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Lena — Liebe meines Lebens

Seit Lena Meyer-Landrut bei “Unser Star für Oslo” angetreten ist, interessieren sich die deutschen Boulevardmedien für das Privatleben der jungen Frau. Mit dem Gewinn der Castingshow und der (schließlich erfolgreichen) Teilnahme beim Eurovision Song Contest stieg das Interesse immer mehr: Reporter durchstreiften ihre Heimatstadt Hannover und fanden: nichts. RTL entdeckte im eigenen Archiv einen Ausschnitt der kurzlebigen Scripted-Reality-Soap “Helfen Sie mir”, in der Lena als Laiendarstellerin mitgespielt hatte. Private Fragen in Interviews und auf Pressekonferenzen wollte Frau Meyer-Landrut zunächst gar nicht beantworten.

Einen Grand-Prix-Sieg, eine weitere ESC-Teilnahme und zwei Alben später ist Lena Meyer-Landrut “wieder da” — als sei sie in den letzten zweieinhalb Jahren je wirklich weg gewesen. Am 12. Oktober erscheint ihr drittes Album “Stardust”, für das sie zur Zeit die Werbetrommel rührt.

Bei der Albumpräsentation in Berlin (ähnliche Veranstaltungen hatte es zuvor schon in Köln und Hamburg gegeben) erfuhr die “B.Z.” Erstaunliches:

Ihr Herz hat auch eine Heimat gefunden: “Ich habe mich in Köln verliebt”, so Lena zur B.Z. Nicht nur in die Stadt: “Weil da der Mensch ist, den ich liebe. Wo ich das Glück habe, dass ich ihn lieben darf.”

Da ist sie wieder, die einmalig Süße! Lena in love. Doch Details dazu kommen ihr nicht über die Schmoll-Lippen. Dafür findet sich auf Lenas linkem Oberarm eine Art Beziehungs-Botschaft. Neben der Ritterlilie prangt nun ein zweites Tattoo mit dem Schriftzug: “to love and to be loved” (lieben und geliebt werden). Ach wie schön, ein kleiner Satellit schwebt im siebten Himmel.

Fangen wir hinten an: Das Tattoo, das “nun” auf ihrem Oberarm prangt, war da schon vor acht Monaten, wie etwa Bild.de damals ganz aufgeregt notierte.

Und das mit der Liebe ist auch keine ganz so spektakuläre Neuerung, wie Boulevardjournalisten wüssten, wenn sie im vergangenen Oktober die ARD-Sendung “Inas Nacht” gesehen hätten, die im August 2011 aufgezeichnet worden war:

Ina Müller: Was magst Du denn generell an Männern? Hast Du ‘nen Typen Mann, wo Du sagst: “Oh, den find ich ganz toll”?
Lena Meyer-Landrut: Also, meinen Freund find ich ganz toll …
Müller: Du hast ‘nen Freund?!
Meyer-Landrut: Mmmm-hhhh.
Müller: Das find ich ja toll! Da hätte ich jetzt gar nicht gefragt, weil ich dachte, das würdest Du nie erzählen.
Meyer-Landrut: Tja …
Müller: Und mit dem bist Du schon lange zusammen …
Meyer-Landrut: Joa …

Dass Frau Meyer-Landrut einen Freund hat, war damals – neben den weit verbreiteten Informationen, dass sie ihr Klo selber putze und keinen Schnaps vertrage – sogar bei einschlägigen Medien wie bunte.de, “Bild” Hannover und stern.de nachzulesen gewesen. Aber man kann es natürlich noch mal aufschreiben und als “neue Liebe” verkaufen, wie es beispielsweise “Express”, “RP Online” und “Focus Online” getan haben.

Und damit kommen wir zu dapd, nach eigener Auswertung der Realität bekanntlich Deutschland fehlerfreiste Nachrichtenagentur. Die interpretierte das Geraune der “B.Z.” so:

Grand-Prix-Sternchen Lena Meyer-Landrut ist glücklich und verliebt. “Ich habe mich in Köln verliebt”, sagte die Sängerin der “BZ am Sonntag”. Aber nicht nur die Rheinmetropole habe das Herz der 21-Jährigen erobert, sondern auch ein Mann. “Weil da ein Mensch ist, den ich liebe. Wo ich das Glück habe, dass ich ihn lieben darf”, sagte die Sängerin.

