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Hugo Müller-Voggs Liebe zu den Fakten

“Ha!”, könnte “Bild”-Kolumnist Hugo Müller-Vogg gerufen haben, als er vor zwei Wochen die ARD-Sendung “Hart aber fair” sah. Oskar Lafontaine, Parteivorsitzender der Linken und einer der Lieblingsgegner Müller-Voggs, ließ sich auch durch gutes Zureden von Moderator Frank Plasberg nicht dazu bringen, einen Fehler zuzugeben. Lafontaine hatte am 1. Juni 2008 in der Talkshow “Anne Will” behauptet, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe in Moskau studiert. Tatsächlich hat sie zwar offenbar an einem Jugendaustausch mit Physikstudenten dort teilgenommen, aber nicht regulär studiert. Lafontaine beharrte aber darauf, bei Anne Will die Wahrheit gesagt zu haben.

“Ha! Schon wieder!”, könnte Hugo Müller-Vogg also gerufen und sich auf die Schenkel gehauen haben, denn den Fehler hatte er ihm damals schon in seiner “Bild”-Kolumne vorgeworfen. Und so verfasste er einen neuen Text mit der Überschrift “Lafontaine wiederholt die Mär von Merkels Moskau-Studium” und schrieb:

Das war dumm, um nicht zu sagen: falsch. Vielleicht hatte sich Müller-Vogg ein bisschen zu triumphierend auf die Schenkel gehauen, aber genau das hatte Lafontaine nicht gesagt. Im Gegenteil: Trotz allen Beharrens hatte Lafontaine seine Aussage über Merkel relativiert und ausdrücklich betont, Merkel habe als Austauschstudentin kein “reguläres Semester” in Moskau absolviert. Das kann man sich sogar im Original auf der Internetseite zur Sendung ansehen.

Anstelle einer Berichtigung veröffentlichte “Bild” am vergangenen Dienstag eine Gegendarstellung Lafontaines:

Bei Bild.de ist Müller-Voggs fehlerhafter Text ohne eine Erklärung entfernt worden.

Bei dem Hugo Müller-Vogg, der Lafontaine (möglicherweise nicht zu unrecht) vorwarf, dass ihm Fakten egal seien und er keine Fehler eingestehen könne, handelt es sich nach unseren Recherchen übrigens um denselben Hugo Müller-Vogg, der seinen Text mitsamt dem groben Fehler bis heute uneingestanden und unkorrigiert auf seiner Homepage verbreitet.

Nachtrag, 26. September, 13:00 Uhr. Der Artikel ist von Hugo Müller-Voggs Homepage verschwunden.

Nachtrag, 26. September, 15:50 Uhr. Hugo Müller-Voggs Internetseite gibt es in den drei Geschmacksrichtungen “classic”, “bold” und “modern”, was ihm die Möglichkeit zu einem differenzierten Umgang mit seinen Fehlern gibt. Anders gesagt: In der Variante “modern” hält er noch an seiner falschen Darstellung fest.

Mit Dank an Christopher und Lothar W.!

6 vor 9

1. “Berichterstattung bei Geiselnahme”
(taz.de, Karim El-Gawhary)
Karim El-Gawhary klärt auf über die Hilflosigkeit von Korrespondenten, von denen stündlich News gefordert wird, die aber auch nicht mehr wissen als die Redaktion zuhause: “Fakt ist, dass eine Gruppe von 11 Touristen und ihre acht ägyptischen Begleiter verschleppt wurden. Wir wissen nicht von wem, wir haben in Wirklichkeit keine Ahnung wie die Forderungen der Entführer lauten, wir wissen nicht einmal genau wer mit wem verhandelt.”

2. “Die Zeitungsnutzung der Generation ‘Twitter'”
(relevantmedianow.typepad.com, Stephan Sperling)
Stephan Sperling beweist, dass auch Twitterer Zeitung lesen. Es ist also nur fast alles, nicht ganz alles verloren.

3. “Knuts Papa, die Zeitungen und das Internet”
(medienpiraten.tv, Peer Schader)
Was ist Medienkompetenz heute? Wenn eine 22jährige im Internet Fact-checking macht, nachdem sie etwas im Fernsehen gesehen hat. Das Zitat des Tages, festgehalten vom Berliner Kurier, lautet so: “Als die Meldung im Fernsehen kam, habe ich im Internet nachgesehen, ob es wirklich stimmt.”

4. “ARD und ZDF im Internet”
(focus.de, Frank Fleschner)
“Mit neuen Google-Diensten lässt sich jetzt abschätzen, wie mächtig ARD und ZDF im Internet sind.”

5. “Mitten in der Revolution”
(faz.net, Marcus Theurer)
“1,2 Millionen ‘Bravo’-Hefte verkaufte Deutschlands größtes Zeitschriftenhaus, der Heinrich Bauer Verlag, noch im Jahr 1998 Woche für Woche. Heute, nur zehn Jahre später, ist die Auflage auf knapp 500.000 Exemplare geschmolzen. Dazwischen liegt mit der Geburt des Internets als Massenmedium der Beginn einer Medienrevolution, die mittlerweile in vollem Gang ist.”

6. “Internettourismus: Die Welt auf Vorovoro”
(woz.ch, Mirco Lomoth)
“Auf der Fidschi-Insel Vorovoro lebt eine Gemeinschaft von InternetfreundInnen eine neue Form des Tourismus: natürliches Leben in einem polynesischen Stamm.”

