Husmann)
“Chrismon” hat sich mit der Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim und der Virologin Melanie Brinkmann zum Gespräch getroffen. Wie muss Wissenschaftsvermittlung aussehen, damit so gut wie alle Menschen etwas verstehen? Sind Youtube-Videos ein besseres Format dafür als Talkshows? Und was haben die beiden Wissensvermittlerinnen während der Pandemie über die ­Menschen hierzulande gelernt?

6. Werden Influencer jetzt politisch?
(freitag.de, Wolfgang M. Schmitt)
Wolfgang M. Schmitt steht dem Influencertum normalerweise kritisch gegenüber, findet jedoch lobende Worte für das neueste Video des Youtubers Rezo: “Während Rezo sonst nur Quatsch sendet, gönnt er sich alle zwölf Monate politische Aufklärung. Immerhin. Diesen journalistischen Anspruch haben seine Kollegen allesamt nicht. Als politisch geltende Influencer wie Louisa Dellert oder Diana zur Löwen – sie geben sich pseudo-politisch, arbeiten dezidiert nicht journalistisch. Sie verknüpfen bloß ihre gefilterte ‘Personality’ mit Lifestyle-Politik und sonnen sich bei lammfrommen Politikerinterviews im Glanz des Ruhms.”

Staatengemeinschaft muss handeln, Bürgerrechtler & Apple, Hohenzollern

1. Staatengemeinschaft muss handeln
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) ruft die internationale Staatengemeinschaft auf, “nicht tatenlos zuzusehen, wie in Afghanistan die Angehörigen von Journalisten und NGO-Mitarbeitern ermordet werden”. In dem Aufruf erklärt der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall: “Es reicht nicht aus, ein paar Rettungsflüge vom Flughafen Kabul aus starten zu lassen, den derzeit keine afghanische Familie mehr erreichen kann. Die Regierungen der westlichen Staaten, die in Afghanistan präsent waren, stehen in der Pflicht, ihre treuesten Anhänger in dem Hindukusch-Land nicht der Rache der Islamisten auszuliefern.”
Weitere Lesehinweise: Angst um afghanische Kollegen: Wie ARD, ZDF und Co. aus Kabul berichten (rnd.de, Matthias Schwarzer).
Beim Deutschlandfunk hat sich Stefan Fries mit der ARD-Korrespondentin Sibylle Licht darüber unterhalten, wie sie aus Neu-Delhi über Afghanistan berichtet: Berichten ohne vor Ort zu sein.
Die Deutsche Welle schreibt, dass die Taliban nicht vor gezielten Tötungen zurückschrecken, wie der Fall eines DW-Mitarbeiters zeige: Taliban töten Angehörigen eines DW-Journalisten.

2. Bürgerrechtler zu Apple: »Durchsucht unsere Telefone nicht!«
(spiegel.de)
Mehr als 90 Organisationen kritisieren Apples Pläne, iPhones und iPads nach illegalen Fotos zu durchforsten: “Obwohl diese Pläne darauf ausgerichtet sind, Kinder zu beschützen und die Verbreitung von Missbrauchsbildern einzuschränken, sind wir besorgt, dass die Techniken eingesetzt werden, um die Meinungsfreiheit zu beschränken”, heißt es in einem offenen Brief der internationalen Koalition.
Weiterer Lesehinweis: “Wir, die Electronic Frontier Foundation, fordern Apple eindringlich auf, sich auf den Slogan zu besinnen, den sie selbst so einprägsam auf einer Plakatwand der CES-Konferenz 2019 in Las Vegas verkündet haben: ‘Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone.'” netzpolitik.org veröffentlicht die übersetzte Stellungnahme von Kurt Opsahl, dem stellvertretenden Geschäftsführer und Leiter der Rechtsabteilung der digitalen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation.

3. Erfolg für ver.di im Streit mit Hohen­zol­lern
(lto.de)
“Ist der Prinz von Preußen besonders klagefreudig, wenn es um die mediale Aufarbeitung seiner Familiengeschichte geht? Das zumindest behauptet die Gewerkschaft ver.di – mit Recht, wie das KG Berlin nun entschied.” Siehe dazu auch die Stellungnahme von Verdi zur Entscheidung des Berliner Kammergerichts: ver.di gewinnt gegen Hohenzollern.

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4. Hören & Sagen Newsletter, Ausgabe 23
(us16.campaign-archive.com, Sandro Schröder)
In der neuesten Ausgabe seines Newsletters über Audio und Podcasts bezweifelt Sandro Schröder die immer wieder aufgestellte Behauptung, Youtube sei für Podcasts wichtig: “Youtube erscheint mir viel eher wie ein (Not-)Behelf, um Podcasts/Audio zu verbreiten, mehr schlecht als recht. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist eine Plattform, mit der – erstens – aktuell mehr Menschen (und Geräte) umgehen können als mit Podcast-Apps. Und zweitens ist es eine Plattform, auf der Nebenbei-Beschallung schon viel länger ein gelerntes Verhalten ist. Aber ist diese mehr-schlecht-als-recht-Nutzung genau das, was Podcasts gerade brauchen? Will ich als Podcaster auf so eine wackelige Basis bauen? Und was mache ich dann beispielsweise mit der für Podcaster*innen (noch) eher ungewohnten Funktion, wenn auf Youtube plötzlich Kommentare neben dem Podcast stehen?” Podcast-Interessierte werden sich außerdem über die weiteren Themen des Newsletters, die Hinweise und Leseempfehlungen freuen.

