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Von Geschäftsreisen und Reisegeschäften

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” informierte ihre Leser am vergangenen Donnerstag im Reiseteil ausführlich darüber, dass Lufthansa erstmals im Winter eine durchgängige Verbindung von München nach Boston anbietet (ab 2299 Euro). Und das nicht etwa auf 15 Zeilen. Nein, die FAZ hat dafür keine Kosten und Mühen gescheut, um das Angebot selbst zu testen (“Unser Nachmittagsflug von München nach Boston wird von einem nicht enden wollenden Sonnenuntergang begleitet. (…) Maja, die Purserette, rät uns, den französischen Rotwein zu testen. Beim Menü können wir zwischen Gänsebraten und Zander aus der Küche des kanadischen Sternekochs Susur Lee wählen.”) – und die große deutsche Qualitätszeitung ist nicht nur angetan vom “sehr persönlichen Service an Bord”, sondern auch von der Grundidee.

Hier ein kleiner (!) Ausschnitt:

(...) Die Abflugzeit des Fluges LH 424 in München um 15.40 Uhr ist so terminiert, dass Fluggäste aus ganz Europa die Maschine bequem erreichen und abends nach der Landung noch ein Geschäftsessen in Boston wahrnehmen können. Der Rückflug nach München startet um 20.25 Uhr - die Reisenden können sich also tagsüber noch ganz auf ihre Geschäftstermine konzentrieren. Die morgendliche Ankunft im Erdinger Moos ermöglicht es ihnen, ausgeruht in den nächsten Arbeitstag zu starten oder einen frühen innereuropäischen Anschlussflug zu nehmen. (...) Ein weiterer wichtiger Vorteil der reinen Business Class-Flüge ist die niedrige Anzahl der Passagiere. Die Ein- und Aussteigezeiten sind dadurch deutlich reduziert. (...) Die kleine Boeing 737 kommt zehn Minuten vor einem Jumbo von British Airways aus London an. Läuft alles nach Flugplan, dann haben die Business Class-Passagiere die Kontrollen der amerikanischen Einreisebehörden schon hinter sich, bevor die ersten British-Airways-Passagiere den Immigrationsschalter erreicht haben.

Das FAZ-Resümee unter einem Foto, das die Autorin des FAZ-Artikels, Catharina P., nach erfolgreicher Teilnahme an einer Lufthansa-Pressereise gleich mitgeliefert hat, lautet:

"Klein, aber fein"

Das Resümee eines FAZ.net-Lesers zum Artikel liest sich… anders:

“Dass sich die FAZ für einen solchen plumpen Werbeartikel für diese Airline hergibt, ist schon verwunderlich und störend.”

Lufthansa-O-Ton:

“(…) Durch die späte Rückflugzeit haben Sie in der Ostküsten-Metropole genügend Zeit, sich ganz auf Ihre Termine zu konzentrieren. In München kommen Sie morgens an und können ausgeruht in den neuen Arbeitstag starten.”

Und natürlich könnte man das mit dem “plumpen Werbeartikel” für eine plumpe Unterstellung halten — auch wenn sich in der FAZ Text-Passagen finden, die quasi wörtlich auch in LufthansaPressemitteilungen stehen (siehe Kasten). Und was heißt es schon, dass die Autorin vor Jahren selbst mal für ein Lufthansa-Magazin geschrieben hatte? Was soll’s, dass sie für die FAZ auch schon aufgeschrieben hatte, wie toll man im Münchner Flughafen einkaufen kann (so toll, dass sie das ein gutes halbes Jahr später auch noch mal für die “Financial Times Deutschland” aufschrieb), wie toll man vom Münchner Flughafen aus kleine Kinder auf Flugreisen schicken kann (FAZ vom 10.4.2008), und was für eine tolle Fluggesellschaft Qatar Airways ist (FAZ vom 2.10.2008)?

Die djd über sich selbst:

“Die deutschen journalisten dienste – djd – sind führender Dienstleister für verbraucherorientierte Pressearbeit im deutschsprachigen Raum. In mehr als 5.000 verschiedenen Medien konnte djd bis heute Veröffentlichungen für seine Kunden erzielen: Vom Anzeigenblatt und der Lokalzeitung über Spezialtitel wie ‘medizin heute’ oder ‘fit for fun’ bis hin zu ‘FAZ’, ‘HÖRZU’, ‘Stern’ oder ‘Spiegel’ und von brigitte.de über MDR, WDR oder SWR bis hin zu RTL und ZDF. (…)

Alle Medien stehen vor der Herausforderung, in regelmäßigen Abständen immer wieder interessante Lektüre für ihre Leser bzw. attraktive Sendungen für ihre Hörer und Zuschauer zu erstellen. Um das in zunehmend dünner besetzten Redaktionen leisten zu können, nehmen sie gerne gezielte Unterstützung in Anspruch, die selbstverständlich den strengen presserechtlichen Kriterien entspricht.”