Und “Christel von der Post” war bei der Post

Diese lustige “Bild”-Eigenwerbung haben wir schon länger nicht mehr im Blog gezeigt:

Wir schreiben, was alle schreiben... bloß früher

Heute ist ein guter Tag dafür. Denn heute berichtet “Bild”:

"Cindy aus Marzahn" war Hartz-VI-Empfängerin

Es gibt bestimmt einen Anlass dafür, dass “Bild” heute ein paar biographische Notizen über die Komikern Ilka Bessin veröffentlicht.

Möglicherweise, dass RTL vor fünf Tagen den ersten Teil ihrer Bühnenshow ausgestrahlt hat (was “Bild” allerdings nicht erwähnt). Eventuell, dass RTL in zwei Tagen den zweiten Teil ihrer Bühnenshow ausstrahlen wird (was “Bild” allerdings nicht erwähnt). Vielleicht, dass vergangene Woche eine DVD mit dem Bühnenprogramm von “Cindy aus Marzahn” herausgekommen ist (was “Bild” allerdings nicht erwähnt). Womöglich, dass sie übermorgen im Großen Saal in Erfurt auftritt (was “Bild” allerdings nicht erwähnt). Oder sogar, dass es fast auf den Tag genau fünf Monate her ist, dass sie zum Thema “Arme ärmer, Reiche reicher” in der ARD-Talkshow “Anne Will” zu Gast war (was “Bild” allerdings nicht erwähnt).

Unter Umständen ist Anlass aber auch nur, dass sich in diesen Wochen der Tag jähren müsste, an dem es — außer “Bild” — kein Medium in Deutschland mehr gab, das noch nicht darüber berichtet hat, dass Ilka Bessin, die “Cindy aus Marzahn”, früher selbst mehrere Jahre arbeitslos bzw. Hartz-IV-Empfängerin war*.

Lesen Sie deshalb morgen in “Bild”:

  • Erster Mann auf dem Mond.
  • Hitler-Tagebücher nur gefälscht.
  • Und: Heinz Rühmann ist tot!
*) z.B. “Tagesspiegel”, 10. Februar 2007; “Berliner Kurier”, 30. März 2007; “Berliner Morgenpost”, 8. April 2007, “Der Spiegel”, 14. Mai 2007; “Express”, 18. Oktober 2007.

Als würde ein Heroindealer für Abstinenz kämpfen

Nikolaus Blome, der Leiter des Parlamentsbüros der “Bild”-Zeitung, hat ein Buch darüber geschrieben, dass Politiker besser seien als ihr Ruf. “Faul, korrupt und machtbesessen?” heißt es — und wurde gestern vom designierten SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering vorgestellt. Die “taz” kommentiert:

Eigentlich ist Blomes Polemik ein seltsames Unterfangen. Dass ausgerechnet ein Bild-Redakteur die allgemeine Politikerverachtung geißelt, ist ungefähr so, als würde ein Heroindealer eine Kampfschrift für Abstinenzler schreiben. Denn Bild ist das Zentralorgan der Politikerverachtung, der gezielten Aufwiegelung und kalkulierten Wutwellen, die gegen raffgierige, faule, dumme Politiker ins Rollen gebracht werden. Auch wenn Politiker bloß tun, was das Bundesverfassungsgericht über ihre Diäten entschieden hat, stopfen sie sich laut Bild die Taschen voll. Davon sagt Müntefering kein Wort. Er macht noch nicht mal einen Witz darüber. Man redet im Haus des Henkers nicht über den Strick.

Oder wie es Bild.de unfreiwillig treffend formuliert:

Faul, korrupt und machtversessen? Warum Politiker besser sind als ihr Ruf — das weiß Nikolaus Blome, der darüber ein Buch geschrieben hat. Er muss es wissen. Denn er ist Leiter des “Bild”-Parlamentsbüros.

Nachtrag, 16:00 Uhr. Und “Zeit Online” berichtet über die Präsentation:

Aber noch etwas lernt der Zuhörer an diesem Tag. Nicht nur Politiker sind besser als ihr Ruf, sondern auch die Journalisten, allen voran natürlich die der Bild-Zeitung, die jedem Politiker, der sich als all zu menschlich entpuppt und seine ganz persönlichen Schwächen offenbart, eine besonders große Schlagzeile widmet. Deshalb findet sich in dem Buch auch kein Kapitel mit der Überschrift “Journalistenbeschimpfung”. Nein, das habe er nicht vergessen, wehrt Nikolaus Blome eine entsprechende Frage ab. Denn die schreibende Zunft könne doch wirklich nichts dafür, dass das Volk so schlecht von seinen Politikern denke. “Die Journalisten sind nur Transmissionsriemen”, sagt der Buchautor und hebt unschuldig die Hände: “Wir haben die Vorurteile nicht erfunden”.

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an Henning S.!

6 vor 9

1. “Lesergenerierte Literatur”
(perlentaucher.de, Rüdiger Wischenbart)
“Während man in Deutschland langsam Kindle und Co. zur Kenntnis nimmt, sind die Chinesen schon viel weiter: Literatur auf Papier gilt als uncool, und chinesische Nasdaq-Konzerne investieren in Online-Bücher.”

2. “Der freie Fall der Seh-Linie”
(sueddeutsche.de, Bernd Graff)
In Deutschland ist man mit dem Online-Lesen noch nicht ganz so weit. Bernd Graff glaubt stattdessen, ein Mann, der seine Sekretärin anwies, “ihm jedes Dokument und jede E-Mail auszudrucken”, “hatte vielleicht recht”. Grundlage: Eine nicht repräsentative Studie, für die gerade einmal 232 Personen untersucht wurden. Herausgefunden hat die Studie nicht mehr, als dass Leser online anders lesen als auf Papier.