5. Wo man die Trielle sehen kann
(sueddeutsche.de)
Eine Woche vor der Bundestagswahl werden Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (Union) und Olaf Scholz (SPD) in einem dritten Triell vor Fernsehkameras aufeinandertreffen. Die Debatte finde am Sonntag, 19. September, statt und zwar parallel bei ProSieben, Sat.1 und Kabel eins. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass es drei TV-Duelle beziehungsweise -Trielle zu einer Bundestagswahl gibt.
Weitere Informationen dazu gibt es bei “DWDL”: Letztes TV-Triell vor der Wahl läuft bei ProSiebenSat.1 (dwdl.de, Uwe Mantel).

6. “Bravo” wird 65: Chefredakteurin glaubt an Zukunft der Marke
(rnd.de)
In wenigen Tagen wird die “Bravo” 65 Jahre alt. In früheren Zeiten verkaufte das Jugendmagazin jede Woche mehr als eine Million Exemplare. Mittlerweile erscheint die “Bravo” nur noch monatlich und in deutlich niedrigerer Auflage. Die Münchner Redaktion ist Geschichte – die Inhalte bezieht das Magazin von einem externen Kölner Redaktionsbüro. Natürlich glaubt die Chefredakteurin dennoch an eine Zukunft der Marke.

KW 32: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Nils Melzer: UN-Sonderberichtserstatter über Folter & Julian Assange – Jung & Naiv: Folge 525
(youtube.com, Jung & Naiv, Tilo Jung & Hans Jessen, Video: 3:58:35 Stunden)
Der Schweizer Rechtswissenschaftler Nils Melzer lehrt Humanitäres Völkerrecht an den Universitäten von Glasgow und Genf. Für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz war er viele Jahre in verschiedenen Krisengebieten tätig. 2016 wurde er vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zum Sonderberichterstatter über Folter ernannt und ist unter anderem mit dem Fall von Julian Assange befasst. Das knapp vierstündige Gespräch bei “Jung und Naiv” ist wegen seiner vielen Einblicke und Hintergrundinformationen unbedingt sehenswert, tatsächlich auch in voller Länge. Wer jedoch nicht so viel Zeit hat, kann auch bei Minute 110 einsteigen, dort geht es dann speziell um den Fall Assange. Und noch ein Tipp: Unbedingt den Schlussteil mit den von Hans Jessen vorgetragenen Publikumsfragen anschauen. Hier geht es noch einmal um das große Ganze.

2. Sophie Scholl: Social Media gegen das Vergessen
(ndr.de, Zapp – Das Medienmagazin, Video: 14:45 Minuten)
Auf dem Instagram-Kanal ichbinsophiescholl werden mit Hilfe von täglichen Stories und Video-Posts und mit Unterstützung einer Schauspielerin die letzten Wochen von Sophie Scholls Leben nachgestellt. Das Format kommt gut an, knapp 900.000 Personen folgen dem Kanal mittlerweile. Doch können Social-Media-Projekte wirklich zur Aufklärung über die NS-Zeit beitragen? Und was denken diejenigen darüber, die die Zeit selbst erlebt haben?

3. ARD Retro – 60 Jahre Mauerbau
(ardmediathek.de, Video)
Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus bündelt die ARD historische Fernsehdokumente aus den Archiven verschiedener ARD-Sender und des damaligen DDR-Fernsehens. In der dazugehörigen Pressemitteilung heißt es: “Die sechsteilige Reihe ‘ARD Retro – 60 Jahre Mauerbau’ bietet einfache Zugänge zu Themen wie beispielsweise Vorgeschichte, Grenzanlagenbau oder Fluchtgeschichten. Neben einigen längeren sind viele kurze Beiträge in der Sammlung enthalten, die interessante und lehrreiche Eindrücke der damaligen Zeit vermitteln können.”

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4. Sind wir alle nur karrieregeil?
(druckausgleich.podigee.io, Annkathrin Weis & Luca Schmitt-Walz, Audio: 40:03 Minuten)
Beim “Druckausgleich”-Podcast für junge Medienschaffende dreht sich in der aktuellen Folge alles um das eigene Ich und das berufliche Fortkommen: “Wir greifen nach den Karrieresternen, wollen zu den jungen Stars am Journo-Himmel gehören und wollen möglichst schnell in die Top-Listen und Preise gewinnen. Die eigentliche Arbeit? Zweitrangig, wenn es um den (vermeintlichen) Aufstieg in der Twitter-Journo-Bubble geht. Wie viel Handwerk, Können und sinnvolle Arbeit bleibt noch übrig, zwischen ‘In-eigener-Sache’-Tweets und Elite-Denken?”

5. Alles nur Ritual? Warum Politikerinterviews oft so starr daherkommen
(ardaudiothek.de, SR 2, Kai Schmieding & Michael Meyer, Audio: 15:05 Minuten)
Politikerinterviews im Fernsehen bieten meist wenig Überraschendes, wirken auf viele Zuschauende ritualisiert, langweilig und starr. Waren TV-Gespräche mit Politikerinnen und Politikern früher besser, spannender, überraschender? Unter anderem darüber unterhalten sich Kai Schmieding und Michael Meyer mit dem Fernsehproduzenten und Ex-Polit-Moderator Friedrich Küppersbusch.

6. Satire und Journalismus: Lachen ist das neue Verstehen
(mdr.de, Medien 360G)
Bei “Medien360G”, dem Portal des Mitteldeutschen Rundfunks für Medienthema, gibt es einen Schwerpunkt zum Thema Satire und Journalismus mit zahlreichen Beiträgen und Gesprächen, darunter mit dem Unterhaltungskünstler Oliver Kalkofe, dem “extra3”-Redaktionsleiter Andreas Lange, der Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslow und dem Kommunikationswissenschaftler Dennis Lichtenstein.

