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N24  

Deep Space Six

Der Tod von Osama bin Laden ist natürlich ein Segen für diejenigen Fernsehsender, die — wenn es nicht gerade eine superspannende Doku über das Ufoprojekt der Nazis gibt — den lieben langen Tag Nachrichten senden müssen.

Beim Versuch, den Zuschauer über jedes noch so kleine Detail zu informieren, kam der Nachrichtensender N24 gestern Mittag auch bei der United States Naval Special Warfare Development Group an, die am Einsatz gegen Osama bin Laden beteiligt war. Besser bekannt ist diese Spezialeinheit der US Navy unter ihrem alten Namen SEAL Team Six.

Nachdem Moderator Mick Locher ausführlich über die Ausbildung, Ausrüstung und Fähigkeiten der Navy SEALs gesprochen hat (“Also die waren bis an die Zähne bewaffnet.”), blendet die Regie folgendes Emblem ein:

fail

Unbeirrt fährt Locher fort:

Und sie haben auch dieses Team Six, das diesen Einsatz durchführte. Da hat man auch nicht umsonst den Totenkopf -schädel im Emblem.

Und schon geht es weiter mit einer animierten Simulation des Einsatzes.

Aber sehen wir uns doch dieses Emblem ein wenig genauer an: Ein Adler mit einem Phaser, ein Dreizack, ein von drei Bat’leths umrahmter Klingonenschädel, der Schriftzug “MAQUIS SPECIAL OPERATIONS”

Man könnte meinen, die Navy SEALs wären echte Star-Trek-Fans. Sind sie aber nicht, denn das echte Emblem von SEAL Team Six sieht — übrigens mit Adler und Dreizack, aber ohne Totenschädel — so aus:

Team Six

Das Logo, das N24 gezeigt hat, und das womöglich eine Google-Bildersuche zum Thema “SEAL Team Six” zu Tage förderte, stammt vom Star-Trek-Fan-Wiki Maquis Forces International. Das Logo (hier in groß) wurde von einem Fan für ein fiktives Maquis SEALS Team Six in Anlehnung an das echte SEAL Team Six entworfen. Unter dem Logo steht:

A possible Team 6 Logo.

Wer sich das ganze live ansehen will, findet den Beitrag im Mediacenter von N24 in der Rubrik “Politik”. Der Beitrag heißt: Mick Locher zum Angriffshergang (Timecode: 1:05)

Mit Dank an Michael R.

Nachtrag, 7. Mai: N24 hat offenbar den gesamten Beitrag aus dem Mediacenter entfernt.

Sport Bild, Köln, Glamour-Journalismus

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Eklat? Skandal? Wo?”
(sportmedienblog.de)
Fußball: Bastian Schweinsteiger reagiert heftig auf einen Artikel in “Sport Bild”. Das Sportmedienblog findet, der deutsche Sportjournalismus tue sich keinen Gefallen, “sich so kategorisch bereitwillig mit dem Kollegen der Sport Bild” zu solidarisieren, sich mit seinem Artikel somit quasi gemein zu machen. Siehe dazu auch “Sport Bild provoziert Schweinis Wut-Anfall” (meedia.de, Alexander Becker).

2. “Geschichte wird gemacht: Die Causa Finke”
(spielbeobachter.twoday.net)
Fußball: Der Spielbeobachter schreibt einen langen Text zum Trainerwechsel beim 1. FC Köln, in dem auch die Berichterstattung von “Bild” Köln und dem “Kölner Stadt-Anzeiger” beleuchtet wird.

3. “Jeff Jarvis’ 36 Aussagen über den Zustand der Nachrichten-Branche”
(wasmitmedien.de, Daniel Fiene)
“Was mit Medien” übersetzt den Blogbeitrag “Hard economic lessons for news” von Jeff Jarvis.