Wer der neue Mann in ihrem Leben ist, bleibt allerdings ihr Geheimnis. Erst vor wenigen Wochen war Lena von ihrer Heimatstadt Hannover nach Köln gezogen, wo sie nun mit ihrem Freund lebt.

(Nachzulesen etwa im “Westen”.)

Dass Frau Meyer-Landrut “erst vor wenigen Wochen” nach Köln gezogen sein soll, kommt etwa für die Menschen überraschend, die im August 2010 diese Meldung gelesen haben:

Lena Meyer-Landrut, Gewinnerin des Eurovision Song-Contest 2010 in Oslo, hat jetzt ein Appartement in Köln, damit sie nicht immer von ihrer Heimatstadt Hannover aus pendeln muss. Das sagte sie der Online-Ausgabe der “Frankfurter Neuen Presse”. In Köln ist Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool, die Lena managt.

Wobei diese Nachricht auch mit Vorsicht zu genießen ist. Der Urheber damals nämlich: dapd.

Spätestens vor einem Jahr war Lena dann aber doch in Köln angekommen, weil sie sich für ein Studium (“‘Sprachen und Kulturen Afrikas’ und Philosophie”) an der dortigen Universität eingeschrieben hatte, was damals ebenso medial ventiliert wurde wie vor einem Monat der Umstand, dass sie besagtes Studium wieder geschmissen hatte. Aber natürlich konnte sie auch im Juni 2012 noch mal nach Köln ziehen (“zu ihrem Freund”!), wenn man es denn noch mal aufschreiben konnte.

Jedenfalls hat dapd aus den Nicht-Neuigkeiten “neue Liebe, neues Tattoo” auch noch ein Video gebaut, das irgendwelche armen Cutter aus Archivmaterial zusammenschnibbeln mussten. Mit dabei ist ein Foto mit Tattoo beim Deutschen Filmpreis (April 2012, “neues Tattoo”) und diese Aussage:

Im Oktober soll Lenas drittes Album erscheinen und eine große Tournee ist auch geplant. Der Kartenverkauf läuft Medienberichten zufolge aber eher schleppend an.

Dass sich die Karten für Lenas Tournee so schlecht verkaufen, dürfte allerdings auch daran liegen, dass man sie noch gar nicht kaufen kann: Die Tourdaten sind noch nicht bekannt gegeben, der Vorverkauf noch nicht mal angelaufen.

Insofern ist der nachfolgende Satz noch dümmer, als er es sowieso schon wäre:

Ob die Nachricht von einer neuen Liebe also nur eine PR-Masche ist, bleibt offen.

Ja, die “neue Liebe” ist eine Masche. Aber eine von desinteressierten Möchtegernjournalisten, die versuchen, sich aus bereits wieder vergessenen und deshalb für neu gehaltenen alten Tatsachen und falschen Annahmen eine Geschichte zusammenbasteln.

Bei stern.de ist das dapd-Video inzwischen wieder weg, bei “Welt Online” aber zum Beispiel noch verfügbar — und das, obwohl es seit heute Mittag sogar eine korrigierte Fassung gibt, aus der der “schleppende” Vorverkauf verschwunden ist.

Mit Dank auch an Lars, Peter G. und Andreas K.

Nachtrag, 16. August: sueddeutsche.de hat die zweite Fassung des dapd-Videos aus dem Netz genommen, bei “Welt Online” läuft immer noch die erste.

Dressurreiten, Feuilleton, Idil Baydar

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Ausbeutungsmaschine Journalismus”
(marue23.tumblr.com)
Eine 22-Jährige bewirbt sich für ein journalistisches Volontariat und ärgert sich bei den Bewerbungsgesprächen.