Tatsache ist, dass Catharina P. neben ihrer freien Journalistentätigkeit für FAZ, FTD und andere auch seit Jahren für die PR-Agentur “deutsche journalisten dienste” (djd) arbeitet. Auf der Website der djd (die — siehe Kasten — sich vor Werbekunden dafür rühmt, PR-Texte bei Print-, TV-, Hörfunk- und Online-Medien unterzubringen) wird sie als Redaktionsmitglied für die Bereiche “Gesundheit/Reise” geführt, von ihr verfasste PR-Texte werden von der djd verbreitet — und in djd-eigenen Broschüren werden ihre PR-Texte als Beispiele für gelungene Platzierung von Themen präsentiert. Aber die djd schwärmt zudem davon, wie sie selbst jedwedes PR-Thema “sicher in TV- und Hörfunksendungen unterbringen kann” und veröffentlicht u.a. entsetzlich lange Listen mit “Abdruckerfolgen” in Zeitschriften und Zeitungen (darunter auch die FAZ).

Öffentlich möchte sich die FAZ-Autorin, die einen Zusammenhang zwischen den FAZ-Texten und ihrer PR-Arbeit bestreitet, uns gegenüber weder zu ihrer PR-Tätigkeit noch zu ihrer journalistischen Arbeit äußern oder zitieren lassen.

Dabei sind wir sicher: Catharina P. ist kein Einzelfall im Reise-Journalismus. Aber genau darum schreiben wir’s ja auf.
 
Nachtrag, 11.12.2009: Nach Veröffentlichung dieses Eintrags wird Catharina P. auf der Website der PR-Agentur djd unter “Redaktion” nicht mehr zu den Themen “Gesundheit/Reise” geführt, sondern nur noch zum Thema “Gesundheit”. Und die FAZ-Reiseredaktion bestreitet in einer Stellungnahme uns gegenüber, einen reinen Werbeartikel für die Lufthansa veröffentlicht zu haben.

WAZ, Redakteurspflege, TV 3.0

1. “Überwiegend Enttäuschung: Kündigungen nicht vom Tisch”
(medienmoral-nrw.de)
Das “Blog zur Situation bei WAZ, NRZ, WR und WP” berichtet von einer Betriebsversammlung. Interessant dabei die Kommentare, in denen sich offenbar viele Mitarbeiter, ein Grossteil davon anonym, zur Lage äussern: “Die Betriebsversammlung war ENTTÄUSCHEND, bei jeder noch so lächerlich anberaumten Pressekonferenz sind mehr Neuigkeiten zu erfahren.” – “Nun also zeigen die Rendite-Jäger im WAZ-Konzern offen die häßliche Fratze des Kapitalismus.” – “Ich habe bislang geglaubt, als alleinerziehende Mutter mit zwei unterhaltspflichtigen Kindern und 23 Berufsjahren im WAZ-Konzern genug Sozialpunkte gesammelt zu haben, um mir keine Gedanken über einen Rauswurf machen zu müssen…”

2. “Zahlen zur geplanten WAZ-Axt”
(pottblog.de, Jens Matheuszik)
Auch Jens Matheuszik berichtet über die Veranstaltung: “Dem Pottblog liegen einige Informationen vor, wie sie in der Betriebsversammlung anscheinend mitgeteilt worden sind.”

3. “SPD will Zeitungs-Abo von der Steuer absetzen”
(lumma.de, Nico Lumma)
“Ah ja. Das ist ja eine sehr zukunftsweisende Sicht der Dinge. 500 Millionen Euro pro Jahr soll der Spaß kosten, damit die Verlage für ihre Versäumnisse der letzten mindestens 10 Jahre nicht zu sehr vom Markt bestraft werden? Ich glaube ja nachwievor nicht daran, dass das Trägermedium über die Qualität des Journalismus entscheidet, also sehe ich nicht, warum Tageszeitungsabos jetzt von der Steuer abgesetzt werden sollten.”