3. “Da, wo es wehtut”
(tagesspiegel.de, Deike Diening und Philipp Lichterbeck)
“Der Fotograf Sebastião Salgado, 64, lebt für seine Sozial-Reportagen monatelang unter Armen, in der Wüste oder im Dschungel. Doch wie entstehen seine Bilder?”

4. “Warum Serienzuschauer immer schlauer werden”
(welt.de, Ulf Poschardt)
“Einst waren schräge Produktion wie ‘Dr. House’ etwas für kleine und eher elitäre Zirkel. Doch inzwischen sind solche US-Serien zum kulturellen Leitmedium avanciert. Die Folge: Auch deutsche Sender führen in diesem Herbst Serien ein, die bisher als zu speziell für ein größeres Publikum galten.”

5. “State of the Blogosphere / 2008”
(technorati.com)
Teil eins der jährlichen Blogstudie von Technorati. Über die Blogger heisst es: “Blogging is having an incredibly positive impact on their lives, with bloggers receiving speaking or publishing opportunities, career advancement, and personal satisfaction.”

6. Interview mit Jack Dorsey, CEO von Twitter
(iwantmedia.com, Patrick Phillips)
Der CEO von Twitter glaubt nicht, dass twittern die Zeitungen oder die Blogs ablöst: “We will always need a medium that carries more words and explores a topic in a greater detail. We will always need more journalistic research. We will always need video and images. Twitter doesn’t replace any of those things. But it complements them quite well.”

6 vor 9

1. “Bald reden Nachrichtensprecher Google-optimiert”
(faz.net, Holger Schmidt)
“Suchmaschinenoptimierer sind die neuen Heilsbringer der Verlage. Sie bringen die Artikel auf den Trefferlisten von Google und Co. möglichst weit nach oben. Doch alle Tricks helfen auf Dauer nicht. Am Ende entscheiden die Inhalte.”

2. Barbara Lüthi, “CNN Journalist of the Year 2008”
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Die Preisträgerin der Kategorie TV im Interview: “Gerade wenn man in China arbeitet, muss man das Risiko einschätzen können. Das wichtigste ist, dass ich meine Quellen schützen kann. Ebenfalls Priorität geniesst die Sicherheit meines Teams. Ich drehe heikle Geschichten zum Beispiel nie mit einem chinesischen Kameramann. Dieser würde bei einer Festnahme viel länger inhaftiert bleiben, als ein Ausländer.”

3. “Gratis 2.0 – Strohfeuer oder Feuerwerk?”
(ejo.ch, Marlis Prinzing)
“Nirgendwo in Europa werden gegenwärtig mehr Gratistageszeitungen pro Kopf gedruckt als in der Deutschschweiz.”

4. “Medien und Lobbyismus”
(fr-online.de, Thomas Klatt)
“Der Kommunikationsfachmann Klaus Kocks wirft der vierten Gewalt im Staat Speichelleckerei und Faulheit vor. ‘Die PR-Leute müssen den Journalisten gar nicht mehr hinterher rennen, die Situation hat sich völlig gedreht’, meint Kocks. Auch Journalisten ließen sich gerne durch Fünf-Sterne-Kongresse und Vergünstigungen umgarnen.”

5. “Falschmeldung der Tagesthemen zu Exit”
(burks.de, Burkhard Schröder)
“Die eigentliche Falschmeldung ist aber die These, das Bundesarbeitsministerium habe den Förderantrag von Exit abgelehnt. Offenbar hielt es die Redaktion der ‘Tagesthemen’ noch nicht einmal für nötig, dort nachzufragen. Ich habe es getan. Der Antrag war noch gar nicht beschieden worden und wies auch, wie bei anderen Antragstellern, formale Mängel auf.”

6. Über Blogs von Filmschaffenden
(epd-film.de, Alexander Gajic)
“Filmschaffende aus allen Sparten nutzen das Internet zur Selbstverwirk­lichung. Und natürlich auch zur Vermarktung ihrer Filme. Von Gandalfs Mittelerde-Tagebuch bis zu Zack Snyders Watchmen-Prophezeiungen.”

  

Nicolaus Fests verkleideter Rassismus

Ein Gastbeitrag von Carolin Emcke

Nicolaus Fests Plädoyer gegen die kulturelle Vielfalt auf Bild.de

Wäre dieser Text von einem muslimischen Autoren geschrieben — alle hätten aufgeschrieen und einen Aufruf zum aggressiven “Dijihad” darin ausgemacht, einen Angriff auf unsere westlichen Werte der Glaubensfreiheit und Toleranz, der Liberalität und Demokratie. Weil dieser Text aber von Dr. Nikolaus Fest, Mitglied der “Bild”-Chefredaktion, verfasst wurde, regt sich niemand darüber auf.

Es ist erstaunlich, was er da unter der Rubrik “Hieb und StichFest” präsentiert und treffender mit “Grob und Schlächtig” betitelt wäre. Es ist ein pseudohistorisch verkleideter Rassismus und eine gar nicht verkleidete Aufforderung zur Homogenisierung unserer offenen Gesellschaften. Wie diese kulturelle Vereinheitlichung aussehen soll, ob durch Einreiseverbot, Zwangskonversion, Vertreibung, Deportation oder Völkermord, dazu schweigt der Autor. Das dürfen sich die Leser selbst ausmalen.