2. “‘Das Medium verliert an Profil'”
(vocer.org, Ulrike Langer)
Thierry Chervel, Geschäftsführer des Perlentaucher, fragt sich, warum die Online-Leute nicht in die Print-Redaktion hereingeholt werden: “Mit den Online-Redaktionen als Parallelwelten hat man etwas erzeugt, was schizophren ist: Man hat unter derselben Marke Produkte völlig unterschiedlichen Charakters geschaffen. Die ‘SZ’ gilt als eine seriöse Zeitung, online war das lange Zeit mehr oder weniger, wie soll man sagen, ein ziemlich rudimentäres Schaufenster mit recht boulevardesken Elementen.”

3. “Neigh, that’s not the British Olympians”
(guardian.co.uk, Roy Greenslade, englisch)
Statt den britischen Goldmedaillengewinnern im Dressurreiten zeigen zwei britische Zeitungen das Bronze gewinnende niederländische Team: “Apparently, Getty Images sent out a wrongly tagged picture, which was featured on the front page of the Daily Express and got a big show in the Daily Mirror.”

4. “Solche Beiträge sind der Grund, warum ich jedes Mal über den Titel ‘Nachdenkseiten’ lachen muss”
(plus.google.com, Torsten Kleinz)
Torsten Kleinz analysiert diesen gestern bei “6 vor 9” verlinkten Beitrag der “Nachdenkseiten”: “Muss man auf Verzerrungen der Wahrheit mit anderen Verzerrungen begegnen?”

5. “Schafft das Feuilleton ab!”
(taz.de, Georg Seeßlen)
“In Westdeutschland aber wurde das Feuilleton zum ausführenden Organ eines Oberlehrer- und Kulturbeamtenjargons. Es wurde zur Fortsetzung des Gymnasialunterrichts mit anderen Mitteln, und die Kritik arbeitete und arbeitet am liebsten mit den Mitteln von Korrektur und Zensurenverteilen. Aus einem Projekt zur Öffnung und Erweiterung der Diskurse wurde das Instrument zum Inkludieren und Exkludieren.”

6. “‘Ich bin voooll sauer!'”
(dradio.de, Johannes Nichelmann)
Der Deutschlandfunk stellt die Figuren Gerda Grischke und Jilet Ayse der Berlinerin Idil Baydar vor. Videos auf youtube.com/user/IdilBaydar.

Leichtathletik, Harald Stenger, Blick

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Wo die Liebe hinfällt”
(tagesspiegel.de, Harald Martenstein)
Harald Martenstein schreibt über die Berichterstattung deutscher Medien zur Gesinnung des Partners der Ruderin Nadja Drygalla: “Gefahr für die Demokratie geht bis auf Weiteres nicht von Nadja Drygalla aus, sondern von denen, die diese Hetzjagd auf eine 23-Jährige veranstalten. Wenn schon der Kontakt zu einer irgendwie belasteten Person in Deutschland ausreicht, um eine Karriere zu beenden, stellt sich die Frage, wo da die Grenze zu ziehen ist. Ein Bruder, der bei den Islamisten mitmacht? Eine Mutter, die bei der Stasi war? Ein Freund bei Scientology? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, auch nicht der Willkür.”

2. “Die ‘Wahrheiten’ der Bild-Zeitung über die Reichen-Steuer”
(nachdenkseiten.de, Wolfgang Lieb)
“Bewusste Irreführungen oder glatte Lügen” erkennt Wolfgang Lieb im “Bild”-Artikel “7 Wahrheiten über die Reichen-Steuer”.

3. “Abschied auf Raten”
(11freunde.de, Philipp Köster)
Der Vertrag des Pressesprechers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Harald Stenger, wird nicht verlängert. Philipp Köster sieht seine größte Leistung darin, “die Nationalmannschaft aus dem Würgegriff des Boulevards” befreit zu haben. “In den Achtziger- und Neunziger Jahren hatte insbesondere die Bild-Zeitung eine eigene Busspur zur Nationalelf, Aufstellungen wurden dem Blatte ebenso bevorzugt durchgestochen wie wichtige Personalien. Stenger verstand es meisterhaft, Chancengleichheit der Medien herzustellen, ohne allerdings die Boulevardzeitungen schlechter zu behandeln.”