Ran an die Eigentümer, Konzentration wird zunehmen, Kochen mit Paris

1. Ran an die Eigentümer
(freitag.de, Wolfgang Michal)
Warum spielt Medienpolitik im Wahlkampf kaum eine Rolle, obwohl die Medienbranche sich gerade in einem gewaltigen Umbruch befindet? Wolfgang Michal hat eine Antwort: “Vordergründig mag das daran liegen, dass Medienpolitik Ländersache ist, den Bund also nichts angeht. In Wirklichkeit wird Medienpolitik ausgespart, weil sie die Interessen der Medieneigentümer tangiert. Die nämlich mögen es nicht, wenn ihre Geschäftsinteressen in aller Öffentlichkeit diskutiert werden.”

2. “Die Konzentration wird weiter zunehmen”
(sueddeutsche.de, Thomas Balbierer)
Die Verlagsgruppe Passau will nach dem Ingolstädter “Donaukurier” nun auch die “Mittelbayerische Zeitung” in Regensburg übernehmen. Wie ist das kartellrechtlich zu bewerten? Die “Süddeutsche Zeitung” hat dazu den Juristen Kai von Lewinski befragt, der auf etwas hinweist, das er den “blinden Fleck des Medienkartellrechts” nennt: “Das Kartellrecht schaut vor allem auf bestimmte ökonomische Kennzahlen. Werden bestimmte Schwellenwerte bei einer Fusion erreicht, muss die Behörde eingreifen und je nach Fall Auflagen machen oder den Zusammenschluss gar untersagen. Was das Kartellamt im Pressebereich nicht bewertet, sind publizistische Schwellen. Für publizistische Konzentration ist das Kartellamt nicht zuständig.”

3. Jugendliche mehr als 70 Stunden pro Woche online
(zeit.de)
Aus der Jugend-Digitalstudie der Postbank für 2021 gehe hervor, dass Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren im Schnitt 70,4 Stunden pro Woche online seien. Im Frühjahr 2020 waren es 71,5 Stunden pro Woche, 2019 noch 58 Stunden. Besonders viel Zeit falle dabei auf die Nutzung von Smartphones ab, wobei diese auch mehr als eine Stunde am Tag für den Onlineunterricht genutzt würden.

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4. Sind Influencer:innen die Medienmacher:innen von morgen?
(fachjournalist.de, Ulrike Bremm)
Ursprünglich war die Instagram-Influencerin Louisa Dellert auf Fitnessthemen spezialisiert. Heutzutage interviewt sie Politikerinnen und Politiker und beschäftigt sich mit umweltpolitischen Themen. Im Interview mit dem “Fachjournalist” nimmt sie Stellung zum Thema “Instagram und Journalismus – wie passt das zusammen?”

5. Konzentration!
(taz.de, René Martens)
René Martens kommentiert die Zusammenlegung von RTL mit Gruner + Jahr: “Der Konzentrationsprozess, der mit der Übernahme bevorsteht, dürfte der Medienvielfalt in Deutschland eher abträglich sein. Ohnehin beeinträchtigt ist diese auf dem Regionalzeitungsmarkt, wo die mächtigen Verlagsgruppen – Madsack, Funke, Ippen, NOZ Medien – Zentralredaktionen unterhalten, die überregionale Beiträge gleich für mehrere Titel des Hauses produzieren. Ein weiterer Schritt zu mehr vom Gleichen: Springers Bild gibt es ab dem 22. August auch noch als 24-Stunden-Fernsehsender. Dieses Bewegtbild-Programm wäre dann das dritte des Hauses – nach N24 Doku und dem “Welt”-Fernsehsender.”
Weiterer Lesehinweis: RTL schluckt Gruner+Jahr: Wenn Nostalgie benebelt (dwdl.de, Thomas Lückerath).

6. Komplizierter als Toast
(faz.net, Andrea Diener)
In Youtube-Videos werde Paris Hilton für ihre Netflix-Koch-Show bespöttelt. Zu Unrecht, wie Andrea Diener in der “FAZ” findet: “Die meisten Videos zielten darauf ab, Hilton als lä­cherliche Figur hinzustellen, und genau das ist sie nun nicht. Sie weiß im Gegenteil sehr genau, was sie tut. Wer besserwisserisch an ihren Rezepten herumkrittelt, läuft Gefahr, sich selbst lächerlich zu machen, weil er das Konzept ‘Paris Hilton’ nicht verstanden hat. Im besten Fall schaut man ‘Cooking With Paris’ als Entspannungsvideo mit Comedy-Elementen. Zwar nicht das Essen, aber der ganze Rest fällt in die im Internet beliebte Kategorie ‘wholesome’.”

KW 31: Hör- und Gucktipps zum Wochenende

Hurra, endlich Wochenende – und damit mehr Zeit zum Hören und Sehen! In unserer Samstagsausgabe präsentieren wir Euch eine Auswahl empfehlenswerter Filme und Podcasts mit Medienbezug. Viel Spaß bei Erkenntnisgewinn und Unterhaltung!

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1. Kühler Kopf oder heißes Herz? Wie berichten über Katastrophen?
(ardaudiothek.de, Isabel Sonnabend & Kai Schmieding, Audio: 14:53 Minuten)
Isabel Sonnabend und Kai Schmieding haben sich mit dem stellvertretenden “Zeit”-Chefredakteur Bernd Ulrich zusammengeschaltet. Im Gespräch geht es um die Rolle des Journalismus bei der Berichterstattung über Klimawandel und Klimakrise. Ist Parteinahme bei existenziellen Fragen erlaubt oder gar Pflicht?

2. Verschwiegene Tech-Konzerne: Die Strategie von Google und Co.
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video: 16:27 Minuten)
Daniel Bouhs beschäftigt die Frage: “Warum können Konzerne wie Google und Facebook nicht so offen kommunizieren, dass man auf konkrete Fragen auch konkrete Antworten bekommt?” Er hat sich dazu mit dem Youtuber Tilo Jung getroffen, aber auch mit Medienschaffenden, die regelmäßig über die Konzerne berichten. Eins wird klar: Die Tech-Giganten schirmen sich weitgehend ab, sind intransparent und agieren wie eine Black Box.