4. “Glamour-Journalismus ist vorbei”
(visdp.de)
Glamour-Journalismus sei vorbei, glaubt V.i.S.d.P.: “Das neue Interesse am vermeintlich wirklichen Leben ist ein Chance für den Journalismus und die Reportage-Tugenden der siebziger Jahre: Lange Texte über Themen, die etwas mit dem alltäglichen Leben der Leser zu tun haben, passen wieder zum Zeitgeist. Sie dürfen sogar ohne den anklagenden Jammer-Ton dieser Jahre auskommen, der sich manchmal immer noch in STERN, ZEIT und SPIEGEL findet.” Ein weiterer Artikel befasst sich mit den aktuellen Titelblättern von “Bunte” und “Gala”.

5. “Quotenschlacht um Prinzenhochzeit”
(youtube.com, Video, 5:15 Minuten)
Seit Wochen schon berichten deutsche Medien über die heutige Hochzeit in London: “Mit aller Wucht versuchen Redakteure, die vermeintliche Sehnsucht der Deutschen nach Adel, Glamour, Königlichkeit zu erfüllen. Und je weniger der Palast preis gibt, desto mehr Platz bleibt zum Spekulieren.”

6. “Die Monarchie hält uns klein”
(zeit.de, Polly Toynbee)
Wolfgang Blau übersetzt einen Artikel der britischen Journalistin Polly Toynbee: “Was für eine seltsame Vorstellung: Die üppige Zurschaustellung sinnloser Geldverschwendung für einen goldenen Prinzen und seine Prinzessin soll ausgerechnet die Stimmung derer aufhellen, die gerade ihre Jobs verlieren, oder die Stimmung der großen Mehrheit der Bevölkerung, deren Einkommen schrumpft und deren Sozialleistungen zusammengestrichen werden.”

Zukunst

Für die folgende Lektüre empfiehlt sich die Titelmusik von “Akte X” als Soundtrack.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort für Prophezeiungen, die denen des Nostradamus gleichen. Und doch: Beim letztjährigen Wettbewerb “Jugend creativ” der Volksbanken und Raiffeisenbanken hat die damals 16-jährige Monja aus Hünfeld ein “nahezu hellseherisches” Bild gemalt, auf dem sie die Katastrophen in Japan vorausgesehen hat!

So berichtet zumindest die “Fuldaer Zeitung”:

"Da saß der Schock erstmal tief" Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis, Atomkrise - das sind die modernen Geißeln der Menschheit. In nahezu hellseherischer Fähigkeit hat die 17-jährige Monja die aktuellen Katastrophen der Welt bereits vor einem Jahr auf einem Bild vorausgesehen

Und natürlich sprang auch “Bild”, das Fachjournal für alles Mysteriöse, sofort auf den Zug auf:

Unheimlich Schülerin (17) malte Japan-Unglück vor einem Jahr! Auf dem Bild zu sehen: Die Tsunami-Welle trifft ein Atomkraftwerk (oben rechts)

Ganz Clevere könnten die Mystery-Stimmung jetzt natürlich mit kritischen Fragen kaputtmachen: Warum sind denn da Eisbären? Ist damit das frühe Ableben von Knut gemeint? Was sollen die toten Bäume und der Tornado? Was hat der Sturm links oben im Bild mit Japan zu tun? Und warum sehen die Menschen so gar nicht japanisch aus?

Die Antwort auf diese Fragen hat einen so geringen Mystery-Faktor, dass Sie den Soundtrack jetzt besser stoppen: Der Titel des Wettbewerbs lautete nämlich “Mach dir ein Bild vom Klima” und genau das ist der Grund, warum auch die anderen Bilder im Wettbewerb ziemlich apokalyptisch wirken.

Bei der “Fuldaer Zeitung” ist das eigentlich bekannt:

[Monja G.] habe damals versucht, für den Wettbewerb mit dem Thema “Klima” möglichst viele entsprechende Probleme in der Illustration unterzubringen. Sie habe sich damals an die Tsunami-Wellen von 2004 erinnert, und von der Tschernobyl-Katastrophe hat sie viel gehört (…)

Dennoch schreibt die Autorin nur einen Absatz später, als hätte es das Rahmenthema des Wettbewerbs nie gegeben und als wäre Monja gerade einmal sieben Jahre alt gewesen als sie das Bild anfertigte:

Monjas Bild ist erschreckend, beklemmend (…). Keine hübsche Blumenwiese, keine freundliche Sonne am hellblauen Himmel, die die Erde in einen paradiesischen Zustand taucht, keine friedliche Naturwelt waren dargestellt, wie so oft der Fall in dieser Altersklasse. Statt dessen: beängstigende Wirklichkeit.