4. “Mein lieber Herr Gesangsverein”
(sueddeutsche.de, Gökalp Babayigit)
Olympia auf Eurosport, zum Beispiel Leichtathletik mit Dirk Thiele und Sigi Heinrich: “Weder sind die Erfolge der deutschen Athleten Anlass für ausgelassenstes Feiern – Thiele und Heinrich freuen sich international, zum Beispiel auch mit Weißrussinnen. Noch ist ihr Scheitern Grund für atemlose Enttäuschung – Thiele und Heinrich schelten auch international, zum Beispiel auch Weißrussinnen (Thiele: ‘Die Weißrussin darf sich aus meiner Sicht ruhig mal ein bisschen freuen. Man wird ja schließlich nicht jeden Tag Olympiasieger. Aber sie nimmt das hin, als wenn sie gerade ‘n Stück Brot isst’)”.

5. “‘Blick’ und der ‘Lügen-Bolt'”
(persoenlich.com, Benedict Neff und Edith Hollenstein)
Heftige Kritik des “Blick” an einem Leichtathletik-Reporter des Schweizer Fernsehens. Siehe dazu auch “Wie viel Lüge erträgt das Schweizer Fernsehen?” (persoenlich.com, Matthias Ackeret).

6. “Das Fest Des Huhns”
(youtube.com, Video, 55:44 Minuten)
Der Film “Das Fest des Huhnes” von 1992 zeigt ein afrikanisches Reporterteam, das in Oberösterreich für die Reihe “Fremde Länder, fremde Sitten” dreht.

In einem Studio am Maschsee…

Schauen Sie mal, wo diese Szene aus der fantastischen amerikanischen Serie “Breaking Bad” spielt:

Na? Haben Sie’s erkannt?

Richtig: Das ist Hannover.

Oder jedenfalls ist es der Blick aus der Firmenzentrale des fiktiven Hannoveraner Weltkonzerns “Madrigal Elektromotoren” in der Serie.

Und wenn es da nicht so wahnsinnig nach Hannover aussieht, könnte das daran liegen, dass es womöglich gar nicht Hannover ist. Diese Leute vom Fernsehen kennen da nichts und drehen Sachen gerne einfach irgendwo. Die Münchner “Lindenstraße” zum Beispiel steht bekanntlich in Köln (und ist auch gar keine richtige Straße).

Jemand müsste das mal schonend den Mitarbeitern von Bild.de beibringen. Die brachten heute Abend nämlich aufgeregt folgende Nachricht auf der Startseite:

Ab Staffel fünf: Kultserie "Breaking Bad" wird in Hannover gedreht

Im Artikel heißt es:

Eigentlich spielt die US-Kultserie “Breaking Bad” in Albuquerque, New Mexico. Doch Serien-Erfinder Vince Gilligan (45) hat jetzt verraten, dass Szenen der fünften Staffel erstmals auch in Deutschland gedreht werden.

Es ist eine Sensation für alle deutschen Fans der Serie. Auf der diesjährigen Messe Comic-Con in San Diego verriet Produzent und Ideengeber Gilligan, dass Hannover als neuer Drehort für die letzten Episoden der fünften Staffel auserkoren wurde.

Nun ist die Comic-Con für dieses Jahr allerdings schon seit über zwei Wochen Geschichte. Und die Ausstrahlung der fünften Staffel, von der Bild.de hier in der Zukunft spricht, hat bereits vor drei Wochen begonnen. Die oben gezeigte Szene, die in Hannover spielt, stammt aus der in den USA am 22. Juli erstausgestrahlten zweiten Folge. Und Gilligan hat auf dem “Breaking Bad”-Panel auf der “Comic-Con” vor drei Wochen von Hannover nicht als Dreh-, sondern als Handlungsort (eben dieser zweiten Folge) gesprochen.

(Anders als Bild.de weiter schreibt, handelt es sich bei “Los Pollos Hermanos” in “Breaking Bad” auch nicht um eine Wäscherei, sondern eine Fast-Food-Kette.)