3. Frauen als Opfer der Medien – Jolanda Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech
(youtube.com, Rosanna Grüter & Patrizia Laeri, Video: 44:45 Minuten)
Der Beitrag des Schweizer Senders SRF beschäftigt sich mit Personen wie Jolanda Spiess-Hegglin, die sich aktiv gegen den Sexismus der Schweizer Medienbranche stellt. Es geht um Frauen als Opfer der Medien im Allgemeinen und um Spiess-Hegglins Kampf gegen Hatespeech im Speziellen.

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4. Wie verändert sich die Podcast-Welt?
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene & Sebastian Pähler, Audio: 1:54:42 Stunden)
Bei “Was mit Medien” dreht sich alles um den Wandel in der Podcast-Welt: Was bedeuten die ganzen Veränderungen, die in diesem Jahr angekündigt wurden – vor allem für die bisher freie Podcast-Szene? Und was bedeuten die Veränderungen für die Medienschaffenden mit ihren bestehenden oder künftigen Podcast-Angeboten? Darüber und vieles mehr sprechen die Gastgeber mit Meike Laaff, Redakteurin im Ressort Digital bei “Zeit Online”, und Timo Hetzel vom “Bits-und-so”-Podcast.

5. OMR #407 mit Spotifys Europa-Chef Michael Krause
(omr.com, Philipp Westermeyer, Audio: 1:11:04 Stunden)
Im OMR-Podcast hat Philipp Westermeyer Spotifys Europa-Chef Michael Krause zu Gast. Ihr Gespräch dreht sich um die Fragen: Welche konkreten Ziele verfolgt Spotify derzeit? Welchen Stellenwert hat das Podcast-Business inzwischen? Und an welche großen Audio-Trends glaubt die Plattform gerade besonders?

6. Online-Werbung: Der größte Schwindel im Internet
(youtube.com, Philipp Walulis, Video: 9:18 Minuten)
“Werbung nervt! Vor allem im Internet: Riesige Werbebanner, nicht überspringbare Werbeclips und natürlich viele Frauen in deiner Nähe, die dich kennenlernen möchten. Dabei bringt die Online-Werbung den Unternehmen nicht mal viel und auch Bots mischen kräftig mit.” Philipp Walulis schlägt satirisch zurück und zeigt auf, wo die Online-Ads nicht nur Nerven kosten, sondern auch Schaden anrichten.

Bärs doofe Suchmaschine, Fifty Shades of einseitig, Medien-Start-ups

1. Dorothee Bärs intelligente Suchmaschine ist leider ziemlich doof
(netzpolitik.org, Jana Ballweber)
Gestern haben wir in den “6 vor 9” auf das neue “Netzwerk für digitale Aufklärung” der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, hingewiesen, das einen ressortübergreifenden Zugang zu Digitalthemen bieten soll. Jana Ballweber hat sich das Projekt für netzpolitik.org angeschaut und kommt zu einem vernichtenden Urteil: “Die Suchmaschine der Bundesregierung ist ein weiteres Beispiel für aufgeblasene PR rund um ein nutzloses Digitalprojekt und der nächste Akt in der peinlichen Initiative der Staatsministerin für Digitalisierung.”

2. Fifty Shades of Grey & Co. – wie die Darstellung weiblicher Sexualität in Medien Frauen unter Druck setzt
(media-bubble.de, Theresa Hoff)
Theresa Hoff beklagt die oft einseitige oder fehlende Darstellung der weiblichen Sexualität in Filmen und Serien. Oft würden Frauen gezeigt, die alles tun, um dem Mann Vergnügen zu bereiten. Die Bedürfnisse der Frauen würden nur eine untergeordnete Rolle spielen. “Gerade junge Frauen können sich von dieser verzerrten Darstellung unter Druck gesetzt fühlen. Dadurch, dass sie häufig auf die Befriedigung des Mannes ausgelegt ist und seine Bedürfnisse zeigt, weckt sie bei jungen Frauen besonders am Anfang ihres Sexuallebens das Gefühl, sie müssten die Bedürfnisse ihres Partners erfüllen, statt auf die eigenen zu achten.”
Weiterer Lesehinweis: Vom Älterwerden und dem “Verfallsdatum” von Frauen – im Fernsehen und anderswo (fachjournalist.de, Susanne Conrad).

3. Twitter kooperiert mit Nachrichtenagenturen für seriöse Informationen
(zeit.de)
Twitter hat nach eigenen Angaben einen Vertrag mit den Nachrichtenagenturen Reuters und Associated Press unterzeichnet. Bei großen Ereignissen sollen die Agenturen gesicherte Informationen beisteuern, die man beispielsweise Tweets anhängen könne. Dies soll anscheinend auch prophylaktisch geschehen: “Anstatt zu warten, bis etwas viral geht, wird Twitter es in einen Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte stellen oder ihr vorgreifen”.

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4. War was?
(sueddeutsche.de, Kathrin Müller-Lancé)
Immer wieder beschweren sich Verlage über die ihrer Ansicht nach unerlaubten Konkurrenzangebote der Öffentlich-Rechtlichen. Für derlei Konflikte gebe es seit Jahren eine extra eingerichtete Schlichtungsstelle. Die sei jedoch noch nie eingeschaltet worden, schreibt Kathrin Müller-Lancé: “Es scheint also, als wolle niemand dieses neu geschaffene Instrument nutzen. Dabei hatte dessen Einrichtung vielversprechend gewirkt im Konflikt zwischen Verlagen und Öffentlich-Rechtlichen.”