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Medienkrise, Alpenschule, Teheran

1. “Hauptproblem Einfallslosigkeit”
(freitag.de, Klaus Raab)
Klaus Raab glaubt nicht, dass die Wirtschaftskrise verantwortlich ist für die Medienkrise: “Das Hauptproblem der Branche ist nicht die drohende Anzeigenflaute, sondern die Einfallslosigkeit. In Zeiten, in denen man mit neuen Ideen Geld verdienen und nebenbei auch noch publizistisch gewinnen könnte, entwerten Unternehmen ihre Publikationen, indem sie diese austauschbar machen. Erstaunlich viele Verlagsobere ruhen sich darauf aus, dass die Wirtschaftskrise sie angeblich zu Kürzungen zwingt. Statt aber die Produkte zu verbessern, die sie verkaufen wollen, tragen die Verlagschefs dazu bei, deren Substanz zu zerstören. Die Krise ist für sie eine Möglichkeit, Fehlentscheidungen zu treffen – und damit davonzukommen.”

2. “Wirtschaftskrise spielt keine entscheidende Rolle”
(tagesschau.de, Niels Nagel)
“Medienexperte” Horst Röper sieht das gleich: “Es sieht so aus, als ob die großen deutschen Verlage die Wirtschaftskrise zu einem guten Stück für ihre Zwecke instrumentalisieren.” Und: “Es handelt sich hierbei um strukturelle Probleme von Tageszeitungen.”

3. “‘DIE ZEIT’ und Deutschland in der Alpenschule Schweiz”
(swissinfo.ch, Gaby Ochsenbein)
“Am 4. Dezember ist DIE ZEIT erstmals mit einer eigenen Schweiz-Ausgabe erschienen. Zum Auftakt publiziert die Hamburger Wochenzeitung ein Dossier zum Thema ‘Was die Deutschen von den Schweizern lernen können’ – in 12 Lektionen.”

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Autojournalismus

Der Autohersteller Audi ist begeistert von seinen neuen LED-Scheinwerfern und ihren Möglichkeiten. “Spiegel Online” auch.

Wie weit die gemeinsame Begeisterung geht, entdeckt man, wenn man eine Pressemitteilung von Audi mit “umfangreichem Hintergrundmaterial zum Thema ‘LED-Technologie und Licht-Design'” mit einem “Spiegel Online”-Artikel zum “Techniktrend LED-Licht” vergleicht:

Audi-PR: “Spiegel Online”-Artikel:
Die Erfolgsstory begann vor 5 Jahren in Detroit. Audi präsentierte auf der North American International Auto Show die Konzeptstudie Pikes Peak quattro. Das elegante SUV, Vorbild für den späteren Audi Q7, beeindruckte mit den ersten Nebelscheinwerfern der Welt, die mit Hochleistungs-Leuchtdioden bestückt waren. Vor rund fünf Jahren zeigte Audi in Detroit die Studie Pikes Peak Quattro, aus der später der Geländekoloss Q7 wurde. Die Studie verfügte über die weltweit ersten Nebelscheinwerfer mit LED-Technik.
Ein gutes Frontbild mit markanten Leuchten macht das Auto, seinen Charakter und die Marke auf den ersten Blick unverwechselbar. (…) Nun aber lassen die unterschiedlichen Formen des LED-Tagfahrlichts auch eine Unterscheidung der einzelnen Modelle zu – und das sogar bei Nacht. (…) Das wohl bekannteste Beispiel im Heckbereich sind die Rückleuchten des Audi A6 Avant. Die ringförmig angeordneten Leuchtdioden haben sich genauso zum prägnanten Wiedererkennungsfaktor entwickelt wie das geschwungene LED-Tagfahrlicht in der Front des Audi A4. Ob bei Konzeptautos wie einer kürzlich gezeigten A1-Studie oder Serienfahrzeugen – die LED-Technik soll Audi-Modelle insbesondere bei schlechten Sichtverhältnissen oder bei Nacht unverwechselbar machen. Das gelingt zum Beispiel durch den feschen Schwung des Tagfahrlicht-LED-Bandes beim Audi A4 oder durch die charakteristischen Leuchtquader in den Heckleuchten des Audi A6.
Licht emittierende Dioden – kurz LEDs genannt – sind einen Quadratmillimeter kleine Halbleiter (…) und unschlagbar effizient, wenn es um den Energieverbrauch geht. Bereits heute haben Xenon- und LED-Scheinwerfer eine 4-fach höhere Energieeffizienz als Halogenschweinwerfer. (…) Zudem glänzen LEDs durch eine fast unbegrenzte Lebensdauer (…). Licht emittierende Dioden, kurz LEDs genannt, sind besonders klein, haltbar und sparsam. Im Vergleich zu Halogenscheinwerfern weisen aktuelle LEDs eine etwa viermal höhere Energieeffizienz aus.
Doch LEDs vermögen noch mehr. Sie können auch den Kraftstoffverbrauch des Fahrzeugs reduzieren. Wenn im Mai 2011 in ganz Europa die Tagfahrlichtpflicht eingeführt wird, haben Audi-Modelle mit LED-Technologie an Bord die Nase vorn. (…) Dabei verbrauchen klassisches Abblendlicht, Rückleuchten und Kennzeichenbeleuchtung rund 200 Watt Leistung, welche die Lichtmaschine ständig erzeugen muss. Zum Vergleich: Das moderne LED-Tagfahrlicht des neuen Audi A4 braucht nur 15 Watt Leistung (…) Unter dem Strich entspricht das einer Ersparnis von rund 0,2 Liter Benzin pro 100 km und somit rund 4 g weniger CO2-Emission pro km. Letztlich, so die Audi-Techniker, helfe LED-Licht beim Spritsparen. Vor allem, wenn ab Mai 2011 in ganz Europa die Tagfahrlichtpflicht eingeführt wird. Wer dann mit klassischem Abblendlicht, Rücklicht und Kennzeichenbeleuchtung unterwegs ist, benötigt stetig rund 200 Watt Leistung, die von der Lichtmaschine des Autos erbracht werden müssen. Das LED-Tagfahrlicht eines Audi A5 jedoch komme mit 15 Watt aus. “Unter dem Strich entspricht das einer Ersparnis von 0,2 Liter Benzin pro 100 Kilometer sowie rund 4 Gramm weniger CO2-Emission pro Kilometer”, heißt es bei Audi.
Neben dem markanten Design ist die Energieeffizienz ein weiterer Grund sich für das Hightech-Licht zu entscheiden. So ordern inzwischen mehr als die Hälfte aller Käufer eines Audi A3 oder A4 das Tagfahrlicht mit LED-Technik. Spritverbrauch und Schadstoffausstoß des Wagens sinken, das ist lobenswert. Was Audi jedoch noch mehr freuen dürfte ist, dass der Umsatz klettert. Denn LED-Tagfahrlicht, das inzwischen von mehr als der Hälfte aller Käufer eines neuen Audi A3 oder A4 bestellt wird, ist natürlich aufpreispflichtig.
Die nächste Generation weißer Hochleistungs-LED, die im kommenden Jahr auf den Markt kommt, wird mit gigantischen 100 Lumen pro Watt aufwarten und erstmals die Effizienz des Xenonlichts schlagen. Dahinter verbirgt sich eine rasante Entwicklung. “Leuchtdioden sind vergleichbar mit Computerchips. Alle 2 Jahre gibt es eine Leistungssteigerung von rund 30 Prozent”, sagt Berlitz (…). Die nächste Generation weißer Hochleistungs-LED, die im kommenden Jahr auf den Markt kommt, werde erstmals die Effizienz des Xenonlichts schlagen, erklärt Stephan Berlitz, Leiter der Lichttechnik und Elektronik bei Audi. “Leuchtdioden sind vergleichbar mit Computerchips. Alle zwei Jahre gibt es eine Leistungssteigerung von rund 30 Prozent”, sagt Berlitz.
Digitales Licht, wie Berlitz die neue Lichttechnologie nennt, lässt sich mit Hilfe der Elektronik in seiner Helligkeit flexibel verändern und exakt an die Bedürfnisse des Autofahrers anpassen. (…) So befindet sich bereits ein Fernlicht in der Vorserienentwicklung, das Autofahrer blendfrei über nächtliche Straßen führen soll. Es funktioniert über eine variable Lichtverteilung: Die Elektronik erkennt den Abstand zum entgegenkommenden Fahrzeug und sorgt dafür, dass die Fläche davor permanent optimal ausgeleuchtet ist. Er spricht im Zusammenhang mit den kommenden Lichtquellen gern von “digitalem Licht”. Das soll sich künftig in seiner Helligkeit flexibel steuern lassen und stets den Sichtverhältnissen in der jeweiligen Situation des Autofahrers angepasst werden. Bereits in der Vorentwicklung befindet sich ein LED-Fernlicht, das Autofahrer blendfrei durch die Nacht führen soll, weil entgegenkommende Fahrzeug von der Steuerelektronik erkannt und die Lichtintensität entsprechend variiert wird.
Die Gestaltung des Lichtstreifens unterstreicht dabei den Charakter der Fahrzeuge wie der Lidstrich bei einem Auge. Damit ändert sich die “Körpersprache” der Audi-Modelle grundlegend: “Früher wirkte das Lichtschema, also der Kühlergrill in Kombination mit den runden Leuchten, eher wie das Gesicht eines freundlichen Bären”, sagt André Georgi, Senior Designer Lichtsysteme. Heute: “(…) das LED-Tagfahrlicht beim R8 zeichnet die Hörner eines Stiers (…)” Die Modelle erhielten durch die neuen Scheinwerfer eine ganz andere Körpersprache, sagt André Georgi, Lichtsystem-Designer in Ingolstadt. “Früher wirkte das Lichtschema, also der Kühlergrill in Kombination mit den runden Leuchten, eher wie das Gesicht eines freundlichen Bären.” Das sei nun anders geworden. Georgi. Im LED-Tagfahrlicht des R8 erkennt er einen Stier.