Richtig ist immerhin, dass die letzten Folgen dieser fünften Staffel erst von November an gedreht und im kommenden Jahr ausgestrahlt werden. Trotzdem spricht nichts dafür, dass wahr wird, was Bild.de den Hannoveraner Lesern verspricht:

Von November an könnten einem die Serienstars in Hannover also vor die Füße laufen, denn dann starten die Dreharbeiten zu den finalen Folgen.

Die Macher hatten nach Gilligans Worten “weder das Geld noch die Zeit, um tatsächlich in Deutschland zu drehen”.

Mit Dank an Thomas G. und Dominic I.

Nachtrag, 14:15 Uhr. Bild.de hat dem Artikel eine Viertel- bis Halbkorrektur hinzugefügt. Die Falschmeldung hat es aber auch in die gedruckte “Bild” Hannover geschafft:

US-Serie wird in Hannover gedreht

Jean-Luc Godard, Ernst Marcus Thomas, HBO

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “Godards hässlichster Moment”
(perlentaucher.de, Thierry Chervel)
Thierry Chervel gräbt eine 1969 für das ZDF gedrehte Aufnahme (youtube.com, Video, 2:43 Minuten) mit Filmregisseur Jean-Luc Godard aus: “Es lohnt sich, diesen kleinen Film genauer anzusehen. Er mag von einem ZDF-Reporter sein, aber die Inszenierung ist von Godard.”

2. “‘Haha’, said the clown”
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Lukas Heinser analysiert Spekulationen verschiedener Medien zur Schießerei von Aurora.

3. “Alles nur gespielt”
(taz.de, David Denk)
Seit gestern läuft bei Sat.1 jeweils um 12 Uhr “Ernst Marcus Thomas – Der Talk”: “War es bei ‘Hans Meiser’ noch ein Skandal, wenn sich einzelne Gäste oder gar ganze Sendungen als gefaket entpuppten, ist das bei den neuen Sat.1-Talks Konzept: Die Gäste zu Themen wie ‘Mief – So wie du stinkst, bist du eine Zumutung!’ sind allesamt Laiendarsteller, die abstruse Geschichten aus einem Drehbuch aufsagen – Scripted Reality eben.”

4. “How HBO Made It Look Like Critics Liked ‘The Newsroom'”
(forbes.com, Jeff Bercovici, englisch)
Der US-Bezahlsender HBO macht Printwerbung für “The Newsroom” mit zu eigenen Gunsten ausgewählten Zitaten aus Kritiken. “A scandal this is not. Movie studios have been doing this sort of thing, and getting called out for it, for decades. And, to be fair, a number of the reviews quoted in the ad are genuine raves.”

5. “Dem Vernehmen nach”
(noemix.twoday.net)
Mehrere österreichische Medien verbreiten identische Meldungen, statt naheliegende Recherchen durchzuführen.

6. “Informationen zu Abendessen mit Herrn Ackermann im April 2008”
(fragdenstaat.de)
“Diese Antwort enthält Dokumente, zu denen jede Person einzeln Zugang erhalten kann. Allerdings darf FragDenStaat.de diese Dokumente nicht veröffentlichen. Sie können eine identische Anfrage in Ihrem Namen stellen, um Zugang zu diesen Dokumenten zu erhalten, die wir nicht veröffentlichen dürfen.”

Hells Angels, AFP, Unboxing

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an [email protected].

1. “‘Missbrauchte Rechercheure'”
(message-online.com, Michael Haller und Antje Glück)
“Stern”-Reporter Kuno Kruse gibt Auskunft über seine Recherchen zu den Hells Angels. Die Arbeit von Kollegen sieht er kritisch, die würden “zugesteckte Behauptungen als großartige Sensation” drucken und sich selbst “in der Rolle des investigativen Journalisten” feiern. “Den generellen Fehler sehe ich darin, dass die meisten Journalisten die Tendenz der Strafverfolgungsbehörden unreflektiert übernehmen, die Verdächtigen kriminalisieren und zu Schuldigen machen, noch ehe überhaupt über eine Anklageerhebung entschieden worden ist.”