Fest argumentiert, dass plurale Gesellschaften, die Angehörige verschiedener religiöser oder kultureller Identitäten vereinen, immer und automatisch interkulturelle Konflikte zwischen diesen Gruppen produzieren. Kulturelle Differenzen deutet Fest immer als Kämpfe um Macht. “Vielvölkerstaaten” bergen somit nach Fest qua definitionem den Quell von Verwerfungen und Völkermord. Als eine Wurzel des Übels der Kriege des 20. Jahrhunderts macht Fest sodann das Selbstbestimmungsrecht der Völker aus, weil es “in der Praxis Unheil über Millionen Menschen” gebracht habe. Letzlich hätten diese Vernichtungszüge aber, so Fest, immerhin “homogene Gesellschaften” gebracht, und “damit vielen europäischen Ländern Frieden und Stabilität.”

Begrifflich wirr und analytisch unlogisch

Um Fests Argumentation prägnant zu formulieren: Kulturelle Vielfalt bedeutet kulturelle Differenzen bedeutet Konflikt und Krieg. Das heißt im Umkehrschluß: Kulturelle Einheit bedeutet staatlichen Frieden. Und das bedeutet in der Folge: Es gibt gute und schlechte Konflikte und Kriege — solche, die die Vielheit der Kulturen herstellen (schlecht), und solche, die sie beseitigen (gut), denn die Beseitigung von kultureller Vielheit bedeutet “Frieden und Stabilität”.

Das ist ein jederlich Hinsicht wahnwitziges Argument: begrifflich wirr und analytisch unlogisch, normativ zudem unfassbar illegitim und unmoralisch.

Zunächst einmal bleibt völlig unklar, worüber Fest eigentlich spricht. Die historischen Beispiele, die er anführt, taugen alle nur als Belege für den Einfluss von Immigration und Geburtenrate auf das politische Gemeinwesen. Es sind empirisch-historisch gänzlich unterschiedliche Fälle von Einwanderung — freiwillige und unfreiwillige Migration werden hier ebenso zusammengerührt wie Einwanderung und Kolonisation — und es bleibt unklar, inwieweit damit heutige Formen der pluralen Gesellschaften verglichen werden sollen: Die Migration vietnamesischer Bürgerkriegsflüchtlinge in die USA unterscheidet sich von der kosovo-albanischer Flüchtlinge nach Albanien; die indischen Einwander in Südafrika unterscheiden sich von den afghanischen Flüchtlingen in Pakistan; russische Juden oder Russland-Deutsche, die nach Deutschland eingewandert sind, bedeuten ganz unterschiedliche politische Einflüsse auf das Gemeinwesen.

Fest glaubt noch an “Rasse” als sinnvolle Kategorie

Was sollen diese Beispiele also belegen? Wovon spricht Fest? Von jedweder Form der Migration? Von der, die religiöse Verschiedenheit herstellt in einer Gesellschaft? Spricht er von kultureller oder ethnischer Differenz?

Er schreibt:

Wie Religion oder Rasse sind kulturelle Merkmale Unterscheidungskriterien (…).

Dass “Rasse” als analytisch sinnvolle Kategorie sich nicht erst im Zeitalter der ausdifferenzierten Genforschung als Chimäre entpuppt hat, scheint Fest entgangen zu sein. Von allen anderen historisch-politischen Belastungen des Begriffs mal ganz abgesehen.

Bleiben also Religion und Kultur als Merkmale der Differenz in einer Gesellschaft — und damit für Fest auch als Wurzeln von Konflikten.

Und wo immer hinreichend große Kulturen eines Landes aufeinander treffen, kommt es über kurz oder lang zu interkulturellen Konflikten.

Ja, was denn nun? Inter-kulturelle Konflikte? Oder inter-religiöse Konflikte? Und was heisst “hinreichend” groß? Wie quantifiziert man das? Ist das proportional zur Bevölkerungszahl? Und zählen da alle Einwanderergruppen gleich? Oder zählt religiöse Differenz stärker als kulturelle? Bekommen Einwanderer aus muslimischen Ländern noch einen multiplizierenden Faktor — quasi ein Friedlichkeits-Handicap? Und zählen dann Muslime aus, sagen wir: Pakistan, doppelt, gegenüber Muslimen aus Bosnien? Oder bleibt das Konfliktpotential bei allen gleich? Oder werden die gebärfreudigen Einwanderer gleich als besonders unheilstiftende Gruppe ausgemacht?

Fests zentrale These: Kulturelle Vielfalt führt immer zu Konflikten

Entscheidender und analytisch wie politisch relevanter ist die Fest’sche These, kulturelle Vielfalt selbst führe immer und automatisch zu Konflikten. Fest führt keine einzige Erklärung, keinen einzigen systematischen oder phänomenologischen Grund an, warum verschiedene Kulturen oder Religionen miteinander in Konflikt geraten müssten. Fest argumentiert nicht, dass Kulturen sich immer nur in Abgrenzung von anderen definieren können. Fest argumentiert auch nicht, dass Kulturen immer inhärent aggressiv seien. Fest argumentiert in Wahrheit überhaupt nicht.

Die zentrale These seines Textes: Kulturen geraten immer miteinander in Konflikt um Macht — diese These findet keine einzige Begründung in seiner Kolumne.

Fest behauptet nur, und diese Behauptung meint er mit Beispielen von Konflikten belegen zu können. “Pogrome gegen Juden und Hugenotten, gegen Sinti, Sorben oder Sudentendeutsche”, werden ebenso angeführt wie Yugoslawien und das “Baskenland”.

Nun, zunächst zu der Logik, dann zum Inhalt seines Arguments.

Fest argumentiert folgendermaßen: Es gibt Kriege und Konflikte in multikulturellen Gesellschaften, deswegen liegt es an der Multikulturalität selbst, dass es Kriege und Konflikte gibt. Logisch ist das absurd. Dann könnte man auch Folgendes behaupten: Es gibt Konflikte und Scheidungen bei Ehen zwischen Männern und Frauen, deswegen liegt es an der Heterosexualität, dass es Konflikte und Scheidungen gibt.