Erstaunlich ist allerdings, dass der LED-Artikel bei “Spiegel Online” schon am vergangenen Freitag veröffentlicht wurde, die LED-Pressemappe von Audi mit denselben Zitaten von Audi-Mitarbeitern sowie teils wortgleichen Formulierungen und Erklärungen aber erst gestern. So ganz genau mag Audi-Pressesprecher Tilman Schneider das nicht erklären. Es sei aber nicht so, dass man “Spiegel Online” die fertige Pressemappe für den Artikel vorab zur Verfügung gestellt habe, sagt er uns auf Anfrage. Es sei eher so, dass sich halt beide für das Thema interessiert hätten.

Wie auch immer: Der einzige Gedanke in dem ganzen “Spiegel Online”-Artikel, der nicht in der Pressemappe von Audi vorkommt, ist der kurze Hinweis, dass durch die tollen neuen LEDs auch der Umsatz von Audi steigt, weil das Tagfahrlicht Aufpreis kostet.

Mit Dank an Medienrauschen!

Gewinnmaximierung

Es begann mit einem jungen Mann aus München, der Journalist werden wollte und sich fragte, ob er eine Chance hätte, ohne Abitur an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg genommen zu werden. Er stellte die Frage unter dem Pseudonym “Kent Brockman” im März dieses Jahres auch auf journalismus.com, einem von einem freien Journalisten gegründeten “Journalisten-Treff im Web” mit Informationen und Foren.

Im Juni dieses Jahres eröffnete “Kent Brockman” eine neue Diskussion und fragte: “Welche Journalistenschule ist die Beste?” Diesmal verband er die Frage mit einer Abstimmung unter den anderen Mitgliedern des Forums. Eine solche private Umfrage kann dort jeder starten, der ein neues Thema eröffnet, und jeder kann teilnehmen — sie ist natürlich nicht repräsentativ und lässt sich leicht manipulieren. Die Umfrage stieß auch bei den Journalistenschulen auf reges Interesse, und am 10. September, als sie automatisch beendet wurde, hatten über 52 Prozent der 11.433 Teilnehmer für die Axel Springer Akademie gestimmt.

Darüber freute sich die Axel-Springer-AG, der die Ausbildungsstätte gehört, so sehr, dass sie drei Tage später eine Pressemitteilung verbreitete. Darin schrieb sie natürlich nicht, dass es sich nur um eine Abstimmung handelte, die irgendein Forumsmitglied gestartet hatte, wie es täglich ungezählte Male in den Foren dieser Welt geschieht, sondern titelte: “Auszeichnung für die Axel Springer Akademie”. Der Verlag nannte es eine Umfrage von journalismus.com, nicht auf journalismus.com — und lobte den Akademie-Direktor Jan-Eric Peters für sein wegweisendes Konzept.

Die “Bild”-Zeitung, bei der die Schüler der Axel Springer Akademie im Rahmen ihrer Ausbildung etwas über praktische Ethik im Journalismus lernen, erklärte die verlagseigene Schule am selben Tag wegen der Abstimmung zum “Gewinner des Tages”, worauf Akademie-Direktor Jan-Eric Peters wiederum in seinem Blog hinwies, nicht ohne in typischem Bild.de-Englisch hinzuzufügen: “Schwarmintelligenz at it’s best”.