5. Startups: Trendsetter im Journalismus
(verdi.de, Bärbel Röben)
Zwischen 70 und 140 Medien-Start-ups soll es derzeit in Deutschland geben. Die neuen Angebote setzen auf mehr Perspektivenvielfalt, Diversität und Kollaboration, sie bedienen Spezialthemen oder füllen, wie im Fall der Lokaljournalismus-Projekte, entstandene Lücken. Bärbel Röben stellt in ihrem Beitrag einige der Projekte und die dahinterstehenden Finanzierungsmodelle vor.

6. Spotify und YouTube testen Billig-Abos
(spiegel.de)
Immer mehr Streaming-Dienste, Online-Anbieter, Medienangebote und Apps wollen ihre Kundinnen und Kunden zu Dauerzahlenden machen und bieten entsprechende Abo-Modelle an. Weil das Budget des Einzelnen begrenzt ist, experimentieren einige Unternehmen mit neuen Preismodellen. Youtube und Spotify unterbreiten anscheinend ausgewählten Personen niedrigpreisigere, jedoch deutlich abgespeckte Versionen ihrer Dienste.

Uploadfilter-Gesetz, Schleichwerbung auf Insta, 10 Jahre “FragDenStaat”

1. Was sich jetzt mit dem Uploadfilter-Gesetz ändert
(spiegel.de, Patrick Beuth)
Gestern trat das lang umkämpfte Uploadfilter-Gesetz in Kraft. Patrick Beuth hat die Unternehmen hinter Youtube, Facebook, TikTok und Twitch gefragt, wie sie ihre Plattformen umgebaut haben, um Overblocking zu vermeiden. Drei der vier Befragten wollten nicht darüber reden. Der Widerstand gegen die Regelung gehe weiter: Die ehemalige Europaabgeordnete Julia Reda will die Umsetzung des Gesetzes überprüfen und hat mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte einen Aufruf gestartet.

2. Influencer:innen müssen sich vor Gericht wegen Schleichwerbung behaupten
(netzpolitik.org, Rahel Lang)
Derzeit verhandelt der Bundesgerichtshof (BGH) anhand von drei Fällen über die Kennzeichnungspflicht von Produktempfehlungen auf Instagram. Dem für September erwarteten Urteil wird große Bedeutung beigemessen: “Die anstehende Entscheidung des BGH ist ein Meilenstein in der Frage um Kennzeichnungspflicht von Produkten auf Instagram. Das Urteil des obersten Gerichts wird sich auf die Prozesse weiterer Influencer:innen, die von dem Verband abgemahnt wurden, auswirken.”

3. 10 Jahre FragDenStaat: Fortschritte sind durchaus erkennbar
(fragdenstaat.de, Arne Semsrott)
Wohl kaum eine Institution hat sich um die Informationsfreiheit in Deutschland so verdient gemacht wie die Transparenz-Initiative “FragDenStaat”. Nun feiert das mittlerweile 13-köpfige Team den zehnten Geburtstag der Plattform: “Wir sind stolz darauf, dass es uns mit FragDenStaat trotz aller Widerstände seit zehn Jahren immer besser gelingt, Menschen dabei zu unterstützen, sich für Informationsfreiheit einzusetzen und zu zeigen, was für demokratische Möglichkeiten im freien Zugang zu Informationen stecken. Mehr als 100.000 Personen haben fast 200.000 Anfragen über die Plattform gestellt.”

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4. Die Zeitungsfälscher: Wie ein skurriles Netzwerk aus Fake-Accounts auf Facebook Stimmung macht
(correctiv.org, Alice Echtermann)
Eine “Correctiv”-Recherche hat ein Netzwerk gefälschter Profile rund um die erfundene Zeitung “NRW Kurier” aufgedeckt: “Dahinter steckt ein Mann, der uns gegenüber seine Identität nicht preisgeben wollte. Er bezeichnet das Ganze als privates Kunstprojekt. Eine ‘Liebhaberei’, die er weiter betrieb, obwohl seine Seite schon seit einiger Zeit so gut wie keine Aufmerksamkeit auf Facebook mehr erzeugte. Dies ist eine Geschichte über die Skurrilität von Desinformation und über Menschen, die aus Wut über die ‘Lügenpresse’ beginnen, ‘Fake News’ zu produzieren.”

5. Kein Einzelfall
(taz.de, Jessica Ramzcik)
Der Fotojournalist Tim Mönch soll ins Visier des sächsischen Verfassungsschutz geraten sein, weil er 2019 (in rechtlich zulässiger Weise) einen rechten “Zeitzeugenvortrag” im sächsischen Leubsdorf fotografierte. Er gelte beim Staatsschutz nun als Linksextremist. Mönch wolle sich gegen diese Einstufung wehren. Das werde – trotz anwaltlicher Hilfe – jedoch “wahrscheinlich noch Jahre dauern”.

6. Wer stärkt hier eigentlich wen?
(deutschlandfunkkultur.de, Vera Linß & Dennis Kogel, Audio: 21:06 Minuten)
Die ARD hat seriöse Inhalte und sehnt sich nach jungem Publikum. TikTok hat das junge Publikum und sehnt sich nach seriösen Inhalten. Da liegt der Gedanke einer Zusammenarbeit nahe. Doch neben Zukunftschancen bietet eine derartige Kooperation auch Gefahren. Die Liste der Vorwürfe an TikTok ist recht umfassend. Erst jüngst ist das Unternehmen wieder ins Gerede gekommen: Es habe laut “Spiegel” versucht, verdeckte Spenden an die Junge Union zu zahlen (nur mit Abo lesbar).