Historiker, Anthropologen und Soziologen sind sich keineswegen sicher, dass sich das, was da als ethnisch-kulturelle Kriege ausgegeben wird, tatsächlich um Fragen kultureller Autonomie oder religiöser Anerkennung dreht. Nahezu jeder der von Fest benannten Konflikte ließe sich ebenso gut als eine Auseinandersetzung um sozialen Status, um territoriale oder politische Sicherheit oder um ökonomische Privilegien wie Wegerecht, Zoll oder Wasserzugang definieren.

Fest verdreht Ursache und Wirkung, Täter und Opfer

Aber selbst wenn es tatsächlich um Fragen kultureller Autonomie geht, dann scheint es doch abwegig, die Verschiedenheit zum Quell des Unheils zu erklären. An den Pogromen gegen die Juden war doch nicht die kulturelle Vielfalt Schuld, sondern der Antisemitismus, an den Pogromen gegen die Sinti war auch nicht die kulturelle Vielfalt Schuld, sondern der Rassismus. Nicht die, die kulturelle Vielfalt bringen in eine Gesellschaft, sind das Problem, sondern die, die sie nicht akzeptieren.

Fest verdreht Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, Subjekt und Objekt eines Phänomens.

Das von Fest kritisierte Ringen um kulturelle Autonomie wäre gar nicht nötig, wenn kulturelle oder religiöse Minderheiten ihren Glauben oder ihre Lebensform leben könnten. Das Ringen um kulturelle Anerkennung wäre gar nicht nötig, wenn jeder oder jede Angehörige einer Minderheit so leben könnte, wie es die Angehörigen der Mehrheit können. Die Suche nach politischer Mitbestimmung wäre gar nicht nötig, wenn die Einwanderer nicht vorher ausgeschlossen wären. Die Forderung nach Gleichberechtigung wäre gar nicht nötig, wenn es vorher gleiche Rechte gäbe, die Frage der kulturellen Vielfalt selbst tauchte gar nicht auf, wenn niemand nach kultureller Differenz suchte.

Denn, was soll das eigentlich heissen: kulturelle Differenz? Wer bestimmt denn, welche Differenzen politisch relevant sind und welche irrelevant?

Wenn unsere Demokratie wirklich so säkular wäre, wie wir gerne behaupten, wenn unser Grundgesetz wirklich die Würde jedes Menschen nicht nur auf dem Papier verspräche, wenn die Glaubensfreiheit, die uns die Aufklärung überliefert hat, wirklich für jeden Glauben, und nicht nur für den eigenen gelten sollte, warum sollte dann kulturelle oder religiöse Differenz eigentlich eine relevante Differenz sein?

Vielfalt als innovativer Reichtum

Interessant sind übrigens alle jene historischen, empirischen Beispiele, die belegen, wie kulturelle oder religiöse Vielfalt keineswegs per se Konflikte schüren — sondern wie viele Gesellschaften gerade aus dieser Vielfalt eine kreative und politische Kraft entwickeln, die ihren innovativen Reichtum ausmacht. Die Vereinigten Staaten ziehen gerade aus dieser Vielfalt ihren sich selbst immer wieder neu erfindenden Gründungsmythos, sie preisen die Einwanderung, die übrigens immer wieder sich wiederholende und andauernde Einwanderung, als Wurzel ihrer sozialen und intellektuellen Dynamik.

Um ein Beispiel aus einer ganz anderen Region und mit anderem Ausgang zu nehmen: Sarajewo war einmal ein Ort freudigen Miteinanders unterschiedlichster Kulturen und Religionen, vor dem Aufstieg Milosevics in Belgrad empfanden die meisten Bewohner der Stadt sich noch nicht einmal als besonders tolerant oder liberal, die kulturelle Vielfalt war so selbstverständlich, dass sie unbemerkt und unsichtbar war. Erst mit der politischen Demagogie und dem instrumentellen Nationalismus eines Slobodan Milosevic wurde Bosnien bewusst manipulativ “ethnisiert”. Die Konflikte waren keine kulturellen oder ethnischen — sie wurden als solche konstruiert.

Nach Fest ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker Schuld

Aber es kommt bei Fest noch besser:

Spätestens nach Ausrufung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 1918 war keine europäische Regierung an starken Minderheiten und den daraus resultierenden Autonomie-Ansprüchen und innenpolitischen Streitereien interessiert. Es begann die Zeit der großen “ethnischen Säuberungen”.

Aha. Also, das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist Schuld daran, dass “ethnische Säuberungen” durchgeführt wurden. Nicht etwa Rassismus und aggressive Expansionspolitik. Das Instrument, das zum Schutz bereits verfolgter Minderheiten entwickelt wurde, ist Schuld an der Verfolgung dieser Minderheiten.

Überall wurde umgebracht, deportiert und vertrieben: die Deutschen aus Russland, Polen und Tschechei, die Tschechen aus Ungarn, die Ungarn aus Polen, und vice versa und immer fort.

Upps. Da hat Dr. Fest aber den Zweiten Weltkrieg und die Ermordung der europäischen Juden einfach mal weggelassen.

Angesichts dessen ist die hohe Meinung, die manche von der freien innereuropäischen Wahl des Wohnortes wie vom multikulturellen Zusammenleben haben, ebenso erstaunlich wie die Leichtfertigkeit, mit der Deutschland zum Einwanderungsland erklärt wird. Nachdem vor nicht einmal 80 Jahren ganze Völkerschaften der inneren Stabilität Europas geopfert wurden, scheinen die Vorteile homogener Gesellschaften inzwischen fast vergessen.