Und in der aktuellen Ausgabe des Medienmagazin “M Menschen – Machen – Medien”, das von der Gewerkschaft Ver.di herausgegeben wird, steht nun in der Rubrik “Preise”:

Die Axel Springer Akademie (Berlin) wurde bei einer Umfrage des Internet-Portals journalismus.com zur besten deutschen Journalistenschule gewählt, gefolgt von der Deutschen Journalistenschule (München) sowie der Henri-Nannen-Schule (Hamburg) und der Zeitenspiegel-Reportageschule (Reutlingen).

So einfach ist das.

Mit Dank an Kirstin M.!

Kommafehler, Buschheuer, YouTube

1. “Auf in neue Tiefen”
(spiegel.de, Christian Stöcker)
Christian Stöcker antwortet “Daland Segler, 58” auf einen Artikel gestern in der Frankfurter Rundschau: “Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs ‘öffentlich’, in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler. Er geißelt die ‘Faktenhuberei’ des Internets …”

2. “Bloß nicht schwierig sein”
(tagesspiegel.de, Else Buschheuer)
Else Buschheuer versteht den Wutausbruch von Elke Heidenreich, “der sie vom ZDF ins Internet bugsierte”: “Man schluckt so lange, bis man explodiert. Man lächelt, bis man schreit. Man macht Vorschläge, bis man verstummt. Man argumentiert fair, bis man hysterisch wird, unsachlich, schrill. Ich könnte ‘ganz oben’ sein, sagte mir mal ein Fernsehschaffender. Wenn ich nicht so schwierig wäre. Man muss es sich leisten können, schwierig zu sein. Und wenn man schwierig ist, ohne es sich leisten zu können, dann wird man kaltgestellt.” Die Zukunft sieht so aus: “Die Kratzbürsten kuschen oder wandern aus ins Internet. Sie sollen nicht die Hand beißen, die sie füttert. Sie sollen ihr Nest nicht beschmutzen. Sie sollen zu Kreuze kriechen oder sich verpissen.”

3. “Um den ‘Bund’ ist es schade”
(stoehlker.ch)
Auch Klaus J. Stöhlker trauert über das absehbare Ende der Qualitätszeitung Bund: “Es ist schade um den ‘Bund’, denn seine Wirtschafts- und Kulturredaktion ist national bedeutend. ‘Der kleine Bund’ ist ein Bijou der Schweizer Medienlandschaft, den ich ebenso gerne lese wie das ‘TagiMagazin’ (hie und da). Die ‘Berner Zeitung’ tritt demgegenüber plump auf, weil sie nur gelegentlich Artikel und Interviews publiziert, die aus der Tagesroutine hervorstechen.”

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Nicolaus Fest verzockt sich

“Zockerschutz auf Staatskosten” lautet die Überschrift der aktuellen Bild.de-Kolumne von Dr. Nicolaus Fest. Scharf kritisiert er darin, dass die Bundesregierung “die Anlagen deutscher Sparer bei der isländischen Kaupthing-Bank mit einem Millionenkredit sichern” wolle.

Und scharf kritisiert Fest in seiner Kolumne auch die Sparer, die Geld bei der isländischen Kaupthing-Bank angelegt haben. Für ihn sind das “Zocker”, die sich “von hohen Zinsversprechen anlocken ließen”. Auf “Spekulationsgeschäfte” hätten sie sich eingelassen. Die Kreditsicherung durch die Bundesregierung sei eine “Abwälzung des Zockerrisikos von Privatleuten auf den Steuerzahler”. Der Staat würde damit “300 Millionen Euro für den Schutz von spekulativen Anlagen locker (…) machen”.

Über all das könnte man diskutieren – aber nicht mit Fest.

Denn abgesehen davon, dass Tages- und Festgeld-Anlagen (und um solche geht es in erster Linie bei Kaupthing), anders als Fest behauptet, grundsätzlich nicht als spekulativ gelten, hatte die Stiftung Warentest zwar bereits im Mai dieses Jahres speziell bei Kaupthing Edge eindringlich “zur Vorsicht” geraten (und auch “Welt”, “Frankfurter Neue Presse” und boerse.ard.de hatten etwas später deutlich auf die Risiken hingewiesen).