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“Das ist schon sehr viel”, was bei “Bild TV” alles weggelassen wird

Bei “Bild TV” war am Mittwoch der Publizist und Verleger Wolfram Weimer zu Gast. Er kommentierte unter anderem einen Fall aus Leer, wo drei Asylbewerber eine 16-Jährige vergewaltigt haben sollen. Weimer sagte dazu:

Screenshot der Bild-TV-Sendung

Das Problem ist größer als öffentlich drüber geredet wird. Und wenn man sich die Zahlen vom BKA einmal anguckt, ich habe die mal mitgebracht, dann haben wir, die Zahlen sind ganz frisch, im Jahr 2020 5.719 sexuelle Übergriffe von Personen mit Zuwanderungs, also jüngster Zuwanderungshintergrund. Das heißt, das sind jeden Tag 15. Wir haben jeden Tag 15 Fälle in Deutschland. Das ist schon sehr viel.

Und wenn man sich anguckt: Die Entwicklung, im Jahr 2016 waren das nur 3.400. Natürlich: Jeder Fall ist zu viel. Aber man sieht diesen dramatischen Anstieg. Wir haben einen Anstieg um 80 Prozent in wenigen Jahren. Aus einer ganz bestimmten Tätergruppe, man weiß, das sind die 18- bis 30-Jährigen eines ganz bestimmten Milieus. Und das Problem muss adressiert werden.

Mit den “Zahlen vom BKA” dürfte Wolfram Weimer das “Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2020” (PDF) des Bundeskriminalamts meinen, das im Juni veröffentlicht wurde. Darin geht es um Straftaten in unterschiedlichen Deliktsbereichen, darunter auch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Der Fokus dieser Sonderauswertung liegt auf Delikten, bei denen mindestens ein Zuwanderer oder eine Zuwanderin als tatverdächtig gelten. Das BKA schreibt dazu:

Analog den Festlegungen in der [Polizeilichen Kriminalstatistik] gilt eine tatverdächtige Person in diesem Bundeslagebild als Zuwanderer/Zuwanderin, wenn sie mit dem Aufenthaltsanlass “Asylbewerber/-in”, “Schutzberechtigte/-r und Asylberechtigte/-r, Kontingentflüchtling”, “Duldung” oder “unerlaubter Aufenthalt” registriert wurde.

Bei den Angaben handelt es sich also nicht um verurteilte Täter, sondern um ermittelte Tatverdächtige (eine Unterscheidung, mit der die “Bild”-Redaktion häufiger Probleme hat, die aber ausgesprochen wichtig ist).

Wenn man sich dieses Lagebild tatsächlich “einmal anguckt”, wie Wolfram Weimer vorschlägt, erkennt man, dass seine Wiedergabe bei “Bild TV” teils so unvollständig, so einseitig oder schlicht so falsch ist, dass wir hier für eine umfassendere Darstellung ein paar Infos hinterherschicken wollen.

Vielleicht erstmal zu Weimers Rechenfähigkeiten. Bei einer Steigerung von 3.400 Fällen im Jahr 2016 (ganz genau sind es laut BKA 3.404) auf 5.719 Fälle im Jahr 2020, kommt er auf “einen Anstieg um 80 Prozent”. Richtig gerechnet sind das allerdings 68 Prozent. Die 80 Prozent, die Weimer nennt, sind aber ganz interessant, denn es gibt in der BKA-Statistik tatsächlich eine Steigerung von etwa 80 Prozent: Bei den aufgeklärten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung insgesamt – also bei den Zahlen, die sich nicht nur auf tatverdächtige Zuwanderer beziehen, sondern auf alle Tatverdächtigen in Deutschland. 2016 waren es 37.442 Straftaten, 2020 67.656 – ein Plus von 80,7 Prozent. Das heißt also: Die Straftaten mit tatverdächtigen Zuwanderern sind im selben Zeitraum weniger stark gestiegen als die Straftaten aller Tatverdächtiger.

Eigentlich ist dieser Vergleich mit den Zahlen aus 2016 aber – ob nun bei den Zuwanderern oder insgesamt – sowieso nicht richtig sinnvoll. Denn es gab in der Zwischenzeit eine Gesetzesänderung, die die Statistik verzerrt. Da weist das BKA in seinem Bundeslagebild auch extra drauf hin:

Mit dem “50. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung” vom 04.11.2016 wurden im Sexualstrafrecht Straftatbestände geändert und neue Straftatbestände eingeführt. Dies führt im Ergebnis dazu, dass im Bereich “Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschl. mit Todesfolge (§§ 177, 178 StGB)” ab dem Berichtsjahr 2017 ein Vergleich mit den Vorjahreszahlen nur eingeschränkt möglich ist.

Wolfram Weimer macht es bei “Bild TV” trotzdem einfach. Hätte er ein anderes Jahr aus der Statistik genommen, hätte seine Erzählung auch nicht mehr so richtig gepasst: Für 2017 nennt das BKA 5.258 “Straftaten mit mindestens einem/einer tatverdächtigen Zuwanderer/Zuwandererin” – eine Steigerung bis 2020 von gerade mal noch 8,8 Prozent. 2018 sind es 6.046 Straftaten. Und seitdem sinkt der Wert: 2019 sind es 5.802 und 2020 die bereits erwähnten 5.719. So stellt das BKA in seinem Lagebild auch optisch extra groß heraus:

Anteil der tatverdächtigen Zuwanderer/Zuwandererinnen an Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung weiter rückläufig

Die Behörde schreibt dazu:

Während die Gesamtzahl der 2020 in der [Polizeilichen Kriminalstatistik] registrierten aufgeklärten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Vergleich zum Vorjahr weiter angestiegen ist (+17,4 %; 2019: +12,7 %), sanken die Fallzahlen mit mindestens einem/einer tatverdächtigen Zuwanderer/Zuwanderin im Berichtsjahr um 1,4 %.