Immerhin dient die ganze künstliche Aufregung einem guten Zweck:

Damit Monja ihr Werk behalten kann, will die VR-Bank Faksimiles in A3-Größe, also Nachdrucke, erstellen. Diese sollen für eine Spende ab zehn Euro abgegeben werden.

Die Spendenbereitschaft würde vermutlich deutlich ansteigen, wenn sich Monja in Zukunft auf Lottozahlen spezialisiert und dabei am besten nicht immer alle 49 dafür in Frage kommenden Zahlen malt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Vollpfosten

Wohl weil sie bei Bild.de ihren Lesern nicht zutrauen, dramatische Handyfilme von undramatischen unterscheiden zu können, haben sie es vorsichtshalber gleich mal in die Dachzeile geschrieben:

Dramatischer Handyfilm: Hier fliegt ein Pfeiler in die Autoscheibe
Andererseits sind es unbestreitbar spektakuläre Bilder, auf denen ein am Fahrbahnrand liegendes Kantholz von einem LKW hoch- und durch die Windschutzscheibe eines PKW geschleudert wird. Bilder, die natürlich mal wieder aus dem Internet stammen:

Doch obwohl die Geschichte in den USA recht groß die Runde machte und Bild.de am Ende seines Videos “Powered by ABC News” schreibt, haben sie bei Bild.de offenbar wenig bis nichts begriffen.

So erzählt der leicht schläfrige Off-Sprecher, die Fahrerin des getroffenen Fahrzeugs hab schon vorab die Kamera eingeschaltet, “weil die beiden LKW vor ihr Schlangenlinien fuhren”. Und auch wenn das für die Geschichte nicht wirklich wichtig ist: Die Fahrerin Wendy Cobb hatte gegenüber dem Autoblog jalopnik.com etwas ganz anderes angegeben, wie auch ABC News zitiert:

Ich habe eigentlich die beiden LKW aufgenommen, die sich ein kleines “Elefantenrennen” lieferten und den Verkehr aufhielten. (Ich sage immer, ich schicke das an die Firmen, für die sie arbeiten, um diese wissen zu lassen, wie die Fahrer die Firma repräsentieren, aber ich mache das nie. Ich kann mir nicht helfen — ich arbeite im Marketing und denke deshalb über solche Sachen nach.)

(Übersetzung von uns.)

Doch dann wird Bild.de in dem Bestreben, den dramatischen Bildern einen wissenschaftlichen Überbau zu verpassen, vollends wahllos: Ein “Versuch mit Crash-Test-Dummies” soll zeigen, wie “der Einschlag eines Pfeilers bei nur 40 km/h” aussieht.

Den Versuch hat Bild.de – warum auch immer – der Fernsehserie “Mythbusters” entnommen und er zeigt, wie ein Stück Autoreifen bei 40 Meilen pro Stunde (rund 65 km/h) durch eine Scheibe geschossen wird.

Der Off-Text hat mit den gezeigten Bildern also vergleichsweise wenig zu tun, aber es bleibt natürlich ein “dramatischer Handyfilm”.

Mit Dank an Alexander H.

Fäkaler Irrtum

Aufgrund des Erscheinungsdatums konnte man leicht für einen Aprilscherz halten, was Bild.de am Freitag über Britney Spears berichtete:

Ihr Stunt für die "Jackass"-Crew Britney Spears: Bungee-Jumping im Dixi-Klo!

Aber Bild.de meint es offenbar ernst:

Popstar Britney Spears (…) hat einen Bungee-Jump der etwas anderen Art gewagt: In einem gut gefüllten Dixi-Klo ließ sie sich mit einem Katapult zum Himmel schießen.

Sie tat es für die “Jackass”-Crew, die mit ihren irren Stunts zum Kult wurde.

Immerhin klärt Bild.de teilweise über die Hintergründe auf:

Für Britney eine PR-Aktion, denn gerade ist ihr neues Album “Femme Fatale” erschienen – auch wenn sie hier eher die “Femme Fäkal” gibt.