Das gab es so explizit wirklich lange nicht mehr zu lesen von Autoren, die nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Fest stellt also nicht nur das Zusammenleben mit anderen Europäern infrage, indem er sich daran stört, dass die einfach zu uns ziehen dürfen, Fest stört sich an der kulturellen Vielfalt selbst. Für die Verwüstung Europas und die Vernichtung der europäischen Juden, Sinti und Roma und aller anderen als different und abartig erklärten Gruppen macht Fest damit implizit eben diese Gruppen, die eine kulturelle Vielfalt erst bedeuten, selbst verantwortlich.

Die Vorteile homogener Gesellschaft [scheinen] inzwischen fast vergessen.

“Die Vorteile homogener Gesellschaften”? Worin sollen die bestehen? In Friedfertigkeit und Stabilität? In der Fähigkeit, Vertreibung und Völkermord zu vermeiden? Sollten wir die kulturelle und religiöse Vielfalt deswegen abschaffen? Wie? Durch Vertreibung und Völkermord? Und wo sollten wir damit beginnen? Mit der Homogenisierung, die uns Frieden und Stabilität brächte?

Bei den Deutsch-Türken am Fließband von Mercedes Benz in Stuttgart? Bei dem venezolanischen Kontrabassisten der Berliner Philharmoniker? Bei den bosnischen Krankenpflegerinnen in den Kliniken in ganz Deutschland? Bei dem deutsch-polnischen Sturm-Duo der Fussball-Nationalmannschaft? Bei der kasachischen Nachtschwester, die mit mir zusammen, meine Mutter bis zu ihrem Tod begleitet hat? Bei den jungen deutsch-sprachigen Autoren, wie Terezia Moira, Navid Kermani, Feridun Zaimoglu oder Sasa Stanisic, die das Goethe Institut in aller Welt als Vorzeige-Künstler präsentiert?

Es gibt kein homogenes Deutschland, und wer es schaffen will: durch Abschottung, Vertreibung oder Völkermord, der schafft nicht nur die kulturelle Vielfalt ab, sondern Deutschland selbst.

 
Carolin Emcke ist freie Reporterin und Buchautorin. Sie hat über den Begriff “kollektive Identitäten” promoviert und als Redakteurin für den “Spiegel” aus Krisengebieten wie Afghanistan, Pakistan, Irak und Kolumbien berichtet. Für ihren Artikel “Stumme Gewalt” im Magazin “Zeit Leben” über den Mord an Alfred Herrhausen, der ihr Freund und Mentor war, ist sie in diesem Jahr mit dem Theodor-Wolff-Preis augezeichnet worden.

carolin-emcke.de

6 vor 9

1. “Blame it on the Internet”
(coffeeandtv.de, Lukas)
“Dass die ‘Süddeutsche Zeitung’ ein eher gespaltenes Verhältnis zum Internet hat, ist ja schon länger bekannt. Insofern überrascht es wenig, dass vorgestern ein Artikel erschien, der diesen ganzen Internetkram und vor allem Google mal wieder als den Untergang von Abendland, Weltwirtschaft und Qualitätsjournalismus beschrieb.”

2. “Ypsilanti könnte zur Spaßbremse für Radiomacher werden”
(blogmedien.de, Horst Müller)
“‘Radio ffn’ hat richtig Ärger wegen eines Telefonstreichs [youtube.com] mit der hessischen SPD-Fraktionschefin Andrea Ypsilanti, obwohl das Stück vom Sender gar nicht ausgestrahlt wurde. Die Sache könnte sich durchaus zum Problem für viele Radiomacher entwickeln.”

3. Befragung des ZDF-Programmdirektors Nikolaus Brender
(cicero.de, Thomas Schuler)
“Unter Programmplanern gilt die Faustregel, dass jüngere Leute Sender wählen, die Spielfilme, Serien und Live-Sport bieten, bei Informationsprogrammen dagegen eher um- oder abschalten. Die Allzweckwaffe des ZDF heißt deshalb Johannes B. Kerner. Er moderiert für Brender Sport und für Bellut Talk. Ein Grund für die ‘Kernerisierung’ des ZDF ist, dass der Moderator unter den Talksendungen am Abend junge Zuschauer anspreche.”

4. Interview mit WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus
(sueddeutsche.de, Caspar Busse und Dirk Graalmann)
Der WAZ-Geschäftsführer glaubt an das Geschäftsmodell Zeitung und an das Unmögliche: “Ich erwarte noch bessere Qualität zu geringeren Kosten” und “Ziel ist, die Qualität zu erhöhen und gleichzeitig Kosten zu sparen.” Immerhin sieht er ein: “Es ist einfach nicht sinnvoll, dass bei einem Spiel von Borussia Dortmund vier Redakteure von vier Titeln im Stadion sitzen, die vier mehr oder weniger gleiche Artikel schreiben.”

5. Am Jahreskongress der Schweizer Presse
(medienheft.ch, Wolf Ludwig)
“Gleich zum Auftakt des Programms gab’s die erste verpasste Chance. Denn die versammelten Chefredakteure auf dem Podium sprachen bei der Debatte über ‘Neue Medien – neue Chancen?’ und die ‘Herausforderungen des Journalismus’ hauptsächlich über Geld, Rendite und Auflagen. Bernhard Weissberg, Chefredaktor ‘Blick’, machte noch einen anderen Widerspruch deutlich: ‘Wenn der Verlegerverband über Neue Medien spricht, lädt er Zeitungsvertreter ein’, kommentierte er bissig.”

6. “Internet pur”
(freitag.de, Mathias Mertens)
“Zehn Jahre, ein Logo und ein bisschen Weiß: Die falsche Vorstellung hinter der richtigen Kritik an Google.”