2. “Der Rückgang, der keiner ist”
(begleitschreiben.net, Gregor Keuschnig)
Die “Börse im Ersten” versucht, in einer Infografik das Wirtschaftswachstum von China darzustellen: “Wenn eine Wirtschaft um 14% wächst und danach um 7% beziehen sich die 7% auf die um 14% gewachsene Wirtschaft. Die Graphik hätte additiv sein müssen.”

3. “AFP-Chef wütend: ‘dapd-Gebaren schadet Image der ganzen Branche'”
(newsroom.de, Bülend Ürük)
Clemens Wortmann, Geschäftsführer der Nachrichtenagentur AFP, wirft der Konkurrenz dapd vor, “den eigenen Textdienst dazu zu missbrauchen, Unwahrheiten über Wettbewerber zu verbreiten”. Weiter bestreitet er, dass die aufgrund Urheberrechtsverletzungen eingeforderten Lizenzgebühren ein Geschäftsmodell seien: “Die Anwälte und der Betreiber der Trackingsoftware erhalten ein angemessenes Honorar, durch das Einfordern von Schadenersatz sind diese Summen jedoch vergleichsweise geringer als bei anderen Modellen der Rechteverfolgung.”

4. “Latest Word on the Trail? I Take It Back”
(nytimes.com, Jeremy W. Peters, englisch)
Auch US-Journalisten sehen sich vermehrt mit Gesprächspartnern konfrontiert, die nur in ein Gespräch einwilligen, wenn sie ihre Zitate danach gegenlesen können. Siehe dazu auch “AP doesn’t let sources approve quotes beforehand” (poynter.org, Steve Myers, englisch)

5. “Mängel in Artikeln finden”
(nzz.ch, Hanna Wick)
Hanna Wick schreibt über Artikel in Fachmagazinen, die nach der Publikation wegen Mängeln zurückgezogen werden müssen und stellt das Blog “Retraction Watch” vor.

6. “Montage: Unboxing the Nexus 7 is fun!”
(youtube.com, Video, 3:23 Minuten)
Unboxing-Videos mit Problemen beim Auspacken.

Betongeflüster

Schauen Sie mal, was man so alles im Internet findet:

“Heilige Scheiße”, ruft der junge Mann im Video.

“Geiler Scheiß”, mögen die Leute bei Bild.de gedacht haben. Sie schnitten das Video neu zusammen und legten einen erläuternden Text darunter:

Das hält selbst der stärkste Bus nicht aus: Eine 2.500 Kilo schwere Betonplatte kracht mit voller Wucht auf das Fahrzeug, fallengelassen von einem Kran im Amsterdamer Stadtzentrum. Schrecksekunde für den Skater, der seinem filmenden Kumpel eigentlich nur seine neuesten Tricks zeigen wollte — doch dann passiert das! Verletzt wurde bei dem Unfall glücklicherweise niemand. Leidtragender nur der Bus, der jetzt mit einem Totalschaden dasteht.

Leidtragende sind allerdings auch die Besucher von Bild.de, denen die Redaktion dieses Video als Dokument eines echten Unfalls verkauft.

In Wahrheit handelt es sich – man hätte es ahnen können – um ein gestelltes Video, wie verschiedene belgische Webseiten seit heute Mittag berichten:

Dass eine Kamera bereitstand und dass der Skater Jaasir Linger Zeuge des Unfalls war, ist kein Zufall. Der ganze Film ist inszeniert. Er ist der Start einer Kampagne gegen die Unsicherheit auf Baustellen in den Niederlanden.

(Übersetzung von uns.)

Weiter heißt es in den Artikeln, dass die Macher der Kampagne jetzt Ärger mit der Verkehrsgesellschaft hätten: Die hatte den Bus abgeschrieben und verkauft, im Video ist aber noch ihr Logo zu sehen, das die Käufer hätten entfernen müssen.

Dass Bild.de wegen der Geschichte Ärger bekommt, ist eher unwahrscheinlich.

Mit Dank an “Mutti”.

Nachtrag, 16. Juli: Auch der Online-Video-Dienst “Zoom In” verkauft seinen Zuschauern den Unfall als echt — zumindest denen, die beim Off-Kommentar nicht sofort eingeschlafen sind. Zu sehen z.B. auf t-online.de.