All das bleibt bei Weimers “Bild-TV”-Auftritt gänzlich unerwähnt. Genauso der Vergleich mit den 67.656 aufgeklärten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung insgesamt in Deutschland im Jahr 2020. Dazu kein Wort von Weimer. Er nennt nur die Straftaten der tatverdächtigen Zuwanderer, liefert keinerlei Einordnung, lässt es so wirken, als wären Sexualstraftaten nur ein Zuwanderer-Problem, eine Sache “eines ganz bestimmten Milieus”. Stattdessen rechnet er 15 Fälle pro Tag aus und sagt: “Das ist schon sehr viel.” Insgesamt sind es noch viel mehr: 185 Fälle pro Tag.

Und dann noch zum Sprachlichen. Wenn Wolfram Weimer sagt: “Und wenn man sich die Zahlen vom BKA einmal anguckt, […] dann haben wir […] im Jahr 2020 5.719 sexuelle Übergriffe von Personen mit Zuwanderungs, also jüngster Zuwanderungshintergrund”, dann ist das gleich doppelt irreführend. Einmal ist nicht endgültig juristisch geklärt, ob diese Personen wirklich die Täter sind. Und vor allem wirkt seine Aussage im Kontext der “Bild-TV”-Sendung so, als würde es sich bei den “5.719 sexuellen Übergriffen” um Delikte wie Vergewaltigungen handeln. Die 5.719 Fälle aus der BKA-Statistik decken aber das gesamte Feld der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ab – von exhibitionistischen Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses bis zu sexuellem Missbrauch. Darunter auch die Paragrafen 177 und 178 des Strafgesetzbuches, in denen es um “Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung” geht. Aber eben nicht nur.

Natürlich kann und soll man über Kriminalität von Zuwanderern berichten und diskutieren. Wir finden nur, dass man dann auch umfassend berichten sollte. Die einseitige Darstellung der BKA-Statistik durch Wolfram Weimer und “Bild TV” verfängt jedenfalls ganz wunderbar. In den Tausenden Kommentaren unter dem Youtube-Video sowie den Facebook- und Twitter-Posts von “Bild” gibt es reichlich Wut auf die Politik, auf “Mutti” Merkel, auf die Justiz, auf Zuwanderer. Und es gibt zahlreiche Danksagungen an die Redaktion, dass jetzt endlich mal jemand die Fakten auf den Tisch lege.

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Politik auf Social Media, Westverlage im Osten, Süßes Geliergeheimnis

1. Das Social Media Dashboard zur Bundestagswahl 2021
(interaktiv.tagesspiegel.de, Madeline Brady & Benedikt Brandhofer & Lena-Maria Böswald & Hendrik Lehmann & Jesse Lehrke & David Meidinger & Helena Wittlich & Nikolas Zöller)
Der “Tagesspiegel” hat sein Social-Media-Dashboard zur Bundestagswahl 2021 auf den neuesten Stand gebracht. In Teil 1 der interaktiven Analyse stehen die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten und deren Aktivitäten auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube im Zentrum. Die Daten liefern interessante Informationen, zudem ist die Analyse grafisch überzeugend umgesetzt.

2. Mehr als 100 Tote bei der #Hochwasserkatastrophe in RLP. Daher will ich nochmal über den SWR sprechen.
(twitter.com, Maximilian Rieger)
In Zusammenhang mit dem Hochwasser hat sich Maximilian Rieger nachträglich noch einmal die TV-Berichterstattung des SWR angeschaut und dazu einen Twitter-Thread verfasst. Sein Fazit: Die Berichte über die sich ankündigende Naturkatastrophe seien “teils verharmlosend, widersprüchlich und ohne konkrete Warn- und Verhaltenshinweise” gewesen.
Weiterer Lesehinweis: Die “taz” hat mit Inge Niedeck gesprochen, die jahrzehntelang als Fernsehmeteorologin beim ZDF beschäftigt war: “Man muss überlegen, wie man die Leute gezielter über mögliche Auswirkungen informiert. Nicht alle können sich unter ‘Starkregen’ etwas vorstellen. Ich muss also unter Umständen den Hinweis geben: Das kann schwerwiegende Folgen haben! Auch dann, wenn man sich noch nicht sicher ist.”

3. Wie Westverlage die ostdeutsche Regionalpresse übernahmen
(katapult-magazin.de)
Das in Greifswald ansässige “Katapult”-Magazin hat auf einer Landkarte die Verbreitungsgebiete größerer ostdeutscher Regionalzeitungen und deren Eigentümer eingetragen. Bis auf eine Ausnahme befänden sich alle im Besitz westdeutscher Verlage. Der Grund sei historisch bedingt: die Privatisierungswelle der Nach-Wende-Zeit Anfang der 90er-Jahre.

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4. Kleiner, konzentrierter, gut
(sueddeutsche.de, Gerhard Matzig)
Das ZDF präsentiert die “heute”-Sendungen aus einem neuen Studio und hat sich bei dieser Gelegenheit von dem riesigen Moderationstisch getrennt. Eine Entscheidung, die von “SZ”-Redakteur Gerhard Matzig mehr als begrüßt wird: “Man wird diesem elf Meter langen Missverständnis aus Tischler-will-ins-Buch-der-Rekorde-Ehrgeiz, Biomorphismus und formverleimter Dielenware (Nussbaum) nicht hinterherweinen. Im Gegensatz vielleicht zu Kleber. Der neue, deutlich kleinere Tisch, auch er hat sich demonstrativ der Tiny-Idee verschrieben, ist also schon mal angenehm proportioniert. L-Förmig, geschwungen (dem Gegenwartsdesign geschuldet), aus Holz (dem Gegenwartsdesign geschuldet) – aber jedenfalls nicht mehr so… so absurd futuristisch und überambitioniert. Man sollte den alten Tisch Putin schenken. Der mag so was.”