“Bild” macht sich einen Sport aus Beleidigungen

Die Sache war “Bild” auch außerhalb des Reviers eine große Ankündigung oben auf der Titelseite (Ausriss rechts) wert: Die “Bild”-Reporter Christian Kitsch und Peter Wenzel berichteten, dass Marcelo Bordon, der Kapitän von Schalke 04, nach dem Spiel gegen Borussia Dortmund im Kabinengang ausgerastet sei:

Der Brasilianer beleidigte Schiri Lutz Wagner (45, Hofheim) als “Hure”. Schimpfte zuerst Richtung Journalisten: “So ein Schiri. Fragt ihn, was los ist.” Dann brüllte er zweimal das Wort “puta”, portugiesisch für Hure.

Es scheint sich um eine exklusive Information der “Bild”-Zeitung gehandelt zu haben. Sie machte Furore. Am nächsten Tag konnte “Bild” melden, dass der DFB nun “wegen der Pöbel-Attacken” gegen Bordon ermittle, zeigte noch einmal die eigenen Schlagzeilen vom Vortag und wiederholte:

Bordon hatte Schiri Lutz Wagner im Kabinengang auf Portugiesisch als “Hure” beleidigt.

Aber irgendwann im Lauf des gestrigen Mittwochs verschwanden die beiden Artikel und ein weiterer zum Thema kommentarlos aus dem Online-Angebot der “Bild”-Zeitung. Es scheint, als hätte “Bild” schon vor der heute stattfindenden Verhandlung des DFB nicht mehr an die eigene Geschichte geglaubt; womöglich half ein bisschen Druck durch den Verein nach (ohne Not löscht Bild.de nach unserer Erfahrung auch falsche Artikel nicht). Üblicherweise bietet “Bild” in solchen Fällen an, quasi zum Ausgleich ein großes, freundliches Stück zu bringen.

Einen Anlass hätte “Bild” morgen dazu ohnehin. Denn der DFB-Kontrollausschuss hat das Verfahren gegen Bordon (ebenso wie eines gegen seinen Mitspieler Mladen Krstajic) heute mangels Beweisen eingestellt. Bordon bestritt den von “Bild” erhobenen Vorwurf. Der Manager von Schalke 04, Andreas Müller, sagte, die als Beweismittel ausgewerteten Fernsehbilder hätten deutlich gemacht, “dass Marcelo absolut nichts gesagt hat, was als Beleidigung aufgefasst werden kann. Er hatte sich völlig unter Kontrolle.”

Für die Fußballzeitung “Kicker” ging es in dem Verfahren gegen die Schalker Spieler heute auch um eine grundsätzliche Frage. Der “Kicker” kommentierte (noch vor der Entscheidung):

Sicher, der Kontrollausschuss muss ermitteln, wenn Bild titelt: “Bordon beleidigt Schiri als Hure.” Und wenn aus Krstajics Aussage “zum Schluss haben wir neun gegen 14 gespielt” ein “klarer Vorwurf der Parteilichkeit” abgeleitet wird. Dass Krstajic Referee Lutz Wagner bei dessen erwiesenen Fehlentscheidungen damit Absicht unterstellte, ist freilich ebenso konstruiert wie Bordons Attacke.

Als Bordon und Kollegen Richtung Kabine stapften, fiel aus deren Kreis das Wörtchen “puta”, das “Hure” bedeutet. Wem der Fluch und ob er überhaupt einem konkreten Adressaten galt, bleibt Interpretation. (…) Der Tatbestand der Beleidigung lässt sich so nicht erfüllen. Konkretere Angriffe auf Unparteiische gab es schon zuhauf, die nur nicht Gegenstand journalistischer “Anklage” wurden. (…) Der Ausgang des “Falls” Bordon/Krstajic beantwortet also auch die Frage, ob im deutschen Fußball die Gewaltenteilung zwischen Medienmacht und Sportgerichtsbarkeit weiter intakt ist.

Die Einstellung der Verfahren gegen die Schalker Spieler war nicht die einzige Niederlage, die “Bild” heute vor dem Sportgericht erlitt. Der Kontrollausschuss stellte auch das Verfahren gegen den Trainer des VfL Osnabrück, Claus-Dieter “Pele” Wollitz, ein. Der DFB teilte mit:

Wollitz stand unter dem Verdacht, sich unsportlich geäußert zu haben. In einer Stellungnahme an den Kontrollausschuss bestreitet er diesen Vorwurf.

Auch in diesem Fall war es die “Bild”-Zeitung, die den Verdacht geäußert hatte (natürlich auch in diesem Fall als Tatsachenbehauptung) und die Ermittlungen des DFB auslöste. Sie berichtete gestern unter der Überschrift “Ganz übel! Wollitz beschimpft Oral” über einen Auftritt Wollitz’ vor den Kameras des DSF:

Im gleichen Filmausschnitt wütet der herum und schreit in Richtung FSV-Trainer Tomas Oral “Was ist das denn für’n Wichser?”. Der Ausschnitt liegt BILD vor.

Uns auch (Szene ab 6:00), nur wären wir uns nicht so sicher, das Wollitz darin das sagt, was “Bild” sagt, was er sagt. Und der DFB erklärte nun bündig:

Nach Auswertung der vorliegenden Beweismittel hat sich der Tatverdacht nicht bestätigt.

Mit Dank an Joern T., Torsten B., Tobias L. und Irene!

Wie “Bild” der Zigarettenlobby den Weg teerte


Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre war die Welt noch halbwegs in Ordnung. Die “Bild”-Zeitung hatte noch weit über vier Millionen Käufer, und man durfte ungestraft in der Öffentlichkeit rauchen.