Mit Dank an Sven K.

Wer ist hier der Chef?

Seit die Menschheit denken kann, wird sie von existenziellen Fragen gequält: “Was ist der Sinn des Lebens?”, “Gibt es ein Leben nach dem Tod?”, “Was ist in der Big-Mac-Sauce eigentlich drin?”, …

Immerhin auf eine dieser Fragen hat Bild.de die Antwort gefunden:

Millionen Hamburger-Fans wollten es schon immer mal wissen: Was ist in der Big-Mac-Sauce eigentlich drin? Nun erreichte diese Frage auch McDonald’s in Kanada — und die Antwort gibt es per Video im Netz: Der Chef persönlich steht in der Küche und erklärt, dass es eigentlich gar kein Geheimrezept ist, denn alles stehe schon lange im Internet.

Mal davon ab, dass die genaue Zusammensetzung der Sauce auch nach dem Betrachten des Videos ein Betriebsgeheimnis bleibt: Der Mann ist nicht “der Chef persönlich” — jedenfalls nicht das, was man in Deutschland gemeinhin unter dem Chef eines Unternehmens versteht.

Wenn Sie mal schauen wollen:

Fastfood für zuhause: McDonald

In der Bauchbinde des Videos steht zwar “executive chef”, aber das ist ein “falscher Freund”. Machen wir doch einfache eine kurze Reise durch verschiedene Sprachen, Jahrhunderte und Küchen:

Das französische “chef” (abgeleitet vom lateinischen “caput” = “Kopf”), das im 17. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde, steht für einen Vorgesetzten oder Leiter einer Organisation. Der “chef de cuisine” ist entsprechend der “Leiter der Küche”. Dieser Begriff wurde im Englischen auf “chef” gekürzt, so dass “chef” dort nun sehr allgemein für “Koch” steht.

Dan Coudreaut, der Mann im Video, ist der “executive chef”, also der leitende Koch, von McDonald’s in Nordamerika. Er ist verantwortlich für die Entwicklung neuer Produkte und Rezepte.

Mit Dank an KiMasterLian und Andreas H.

Nachtrag, 13. Juli: Bild.de hat Dan Coudreaut im Text und in der Überschrift zum “Koch” gemacht, im Video ist er immer noch “Chef”. (In der URL war interessanterweise von Anfang an von einem “Koch” die Rede.)

Nachruf, Diplomzeugnis, Gastrokritiker

6 vor 9

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1. “Die ‘New York Times’ lässt Verstorbene selbst zu Wort kommen”
(nzz.ch, Thomas Schuler)
Hintergründe zu den Nachrufen der “New York Times”. “Das Schreiben von Nachrufen ist eine Berufung und Auszeichnung, keine Strafe. Die Arbeit bedeutet nicht Abstieg, sondern ist Station oder gar Krönung einer journalistischen Karriere.”

2. “Shakespeare statt kritischer Nachfragen”
(taz.de, Steffen Grimberg)
Jürgen Todenhöfer befragte im ARD-“Weltspiegel” Baschar al-Assad (Video und Abschrift auf tagesschau.de): “Todenhöfer darf nicht nachfragen, auf noch so abwegige Antworten im auf Englisch geführten Gespräch nicht eingehen: ‘To leave or not to leave – this is about the Syrian people’, versucht sich Assad als Ersatz-Shakespeare auf Todenhöfers Frage, ob er nicht eigentlich abtreten müsse. Auch die Kameras stellt das syrische Staatsfernsehen, der Präsident blieb für die ARD tabu.”

3. “Vorgestellt: Top-Themen 2012”
(derblindefleck.de)
Die Initiative Nachrichtenaufklärung identifiziert auch 2012 zehn der “wichtigsten von den Medien vernachlässigten Themen und Nachrichten”: “1: Keine Rente für arbeitende Gefangene, 2. HIV-positiv auf dem Arbeitsmarkt: Kein Rechtsschutz gegen Diskriminierung, 3. Die Antibabypille – gefährliches Lifestyle-Medikament, 4: Weiterbildung zum Hungerlohn, 5: Hartz IV bei Krankheit – kein Thema, 6: Vergessene Zivilprozesse, 7. Gekaufte Kundenbewertungen im Internet, 8. Miserable Zustände in europäischen Haftanstalten, 9. Die undurchsichtige Industrie humanitärer Hilfe, 10. Betrugsanfälligkeit von Drogentests.”