5. Zeichner Kurt Westergaard gestorben
(deutschlandfunk.de, Annika Schneider, Audio: 6:31 Minuten)
Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard löste 2005 mit seiner Mohammed-Karikatur eine außenpolitische Krise und eine Debatte über Meinungsfreiheit aus. Für ihn persönlich hatte dies schwerwiegende Konsequenzen: Ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung musste er mit der Angst vor Angriffen und ständigem Personenschutz leben. Nun ist Westergaard im Alter von 86 Jahren gestorben. Der Deutschlandfunk blick auf das Geschehen von damals zurück.

6. Geliergeheimnis gelüftet: Maite Kelly und Roland Kaiser im Marmeladenbad der Gefühle
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer ist nicht nur BILDblog-Autor, sondern auch der offizielle Regenbogenpressebeauftragte des medienkritischen Portals “Übermedien”. Dort ruft er regelmäßig zum “Schlagzeilenbasteln” auf: “Sie wollen lernen, wie man aus einem Pferd einen Grabstein macht, aus einem Hashtag eine bittere Demütigung und aus einem Biergartenfoto eine Sensation über Michael Schumacher? Dann sind Sie hier goldrichtig!”

Pegasus-Projekt, Es ist heiß in Dubai, Schecks “Anti-Kanon”

1. Cyberangriff auf die Demokratie
(zeit.de, Kai Biermann & Astrid Geisler & Gero von Randow & Holger Stark & Sascha Venohr)
Ein internationales Redaktionskonsortium, dem auch “Zeit”, “Süddeutsche”, NDR und WDR angehören, hat Erschreckendes zutage gefördert: Geheimdienste und Polizeibehörden haben offenbar weltweit Journalistinnen, Menschenrechtsaktivisten, Anwälte und Politikerinnen überwacht und dabei die Spionagesoftware Pegasus eingesetzt. Grundlage der Recherche ist eine Liste mit mehr als 50.000 Handynummern aus rund 50 Ländern, die den Medien und Amnesty International zugespielt wurde.
Weitere Lesehinweise: Hier der Bericht der ebenfalls an der Recherche beteiligten “Süddeutschen Zeitung”. Und hier der Text von NDR und WDR.

2. »Der Subtext dieser Erzählung bleibt ihm verborgen«
(nd-aktuell.de, Karsten Krampitz)
In seiner SWR-Sendung hat der Literaturkritiker Denis Scheck einen “Anti-Kanon” mit den angeblich schlechtesten Büchern eingeführt. Die Liste wird eingeleitet von Adolf Hitlers “Mein Kampf”, auf Platz vier befindet sich Christa Wolfs Erzählung “Kassandra”. Die ehemalige Buchverlegerin und jetzige Linken-Abgeordnete Simone Barrientos ist entsetzt über Inszenierung und Ton: “Er darf das Buch beschissen finden. Er darf auch sagen, es gehört nicht in seinen Kanon. Das Buch aber zu löschen, und das tut er, das ist infam. Und natürlich entsteht da auch eine Assoziation zur Bücherverbrennung. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Scheck, um genau diesen Vorwurf auszuhebeln, den Verriss von Hitlers »Mein Kampf« an den Anfang der Reihe gesetzt hat. Aber ich mag mir nicht seinen Kopf zerbrechen.”

3. Nach antisemitischen Äußerungen: Verlag beendet Zusammenarbeit mit Bhakdi
(volksverpetzer.de, Thomas Laschyk)
Als der umstrittene Wissenschaftler und Corona-Verharmloser Sucharit Bhakdi in einem Interview Dinge sagte, die von vielen nicht nur als absurd und falsch, sondern eindeutig antisemitisch angesehen wurden, ging sein Verlag auf Distanz: “Bevor wir jetzt mögliche weitere Konsequenzen ziehen, verlangt die Fairness, dass wir dazu mit Herrn Bhakdi sprechen. Wir haben ihn kontaktiert und warten darauf, dass er sich zurückmeldet.” Die Gespräche sind anscheinend nicht zur Zufriedenheit der Verlags gelaufen. Dieser hat die Zusammenarbeit mit seinem Bestseller-Autor beendet.

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4. “Ich glaube nicht, dass sich Jebsen über die Schlagzeilen freut”
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Am Wochenende haben wir an dieser Stelle den Podcast “Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?” mit folgenden Worten empfohlen: “Die Serie über die Verwandlung Ken Jebsens vom aufstrebenden Radiomoderator zum berühmt-berüchtigten Verschwörungsideologen ist äußerst überzeugend umgesetzt. Die Macherinnen und Macher haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen und sind erkennbar bemüht, ein möglichst facettenreiches Bild von der Person Jebsen zu zeichnen.” Heute reichen wir das Interview mit dem Journalisten und Podcast-Macher Khesrau Behroz nach, der die Produktion umgesetzt hat.

5. Wo Sachsen-Anhalt beim Gendern steht
(mdr.de, Oliver Leiste)
“Gibt wichtigeres” – “Stört beim Lesen” – “Spaltet mehr als es verbindet”: Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat für den MDR sechs Thesen aus der Genderdebatte einem Realitäts-Check unterzogen.

6. Influencer sagen plötzlich »Du-bye!«
(spiegel.de, Anton Rainer)
Mehrere nach Dubai ausgewanderte Youtube- und Instagram-Stars kündigen ihre Rückkehr nach Deutschland an. Hat das etwas mit den Steuer-CDs zu tun, die Bundesfinanzminister Olaf Scholz vor rund einem Monat ankaufen ließ, wie vielfach spekuliert wurde? Eher nicht, schreibt Anton Rainer im “Spiegel”. Der Grund sei vermutlich weitaus profaner: Die Influencerinnen und Influencer hätten festgestellt, dass es in Dubai – Überraschung, Überraschung – im Sommer recht heiß ist.

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