Die Zeitung jedoch, für die Fest arbeitet, war damals weniger hilfreich: Noch Mitte September dieses Jahres hatte “Bild” unter der Überschrift “Wo lege ich mein Geld gut und sicher an?” die Angebote der Kaupthing Bank besonders hervorgehoben. Unter den “besten” Tages- und Festgeld-Angeboten belegte Kaupthing in einer “Bild”-Liste Platz eins und Platz zwei (wir berichteten).

Fragt sich also, warum der Bild.de-Kolumnist Nicolaus Fest – im Hauptberuf immerhin Mitglied der “Bild”-Chefredaktion – die damaligen “Bild”-Artikel, die “Spekulationsgeschäfte” (Fest) und Geldanlagen für “Zocker” (Fest) als “gut und sicher” (“Bild”) verkauften, nicht einfach verhindert hat.

Genosse Klar, Arbeitslose, Augenhöhe

1. “Was unterscheidet Stars von ‘Bild’-Artikeln?”
(bildblog.de, lupo)
Die Bild-Zeitung und bild.de recyclen fröhlich alte Beiträge. Und zwar nicht uralte Beiträge, sondern welche, die erst vor zweieinhalb Monaten gelaufen sind.

2. “‘Junge Welt’ verklärt RAF und Christian Klar”
(odenwald-geschichten.de)
Die Junge Welt schreibt über die Freilassung des wegen mehrfachen Mordes verurteilten Christian Klars und wünscht ihm “trotz alledem” nach 26 Jahren Knast ein “Willkommen in der Freiheit, Genosse Christian Klar“.

3. FAZ und Perlentaucher weiter ohne Einigung
(fr-online.de, René Martens)
Die grosse Frankfurter Allgemeine und der kleine Perlentaucher wollten sich auf einen Vergleich einigen, berichtet die Frankfurter Rundschau. Der Perlentaucher wünscht sich die Richtigstellung eines Artikels, die FAZ bot eine “Notiz” an, die dieser Tage erscheinen sollte. Es sah also nach einer Einigung aus – “sofern die Parteien nicht kurzfristig noch Argumente gegen den Kompromiss gefunden haben”. Genau dieser Fall scheint nun eingetreten zu sein – vorerst keine Notiz, vorerst kein Vergleich.

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Fingerkuppen, Bullshit, Paparazzi

1. “Wozu noch Zeitungen?”
(sueddeutsche.de)
Sueddeutsche.de findet drei “Preisträger”, die erklären, warum “die Print-Branche wird auch morgen noch dringend benötigt” wird. Seltsame Oden an raschelndes, totes Holz und an schwarze Fingerkuppen – liest man denn Zeitungen nicht wegen dem Inhalt?

2. Bullshit-Erkennung mit Alan Posener
(welt.de, Video, 3:34 Minuten)
Alan Posener hat seit einiger Zeit bei Welt Online eine neue, eigene Blattkritik-Videokolumne, in der er Zeitungsschlagzeilen auf Bullshit abcheckt. Findet er welchen, drückt er den Bullshit-Button. Und dann wirft er die Zeitung ordentlich neben sich zu Boden.

3. “Die Deutschen schnappen uns die Frauen weg”
(madial.blogspot.com)
“Die Deutschen, so heisst es in Anführungsstrichen im Titel [tagesanzeiger.ch], schnappen uns die Frauen weg! Was dann folgt, ist eine einzige Demontage des im Titel angedeuteten Problems.”

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“Bild” schreibt, was Özdemir-Gegner lesen wollen

Als Cem Özdemir vor einer Woche in die Parteispitze der Grünen gewählt wurde, war die Religionszugehörigkeit des Deutsch-Türken für “Bild” ein derart wichtiges Detail, dass sie es sogar in die Überschrift geschafft hatte:

"Erstmals wird ein Moslem Parteichef"

In anderen Medien war zwar eher die Rede davon, dass die Grünen erstmals einen “Türkischstämmigen”, “türkischstämmigen Politiker”, “Politiker türkischer Abstammung” und “Politiker mit ‘Migrationhintergrund'” oder (wie es die “Frankfurter Rundschau” formulierte) “ein deutsch-türkisches Gastarbeiterkind” zum Parteichef wählten. Aber bei “Bild” passte dergleichen wahrscheinlich einfach nicht ins Konzept in die Überschrift…

Heute nun druckt “Bild” ein Interview mit Özdemir — und eine große Schlagzeile:

"Grünen-Chef Özdemir fordert: Türkisch-Unterricht an deutschen Schulen!"