4. “Gegenrede”
(marcus-boesch.de)
Marcus Bösch antwortet auf die Rede “7 Wege zum digitalen Qualitätsjournalismus” von Stephan Weichert.

5. “25 Things to Know Before You Become a Restaurant Critic”
(washingtonian.com, Jessica Voelker, englisch)
Was man wissen sollte, bevor man den Beruf des Gastrokritikers ergreift: “Every time you eat in someone’s home, someone will say, ‘How many stars would you give this?'”.

6. “Das kleine philosophische Manifest”
(youtube.com, Video, 9:44 Minuten)
David Wendefilm verbrennt in einer Protestaktion während einer Philosophievorlesung an der Universität Wien sein Diplomzeugnis. Siehe dazu auch “Was man mit einem Philosophieabschluss machen kann” (derblindehund.wordpress.com) und “Brennende Fragen” (phaidon.philo.at, Andyk).

Google, Gottesteilchen, Tierspital

6 vor 9

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1. “Lügen fürs Leistungsschutzrecht (1)”
(stefan-niggemeier.de)
Google ermöglicht es Websites, auszuwählen, ob ihre Artikel in den Suchresultaten gar nicht, nur mit dem Titel oder mit dem Titel und kurzen Ausschnitten aus dem Text (Snippets) erscheinen sollen. Der Konzerngeschäftsführer “Public Affairs” der Axel Springer AG, Christoph Keese, behauptet dennoch das Gegenteil: “Doch genau diese Differenzierungsmöglichkeit bietet Google wie die allermeisten anderen Aggregatoren nicht an.”

2. “Liebe Medien: Das Higgs-Boson ist kein ‘Gottesteilchen’!”
(scienceblogs.de, Florian Freistetter)
“Kein Wissenschaftler” nenne das Elementarteilchen Higgs-Boson “Gottesteilchen”, schreibt Florian Freistetter: “Der Name ist komplett unpassend, hat nichts mit Wissenschaft zu tun oder den Eigenschaften des Higgs-Bosons. Er erzeugt ein völlig falsches Bild.”

3. “Wie der Begriff ‘Döner-Morde’ entstand”
(spiegel.de, Christian Fuchs)
Christian Fuchs rollt nochmals auf, wie die Ermordung von Kleinunternehmern durch Neonazis in den Medien zu den “Döner-Morden” wurde.

4. “The view from inside Syria’s propaganda machine”
(bbc.co.uk, Video, 2:28 Minuten, englisch)
Bevor er in die Türkei flüchtete, arbeitete Ghatan Sleiba für den TV-Sender Al-Akhbariya, dessen Inhalte von der Baath-Partei bestimmt werden: “Syrian citizens don’t know anything – they don’t know what to say – so we tell them what to say on TV in order to get the best report that we can.”

5. “Liebling, ich habe ein Viral kreiert – Wie konnte das passieren?”
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz)
Das Video “Gratis-BILD Unboxing” wird über 110.000 Mal angesehen. Ersteller Jannis Kucharz denkt darüber nach: “Was zählt ist der Inhalt. Diese alte, bärtige Weisheit hat auch mein Video wieder einmal bestätigt: Ein simpler und, bei aller Bescheidenheit, guter Gag schlägt hohen Produktionsaufwand. Ich habe das Video innerhalb einer Stunde mit meinem iPhone gefilmt, kurz Anfang und Ende drangeklatscht und hochgejagt und wenn man es sich genau anhört, habe ich dabei auch noch den Ton versaut.”

6. “‘Dicke ins Tierspital’ war eine Falschmeldung”
(bernerzeitung.ch, chh)
Newsnet erklärt, warum die eigene Meldung “Dicke Patienten müssen ins Tierspital” falsch war.

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