Doch ganz so schlimm wie es aussieht war es dann doch nicht: In Wirklichkeit alles nur Wasser und ein bisschen Toilettenpapier!

Bild.de verschweigt seinen Lesern aber, dass “in Wirklichkeit” nicht nur “alles nur Wasser und ein bisschen Toilettenpapier” war, sondern der ganze Stunt ein Fake. Dazu wurde der Bungee-Sprung von Steve-O aus dem Film “Jackass 3D” mit einigen Britney-Spears-Szenen neu zusammengeschnitten. Wer einen starken Magen hat, kann das Fake-Video mit dem Original vergleichen.

Bis auf Bild.de und Blick.ch haben das auch die meisten anderen Medien verstanden, die – warum auch immer – darüber berichteten.

Mit Dank an Conny S.

Schleichwerbung, Bunte, Nacktheit

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Die Schleichwerbe-Recherche”
(blogs.taz.de/rechercheblog, Sebastian Heiser)
Eine fiktive Werbeagentur testet für die “taz”, ob Zeitungen dazu bereit sind, ihre redaktionellen Inhalte zu verkaufen. Interesse zeigten die “Frankfurter Rundschau”, die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung” und “Neues Deutschland”. Hintergründe zur Recherche sind im Hausblog nachzulesen.

2. “Kachelmanns Fall”
(sf.tv, Video, 49:05 Minuten)
Eine Dokumentation von Hansjörg Zumstein fasst den aktuellen Stand im Prozess gegen Jörg Kachelmann zusammen. Ab Minute 17 ist zu sehen, dass die ersten Bilder von Kachelmann nach der Verhaftung entstanden sind, weil Fotografen darauf gedrängt haben, dass der Polizeitransporter anders postiert wird. Ab Minute 34 äussert sich die stellvertrendende Chefredakteurin von “Bunte”, Tanja May, über Zahlungen der Zeitschrift an Ex-Freundinnen von Kachelmann.

3. “Riekelhaft”
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier analysiert ein Editorial von “Bunte”-Chefredakteurin Patricia Riekel zu Jörg Kachelmann.

4. “Chinesisches Monster-Kind inhaliert Nudeln”
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Ralf Marder findet es beschämend, dass Bild.de aus einem dreijährigen Kind einen “King-Kong-Jungen” macht.

5. “Rekordergebnisse bei den Presse-Verlagen – doch die Freien gehen leer aus”
(freischreiber.de)
Der Journalistenverband “Freischreiber” beklagt, dass freie Mitarbeiter an den guten Ergebnissen der Printverlage nicht beteiligt werden.

6. “Bei Nacktheit hört der Spaß auf!”
(fernsehkritik.tv, Screenshot)
YouTube entfernt ein im Kanal der ARD hochgeladenes Video, weil es “gegen die YouTube-Richtlinie zu Nacktheit oder sexuellem Content verstößt”.

Berliner Zeitung, Klatschvieh, neues

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Berliner Zeitung’: Ein Ereignis, ein Journalist, zwei Ergebnisse”
(flurfunk-dresden.de, owy)
Landtagswahlen in Baden-Württemberg: Die “Berliner Zeitung” stellt kurzzeitig einen Aritkel mit dem Titel “Mappus rettet Merkel” online.

2. “Kriegsreporter chancenlos gegen Twitter und Youtube”
(welt.de, Heimo Schwilk)
Heimo Schwilk denkt nach über die Veränderungen in der Kriegsberichterstattung: “Irgendwann wird WikiLeaks auch Szenen zeigen, die beweisen, dass auch ‘eingebettete Journalisten’ dabei waren, als Dörfer zusammengeschossen oder Fahrzeuge samt Insassen an Checkpoints pulverisiert wurden.”

3. “Frisches Klatschvieh”
(fr-online.de, Jochen Voss)
TV-Studios haben Schwierigkeiten, Publikum zu rekrutieren, weiß Jochen Voss: “Nach mehr als 25 Jahren Privatfernsehen und unzähligen Studioshows ist die Neugier in den TV-Hochburgen gestillt.”