Aus dem Interview:

  • BILD: In deutschen Schulen werden alle möglichen Fremdsprachen unterrichtet – aber kaum Türkisch. Ein Fehler?
    Özdemir: Auf jeden Fall. Zweisprachigkeit ist in der globalisierten Welt ein großes Plus und ein Potenzial, das wir stärker nutzen müssen. Deutsch muss für Kinder, die hier leben und aufwachsen, immer die wichtigste Sprache sein. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass Kinder mit Migrationshintergrund ihre Mehrsprachigkeit entfalten können. Warum soll an deutschen Schulen neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch nicht auch mehr Türkisch angeboten werden?
  • BILD: Könnten Sie sich einen türkischstämmigen Kanzler vorstellen, einen Minister, der vielleicht seinen Amtseid auf den Koran schwört …
    Özdemir: Genau das sollte sich ändern, dass vor allem gefragt wird, worauf ein Minister seinen Amtseid ablegt. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft farbenblind wird. Dass es völlig unerheblich ist, woran jemand glaubt. Entscheidend muss doch sein, wie gut, qualifiziert und überzeugend ein Politiker ist. Wichtig ist doch, wo ein Politiker hin will – nicht, wo er herkommt. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass es in Deutschland bald die erste Ministerin mit Migrationshintergrund gibt, bei der genau das keine Rolle spielt.

Wobei die große Schlagzeile einen großen Haken hat: Sie stimmt nicht. Wer das Interview liest, muss nach einer Forderung Özdemirs lange (und vergeblich) suchen (siehe Kasten).

Noch falscher allerdings ist, was die Nachrichtenagenturen ddp, AFP*, epd und AP über das “Bild”-Interview zu vermelden wissen. In mehr oder weniger identischem Wortlaut heißt es dort:

Özdemir äußerte die Hoffnung, dass möglichst bald ein Muslim oder eine Muslimin in Deutschland ein Ministeramt bekleidet (…).

Dabei ist die Religionszugehörigkeit zukünftiger Minister in Özdemirs “Bild”-Interview selbst nirgends ein Thema (siehe Kasten). Und AP hat die Meldung inzwischen sogar korrigiert (“Er äußerte zugleich die Hoffnung, dass es möglichst bald die erste Ministerin mit Migrationshintergrund in Deutschland geben werde”).

Doch was kann “Bild” dafür? Oder anders: Woher hatten die Agenturen bloß ihre “ein Muslim oder eine Muslimin”-Behauptung, wenn doch das Interview selbst bereits komplett bei Bild.de nachzulesen war, als sie daraus eine Meldung machten?

Na, von “Bild”.

Wortwörtlich stehen Muslim und Muslimin in einer “Bild”-Vorabmeldung, verschickt von “Thomas Drechsler, BILD-Zeitung, Chefredaktion Politik”. Und niemand bei den genannten Agenturen sah sich offenbar veranlasst, daran zu zweifeln (oder zu überprüfen), was “Bild” behauptete – und nun auch fröhlich in den Online-Ausgaben der “Zeit”, des “Tagesspiegels”, des “Kölner Stadtanzeigers” sowie (naturgemäß noch abwegiger) unter Islamophobikern weiterverbreitet wird.

P.S.: Dass es auch anders geht, zeigt immerhin die Nachrichtenagentur dpa. Die nämlich fasst Özdemirs “Bild”-Aussage wie folgt zusammen: “Die Karriere von Politikern sollte nach Özdemirs Ansicht nicht vom Glaubensbekenntnis oder der Abstammung abhängen.”

Nachtrag, 18.16 Uhr: Özdemir antwortet uns auf Nachfrage, dass die “fordert”-Formulierung auf der “Bild”-Titelseite (“eine Entscheidung der Redaktion”) zwar “in der Sache nicht ganz falsch” sei, aber: “Die Kernaussage meines Interviews war (…) eine andere: Es geht mir darum, wie die immer noch existierenden Spaltungen in unserer Gesellschaft überwunden werden können. Da zielt so ein Aufmacher-Titel doch eher in eine andere Richtung.” Bezüglich seiner angeblichen Hoffnung auf eine muslimische Ministerin findet Özdemir indes klare Worte:

Das war nun wirklich eine Ente, die da offenbar an die Agenturen gegeben wurde.

*) Ach ja: Sechs Stunden nach der ungeprüften Übernahme der “Bild”-Vorabmeldung (und 16 Stunden nach Veröffentlichung des Interviews auf Bild.de) hat auch AFP festgestellt, dass da was nicht stimmte, und sich korrigiert.

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