Die “Bild”-Zeitung unter Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, selbst Raucher, war damals ein Raucher-Blatt. Eine Nachricht wie “Passivrauchen schadet nicht” (siehe Ausriss oben) brachte es im Februar 1990 zum “Thema des Tages”. Im Juni 1989 durfte “Zigaretten-Präsident” Günter Wille via “Bild”-Zeitung “Bonn den Krieg” erklären, Raucher zum Wahlboykott aufrufen (siehe Ausriss) und sich in einem längeren Interview mit Tiedje und einem Kollegen darüber echauffieren, dass “Bonn und die EG” die Zigarettenhersteller dazu zwingen wollten, “künftig quer über jede Zigarettenschachtel eine Raucher-Warnung” zu drucken. Wille, damals Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) und Chef von Philip Morris, sagte im Interview unwidersprochen:

“Die EG-Bürokraten wollen uns zwingen, den Raucher falsch zu informieren. Wir sollen in unserer Werbung behaupten, daß Tabakgenuß zwangsläufig zu bestimmten Krankheiten führt. Das ist Unsinn! (…) Wir werden uns an der Verbreitung staatlich formulierter Lügen nicht beteiligen.”

Wie die Zigarettenindustrie dann ein Ende 1990 von der Lufthansa geplantes Rauchverbot auf Inlandsflügen zu verhindern suchte, zeigt ein Dokument von Philipp Morris (pdf) eindrucksvoll, über das die “FAZ” heute unter der Überschrift “Das Netzwerk der Zigarettenindustrie” berichtet:

Bei dem Dokument handelt es sich um den Text zu einer Präsentation. Darin wird deutlich gemacht, dass die Herausforderung für die Zigarettenindustrie geheißen habe: “Killt das Verbot!” (“Kill the ban!”). (…) Auch die Medien spielten seinerzeit bei der Torpedierung dieser Maßnahme offenbar eine wichtige Rolle. In dem Dokument von Philip Morris heißt es: “Wegen guter Beziehungen zum Chefredakteur (der Bild-Zeitung) sorgten wir dafür, dass die Bild-Zeitung unsere Kampagne gegen die Kranich-Linie (Lufthansa) begleitete.”

Wie diese Begleitung konkret aussah, wird in der Präsentation detailliert beschrieben:

Fünf Tage nach der Ankündigung des Rauchverbots forderte die “Erste Raucher Lobby”, eine Basisorganisation von rund 3.500 Rauchern in Deutschland, die Lufthansa zu boykottieren. Wieder widmete die “Bild”-Zeitung diesem Ereignis die Titelseite (…).


In einem Kommentar in derselben Ausgabe unterstützte einer der führenden Kolumnisten von “Bild” die Position der Raucher, indem er die medizinische Argumentation, mit der die Lufthansa das Verbot verteidigte, kritisierte. (…)

Die nächste Ausweitung kam mit der Veröffentlichung einer Umfrage unter Lufthansa-Passagieren durch das angesehen Meinungsforschungsinstitut “infas”. Diese offenbarte, dass nicht 90 Prozent [der Passagiere], wie Lufthansa behauptete, sondern nur 30 Prozent für das Verbot waren. (…) Die “Bild”-Zeitung machte daraus eine Geschichte auf der Titelseite mit der Überschrift: “Raucherlüge der Lufthansa”. (…)

Dann veröffentlichte die “Bild”-Zeitung eine spektakuläre Titelgeschichte: “Lufthansa droht: Raucher in Handschellen”. (…) Dies war so etwas wie der Wendepunkt in der öffentlichen Debatte. Die Leute waren der Meinung, das sei nicht mehr erträglich.


Das Verbot wurde sogar Party-Gespräch. Auf einer Hochzeitsfeier der High Society prahlte ein Vorstand der konkurrierenden Fluglinie LTU, dass in seinen Flugzeugen das Rauchen erlaubt sei. Wiederum wurde diese Aussage zur Überschrift eines Party-Reports der “Bild”-Zeitung. (…)

Kurz vor dem “B-Day” [der Tag an dem das Verbot in Kraft treten sollte] führte die “Bild”-Zeitung einen weiteren Schlag gegen die Lufthansa mit einer Titelgeschichte über die schlechte wirtschaftliche Lage: “Sturzflug ins Millionen-Loch – aber trotzdem Rauchverbot”, lautete die Überschrift. Der Artikel handelte von den Verlusten der Lufthansa und erklärte diese hauptsächlich mit dem schlechten Service und der Bedienung. Als wichtigstes Beispiel für den schlechten Service nannte er das Rauchverbot. (…)


Dann endlich, eine Woche bevor das Verbot in Kraft treten sollte, gab die Lufthansa auf. In einer Pressemeldung kündigte die Fluglinie an, sie habe ihre ursprüngliche Entscheidung rückgängig gemacht. (…) Die “Bild”-Zeitung schrieb in einem Kommentar: “Lasst uns die Friedenspfeife rauchen!”

Der Axel Springer Verlag bestritt der “FAZ” gegenüber, dass die Zigarettenindustrie und insbesondere Philipp Morris Einfluss auf die Berichterstattung in der “Bild”-Zeitung genommen habe.

P.S.: Günter Wille, damals Philipp-Morris-Chef und Vorsitzender des Verbandes der Cigarettenindustrie, wechselte übrigens Anfang September, als die Kampagne gegen das Rauchverbot gerade so richtig an Fahrt gewann, zum Axel Springer Verlag, wo er am 1. Juli 1991 Vorstandsvorsitzender wurde.

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