4. “Man könnte es klarer sagen”
(nzz.ch, Norbert Neininger)
Norbert Neininger stört sich an der “eigenen, für andere schwer verständlichen Sprache” von Medienwissenschaftlern und liefert dazu konkrete Beispiele. “Wer den Definitionen nachgeht, stösst auf eine Art Matrjoschka, unter jeder Definition steckt eine weitere, und am Schluss bleibt ein klitzekleiner Kern übrig.”

5. “3sat schafft Computersendung neues ab”
(netzpolitik.org, markus)
Markus Beckedahl bedauert die Absetzung der 3sat-Sendung “neues”. “Statt einer kompletten Sendung über digitale Kultur soll dann 3sat nano auch manchmal über digitale Themen berichten. Allerdings liegt der Schwerpunkt von nano generell auf populärwissenschaftliche Technikthemen, man kann sich vorstellen, dass digitale Themen dort nur am Rande vorkommen würden.”

6. “Protest numbers: How are they counted?”
(bbc.co.uk, englisch)
Nigel Hawkes von Straight Statistics: “Crowds are habitually over-estimated.”

Bild  

Das Leben des ACAB*

In Monty Pythons “Das Leben des Brian” gibt es eine Szene, in der Brian von einem römischen Soldaten erwischt wird, während er eine Wand beschmiert. Weil seine Parole in fehlerhaftem Latein verfasst ist, zwingt der Soldat Brian dazu, einhundert Mal die richtige Formulierung an die Wand zu schreiben.

Ganz so wird die Szene nicht abgelaufen sein, die “Bild” heute in der Stuttgarter Regionalausgabe beschreibt:

Der Polizist wurde als “Bulle” beschimpft. Dann sah er, wie ein Chaot ein Graffito schmierte: ACAP (englische Abkürzung für “Alle Polizisten sind Bastarde”).

Aber das Wort “bastard” beginnt im Englischen natürlich auch mit einem B und nicht mit einem P — es sei denn, man hat den gleichen Sprachfehler wie Pontius Pilatus in “Das Leben des Brian”.

*) Acab: türkischer Jungenvorname

Mit Dank an Moritz.

Frau vergiftet Schlange

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Frau und Schlange ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Diesmal begann alles damit, dass das israelische Model Orit Fox bei einem Fotoshooting mit einer (ungiftigen) Boa Constrictor posierte und von dem nicht eben begeisterten Reptil in die chirurgisch optimierte Oberweite gebissen wurde. Das dazugehörige Video lässt da übrigens noch keine Missverständnisse zu:

Der zweite Teil der Geschichte klingt jedoch noch spektakulärer: Angeblich soll die Schlange bald darauf an einer Silikonvergiftung gestorben sein.

Da einer alten Journalistenregel zufolge “Schlange vergiftet Frau” keine Nachricht ist, “Frau vergiftet Schlange” aber sehr wohl, rauschte die Nachricht vom Silikontod einmal quer durchs Internet und wurde von Online-Medien weltweit aufgegriffen. Da man sich dabei immer munter aufeinander berief, dürfte es kaum mehr möglich sein, herauszufinden, welche Zeitung die Nachricht zuerst adelte.

Im deutschsprachigen Raum etwa berichteten unter anderem Bild.de (“Gerüchten im Netz zufolge”), “Merkur Online”, express.de, 20min.ch (“Wie die belgische Zeitung ‘Gazet Van Antwerpen’ berichtet”) und blick.ch (“wie jetzt der spanische TV-Kanal ‘Telecinco’ […] berichtet”) von diesem weltbewegende Ereignis.

Die vergiftete Schlange machte immer noch fleißig die Runde, als das amerikanische Blog “The Daily What” die Hintergründe der Geschichte genauer beleuchtete: Demnach nahm das Unheil am 3. März seinen Lauf, als die auf Celebrity-Gerüchte spezialisierte Webseite “Oh No They Didn’t” das ursprüngliche YouTube-Video vom Schlangenbiss veröffentlichte und der Autor mit dem Nickname “nappyxheadedxho” neben einigen dürren Bemerkungen hinzufügte:

The snake later died from silicone poisoning.

Noch am selben Tag fragte ein Leser in den Kommentaren “Really? Poor thing.”, worauf nappyxheadedxho antwortete:

lmao I was joking!

(Ich lach mich tot – das war nur ein Witz!)

Inzwischen sind die ersten ausländischen Medien, die von der vergifteten Schlange berichtet haben, eifrig dabei, ihre Artikel zu löschen oder zu berichtigen. Mal sehen, wie lange “unsere” dafür brauchen.

Mit Dank an miguel!

Nachtrag, 15:26 Uhr: “Merkur Online” hat sich inzwischen für die Löschvariante entschieden, während express.de den ursprünglichen Artikel transparent korrigiert hat.

Wieder 9/11-Video wiederentdeckt

Die Zukunft des Journalismus soll unter anderem im Bewegtbild liegen, hört man mitunter. Videos sind also wichtig — und wenn darin kleine Kinder, flauschige Tiere oder die Terroranschläge des 11. September 2001 zu sehen sind, setzt bei Journalisten alle Vernunft aus.

In den letzten Tagen war es mal wieder soweit:

Ein “bisher unbekanntes Video” sei veröffentlicht worden, schreibt “Spiegel Online”, während 20min.ch ein “kürzlich freigegebenes Video” entdeckt zu haben glaubt und oe24.at erklärt, das “Neue an den Bildern” sei vor allem, “dass sie die brennenden Türme des World Trade Center von oben zeigen”. Von einem “neuen Video” sprechen unter anderem auch Bild.de, n-tv.de, RTL.de, kress.de, Reuters und die Website der “Financial Times Deutschland”. Eigentlich gibt es kaum eine Nachrichtenseite, die nicht über die “neuen Bilder” berichtet: selbst die BBC spricht von “Aufnahmen, die noch nie zu sehen waren”.

Und all das nur, weil die “Enthüllungsplattform” cryptome.org ein Video veröffentlicht hatte, das die New Yorker Polizei am 11. September 2001 an Bord eines Polizeihubschraubers aufgenommen hatte.

Nicht einmal Cryptome selbst behauptet, das Video sei “neu”. Es gehört zu dem umfangreichen Material, das das “National Institute of Standards and Technology” (NIST) nach den Anschlägen gesammelt hatte, um den Einsturz des World Trade Centers bautechnisch zu untersuchen. Dabei handelt es sich um die Kopien von teils veröffentlichten, teils unveröffentlichten Aufnahmen, die das NIST zusammengetragen hatte und seitdem in seinem Besitz hat.

Unter Berufung auf den Freedom of Information Act, fordern immer wieder mehr oder weniger seriöse Organisation die Herausgabe des vom NIST gesammelten Materials, das (vor allem europäische) Journalisten regelmäßig für “beschlagnahmt” oder “unter Verschluss gehalten” halten (BILDblog berichtete).

Womöglich ist das 17-minütige Video, das Cryptome jetzt online gestellt hat, in dieser Form tatsächlich noch nie veröffentlicht worden. Bei der Menge des 9/11-Materials, das auf verschiedenen Kanälen unterwegs ist, lässt sich das schwer sagen. Aber die spektakulären “neuen” Bilder, die die Medien wie “Spiegel Online” jetzt als “bisher unveröffentlichte Aufnahmen” anpreisen, die kann man schon seit dreieinhalb Jahren auf YouTube sehen — heller und mit einem größeren Bildausschnitt und hebräischen, statt deutschen Untertiteln:

Alte und "neue" 9/11-Videos im Vergleich.

Bei “Focus Online” haben sie den Braten gerochen und bemerken jetzt süffisant:

Die Verantwortung, Quellen zu überprüfen, nehmen Enthüllungsplattformen professionellen Journalisten nicht ab. Eine simple Suche bei YouTube hätte genügt, um das vermeintlich unveröffentlichte Material zu enttarnen.

Bei der letzten kollektiven Quellen-Nichtprüfung war “Focus Online” noch ganz vorne mit dabei gewesen.

Mit Dank an Sven G., Peter M., Steffen K. und Hans P.

Nachtrag, 10. März: Bei YouTube gibt es sogar eine noch ältere Version des Videos, hochgeladen am 20. Dezember 2006.

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